Wienführung für Besserwisser mit Guide Wolfgang Reisinger, 27.9.2025 ******

Wisst Ihr, was ein „Dachhase“ ist? (1) Aus welcher Nation die größte Minderheit in Wien komme? (2) Wie lange es auf Wiens Straßen Linksverkehr gab? (3) Und was bedeutet es, wenn ein Fiaker eine Porzellanfahrt macht? (4) Oder hättet Ihr vermutet, dass bei Beethovens Begräbnis 20.000 Verehrer im damals noch deutlich kleineren Wien mittrauerten, bei Falcos dagegen „nur“ 5.000? Dass der kleine, große Napoleon in der Augustinerkirche eine Enkelin von Kaiserin Maria Theresia heiratete, ohne selbst anwesend zu sein?

Solche Staunen machenden Bildungsschätze erschloss mir und den gut 20 Gästen meiner Geburtstagsführung durch Wien unser Guide Wolfgang Reisinger am Tag nach meinem Jubelfest, dem 27. September. Ich hatte mich im Internet schlau gemacht, wer sowohl Wissenswertes als auch Unterhaltsames bei einem Spaziergang durch die Innenstadt vermitteln könnte – und ich gestehe, meine Recherchen als Redakteur waren nicht immer so ins Schwarze treffend wie diesmal: Wolfgang machte, da waren wir uns einig, einen Superjob. Keine Vorträge an Overtourism-Plätzen, sondern Ratespiele an gut ausgewählten Nischen, bei denen nicht nur die Besserwissenden mit Pez-Zuckerl als Pluspunkten belohnt wurden, sondern auch jene, die witzig-originelle Falschantworten ablieferten. Wie mein jüngster Sohn Fabian, der die Frage nach der Bezeichnung für einen mit Alkohol angereicherten Einspänner-Kaffees schlagfertig „Entspanner“ antwortete.

Wir waren in Gruppen aufgeteilt, die in Plastiktrinkbechern ihre errungenen Pez-Punkte sammelten. Die Route führte von der Albertina über den Schweizerhof und den Graben zum Platz Am Hof. Und dank meiner Mitwissenden Helga, Gaby und Martina hatte meine Gruppe am Schluss die meisten Pezis gehortet. Das wurde von Guide Wolfgang mit dem Buch „99 Fragen zu österreichischen Sehenswürdigkeiten“ belohnt. Nach diesem Geburtstag hab ich jetzt viel zu lesen 😉

Führung „Wien für Besserwisser“, Standort Albertina, ich mit PEZ-Sammelbox

Falls es wen interessiert, über den Startpunkt Albertina habe ich mir Folgendes gemerkt: Der Name des heute international renommierten Museums geht auf ein unter Hochadeligen seltenes Liebespaar zurück: Marie Christine (1742-1798), die Lieblingstochter Maria Theresias, wohnte in dem Gebäude hinter der (erst später errichteten) Oper mit ihrem Gemahl und Cousin 2. Grades, Albert von Sachsen-Teschen. Andere Nachkommen der Kaiserin trafen es nicht so gut wie die beiden Turteltäubchen – obwohl bei ihrer Hochzeit 1766 wegen des Todes des Kaiserinnengemahls Franz Stephan von Lothringen schwarz getragen wurde. Marie Antoinette und andere mussten sich der Heiratspolitik der Habsburger beugen. Albert und Marie Christine wurden zu Begründern der heutigen Kunstsammlung, die nach den Vornamen der beiden Eheleute ALBER- und -TINA benannt ist.

Danke, Wolfgang, für die höchst anregenden 2 Stunden mit dir und die Vermittlung unPEZahlbaren Wissens. Und sehr nett, dass du für die eingestreuten Fragen über das Geburtstagskind zum bisher aufmerksamsten (?) Leser meiner Website wurdest. Übrigens: Wolfgang lässt sich buchen.

(1) scherzhafte Umschreibung für Hauskatze (2) Serbien (3) bis zur Machtergreifung Hitlers 1938 (4)“Sehenswürdigkeiten“ finden sich bei geschlossener Kutsche und betont langsamer Fahrt eher unter dem Rock der mitfahrenden Dame

Releasekonzert Florian Pichlbauer, VIA – Piano & Arts Center, Wien *****

„Danke für das schöne Geburtstagskonzert“, sagte ich anschließend dem jungen Komponisten, bei dessen Erstlingsveröffentlichung ich an meinem 66er dabei war. Florian spielte auf einem Bösendorfer aber nicht nur – als abschließenden Höhepunkt – den in Paris komponierten, auf dem Label Supreme Music Group publizierten „Valse No. 1“. Davor als Einstieg zwischen Barock und Klassik angesiedelte Präludien, dann vier Romanzen und eine Fantasie (wobei ich den Unterschied der Kompositionsformen erst googeln musste). Alles Eigenkompositionen und sehr hübsch anzuhören. Ich hatte beim Zuhören Assoziationen zu Filmmusik und Bilder im Kopf: laufen auf einer sonnenbeschienenen Blumenwiese, sanfte Wellen am Meeresstrand, bei den Mollstücken nachdenkliche Blicke aus dem Fenster in eine Regenlandschaft.

Ich bin positiv voreingenommen, was Florian Pichlbauer (27) betrifft: Er ist der Sohn von langjährigen, musikaffinen Freunden von mir, ich kenne ihn seit ichweißnichtwann. Und er ist Sturm-Graz-Fan. Aber ganz unabhängig von diesen Pluspunkten beeindruckt mich seine musikalische Bandbreite: Dass er auch auf der E-Gitarre und als Sänger überzeugt, weiß ich spätestens seit dem Geburtstagsfest seiner ebenfalls kreativen Schwester Johanna (sie ist Designerin), wo er mit seiner Rockband „The Kronskies“ auftrat.

Diese Seite seines Schaffens wird auf seiner Website aber nur am Rande erwähnt. Ich wünsche Florian jedenfalls noch viele ähnlich frenetisch beklatschte Konzerte und größere Hallen als der Raum im Untergeschoss in der Wiener Salztorgasse, wo die Luft durch die rund 50 Interessierten gegen Ende hin etwas stickig wurde…

Und wer Talent hat, hat auch Groupies: Nach dem Releasekonzert sprach eine Dame den jungen Komponisten an, die ein T-Shirt mit ihr unbekannten Musiknoten darauf trug. Florian setzte sich ans Klavier und gab zur Freude der Betreffenden eine Zugabe – gespielt nicht vom Blatt, sondern vom Busen, gewissermaßen. Seine Stücke gefielen mir besser.

Camino Portugues, April 2026

im kommenden Frühling werde ich zum Jakobsweg-Pilger, und zwar auf der kleinen Schwester der fast schon überlaufenen Strecke von Saint Jean in den Pyrenäen nach Santiago de Compostela. Aber auch der von mir bevorzugte Weg von Porto die Atlantikküste entlang ist mittlerweile voll vom Wallfahrtsboom erfasst.

Und es gibt etliche Social-Media-Gruppen zum Camino Portugues und seinen Varianten und die offenbar sehr brauchbare Website https://camino-portugues.de.

Noch lieber wäre mir aber unmittelbare Erfahrung als Hilfe bei der Vorbereitung: Wer selbst schon pilgernd unterwegs war oder jemanden kennt, der/die etwas davon mitteilen möchte, möge sich bitte bei mir melden.

„22 Bahnen“ (Mia Maariel Meyer, D 2025) ****

Die Mathematikstudentin Tilda, die mit ihrer alkoholsüchtigen Mutter und ihr jüngeren Schwester Ida in einer tristen Kleinstadt lebt, hält mit ihrer Fürsorge und Beständigkeit das prekäre Familienleben zusammen. Raum für sich selbst findet sie nur im Schwimmbad, wo sie stets 22 Längen schwimmt und (bei Regen) mit ihrer Herzensschwester badet. Als ihr eine Promotionsstelle in Berlin angeboten wird, die sich mit ihrem bisherigen Alltag kaum vereinbaren lässt, lehnt sie diese zunächst ab; die Vorstellung, mehr Raum für ein eigenes Leben zu gewinnen, setzt sich aber in ihrem Kopf fest.

Zunehmend wichtiger wird der unnahbar scheinenden Tilda, beeindruckend dargestellt von Luna Wedler, der ebenfalls schwimmbegeisterte Viktor. Er ist der ältere Bruder ihres früheren Freundes Ivan, der bei einem Autounfall ums Leben kam – wofür sich Tilda schuldig fühlt, weil sie Ivan am Abend vor der Fahrt zu einer Party mit Drogenkonsum animierte.

Der schnörkellose Film jenseits jeder Romantisierung ist eine gelungene Adaption des gleichnamigen Erfolgsromans von Caroline Wahl aus dem Jahr 2023. Im Jahr darauf erschien „Windstärke 17“, in dem Schwesterchen Ida im Mittelpunkt steht (und jüngst erschien bereits das nächste Buch der erst 30-Jährigen Autorin). Ob darin die im Film offen bleibende Frage geklärt wird, was aus der bei ihrer verantwortungslosen Mutter verbleibenden Ida wird, weiß ich nicht. Unserer Kinomittwochrunde kam das Ende der Handlung etwas zu schnell. Ging mir auch so, und außerdem blieben die Charaktere neben den beiden Schwestern – die suchtkranke Mutter und der mysteriöse Viktor – zu skizzenhaft. Dennoch ein Film, den ich spannend fand.

KA-Salon „Brot, Wein und Bildung“

Fortsetzung der hochkarätig besetzten KAÖ-Gesprächsabende in lockerer Atmosphäre, diesmal (am 22.9.25) mit Bildungsminister Christoph Wiederkehr und der Ordensschulverantwortlichen Maria Habersack. Beide engagiert und kompetent, das ergab mit einem fachkundigen Publikum einen anregenden Abend in der Spiegelgasse.

Wiederkehr, Moderator Immervoll, Habersack auf dem Podium im KA-Salon, Spiegelgasse

Nur, es ist halt so mit dem Thema Bildung in Österreich: Es ist ein ideologisches Exerzierfeld, auf dem Parteipolitik deutlich mehr zählt als wissenschaftlich-pädagogische Erkenntnisse. Und der Föderalismus mit der damit verbundenen Kompetenzzersplitterung trägt das seinige dazu bei, dass die Bildungslandschaft hierzulande wirkt wie eine verblassende Schwarzweißaufnahme aus grauer Vorzeit.

Dabei läge auf der Hand, was wirklich Verbesserungen schaffen würde und woran es krankt: Strukturen und Inhalte wirken wie aus der Zeit gefallen, der Fächerkanon ist viel zu starr. Wann bitte hab ich in meiner Schulzeit etwas im Leben Brauchbares über Verträge abschließen, Geld anlegen, gesund ernähren, Medienerziehung … gehört – und ich fürchte, nein: weiß, dass sich seit 40 Jahren immer noch dieselben Defizite zeigen.

Wiederkehr nannte als seine Vision, dass alle Schüler:innen gerne in die Schule gehen; nur: fast alle verlieren die anfängliche Neugier und Begeisterung rasch, Interesse und Eigenmotivation sinken spätestens nach der Volksschule.

Was sicher auch daran liegt, dass die Schule hierzulande defizitorientiert ist. Statt Talent zu fördern, liegt der Fokus auf Fehlern. Viele Begabte wenden den Großteil ihrer Energie für den Erfolg in Fächern auf, die sie nicht interessieren bzw. in denen sie Probleme haben.

Und: In Österreich wird Bildung „vererbt“: Sprösslinge aus bildungsfernen Schichten werden viel zu wenig ermutigt, einen anderen Lebensweg einzuschlagen als ihre Eltern. Bei Migrantenfamilien ist diese Problematik nochmal deutlicher ausgeprägt.

Wichtig wäre auch mehr Augenmerk auf lebenslanges Lernen. Bildung ist ja nicht nur ein Thema für die Kindheit und Jugend; die Volkshochschulen reichen längst nicht aus, um auch Ältere zur Horizonterweiterung anzuhalten.

Somit wirft jede Bildungsdiskussion in Österreich Problemfelder auf, die zum Namen des zuständigen Ministers passen: Wiederkehr.

Kurzurlaub am Glatzl-Bauerhof, St. Lorenzen am Wechsel, 15.-19.9.2025

Einige Tage „Erholungsurlaub“ von der zweieinhalbwöchigen Radtour durch Skandinavien mit meiner Liebsten in einer Gegend, die wir für unsere Hochzeit vor 7 Jahren nutzten. St. Lorenzen am Wechsel ist nicht sehr weit weg von der Bratlalm in Wenigzell, dem Ort unserer Feier. „Nicht weit“ meint Luftlinie, mit dem Auto ist es wegen der sich durch die idyllische Landschaft mäandernde Schmalspurstraße eine gute halbe Stunde.

Glatzl ist der Vulgo-Name, unsere sehr netten Gastgeber heißen – wie viele im Wechselgebiet – Pichlbauer. Wir hatten eine kleine Ferienwohnung im Haupthaus, falls wir wiederkommen, könnte eines der beiden etwas tiefer am Hang gelegenen Häuschen unser Domizil werden. Einer der beiden Esel der Gastgeber (sie haben auch ein Pony, Schweine. Katzen und Kaninchen) sorgte für morgendliches Kikeriki (in dem Fall natürlich I-a). Sonst war es herrlich ruhig bis auf den Bäcker, der früh seine Weckerl und Kipferl brachte.

Blick vom Haupthaus des Glatzl-Bauernhofes auf Tiere (links), Garten (rechts) und die beiden Ferienhäuschen (unten); rechts von den Häusern liegt versteckt der Badeteich

Uns es gibt die von den Pichlbauers betriebene Trahütten-Alm auf 1.300 m Seehöhe, die in etwa zwei Stunden zu Fuß erreichbar ist – wie auch das Ferienhaus mit herrlicher Aussicht in die Landschaft, „bei gutem Licht bis zum Triglav in Slowenien“, so der Gastgeber.

Sehr erholsam, das alles, und zu einem fairen Preis.

Ausflüge machten wir (an einem Regentag) in die Therme Loipersdorf, nach Pöllau, Vorau, zur traumhaft gelegenen Flourl´s Schenke und natürlich auf die Bratlalm. Claudia zusätzlich nach Hartberg, während ich meinen Radreisebericht in den mitgebrachten Laptop tippte…

Kafka-Abend „Milena!“, Lesung im Radiokulturhaus, 20.9.25

„Literatur im Dialog“ nennt sich der Lesungsreigen mit den Schauspieler:innen Nicholas Ofczarek und Tamara Metelka sowie dem Violinisten Nikolai Tunkowitsch, die der Reihe nach Rilke, Kafka und Bernhard in den Mittelpunkt ihrer Abende im Radiokulturhaus stellen. Und vielleicht war es keine so gute Idee, vor der Veranstaltung im nahen „Stöckl im Park“ einen Zwiebelrostbraten mit böhmischem einzunehmen – oder aber das Wechselspiel von Briefpassagen des Einzelgängers Franz K. und seiner Freundin und Übersetzerin Milena Jesenská und den eingestreuten „Das Glück is a Vogerl“-Variationen des Geigers geriet zu anstrengend… Jedenfalls war die einsetzende Müdigkeit ein harter Gegner an diesem Abend, der auch von meinen Begleiterinnen C., S. und H. nur mit Mühe im Zaum gehalten werden konnte. Im Zwiebelsfall Letzteres.

Kafka war ja schon ein schräger Vogel, ein zwanghafter Schmerzensmann und gefühlsintensiver Bürohengst, ungeachtet seiner grandiosen und auch heute, 100 Jahre nach seinem Tod, noch gut lesbaren Texte. Die Briefe an seine Vertraute Milena, die als aufmüpfige Kommunistin 1944 im KZ Ravensbrück starb, waren mir zu anstrengend, zu verschroben, zu skrupulös.

Jesenska schrieb unmittelbar nach dem Tod Kafkas am 3. Juni 2024 einen Nachruf für eine Prager Zeitung, der wie folgt beginnt: Franz Kafka. Vorgestern starb im Sanatorium Kierling in Klosterneuburg bei Wien Dr. Franz Kafka, ein deutscher Schriftsteller, der in Prag gelebt hat. Es kannten ihn hier nur wenige, denn er war ein Einsiedler, ein wissender, vom Leben erschreckter Mensch. Er litt bereits jahrelang an einer Lungenkrankheit, und obwohl er sie behandeln ließ, hat er sie doch auch bewusst gehegt und geistig gefördert. »Wenn die Seele und das Herz die Bürde nicht mehr ertragen, dann nimmt die Lunge die Hälfte auf sich, damit die Last wenigstens einigermaßen gleichmäßig verteilt sei«, schrieb er einmal in einem Brief, und so verhielt es sich auch mit seiner Krankheit.

Den Kafka-Sammelband aus meiner Studienzeit als Germanist möchte ich mir gerne wieder mal hernehmen…

Radreise Hamburg – Göteborg – Kopenhagen – Hamburg (26.8.–12.9.2025)

Wie im Vorjahr starte ich mit dem ÖBB-Nightjet nach Hamburg, nur diesmal danach nicht die „Hanseroute“ entlang der Ostseeküste bis Danzig, sondern nordwärts über Flensburg nach Dänemark und Schweden (siehe Landkarten), ab Göteborg wieder südwärts bis nach Helsingborg, per Fähre wieder auf vier dänische Inseln und via Fehmarn zurück nach Hamburg.

Ich mag den Norden. Und gerade im Sommer empfiehlt es sich, die Hitze in Südeuropa zu meiden. Kattegat statt Adria, Dünen statt Macchia, kühle Brisen statt Waldbrände, Smörrebröd statt Pizza – so meine Präferenz. Und Baden muss ja nicht unbedingt sein; ich hatte nicht einmal eine Badehose in meine Radtaschen gepackt.
Nach der ersten Nacht in der engen, aber sehr funktionalen Schlafkoje des Nightjets nahm ich noch einen Anschlusszug nach Schleswig, um mich am ersten Radtag über 50 km nach Flensburg erst einmal „einzurollen“. Es sollte meine kürzeste Etappe werden. Von Schleswig ist mir vor allem der beeindruckende St.-Petri-Dom in Erinnerung – eine gotische Backsteinhallenkirche mit romanischem Portal, mit dem prachtvollem Bordesholmer Altar aus Eichenholz, daneben eine mehr als 4 m hohe Christophorus-Statue ebenfalls aus Eichenholz. Ich besuche Kirchen auf meinen Radreisen ja gerne und öfter als jene in Wien. Sie sind meist menschenleer (dann singe ich darin schon mal Donna nobis pacem) und bestens geeignet für Ruhe- und Nachdenkpausen.
Und zum Nachdenken gab’s auf dieser Reise viel: Am Beginn der Reise, Dienstag, 26. August, war klar, dass mein nur 12 Jahre älterer Stiefvater Sepp auf der Palliativstation in Leoben im Sterben liegt. Ich hatte zeitlebens kein gutes Verhältnis zu ihm, und als dann Donnerstagfrüh die Todesnachricht eintraf, fand ich die räumliche Distanz zu dem an Bauchspeicheldrüsenkrebs Verstorbenen irgendwie passend zur persönlichen. Viele Erinnerungen an meine familiär nicht sehr schöne Jugendzeit kamen hoch, zugleich Betroffenheit über einen Tod, der sich erst drei Wochen vor dem Eintreten angekündigt hatte, und Mittrauern mit meiner zur Witwe gewordenen Mutter und meinen jüngeren Geschwistern, die das Beste sind, was mir Sepp hinterließ. Durch die sanft hügeligen Agrarlandschaften Dänemarks radelnd wuchs in mir die Gewissheit: Es ist wichtig, sich von „Altlasten“ zu lösen und „es gut sein zu lassen“ statt verbittert zu werden.
In Flensburg war ich vor Jahren schon mal auf einer Radtour durch den Norden Deutschlands (mit dem Emil-Nolde-Museum in Seebüll als Höhepunkt); damals brachte mich eine einparkende Frau auf dem Fahrradstreifen zu Fall und entschuldigte sich danach mit Wundpflastern und Kaffee. Das diesmal unangenehmste in der nördlichsten Stadt Deutschlands war das Quartier an einer vielbefahrenen Straße: ein Zimmerchen mit Gemeinschaftsbad/WC im Hotel Hygge, was im Dänischen so viel wie gemütlich oder kuschelig bedeutet. Flensburg hat Charme. Einen netten Hafen, eine Fußgängerzone mit einer Besonderheit, die mir eine Einheimische erklärte: Die Hunderten hoch oben an quergespannten Seilen hängenden Schuhpaare gingen auf einen Bubenstreich zurück: Wer in Flensburg lebte und wegzieht, deponiert ein Paar da oben in luftiger Höhe. Es werden immer mehr… Abends aß ich norddeutsch: Holsteiner Sauerfleisch mit Bratkartoffeln. Danach noch zwei Stunden in einem netten Programmkino: „Der Salzpfad“ war zwar nicht das Gelbe vom Ei, machte aber Appetit auf meine im Frühjahr geplante Wanderung auf dem Camino Portugues nach Santiago de Compostela.

1.470 Kilometer Gesamtstrecke

Am Beginn solcher Reisen „fremdle“ ich noch mit dem Ausgesetztsein und den damit verbundenen Unsicherheiten: Werde ich gesund und fit bleiben? Was, wenn ich eine Panne mitten in der Einschicht habe? Haut alles mit den Unterkünften hin, mit den vier Fähren, die ich benützen will? Die Hotels, Pensionen, Privatquartiere hatte ich durchwegs vorreserviert, wie schon bei den fünf vorangegangenen Radtouren, seit ich das Cannondale-E-Bike zum 60er bekam (2024 Hamburg-Usedom-Danzig, 2023 Arlberg-Augsburg-Passau-Wien, 2022 Feldkirch den Rhein entlang bis zur Nordseemündung, 2021Reschenpass-Bozen-Villach-Graz-Hartberg, 2020 St. Moritz-Innsbruck-Chiemsee-Passau-Wien). Und ich nehm’s vorweg: Die Quartierbuchungen (Booking und Airbnb) funktionierten, ich erreichte alle Destinationen zur angepeilten Zeit. Einer Fehleinschätzung unterlag ich allerdings bei der Gesamtlänge der Tour: Statt der bei Komoot errechneten ca. 1.200 km legte ich insgesamt 1.470 km zurück. Wie das? Nun, erstens berücksichtigt Komoot nicht die Fahrten abends im erreichten Zielort zum Erkunden bzw. Essen und auch nicht die falschen Abzweigungen, die ich nicht immer gleich bemerke, und zweitens folgte ich in Schweden der Rad-Nationalroute Nr. 1, dem „Kattegattleden“, der der Küste entlang alle Halbinseln ausfährt statt mancher von Komoot empfohlenen Abkürzung. Die durchschnittliche Etappenlänge betrug somit 92 km; bei meiner üblichen Geschwindigkeit von 20, 21 oder 22 (bei Rückenwind) km/h sind das unter fünf Stunden reine Fahrzeit pro Tag.

In Dänemark war ich vom Meer oft recht weit entfernt. Es ging wenig abwechslungsreich entlang von abgeernteten Feldern durch bäuerliche Szenerien, vorbei an hoch aufgetürmten Strohballen, an Höfen, Weiden mit Kühen, Schafen und Pferden. Wenn sich die Ostsee zeigte, legte ich gerne eine Pause ein wie in Horsens oder am Randers Fjord bei der kleinsten Fähre Dänemarks, auf die nur zwei PKW passen.

Im Folgenden einige typische Landschaftsbilder vom Radeln im Süden Dänemarks. Ich war weniger am Meer als gedacht, es dominierten Felder, Wiesen und Äcker:

Aarhus – eine Entdeckung

Besonders gefiel mir Aarhus, Europas Kulturhauptstadt des Jahres 2017 und zweite Station in Dänemark nach dem beschaulichen Kolding. An meinem Ankunftstag, Freitag, 29. August, begann ein einwöchiges Stadtfest. Meine Gastgeberin Pia war nach meinem Eintreffen im Stress, sie wollte zum Auftritt ihres Chorleiters, der im Jazz-Zelt als Leadsänger der Booze Brothers auftreten sollte. Ich stürzte mich nach der Dusche auch ins Feiergetümmel. Vor dem Stadttheater hatte sich eine festlich gekleidete Menschenmenge versammelt. „Worauf warten die?“, fragte ich eine Herumstehende. „Auf die frühere Königin Margrethe, die dieses Fest üblicherweise eröffnet und gleich aus dem Theater kommen soll. Sie ist eine starke Frau, ich mag sie sehr“, war die Antwort. Sie hatte 2024 im Alter von 83 nach 52 Jahren auf dem Thron zugunsten ihres Sohnes Frederik X. verzichtet, womit es derzeit keine einzige Königin weltweit mehr gibt.
Aarhus ist lebendig, voll interessanter Architektur, auf Insta/fb kürte ich die Stadt zu meinem favourite in Dänemark. Am Freitag herrschte in Aarhus tolle Stimmung, es gab feines Streetfood, Kostümierte und viele Hör-Plätze voller Musik. Ich folgte dem Tipp meiner Gastgeberin und lauschte mit wachsender Begeisterung den Blues-Brothers-Tönen ihres Chorleiters und seiner neun Mitmusizierenden: R’n’B und Soul vom Feinsten, mein kultureller Höhepunkt der Reise!

Eine große Musikbühne war auch in der zweiten Großstadt aufgebaut, die ich zwei Tage später erreichte: Aalborg, wo am Sonntag ein Stadtfest endete. Eigentlich müsste ich Ålborg (wie auch Århus) schreiben, denn im Zuge der dänischen Rechtschreibreform wurde 1948 der Digraph Aa durch den Buchstaben wie ein offenes O gesprochenes Å ersetzt; richtig wäre ja auch Øresund, nur gibt’s im Deutschen das Ø nicht, wir helfen uns da mit „Ö“. Auch bei der Aussprache haben die Dänen ihre Eigenheiten. Skagen z.B. sprechen sie „Skejn“ aus. Nicht umsonst sagte mir der aus Göteborg stammende Chef des sehr empfehlenswerten Toftegarden Guesthouse in Skagen, Schwedisch sei viel leichter erlernbar als Dänisch. Letzteres habe so seine Eigenheiten…

Landschaftlicher Höhepunkt der Reise

Apropos Skagen: Das war der landschaftliche Höhepunkt meiner Reise. Skagerrat und Kattegat fließen da zusammen, dahinter eine beeindruckende Dünenlandschaft ähnlich jener, die ich schon auf den friesischen Inseln bewundert hatte. Nach dem Abstellen des Fahrrads wanderte ich barfuß noch eine halbe Stunde zur geographischen Nordspitze Dänemarks, auf dem Globus so nördlich wie Inverness in Schottland oder Göteborg auf der anderen Seite des Kattegat (schwedisch Kattegatt). Die sonst hier auffindbaren Robben zeigten sich nicht, auch die Sonne versteckte sich, aber die Landschaft und der stramme Wind waren dennoch ein Erlebnis, das ich in einem Video den Lieben zuhause zu vermitteln suchte. Nicht zufällig ist hier einer der touristischen Hotspots Dänemarks.

Grenen heißt die Nordspitze Dänemarks, wo Skagerrat und Kattegat zusammenfließen

In Skagen passierte mir ein Lapsus: Ich wusste, dass sich im damals noch unscheinbaren Fischerdorf Ende des 19. Jht.s eine Künstlerkolonie, bestehend aus dänischen, schwedischen und norwegischen Malern, niedergelassen hatte und die Natur im Stil der Impressionisten verewigte. Das interessiert mich, dachte ich, und besuchte das Kystmuseet Skagen. Dort wurde allerdings nicht wie von mir vermutet über Kunst aufgeklärt. Dafür erfuhr ich über Fischerei, Bootsarten, Netze und das Dauerproblem Sandverwehungen mehr, als ich wissen wollte.

Mit der Fähre nach Schweden

Am 2. September, dem 7. Tag meiner Reise, wechselte ich als Passagier der Fähre von Frederikshavn (sprich: –„haun“) nach Göteborg, der zweitgrößten Stadt Schwedens. Hier plante ich zwei Übernachtungen, um meinem schon malträtierten Hintern eine Pause zu gönnen und um Wäsche zu waschen – wie auf allen bisherigen Zweiwochentouren.

Am „Ruhetag“ ließ ich mein Bike in der Garage des Hotels Lorensberg stehen und marschierte 20.000 Schritte durch die Innenstadt. Über Göteborg heißt es ja, hier werden keine Gedichte geschrieben, sondern Rechnungen. Dass Geschäftstüchtigkeit gegenüber Schöngeisterei die Nase vorn hat, konnte ich nicht nur in der Domkirka feststellen, die den Charme einer Lagerhalle hat. Breite Boulevards, eine Markt- und eine Fischhalle, die mehr Elitengastro als frische Lebensmittel bieten, ein „Szene-Viertel“ namens Haga, das im wesentlichen aus einer Touristengasse besteht und ein paar nette Geschäfte bietet; in einem davon kaufte ich einen (gut verpackten!) tönernen Leuchtturm als Mitbringsel für die Liebste daheim und als Symbol für unsere immer wieder flackernde, dann wieder hell aufstrahlende Liebe.
Im Café Husaren, das wohl in vielen Reiseführern wegen der hier riesigen „Hagabullen“ (Zimtschrecken) steht, posierten am Nebentisch niederländische Celebrity-Tussis vor TV-Kameras. Für eine Fernsehsendung? Für ihren Instagram-Blog? Mir war’s wurscht.

Gegenüber dem dänischen Hügelland kamen mir die Menschen hier viel verschlossener vor, kaum ein Lächeln auf den Straßen, im Frühstücksraum des Hotels müdes Schweigen. Großstadt halt, oder sind die Schweden generell distanzierter? In Dänemark konnte es schon mal passieren, dass ich bei einer Rast freundlich angesprochen wurde und sich daraus ein nettes Gespräch ergab (By the way: even old people are mostly able to speak fluent English). Oder noch besser: Ich fahre bergab auf einem für Radler offenen Fußweg, Jugendliche stehen im Weg. Ich klingle – und werde angelächelt statt wie wohl hierzulande mit bösen Blicken bedacht. In Dänemark werden Radfahrer, so mein Eindruck, mit einem Sympathievorschuss bedacht. Das zeigt sich auch bei Fahrradstreifen entlang größerer Straßen oder an durch einen Grünstreifen gesicherten Radweg, die die oft schnurgerade Verkehrswege begleiten.
Schweden legen mehr Wert auf Privatsphäre. Die Grundstücke sind eingezäunt, dahinter oft akkurat getrimmter Rasen und schmucke, von Blumen umgebene Häuschen, traditionell in Rot gehalten. An der Küste reichen die Grundstücke bis zum Meer, Zufahrtsstraßen enden als Sackgasse statt in einem Hafen mit Lokalen als Treffpunkte.

Von Göteborg (die Bilder oben zeigen die sehr hübschen Balkone in meinem Wohnviertel) nach Helsingborg führt der 390 km lange Kattegattleden, dessen roten Wegweisern ich fortan folgte. Die erste Etappe raus aus der Großstadt führte mich nach Frillesas. Dort dann am nächsten Tag ziemlich heftiger Regen, der laut Prognose stundenlang anhalten sollte. In Dänemark wurde ich bei einem plötzlichen Guss mitten in der Landschaft überrascht und ziemlich nass, bevor ich mich in die neongelbe Vaude-Regenjacke wickeln konnte. Die Schuhe und Socken wurden patschnass und es dauerte, bis erstere wieder trocken waren. Diesmal also besser gleich die Sandalen, Pass und Geldbörse im verschließbaren Plastiksackerl im Hüftgurt, Handy ebenfalls „verschweißt“ in der Brusttasche, Kappe unterm Helm diesmal nicht als Schutz vor der Sonne, sondern vor Regentropfen auf der Brille, die Fahrradtaschen unter der (sich als unzureichend herausstellenden) gelben Plane – so fuhr ich unter dem mitleidigen Blick des Gastgebers los. Frillesas – Halmstad wurde meine längste Etappe. 90 km in tlw. heftigem Regen, danach 30 bei aufklarendem Himmel bis zum Hotel. Von dort nochmal je 5 km zu einem Aussichtsplatz mit Sonnenuntergang an der Küste und retour. Ich schlief gut nach diesem Tag…

Radleridylle in Frillesas am Abend vor dem großen Regen

Der Weg zu meiner letzten Nächtigung in Schweden führte teilweise auf aufgelassenen Bahntrassen des „Cykelleden Skåne“, der nationalen Fahrradroute Nr. 2. Sehr schön. Auch der Aufenthalt in Båstad mit dem Besuch in einer Kirche, deren innovative Mariendarstellungen ich auf Insta teilte. Zum Frühstück fuhr ich nach Ängelholm, ein Städtchen, das ich erst kurz vor der Abreise in einer deutschen Rateshow kennengelernt hatte. Dort gibt es nämlich ein Frauenfußballteam, das eine Saison lang kein Spiel verlor und auch kein einziges Gegentor kassiert – und trotzdem die Meisterschaft nicht gewann. Kurz vor dem Küstenort Arild mit Meeresfrüchtepasta im Fiskhuset zeigte mein Display 24.000 Rad-km an, ein nettes Jubiläum, das sich zum Großteil aber der jahrelangen Fahrt zur Redaktion in der Wiener City verdankt und weniger den ausgedehnten Radtouren im Sommer.

Der 390 km lange Kattegattleden bietet viele schöne Ausblicke und macht stolz nach Absolvierung

Die Fähre von Helsingborg (wo ich mich vor der Kattegattleden-Infotafel fotografieren ließ) nach Helsingör führte mich wieder nach Dänemark. Anders als für Radler vorgesehen war ich aber nicht am Bug, sondern musste die 25 minütige Überfahrt eingeklemmt zwischen LKW im Heck des Riesenschiffes verbringen. Statt als erster verließ ich die Fähre somit als einer der letzten und schlenderte erstmal gemächlich durch die Fußgängerzone der Hafenstadt. Wie sich herausstellte, war mein Nachtquartier weit außerhalb des Zentrums in einem ruhigen Waldhäuschen. Von dort fuhr ich zum Abendessen nochmals zurück und genoss Fish and Chips in der urigen Axelbar.

Macht Reisen alleine überhaupt Spaß?

Das Essen alleine ist einer der Nachteile bei dieser Art des Reisens. Untertags beim Radeln meinem eigenen Rhythmus zu folgen, stehenzubleiben, wo es mir passt, im Sattel „On the road again“ von Canned Heat oder „Davy‘s on the road again“ von Manfred Mann zu trällern macht Spaß. Und es verschafft ein sonst nicht leicht so intensiv erlebbares Gefühl von Lebenslust und Freiheit, die Landstraße vor sich und den Wind im Rücken zu spüren. Aber abends hätte ich manchmal schon gerne Gesellschaft und jemanden zum Plaudern – trotz der täglichen Telefonate mit Claudia und den Todesfall-bedingt mehrmaligen Gesprächen mit meiner Mutter und den Geschwistern. Spätabends im Bett dann Online-Planung für den nächsten Tag, ein paar Partien Online-Spades und Lektüre, diesmal „Carol“ von Patricia Highsmith. Zwischen 23 und 24 Uhr Licht aus, gegen 7 aufwachen.
Ausnahme: das Gästehaus von Jesper und Merethe in Helsingör. Dort wachte ich auf, sah auf die Uhr und schreckte hoch. Was, schon 8.30 Uhr?! Um die Zeit sitze ich sonst längst fixfertig beim Frühstück oder bin unterwegs zu einem entsprechenden Lokal. Doch hier im Wald schlief ich wie ein Baby, der rücksichtsvolle Gastgeber hatte sogar sein Auto deutlich vor dem Zufahrtsweg mit knirschenden Steinchen geparkt.

Gefühle von Freiheit beim Alleinereisen

Ein Wort zu den Gastgeber:innen auf der Tour: Manche sind sehr kommunikativ, senden Willkommensgrüße und Nachrichten zuhauf und geben ihr Bestes, um dem Gast einen angenehmen Aufenthalt zu verschaffen. Andere wiederum sind viel weniger bemüht, verteilen Schimmelbriefe fürs Self-Check-in und lassen sich gar nicht blicken. In Rögby, meiner letzten Dänemark-Station etwa, bekam ich von Gastgeberin Solveig nur elendslange Instruktionen zum Einchecken, im Quartier selbst dann die Aufforderung, gleich mal die Schuhe auszuziehen, und das zugesicherte Frühstück wurde dann gar nicht geliefert. Mein „Dank“ war eine ehrliche Rückmeldung via Booking, wie ich auch sonst positiv über Hosts schreibe, die das verdienen. Mir selbst dienen die Erfahrungen von anderen als gute Grundlage für Buchungen.
Der nächste Tag – es war bereits der 8. September und mein 13. Reisetag – radelte ich erst an zwei leider montags geschlossenen Museen vorbei, die mir meine Augenärztin ans Herz gelegt hatte. Das Louisiana und das Karen-Blixen-Museum auf der Strecke nach Kopenhagen. In ersterem war meine Claudia schon mal, während meine Geschwister, Mutter und ich meinten, stattdessen besser über die Öresundbrücke nach Malmö zu fahren. Sie traf wohl die bessere Entscheidung.

Kopenhagen kannte ich schon etwas von diesem mehrtägigen Familienausflug anlässlich Mutters 75er. Konnte mich aber nur an wenig erinnern. Mein Nachtquartier lag in Köge, ich nahm mir also nur gute 3 Stunden Zeit für ein Speed-Sightseeing mit Kastellet, Rosenborg-Schloss und Garten, Fußgängerzone mit schon mal bestiegenem Turm und einem Imbiss im „Freistaat“ Cristiania. Das Radeln in die vermeintliche Vorstadt von Kopenhagen, Köge, dauerte dann nochmal mehr als zwei Stunden, die letzten 30 km neben einer schnurgeraden Hauptstraße. Bei Gastgeber Kjeld dann das übliche Ankommens-Ritual: raus aus der Radlerkluft, duschen, rein in die einzige lange Hose und in den Merinosweater, auf Google Maps nach Restaurants schauen, dort die Speisekarte übersetzen (lassen). In Köge gab’s ein tolles Dinnermenü um 300 Kronen (dividiert durch 13 = Euro).
Geld wechselte ich auf der gesamte Reise nur einmal – und das war unnötig, denn ich hätte alles mit Karte bezahlen können. Ist in Skandinavien viel üblicher als bei uns und sehr praktisch.
Die letzte Radlertage in Dänemark führten mich weg von der Hauptinsel Själland auf zwei andere: Mön und Lolland. Ich fuhr in Faxe Ladeplads durch und konnte mir die Blödelei auf Insta nicht verkneifen, dieser Ort sei schöner als Halvarhausen und Snorrestetten, werde aber doch getoppt von Wickingen… Bei einer Kaffeepause in Vordingborg in einem Blumengeschäft fragte ich die hübsche Kellnerin: „Does it work, your concept to sell flowers AND coffee?“ Ja, tut es, so die Antwort mit dem Hinweis auf eine ältere strickende Dame, die den Laden offenbar als ihr zweites Wohnzimmer nutzt.
Zwischen den genannten drei Inseln und einer vierten namens Falster gibt es beeindruckende Brücken, die zu überqueren für Radler spannend sind. Meine nächste sollte eine deutsche Insel sein. Fehmarn, wieder nur mit (meiner vierten) Fähre zu erreichen.

Über diese Brücke ging’s auf die Insel Mön

Davor eine letzte Nacht in Dänemark, die mir den Abschied leicht machte: In Rögby kurz vor Rögbyhavn ist tote Hose. Mehr geschlossene als offene Lokale, Leerstände in der Stadt, außer dem Netto-Supermarkt gibt es laut meinem holländischen Zimmernachbarn hier nichts.

Ein australischer Engel in Deutschland

Am 11. September wieder in Deutschland. Puttgarden. Frühstück im netten Hauptort Fehmarns, Burg, dann weiter Richtung Festland und Heiligenhafen. Seit Frillesas herrschte meist sonniges Wetter. Ich hatte inzwischen die typische Radlerbräune. Halber Oberschenken braun, ebenso Unterarme und Gesicht bis auf zwei hellere Streifen wegen der Helmgurte neben den Ohren. Meine Lust auf Heimkehr stieg mit der Annäherung an Hamburg, und auch mein Rad machte Mucken: Das Cannondale, obwohl vor der Abreise och mit Spray behandelt, quietschte und zwitscherte inzwischen so, dass ich um Zahnkranz, Kette oder gar Motor fürchtete. Bekommst eh dein Service, Schwarzer, noch zwei Tage durchhalten, schrieb ich in mein Reisetagebuch – kurz, bevor der rettende Engel kam, dessen Namen ich nichtmal weiß: Er ist Australier und radelt seit Wochen durch Indonesien und Japan, dann Flug nach London und weiter am europäischen Festland mit Ziel Spanien und weiter nach Kenia (!), wo sein bester Freund wohnt. Ich hatte ihn bereits auf der Fähre nach Puttgarden kennengelernt, nun stand er 30 km davon entfernt vor einem Fahrradladen, in dem ich mir Schmieröl besorgen wollte. Da hat er etwas viel Besseres, meinte der bärtige, etwa 30-jährige Aussie und schenkte mir eine fast leere Tube mit einer weißliche Gleitflüssigkeit, die meine Kette dann wieder schnurren ließ wie ein Kätzchen. Alles Gute, Weltenbummler, und danke nochmal!

Alpha- und Omegastadt meiner Radtour: Hamburg, hier an der Außenalster

Mein letztes Radlerquartier war idyllisch und eine Wiedergutmachung für Rögby: Ich bezog für eine Nacht einen Planwagen, der in einem Garten mit Blumen und Apfelbäumen nahe von Neustadt in Holstein abgestellt ist. Gastgeberin Johanna (71) war die netteste von allen, das Schlafen im Biobett des Wagens nur durch morgendliches Kikeriki gestört. Früh um 8 brach ich zur letzten 100-km-Etappe nach Hamburg auf. Unterwegs gab’s nicht viel zu sehen, somit war ich um 14 Uhr schon im Stadtgebiet. In der Hansestadt war ich schon mehrmals, die paar Stunden bis zur Abfahrt meines Nachtzugs verbrachte ich an Appelhofweiher, Außenalster, Alstermündung mit Speicherstadt, Mönckebergstraße mit letztem Fischessen bei Steffen Hensslers „Ahoi“ und Mitbringsel-Einkäufen: Labskaus, Sprotten und Grünkohl in Dosen, dann noch im Buchladen am Hauptbahnhof Ersatzlektüre für die fertiggelesene „Carol“. Ich entschied mich für „Über Menschen“, meine erste Juli Zeh.
Im Zug postete ich noch vier Fotos von vier verschiedenen Tierleichen, die mir auf der Reise aufgefallen waren, darunter ein Reh und ein Waschbär (?). Radeln fordert keine solchen Kollateralschäden, ist eine sanfte Form des Reisens, die ich wohl beibehalten werde, solange ich fit bleibe… es locken Flandern, die Toskana und Umbrien, Istrien mit Parenzana, vielleicht die Elbe entlang – mal sehen. Kommt Zeit, kommt Rad

Wer weiß, qui sait, who knows, chi lo sa, tko zna – wohin die nächste Reise geht…

„Der Salzpfad“ (Marianne Elliott, GB 2025) **

Das Beste an dieser Bestsellerverfilmung (Raynor Winn schildert darin ihre läuternde Küstenwanderung zusammen mit ihrem kranken Ehemann Moth) ist die faszinierende Natur an der englischen Südküste. Sie macht Lust auf eine ähnliche Erfahrung – und ich plane ja, im kommenden April den Camino Portugues entlang der portugiesischen Atlantikküste nach Santiago de Compostela zu gehen.
Anlass für die Tour der Winns ist deren Delogierung nach einem nicht näher erklärten geschäftlichen Fehlgriff von Moth. Für das Paar erweist sich die Wanderung als Flucht und Ausweg zugleich: Da die beiden keinerlei Aussicht auf eine neue Bleibe haben – eine Sozialwohnung würden sie erst in zwei Jahren bekommen –, machen sie sich kurzerhand auf den Weg rund um Cornwall: Dieser South West Coast Path bzw. Salzpfad löst kurz- und mittelfristig nicht das existenzielle Problem der Winns. Doch Bewegung ist besser als Stillstand und birgt zumindest die Hoffnung auf Veränderung, so die Philosophie der fast Mittellosen. Friede, Freude, Eierkuchen: Ray und Moth trotzen allen Widrigkeiten, letzterer erfährt eine deutliche Verbesserung seiner Parkinson-Erkrankung, das Pleite-Sein gerät gegenüber der auffrischenden Liebe in den Hintergrund… Das war mir dann doch zu platt, zu oberflächlich, trotz der beeindruckenden Landschaftsaufnahmen.

Patricia Highsmith, Carol, Diogenes 1990 ****

Die Titelzeile könnte auch lauten: Claire Morgan, The Price of Salt, 1952, denn Highsmith veröffentlichte den Roman lange vor der deutschen Übersetzung unter einem Pseudonym. Was mit dem Inhalt zu tun hat. Es geht nämlich um eine lesbische Liebesbeziehung, die – anders als in den prüden 1950ern üblich – nicht mit Selbstmord oder „Bekehrung“ der „Perversen“ endete. Die US-amerikanische Autorin war selbst homosexuell liebend, was ich, obwohl von ihren Ripley-Krimis sehr angetan, nicht wusste.
Die Titelfigur ist Carol Aird – eine unglücklich verheiratete, wohlhabende 32-jährige Frau und Mutter. Eigentliche Heldin des Romans und Alter Ego der Autorin ist aber die erst 19-jährige Therese Belivet, die ohne verliebt zu sein verlobt ist, Bühnenbildnerin werden möchte und als Teilzeitverkäuferin arbeitet. Therese ist vom ersten Augenblick an von Carol fasziniert, auch diese sucht rasch den Kontakt zu der viel jüngeren und lädt sie zu einer mehrwöchigen Fahrt durch die USA ein, die das Leben beider grundlegend ändern wird.
Das Buch wurde millionenfach verkauft und „Claire Morgan“ erhielt sehr viele zustimmende Leserbriefe von Betroffenen. „Nie wieder schrieb Patricia Highsmith, die den Roman unter dem Eindruck einer persönlichen Begegnung begann, so sinnlich, so poetisch, so erotisch“, teilt der Diogenes-Verlag zu „Carol“ mit. Nun ja, die Erotik ist nie explizit, stets nur angedeutet, und die fünf Ripley-Romane haben mindestens ebenso viel literarische Qualität. Aber ich fand das Buch als Abendlektüre auf meiner Radtour durch Skandinavien sehr anregend (und hatte dabei immer die Gesichter von Cate Blanchet (Carol) und Rooney Mara (Theresia) aus der gelungenen Romanverfilmung von 2015 vor Augen – und ich nehme mit Genugtuung zur Kenntnis, dass sich die Einstellung gegenüber gleichgeschlechtlich Liebenden seit der Entstehung von „Carol“ doch deutlich zum Besseren gewandelt hat.