Sylvain Vallée/Jacky Schwartzmann: „Habemus Bastard“ (Splitter 2025) ****

Eine Graphic Novel mit einem für mich langen Cliffhanger. Denn Band 1 („Das notwendige Übel“) bekam und las ich bereits zu meinem Geburtstag Ende September, nun Band 2 („Ein Herz unter einer Soutane“) zu Weihnachten.

Es geht um den Auftragsmörder Lucien, der nach einem Fehler um sein Leben fürchten muss und eine Soutane als Versteck wählt. Als Priester verkleidet taucht er in einem verschlafenen Nest im Jura unter – und feiert dort Liturgie und leistet Seelsorge, die seine Unbedarftheit in dieser Rolle deutlich machen, ihn aber nicht enttarnen. Vorerst. Denn sein Auftraggeber und eine mit diesem rivalisierende Bande sind Lucien auf der Spur.

Der Verlag wirbt für seinen „wendungsreichen, unbändig witzigen und herrlich respektlosen Zweiteiler, der von Sylvain Vallée, einem der beliebtesten Comic-Zeichner Frankreichs […] unnachahmlich charmant illustriert wird“. Und es stimmt. Der Plot liest sich gut, und die oft wie Filmszenen arrangierten Zeichnungen unterhalten bestens. Dass Gewalt und Sex prominent vorkommen, ist der Story geschuldet, die für einen Theologen wie mich eine reizvolle Hintergrundfolie bildet. Jedenfalls eine nette Ergänzung zu meiner inzwischen beachtlichen Graphic-Novel-Sammlung.

Hier die wie Filmszenen aneinander gereihten Ereignisse, die Luciens Flucht in einer priesterliche Tarnung auslösen.

Adventmail 2025/24 (Anfang/Ende)

Bei kaum einem Thema liegen Ende und (Neu-)Beginn so eng zusammen wie bei der christlichen Vorstellung von Auferstehung, ohne die laut Paulus der Glaube bloßer Humbug wäre. Ich liste heute 10 Fragen und Antworten rund um die Auferstehung auf und versuche dabei die Skepsis und den Agnostizismus heutiger Zeitgenoss:innen zu berücksichtigen:

  1. Ist die Auferstehung Jesu nicht einfach eine schöne Legende?
    Christ:innen glauben: Sie ist kein erfundener Mythos, sondern ein einmaliges Handeln Gottes in der Geschichte. Das leere Grab und Begegnungen mit dem Auferstandenen haben die ersten Jünger:innen so tief erschüttert, dass sie ihr Leben danach ausrichteten und sogar dafür hingaben.
  2. Kann man heute wirklich glauben, dass jemand von den Toten aufersteht?
    Aus naturwissenschaftlicher Sicht sicher nicht – aus Glaubenssicht ist für Gott nichts unmöglich. Die Auferstehung sprengt die Grenzen dessen, was Menschen aus eigener Kraft begreifen oder bewirken können.
  3. Vielleicht haben sich die Jünger:innen einfach geirrt oder etwas gesehen, das sie sehen wollten?
    Die Evangelien erzählen, dass die Jünger zunächst zweifelten und Angst hatten. Erst die wiederholte Erfahrung: „Er lebt“ – nicht als Geist, sondern wirklich – hat sie verändert. Diese Glaubenserfahrung wurde zum Ursprung der Kirche.
  4. Warum ist es so wichtig, dass Jesus auferstanden ist?
    Weil sonst alles beim Alten bliebe: Kreuzigung, Gewalt, Tod hätten das letzte Wort. Die Auferstehung bedeutet: Gott bestätigt Jesus und sein Leben der Liebe. Das Gute siegt – endgültig.
  5. Was heißt Auferstehung konkret – lebt Jesus jetzt irgendwo im Himmel?
    Nicht als Körper aus Fleisch und Blut, sondern in einer neuen, göttlichen Wirklichkeit. Christ:innen glauben: Er ist nicht verschwunden, sondern gegenwärtig – in seinem Geist, im Gebet, in der Gemeinschaft, in der Liebe.
  6. Und was hat das mit mir zu tun?
    Die Auferstehung Jesu ist ein Versprechen: Auch unser Leben ist nicht vergeblich. Gott will, dass wir leben, jetzt und über den Tod hinaus.
  7. Aber niemand ist von dort zurückgekommen, um das zu bestätigen...
    Stimmt. Außer Jesus, sagen Christ:innen. Der Glaube an ihn beruht nicht auf einem Beweis, sondern auf Vertrauen: auf die Glaubwürdigkeit seiner Botschaft und der Zeugen, die ihr Leben darauf gesetzt haben.
  8. Ist die Hoffnung auf Auferstehung nicht einfach eine Angst vor dem Nichts?
    Vielleicht. Aber Christen sehen darin mehr: die Ahnung, dass Leben einen tieferen Sinn hat. Der Glaube sagt, dass diese Sehnsucht nach Leben von Gott selbst kommt.
  9. Wie soll man sich ein „Leben nach dem Tod“ vorstellen?
    Nicht als Fortsetzung wie auf Erden. Die Bibel spricht von einem „verwandelten“ Leben bei Gott, frei von Leid, Schuld und Trennung – ein Dasein in Liebe und Licht.
  10. Warum sollte dieser Glaube heute noch relevant sein?
    Weil er Hoffnung gibt, die trägt – auch angesichts von Leid, Krieg oder Tod. Wer an Auferstehung glaubt, lebt mit der Überzeugung: Kein guter Gedanke, keine Liebe, kein Leben geht verloren.

Adventmail 2025/23 (Anfang/Ende)

Der Tod nahestehender Menschen ist ein Anstoß, sich mit dem eigenen Sterben zu beschäftigen. Oder sogar mit dem eigenen Begräbnis.

Ich finde es angemessen, ja notwendig, rechtzeitig Überlegungen dazu anzustellen – auch wenn ich als 66-Jähriger noch eine statistisch zu berechnende Lebenserwartung von 17,57 Jahren habe – also knapp 84 Jahre alt werde (so wie aktuell mein Vater). Und ich halte das keineswegs für ein Sakrileg oder gar die Gefahr, das Ende dadurch „heraufzubeschwören“. Denn der Tod gehört nun mal zum Leben, und mein Glaube an ein wie auch immer geartetes Weiterleben nach dem physischen Tod macht mich da recht gelassen (und sollte mit dem Tod alles aus sein, krieg ich’s eh nicht mehr mit).

Also: Wie wohl alle möchte ich gerne halbwegs schmerzfrei sterben, in einem geistigen Zustand, dass ich davor noch wichtige Dinge regeln und mich von den mir Liebsten verabschieden konnte. Etwas Sorge macht mir diesbezüglich meine Zugehörigkeit zur Baby-Boomer-Generation: So wie jetzt viele in Pension gehen/gingen, werden in 15, 20 Jahren viele sterben… was bedeutet das für das heute schon so überforderte Pflegesystem? Wird es genug Palliativplätze geben?

Ich denke, ich möchte, dass mein Leichnam verbrannt wird. Die Urne soll in einen Bestattungswald in Wien (https://www.baumbestattung-wien.at/ ) kommen, wo genau, ist mir nicht wichtig. Zur Beisetzung sollen alle kommen, die sich von mir verabschieden wollen, und wer möchte, soll am Grab ein paar Worte der Erinnerung sagen. Professionelle Grabredner:in braucht es keine:n. Und vielleicht hinterlasse ich ja selbst etwas zum Vorlesen, mal sehen. Davor soll es Musik geben, ich denke an „Silence“, ein Stück von Haden/Garbarek/Gismonti auf der CD „Magico“ sowie an „Gymnopédie Nr 1“ von Eric Satie, am liebsten live gespielt von Fabian). Ganz nett fände ich eine Diashow mit Bildern aus verschiedenen Lebensphasen. Beim Leichenschmaus soll es ein einfaches Mahl und gute Laune statt Trauerkloßstimmung geben. Denn ich bin ein humorvoller, lebenslustiger Mensch und finde, mein Leben ist jetzt schon lang genug, um als abgerundet gelten zu können.

Übrigens gestalte ich auch diese meine Website mit der Absicht, etwas zu hinterlassen für Menschen, denen ich etwas bedeute

Adventmail 2025/22 (Anfang/Ende)

Heute drei Witze über Anfang/Ende

Zwei Frauen sind gestorben und kommen vor dem Himmelstor ins Gespräch.
Frau 1: „Wie bist du gestorben?“
Frau 2: „Ich bin erfroren!“
Frau 1: „Wie ist das, zu erfrieren?“
Frau 2: „Am Anfang schüttelt es einen heftig, aber bald spürt man gar nichts mehr! Und wie bist du gestorben?“
Frau 1: „Ich kam nach Hause und sah, wie nervös mein Mann ist. Ich hatte gleich den Verdacht, dass er fremdgeht! Ich rannte ich in die Küche, sah aber nichts Verdächtiges, dann lief ich in den ersten Stock, in den Keller, und als ich dann erfolglos wieder nach oben rannte, bekam ich einen Herzinfarkt vom Rennen und starb!“
Frau 2: „Hättest du doch gleich in der Kühltruhe nachgeschaut, dann wären wir beide noch am Leben!!!“

*

„Papa, wie bin ich auf die Welt gekommen?“
„Na gut mein Sohn, irgendwann hätten wir dieses Gespräch ja führen müssen. Also: Der Papa hat die Mama in einem Cybercafé kennengelernt. Später haben sich der Papa und die Mama in einem Chatroom getroffen, die Mama hat ein paar Downloads von Papas Memorystick machen wollen. Als der Papa dann fertig für das Uploaden war, merkten wir plötzlich, dass wir keine Firewall installiert hatten. Leider war es schon zu spät, um Cancel oder Escape zu drücken und die Meldung ‚Wollen Sie wirklich uploaden?‘ hatten wir in den Optionen unter Einstellungen schon am Anfang gelöscht. Mamas Virenscanner war schon länger nicht upgedated und kannte sich mit Papas Blaster-Wurm nicht so recht aus. Wir drückten die Entertaste und Mama bekam die Meldung: ‚Geschätzte Downloadzeit 9 Monate.’“

*

Wie man „standesgemäß“ stirbt:

Der Gärtner beißt ins Gras.
Der Koch gibt den Löffel ab.
Den Elektriker trifft der Schlag.
Der Pfarrer segnet das Zeitliche.
Der Maurer kratzt ab.
Der Schaffner liegt in den letzten Zügen.
Der Agnostiker muss dran glauben.
Der Zahnarzt hinterlässt eine schmerzliche Lücke.
Der Gemüsehändler schaut sich die Radieschen von unten an.
Der Fechter springt über die Klinge.
Die Putzfrau kehrt nie wieder.
Der Anwalt steht vor dem jüngsten Gericht.
Der Autohändler kommt unter die Räder.
Der Kfz-Mechaniker schmiert ab.
Der Förster geht in die ewigen Jagdgründe ein.
Der Gynäkologe scheidet dahin.
Die Wäscherin verbleicht.
Der Rabbi geht über den Jordan.
Der Optiker schließt für immer die Augen.
Der Tenor hört die Englein singen.
Der Spanner ist weg vom Fenster.

Adventmail 2025/21 (Anfang/Ende)

Das Damengambit ist nicht nur eine der erfolgreichsten Netflix-Serien der letzten Jahre (empfehlenswert!), sondern auch eine häufig gespielte Schacheröffnung. Sie folgt der Idee, den weißen c-Bauern gegen den etwas stärkeren schwarzen Damen-Bauern zu tauschen und sich z.B. mit dem aufrückenden Königsbauern (e2–e4) eine Bauernmajorität im Zentrum zu verschaffen.
Wer von euch nicht Schach spielt, wird mit den folgenden „goldenen Regeln“ der Spieleröffnungen nicht viel anfangen können:

– Besetze falls möglich das Zentrum (die vier Felder in der Mitte des Schachbretts d4, d5, e4, e5) mit eigenen Bauern. Oder mache einen Zug, der auf das Zentrum einwirkt, z. B. 1. c4.
– Entwickle in der Regel erst die Leichtfiguren, und zwar erst Springer, dann Läufer.
– Sorge möglichst früh für eine sichere Positionierung des Königs durch die Rochade.
– Ziehe jede Figur in der Eröffnung möglichst nur einmal.
– Entwickle die Figuren so, dass sie ihre maximale Wirksamkeit erzielen (also beispielsweise Sb1–c3 und nicht Sb1–a3).
– Bringe die Dame und die Türme nach der Entwicklung der Leichtfiguren und der Rochade ins Spiel.
– Überlege Dir Bauernzüge besonders gut, weil Du sie nicht rückgängig machen kannst.

Ich lernte Schach als kleiner Volksschüler von einem entfernten Bekannten. Am meisten spielte ich in der Schulzeit – Turniere mit Schulkollegen des BG Kapfenberg in Freistunden und Pausen. Danach kaum mehr, obwohl ich Schach für eines der besten Spiele halte, das man zu zweit spielen kann. Meine Liebste meint jedoch, sie verliert schon oft genug bei „Kartograph“, „My City“ oder „Patchwork“ gegen mich … seufz

Adventmail 2025/20 (Anfang/Ende)

Ich hab gezögert, etwas so was Persönliches hier zu schreiben. Aber der Tod meines Stiefvaters war einer der biografischen Anknüpfungspunkte für die diesjährige Themenwahl Anfang/Ende und mein Umgang damit könnte auch für „Fernstehende“ interessant sein.

Sepp ist tot. Als ich diese WhatsApp-Nachricht bekam, war ich radelnd in Dänemark unterwegs, am Beginn einer zweieinhalbwöchigen Tour durch Skandinavien und Norddeutschland (https://www.robertmitschaeibl.eu/?p=2177). Kurz vor Reiseantritt war schon klar, dass der 78-Jährige unheilbar an Krebs erkrankt ist, dass er – nur 3 Wochen nach der Diagnose –im KH Leoben in die Palliativstation verlegt wird. Dass der Tod so schnell eintritt, machte mich fassungslos. Und löste einen Schwall an Erinnerungen aus. Viele davon unerfreulich, denn mein Verhältnis zu Sepp war seit jeher getrübt.

Die Übersiedlung 1969 nach der Hochzeit mit dem zehn Jahre jüngeren Elektriker aus Kapfenberg in dessen dortiges Elternhaus bezeichnete meine davor alleinerziehend in Bruck lebende Mutter als größten Fehler ihres Lebens. Bald kam mein Bruder auf die Welt, die Spannungen zwischen meiner Mutter und ihren Schwiegereltern verstärkten sich, Sepp stand dazwischen. Mich nahm er in Kauf, beachtete mich wenig, wollte nie mein Vater sein, zumal er nun ja einen „richtigen Sohn“ hatte und 8 Jahre später auch eine Tochter. Die Ehe war – auch nach dem Wechsel in eine Mietwohnung – über viele Jahre unglücklich, wird erst heute von meiner jetzt verwitweten Mutter verklärt. Auch ich hatte eine familiär unglückliche Jugend, bekam von Sepp zu hören, dass er mich am liebsten los wäre. Ich war ein schlechter Schüler, las viel und weitete meinen Horizont erst so richtig mit Beginn des Studiums in Graz.

Als Familienvater kam ich regelmäßig aus Wien auf Besuch ins von Sepp fast im Alleingang neu gebaute Familienhaus nach Kapfenberg. Unser Verhältnis war über Jahre eine Art Stillhalteabkommen. Besuche mied ich erst, als ich bei einem Erbgespräch erneut explizit zu hören bekam, dass mich Sepp nicht als Teil seiner Familie betrachtet.

Die Trauer meiner Mutter und meiner Geschwister über seinen Tod berührt auch mich. Und ich sehe Sepp differenziert – neben seiner Grobheit auch seine Fähigkeiten als Handwerker und Baumeister oder seine Fürsorge für meine zur Greisin gewordenen Mutter in den vergangenen Jahren.

Beim Begräbnis Mitte September mochte ich in die schönfärberischen Nachrufe zwar nicht einstimmen, wollte aber auch keine „Abrechnung“ am offenen Grab. Ich wies darauf hin, es sei mir wichtig, dass Altlasten nicht zu Klötzen an den Beinen werden, die jede Entwicklung hemmen und de facto unfrei machen. Engherzigkeit und Verbitterung drohen einem, der nicht loslassen kann. Dass ich das konnte, war ein langer Prozess, bedurfte einiger Psychotherapie und wurde erleichtert durch meinen Glauben an einen Gott, der mit Unzulänglichkeiten barmherzig umgeht.

Und noch was sagte ich Sepp, bevor ich ein Blütenblatt ins Erdloch zu seiner Urne warf: Danke für die besten Geschwister, die ich mir wünschen kann…

„Entrüstungswettlauf rund um das Künstlerhaus“

Die Aufregung kam reichlich spät, umso heftiger wird sie nun im Advent von Entrüstungswettläufern geschürt: Die Rede ist von der Ausstellung „Du sollst dir ein Bild machen“, mit der das Wiener Künstlerhaus noch bis 8. Feber 2026 eine Brücke zwischen der christlichen Bildtradition und zeitgenössischer Kunst schlägt. Mehr als einen Monat nach der Eröffnung der Schau und nach wohlwollenden Einschätzungen von kirchlichen Kunstkennern wie „Kulturbischof“ Glettler, Dompfarrer Faber, Jesuit Schörghofer und „Kultum“-Graz-Leiter Rauchenberger brach ein Empörungssturm los.

Die „Österreichische Gesellschaft zum Schutz von Tradition, Familie und Privateigentum“, eine Gruppe katholischer Traditionalisten, sammelt – mit mäßigem Zuspruch – Unterschriften für die sofortige Schließung der Schau; FP-Politiker von Kickl abwärts und der rechte ÖVP-Flügel surfen auf der Empörungswelle mit. Der Tenor: Das Künstlerhaus vertrete eine Agenda von Wokeness und Sexualisierung, agiere antichristlich in einer Weise, wie sie gegenüber dem Islam undenkbar wäre, und dürfe nicht mit Steuergeld gefördert werden.

Was sind die Steine des Anstoßes, mit denen Kritiker die Ausstellungsgestalter und mit ihnen die Wiener Kulturpolitik bewerfen? Inkriminiert werden vor allem ein Pietà-Bild mit Maria als Transfrau mit angedeutetem Penis, eine Priesterfigur als betender Wolf im Schafspelz, ein mit Latexnoppen überzogenes Kruzifix sowie der schon 1990 skandalisierte „gekreuzigte Frosch“ von Martin Kippenberger, den einst auch der über jeden Progressismusverdacht erhabene Bischof Egon Kapellari gegen Blasphemievorwürfe verteidigte.

Das zweite der zehn Gebote besagt, man solle sich kein Bild von Gott machen. Mit ihrem titelgebenden Verstoß dagegen provoziert das Künstlerhaus natürlich – wie dies auch viele kirchlich beauftragte Großwerke der Kunstgeschichte tun. Manche Exponate mögen befremden, verstören. Aber man kann darauf auch anders reagieren als mit Schaum vor dem Mund, nämlich: sich herausrufen (pro-vocare) lassen aus einer allzu vertrauten Ikonographie, einem bequemen Glauben, einem musealen Gott. Wie sagte Bischof Glettler nach der Eröffnung so schön: „Die Ausstellung ist ein Beleg für das unendliche Ringen, dem Geheimnis Gottes, der sich in eine verwundete Welt eingeschrieben hat, irgendwie gerecht zu werden.“ Und die Linzer Kirchenzeitung empfahl: „Du sollst dir selbst ein Bild machen.“ (leicht verändert erschienen in DIE FURCHE 51/52, 18.12.2025)

Adventmail 2025/19 (Anfang/Ende)

Es gibt jede Menge Weltuntergangscartoons. Wie ein (schlechter) Witz wirken auch Berichte über immer wieder vorausgesagte Weltuntergänge, zu denen es dann – Überraschung! – doch nicht kam.

Der baptistische Prediger William Miller war einer von vielen Bibelforschern, der aus Zeitangaben der Heiligen Schrift die baldige Wiederkunft Christi und den damit verbundenen Weltuntergang berechnen zu glauben meinte. Zwischen dem 21. März 1843 und dem 21. März 1844, später präzisiert auf 22. Oktober 1844, sollte es so weit sein. In banger Erwartung kündigten viele Gläubige ihre Arbeit, lösten Farmen auf, verkauften Häuser und Habseligkeiten, beglichen Schulden oder verschenkten Besitz, um sich „bereit“ zu machen. Als an diesem Tag nichts geschah, erlebten die „Milleriten“-Gemeinden einen Schock: Tränen, Spott von außen, Glaubenskrisen und Abwanderungen. Dumm gelaufen.

Langfristig spaltete sich die Bewegung. Ein Teil gab die Berechnungen auf, andere deuteten das Datum um (nicht sichtbares himmlisches Ereignis). Aus dieser Neuorientierung entstand später u. a. die Siebenten-Tags-Adventisten-Tradition.

Armageddon-Spezialisten sind auch die ab den 1860er-Jahren aus Bibelforschern rund um Charles Taze Russell (1852-1916) hervorgegangenen Zeugen Jehovas. Im Jahr 1874 sagte die Gruppe zum ersten Mal einen Weltuntergang voraus. Dieses Datum sollte nur eine von zahlreichen anderen Gelegenheiten sein, zu der Gott – nach Meinung der Zeugen endlich – die Erde richten und die Ungläubigen vernichten sollte. Spätere Apokalypsen wurden für 1878, 1881, 1910, 1914, 1918, 1925, 1975, 1984 und 1994 vorausgesagt – jeweils endzeitliche Ereignisse, von denen die Zeugen glaubten, sie wären in der Bibel prophezeit worden und stünden „über jedem Zweifel“ oder seien „von Gott bestätigt“. Russell starb im Jahr 1916, hinterließ jedoch weitere apokalyptische Vorausberechnungen für die Jahre 1918, 1925 und 1975.

Das Ausbleiben dieser Ereignisse führte jedes Mal zu Glaubwürdigkeitskrisen, in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre etwa gingen Missionstätigkeit und Wachstum der Zeugen Jehovas statistisch signifikant zurück.

Schon Martin Luther machte seinerzeit gleich drei Jahre als mögliche Termine für den Weltuntergang publik: 1532, 1538 und 1541. Danach ließ er bis zu seinem Tod im Jahr 1546 zu keiner weiteren Prognose hinreißen.

Ich stehe hier und kann nicht anders, als den Kopf zu schütteln über die immer wiederkehrende Tendenz, Religion als eine Art esoterisches Geheimwissen für Auserwählte zu missbrauchen.

Johanna Grillmayer, „Ein guter Mann“ (Müry Salzmann 2025) ****

Bei einem Buch, in dem mein Name steht (ganz am Ende, unter den Danksagungen an Unterstützende) kann ich nicht objektiv bleiben. Aber egal. Es ist der dritte Band der Trilogie („That’s life in Distopia„, „Ein sicherer Ort„) meiner Freundin und Journalistenkollegin Johanna rund um eine nicht näher beschriebene Katastrophe, die die Menschheit bis auf einen überschaubaren Rest Überlebender auslöschte. Und ich gestehe, Fortsetzungen oder gar Cliffhanger, bei denen ich ein, zwei Jahre aufs Weitererzählen warten muss, mag ich an sich nicht sonderlich. Erinnert mich zu sehr an „Der Herr der Ringe“ oder jetzt wieder die „Avatar“-Reihe.

Ich brauchte jedenfalls einige Dutzend Seiten, bis ich wieder hineinfand – in das Dorf im Burgenland, in dem sich Jola(nthe?), ihre (mindestens) zwei Männer Jakob und Marek, die Dorfchefin Em(ma) und all die anderen eine neue Heimat geschaffen haben. Es ist inzwischen 20 Jahre NdE (nach dem Ereignis), die uns gewohnten Errungenschaften der Zivilisation geben allmählich ihren Geist auf: Geräte, Kleidung, Papier, Straßen. Nicht nur die Beschaffung von Ersatz bzw. Alternativen ist kompliziert, auch das Beziehungsgefüge in dem kleinen Gemeinwesen, in dem herkömmliche Kleinfamilienmodelle nicht mehr taugen und auch noch Bedrohungen von außen (durch „Lederjackenbanden“) zu bewältigen sind.

Johanna mutmaßte, dass ich deswegen schwer ins Buch fand, weil mir eine anfangs geschilderte Abtreibung gegen den Strich gehen könnte. Nein. Erstens verliert für mich ein Text nicht dadurch an Attraktivität, weil darin geschilderte Geschehnisse meinen Ethikvorstellungen widersprechen, zweitens halte ich Abtreibung für eine legitime Option von Frauen in einer Zwangssituation – wobei der Staat ernsthaft für stützende Rahmenbedingungen zu sorgen hätte.

Die zweite Generation, die VdE nur vom Hörensagen kennt, bekommt in Johannas drittem Band viel mehr Bedeutung; Jolas Kinder Judith und Noah, mit Abstrichen Aron, gewinnen dabei Kontur, die anderen Figuren bleiben blass. Und mehr Augenmerk hätte ich mir auch für die thrillerhafte Abwehr der Bandengewalt gewünscht, die spannungsmindernd allzu knapp – geradezu „explosionsartig“ – geschildert wird.

Im weiteren Verlauf nimmt die Handlung so richtig Fahrt auf. Nicht zuletzt den neuen Möglichkeiten zu verdanken, die die Wiederinstandsetzung alter Bahnlinien mit sich bringt.

Fazit: Wer nicht schon die einzelnen Bände der Trilogie las, möge sie hintereinander gleich auf einmal lesen.

„Killing Carmen“, Volksoper, 17.12.2025 *****

Die Bar von Lillas Pastia 13 Jahre nach den in der Bizet-Oper erzählten Ereignissen. Statt Remmidemmi mit einer tanzenden, singenden, trinkenden Carmen im Mittelpunkt nun tote Hose mit lediglich drei in Erinnerungen schwelgenden Gästen: Leutnant Morales, einst umsonst bemüht um die Gunst des rassigen Vollblutweibs, ebenso der ehedem ruhmreiche, zum düsteren Trankler herabgesunkene Torero Escamillo und die früher in Don José verliebte Micaëla. Die drei fanden sich ein, um Zeugen der Hinrichtung des seit 13 Jahren einsitzenden Eifersuchtsmörders der Carmen zu werden – und die Vergangenheit wieder aufleben zu lassen.

Damit werden Carmen und ihr Kurzzeit-Lover Don José auf der Bühne wieder lebendig, es beginnt ein Wechselspiel zwischen der Jetztzeit und dem unvergessenen Drama, wobei letzteres den Großteil des Dargestellten einnimmt. Das bekannte Ende mit den Schüssen des Verschmähten auf Carmen und der Todesglocke für den dafür Hingerichteten kommt nach fast zwei Stunden dann etwas abrupt.

Dem Publikum gefiel’s – und mir auch

Davor sorgen aber der französische Opernstar Katia Ledoux (Carmen), Stefan Cerny mit beeindruckendem Bass, Musical-Sänger Anton Zetterholm (Don José) und die Schauspieler Florian Carove (Morales) und Julia Edtmeier (Micaëla) für ein kurzweiliges Programm. Das Operngenre wird dabei oft wohlklingend zugunsten von Jazz, Flamenco, Musical, Chanson und Pop verlassen, einige gute Inszenierungsideen sorgen für Heiterkeit und Abwechslung.

Mir gefiel Nils Strunks bunte Regie-Mischung aus Operntradition und moderner Adaptierung, die beteiligten Musiker (Piano/Akkordeon, Trompete, Schlagzeug) überzeugten. Dass Carmen die Geschichte eines Femizids an einer Frau erzählt, „die mit den Männern spielt“, wie von meinem Freund Heinrich kritisch eingewendet, stört mich gar nicht. Vielleicht gehe ich Opernmuffel auf meine alten Tage ja noch ein paar weitere Male in entsprechende Musiktheatersäle – meine Premiere in der Volksoper machte Lust darauf.