„Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“ (Regina Schilling, D/Ö 2026) ****

Für jemanden wie mich, der während des Germanistikstudiums in Graz immer wieder fasziniert von Texten Ingeborg Bachmanns war und ihre gesammelten Gedichte sogar mit auf Rucksackurlaube nahm, ist dieser Film ein Must-see. Und die deutsche Dokumentarfilmerin Regina Schilling schuf eine Collage mit frühen Film- und Tonaufnahmen der 1926 geborenen Dichterin, mit Auszügen aus ihren Werken und (tlw. posthum veröffentlichten) Briefen, mit Interviews der Bachmann, Auftritten u.a. als junge Inge bei der postfaschistischen und zugleich männerdominierten Gruppe 47 oder als mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden Geehrte (“Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar”) – und mit Sandra Hüller als Bachmann-Lookalike mit blonder Perücke in einer Wohnung in Rom.
Diese kluge, sprachmächtige Poetin, erst schüchterne Ex-Provinzlerin, später eine vom Leben und von der Liebe Malträtierte lässt mich nicht kalt und bleibt mir zugleich sehr fremd. Mag sein, dass ich als Mann, als “Ungeheuer mit dem Namen” Robert, manches nicht so recht nachvollziehen kann von ihrer Verwundbarkeit.
Etwas aufgesetzt kommt mir im Film das So-tun-Als-ob der großartigen Schauspielerin Sandra Hüller vor. Ziel war es offenbar, einen Tag gegen Ende von Bachmanns Leben in Räumen filmisch zu imaginieren, die der letzten Wohnung der Dichterin gleichen, und dabei auch die Stadt Rom einzubeziehen.
Die damals tabletten- und alkoholsüchtige Dichterin verbrannte sich an meinem 14. Geburtstag, in der Nacht vom 25. auf den 26. September 1973, im Bett mit einer Zigarette. Dem setzt Renate Schilling am Ende ihrer Doku Bachmanns Festhalten an der Hoffnung entgegen. In einem Fernsehinterview von 1972 wird sie auf mögliche Resignation angesprochen; Bachmann weist diese jedoch von sich. Sie halte – wie sie sagt – an dem Glauben an eine Utopie auch wider besseres Wissen fest. Das unterstreicht das abschließende Zitat aus ihrem “Todesarten”-Roman “Malina” über die Frage, wie denn ihre zukünftige Welt aussehe. „Ein Tag wird kommen, an dem die Menschen schwarzgoldene Augen haben, sie werden die Schönheit sehen, die sie jetzt nicht sehen, weil sie blind sind, und sie werden die Wahrheit hören, die sie jetzt nicht hören, weil sie taub sind, und sie werden den Duft der Welt riechen, den sie jetzt nicht riechen, weil sie stumm sind. Ein Tag wird kommen, sie werden frei sein, es werden alle Menschen frei sein, auch von der Freiheit, die sie gemeint haben.“
Gut gesagt, Ingeborg. Den Film muss man nicht gesehen haben, aber ohne die Gedichte, die Erzählungen der Bachmann wäre das Leben eines/r literarisch Interessierten ärmer.

Burgtheater: Sonderführung Klimt-Deckengemälde, 11.8.26

Auch wer – so wie ich – seit 40 Jahren im Raum Wien lebt, lernt über diese einst bedeutende Hauptstadt eines Weltreiches nicht aus. Zum Beispiel das im Oktober 1888 mit Grillparzers Esther und Schillers Wallensteins Lager eröffnete k. k. Hofburgtheater am Ring gegenüber dem Rathaus. In den beiden Jahren davor gestalteten Gustav Klimt, dessen Bruder Ernst und Franz Matsch die Deckengemälde in den beiden Stiegenhäusern des im Historismus errichteten Baus von Gottfried Semper und Karl von Hasenauer. Der später weltberühmte Jugendstil-Maler stand damals am Beginn seiner Karriere, war zu Beginn der Arbeiten erst 24, sein früh verstorbener, ebenfalls künstlerisch hochbegabter Bruder gar erst 22. Franz Matsch war ihr Kollege an der gemeinsam besuchten Kunstgewerbeschule (heute. Angewandte) in Wien, gemeinsam nannten sie sich “Künstlerkompanie”.
Die drei davor schon für Aufträge in Rijeka und Karlsbad kooperierenden Künstler schufen insgesamt zehn großartige Gemälde – die den Besuchern der “Burg” heute meist entgehen. Denn sie befinden sich in luftiger Höhe nicht im Bereich des Haupteingangs des Theaters, sondern über den beiden seitlich gelegenen Logenstiegen: Die damals Franz Joseph I. vorbehaltene Kaiserstiege liegt im Trakt, der dem Volksgarten zugewandt ist, die Erzherzogstiege in jenem in Richtung Café Landtmann. Und Letztere ist aktuell wegen Renovierungen eingerüstet. Das öffnet ein Zeitfenster, in dem die Arbeiten der Klimts aus nächster Nähe betrachtet werden können.

Und das lohnt sich: Für die Erzherzogstiege schuf Gustav Klimt eine Szenerie des Antiken Theaters Taormina auf Sizilien (Bild 4), für die Kaiserstiege das Londoner Globe Theatre und die Schlussszene aus Romeo und Julia. Über dem Eingang zum Zuschauerraum ist Der Eingebildete Kranke Molières zu entdecken. Auf dem Bild Shakespeares Globetheater sind alle drei Künstler als Theaterbesucher verewigt, es zeigt somit auch das einzige gemalte Selbstportrait von Gustav Klimt. Zu sehen sind die drei auch auf einem der erst viel später entdeckten „Klimt-Kartons“ (Bild 3), Entwurfskizzen der Originale, im Angelika Prokopp Foyer bzw. Klimtraum.
Die “Künstlerkompanie” verewigte sich später auch im Kunsthistorischen Museum. Die Klimts und Matsch schufen 1891 “Zwickel- und Intercolummnibilder” über die großen Epochen der Kunstgeschichte für Flächen, die zwischen den Bögen und Säulen im großartigen Stiegenhaus des Museums frei geblieben waren. Diese Arbeiten waren das letzte bedeutende Werk der Künstlerkompanie. Nach dem Tod von Bruder Ernst, 1892, beendete der darüber tief erschütterte Gustav Klimt die Zusammenarbeit mit Matsch.
Jetzt heißt es schnell sein: Die Führungen im Burgtheater enden mit August!

Richard Prince, Fotoausstellung Albertina, 10.8.2026 ***

Als Besitzer einer Bundesmuseenkarte besuche ich auch Ausstellungen von Künstler:innen, von denen ich noch nie etwas gehört habe. Wie zuletzt von Richard Prince, einem US-amerikanischen Maler und Fotografen. Er wird der Appropriation Art zugeordnet, ist also ein Künstler, der Werke anderer kopiert – wobei der Akt des Kopierens und das Resultat selbst als Kunst verstanden werden sollen. Sonst wäre es ja Plagiat oder Fälschung.
Die Albertina widmet dem heute in New York lebenden Prince eine Schau, in der seine bekannteste Arbeit zu sehen ist: die 1980–1987 entstandene Serie „Cowboys“, die aus fotografierten Ausschnitten von Marlboro-Anzeigen besteht. Auch anderen trivialen Mythen der amerikanischen Alltagskultur widmet er sich, in Serien mit Motorradgangs bzw. sich auf heißen Eisen räkelnden Halbnackten sowie Modefotografien. Nun ja.

Kopie-Kunst. War nicht so meins, nicht mal der Cowboy im Hintergrund.

Auf Wikipedia erfahre ich, dass Prince dafür kritisiert wurde, “Bilder aus dem Internet bzw. Instagram mit dem Handy abzufotografieren, zu vergrößern und für ca. 90.000 $ zu verkaufen, ohne die Fotografen am Gewinn zu beteiligen”. Wenn das stimmt: Shame on you, Mr. Prince!

La Strada Graz, 5./6./7. August 2026

Ich liebe Graz. Hab dort als Student eine der schönsten Phasen meines Lebens verbracht. Bezeichne die Stadt auch 40 Jahre danach noch als meine sentimentale Heimat. Und besonders liebenswert ist die Stadt, wenn es im Sommer wieder “La Strada” heißt. Und diesmal war ich bei diesem “internationalen Festival für Straßenkunst, Figurentheater, Neuen Zirkus und Community Art” dabei, zumindest an drei Tagen.

Ein Höhepunkt: Das kanadische Ensemble Le Patin Libre im Grazer Augarten

Ich nahm an fünf Veranstaltungen teil. Gleich am ersten Abend sorgte die bläserdominierte Compagnie du Coin für Anarcho-Lebensfreude (Bild 1). Auf dem Freiheitsplatz bahnten sie sich mit treibenden Grooves Wege durch das Publikum und bezog dieses immer wieder mit ein.
Ein Höhepunkt am nächsten Vormittag im Augarten: Das kanadische Ensemble Le Patin Libre (Bild oben und 6), die im Augarten ihre Eiskunstlaufkünste mit Rollerblades auf einer ca. 10 x 20 m großen Plattform übersetzten. Ihr Programm “In “Wheels & Cello” bot im musikalischen Dialog mit einem Cellisten ein harmonisches, virtuoses Zusammenspiel von Klang und Bewegung.

Im Atelier Jungwirth am Opernring sodann eine Ausstellung der dänischen Performance- und bildenden Künstlerin Nana Francisca Schottländer, die am Dachsteingletscher Fotos anfertigte mit einem reizvollen Kontrast. Zu sehen: ihr nackter Körper und die schroff-karge Hochgebirgslandschaft. Dort außerdem die Ausstellung Signal vom Dachstein. Eine Landschaftsoper. Sirenengesang aus Lautsprechern auf dem Gletscher (Bild 5), Almszenen in den umliegenden Tälern, dort heimische Poeten wie Bodo Hell und Barbara Frischmuth (beide inzwischen im Jenseits).
Für verblüffende Geräusche sorgte auf einem Rundgang vom Jakominiplatz durch die Grazer Innenstadt die Gruppe Décor Sonore – und das ganz bewusst ohne Elektrizität, nur mit Schalltrichtern (Bild 4). Die machten aus Lichtsäulen, Einkaufswagen und Fahrradfelgen Klang und Rhythmus.

Mein letzter Vormittag gehörte dem israelischen Clown Anatoli Akerman (Bild 3) und seinem Assistenten Christoph Schiele. Ihr Programm Splinters bot Tollpatschiges, “Zaubertricks”, Publikumsbespritzungen, Wortwitz, aber auch beeindruckenden Steptanz und Jongleur-Akrobatik. Ein Finale Furioso, das mich oft zum Lachen brachte. Schade, dass meine Gastgeber – Bruder Andreas und Familie – das versäumten.
Aber vielleicht nächstes Jahr wieder bei La Strada! [Bild 2 gehört nicht zum Festival, wohl aber zu meinem Besuch. Am ersten Abend Jazz und Weltmusik vom Trio JMO auf dem Mariahilferplatz]

Liz Moore, “Der andere Arthur”, C.H. Beck Verlag 2026 *****

Was für ein Kontrast zum davor gelesenen Nabokov-Roman “Lolita”, an dem ich fast einen Monat lang las. Manche Sätze dreimal, manches musste ich nachschlagen, anderes fand ich ermüdend. Nichts davon bei Liz Browns Pageturner “Der andere Arthur”: kurze Sätze, keine kulturhistorischen Querverweise, keine gewagten Sprachbilder und Vergleiche. Dafür zwei höchst unterschiedliche Arthurs als Protagonisten, verbunden durch Charlotte – des einen Jugendfreundin, des anderen (Alkohol)kranke Mutter. Der 59-jährige, fettleibige Literaturdozent Arthur Opp hat sein Haus seit zehn Jahren nicht verlassen, ist voll Erdnussbutter, aber auch voll Scham – und Mitleid erweckend einsam, seit langem mit der Welt nur durch TV, Online-Bestellungen und seine Brieffreundschaft mit Charlotte Keller verbunden.
Die hat einen 17-jährigen Sohn, der eigentlich auch Arthur heißt, den aber alle nach seinem Vater “Kel” nennen. Und der muss früh Verantwortung übernehmen, denn seine Mutter ist arbeitslos, krank, verzweifelt und betäubt sich gerne mit Cuba libres u.a. Alkoholika. Ihr Sohn soll es einmal besser haben, so Charlottes Wunsch. Kels eigene Sehnsüchte – in der Elite-Highschool dazugehören, anerkannt werden, am besten als Baseballstar – haben demgegenüber Nachrang.
Die Bostoner Schriftstellerin Liz Moore lässt sich viel Zeit dabei, die Verbindung zwischen dem dicken und dem jungen Arthur herzustellen, gibt beiden abwechselnd Gelegenheit, ihre Lebenswelten und ihre Probleme damit darzulegen – auch wenn diese da meist gar nicht so genau hinschauen wollen und erst Anstöße durch zwei Engel in Gestalt junger Frauen brauchen. Und Moore tut das so einfühlsam und psychologisch überzeugend, dass ich ihr Buch gar nicht mehr aus der Hand legen wollte und die 370 Seiten in vier Tagen inhalierte. Moores “Der Gott des Waldes” soll ebenso gut sein, wenn nicht besser, heißt es. Na dann.

“Die Odyssee” (Christopher Nolan, USA 2026) *****

Eine DER Menschheitserzählungen in Kinobilder zu gießen ist ein Wagnis, zumal in dem Homerischen Epos über den verhinderten Heimkehrer aus dem Trojanischen Krieg einiges vorkommt, was schnell peinlich werden könnte. Der Kampf mit dem einäugigen Poseidon-Sprössling Polyphem z.B. Aber der Batman-erprobte UK/US-Regisseur Christopher Nolan schafft es bildgewaltig, aus dem fast 300 Jahre alten Stoff ein Antikriegsdrama zu weben, das auch für die Gegenwart höchst relevant ist. Für den “Standard” schon jetzt und trotz Kritik “das Kinoereignis des Jahres”.
Anfangs trägt Rapper Travis Scott als Barde Phemios vor den schmarotzenden Freiern Penelopes das Heldenlied des nach fast 20 Jahren immer noch abwesenden Odysseus (Matt Damon) vor, dessen List mit dem trojanischen Pferd den Kampf um Troja entschied. Dieser Sieg wird im Verlauf des 172-Minuten-Films von allem Glanz entkleidet, vielmehr als eine Art “Ursünde, die das Elend in die Welt gebracht hat” (“Filmdienst) dargestellt bzw. vom reflexionsbereiten Odysseus als solche erkannt. In Ithaka und Sparta raunt man vom Verderben, das die „Völker des Meeres“ bringen werden. Der größte Held des trojanischen Krieges aber weiß: Sie selbst sind die Barbaren, deren Namen man voller Angst auf den Inseln der Ägäis wispert. Heerführer Agamemnon u.a. Kriegslüstlinge treten ein Verderben los – und auch ihr eigenes.
Nolan- und Antike-Fans werfen dem Regisseur Verrat an der Vorlage vor. Aber wozu sollte man ein 800 Jahre v.Chr. verfasstes Stück Weltliteratur aufgreifen, wenn nicht um Brücken zum Heute zu schlagen?
Matt Damon, inzwischen knackig durchtrainierte 55, ist ebenso eine gute Besetzung wie Anne Hathaway (43) als ausharrende Penelope, die den Titelhelden 7 Jahre lang als Kalypso seine Heimkehrsehnsucht vergessen lassende Charlize Theron, Lupita Nyong’o als vom Krieg um sie verunstaltete schöne Helena (dass die schönste Frau der Antike schwarze Haut haben sollte, missfiel Elon Musk) oder Robert Pattinson als für den Königsthron intriGIERenden falschen Hund Antinoos.
Ich sah “Die Odyssee” gemeinsam mit meinem reckenhaft aussehenden mittleren Sohn im Votivkino. Die beeindruckenden Bilder und Szenerien hätten sich aber wohl die große Leinwand im Gartenbau verdient.

Comix Art und Op Art in der Albertina modern, 30.7.2026 ***

Comics liebte ich schon, bevor ich lesen konnte. Meine Mutter abonnierte einmal für mich Vorschulkind einen Jahrgangsband von Micky Maus, damals noch in der genialen Carl-Barks-Übersetzung von Renate Fuchs (“Dem Ingenieur ist nichts zu schwör”). Hätte ich die 52 Hefte heute noch, könnte ich sie sicher zu enorm hohen Sammlerpreisen verkaufen.
Aber das nur nebenbei. Comics spielen spätestens seit der Pop Art eine wichtige Rolle (Roy Lichtenstein!) in der Bildenden Kunst. Die Albertina modern widmet sich dem in der aktuellen Ausstellung “KAWS. Art & Comix” über die Wechselwirkung von Comics, Bildergeschichten, Cartoons und Kunst. Der Fokus liegt dabei auf dem US-amerikanischen Künstler Brian Donnelly = KAWS und seinen x-äugigen Skulpturen und Figuren. Sie werden ergänzt durch das Schaffen anderer Künstler:innen, die mich meist deutlich weniger interessierten als die ausgewählten Arbeiten von Keith Haring, Brigitte Kowanz, Gottfried Helnwein oder Red Grooms. Von letzterem ist ein begehbarer New Yorker U-Bahn-Waggon mit skurrilen Gestalten zu sehen. Sehr witzig. Den Rest fand ich weniger ansprechend. Schrill, schräg, aufgesetzt provokant.

Oben mittig ein liegender KAWS, unten Grooms und eine Katholiken-Provokation.

Und weil ich schon im Haus war, gleich eine zweite Ausstellung: “VASARELY & ADRIAN. Dynamische Raster” präsentiert neben dem berühmten ungarischstämmigen Victor Vasarely, mit dem ich schon bei meiner BE-Matura zu tun hatte, den mir bisher völlig unbekannten Wiener Marc Adrian (1930-2008). Der Student der Wahrnehmungspsychologie nahm 1965 als einziger Österreicher neben Vasarely u.a. an der bahnbrechenden Op-Art-Ausstellung “The Responsive Eye” im Museum of Modern Art in New York teil. Dennoch sei Adrians vielgestaltiges Schaffen, obwohl “Ausdruck einer neuen Visualität”, “bis heute nicht in vollem Umfang gewürdigt”. An seinen Hinterglasbildern vorbeizugehen und dabei immer wieder andere Lichteffekte zu sehen, macht Spaß – zumindest bis zum fünften dieser Art.

Vladimir Nabokov, “Lolita”, Donauland Jahrhundertedition, 1989 *****

Eines der Vorhaben in meiner 2025 begonnenen Rente: Klassiker der Weltliteratur lesen. Und Nabokovs “Lolita” stand seit langem in meinem Bücherregal, bis mich eine Best-of-Liste im Internet motivierte, das Buch endlich zur Hand zu nehmen. Eigentlich schreckt mich das Thema ja ab: Ein mittelalterlicher Mann steht auf “Nymphchen”, also Mädchen rund um die Geschlechtsreife – für den aus Europa stammenden, umfassend gebildeten Literaturdozenten Humbert Humbert idealtypisch personifiziert in der anfangs 12-jährigen Dolores Haze, die er im Haus seiner Vermieterin Charlotte Haze erblickt und von ihr sofort fasziniert ist. Eine Konstellation, die mir als einem, der stets Liebe auf Augenhöhe suchte, sehr fremd ist.
Dieser Humbert mietet sich also bei der Mutter seiner obsessiv Angebeteten ein, wird Charlottes Ehemann und nach deren Unfalltod – ein Glücksfall für Humbert – zum Witwer und Vormund Lolitas, wie er Dolores bevorzugt nennt. Die beiden beginnen eine zweijährige, später durch einige Monate an einer Mädchenschule unterbrochene Autoreise quer durch die USA. Es kommt zu regelmäßigem Sex zwischen dem obsessiv liebenden 40-Jährigen und seinem missbrauchten, wenn auch frühreifen Gör, das sich seine “Dienstleistungen” mit Geschenken abgelten lässt und Humbert immer deutlicher Abneigung spüren lässt.
Lolita hintergeht ihren “Pappi” und nutzt schließlich dessen Krankheit zur Flucht – um sich in eine neue Abhängigkeit von Q, einem anderen Fiesling, zu begeben. Humberts Suche nach den beiden führt zu nichts, nach drei Jahren erreicht ihn ein Brief der inzwischen (mit einem anderen) verheirateten und schwangeren Lolita mit der Bitte um Geld. Humbert bringt ihr einen größeren Betrag bei einem Besuch in ihrem heruntergekommenen Zuhause und erkennt, was der damalige Fluchthelfer als seiner immer noch großen Liebe gemacht hat. Trotz ihrer widrigen Lebensumstände schlägt Lolita Humberts Angebot einer gemeinsamen Zukunft aus.
Dieser nimmt – auf Rache sinnend – die Spur von Q auf, der Lolita fallen ließ, als sie pornografische Filmaufnahmen verweigerte, und erschießt ihn nach einer skurrilen Auseinandersetzung. Seine Aufzeichnungen schreibt Humbert als Häftling in Erwartung seines Mordprozesses, er erliegt davor jedoch einer Herzkrankheit. Und auch für Lolita endet es nicht gut, wie aus dem Vorwort (besser nachher lesen) eines fiktionalen Herausgebers hervorgeht.
Nabokovs Anfang der 1950er Jahre auf Englisch geschriebener Roman wurde zunächst von mehreren Verlagen abgelehnt, was dieser 1956 in seinem Nachwort lakonisch kommentiert: Inzestuöse Beziehungen seien in den USA ähnlich tabuisiert wie Beschreibungen glücklicher Beziehungen zwischen Schwarz und Weiß und des geglückten Lebens eines Atheisten. Und Nabokov führt darin auch pointiert und überzeugend aus, warum “Lolita” eben KEIN pornografisches Buch sei (Tatsächlich gibt es im Text wenig Explizites, dafür viel sprachlich virtuos Angedeutetes). Und an gleicher Stelle schreibt Nabokov: “Es gibt sanfte Seelen, die Lolita als bedeutungslos bezeichnen würden, weil es ihnen keine Lehre erteilt. Ich lese und schreibe keine didaktische Prosa…”, ihm gehe es vorrangig um das, “was ich rundheraus ästhetisches Vergnügen nennen möchte”. Und dieses Vergnügen wurde auch mir als Leser zuteil, allen inhaltlichen Vorbehalten zum Trotz.

Oh, wie schön ist Österreich

Mal was Anderes: Urlaub in Österreich. Erst fünf Nächte in Zell am See (Bild 1), dann vier in Bad Ischl (Bild 2). Und eines vorweg: Österreich ist schön, sehr schön sogar.

In Zell am See war ich davor noch nie. Der Tourismus dort ist nachhaltig. Denn obwohl in arabischen Ländern schon lange nicht mehr geworben wird, fallen in den engen Gassen nach wie vor viele vollverschleierte Frauen auf, die hinter ihren Männern flanieren. Und manche Lokale – wie das Kaffeespezialitäten-Geschäft “Bella Bean” oder auch der Manner-Shop – können sich des Ansturms der Oriental:innen kaum erwehren.
Einheimische rümpfen inzwischen die Nase über den anhaltenden Zuspruch und zitieren Goethe mit “Die Geister, die ich rief…” Was uns mehr störte, war das bis 2.30 Uhr nachts geöffnete Gin House www.ginhouse.at unter unserem Balkonfenster, das zum via we-are-travel preisgünstig gebuchten Hotel Zum Hirschen in der Innenstadt gehört. Und uns bis auf eine Nacht schlafstörende, grölende Trunkenbolde bescherte – und an diesem Tag, einem Sonntag, waren wir selbst lange unterwegs zwecks Public Viewing des Fußball-WM-Finales.

Auf der Schmittenhöhe, die nach Kaiserin Sisi auch ich bezwang. Im Hintergrund Hohe Tauern, im Vordergrund Bergfexin mit Stöcken

Die Wetterprognose war schlechter als es dann wirklich kam. Meine Wanderung auf die Schmittenhöhe hoch über Zell, wo ich die per Seilbahn angereiste Claudia traf und mit ihr die wunderbare Aussicht auf Großglockner, -venediger, Kitzsteinhorn und andere Hohe Tauern genoss, blieb ebenso regenfrei wie unser Radausflug nach Saalfelden. Dort trafen wir meinen fast gleichaltrigen Cousin Fredi und seine Frau Ilse in deren schöner Altstadtwohnung und frischten auf der Terrasse Jugenderinnerungen auf – wir hatten in Kindheit und Jugend eine enge Beziehung, bis Fredi berufsbedingt aus Bruck/Kapfenberg ins Salzburgische übersiedelte und wir uns aus den Augen verloren. Claudia nutzte die Rückfahrt zu einem kurzen Bad im Zeller See, ich hatte leider keine Badehose eingepackt und spürte die 23 Grad nur bis zu den Waden.

Wie leider an vielen Seen Österreichs: wenig freier Zugang so wie hier

Es war eine gute Idee, die beiden E-Bikes mitzunehmen; sowohl die Gegend im Pinzgau als auch danach das Salzkammergut sind für Radbegeisterte ein PaRADies.
Die mitgebrachten Joggingschuhe verwendete ich bei einem 12-km-Lauf rund um den idyllisch gelegenen See, bei dem es auch mal ganz schön bergauf ging. Und einen Bauernmarkt in Kaprun besuchten wir ebenfalls mit dem Rad. Den dortigen Stausee, die Krimmler Wasserfälle, das Tauern-Museum in Mittersil und den Hochkönig heben wir uns für einen anderen Besuch auf.
Am Urlaubsortswechseltag schlug Claudia eine Zwischenstation vor, die sie im Gegensatz zu mir schon kannte: die Eisriesenwelt in den Felswänden hoch über Werfen im Salzachtal, die angeblich größte Eishöhle der Welt mit insgesamt 42 km langen Gängen, von denen nur einer für Besucher:innen erschlossen ist. Die Anreise zum Höhleneingang über eine serpentinenreiche Bergstraße und zwei 20-Minuten-Aufstiegen vor und nach einer Seilbahnfahrt hatte es in sich, erst recht dann aber die Höhle selbst mit ihren teils meterdicken, bis zu 3000 Jahre alten Eisschichten. Guide Christoph führte uns und ca. 30 weitere Interessierte auf 700 Leiterstufen hinein in die 0 Grad kalte Glitzerwelt, für die wir uns mit Bergschuhen, warmer Kleidung und Mützen gut gewappnet hatten. Ferialpraktikant Christoph spielte das Thema Klimawandel etwas herunter, aber laut National Geographic ist der Bestand von Eishöhlen durch die Erderwärmung mittelfristig bedroht. Das Naturwunder werde nicht ewig bestehen.

Am Fuße des Dachsteins ging’s weiter nach Bad Ischl, dem ehemaligen Sommerfrischeort von Kaiser Franz Joseph. Die dortige Kaiservilla erwarben die Wiener Habsburger unmittelbar nach dessen Verlobung mit Sisi, noch heute ist der einstige Sommersitz im Besitz der Familie Habsburg-Lothringen und eine der meistbesuchten Attraktionen im Salzkammergut. Angesichts der langen Warteschlange verzichtete ich auf jegliche Monarchen-Nostalgie (der in Bad Ischl schwer zu entkommen ist) und nutzte den Kulturhauptstadtort des Jahres 2024 lieber als Ausgangspunkt für Ausflüge. Der erste führte Claudia und mich erst zum Atter-, dann zum Mond- und über eine heftige Steigung zum Wolfgangsee. In ersterem kam ich endlich auch zum Schwimmen im klaren Wasser, die 68-km-Tour durch die herrliche Landschaft bot auch sonst einiges an Erquicklichem.

Die zweite Radtour unternahm ich dann alleine. Durchs Rettenbachtal ging’s hoch zur Bla-Alm auf einem Weg, der besser für ein Mountainbike geeignet gewesen wäre, dann nach Altaussee zum wohlverdienten Pausenfrüchteeisbecher und nach Bad Aussee, dann über den Koppen-Pass nach Obertraun und am Ufer des Hallstätter Sees entlang nach Bad Goisern und Ischl. Eine herrliche Tour, das mein E-Bike tadellos absolvierte.

Zur Bergsteiger-Challenge geriet meine traditionelle Kulinarik-Urlaubseinladung an Claudia: Sie hatte sich für das Gasthaus am Siriuskogel entschieden, wo der medienbekannte Sternekoch Christoph “Krauli” Held die Gaumen seiner Gäste verwöhnt. Das will aber verdient sein, denn auf dem supersteilen Weg rauf zum Aussichtsgasthaus war Claudia einem Herzinfarkt nahe. “Nanga Parbat”, japste sie oben zum mitleidsvoll gereichten Wasserglas. Ich fand, das herrliche Essen lohnte die Mühe jedenfalls – ich war nach vorangegangenem Jakobsweg, der Lofotenkletterei, Bärenschützklamm mit Enkeln, Jogging am Zeller See und den genannten Radtouren aber auf gutem Fitnesslevel.
Unser Quartier hatten wir im Hotel Grand Elisabeth bezogen, einem feinen Schuppen mit internationalem Publikum, Wellness-Bereich und einem Frühstücksbuffet, das keine Wünsche offen ließ. Und dennoch einen gravierenden Makel aufwies. Denn zweimal gab es in aller Herrgottsfrüh einen Feueralarm im Hotel, der sich jeweils als Fehlfunktion herausstellte. Und Erklärung danach oder gar Entschuldigung? Fehlanzeige.
Aber das sollte den Gesamteindruck nicht ändern: Als Urlaubsland hat Österreich viele Asse im Ärmel…

Auf dem Weg von Strobl am Wolfgangsee nach Bad Ischl

FM4-Bühne am Donauinselfest

Meine “besten Zeiten” beim Donauinselfest sind lange vorbei. In meinen Wiener Anfangsjahren pilgerte ich zu verschiedenen Open-Air-Konzerten, stand meist weit weg von der Bühne und war damals schon wenig begeistert von den sich über die Insel schiebenden Menschenmassen (und dem Dreck, den sie hinterließen). Dann kam die Zeit, als meine Frau und ich uns die Ö1-VIP-Lounge samt exquisiter Kulinarik und Kabarett im angrenzenden Zelt gönnten. Bis dies vom ORF aus Kostengründen (?) aufgegeben wurde.

So macht Donauinselfest Spaß. Ellbogenfreiheit und richtig gutes Essen zu ebensolchem Indie Pop.

Heuer wieder Donauinselfest. Weil Claudia bei vielen Gewinnspielen mitmacht – und immer wieder mal was gewinnt. Z.B. zwei Tickets für den Wien-Energie-Bereich gleich beim Schulschiff nahe der Floridsdorfer Brücke. Es gab Leckereien wie Shrimps-Salat und Kaiserschmarren, Inselbier und Smirnoff Ice, vor allem aber einen erhöhten Blick auf die FM4-Bühne mit Nacheinander-Auftritten der rotzfrechen Girlie-Bands Lella und My Ugly Clementine. Und dann, mein musikalischer Höhepunkt: Giant Rooks aus Hamm in NRW, von denen ich noch nie etwas gehört hatte. Das tat ich am sonnigen Freitagabend aufmerksam und zunehmend begeistert. Und das tue ich auch jetzt, da ich diese Zeilen schreibe. Hört auch mal rein in das bemerkenswerte Debütalbum “Rookery” aus dem Jahr 2020. “Watershed” ist nicht der einzige wirklich gelungene Indiepopsong darauf. Empfehlung!