Ausstellung Brigitte Kowanz, „Light is what we see“, Albertina 25.8. ***

Ich wollte auf dem Rückweg von der Routineuntersuchung bei der Augenärztin eigentlich etwas anderes, zum am Folgetag beginnenden Radurlaub passendes sehen: Aber die Themenausstellung „Fernweh“ hatte die Albertina schon kurz davor abgesetzt. Stattdessen also Brigitte Kowanz, die Mauer-Preisträgerin, die ich als Kulturredakteur der Kathpress alljährlich unter den prominenten Ausgezeichneten im Namen des großen Kulturvermittlers Msgr. Otto Mauer erwähnt hatte.
Die Frage »Was ist Licht?« steht im Mittelpunkt des Schaffens von Kowanz. Ihre Antwort lautet: »Licht ist was man sieht« – ein Leitsatz, der auf das Paradoxon verweist, dass Licht zwar alles sichtbar macht, selbst normalerweise aber unsichtbar bleibt. Die gleichnamige Retrospektive führt durch das Werk einer bedeutendsten Gegenwartskünstlerin in Österreich.

Der Spiegel vermittelt eine Raumtiefe, die es so nicht gab.

Die gebogenen Neonröhren und Leuchtkörper sind nichts, was mein Auge auch nur annähernd so berührt wie die Skulpturen von Rodin, die Aquarelle von Nolde oder die Schattengesichter Caravaggios. Doch manches der Exponate ließ mich eben nicht unter-belichtet davorstehen.

Joachim Meyerhoff: Man kann auch in die Höhe fallen. Kiwi 2024 ****

Eins muss man dem Mann lassen: Joachim Meyerhoff kann richtig gut erzählen. Auch wenig spektakuläre Nebenbeigeschichten, die sich in diesem Buch meist um seine 86-jährige Mutter ranken, lesen sich leicht, machen schmunzeln, wecken Bewunderung für die so agile, reflektierte Greisin. Wobei – darf man „Greisin“ sagen zu einer Frau, die mit dem Auto durch die Landstraßen Schleswig-Holsteins düst? Die zu kaum erreichbaren Apfelbäumen in ihrem Ein-und-alles-Garten hochklettert? Die bei kühlen Temperaturen in der Ostsee weit hinausschwimmt? Die kurzerhand eine Lesung für den indisponierten, berühmten Schauspieler-und-Autor-Sohn übernimmt und dafür tosenden Applaus erntet?
Joachim, mittlerweile Mitte 50, flüchtet aus einer Lebenskrise im ungeliebten Berlin zu seiner liebenswerten Mutter aufs Land und verbringt dort 10 erholsame Wochen, ist viel an der frischen Luft und schreibt am bereits 6. Band seiner Autobiografie-Reihe „Alle Toten fliegen hoch“. Mehr als er selbst steht dabei seine manchmal schrullige, oft altersweise Gastgeberin im Mittelpunkt, ergänzt durch Geschichten aus der Theaterwelt wie jene, als Meyerhoff als Panther Baghira in einer Dschungelbuch-Kindertheateraufführung in Ulm auftrat oder als einer seiner wenigen TV-Auftritte zum Desaster wurde. Das ist zwar nicht immer so berührend wie der Band über seine Kindheit in einer Psychiatrischen Anstalt in Norddeutschland, nicht so unterhaltsam wie seine Ausbildungszeit als „Lieberling“ im Münchner Haus der Großeltern und nicht so augenzwinkernd wie das Buch über seine Parallelliebschaften … aber lesenswert allemal.

Wie interreligiöser Religionsunterricht die Demokratie stärkt

An immer mehr Schulen werden christliche und muslimische Schüler gemeinsam unterrichtet. Das fördere demokratische Werte wie Respekt vor Vielfalt, sagen Verantwortliche.
Wir leben in zerrissenen Zeiten, auch religiös: Aktuelle Tendenzen, das „Eigene“ durch Abgrenzung vom anderen zu definieren, fördern Feindbildkonstruktionen, beklagt Carla Amina Baghajati, Leiterin des Schulamtes der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) und langjähriges „weibliches Gesicht“ des Islam in Österreich. In den Echokammern der sozialen Medien verstärke sich diese Dynamik noch, ehrlicher Dialog finde kaum noch statt. „Wir erleben eine Aufladung religiöser ‚Identität‘ durch Versatzstücke, die oft nicht mehr verstanden, aber emotional wirksam eingesetzt werden – auch als Manipulation“, so Baghajati, ohne islamistische Hassprediger und christliche Fundamentalisten-Videos ausdrücklich zu benennen. Es brauche religiöse Bildung und Mündigkeit, um Anspielungen entschlüsseln und Missbrauch erkennen zu können.
Verantwortliche für den Religionsunterricht, der den anerkannten Religionsgemeinschaften in Österreich per Gesetz zusteht, halten seit einiger Zeit mit Feldversuchen eines interreligiösen Religionsunterrichts dagegen – als Ergänzung zum bisher gewohnten konfessionellen… Allahu akbar und Vaterunser gemeinsam in einer Religionsstunde, geht das? … (mehr in DIE FURCHE, 28.8.2025, online 24.8.)

Urlaubswoche im JUFA Erlaufsee (14.-21.8.)

Im Vorjahr war es noch (gemäß der Ursprungsidee) ein Familienurlaub mit Kindern, Enkeln, Neffen, Bruder, sogar Zwillingen vom Exmann der Liebsten. Heuer bleiben von der JUFA-Besetzung 2024 nur noch wir beide und Lisa/Stefan und deren mittlerweile 4 Kinder zwischen 6 Jahren und 3 Monaten übrig. Statt nach Fürstenfeld ging’s heuer zum Erlaufsee ins Mariazellerland, wo wir mit meinen 3 Enkeln bereits vor 4 Jahren (im JUFA Siegmundsberg) urlaubten.
Die JUFA-Hotels sind ja zuletzt in finanzielle Turbulenzen geraten. Ein Investor muss den Fortbestand des (zu?) rasch gewachsenen Unternehmens sichern. Und das merkt man am Personal: Chaos bei Buchungsänderungen (wegen Erkrankung der Enkel mussten Zimmer storniert werden), Chaos beim Frühstücksbuffet (fehlende Butter, Tassen), überfordertes Management (neben Administration noch Getränke ausschenken??). Hoffentlich ist all das unter neuer Führung bald im Griff, sonst: JUFA ade.

Das Haus liegt am Ortsrand von Mariazell, zum Erlaufsee sind’s zu Fuß etwa 25 Minuten, mit dem Auto gute fünf. Am Wochenende kann’s bei Schönwetter auf dem Parkplatz dann schon mal eng werden. Das klare Seewasser hat rund 20 Grad, ich war also wenig schwimmen. Einmal lief ich rund um den See, was deutlich anspruchsvoller war als ich’s von der Alten Donau gewohnt bin. Highlights waren die Wanderung durch die Ötschergräben mit Stefan und Mathis (6), die ich alleine noch bis zur Erlaufstauseeschänke verlängerte – 18.000 Schritte an diesem Tag – und der Ausflug auf die Gemeindealpe mit herrlicher Rundumsicht und Runterdüsen mit Mountain Carts auf Schotterstraßen.

Relaxen zu zweit auf der Gemeindealpe

Beim Kickerl in der Sporthalle merke ich voranschreitendes Alter: Wie schon im Vorjahr zwickten die Adduktoren. Schonender war da schon das Yannis-Schaukeln auf den Oberschenkeln und dafür mit einem herzigen Baby-Lächeln belohnt werden. Auch Claudia widmete sich intensiv der Kinderbetreuung, „Großeltern“ dabei zu haben ist für die meisten Eltern schon ein dickes Plus.
Eine Entdeckung war die „Wuchtlwirtin“ auf dem Traisenradweg unweit von Mariazell: Hausmannskost vom Feinsten und riesige Buchteln mit Vanillesoße – köstlich!
Die beiden letzten Tage kamen Freunde von Stefan/Lisa nach; eine fünfköpfige Familie aus Tirol; die Freiräume nutzten Claudia und ich für Paarunternehmungen. Auf dem Rückweg dann noch ein kleiner Umweg zu Muttern nach Kapfenberg.
Fazit: schöne Gegend, Quartier mit Verbesserungsbedarf, Besetzung gemessen an der Ursprungsidee zu dünn… das Projekt „Familienurlaub“ bedarf einer Neukonzeption.

„Was uns verbindet“ (Carine Tardieu, F/B 2024) ***

„Was uns verbindet“, war nach dem Ansehen dieses Melodrams der Pariserin Carine Tardieu offensichtlich: Kaum jemals diskutierten wir (diesmal 6) Mitglieder der Kinomittwochrunde so ausgiebig über einen Film. Und die Meinungen divergierten… Dazu später mehr.
Es geht um eine alleinstehende Buchhändlerin Mitte 50, Sandra (Valeria Bruni Tedeschi), die von einer Notsituation überrumpelt wird: Sie muss auf Elliott, den kleinen Sohn aus der Nachbarwohnung, aufpassen, denn das Elternpaar muss zur Entbindung ins Krankenhaus. Nachdem die Mutter bei der Geburt stirbt, entwickelt Sandra zu dem Jungen, dem verwitweten Vater und dem neugeborenen Mädchen eine zunehmend tiefe Bindung, wird für die Verbliebenen mehr als ein „Anhang“ (frz. Originaltitel. „L’attachement“).
Der weitere Plot begleitet die Neukonsolidierung der Restfamilie, und es geschieht viel: Trauerbewältigung, Annäherungsversuche des Witwers Alex bei Sandra, Neuverheiratung von Alex mit einer Kinderärztin und Trennung von ihr, Einigung mit dem leiblichen Vater von Elliott… wobei die feministische Single-Frau Sandra etwas ins Hintertreffen gerät – als Attachement? „Ein unaufgeregtes Drama, das von überzeugenden Darstellern und liebevoll gezeichneten Figuren getragen wird“? Dem „Filmdienst“ hat’s offenbar etwas besser gefallen als mir. Aber ja: eh nett. [Und vielleicht hat meine Zurückhaltung auch damit zu tun, dass ich am selben Abend noch Wenders‘ großartigen Film über Sebastiao Salgado „Das Salz der Erde“ (2014) sah…]
Und was sagten die Kinogefährt:innen? Tolle Dialoge, zu viele Handlungsfäden und Hauptfiguren, Trauerreaktionen berührend und nachvollziehbar, alterskluges Kind, frühreifes Baby, Männerentwicklungen nicht nachvollziehbar …
De gustibus non est disputandum / Über Geschmack lässt sich nicht streiten? Kann man doch. Zumindest diskutieren.

Dirk Stermann, „Mir geht’s gut, wenn nicht heute, dann morgen“, Rowohlt 2023 *****

Die 1927 geborene Psychoanalytikerin und Holocaust-Überlebende Erika Freeman war 2019 zu Gast in der ORF-Satireshow „Willkommen Österreich“, und das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft mit Moderator Dirk Stermann. Der Kabarettist und mehrfache Buchautor, den ich während einer beiderseitigen Karenzvaterschaft mal persönlich kennenlernte, führte mit der als Erika Polesiuk in Wien geborenen und als Jüdin von dort 1939 vertriebenen, während der Pandemie im Hotel Imperial residierenden Analytikerin von Größen wie Mia Farrow und Marlon Brando zahllose Gespräche.
Ob dabei Audiodateien entstanden, weiß ich nicht. Vieles ist unter Anführungszeichen und vermittelt nicht nur deshalb den Eindruck von Authentizität: Die Greisin Erika ist alles andere als senil und erzählt auf höchst anregende Weise weise über ihre Lebensgeschichte. Darüber, wie es Juden in Wien erging (als sie in den 60er Jahren das erste Mal wieder nach Österreich kam, wurde sie im Hotel mit den Worten „Wir nehmen keine Juden“ empfangen), ihre Emigration als Zwölfjährige in die USA, ihre Rolle bei der Entstehung des Staates Israel mit Bekanntschaften von Golda Meir oder Moshe Dayan, ihre Medienauftritte und Wertschätzung unter zahlreichen Berühmtheiten bis hin zur Verleihung der österreichische Staats- und der Wiener Ehrenbürgerschaft.
Ich war immer wieder berührt von der hassfreien Lebenskunst dieser großen kleinen Frau, von ihrem Humor und ihrer titelgebenden Gelassenheit: Ihr gehe es gut, sagt die inzwischen 98-Jährige, wenn nicht heute, dann morgen.

Ausstellungen „Remix“/“Damian Hurst. Zeichnungen“, Albertina modern, 5.8.25 **

Künstler Kippenberger, in der Ecke, aber er schämt sich nicht wirklich

Wieder in der Albertina modern, zuerst in der Schau „Remix. Von Gerhard Richter bis Katharina Grosse“, mit der ich ehrlich gesagt wenig anfangen konnte. Die zugrunde liegende deutsche Sammlung Viehof umfasst auch Werke von Beuys, Baselitz und anderen, mir unbekannten Künstler:innen. Am eindrücklichsten, weil ironisch, Martin Kippenbergers Alter-Ego-Skulptur „Martin, ab in die Ecke und schäm dich“. Dass Superstar Gerhard Richter, dessen Kölner Dom-Glasfender ich bewunderte, ein stilisiertes Schloss Neuschwanstein in blaugrünem Nebel platziert … nun ja. Eh. Oder die Alltagsgegenstände von Joseph Beuys, sollen die zeigen, dass eh jede:r ein:e Künstler:in ist?

Dann für sich genommen ausstellungsunwürdige Zeichnungen, die die in kleiner Auswahl in der Albertina modern präsenten Arbeiten eines anderen Superstars der Kunstszene, des Briten Damian Hurst, begleiten. Am spannendsten aber ein Film zum Projekt „Treasures from the Wreck of the Unbelievable“ aus, bei dem Hirst 2017 eigene Werke als Fundstücke aus einem antiken Schiffswrack inszenierte. Nicht nutzen konnte ich Hirsts Zeichenmaschine „Making Beautiful Drawings“, die mittels Drehscheibe bunte Kreise auf Papier zaubert und auch mich zum Künstler gemacht hätte…

Michael Niavarani, „Homo Idioticus 2.0- Der Trottel ist zurück“, Theater im Park, 1.8.25 ****

Hypochondrie, hemmungsloses Essen und ordinär sein – das sind laut Michael Niavarani die drei Problemzonen, vor denen er als herausragender Vertreter der Spezies „Homo Idioticus“ immer wieder stehe. Vor allem das letztere ist unüberhörbar: Ich schlug meiner Liebsten in der Pause des Soloprogramms im Theater im Park eine Art Bullshit Bingo vor: Wie oft würde Nia in der zweite Hälfte „Oaschloch“, „scheißn“ oder „pudern“ sagen?
Ja, Humor der deftigen Art muss man mögen, wenn man zu Nia geht. Und alle bekommen bei ihm ihr Fett weg – Trump, Babler, Mikl-Leitner, die Kirche, die Grünen, das Publikum, die Bibel, die FPÖ sowieso, aber auch er selbst nimmt sich auf die Schaufel und macht sich etwa über seine bei ihm als 60-Jährigem nachlassende Libido lustig. Die Wuchteldichte ist hoch, und seien wir ehrlich: Witze über Tabus und Peinlichkeiten aus der Unterleibsregion reizen das Zwerchfell verlässlich. Auf Subtilität kann ich auch mal verzichten (zumal die Tickets gratis waren; geschenkter Gaul und so).

Wir stammen vom Affen ab, und das ist gut so, sagt Niavarani. „Denn stellen Sie sich vor, wir würden uns begrüßen wie die Hunde…“ (schnüffel, schnüffel)

Gegen Ende verband Niavarani seine Blödeleien mit einer Botschaft: pro Demokratie, Vielfalt, Toleranz, Nachhaltigkeit. Und seine Tour de Force durch die Menschheitsgeschichte schloss er mit der Frage, wie unsere Zeit wohl in den Geschichtsbüchern in 50 Jahren beschrieben werde. Sein zweckoptimistischer Ausblick: „Es is si‘ grod no ausgangen.“
Ein gelungener Abend ohne den prognostizierten Regen in einer Location mit viel Platz zwischen den Sitzen, großen Schattenbäumen und Publikumsservice (gratis Regenschutz) in der Prinz-Eugen-Straße.