Besuch in der Villa Beer, 1.4.2026

Das viergeschoßige Villengebäude in der Wenzgasse 12 in Wien-Hietzing wurde in den vergangenen Jahren liebevoll renoviert und kann seit März im Rahmen von Führungen besichtigt werden – und das lohnt sich absolut, wie der Besuch von Claudia und mir an einem sonnigen Frühlingstag ergab. Die erst seit 1987 denkmalgeschützte Villa ist architektonisch eine Wucht, der von der wohlhabenden jüdisch-liberalen Familie Beer beauftragte Architekt Josef Frank gestaltete die rund 800 m² Wohnfläche mit unterschiedlichen Raumhöhen und Bodenniveaus, die auf die jeweiligen Bedürfnisse der Eigentümer wie auch der Bediensteten eingehen sollten, und designte auch das Interieur.

Der Haupteingang unter dem kubischen Erker, rechts daneben der Dienstboteneingang, links im Bild die Terrasse (dazu hier unsichtbare Balkone) mit Blick auf den herrlichen Garten

Anders als meine Vermutung wurde das Haus nicht arisiert. Julius Beer, Mitinhaber einer Kautschukfabrik, und seine Frau Margarete wollten einen geeigneten Ort für Empfänge und musikalische Abendveranstaltungen schaffen, bewohnten das Haus ab 1931 aber nur ein Jahr lang. Dann geriet Beer in finanzielle Schwierigkeiten und mussten vermieten – u.a. an damalige Musikgrößen wie Richard Tauber, Jan Kiepura mit Marcel Prawy sowie Marta Eggerth. Noch vor der Machtübernahme der Nazis wurde das Grundstück geteilt, die Villa versteigert und 1941 vom Textilunternehmer Harry Pöschmann erworben, dessen Familie hier wesentlich länger wohnte.

Man kann hier auch übernachten, in diesem Haus voller Treppen und unterschiedlicher Niveaus

Die Familie Beer emigrierte in die USA – bis auf die behinderte Tochter Elisabeth, die kein Visum bekam und dem NS-Rassenwahn zum Opfer fiel.
Der ebenfalls jüdisch-stämmige Architekt Josef Frank entwarf neben Familienwohnhäusern auch Gemeindebauten in mehreren Wiener Bezirken. Er emigrierte bereits 1933 nach Schweden und setzte als dortiger Staatsbürger sein Schaffen fort. Mit der Villa Beer hinterließ er Wien ein echtes Schmuckkästchen, das fast ein Jahrhundert nach der Entstehung noch modern und innovativ wirkt. Die Führung in der Karwoche stieß auf großes Interesse, rund 20 Personen unseres Alters nahmen tlw. mit bödenschonenden Schuhüberziehern daran teil.