„In die Sonne schauen“ (Mascha Schilinski, D 2025) ****

Ein deutscher Auslands-Oscar-Kandidat, der bei den Filmfestspielen von Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wurde – das klingt doch bestens, um das Kinojahr womöglich sogar mit dem Filmhighlight des Jahres ausklingen zu lassen, dachte ich, als ich am vorletzten Tag des Jahres bei eisigen Temperaturen ins DeFrance radelte. Das 149-Minuten-Drama von Mascha Schilinski beschreibt mit Zeitsprüngen und Schicksalsparallelen einen Erinnerungsstrom aus dem Leben von vier Mädchen über einen Zeitraum von circa 100 Jahren auf einem Bauernhof in der ehemaligen DDR. Die Szenen im ungewohnten 4:3-Bildformat dazu zeigen die siebenjährige Alma in den 1910er Jahren, die Teenager Erika den 1940er-Jahren und Angelika im Staatskommunismus der 1980er-Jahre bis hin zu Lenka und ihrer kleinen Schwester in der Gegenwart.

„Der erste Impuls war eigentlich der Hof, auf dem wir gedreht haben“, erzählt Regisseurin Schilinski über die Idee zum Film. „Gemeinsam mit […Drehbuchautorin, Anm.] Louise Peter saß ich auf diesem Hof, wir haben eigentlich beide jeweils andere Sachen geschrieben. Aber dieser Hof hat geatmet. Wenn wir durch die Räume gegangen sind, haben wir die Jahrhunderte gespürt.“

„In scheinbar alltäglichen, geradezu rhapsodischen Momentaufnahmen und Stimmungsbildern lässt ‚In die Sonne schauen‘ die Zeitebenen der Mädchen ineinanderfließen und ihre Erlebnisse miteinander sprechen. Darin wirkt der Film oftmals wie ein wundersames, eigensinniges Kinogedicht in freiem Versmaß, das sich einer eindeutig vorwärtsschreitenden Narration selbstbestimmt entzieht.“ So heißt es in der euphorischen Kritik des „Filmdienst“. Nun, mir wurden die oft rätselhaften zwei Stunden im Kinosaal nicht lang, aber ich vermisste doch Stringenz statt assoziatives „freies Versmaß“, bei dem Zeiten und Personen fast ineinanderfließen. Immer wieder starke Bilder von Landleben, Gewalt, Sexualität, Familienkorsetts und Todessehnsucht. Nicht ganz meines, aber interessant und eigenwillig kreativ allemal.

„Ein weirder, also ein in jeder Hinsicht des Wortes merk-würdiger Film“, heißt es im „Perlentaucher“. Und: „Man weiß danach nicht, was man sich wünscht: ob er Solitär bleiben oder doch lieber Schule machen soll.“ Vielleicht nochmals (mehrmals?) anschauen?

Wanderung Lobau bis heim, 29.12.2025

Ich nehme mir vor, bis zu meinem Camino-Projekt im April regelmäßig wandern zu gehen, um für die rund 250 km von Porto nach Santiago de Compostela gut gerüstet zu sein. Zwischen Weihnachten und Neujahr galt es das herrliche Wetter zu nutzen, Claudia und ich fuhren nach langem wieder mal für einen Rundgang in die Lobau. Gegen Ende kam mir die Idee, zu Fuß nach Hause zu gehen, zu einem guten Teil entlang meiner Laufstrecken am Mühlwasser, an der Donau und ab dem Knoten Kaisermühlen die Alte Donau entlang. Es wurden knapp 18.000 Schritte, ich – gerade erst von einer Verkühlung genesen – kam ziemlich müde an.

1.) Vielleicht hat ja jemand Lust, mich bei meinem Trainingsprogramm zu unterstützen und mit mir Stadtwanderwege, Wienspaziergänge und Wanderungen im Umland zu machen?

2.) Und hat jemand von euch Erfahrungen mit dem Camino Portugues? Über Tipps wäre ich dankbar.

„Der Krieg der Knöpfe“, Volksoper, 28.12.2025 ****

Ein „Musiktheater-Abenteuer für die ganze Familie“, das ist doch etwas, das ich meine n drei Enkeln zu Weihnachten als gemeinsame Unternehmung schenken könnte – noch dazu mit einem Stoff, den ich noch von dem berühmten Film „La Guerre des Boutons“ von Yves Robert aus dem Jahr 1962 kannte. Und die Vorlage ist noch bedeutend älter, nämlich der gleichnamige Roman von Louis Pergaud aus dem Jahr 1912. 113 Jahre später die musikalische Bühnenversion des seit Generationen lodernden Konflikts zwischen zwei kleinen französischen Dörfern, den die jeweiligen Kinder mit einer speziellen Form der Erniedrigung anfachen: Den Unterlegenen im regelmäßig ausgetragenen Raufhandel werden sämtliche Knöpfe ihrer Kleidung abgeschnitten, wodurch die Buben auch zu Hause noch eine auf den Deckel kriegen.

Garniert ist dieses Geschehen u.a. mit Klassikern des französischen Chansons. So werden Joe Dassins „Les Champs-Élysées“ und „Paroles, paroles“ von Dalida/Alain Delon irgendwie in die Handlung eingebaut.

Kinder dominierten auf der Bühne und im Publikum der Volksoper

Gabriel (13), Jakob (11) und Nathan (9) saßen gebannt auf ihren Sitzerhöhungen, die fünf Viertelstunden wurden ihnen nicht zu lang. Und auch ich fand die Aufführung von Regisseurin Johanna Arrouas (die spontan für eine erkrankte Schauspielerin einsprang) charmant. Etwas störend fand ich, dass die an sich sehr gute Band oft leise weiterspielte, während die Kinder auf der Bühne – dann schwer verständlich – neue Pläne wälzten. Und ja – vielleicht würde dem Stoff („Die im Nachbardorf haben jetzt ein Telefon, wozu soll das denn gut sein?!“) eine behutsame Aktualisierung guttun.

Sylvain Vallée/Jacky Schwartzmann: „Habemus Bastard“ (Splitter 2025) ****

Eine Graphic Novel mit einem für mich langen Cliffhanger. Denn Band 1 („Das notwendige Übel“) bekam und las ich bereits zu meinem Geburtstag Ende September, nun Band 2 („Ein Herz unter einer Soutane“) zu Weihnachten.

Es geht um den Auftragsmörder Lucien, der nach einem Fehler um sein Leben fürchten muss und eine Soutane als Versteck wählt. Als Priester verkleidet taucht er in einem verschlafenen Nest im Jura unter – und feiert dort Liturgie und leistet Seelsorge, die seine Unbedarftheit in dieser Rolle deutlich machen, ihn aber nicht enttarnen. Vorerst. Denn sein Auftraggeber und eine mit diesem rivalisierende Bande sind Lucien auf der Spur.

Der Verlag wirbt für seinen „wendungsreichen, unbändig witzigen und herrlich respektlosen Zweiteiler, der von Sylvain Vallée, einem der beliebtesten Comic-Zeichner Frankreichs […] unnachahmlich charmant illustriert wird“. Und es stimmt. Der Plot liest sich gut, und die oft wie Filmszenen arrangierten Zeichnungen unterhalten bestens. Dass Gewalt und Sex prominent vorkommen, ist der Story geschuldet, die für einen Theologen wie mich eine reizvolle Hintergrundfolie bildet. Jedenfalls eine nette Ergänzung zu meiner inzwischen beachtlichen Graphic-Novel-Sammlung.

Hier die wie Filmszenen aneinander gereihten Ereignisse, die Luciens Flucht in einer priesterliche Tarnung auslösen.

Adventmail 2025/24 (Anfang/Ende)

Bei kaum einem Thema liegen Ende und (Neu-)Beginn so eng zusammen wie bei der christlichen Vorstellung von Auferstehung, ohne die laut Paulus der Glaube bloßer Humbug wäre. Ich liste heute 10 Fragen und Antworten rund um die Auferstehung auf und versuche dabei die Skepsis und den Agnostizismus heutiger Zeitgenoss:innen zu berücksichtigen:

  1. Ist die Auferstehung Jesu nicht einfach eine schöne Legende?
    Christ:innen glauben: Sie ist kein erfundener Mythos, sondern ein einmaliges Handeln Gottes in der Geschichte. Das leere Grab und Begegnungen mit dem Auferstandenen haben die ersten Jünger:innen so tief erschüttert, dass sie ihr Leben danach ausrichteten und sogar dafür hingaben.
  2. Kann man heute wirklich glauben, dass jemand von den Toten aufersteht?
    Aus naturwissenschaftlicher Sicht sicher nicht – aus Glaubenssicht ist für Gott nichts unmöglich. Die Auferstehung sprengt die Grenzen dessen, was Menschen aus eigener Kraft begreifen oder bewirken können.
  3. Vielleicht haben sich die Jünger:innen einfach geirrt oder etwas gesehen, das sie sehen wollten?
    Die Evangelien erzählen, dass die Jünger zunächst zweifelten und Angst hatten. Erst die wiederholte Erfahrung: „Er lebt“ – nicht als Geist, sondern wirklich – hat sie verändert. Diese Glaubenserfahrung wurde zum Ursprung der Kirche.
  4. Warum ist es so wichtig, dass Jesus auferstanden ist?
    Weil sonst alles beim Alten bliebe: Kreuzigung, Gewalt, Tod hätten das letzte Wort. Die Auferstehung bedeutet: Gott bestätigt Jesus und sein Leben der Liebe. Das Gute siegt – endgültig.
  5. Was heißt Auferstehung konkret – lebt Jesus jetzt irgendwo im Himmel?
    Nicht als Körper aus Fleisch und Blut, sondern in einer neuen, göttlichen Wirklichkeit. Christ:innen glauben: Er ist nicht verschwunden, sondern gegenwärtig – in seinem Geist, im Gebet, in der Gemeinschaft, in der Liebe.
  6. Und was hat das mit mir zu tun?
    Die Auferstehung Jesu ist ein Versprechen: Auch unser Leben ist nicht vergeblich. Gott will, dass wir leben, jetzt und über den Tod hinaus.
  7. Aber niemand ist von dort zurückgekommen, um das zu bestätigen...
    Stimmt. Außer Jesus, sagen Christ:innen. Der Glaube an ihn beruht nicht auf einem Beweis, sondern auf Vertrauen: auf die Glaubwürdigkeit seiner Botschaft und der Zeugen, die ihr Leben darauf gesetzt haben.
  8. Ist die Hoffnung auf Auferstehung nicht einfach eine Angst vor dem Nichts?
    Vielleicht. Aber Christen sehen darin mehr: die Ahnung, dass Leben einen tieferen Sinn hat. Der Glaube sagt, dass diese Sehnsucht nach Leben von Gott selbst kommt.
  9. Wie soll man sich ein „Leben nach dem Tod“ vorstellen?
    Nicht als Fortsetzung wie auf Erden. Die Bibel spricht von einem „verwandelten“ Leben bei Gott, frei von Leid, Schuld und Trennung – ein Dasein in Liebe und Licht.
  10. Warum sollte dieser Glaube heute noch relevant sein?
    Weil er Hoffnung gibt, die trägt – auch angesichts von Leid, Krieg oder Tod. Wer an Auferstehung glaubt, lebt mit der Überzeugung: Kein guter Gedanke, keine Liebe, kein Leben geht verloren.

Adventmail 2025/23 (Anfang/Ende)

Der Tod nahestehender Menschen ist ein Anstoß, sich mit dem eigenen Sterben zu beschäftigen. Oder sogar mit dem eigenen Begräbnis.

Ich finde es angemessen, ja notwendig, rechtzeitig Überlegungen dazu anzustellen – auch wenn ich als 66-Jähriger noch eine statistisch zu berechnende Lebenserwartung von 17,57 Jahren habe – also knapp 84 Jahre alt werde (so wie aktuell mein Vater). Und ich halte das keineswegs für ein Sakrileg oder gar die Gefahr, das Ende dadurch „heraufzubeschwören“. Denn der Tod gehört nun mal zum Leben, und mein Glaube an ein wie auch immer geartetes Weiterleben nach dem physischen Tod macht mich da recht gelassen (und sollte mit dem Tod alles aus sein, krieg ich’s eh nicht mehr mit).

Also: Wie wohl alle möchte ich gerne halbwegs schmerzfrei sterben, in einem geistigen Zustand, dass ich davor noch wichtige Dinge regeln und mich von den mir Liebsten verabschieden konnte. Etwas Sorge macht mir diesbezüglich meine Zugehörigkeit zur Baby-Boomer-Generation: So wie jetzt viele in Pension gehen/gingen, werden in 15, 20 Jahren viele sterben… was bedeutet das für das heute schon so überforderte Pflegesystem? Wird es genug Palliativplätze geben?

Ich denke, ich möchte, dass mein Leichnam verbrannt wird. Die Urne soll in einen Bestattungswald in Wien (https://www.baumbestattung-wien.at/ ) kommen, wo genau, ist mir nicht wichtig. Zur Beisetzung sollen alle kommen, die sich von mir verabschieden wollen, und wer möchte, soll am Grab ein paar Worte der Erinnerung sagen. Professionelle Grabredner:in braucht es keine:n. Und vielleicht hinterlasse ich ja selbst etwas zum Vorlesen, mal sehen. Davor soll es Musik geben, ich denke an „Silence“, ein Stück von Haden/Garbarek/Gismonti auf der CD „Magico“ sowie an „Gymnopédie Nr 1“ von Eric Satie, am liebsten live gespielt von Fabian). Ganz nett fände ich eine Diashow mit Bildern aus verschiedenen Lebensphasen. Beim Leichenschmaus soll es ein einfaches Mahl und gute Laune statt Trauerkloßstimmung geben. Denn ich bin ein humorvoller, lebenslustiger Mensch und finde, mein Leben ist jetzt schon lang genug, um als abgerundet gelten zu können.

Übrigens gestalte ich auch diese meine Website mit der Absicht, etwas zu hinterlassen für Menschen, denen ich etwas bedeute

Adventmail 2025/22 (Anfang/Ende)

Heute drei Witze über Anfang/Ende

Zwei Frauen sind gestorben und kommen vor dem Himmelstor ins Gespräch.
Frau 1: „Wie bist du gestorben?“
Frau 2: „Ich bin erfroren!“
Frau 1: „Wie ist das, zu erfrieren?“
Frau 2: „Am Anfang schüttelt es einen heftig, aber bald spürt man gar nichts mehr! Und wie bist du gestorben?“
Frau 1: „Ich kam nach Hause und sah, wie nervös mein Mann ist. Ich hatte gleich den Verdacht, dass er fremdgeht! Ich rannte ich in die Küche, sah aber nichts Verdächtiges, dann lief ich in den ersten Stock, in den Keller, und als ich dann erfolglos wieder nach oben rannte, bekam ich einen Herzinfarkt vom Rennen und starb!“
Frau 2: „Hättest du doch gleich in der Kühltruhe nachgeschaut, dann wären wir beide noch am Leben!!!“

*

„Papa, wie bin ich auf die Welt gekommen?“
„Na gut mein Sohn, irgendwann hätten wir dieses Gespräch ja führen müssen. Also: Der Papa hat die Mama in einem Cybercafé kennengelernt. Später haben sich der Papa und die Mama in einem Chatroom getroffen, die Mama hat ein paar Downloads von Papas Memorystick machen wollen. Als der Papa dann fertig für das Uploaden war, merkten wir plötzlich, dass wir keine Firewall installiert hatten. Leider war es schon zu spät, um Cancel oder Escape zu drücken und die Meldung ‚Wollen Sie wirklich uploaden?‘ hatten wir in den Optionen unter Einstellungen schon am Anfang gelöscht. Mamas Virenscanner war schon länger nicht upgedated und kannte sich mit Papas Blaster-Wurm nicht so recht aus. Wir drückten die Entertaste und Mama bekam die Meldung: ‚Geschätzte Downloadzeit 9 Monate.’“

*

Wie man „standesgemäß“ stirbt:

Der Gärtner beißt ins Gras.
Der Koch gibt den Löffel ab.
Den Elektriker trifft der Schlag.
Der Pfarrer segnet das Zeitliche.
Der Maurer kratzt ab.
Der Schaffner liegt in den letzten Zügen.
Der Agnostiker muss dran glauben.
Der Zahnarzt hinterlässt eine schmerzliche Lücke.
Der Gemüsehändler schaut sich die Radieschen von unten an.
Der Fechter springt über die Klinge.
Die Putzfrau kehrt nie wieder.
Der Anwalt steht vor dem jüngsten Gericht.
Der Autohändler kommt unter die Räder.
Der Kfz-Mechaniker schmiert ab.
Der Förster geht in die ewigen Jagdgründe ein.
Der Gynäkologe scheidet dahin.
Die Wäscherin verbleicht.
Der Rabbi geht über den Jordan.
Der Optiker schließt für immer die Augen.
Der Tenor hört die Englein singen.
Der Spanner ist weg vom Fenster.

Adventmail 2025/21 (Anfang/Ende)

Das Damengambit ist nicht nur eine der erfolgreichsten Netflix-Serien der letzten Jahre (empfehlenswert!), sondern auch eine häufig gespielte Schacheröffnung. Sie folgt der Idee, den weißen c-Bauern gegen den etwas stärkeren schwarzen Damen-Bauern zu tauschen und sich z.B. mit dem aufrückenden Königsbauern (e2–e4) eine Bauernmajorität im Zentrum zu verschaffen.
Wer von euch nicht Schach spielt, wird mit den folgenden „goldenen Regeln“ der Spieleröffnungen nicht viel anfangen können:

– Besetze falls möglich das Zentrum (die vier Felder in der Mitte des Schachbretts d4, d5, e4, e5) mit eigenen Bauern. Oder mache einen Zug, der auf das Zentrum einwirkt, z. B. 1. c4.
– Entwickle in der Regel erst die Leichtfiguren, und zwar erst Springer, dann Läufer.
– Sorge möglichst früh für eine sichere Positionierung des Königs durch die Rochade.
– Ziehe jede Figur in der Eröffnung möglichst nur einmal.
– Entwickle die Figuren so, dass sie ihre maximale Wirksamkeit erzielen (also beispielsweise Sb1–c3 und nicht Sb1–a3).
– Bringe die Dame und die Türme nach der Entwicklung der Leichtfiguren und der Rochade ins Spiel.
– Überlege Dir Bauernzüge besonders gut, weil Du sie nicht rückgängig machen kannst.

Ich lernte Schach als kleiner Volksschüler von einem entfernten Bekannten. Am meisten spielte ich in der Schulzeit – Turniere mit Schulkollegen des BG Kapfenberg in Freistunden und Pausen. Danach kaum mehr, obwohl ich Schach für eines der besten Spiele halte, das man zu zweit spielen kann. Meine Liebste meint jedoch, sie verliert schon oft genug bei „Kartograph“, „My City“ oder „Patchwork“ gegen mich … seufz

Adventmail 2025/20 (Anfang/Ende)

Ich hab gezögert, etwas so was Persönliches hier zu schreiben. Aber der Tod meines Stiefvaters war einer der biografischen Anknüpfungspunkte für die diesjährige Themenwahl Anfang/Ende und mein Umgang damit könnte auch für „Fernstehende“ interessant sein.

Sepp ist tot. Als ich diese WhatsApp-Nachricht bekam, war ich radelnd in Dänemark unterwegs, am Beginn einer zweieinhalbwöchigen Tour durch Skandinavien und Norddeutschland (https://www.robertmitschaeibl.eu/?p=2177). Kurz vor Reiseantritt war schon klar, dass der 78-Jährige unheilbar an Krebs erkrankt ist, dass er – nur 3 Wochen nach der Diagnose –im KH Leoben in die Palliativstation verlegt wird. Dass der Tod so schnell eintritt, machte mich fassungslos. Und löste einen Schwall an Erinnerungen aus. Viele davon unerfreulich, denn mein Verhältnis zu Sepp war seit jeher getrübt.

Die Übersiedlung 1969 nach der Hochzeit mit dem zehn Jahre jüngeren Elektriker aus Kapfenberg in dessen dortiges Elternhaus bezeichnete meine davor alleinerziehend in Bruck lebende Mutter als größten Fehler ihres Lebens. Bald kam mein Bruder auf die Welt, die Spannungen zwischen meiner Mutter und ihren Schwiegereltern verstärkten sich, Sepp stand dazwischen. Mich nahm er in Kauf, beachtete mich wenig, wollte nie mein Vater sein, zumal er nun ja einen „richtigen Sohn“ hatte und 8 Jahre später auch eine Tochter. Die Ehe war – auch nach dem Wechsel in eine Mietwohnung – über viele Jahre unglücklich, wird erst heute von meiner jetzt verwitweten Mutter verklärt. Auch ich hatte eine familiär unglückliche Jugend, bekam von Sepp zu hören, dass er mich am liebsten los wäre. Ich war ein schlechter Schüler, las viel und weitete meinen Horizont erst so richtig mit Beginn des Studiums in Graz.

Als Familienvater kam ich regelmäßig aus Wien auf Besuch ins von Sepp fast im Alleingang neu gebaute Familienhaus nach Kapfenberg. Unser Verhältnis war über Jahre eine Art Stillhalteabkommen. Besuche mied ich erst, als ich bei einem Erbgespräch erneut explizit zu hören bekam, dass mich Sepp nicht als Teil seiner Familie betrachtet.

Die Trauer meiner Mutter und meiner Geschwister über seinen Tod berührt auch mich. Und ich sehe Sepp differenziert – neben seiner Grobheit auch seine Fähigkeiten als Handwerker und Baumeister oder seine Fürsorge für meine zur Greisin gewordenen Mutter in den vergangenen Jahren.

Beim Begräbnis Mitte September mochte ich in die schönfärberischen Nachrufe zwar nicht einstimmen, wollte aber auch keine „Abrechnung“ am offenen Grab. Ich wies darauf hin, es sei mir wichtig, dass Altlasten nicht zu Klötzen an den Beinen werden, die jede Entwicklung hemmen und de facto unfrei machen. Engherzigkeit und Verbitterung drohen einem, der nicht loslassen kann. Dass ich das konnte, war ein langer Prozess, bedurfte einiger Psychotherapie und wurde erleichtert durch meinen Glauben an einen Gott, der mit Unzulänglichkeiten barmherzig umgeht.

Und noch was sagte ich Sepp, bevor ich ein Blütenblatt ins Erdloch zu seiner Urne warf: Danke für die besten Geschwister, die ich mir wünschen kann…

„Entrüstungswettlauf rund um das Künstlerhaus“

Die Aufregung kam reichlich spät, umso heftiger wird sie nun im Advent von Entrüstungswettläufern geschürt: Die Rede ist von der Ausstellung „Du sollst dir ein Bild machen“, mit der das Wiener Künstlerhaus noch bis 8. Feber 2026 eine Brücke zwischen der christlichen Bildtradition und zeitgenössischer Kunst schlägt. Mehr als einen Monat nach der Eröffnung der Schau und nach wohlwollenden Einschätzungen von kirchlichen Kunstkennern wie „Kulturbischof“ Glettler, Dompfarrer Faber, Jesuit Schörghofer und „Kultum“-Graz-Leiter Rauchenberger brach ein Empörungssturm los.

Die „Österreichische Gesellschaft zum Schutz von Tradition, Familie und Privateigentum“, eine Gruppe katholischer Traditionalisten, sammelt – mit mäßigem Zuspruch – Unterschriften für die sofortige Schließung der Schau; FP-Politiker von Kickl abwärts und der rechte ÖVP-Flügel surfen auf der Empörungswelle mit. Der Tenor: Das Künstlerhaus vertrete eine Agenda von Wokeness und Sexualisierung, agiere antichristlich in einer Weise, wie sie gegenüber dem Islam undenkbar wäre, und dürfe nicht mit Steuergeld gefördert werden.

Was sind die Steine des Anstoßes, mit denen Kritiker die Ausstellungsgestalter und mit ihnen die Wiener Kulturpolitik bewerfen? Inkriminiert werden vor allem ein Pietà-Bild mit Maria als Transfrau mit angedeutetem Penis, eine Priesterfigur als betender Wolf im Schafspelz, ein mit Latexnoppen überzogenes Kruzifix sowie der schon 1990 skandalisierte „gekreuzigte Frosch“ von Martin Kippenberger, den einst auch der über jeden Progressismusverdacht erhabene Bischof Egon Kapellari gegen Blasphemievorwürfe verteidigte.

Das zweite der zehn Gebote besagt, man solle sich kein Bild von Gott machen. Mit ihrem titelgebenden Verstoß dagegen provoziert das Künstlerhaus natürlich – wie dies auch viele kirchlich beauftragte Großwerke der Kunstgeschichte tun. Manche Exponate mögen befremden, verstören. Aber man kann darauf auch anders reagieren als mit Schaum vor dem Mund, nämlich: sich herausrufen (pro-vocare) lassen aus einer allzu vertrauten Ikonographie, einem bequemen Glauben, einem musealen Gott. Wie sagte Bischof Glettler nach der Eröffnung so schön: „Die Ausstellung ist ein Beleg für das unendliche Ringen, dem Geheimnis Gottes, der sich in eine verwundete Welt eingeschrieben hat, irgendwie gerecht zu werden.“ Und die Linzer Kirchenzeitung empfahl: „Du sollst dir selbst ein Bild machen.“ (leicht verändert erschienen in DIE FURCHE 51/52, 18.12.2025)