Mein Camino 3 (Auf Blasen nach Fao und Viana do Conde)

Die für Tag 3 geplante 27km-Etappe wurde durch Anas Tipps noch um einiges länger und mit 42.000 Schritte zur üppigsten meiner Pilgerreise. Zunächst durchquerte ich auf einem der beschriebenen „Holzwege“ ein karges Naturschutzgebiet, das nördlich an Mindelo anschließt. Ich genoss die weitläufige Küstenlandschaft mit Dünen, Feuchtgebieten, artenreicher Vogel- und Insektenwelt und Frühlingsblüten, vor allem die wild wachsenden weißen Calla-Lilien. Dann immer wieder wasserarme, mäandernde Flüsschen, die sich durch Sand und Steine ihren Weg zum Ozean bahnen. Und der blieb imposant, wellenbrechend, rauschend, immer wieder zum Stehenbleiben und Bewundern motivierend.
Es war Samstag, und ich merkte, dass auch die Einheimischen ihre Freizeit gern am Strand und deren Lokale verbringen. Anfangs war es noch morgendlich ruhig, ab der Brücke nach Vila do Conde zunehmend bevölkert. Ich folgte Anas Rat und bestieg nach der Brücke einen Hügel mit dem jetzt zum Luxushotel umgebauten, wuchtig-wehrhaften Karmelitinnenkloster darauf. Die Aussicht von dort auf den Hafen lohnt ebenso wie ein kurzer Aufenthalt in der Franziskanerkirche daneben und der Blick auf das kilometerlange historische Aquädukt de Santa Clara, das am Kloster endet. Durch den Hafen vorbei an einem Piratenschiff ging’s zum wellenumtosten Leuchtturm und davor zur Capela de Nossa Senhora da Guia, wo Fischersfrauen für die erfolgreiche Rückkehr ihrer Männer beteten und – wenn man das weiß – der religiöse Kitsch kaum stört.

Über eine endlose Strandpromenade mit viel Wochenendbetriebsamkeit wanderte ich nach Varzim, bestaunte auch dort eine riesige Azulejo-Wand, auf der das Fischereileben abgebildet ist. Ausgedehnte Sandstrände, die zum Sonnen-, aber noch nicht zum Ozeanbaden einluden, führten mich zu einem Golfplatz, ab dem der Camino weg vom Meer durch das Landesinnere führt. Statt Remmidemmi wieder Ruhe, statt Flaneuren Berucksackte.

Azulejo-Wand in Varzim, ein Zeugnis des Fischerei-Lebens am Atlantik

Immer wieder Kontakt zu anderen Wandernden. An einem Rucksack erkannte ich den walisischen Drachen und sprach dessen Träger darauf an. Der blödelte: „I have my own dragon with me—my wife is going in front …“ – „Don’t say that“, ermahnte ich ihn. „You are on a spiritual, perhaps holy path.“ Da lachte er.
Eine junge Russin, die in Athen Psychologie studiert, ging zuerst mein Tempo, dann ließ sie sich absichtlich zurückfallen. Das respektiere ich. JedeR soll das gewünschte Maß an Alleinsein haben, und im Übrigen finde ich, auch wenn man zu zweit geht, tut es mal gut, einen (Halb-)Tag ganz allein im eigenen Rhythmus zu sein und seinen Gedanken ungestört zu folgen.
Carina aus Dortmund ging auch allein. Sie erzählte mir, gleich am ersten Tag 37 km gewandert zu sein – und im Unterschied zu mir keine Fußbeschwerden zu haben. Wir entdeckten im Gehen rasch viele Gemeinsamkeiten: Carina arbeitet auch in der Medienwelt, ist Redaktionsassistentin einer ZDF-Vormittagssendung, sie liebt Hape Kerkeling und hatte dessen Camino-Bestseller als Hörbuch dabei, sie genießt es zu reisen und tat dies besonders auf unser beider Lieblingsinsel Neuseeland, wo auch sie mehrere Wochen herumtrampte. Bald ergab sich eine vertraute Ebene zwischen der 42-Jährigen und mir, und da wir denselben Ankunftstag in Santiago planten, tauschten wir Telefonnummern aus, um am Ziel ein Glas miteinander zu trinken.

In Fão trennten sich unsere Wege, Carina ging zum Hauptort Esposende weiter. Ich hatschte zum Axis Ofir Beach Resort Hotel, einem Riesenschuppen direkt am Meer, versorgte meine immer stärker schmerzenden Füße. Die vorbeugend mit Blasenpflaster abgeklebte Druckstelle am rechten Fußballen wurde zum Dauerproblem: Das Pflaster verklebte nämlich mit dem Socken, und als ich den auszog, riss ich das Pflaster samt Haut ab und entblößte eine ca. 2-Euro-große „enthäutete“ Stelle. Ich verschloss diese mit einem weiteren Pflaster und quälte mich in den Trekkingsandalen zum Fischschmaus ins nahe, sehr empfehlenswerte Lokal „Jardim“, wohin mich Techno-Klänge von „Black Coffee“ gelockt hatten. Das Essen war jedenfalls besser als der anschließende Sonnenuntergang im Ozean. Tagsüber frühsommerlich sonnig und warm, abends diesig, also wenig Farbenrausch. Ist die Sonne erst mal weg, wird es im portugiesischen April doch recht kühl – hätte doch ein wärmendes Flanellhemd mitnehmen sollen.
Der nächste Tag, ein Sonntag, sollte dann richtig mühsam werden. Anfangs lief es/ich noch gut durch das touristische Esposende. Ich besuchte eine gut gefüllte Kirche während der Sonntagsmesse, erntete aufmunterndes Lächeln, blieb eine halbe Stunde trotz Nixverstan. Dann im gebirgigen Hinterland mit unebenen, steinigen Untergründen litt ich zunehmend. Um den Schmerz am Ballen unter der großen Zehe zu reduzieren, belastete ich den rechten Fuß stärker auf der Außenseite – und knickte prompt einmal um. Der Knöchel scholl gleich mal an, tat aber nicht sonderlich weh. Zunächst nicht.
Ablenkung bot die gemeinsame Wegstrecke mit Susanne, einer hübschen, rund 50-jährigen Holländerin. Zu ihrer Pilgermotivation meinte sie, sie fühle sich leer, ausgelaugt nach ihrer engagierten Sozialarbeit mit Problemschülern und deren Eltern. Nun wolle sie auch einmal etwas für sich tun. Für allein reisende Frauen eigne sich der Camino gut, sie fühle sich sicher. Das sollte ich auch von anderen Wanderinnen noch öfters hören. Frauen dominieren den Camino Portugues, vor allem den Küstenweg, gefühlt sich zwei Drittel bis drei Viertel der Pilgernden weiblich, mehr als die statistisch erfassten 53 Prozent der in Santiago Ankommenden. Und die Männer, gerade die jungen, gehen oft in einem Tempo, als gelte es einen Wettbewerb zu gewinnen.

Nicht mehr geradeaus wie auf den „Holzwegen“, sondern auf kurvigen Waldwegen näherte ich mich Viana do Castelo. Es zieht sich, bis man endlich die von Gustave Eiffel konstruierte, von kaltem Nebel umrankte Eisenbrücke über den breiten Fluss Lima erreicht, und über einen viel zu schmalen Gehsteig neben dichtem Autoverkehr ging ich hoch über dem Wasser in die Stadt. Wieder ein 40.000-Schritte-Tag, und in mir schrie es „Wann bin ich endlich da?“. Das nette Hotel Laranjeira hat eine Toplage in der City, nur hatten montags leider viele Restaurants Ruhetag und ich wählte notgedrungen ein lautes, wenig einladendes am zentralen Hauptplatz Praça da República. Dort suchte ich am nächsten Morgen auch eine Apotheke auf, ein Kompromiss zum von Claudia telefonisch verordneten Arztbesuch. Der Apotheker machte ein entsetztes, mitleidiges Gesicht, als ich ihm ein Foto von meinem Fuß zeigte, und suchte sogleich die größten Pflaster raus, die er finden konnte. Eins davon klebte ich mir gleich vor der Farmacia am dreischaligen Renaissancebrunnen auf die waidwunde Sohle, war mir aber klar, dass heute normales Wandern unmöglich war. Ich erkundigte mich somit nach öffentlichem Verkehr nach Caminha, wo kurz danach mein nächstes Quartier gebucht war. Es sollte ein Bus werden, der für die 30 km ebenso viele Minuten brauchte. Davor nützte ich die gewonnene Zeit für eine Zahnradbahnfahrt zum Monte de Santa Luzia, einer Art Montmartre nördlich der City, wo sich von der Wallfahrtsbasilika Santa Luzia ein schöner Blick auf Viana bietet. Dort hörte ich meinen Namen rufen. Es war Susanne, sie gönnte sich bei toller Aussicht ein kleines Frühstück zu Füßen der Kirche. Die 85.000-Einwohner-Stadt verdiente sicher mehr Aufmerksamkeit, aber wie so oft bei meinem Camino: abends zu erledigt vom Wandern, um noch was anzusehen, morgens beschäftigt mit Aufbruch.

Ein Wort noch zum Frühstück im Hotel Laranjeira: Wir Pilgernden bekamen unaufgefordert Alufolie und Plastiksackerl, um uns von Essen eine Jause herzurichten, auch Äpfel und Bananen. Anderswo ist das explizit untersagt, hier werden Pilger:innen geschätzt und umsorgt. Ich saß mit einer Mutter und Tochter aus Neuseeland zu Tisch, die bereits seit Lissabon unterwegs waren. Es sollten noch Begegnungen mit Mädchen aus Arizona, einem Trio aus Brasilien, Malaysier und einem Bulgaren folgen. Völkerverbindend, dieser Weg zum einst im Krieg gegen die Mauren instrumentalisierten Apostel Santiago!

Auf dem “Montmartre” von Viana do Costelo

Mein Camino 2 (Von Porto nach Mindelo)

Ich hatte wenig geschlafen vor dem Anreisetag, aber ich fühlte mich frisch, als ich vom Flughafen mit der Metro ins Zentrum zur Station Bolhão fuhr. Gleich beim Ausgang die wunderschöne, mit blauweißen Azulejos verzierte Capela de Santa Catarina in der gleichnamigen Einkaufsstraße. Das erste Gebet galt der Bitte um einen guten Verlauf der kommenden zwei Wochen mit rund 260 Kilometern auf dem Camino Portugues. Ich erkundete, bepackt mit meinem Rucksack und der darauf sichtbar platzierten Jakobsmuschel, die charmante Stadt am Douro, gelangte ohne viel suchen zu müssen zur auf einer Anhöhe gelegenen Kathedrale von Porto. Gleich beim Eintritt bekam ich den ersten Stempel in meinen schon aus Wien mitgebrachten Pilgerpass, dem weitere 32 folgen sollten.

… meine Pilgerreise ins 260 km entfernte Santiago-

Auch in der Kathedrale diese herrlichen Fliesen, für die Portugal bekannt ist. Ich erklomm den Turm, von dem aus man eine wunderbare Aussicht auf die Weltkulturerbe-Innenstadt Portos hat, gehe im Kreuzgang herum, setze mich vor den Altar.
Weiter zum Mercado Ferreira Borges und dann hinunter zum Douro-Ufer, dem ich über mehrere Kilometer bis zur Mündung in den Ozean folge. Das Wetter war windig, aber schön. Die Wellen des Atlantiks peitschen sich an Leuchttürmen hoch – ein für meervermissende Österreicher wie mich immer wieder beeindruckendes Schauspiel. Ich erreichte meine erste Nächtigungsadresse, checkte ein, ohne Gastgeber zu sehen, duschte, schmierte die Füße mit Hirschtalg ein, suchte ein bestens bewertetes Restaurant in der Nähe und genoss den ersten Abend mit Bacalhau und Salat. Ein gelungener Auftakt für viele Dinners mit Kabeljau, Sardinen, Tintenfisch, Shrimps und anderem Meeresgetier.

Die umtosten Leuchttürme an der Douromündung in nden Atlantik

Die Motivation von Pilgernden ist höchst unterschiedlich, heißt es immer. Selbsterfahrung, Naturerlebnis, Auszeit, sportlicher Ehrgeiz und spirituelle Vertiefung – ein Gemisch von all dem setzte auch mich in Bewegung. Ich nehme es vorweg: Ich bin vielen Weggefährt:innen begegnet, habe mich nach deren Ansporn erkundigt – und die wenigsten nannten religiöse Gründe. Viel häufiger kam: etwas für mich tun, sich spüren, Abstand vom Alltag gewinnen. Ob Spiritualität im Lauf der Wanderung oder an deren Ziel an Bedeutung gewinnt, wie es mir der Pilgerbeauftragte der Erzdiözese Wien, Leo Führer, in einem Gespräch vorab mitteilte, weiß ich nicht. Jedenfalls sollte man Gott nicht unterschätzen. Wo das Leben durchlässig, ja brüchig wird, kann sein Licht hineinleuchten.
Mir gefällt, was Hape in „Ich bin dann mal weg“ über Religion schreibt. Er sei “eine Art Buddhist mit christlichem Überbau” und wurde durch die Verheißung motiviert, “durch die Pilgerschaft zu Gott und damit auch zu mir zu finden“. Viele von Hapes Freunden hätten sich von Gott abgewandt, nicht zuletzt wegen dessen „Bodenpersonal“. Er dagegen glaubt an Gottes Existenz, „egal ob Gott eine Person, eine Wesenheit, ein Prinzip, eine Idee, ein Licht, ein Plan oder was auch immer ist“. Der Komiker vergleicht Gott mit einem großartigen Film, die Kirche mit dem Dorfkino, in dem das Meisterwerk gezeigt wird. „Die Leinwand hängt leider schief, ist verknittert, vergilbt und hat Löcher. Die Lautsprecher knistern, manchmal fallen sie ganz aus oder man muss sich irgendwelche nervigen Durchsagen während der Aufführung anhören … viele werden hinausgehen und sagen. Ein schlechter Film.“ Jedoch: „Die Vorführung ist mies, aber das ändert nichts an der Größe des Films… ich hoffe, wir können uns den Film irgendwann in bester 3-D- und Stereo-Qualität unverfälscht und mal in voller Länge angucken! Und vielleicht spielen wir dann ja sogar mit!“
Nächster Morgen, erster Caminotag. Ich erwachte irre früh, denn mein Handywecker war noch auf 5 Uhr vom Flugtag eingestellt und in Portugal ist 5 erst 4, denn die haben westeuropäische Zeit. Ich döste vor mich hin, denn Frühstück gab‘s erst um 8. Eine Dreiviertelstunde später war ich on the road. Ich folgte dem Meeresufer. Lange war die Gegend noch städtisch, denn Porto hat zwar wie Graz 250.000 Einwohner:innen, ist aber Teil einer viel größeren Wirtschaftsregion mit 1,7 Mio. Menschen. Große Kreuzungen, Parks mit Joggern, ein riesiges stilisiertes Fischernetz, ein gelber Pfeil als ersten von hunderten Camino-Wegweisern, der bekanntere – die Jakobsmuschel – findet sich oft auch auf Gullys im Asphalt.

Schon am ersten Tag zeigte sich: Die 7,5 kg am Rücken sind kein Problem, werden durch den Hüftgurt des Rucksacks gut verteilt. Als das Terrain endlich weniger städtisch wurde, kamen die ersten „Holzwege“: breite, aus Holzplanken gezimmerte, auf Stelzen stehende Wanderwege nahe am Strand, das Meeresrauschen immer in Hörweite. Ein Genuss! Ich nehme mir vor, meinen mit der FURCHE vereinbarten Camino-Artikel mit einem Wortspiel zu beginnen: Am wohlsten fühlte ich mich auf dem Holzweg… mal sehen, ob es das wird, ich bin noch am Recherchieren.,
Gegen Ende der 22 km, als ich mich dem Zimmer in Mindelo nähere, bemerke ich eine Blase am linken „Ringfingerzeh“. Eine weitere am rechten Fußballen kündigt sich an. Meine mitgebrachten Blasenpflaster würden also bald zum Einsatz kommen.
Zuerst einmal aber Ana. So heißt die beste Gastgeberin, die ich auf meiner Reise kennenlernte. Sie erzählte mir in perfektem Englisch, sie sei früher in der Modebranche beschäftigt gewesen, zum Tourismus zu wechseln sei eine ihrer besten Entscheidungen gewesen und habe ihr einen Zugewinn an Lebensqualität gebracht. Auch wenn Ana zum Empfang der Gäste ihres geschmackvoll eingerichteten und mit vielen Details liebevoll ausgestatteten Gästehaus „On the Way“ jedes Mal aus ihrer Wohnung in Porto anfahren muss und das auch nochmal morgens zum Zubereiten des Frühstücks tut. Das Gästehaus hat nur zwei Zimmer, beide mit Balkon samt Blick in einen hübschen Garten mit Sonnenliegen und Blumen. Ana empfahl mir zwei Restaurants zum Abendessen, in dem von mir gewählten, ca. 1 km entfernten „Sabor a Lenha“ wartete ein Pilgermenü und eine musikalische Überraschung auf mich.
Ich trat um 19h ein, gleich nach der Abendöffnung des urigen Lokals mit traditionell portugiesischer Küche. Außer mir kein Mensch da, denn auf der iberischen Halbinsel isst man erst spätabends. Nein, stimmt nicht, denn auch ein Mann mit Gitarre saß im Gastraum. Und nach etwas 10 Minuten begann er zu spielen – nur für mich, bis nach weiteren 30 Minuten weitere Gäste eintrafen. Niu Gavina – ich ließ mir seinen Namen aufschreiben – interpretierte Songs von den Beatles, den Stones, Shadows, die Filmmusik von „Der Pate“ und Pink Panther“, „Don’t cry for me, Argentina“ u.a. Und während ich Suppe, Gruß aus der Küche, zartestes Kalbfleisch mit Gemüse, Reis und zwei Estrella-Biere genoss, entwickelte sich zwischen ihm und mir eine Art Song-Raten. Und ich erkannte viele der Melodien – zum Vergnügen von Niu. Wir hatten beide Spaß, er spürte meine Wertschätzung und erfüllte mir einen Musikwunsch: „Blackbird“ von den Beatles. Die 10 Euro Trinkgeld, die ich ihm nach zwei Stunden dankbar überreichte, hatte sich der Gitarrist redlich verdient. Ich war happy – was für ein Geschenk!

immer am Ozean entlang – was für ein Erlebnis für einen Binnenländer wie mich!

Am nächsten Morgen lernte ich Lena und Simon kennen, die sich beide schon von Ana und ihrem Mann (?) zum Frühstück bedienen ließen. Sie gebürtige Russin, aber schon unter Breschnew als Kind ausgewandert, er aus Israel stammend, beide jetzt in Kalifornien lebend. Wie sich herausstellte, lehrt Lena international Security am King’s College London und ist ausgewiesene Spionage-Expertin – sie konnte mit den Namen Jan Marsalek und Egisto Ott etwas anfangen. Simon hat viel Humor und prophezeite, dass wir uns auf dem Weg nach Santiago sicher noch einmal sehen werden. Er sollte recht behalten. Lena und Simon wollten einen Tag nach mir am Ziel ankommen, ihr Gepäck ließen sie sich für 6 Euro pro Tag zum nächsten Quartier transportieren.
Ana versorgte uns mit vielen Tipps für die nächsten Wegstrecken und mich auch für meine beiden Abschlusstage in Porto. Man merkt ihr an, dass sie ihr Heimatland liebt und anderen seine Schätze touristisch versiert nahebringen möchte. Ich sagte beim wohlschmeckenden Frühstück mit frischen Früchten, Croissants und frisch gepresstem Orangensaft, ich hätte nun schon am zweiten Tag meiner Wanderschaft ein Problem: Die Qualitätsstandards der Unterkunft bei dir sind so hoch, Ana, dass es ab jetzt nur noch schlechter werden kann. Sie war geschmeichelt, aber ich hatte – wie sich herausstellte – recht. Als ich gegen 9.30h ihr Haus verließ, umarmte mich Ana. Die Sympathie war wechselseitig, und für den Rest meiner Wanderung hielten wir per WhatsApp Kontakt.
Wie Ana sprechen viele Portugies:innen ansprechendes Englisch, und auch ich bekam zunehmend Übung, mehr als nur Small Talk in einer Fremdsprache zu bestreiten. Was mich in Portugal (und dann auch Spanien) trotz aller Freundlichkeit störte, war die Art, wie sie die Betten machen. Leintuch und Decke auf allen Seiten fest unter die Matratze stecken; ohne diese Bewegungseinschränkung zu beseitigen würden sich Mitteleuropäer:innen fühlen wie Mumien in zu engem Schlafsack.

Mein Camino 1 (Vorbereitungen)

Einmal den Camino bis zum Ziel in Santiago de Compostela gehen – das wäre doch ein schönes Projekt nach dem Antritt der Pension, dachte ich. Im Kopf spukte mir dieser Plan schon länger herum, angestoßen durch einen Besuch in der galicischen Hauptstadt während einer Portugal-Autotour mit Freunden 2012, durch Kinofilme wie die Komödie „St. Jacques – pilgern auf französisch“ (2005), „Dein Weg“ mit Martin Sheen (2010), „Mein Weg – 780 km zu mir“ vom Australier Bill Bennett (2024) und die Hape-Kerkeling-Adaption „Ich bin dann mal weg“ (2015); den letzten Anstoß gab die vergnügliche Buchvorlage des deutschen Comedy-Stars mit demselben Titel, die ich 2025 las.
Ich machte mich schlau, wie so ein Camino anzugehen wäre. Entschied mich gleich mal für die deutlich kürzere Variante zum populären, 800 km langen Camino Francés: Von Porto aus sollte es losgehen, gut machbar in 2 Wochen, gut erreichbar durch einen Direktflug aus Wien, zudem ein höchst einladender Ausgangs- und Zielort meiner Reise.
In den Social Media gibt es Dutzende Camino-Gruppen, dort holte ich mir ebenso Tipps wie auf Seiten wie www.jakobsweg.de, sah mir YouTube-Videos an – und plante die Etappen. Elf Wandertage sollten es werden einschließlich des Anreisetags mit Fußmarsch von einer zentralen Metrostation in Porto bis zum ersten Quartier am westlichen Stadtrand. Wie Hape Kerkeling wollte ich mir den Luxus von durchwegs vorab reservierten Einzelzimmern mit eigenem Bad und WC gönnen, für Hostels mit Stockbett-Ansammlungen ohne jede Privatsphäre fühle ich mich zu alt.

Die folgenden beiden Karten sind (verkürzende) Google-Maps-Kopien meiner Strecken in Portugal (links) von Porto nach Valenca und Spanien (rechts) von Valenca nach Santiago.

Zu meiner Vorbereitung gehörten lange Spaziergänge, meist entlang der Alten Donau, mit unterschiedlichem Schuhwerk. Dabei schieden die knöchelhohen Bergschuhe aus, weil zu klobig, zu schwer, und ins Gebirge würde gerade der von mir präferierte Küstenweg entlang des Atlantiks ja nicht führen. Ich entschied mich nach mehreren 20.000-Schritte-Wanderungen für gut eingelaufene Trekking-Schuhe und nicht für die leichteren, jedoch nässeempfindlichen Jogging-Schuhe. Was wohl ein Fehler war.
Und der Rucksack, so hieß es, sollte maximal 10 Prozent des Körpergewichts schwer sein. Das schaffte ich handgepäcktauglich mit 7,5 kg genau, beschränkte mich bei der Kleidung auf das notwendigste und schnellst trocknende, Rei in der Tube kam jedenfalls mit, ebenso Kamera, Ladegeräte und als einziges Buch ein Neues Testament im Taschenbuchformat. In dem las ich letztlich nicht einmal eine Seite; die Behelfs-Lesebrille nach zwei erst kurz vor Reiseantritt absolvierten Katarakt-Operationen erwies sich als ungeeignet für längeres Lesen der 9-Punkt-Schrift, die Buchstaben verschwommen wohl nicht nur aus Müdigkeit. Die spirituelle Erbauung musste somit anders erfolgen.

Was ein Camino-Pilger so alles braucht. Viel ist es nicht. Und es fehlte ein warmes Hemd für kühle Abende.

Meine etwas – wie soll ich es nennen? – ermattete Religiosität zu beleben war eine Hoffnung, die ich mit dem Jakobsweg verband. Vielleicht würde der tägliche äußere Aufbruch auch einen innerlichen anregen, dachte ich mir. Hape schrieb von Gottesbegegnungen, zu denen es komme, wenn man sie geschehen lässt, sich „leer“ macht, offen, durchlässig. Mir hing dabei noch ein Gespräch nach, das ich kürzlich mit meiner besten Freundin über den Glauben hatte. Sie, obzwar studierte Theologin, sieht als nunmehrige Psychotherapeutin die christliche Vorstellung eines liebenden, gütigen Gottes als psychologisch erklärbares Bedürfnis nach Angenommen-sein durch ein imaginiertes höchstes Wesen. Mir ist das zu wenig, und Gott kann manchmal ganz schön unbequem sein und sich querlegen, wenn es um Vertröstung und Selbstbestätigung geht.
Kurz nach meiner Ankunft in Porto um 9.30 Ortszeit sah ich bei der Metrofahrt ins Zentrum eine Jesus-Skulptur mit ausgebreiteten Armen in einem Vorgarten, eine Miniaturausgabe der Statue Santuário de Cristo Rei jenseits der Tejo-Brücke in Lissabon. Ein schöner Willkommensgruß, dachte ich und freute mich auf das Kommende.