Adventmail 2025/6 (Anfang/Ende)

Ich war um die 30, als ich, angeregt durch die pointierten, unfassbar belesenen Bücher Egon Friedells über die „Kulturgeschichte der Neuzeit“ das Hauptwerk von Oswald Spengler (1880-1936), „Der Untergang des Abendlandes“, las. Und ich finde, die kulturpessimistisch-deterministische Sicht, die der deutsche Kulturphilosoph wortreich entfaltet, hat ein Jahrhundert nach der Veröffentlichung noch mehr Plausibiität.

Spengler kurzgefasst: Geschichte verläuft nicht linear, sondern zyklisch. Jede Hochkultur durchläuft die Phasen Kindheit, Blütezeit, Alter und Verfall. Worauf der Mensch nur begrenzten Einfluss hat. Kulturen sterben „natürlich“ ab. Das „Abendland“, also der Westen, befindet sich nach seiner Blüte im Mittelalter und in der Renaissance im letzten Stadium, im „Winter“ seiner Kultur. Diese wandelt sich zur Zivilisation, wenn geistige Schöpfungskraft nachlässt und nur noch Technik und Macht zählen. Genau das war aus Spenglers Sicht Anfang des 20. Jahrhunderts der Fall. Politik wird dabei zunehmend von „Caesaren“, machtbewussten Führerfiguren, bestimmt.

Spenglers in zwei Bänden 1918 und 1922 erschienenes Opus Magnum ersetzt die vor dem Ersten Weltkrieg noch weitverbreitete Vorstellung eines kontinuierlichen, ja sogar notwendigen Fortschritts der Menschheitsgeschichte.

Spätestens seit den enttäuschten Erwartungen nach dem Fall des Kommunismus und mit 9/11 schwindet der Fortschrittsglaube erneut, auch bei mir. Wie auch anders – angesichts von Umweltzerstörung, Krieg als Mittel der Politik, Verlust demokratischer Errungenschaften, Polarisierung und Horizontverengung durch das Internet? Und ich denke, nicht nur mein Lebensgefühl hat sich seit geraumer Zeit sehr verändert. Ich bin pessimistischer geworden, was die Zukunft der Menschheit betrifft. Yuval Noah Harari nennt den Homo sapiens nicht umsonst einen „ökologischen Serienmörder“.

Eine geistreiche, unterhaltsam pessimistische Kulturdiagnose bietet der kanadische Spielfilm „Der Untergang des amerikanischen Imperiums“ (Denys Arcand, 1986, Stream auf Amazon Prime). Eine Freundesgruppe mittleren Alters, beschäftigt am Institut für Geschichte der Uni Montreal, trifft sich in einem Landhaus. In ihr intellektuelles Geplänkel über den Zustand der Welt mischt sich immer wieder oberflächliche Lust an Freuden des Lebens wie gutem Wein und Sexaffären, hinter denen Einsamkeit, Relativismus und Resignation lauern.

„Melt“ (Nikolaus Geyrhalter, Ö 2025) **

Mehr als eine Stunde Schneegeschiebe, bis er endlich zu seinem Thema kommt. Um die mit der Schnee- und Gletscherschmelze verbundene Klimakatastrophe und deren Folgen für die an Küstenregionen lebenden Menschen ging es explizit erst am letzten und spannendsten Schauplatz – einer deutschen Forschungsstation auf dem Schelfeis in der Antarktis. Davor Schneemassen in Japan, Kanada, Osttirol, Schweiz. Ein Kapitel ist dem Ischgl-ähnlichen Après-Ski-Getöse in Val d’Isère gewidmet, wo eine hochkomplexe Infrastruktur zur Erzeugung von Kunstschnee geschaffen wurde. Ein weiteres führt in eine Höhle im Vatnajökull-Gletscher auf Island, die es wegen der zu hohen Temperaturen auch im Winter schon bald nicht mehr geben wird. Und vom sich rapide schrumpfenden Dachsteingletscher, wo sich auf 2500 m Seehöhe der Liftbetrieb nicht mehr rechnet, haben aufmerksame Medienkonsument:innen in Österreich schon mehrfach gehört.

Ich gestehe: Ich habe mich gelangweilt bei Geyrhalters von 2021 bis 2025 gedrehter, mit vielen Standbildern und ohne Musik auskommenden Doku. Der hat schon viel Besseres gedreht (Unser täglich Brot 2005, Homo Sapiens 2016). Wäre der 125-Minuten-Film auf arte oder Sat1 gelaufen, hätte ich schon lange vorm Ende umgeschaltet.

Adventmail 2025/5 (Anfang/Ende)

Er bekam einen stieren Blick. Fletschte die Zähne. Packte die Stöcke, als wollte er Blut aus ihnen herauspressen. Schien die Piste fressen zu wollen.

Die Rede ist von Skistar Hermann Maier, genannt Herminator in Anlehnung an den über Leichen gehenden Terminator. Der Olympiasieger (2x), Weltmeister (3x) und Gesamtweltcupsieger (4x) ist einer der Sportler mit einem besonders auffälligen Startritual. Auf Youtube gibt es sogar eine Zusammenstellung mit „Start Impressionen“ von Maier. Noch extremer, wenn auch nicht so erfolgreich wie der Herminator, gestaltete Slalomweltmeister Manfred Pranger sein Startritual. Wenn er mit Tunnelblick und Schaum vor dem Mund unverständliche Wortkaskaden ausstieß, fragte ich mich immer: Was um Gottes willen hat der eingenommen?

Das Startritual des „Herminators“. Unvergessen.

Überaus minutiös, ja zwanghaft legte Rafael Nadal (Tennis) den Beginn und auch den weiteren Verlauf seiner Wettkämpfe an: Wasserflasche millimetergenau ausrichten, vor jedem Punkt die Hosen und das Shirt zurechtzupfen, sich über Haare und Nase streichen – immer in derselben Reihenfolge. Für ihn sei das ein Mittel, „Ordnung im Kopf“ zu schaffen, sagte er 22-fache Grand-Slam-Sieger.

Sprintweltrekordler Usain Bolt inszenierte sich gerne vor dem Publikum: Vor dem Start und nach Siegen zeigte der Jamaikaner seine ikonische „Lightning Bolt“-Pose, bei der er schräg in den Himmel zeigte.

Tormaschine Cristiano Ronaldo stellt sich vor Freistößen breitbeinig hin, atmet tief ein, blickt konzentriert auf das Tor und führt dann den typischen Anlauf aus. Nach Toren springt er mit Drehung in die Luft und landet mit ausgebreiteten Armen, bereit für Ovationen (mehr bekommt bei mir aber Messi).

Für Aufsehen sorgt immer wieder das Ritual von Neuseelands Rugby-Team, der „All Blacks“: Vor jedem Spiel führen sie den traditionellen Haka, einen Maori-Kriegstanz, auf. Dieses Ritual ist nicht nur Einschüchterung der Gegner, sondern Ausdruck von Identität, Stolz und Teamgeist.

Und auch ich habe ein Ritual vor wichtigen Fußballspielen: Fenster abdunkeln, Getränk vorbereiten, Polster richten, Füße hochlagern, an der Aufstellung herummäkeln, „Pscht!“ zur Liebsten sagen.

Adventmail 2025/4 (Anfang/Ende)

Wann beginnt menschliches Leben? Kaum eine Frage berührt Ethik, Religion, Medizin und Recht gleichermaßen tief. In der Geschichte der abrahamitischen Religionen war der Beginn des menschlichen Lebens nie nur eine biologische Feststellung, sondern immer auch eine Glaubensfrage: Wann erhält der Körper eine Seele, wann beginnt moralische Verantwortung? Judentum, Christentum und Islam eint, dass sie den Beginn menschlichen Lebens nicht primär medizinisch, sondern theologisch verstehen: als Moment, in dem Gott Leben gibt.

Im Christentum wurde die Frage nach dem Beginn des Lebens früh mit der Idee der Beseelung verbunden. Augustinus und später Thomas von Aquin übernahmen von Aristoteles die Lehre der „verzögerten Beseelung“ – beim Mann etwa nach 40 Tagen, bei der Frau erst nach 90. Erst danach galten der Fötus als beseelt und der Schwangerschaftsabbruch als Tötung. Mit der modernen Embryologie im 19. Jhd. und dem moralischen Universalismus der Neuzeit verschob sich die Position: Heute lehren die christlichen Kirchen, dass das menschliche Leben mit der Befruchtung beginnt. Jede Abtreibung gilt seither als moralisch verwerflich, auch wenn seelsorglich mittlerweile stärker zwischen individueller Schuld und tragischer Lebenssituation unterschieden wird.

Die Humanbiologie definiert den Beginn eines individuellen menschlichen Organismus heute weitgehend einheitlich: Mit der Befruchtung entsteht eine Zygote mit eigenem, unverwechselbarem genetischem Code. Entwicklung und Identität setzen kontinuierlich ein. Doch Biolog:innen betonen zugleich, dass diese Feststellung deskriptiv, nicht normativ ist: Sie sagt nichts darüber aus, wann „Personsein“ oder rechtliche Schutzwürdigkeit beginnt. In der Forschungsethik hat sich daher ein pragmatischer Kompromiss etabliert – die 14-Tage-Regel. Bis zum Auftreten des sogenannten „primitiven Streifens“ darf an Embryonen geforscht werden; danach nicht. Diese Grenze soll den Punkt markieren, an dem sich eine individuelle Entwicklung unumkehrbar festlegt.

Das europäische Rechtssystem spiegelt diesen Spagat wider. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat keinen einheitlichen Beginn rechtlicher „Personschaft“ definiert. Stattdessen lässt er den Staaten einen weiten Ermessensspielraum: Ob und bis wann eine Abtreibung erlaubt ist, bleibt nationale Angelegenheit – solange die Grundrechte der Frau nicht unzumutbar eingeschränkt werden. In fast allen europäischen Ländern sind Abbrüche in den ersten zwölf bis vierzehn Wochen legal, danach nur bei medizinischen Indikationen oder schweren Fehlbildungen.

So entsteht ein bemerkenswertes Nebeneinander: Während religiöse Traditionen vom göttlichen Ursprung des Lebens ausgehen, betrachtet die moderne Wissenschaft den Menschen als biologischen Prozess, und das Recht sucht praktikable Grenzen in einem moralisch aufgeladenen Feld.

Die Frage, wann menschliches Leben beginnt, hat damit nicht an Schärfe verloren – sie hat nur die Arena gewechselt. Zwischen Zygote, Seele und Selbstbestimmung bleibt sie der Punkt, an dem sich Glauben, Wissenschaft und Recht berühren – und manchmal unversöhnlich widersprechen.

Adventmail 2025/3 (Anfang/Ende)

„Schön. Wow!“ Das waren laut seinem Schriftstellerbruder Daniel Glattauer die letzten Worte, die der fast ebenso bekannte Journalist, Pädagoge und Autor Niki Glattauer vor seinem Tod am 4. September sagte. Die Entscheidung, seinen assistierten Suizid schon Tage vor dessen Durchführung in einem Interview anzukündigen und zu begründen, hat die österreichische Öffentlichkeit sehr bewegt. Auch ich, der zu diesem Zeitpunkt radelnd in Skandinavien unterwegs war, verfolgte den Fall aufmerksam.

Und ich war gespalten: Die Motive des unheilbar krebskranken Glattauer konnte ich gut nachvollziehen. Auch seinen Wunsch, dass mehr über das Tabuthema Sterbehilfe diskutiert wird. Dennoch fürchte ich mich vor der möglichen Tendenz, dass ein selbst festgelegter Todeszeitpunkt als würdigere oder gar als einzig würdige Art des Sterbens gesehen wird. Und dass auf Schwerkranke der Druck normal wird, anderen nicht länger zur Last zu fallen und sich selbst zu „entsorgen“.

Glattauers „Schön. Wow!“ scheint immerhin darauf hinzuweisen, dass sein Abschied aus dieser Welt, umgeben von ihm lieben Menschen, wunschgemäß verlief. Ganz ähnlich schied Apple-Mitgründer Steve Jobs 2011 erst 56-jährig aus dem Leben: Seine letzten Worte „Oh wow. Oh wow. Oh wow.“ verstand seine Schwester Mona Simpson als Ausdruck von Staunen im Angesicht des Todes.

Weitere „famous last words“ gefällig? Sokrates mahnte 399 v. Chr. nach dem Leeren des Schierlingsbechers seinen Begleiter: „Kriton, wir schulden Asklepios einen Hahn. Vergiss nicht, ihn zu opfern.“ Allen bekannt ist wohl das „Es ist vollbracht“ von Jesus am Kreuz (Joh 19,30). Auch Goethes schwer zu deutendes „Mehr Licht!“ 1832 auf seinem Sterbebett wird oft zitiert.

Gute Manieren bis zuletzt bewies Marie Antoinette († 1793), die zu ihrem Henker sagte, nachdem sie ihm auf dem Weg zur Guillotine auf den Fuß getreten war: „Pardon, Monsieur, ich habe es nicht mit Absicht getan.“ Typisch für den bissigen Humor von Karl Marx († 1883) war seine Antwort an seine Haushälterin, die ihn nach letzten Worten fragte: „Gehen Sie raus! Letzte Worte sind für Narren, die noch nicht genug gesagt haben.“ Auch von Oscar Wilde († 1900) ist eine ironische Bemerkung in seinem Pariser Sterbezimmer überliefert: „Entweder geht diese scheußliche Tapete – oder ich.“ Den Vogel hinsichtlich Humors bis zum letzten Atemzug schoss James Donald French ab. Zu den journalistischen Beobachtern seiner Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl 1966 in den USA sagte der verurteilte Mörder: „How’s this for your headline? ‘French Fries’.“

Was würde ich selbst gerne zuletzt sagen? Keine Ahnung. Ich denke, ich halte es mit dem tödlich getroffenen mexikanischen Revolutionsführer Pancho Villa (†1923), dem der Schlusssatz an einen Journalisten zugeschrieben wird: „Lass es nicht so enden. Schreiben Sie, dass ich etwas gesagt hätte!“ Soll heißen: Wenn mir nix G’scheites einfällt, möge man mir etwas andichten.

Margaret Atwood: Der Report der Magd (Piper 2024/5. Aufl.) ******

Die jüngst 87 gewordene Kanadierin Margaret Atwood begann mit den Arbeiten zu „The Handmaid’s Tale“, wie ihr Buch im Original heißt, schon in den 1960ern. Damals erschien die Vorstellung, dass sich in Amerika jemals eine antidemokratische, theokratische Gewaltherrschaft etablieren könnte, aber zu abwegig. Erst 1985 erschien der nunmehrige Klassiker der dystopischen Literatur, der an Orwell und Huxley denken lässt. Und heute erscheint ein Szenario, bei dem eine christlich-fundamentalistische Gruppierung wie Atwoods „Söhne Jakobs“ durch einen Staatsstreich an die Macht kommen und die Verfassung außer Kraft setzen, nicht mehr so völlig abwegig.

Die titelgebende „Magd“ oder „Handmaid“ Desfred (im Englischen: Offred wie „offered“) ist eine der wenigen fruchtbaren Frauen in den durch Umweltkatastrophen, Pestizide und Verhütung schrumpfenden USA. In der neuen Republik Gilead wird ihr eine entsprechende Aufgabe zugewiesen, ja unter strengster Strafandrohung aufoktroyiert: Die völlig entrechtete, als Magd erkennbar gekleidete Frau soll im Haus eines Kommandanten für Nachwuchs sorgen und ist dabei dem Hausherren und seiner alt und unfruchtbar gewordenen Gattin Serena Joy in entwürdigenden monatlichen Zeremonien rund um den Eisprung „zu Diensten sein“.

Desfred selbst ist Mutter eines von ihr erzwungen getrennten Mädchens, ihren früheren Mann Luke hat sie nach einem missglückten Fluchtversuch aus der Republik Gilead aus den Augen verloren. Ihre rebellische beste Freundin endet in einem Bordell, das den Privilegierten des Regimes als Ventil dient. Aber auch in den Klassen der Rechtlosen zeigen sich Risse, die die tief in den Alltag eingreifenden Regularien unterminieren. Dabei ist die Gefahr, entdeckt und bestraft zu werden, allgegenwärtig. Atwoods Darstellung, wie individuelle Freiheiten und menschliche Würde unter dem Deckmantel göttlicher Ordnung vernichtet werden, ist beklemmend; die Opfer ereilt Folter, Wahnsinn, Suizid und auch die Günstlinge erscheinen alles andere als glücklich.

Das Ende des als eine Art Tagebuchaufzeichnung konzipierten Romans ist überraschend und soll hier nicht gespoilert werden. Denn es lohnt sich, dieses packende Buch zu lesen – und sei es nur als Warnung, wohin die Aushöhlung demokratischer Freiheiten führen kann.

Adventmail 2025/2 (Anfang/Ende)

Das neue Jahr hat schon begonnen. Zumindest das Kirchenjahr, das nach katholischer wie evangelischer Tradition immer am ersten Adventsonntag beginnt, heuer also am 30. November (orthodoxe Christ:innen begingen ihr Neujahrsfest schon am 1. September). Die Trennung von christlich-sakraler und profaner Zeitgliederung und Kalenderordnung besteht erst seit der Reformation. Noch deutlich später dran war die Lateinische, also „westliche“ Kirche mit Zentrum Rom: Bis zur Festsetzung des Neujahrstages im Jahr 1691 durch Papst Innozenz XII. auf den 1. Jänner galt in weiten Teilen Europas der 6. Januar (Hochneujahr) auch als profaner Jahresbeginn.

Auf die Alten Römer gehen die Monatsbezeichnungen von September bis Dezember zurück – also 7./8./9./10. Monat. Damit war es bereits lange vor Christi Geburt vorbei. Ab dem Jahr 153 v. Chr. wurde der Beginn des Amtsjahrs vom 1. März auf den 1. Jänner verlegt, auf den Tag des Amtsantrittes der Konsuln. Mit Caesars (julianischer Kalender-) Reform begann dann auch das Kalenderjahr zu diesem Zeitpunkt und tut das bei uns bis heute.

Einer nachvollziehbaren Logik folgt die Festsetzung des Jahresbeginns, wenn der Frühling zur Tag- und Nachgleiche anfängt. Am 21. März ist Neujahr im Iran, bei den Kurden, in Indien und Pakistan sowie weiteren -istan-Ländern (Tadschik-,Usbek-, Kirgis-, Turkmen- und Afghanistan).

Beweglichen Terminen folgen unsere älteren Glaubensgeschwister: Rosch ha-Schana feierten Juden 2025 ab Sonnenuntergang des 23. September, 2026 (im Judentum schon das Jahr 5787) ist der Termin dann 12./13. September. Die jüngeren Geschwister können etwa alle 33 Jahre doppelt feiern: Denn das muslimische Jahr ist etwa 11 Tage kürzer als unser der Sonne folgendes und verfügt über keine Schaltmonate; dadurch wandert der Neujahrstermin kontinuierlich nach vorne. Der chinesische Neujahrstag fällt auf einen Neumond zwischen dem 21. Jänner und dem 21. Februar – heuer war der 29. Jänner der Beginn des Jahres der Schlange.

Christ:innen beginnen ihre Zeitrechnung mit der (eigentlich früher erfolgten) Geburt Jesu, Muslime mit der Hidschra, der Auswanderung Mohammeds von Mekka nach Medina im Jahr 622 n. Chr. Im Buddhismus orientiert man sich am Todesjahr des Buddhas Siddhartha Gautama 544 v. Chr., im Judentum an der biblisch errechneten Schöpfung des Himmelsgewölbes durch JHWH am Jom Rischon, dem 6. Oktober 3761 v. Chr.

Andere Kulturen leiteten ihre Zeitrechnung vom Amtsantritt der jeweiligen Herrscher ab, so die altägyptische. Die altgriechische Jahreszählung fußte auf Olympiaden (die erste nach 776 v. Chr.), die Römer zählten ab urbe condita („753 stieg Rom aus dem Ei“). Gerade mal 13 Jahre dauerte der 1792 verordnete französische Revolutionskalender, ähnlich kurz die von Mussolini ausgerufene „Era Fascista“, die er 1927 mit 1922 beginnen ließ. „Tausendjährige Reiche“ dauern meist deutlich kürzer, Gott sei Dank.

Adventmail 2025/1 (Anfang/Ende)

Udo Jürgens war erst 43, als er singend behauptete, dass „Mit 66 Jahren“ das Leben anfängt. Der Text stammte von einem noch deutlich jüngeren, vom damals 27-jährigen Linzer Wolfgang Hofer, der viele weitere Jürgenslieder textete. „Ihr werdet euch noch wundern, wenn ich erst Rentner bin“, heißt es, und dann ist die Rede von Motorrad und Lederdress, Straßenmusik und Diskobesuch, Jazzbandgründung und Blumen beim San-Francisco-Trampen.

Nun, ich wurde im September 66 und kann mich für diesen klischeehaft humorbemühten Text nicht erwärmen. Der Neubeginn als Rentner ist für mich kein Aufbruch ins Ausgeflipptsein, kein Durchbruch zu Dingen, die man sich vorher versagte. Auch wenn ich (weiterhin) ausgedehnte Radtouren unternehme oder rund um die alte Donau laufe, merke ich das zunehmende Alter. Der Ruhepuls ist deutlich höher als zu meinen Halbmarathonzeiten, der Bauch nicht mehr so straff, Falten und Altersflecken nehmen zu, Sehkraft und Gehör nehmen ab, Haare wachsen an Stellen, wo sie unerwünscht sind, Wehwehchen stellen sich ein und brauchen länger, bis sie wieder abklingen. Oder bis ich mich an sie gewöhne.

Neu sind Verantwortlichkeiten für die so richtig alt gewordenen Eltern und die Rücksichtnahme auf körperliche Beeinträchtigungen der Ehefrau. Neu ist auch der erforderliche Interessensausgleich durch meine deutlich erhöhte Präsenz im gemeinsamen Haushalt. Und angenehm neu ist die weggefallene fixe Arbeitszeit: Ich kann – gegen Honorar und/oder zu meinem Vergnügen – schreiben, wann ich Lust habe. Die Frei-Zeit kann ich/können wir für viele Reisen und Ausflüge nutzen, für Kontaktpflege, für Museumsbesuche und Einkäufe zu Zeiten, da andere in der Arbeit sind.

Unterm Strich ist es ein angenehmer Lebensabschnitt. Und in DEM Punkt haben Jürgens/Hofer hoffentlich recht: „Mit sechsundsechziiiig ist noch lang noch nicht Schluss.“

Lesung „Literatur im Dialog: Bernhard“, Radiokulturhaus, 29.11.2025 *****

Zum zweiten Mal „Literatur im Dialog“ im Radiokulturhaus. Diesmal im Mittelpunkt der Lesungsreihe mit den Schauspieler:innen Nicholas Ofczarek und Tamara Metelka sowie dem Violinisten Nikolai Tunkowitsch: Thomas Bernhard. Und ich nehm’s vorweg: Es wurde viel unterhaltsamer als der Abend mit/über Kafka.

Ein schönes gemeinsames Projekt des Paares Ofczarek/Metelka: Literatur im Dialog, ORF-Radiokulturhaus

Im Mittelpunkt stand »Der österreichische Staatspreis für Literatur«, den Thomas Bernhard in den 1960er-Jahren aus den Händen des damaligen Kulturministers im ÖVP-Alleinregierungs-Kabinett Josef Klaus, Theodor Piffl-Perčević. Diese Ehrung empfand der Literat als Demütigung, denn es war – wie Ofczarek mehrmals aus Bernhards posthum erschienenem Text „Meine Preise“ vorlas – der kleine, für vielversprechende Talente gedachte Staatspreis und nicht der große, für ein Lebenswerk verliehene. Bernhard war zum Zeitpunkt der Auszeichnung bereits 37, aber jung genug, um das Geld zu brauchen: Die 25.000 ausgelobten Schilling waren ihm willkommen, um Schulden zu tilgen.

In der ihm auferlegten Dankesrede, zu der ihm lange nichts einfiel, sagte Bernhard u.a.: Der Staat ist ein Gebilde, das fortwährend zum Scheitern, das Volk ein solches, das ununterbrochen zur Infamie und zur Geistesschwäche verurteilt ist. Piffl-Perčević verließ wegen dieser Beleidigung Österreichs daraufhin in großer Erregung die Festveranstaltung. Der Skandal war perfekt.

Thomas Bernhard ist ein literarischer Lästerer, ein scharfsinniger Querulant, ein Übertreibungskünstler, den ich im Germanistikstudium und danach links liegen ließ. Aber sein Rückblick auf die Nestbeschmutzung anlässlich einer Preisverleihung ist fast 60 Jahre danach noch immer höchst witzig und entlarvend hinsichtlich des problematischen Verhältnisses von Kunst und Politik in Österreich. Künstlingswirtschaft?

„Du & Ich und alle reden mit“ (Paolo Genovese, I 2025) ****

Ein Film wie ein Kammerspiel: Zwei Personen, die 35-jährige Möbelrestauratorin Lara und der 50-jährige Gymnasiallehrer Piero treffen sich nach einem Kennenlernen in einer Bar zu einem ersten Date bei ihr in der Wohnung. Prosecco, Blumen einfrischen, Häppchen, Smalltalk. Dann verschafft sich das sonstige bzw. bisherige Leben der beiden Raum: durch einen Anruf der minderjährigen Tochter beim geschiedenen Vater mit Sorgerecht und durch das unerwartete Auftauchen des Ex von Lara, den sie trotz eines mitgebrachten Geschenks – es ist ein Ring! – empört abwimmelt. Piero und Lara werden miteinander vertraut, kommen sich näher.

So weit, so unspektakulär.

Der Gag des Filmes von Regisseur Paolo Genoves ist, dass sich während des gesamten Plots die inneren Stimmen der beiden zu Wort melden – in Form von jeweils vier sichtbaren Personen, die für unterschiedliche Persönlichkeitsfacetten und Herangehensweisen stehen. Das ist ein ständiger Quell von Komik, denn wer kennt das nicht bei einem Date: Sage ich jetzt das Richtige? Wie stehe ich da – optisch und auch sonst? Ist der richtige Zeitpunkt für Zärtlichkeit? Und später dann: Wie mache ich’s beim Sex? Ist ein guter Zeitpunkt zum Sich-Verabschieden?

Dazu haben der rationale Professor, der romantische Romeo, der leidenschaftliche Eros und der desillusionierte Valium ihre eigenen Vorstellungen und Ratschläge für Piero, ebenso die Einflüsterinnen von Sara, deren Namen ich vergaß. Es gibt da die kompromisslose, die verträumte, die verführerische, die wilde.

Dass der Spielfilm von „Paul aus Genua“ der erfolgreichste des Jahres in Italien wurde, ist vielleicht etwas überbewertet. Unterhaltsam war er allemal.