Aus Beamten mit Ärmelschonern werden kaum je große Dichter. Eine Ausnahme ist Franz Grillparzer. Und Johann Wolfgang von Goethe (JWG,1749-1832), der als 26-jähriger Jurist (mit einer nicht angenommenen Dissertation über das Verhältnis von Staat und Kirche) nach Weimar an den Hof des Sachsenherzogs Carl August übersiedelte und dort Staatsbeamter wurde. Damals hatte er bereits “Götz von Berlichingen” und “Die Leiden des jungen Werthers” veröffentlicht und war ein Literaturstar. Die amtsbedingte Tätigkeit in Weimar mit der Vernachlässigung seiner Kreativität stürzten JWG allerdings in eine persönliche Krise. 1786 stand er vor der Erkenntnis, dass er als faktischer Kultus- und Bergbauminister des Herzogtums seit zehn Jahren nichts Nennenswertes veröffentlicht hatte.
JWG zog die Reißleine und trat seine später auch literarisch verarbeitete “Italienische Reise” an. Sie dauerte mehr als eineinhalb Jahre, von September 1786 bis Mai 1788. Goethes Reisebericht darüber – basierend auf Tagebüchern – entstand allerdings erst in seinem letzten Lebensjahrzehnt, zwischen 1813 und 1817, als eine seiner wenigen autobiografischen Schriften.
JWG brach am 3. September 1786 von seiner Kur in Karlsbad auf, ohne irgendjemanden außer seinen Sekretär und Diener Philipp Seidel einzuweihen. Herzog Carl August hatte er davor schriftlich um unbefristeten Urlaub gebeten und erwirkt, dass er seine Ämter für die Dauer der Reise niederlegen durfte, das Gehalt jedoch weiter bezog.
Der europaweit bekannte Autor reiste, meist per Postkutsche, inkognito als „deutscher Maler“ unter falschem Namen. JWG war überwiegend allein unterwegs, ohne Diener oder Sekretär – damals sehr ungewöhnlich für einen geadelten Geheimrat. Seine Route führte von Böhmen nach Regensburg, München, Seefeld, Innsbruck, über den Brenner nach Bozen, zum Gardasee, nach Verona, Venedig (wo er 17 Tage verbrachte), Bologna, Perugia bis nach Rom, wo er vier Monate blieb.
JWG war hochgebildet und auf seine Reise bestens vorbereitet. Die römische und griechische Kunst sowie berühmte Bauwerke waren ihm seit langem vertraut. Schon vorher hatte er seiner Italiensehnsucht Ausdruck verliehen im berühmten Gedicht “Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn, Im dunkeln Laub die Gold-Orangen glühn…” JWGs Italienisch wurde auf der Reise bald fließend. Das Unterwegssein allein mag durchaus beschwerlich gewesen sein; JWG erwähnt dies aber nur selten, denn: “Ich habe nichts gewollt, als das Land sehen, auf welche Kosten es sei…” Wobei ihn die Kunst (der Antike) weit mehr interessierte als die soziale Realität Italiens.

In Rom quartierte er sich beim Maler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein in der Via del Corso Nr. 18 (jetzt ein Museum) ein, der später das bekannte Gemälde ”Goethe in der Campagna” schuf. Dort bestand eine Art Wohngemeinschaft von deutschsprachigen Künstlern. JWG machte sich intensiv mit der Ewigen Stadt vertraut und befand: “Es ist ein saures und trauriges Geschäft, das alte Rom aus dem neuen herauszuklauben… Man trifft Spuren einer Herrlichkeit und einer Zerstörung, die beide über unsere Begriffe gehen. Was die Barbaren stehenließen, haben die Baumeister des neuen Roms verwüstet.”
Ab Februar 1787 reiste JWG, zusammen mit Tischbein, nach Neapel – erneut für einen längeren Aufenthalt. Dann folgte eine genaue Erkundung Siziliens. Im Juni 1787 ging es zurück nach Rom. JWG entschied sich, bis über den kommenden Winter zu bleiben. Er betrieb naturwissenschaftliche Studien, malte, widmete sich seiner Geliebten Faustina, schrieb “Iphigenie auf Tauris” und den “Egmont” fertig und komponierte sogar eine Schauspielmusik für letzteren. Interessant für mich als Kathpress-Redakteur JWGs Schilderung einer Papstmesse am Christtag 1786 im Petersdom: “Ihre Zeremonien und Opern, ihre Umgänge und Ballette, es fließt alles wie Wasser von einem Wachstuchmantel an mir herunter. Eine Wirkung der Natur hingegen wie der Sonnenuntergang, von der Villa Madama gesehen, ein Werk der Kunst wie die viel verehrte Juno machen mir tiefen und bleibenden Eindruck.”
Erst nach Ostern 1788 begab sich JWG – auf anderer Route – auf den Heimweg nach Weimar. Die Reise hatte alle schöpferischen Speicher des Dichterfürsten wieder aufgefüllt; bald folgten “Torquato Tasso”, “Faust” und anderes mehr.
