Roadsurfen in Skandinavien (5) – Epilog: Ab in die Hitze von Wien

Die letzten Etappen führten durch Dänemark, Deutschland, Tschechien.

Lønstrup heißt das ehemalige Fischer- und nunmehrige Kunsthandwerksdörfchen an der dänischen Nordseeküste südlich von Hirtshals, das Ort unserer nächsten Übernachtung im fünften Land Europas nach CZ, PL, S und N werden sollte (zwei Nächte in D kamen dann noch dazu). Den sympathischen Campingplatz dort hatte ich wie üblich aufgrund vieler positiver Bewertungen in der Campio-App ausgesucht. Es gab zahlreiche Dauercamper, somit kein Anstellen in WC und Dusche. Und Gebäck am nächsten Morgen.

Meine Hauptsorge nach einem Spaziergang an den Nordseestrand galt dem WM-Schlager Österreich vs. Argentinien. Ich bemühte mich redlich um Gratisstreaming via dänisches Fernsehen, diverse andere Anbieter und wäre sogar bereit gewesen, 11 Euro für ein WM-Paket der deutschen Telekom zu bezahlen. Jedoch es klappte nicht, immer hieß es: keine Übertragungsrechte für dieses Land. Über Social Media bekam ich mit, dass Messi soeben einen Elfer verschossen hatte, Radio Wien sorgte immerhin für Hörspannung, der Livestream von kicker.de mokierte sich über allzu vorsichtige Spielweise der „Ösis“. Nun, wie es ausging, wissen wir ja inzwischen.
Am nächsten Morgen, 23.6., Weiterfahrt nach Husum an der deutschen Nordseeküste, wo ich meiner Liebsten vor neun Jahren einen Heiratsantrag machte und wir nach ihren Jawort dann auch gleich Weißgoldringe aussuchten. Dänemark ist durch die Nord-Süd-Autobahn recht flott zu durchqueren, wir flitzten an Städten vorbei, die ich vor knapp einem Jahr in umgekehrter Richtung mit dem Fahrrad erkundet hatte: Aalborg, Aarhus, Vejle, Kolding, Flensburg (link) und gelangten rasch ins Schleswig-Holstein’sche Flachland, in dem sich hunderte Windräder drehen. In Husum parkten wir Freddy auf einem einfachen Caravanstellplatz, der ich in einem nahen Hotel erstmals in bar zu bezahlen hatte. Doch komisch. Husum war nicht wiederzuerkennen. Hatte sich die Stadt in den neun Jahren so verändert?? Dann dämmerte es uns: Die Weichenstellung für unsere Eheschließung erfolgte nicht in Husum, sondern 50 km südlich in sum. Wir entschädigten uns für den peinlichen Irrtum mit einem der besten Abendessen des Urlaubs: Der „Kapitänsteller“ in Dragseths Gasthof mit verschiedenen Fischleckereien, Krabben, Bratkartoffeln, Salat und Dithmarscher Pilsener ist wärmstens zu empfehlen. Und die Unterhaltung mit zwei Schulfreundinnen jenseits der 80, die uns an ihrem Tisch Platz nehmen ließen, war auch nett – trotz deren Diagnose, dass „in Deutschland alles schlechter wird“.

Büsum holten wir am 24.6. nach: Frühstück in der touristisch herausgeputzten Innenstadt („Ja, SO sah es hier aus, jetzt erkenn’ ich es wieder!“) und Kuss am Schauplatz des Heiratsantrags relativierten Unstimmigkeiten, die während der intensiven Nähe in mehr als vier Wochen wohl unvermeidlich waren.
Zu Kilometerfresser-Tagen wurden die letzten beiden Tage unserer Reise. Von Büsum ging’s via Hamburg (mitten durch die Innenstadt, ächz!) und Perleberg nach Magdeburg, wo wir an einem Seitenarm der Elbe einen Hightech-Stellplatz vorfanden: Stromzähler, Duschen, Toilettenbox-Entleerung – alles funktionierte mit einer aufladbaren Karte, das Guthaben wurde nach dem Auschecken sofort auf unser Konto gutgeschrieben. Noch angenehmer war aber der schon sommerlich heiße Abend in der Hafenbar, wo wir Gegrilltes und Kaiser-Otto-Bier genossen. Vorm Abendessen nahm ich mir trotz der Hitze, die Mitteleuropa schon erfasst hatte, Zeit für eine Erkundung der Magdeburger Innenstadt, erkannte Friedrich Hundertwassers letztes Bau-Großprojekt an den krummen Linien, stand vor dem um 18h versperrten Dom, bestaunte die Nachbildung des „Magdeburger Reiters“ (Otto der Große?) und lächelte über das Hic fuit am Eulenspiegelbrunnen.

Der Schlusstag stand dann schon ganz im Zeichen der Wahnsinnshitze, die Mitteleuropa in der letzten Juniwoche in Bann hielt. Im klimatisierten Freddy waren die mehr als 700 km von 8 bis 18 Uhr zwischen Magdeburg und Wien aber gut aushaltbar – trotz der Verkehrshölle in Prag und dem kilometerlangen Schwerverkehrstau, der uns einen kurvenreichen Umweg an Brünn vorbei nehmen ließ. Zu Hause warteten bereits Söhne – diesmal Moritz und Fabian –, um uns beim Ausladen des Wohnmobils zu helfen. Man glaubt nicht, wie viel sich in mehr als vier Wochen so alles ansammelt, trotz der in Norwegen vergessener Küchensachen und des in Schweden hinterlassenen Fahrrades.

Unfassbar, wie viel Schwerverkehr auf Europas Straßen unterwegs ist – wie hier vor Brünn

Vier Wochen Roadsurfen mit Fahrten in sieben Ländern, ereignisreich, anstrengend, faszinierend, abwechslungsreich… Einmal und nie wieder Camping? Nein, nur nicht wieder mit Roadsurfer, die uns viel Energie und Zeit kosteten. Wer’s so wie wir einmal probieren möchte, für die/den hätten wir so manchen Tipp parat 😉

Karl-Markus Gauß, “Die Liebe kommt immer zu spät: Drei Reisen”, Zsolnay 2026 *****

Wer auf Reisen geht wie zuletzt ich nordwärts, ist mit Gauß-Büchern immer gut bedient. Denn der 72-jährige Salzburger Essayist und Kritiker ist selbst ein Vielreisender, bevorzugt in jene Gegenden Europas, die der Blick westlich ausgerichteter Europäer:innen nur selten streift. In seinem neuen Band geht es um Erlebnisse auf dem Balkan – in Slowenien, Bosnien und ausgehend von meinem Geburtsort Bruck/Mur erneut nach SO-Europa bis hin nach Griechenland. In diesem vielfältigen, widersprüchlichen und konfliktträchtigen Kulturraum ist Gauß – Spross einer donauschwäbischen Familie – stets im Heute und Gestern unterwegs.
Im ersten Text spürt er dem Leben zweier bemerkenswerter slowenischer Frauen nach, “die beide einmal ebenso berühmt wie angefeindete Außenseiterinnen waren”, wie es in einer “Standard”-Rezension heißt. Ljuba Prenner, Anwältin und Schriftstellerin, setzte sich für politisch Verfolgte ein und kühn über Geschlechtergrenzen hinweg, indem sie in der Öffentlichkeit als Mann auftrat; die andere, die behindert geborene Alma M. Karlin, wurde in der Zwischenkriegszeit zur meistgelesenen deutschsprachigen Reiseschriftstellerin.
Besonders berührte mich der Text über Sarajevo, die im Vorjahr von mir bereiste Stadt, in der Gegensätze bis zum mörderischen Krieg in den 1990er-Jahren keine Rolle spielten. Das reizvolle Kulturgemisch – verkörpert durch den im Mai 2023 verstorbenen bosnischen Schriftsteller und Gauß-Freund Dževad Karahasan – ist teilweise bis heute spürbar, auch wenn das durch die Scharfschützen auf den Hügeln rund um die Stadt vergossene Blut unvergessen ist. Gauß besuchte auch das heute ethnisch geteilten Mostar. Das Wahrzeichen der Stadt, die wiederaufgebaute “Alte Brücke”, verbindet nicht mehr, sondern trennt muslimische Bosniaken und katholische Kroaten.

Jenny Erpenbeck, “Kairos”, Penguin 2021

Es war eine Premiere: Am berühmten Weimarer Nationaltheater sah ich im März eine dramatisierte Version von Erpenbecks mit dem britischen Booker Prize ausgezeichneten, von mir damals noch ungelesenen Roman “Kairos”. Ich schrieb darüber in einem früheren Blogeintrag. Dort ist auch der Inhalt des jetzt im Original gelesenen Werk skizziert, der sich von der Theaterversion allerdings in einigen Punkten unterscheidet. Die wechselseitige Faszination des hochgebildeten Autors und Redakteurs Hans und der blutjungen Ausbildungskandidatin für Gebrauchsgrafik Katharina schildert die 1967 in Ost-Berlin geborene Erpenbeck glaubhaft und oft berührend. Vor dem Hintergrund der letzten Jahre der DDR und deren Verschluckt-Werden als Teil der Bundesrepublik entwickelt sich jedoch eine toxische Beziehung mit Abhängigkeit von jeweils anderen, und bei Hans eine in ihrer Penetranz enervierende “Aufarbeitung” eines erotischen “Fehltritts” der 34 Jahre Jüngeren: Mehr als die Hälfte ihrer rund dreijährigen Liebschaft macht der alternde Schöngeist Katharina Vorwürfe wegen ihres unverzeihlichen Verrats an der gemeinsamen Liebe und auch an sich selbst, bespricht Tonbandkassetten, auf die Katharina mit selbstentblößender Ehrlichkeit zu antworten habe.
Warum diese der Eifersuchtsbeharrlichkeit von Hans nicht schon längst Grenzen setzt und damit dem Rat besorgter Eltern und Freund:innen folgt, bleibt unklar. Sie liebt ihn halt, könnte man sagen, aber wenn Liebe zu einem einengenden Korsett, ja Gefängnis wird, ist Ausbrechen ein Muss.
Ich hatte mal eine Beziehung zu einer in Ostberlin lebenden Künstlerin, deren kritisch-wehmütigen Rückblick auf die DDR ich nicht wirklich verstand. Erpenbecks “Kairos” macht im letzten Drittel des Romans plausibel, warum für DDR-Bürger:innen das Abstreifen der SED-Diktatur mit einer Quasi-Machtübernahme des kapitalistischen Westens verbunden war. Mit dem Mauerfall verbundene Hoffnungen auf ein neues, menschenfreundliches Kapitel des Sozialismus’ wurden nach 1991 rasch zerstört – vielleicht ein Mitgrund für die heutige AfD-Affinität Ostdeutschlands.

Erste Kindheitserinnerungen

Ich las kürzlich einen Artikel über eine Autorin, die das Verfassen von Biografien von wem auch immer als Dienstleistung anbietet. Eine jener Fragen, die sie dabei regelmäßig stellt, sei jene nach den ersten Kindheitserinnerungen. Die fallen bei den allermeisten Personen in die Lebensphase zwischen 2 und 4 Jahren.
Ich weiß, dass ich als Dreijähriger zu einer Tagesmutter – Frau Josefine Dietz, von mir „Tante“ genannt – kam, weil meine alleinerziehende Mutter Hilfe bei meiner Betreuung brauchte, um ihrem Job als Schuhverkäuferin nachkommen zu können. An den ersten Besuch bei der reschen, schwarzer Pädagogik nicht abholden Pensionistin kann ich mich noch erinnern: Ihr Enkel Sigi hatte im Wohnzimmer eine Spielzeugeisenbahn aufgebaut, das faszinierte mich und ebnete wohl den Weg zu einer Vereinbarung mit Frau Dietz.
Noch davor eine sehr diffuse Erinnerung an eine Szene bei einer anderen Familie, die kurzzeitig meine Betreuung übernahm. Frau Strauß mokierte sich darüber, dass ihr Gatte, der „Onkel Karl“, seinen Kaffee immer (?) stehend am Küchentisch trank.
Und ein Drittes blieb mir im Gedächtnis, das ich zeitlich nicht genau einordnen kann – ich war jedenfalls auch noch sehr klein. Es betrifft meine Mutter, die sich abends in der Küche unserer winzigen Zweizimmerwohnung in der Innenstadt von Bruck/Mur mithilfe einer Lavoir wusch; Badezimmer gab es in der Wohnung keines, und auch die Toilette befand sich außerhalb der eigenen vier Wände. Ich sollte wohl schon schlafen, spähte aber durch die Glasscheiben in die Küche und sah meine Mutter. Die reinigungsbedingte Entblößung ihres Oberkörpers war offenbar so ungewöhnlich, dass mir die Szene in Erinnerung blieb.
So weit, so banal.
Biografisch wichtiger waren wohl die Besuche meines damals schon von meiner Mutter getrennten Vaters, der seinen beruflichen Aufstieg in Klagenfurt als bald österreichweit jüngster Forum-Kaufhausleiter begonnen hatte, in der oben genannten Wohnung in Bruck. Dass ich mich damals als wohlerzogener Bub mit Tischmanieren zu erweisen hatte, ist mir als Anspruch meiner Mutter noch Jahrzehnte später präsent. Und auch der große Teddybär, den mir Papa als Geschenk mitgebracht hatte. Der sitzt übrigens immer noch in Kapfenberg (wo ich diese Zeilen schreibe) auf dem „Bienenbett“; nur brummen, wenn man ihn nach hinten beugt, kann der Bär nicht mehr.

Wo und was ist Heimat?

Ich lebe seit mehr als 40 Jahren im Raum Wien. Aber wenn mich jemand als Wiener tituliert, spießt sich etwas in mir. Es erscheint mir nicht stimmig. Ich „oute“ mich dann oft als „Zuagraster“ – also einer, der aus der Provinz in die Bundeshauptstadt übersiedelte. Was wiederum eh typisch für Wiener Biografien ist und schon in der Zeit war, als Wien das Zentrum einer Monarchie von Weltrang war. Familiennamen wie Vranitzky, Busek, Sinowatz oder aus jüngerer Zeit Zadic, Doskozil und Vilimsky zeugen von Herkünften jenseits der hier vorherrschenden Muttersprache Deutsch – wie übrigens auch der „angeheiratete“ erste Teil meines Familiennamens.
Bin ich also eher Steirer, als einer, der in Bruck an der Mur geboren wurde und dort zehn Jahre mit seiner alleinerziehenden Mutter lebte, danach in Kapfenberg ins Gymnasium ging und in Graz studierte? Hm, so prägend die Zeit meiner Kindheit und Jugend auch war, aber nach 40-jährigem Lebensmittelpunkt woanders erscheint mir auch das unpassend.
Also Österreicher? Ja, wenngleich mir als typisch österreichisch geltende Attribute wie veränderungsängstlich, fremdenskeptisch und scheinfreundlich wenig sympathisch sind.
Mich als Europäer zu identifizieren dagegen finde ich sehr passend. Nicht zufällig wählte ich als URL-Ende meiner Website .eu, als Hinweis auf Europa. Immerhin habe ich von den 46 Staaten des Kontinents bis auf Andorra, San Marino, Belarus, Nordmazedonien und Russland alle zumindest einmal besucht und empfinde Zugehörigkeit aus Asien, Afrika oder Amerika kommend schon beim Überfliegen der Kontinentalgrenzen. Und gerade jetzt, angesichts des offenkundigen Bedeutungsverlustes Europas infolge der aggressiven Hegemonialpolitik der USA, Chinas und Russlands, hege ich Hoffnungen auf die Einsicht in möglichst vielen Nationalstaaten, dass es eines entschiedeneren Zusammenhalts der Europäer:innen bedarf, um supranationale Interessen wahrzunehmen.

Wien, meine Heimat? Nun, ganz verkehrt ist das nach 40 Jahren ja nicht…

Müsste ich dieses geografisch definierte Heimatgefühl nach emotionaler Nähe reihen, dann würde ich 1.) Österreicher nennen, dann 2.) Europäer, 3.) Steirer und 4.) Wiener.
Nicht zu Unrecht wird oft zum Thema angemerkt, dass Heimat untrennbar mit bestimmten Menschen verbunden ist. Dass mir somit meine Frau, meine Eltern und Geschwister, meine Söhne und deren Familien, aber auch nahe Freund:innen „Heimat“ sind. Stimmt natürlich, aber das ist ein wenig so wie Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Wenn ich Heimat im engeren Sinn als Ort/Raum verstehe, gilt das oben Gesagte.

“Paris Murder Mystery” (Rebecca Zlotowski, F 2025) ****

Jodie Foster, die schon als Halbwüchsige in “Taxi Driver” und Bugsy Malone” zum Star wurde, spricht ausgezeichnet Französisch. Kein Wunder, denn die 1962 Geborene schloss in den 1970ern das zweisprachige Lycée Français in Los Angeles als Jahrgangsbeste ab. Und in “Paris Murder Mystery” von Rebecca Zlotowski hat die zweifache Oscar-Gewinnerin als in Paris ordinierende US-Psychiaterin Lilian Steiner reichlich Gelegenheit dazu. Ihren Eigentlich-nicht-mehr-und-dann-doch-wieder-Ehemann spielt Daniel Auteuil, und mit Mathieu Amalric als vermeintlicher Mörder ist ein zweiter französischer Filmstar dabei.
Vier Kinomittwoch-Cineast:innen rätselten nach dem Ende des Streifens darüber, was denn nun der Inhalt gewesen sei. “Ein sich eigenwillig zwischen Krimi, Komödie und Mystery verordnender Film, dessen Erzählstränge sich immer wieder als lose erweisen oder im Sande verlaufen”, zeigt sich auch der Filmdienst etwas irritiert. Wir einigten uns schließlich auf den Wachstumsprozess einer etwas zwanghaften, rationalistischen Psychiaterin, die über einige Umwege zu ihrem Partner zurückfindet, ihr gespanntes Verhältnis zu ihrem Sohn korrigiert und fortan auch relaxter ihr Metier betreibt. Ihr Verdacht, dass eine durch Suizid verstorbene Klientin ermordet wurde – durch die Tochter? Oder den Ehemann? – erweist sich als Sackgasse. Die Schnitzeljagd mit verschiedenen Hinweisen ist zumindest über weite Strecken unterhaltsam, in manchen Situationen witzig. Etwas verschroben wirkt eine durch eine Hypnotiseurin angeregte Phantasiereise der anfangs skeptischen Psychiaterin, die diese in ein früheres Leben als lesbische Nazi-Bedrohte versetzt. Der deutsche Titel “Paris Murder Mystery” (im Original “Vie privée”) führt dann doch etwas in die Irre.

Ganymed Areal, Baumgartner Höhe/Steinhof, 13.5.2026 *****

Nach dem von Zeus auf den Olymp entführten Lustknaben ist die Kulturveranstaltungsreihe Ganymed an verschiedenen Schauplätzen Wiens benannt – und nach der “Doppelconference” zwischen Natur- und Kunsthistorischem Museum im Jahr 2023 erlebten Claudia und ich diesmal eine Darbietungs-Perlenkette im Otto Wagner Areal auf der Baumgartner Höhe. Unter der Leitung von Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf wurden Kulturschaffende wie Monika Helfer, Milena Michiko Flasar, Franz Schuh oder Johanna Doderer, die Strottern und das Bläserensemble Federspiel eingeladen, Auftragswerke zu entwickeln. Thema waren, passend zur ursprünglichen Nutzung des weitläufigen Geländes als Landes-Heil- und Pflegeanstalt (damals in NÖ), Berührungspunkte zwischen Kunst/Literatur/Musik und Psyche. Der Ort ist als Psychiatrie-Schauplatz auch historisch belastet, nicht nur durch die Nazis, die in der „Jugendfürsorgeanstalt“ Am Spiegelgrund kranke, behinderte und „nicht erziehbare“ Kinder und Jugendliche medizinisch quälten und viele ermordeten.
Eine Patientin der Zwischenkriegszeit war Christine Lavant, die nach schweren Depressionen 1935 auf eigenen Wunsch in einer Nervenheilanstalt in Klagenfurt behandelt (und gedemütigt – wurde. Ihre posthum veröffentlichten “Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus” bildeten unsere Auftaktperformance durch Kathrin Grumeth, danach oblag der Besuch eines der weitere elf Schauplätze unserer Präferenz.

Claudia und ich schafften in den drei Aufführungsstunden acht der zwölf Angebote in verschiedenen Pavillons des Otto Wagner Areals, die wir der Reihe nach mit entlehnten Hockern aufsuchten. Z.B. die Darbietung “Der böse Geist” der Vargas-Schwestern aus Kuba über eine Form von Besessenheit in ihrer Heimat, ein Text von Monika Helfer über “Das andere Mädchen”, eine Außenseiterin, die dadurch besonders ist, dass sie lieber schreibt als spricht. Mitreißend das Blechbläser-Ensemble Federspiel, die mit ihren Instrumenten erst in Anstaltsbetten musizieren oder “Die Entdeckung des Gedankens” mit einem beängstigenden Einblick in die Auswüchse medizinischer Be- bzw. Misshandlung. In der Otto Wagner Kirche begab sich eine Art Auferstehung mit islamischem Gesang und Klarinettenspiel, und den packenden Abschluss bildeten in der ehemaligen Großküche die starken Frauenstimmen der Studierenden der MUK, die nahtlos in Franz Schuhs Gedanken über “Die Welt von morgen” übergingen, gesprochen von einer Comic-Version des Wiener Essayisten auf Leinwand.
Erlebnissatt verließen wir um 21 Uhr, vorbei an dutzenden Leuchtstäben zur Erinnerung an die Opfer des Spiegelgrunds, das Gelände. Die zweimal 49 Euro Eintritt haben sich gelohnt.

“WIEN 1900 – Alltag. Gesamtkunstwerk.”, MAK, 12.5.2026 ******

links: Koloman Moser, Schrank für die Ausstattung des Elternhauses des Künstlers, 1901; rechts: Josef Hoffmann, Armlehnstuhl, Werkbundausstellung Köln 1914; © kunst-dokumentation.com/MAK

Als Wien noch ein Nabel der Welt war und in Kultur und Wissenschaft einer der Top Spots weltweit war… Einen Einblick in die Zeit der Jahrhundertwende um 1900 in der Hauptstadt der damaligen Habsburger-Monarchie gibt die Neuaufstellung der MAK Schausammlung, mit dem das 1863 gegründete Museum am Stubenring den zeitgenössischen Künstler Markus Schinwald betraute. Und Wien war in der Epoche eines Otto Wagner, Josef Hoffmann, Kolomann Moser und anderen Vertretern der Wiener Werkstätte (Jugend)stilbildend. Der Rundgang durch die bis in kleine Details designten Schauräume und Exponate überrascht immer wieder mit einer Fülle an Kreativität und Geschmack in Bereichen wie Architektur, Design, Mobiliar, Bühnenbild, Schmuck und Bildende Kunst.
Und diese goldene Zeit strahlt, wie jüngste Verkaufszahlen von Meisterwerken Gustav Klimts zeigen, bis in die Gegenwart hinein. Klimt selbst ist übrigens mit Werkzeichnungen für die Ausführung eines Mosaikfrieses für den Speisesaal des (leider nicht öffentlich zugänglichen) Palais Stoclet in Brüssel vertreten.

Schon Klimts Entwürfe für das Palais Stoclet sind ein Meisterwerk; © kunst-dokumentation.com/MAK

Etwas später, nämlich 1925, angesiedelt ist der von Margarete Schütte-Lihotzky – berühmt für ihre ebenfalls im MAK zu sehende Frankfurter Küche – einen Raum für die Wiener Auftraggeberin Caroline Neubacher, in dem sich diese unbeobachtet zurückziehen konnte – keine Selbstverständlichkeit für Frauen vor 100 Jahren. Das MAK stellt den winzigen, aber ästhetisch ansprechenden Raum in den Kontext von Women’ Lib, konkretisiert durch den Selbstbestimmungs-Essay “A Room of One’s Own” von Virginia Woolf.

Klein, aber fein. Margarete Schütte-Lihotzkys Rückzugsraum für eine Wienerin

Es gibt auch sonst einiges im MAK zu entdecken, z.B. die Designsammlung im Untergeschoß oder die Ostasiensammlung, ich kam eigentlich wegen der im TV angekündigten Schlingensief-Ausstellung “Es ist nicht mehr mein Problem!”, war aber zu früh dran – es gab erst die Eröffnungs-PK, aber keinen Zutritt… ein guter Grund, bald wieder mal das MAK zu besuchen.

Camino-Auftakt und -Abschluss in Porto

Am 16. April war ich für ca. 24 Stunden in Porto und von 30.4.-2.5. weitere zwei Tage nach meinem Camino Portugues und der Busrückfahrt aus Santiago de Compostela. Eigentlich viel zu wenig für diese charmante Hafenstadt an der Douro-Mündung in den Atlantik. Immerhin hatte ich sowohl zum Auftakt als auch zum Abschluss Gelegenheit zu ausgedehnten Erkundungsspaziergängen durch die Altstadtviertel Bolhão, Ribeira und Clerigos mit ihren schmiedeeisernen Balkonen, Azulejo-geschmückten Kirchen und Hauswänden und pittoresken Plätzen.

Ein Werbeslogan mit hohem Wahrheitsgehalt

Ich war in der Kathedrale – mein Ausgangspunkt für den elftägigen Küstenweg nach Santiago -, auf der übervölkerten Einkaufsstraße Rua de Santa Catarina und in der gleichnamigen Capela, überquerte die stählerne Ponte Dom Luís I. oben und ging auf der unteren Ebene wieder zurück, bestieg den Ponte der Clerigos und labte mich davor in der sympathischen Tapasbar De Canto und danach im Gastgarten des Jardim das Oliveiras, traf eine liebe Weggefährtin im kunsthandwerklich und kulinarisch ergiebigen Mercado do Bolhão, speiste vorzüglich im Restaurant Bacalhau im Dourohafengelände, genoss die Atmosphäre der zweitgrößten portugiesischen Stadt und knipste Dutzende Fotos.

Blick vom Stadtteil Vila Nova de Gaia am linken Douro-Ufer auf Fluss und Hafenviertel

Wenn ich nennen sollte, wohin sich ein Städtetrip abseits der Nona-Ziele wie Paris, Rom und Prag absolut lohnt, dann wäre Porto unter meinen Top 5 (neben Danzig, Lyon, Split und Sarajevo). Hier im Anschluss einige Aufnahmen, die unterstreichen, warum…

Mein Camino 1 (Vorbereitungen)

Einmal den Camino bis zum Ziel in Santiago de Compostela gehen – das wäre doch ein schönes Projekt nach dem Antritt der Pension, dachte ich. Im Kopf spukte mir dieser Plan schon länger herum, angestoßen durch einen Besuch in der galicischen Hauptstadt während einer Portugal-Autotour mit Freunden 2012, durch Kinofilme wie die Komödie „St. Jacques – pilgern auf französisch“ (2005), „Dein Weg“ mit Martin Sheen (2010), „Mein Weg – 780 km zu mir“ vom Australier Bill Bennett (2024) und die Hape-Kerkeling-Adaption „Ich bin dann mal weg“ (2015); den letzten Anstoß gab die vergnügliche Buchvorlage des deutschen Comedy-Stars mit demselben Titel, die ich 2025 las.
Ich machte mich schlau, wie so ein Camino anzugehen wäre. Entschied mich gleich mal für die deutlich kürzere Variante zum populären, 800 km langen Camino Francés: Von Porto aus sollte es losgehen, gut machbar in 2 Wochen, gut erreichbar durch einen Direktflug aus Wien, zudem ein höchst einladender Ausgangs- und Zielort meiner Reise.
In den Social Media gibt es Dutzende Camino-Gruppen, dort holte ich mir ebenso Tipps wie auf Seiten wie www.jakobsweg.de, sah mir YouTube-Videos an – und plante die Etappen. Elf Wandertage sollten es werden einschließlich des Anreisetags mit Fußmarsch von einer zentralen Metrostation in Porto bis zum ersten Quartier am westlichen Stadtrand. Wie Hape Kerkeling wollte ich mir den Luxus von durchwegs vorab reservierten Einzelzimmern mit eigenem Bad und WC gönnen, für Hostels mit Stockbett-Ansammlungen ohne jede Privatsphäre fühle ich mich zu alt.

Die folgenden beiden Karten sind (verkürzende) Google-Maps-Kopien meiner Strecken in Portugal (links) von Porto nach Valenca und Spanien (rechts) von Valenca nach Santiago.

Zu meiner Vorbereitung gehörten lange Spaziergänge, meist entlang der Alten Donau, mit unterschiedlichem Schuhwerk. Dabei schieden die knöchelhohen Bergschuhe aus, weil zu klobig, zu schwer, und ins Gebirge würde gerade der von mir präferierte Küstenweg entlang des Atlantiks ja nicht führen. Ich entschied mich nach mehreren 20.000-Schritte-Wanderungen für gut eingelaufene Trekking-Schuhe und nicht für die leichteren, jedoch nässeempfindlichen Jogging-Schuhe. Was wohl ein Fehler war.
Und der Rucksack, so hieß es, sollte maximal 10 Prozent des Körpergewichts schwer sein. Das schaffte ich handgepäcktauglich mit 7,5 kg genau, beschränkte mich bei der Kleidung auf das notwendigste und schnellst trocknende, Rei in der Tube kam jedenfalls mit, ebenso Kamera, Ladegeräte und als einziges Buch ein Neues Testament im Taschenbuchformat. In dem las ich letztlich nicht einmal eine Seite; die Behelfs-Lesebrille nach zwei erst kurz vor Reiseantritt absolvierten Katarakt-Operationen erwies sich als ungeeignet für längeres Lesen der 9-Punkt-Schrift, die Buchstaben verschwommen wohl nicht nur aus Müdigkeit. Die spirituelle Erbauung musste somit anders erfolgen.

Was ein Camino-Pilger so alles braucht. Viel ist es nicht. Und es fehlte ein warmes Hemd für kühle Abende.

Meine etwas – wie soll ich es nennen? – ermattete Religiosität zu beleben war eine Hoffnung, die ich mit dem Jakobsweg verband. Vielleicht würde der tägliche äußere Aufbruch auch einen innerlichen anregen, dachte ich mir. Hape schrieb von Gottesbegegnungen, zu denen es komme, wenn man sie geschehen lässt, sich „leer“ macht, offen, durchlässig. Mir hing dabei noch ein Gespräch nach, das ich kürzlich mit meiner besten Freundin über den Glauben hatte. Sie, obzwar studierte Theologin, sieht als nunmehrige Psychotherapeutin die christliche Vorstellung eines liebenden, gütigen Gottes als psychologisch erklärbares Bedürfnis nach Angenommen-sein durch ein imaginiertes höchstes Wesen. Mir ist das zu wenig, und Gott kann manchmal ganz schön unbequem sein und sich querlegen, wenn es um Vertröstung und Selbstbestätigung geht.
Kurz nach meiner Ankunft in Porto um 9.30 Ortszeit sah ich bei der Metrofahrt ins Zentrum eine Jesus-Skulptur mit ausgebreiteten Armen in einem Vorgarten, eine Miniaturausgabe der Statue Santuário de Cristo Rei jenseits der Tejo-Brücke in Lissabon. Ein schöner Willkommensgruß, dachte ich und freute mich auf das Kommende.