RME lautete mehr als 30 Jahre lang mein Kürzel als Nachrichtenredakteur. Seit Anfang 2025 pensioniert, arbeite ich, Robert Mitscha-Eibl, als freier Journalist. Und ich schreibe weiter Kulturkritiken, Reiseberichte, Artikel, Kommentare, Adventmailserien. Über Themen, die mich (und vielleicht auch dich) interessieren. Weil mich das geistig rege hält, es mir Spaß macht und ich mich gerne mit Freund:innen über Gott und die Welt austausche. Und auch, weil das hier etwas ist, mit dem ich mich bei meinen Nachkommen in Erinnerung halten möchte.
Einmal den Camino bis zum Ziel in Santiago de Compostela gehen – das wäre doch ein schönes Projekt nach dem Antritt der Pension, dachte ich. Im Kopf spukte mir dieser Plan schon länger herum, angestoßen durch einen Besuch in der galicischen Hauptstadt während einer Portugal-Autotour mit Freunden 2012, durch Kinofilme wie die Komödie „St. Jacques – pilgern auf französisch“ (2005), „Dein Weg“ mit Martin Sheen (2010), „Mein Weg – 780 km zu mir“ vom Australier Bill Bennett (2024) und die Hape-Kerkeling-Adaption „Ich bin dann mal weg“ (2015); den letzten Anstoß gab die vergnügliche Buchvorlage des deutschen Comedy-Stars mit demselben Titel, die ich 2025 las. Ich machte mich schlau, wie so ein Camino anzugehen wäre. Entschied mich gleich mal für die deutlich kürzere Variante zum populären, 800 km langen Camino Francés: Von Porto aus sollte es losgehen, gut machbar in 2 Wochen, gut erreichbar durch einen Direktflug aus Wien, zudem ein höchst einladender Ausgangs- und Zielort meiner Reise. In den Social Media gibt es Dutzende Camino-Gruppen, dort holte ich mir ebenso Tipps wie auf Seiten wie www.jakobsweg.de, sah mir YouTube-Videos an – und plante die Etappen. Elf Wandertage sollten es werden einschließlich des Anreisetags mit Fußmarsch von einer zentralen Metrostation in Porto bis zum ersten Quartier am westlichen Stadtrand. Wie Hape Kerkeling wollte ich mir den Luxus von durchwegs vorab reservierten Einzelzimmern mit eigenem Bad und WC gönnen, für Hostels mit Stockbett-Ansammlungen ohne jede Privatsphäre fühle ich mich zu alt.
Die folgenden beiden Karten sind (verkürzende) Google-Maps-Kopien meiner Strecken in Portugal (links) von Porto nach Valenca und Spanien (rechts) von Valenca nach Santiago.
Zu meiner Vorbereitung gehörten lange Spaziergänge, meist entlang der Alten Donau, mit unterschiedlichem Schuhwerk. Dabei schieden die knöchelhohen Bergschuhe aus, weil zu klobig, zu schwer, und ins Gebirge würde gerade der von mir präferierte Küstenweg entlang des Atlantiks ja nicht führen. Ich entschied mich nach mehreren 20.000-Schritte-Wanderungen für gut eingelaufene Trekking-Schuhe und nicht für die leichteren, jedoch nässeempfindlichen Jogging-Schuhe. Was wohl ein Fehler war. Und der Rucksack, so hieß es, sollte maximal 10 Prozent des Körpergewichts schwer sein. Das schaffte ich handgepäcktauglich mit 7,5 kg genau, beschränkte mich bei der Kleidung auf das notwendigste und schnellst trocknende, Rei in der Tube kam jedenfalls mit, ebenso Kamera, Ladegeräte und als einziges Buch ein Neues Testament im Taschenbuchformat. In dem las ich letztlich nicht einmal eine Seite; die Behelfs-Lesebrille nach zwei erst kurz vor Reiseantritt absolvierten Katarakt-Operationen erwies sich als ungeeignet für längeres Lesen der 9-Punkt-Schrift, die Buchstaben verschwommen wohl nicht nur aus Müdigkeit. Die spirituelle Erbauung musste somit anders erfolgen.
Was ein Camino-Pilger so alles braucht. Viel ist es nicht. Und es fehlte ein warmes Hemd für kühle Abende.
Meine etwas – wie soll ich es nennen? – ermattete Religiosität zu beleben war eine Hoffnung, die ich mit dem Jakobsweg verband. Vielleicht würde der tägliche äußere Aufbruch auch einen innerlichen anregen, dachte ich mir. Hape schrieb von Gottesbegegnungen, zu denen es komme, wenn man sie geschehen lässt, sich „leer“ macht, offen, durchlässig. Mir hing dabei noch ein Gespräch nach, das ich kürzlich mit meiner besten Freundin über den Glauben hatte. Sie, obzwar studierte Theologin, sieht als nunmehrige Psychotherapeutin die christliche Vorstellung eines liebenden, gütigen Gottes als psychologisch erklärbares Bedürfnis nach Angenommen-sein durch ein imaginiertes höchstes Wesen. Mir ist das zu wenig, und Gott kann manchmal ganz schön unbequem sein und sich querlegen, wenn es um Vertröstung und Selbstbestätigung geht. Kurz nach meiner Ankunft in Porto um 9.30 Ortszeit sah ich bei der Metrofahrt ins Zentrum eine Jesus-Skulptur mit ausgebreiteten Armen in einem Vorgarten, eine Miniaturausgabe der Statue Santuário de Cristo Rei jenseits der Tejo-Brücke in Lissabon. Ein schöner Willkommensgruß, dachte ich und freute mich auf das Kommende.
Ich hatte wenig geschlafen vor dem Anreisetag, aber ich fühlte mich frisch, als ich vom Flughafen Porto mit der Metro ins Zentrum zur Station Bolhão fuhr. Gleich beim Ausgang die wunderschöne, mit blauweißen Azulejos verzierte Capela de Santa Catarina in der gleichnamigen Einkaufsstraße. Das erste Gebet galt der Bitte um einen guten Verlauf der kommenden zwei Wochen mit rund 260 Kilometern auf dem Camino Portugues. Ich erkundete, bepackt mit meinem Rucksack und der darauf sichtbar platzierten Jakobsmuschel, die charmante Stadt am Douro, gelangte ohne viel suchen zu müssen zur auf einer Anhöhe gelegenen Kathedrale von Porto. Gleich beim Eintritt bekam ich den ersten Stempel in meinen schon aus Wien mitgebrachten Pilgerpass, dem weitere 32 folgen sollten.
Die Kathedrale von Porto, …… hier begann am 16. April 2026 …… meine Pilgerreise ins 260 km entfernte Santiago
Auch in der Kathedrale diese herrlichen Fliesen, für die Portugal bekannt ist. Ich erklomm den Turm, von dem aus man eine wunderbare Aussicht auf die Weltkulturerbe-Innenstadt Portos hat, gehe im Kreuzgang herum, setze mich vor den Altar. Weiter zum Mercado Ferreira Borges und dann hinunter zum Douro-Ufer, dem ich über mehrere Kilometer bis zur Mündung in den Ozean folge. Das Wetter war windig, aber schön. Die Wellen des Atlantiks peitschen sich an Leuchttürmen hoch – ein für meervermissende Österreicher wie mich immer wieder beeindruckendes Schauspiel. Ich erreichte meine erste Nächtigungsadresse, checkte ein, ohne Gastgeber zu sehen, duschte, schmierte die Füße mit Hirschtalg ein, suchte ein bestens bewertetes Restaurant in der Nähe und genoss den ersten Abend mit Bacalhau und Salat. Ein gelungener Auftakt für viele Dinners mit Kabeljau, Sardinen, Tintenfisch, Shrimps und anderem Meeresgetier.
Die umtosten Leuchttürme an der Douromündung in den Atlantik
Die Motivation von Pilgernden ist höchst unterschiedlich, heißt es immer. Selbsterfahrung, Naturerlebnis, Auszeit, sportlicher Ehrgeiz und spirituelle Vertiefung – ein Gemisch von all dem setzte auch mich in Bewegung. Ich nehme es vorweg: Ich bin vielen Weggefährt:innen begegnet, habe mich nach deren Ansporn erkundigt – und die wenigsten nannten religiöse Gründe. Viel häufiger kam: etwas für mich tun, sich spüren, Abstand vom Alltag gewinnen. Ob Spiritualität im Lauf der Wanderung oder an deren Ziel an Bedeutung gewinnt, wie es mir der Pilgerbeauftragte der Erzdiözese Wien, Leo Führer, in einem Gespräch vorab mitteilte, weiß ich nicht. Jedenfalls sollte man Gott nicht unterschätzen. Wo das Leben durchlässig, ja brüchig wird, kann sein Licht hineinleuchten. Mir gefällt, was Hape in „Ich bin dann mal weg“ über Religion schreibt. Er sei “eine Art Buddhist mit christlichem Überbau” und wurde durch die Verheißung motiviert, “durch die Pilgerschaft zu Gott und damit auch zu mir zu finden“. Viele von Hapes Freunden hätten sich von Gott abgewandt, nicht zuletzt wegen dessen „Bodenpersonal“. Er dagegen glaubt an Gottes Existenz, „egal ob Gott eine Person, eine Wesenheit, ein Prinzip, eine Idee, ein Licht, ein Plan oder was auch immer ist“. Der Komiker vergleicht Gott mit einem großartigen Film, die Kirche mit dem Dorfkino, in dem das Meisterwerk gezeigt wird. „Die Leinwand hängt leider schief, ist verknittert, vergilbt und hat Löcher. Die Lautsprecher knistern, manchmal fallen sie ganz aus oder man muss sich irgendwelche nervigen Durchsagen während der Aufführung anhören … viele werden hinausgehen und sagen. Ein schlechter Film.“ Jedoch: „Die Vorführung ist mies, aber das ändert nichts an der Größe des Films… ich hoffe, wir können uns den Film irgendwann in bester 3-D- und Stereo-Qualität unverfälscht und mal in voller Länge angucken! Und vielleicht spielen wir dann ja sogar mit!“ Nächster Morgen, erster Caminotag. Ich erwachte viel zu früh, denn mein Handywecker war noch auf 5 Uhr vom Flugtag eingestellt und in Portugal ist 5 erst 4, dort herrscht westeuropäische Zeit. Ich döste vor mich hin, denn Frühstück gab‘s erst um 8. Eine Dreiviertelstunde später war ich on the road. Ich folgte dem Meeresufer. Lange war die Gegend noch städtisch, denn Porto hat zwar wie Graz 250.000 Einwohner:innen, ist aber Teil einer viel größeren Wirtschaftsregion mit 1,7 Mio. Menschen. Große Kreuzungen, Parks mit Joggern, ein riesiges stilisiertes Fischernetz in einem Kreisverkehr, ein gelber Pfeil als erster von hunderten Camino-Wegweisern, der bekanntere – die Jakobsmuschel – findet sich oft auch auf Gullys im Asphalt.
Schon am ersten Tag zeigte sich: Die 7,5 kg am Rücken sind kein Problem, werden durch den Hüftgurt des Rucksacks gut verteilt. Als das Terrain endlich weniger städtisch wurde, kamen die ersten „Holzwege“: breite, aus Holzplanken gezimmerte, auf Stelzen stehende Wanderwege nahe am Strand, das Meeresrauschen immer in Hörweite. Ein Genuss! Ich nehme mir vor, meinen mit der FURCHE vereinbarten Camino-Artikel mit einem Wortspiel zu beginnen: Am wohlsten fühlte ich mich auf dem Holzweg… mal sehen, ob es das wird, ich bin noch am Recherchieren. Gegen Ende der 22 km, als ich mich dem Zimmer in Mindelo nähere, bemerke ich eine Blase am linken „Ringfingerzeh“. Eine weitere am rechten Fußballen kündigt sich an. Meine mitgebrachten Blasenpflaster würden also bald zum Einsatz kommen. Zuerst einmal aber Ana. So heißt die beste Gastgeberin, die ich auf meiner Reise kennenlernte. Sie erzählte mir in perfektem Englisch, sie sei früher in der Modebranche beschäftigt gewesen, zum Tourismus zu wechseln sei eine ihrer besten Entscheidungen gewesen und habe ihr einen Zugewinn an Lebensqualität gebracht. Auch wenn Ana zum Empfang der Ankömmlinge in ihrem geschmackvoll eingerichteten und mit vielen liebevollen Details ausgestatteten Gästehaus „On the Way“ jedes Mal aus ihrer Wohnung in Porto anfahren muss und das auch nochmal morgens zum Zubereiten des Frühstücks tut. Das Gästehaus hat nur zwei Zimmer, beide mit Balkon samt Blick in einen hübschen Garten mit Sonnenliegen und Blumen. Ana empfahl mir zwei Restaurants zum Abendessen, in dem von mir gewählten, ca. 1 km entfernten „Sabor a Lenha“ warteten ein Pilgermenü und eine musikalische Überraschung auf mich. Ich trat um 19h ein, gleich nach der Abendöffnung des urigen Lokals mit traditionell portugiesischer Küche. Außer mir kein Mensch da, denn auf der iberischen Halbinsel isst man erst spätabends, leider. Nein, stimmt nicht, denn auch ein Mann mit Gitarre saß im Gastraum. Und nach etwa 10 Minuten begann er zu spielen – nur für mich, bis nach weiteren 30 Minuten weitere Gäste eintrafen. Niu Gavina – ich ließ mir seinen Namen aufschreiben – interpretierte Songs der Beatles, Stones, Shadows, die Filmmusik von „Der Pate“ und “Pink Panther”, “Don’t cry for me, Argentina” u.a. Und während ich Suppe, Gruß aus der Küche, zartestes Kalbfleisch mit Gemüse, Reis und zwei Estrella-Biere genoss, entwickelte sich zwischen ihm und mir eine Art Song-Raten. Und ich erkannte viele der Melodien – zum Vergnügen von Niu. Wir hatten beide Spaß, er spürte meine Wertschätzung und erfüllte mir gerne einen Musikwunsch: „Blackbird“ von den Beatles. Die 10 Euro Trinkgeld, die ich ihm nach zwei Stunden dankbar überreichte, hatte sich der Gitarrist redlich verdient. Ich war happy – was für ein Geschenk!
immer am Ozean entlang – was für ein Erlebnis für einen Binnenländer wie mich!
Am nächsten Morgen lernte ich Lena und Simon kennen, die sich beide schon von Ana und ihrem Mann (?) zum Frühstück bedienen ließen. Sie gebürtige Russin, aber schon unter Breschnew als Kind ausgewandert, er aus Israel stammend, beide jetzt in Kalifornien lebend. Wie sich herausstellte, lehrt Lena international Security am King’s College London und ist ausgewiesene Spionage-Expertin – sie konnte mit den Namen Jan Marsalek und Egisto Ott etwas anfangen. Simon hat viel Humor und prophezeite, dass wir uns auf dem Weg nach Santiago sicher noch einmal sehen werden. Er sollte recht behalten. Lena und Simon wollten einen Tag nach mir am Ziel ankommen, ihr Gepäck ließen sie sich für 6 Euro pro Tag zum nächsten Quartier transportieren. Ana versorgte uns mit vielen Tipps für die nächsten Wegstrecken und mich auch für meine beiden Abschlusstage in Porto. Man merkt ihr an, dass sie ihr Heimatland liebt und anderen seine Schätze touristisch versiert nahebringen möchte. Ich sagte beim wohlschmeckenden Frühstück mit frischen Früchten, Croissants und frisch gepresstem Orangensaft, ich hätte nun schon am zweiten Tag meiner Wanderschaft ein Problem: Die Qualitätsstandards der Unterkunft bei dir sind so hoch, Ana, dass es ab jetzt nur noch schlechter werden kann. Sie war geschmeichelt, aber ich hatte – wie sich herausstellte – recht. Als ich gegen 9.30h ihr Haus verließ, umarmte mich Ana. Die Sympathie war wechselseitig, und für den Rest meiner Wanderung hielten wir per WhatsApp Kontakt. Wie Ana sprechen viele Portugies:innen ansprechendes Englisch, und auch ich bekam zunehmend Übung, mehr als nur Small Talk in einer Fremdsprache zu bestreiten. Was mich in Portugal (und dann auch Spanien) trotz aller Freundlichkeit störte, war die Art, wie sie die Betten machen. Leintuch und Decke auf allen Seiten fest unter die Matratze stecken; ohne diese Bewegungseinschränkung zu beseitigen würden sich Mitteleuropäer:innen fühlen wie Mumien in zu engem Schlafsack.
Die für Tag 3 geplante 27-km-Etappe wurde durch Anas Tipps noch um einiges länger und mit 42.000 Schritten zur üppigsten meiner Pilgerreise. Zunächst durchquerte ich auf einem der beschriebenen „Holzwege“ ein karges Naturschutzgebiet, das nördlich an Mindelo anschließt. Ich genoss die weitläufige Küstenlandschaft mit Dünen, Feuchtgebieten, artenreicher Vogel- und Insektenwelt und Frühlingsblüten, vor allem die wild wachsenden weißen Calla-Lilien. Dann immer wieder wasserarme, mäandernde Flüsschen, die sich durch Sand und Steine ihren Weg zum Ozean bahnen. Und der blieb imposant, wellenbrechend, rauschend, immer wieder zum Stehenbleiben und Bewundern motivierend. Es war Samstag, und ich merkte, dass auch die Einheimischen ihre Freizeit gern am Strand und deren Lokale verbringen. Anfangs war es noch morgendlich ruhig, ab der Brücke nach Vila do Conde zunehmend bevölkert. Ich folgte Anas Rat und bestieg nach der Brücke einen Hügel mit dem jetzt zum Luxushotel umgebauten, wuchtig-wehrhaften Karmelitinnenkloster darauf. Die Aussicht von dort auf den Hafen lohnt ebenso wie ein kurzer Aufenthalt in der Franziskanerkirche daneben und der Blick auf das kilometerlange historische Aquädukt de Santa Clara, das am Kloster endet. Durch den Hafen vorbei an einem Piratenschiff ging’s zum wellenumtosten Leuchtturm und davor zur Capela de Nossa Senhora da Guia, wo Fischersfrauen für die erfolgreiche Rückkehr ihrer Männer beteten und – wenn man das weiß – der religiöse Kitsch kaum stört.
Auf dem Weg nach Vila do Conde und dessen Leuchtturm
Über eine endlose Strandpromenade mit viel Wochenendbetriebsamkeit wanderte ich nach Varzim, bestaunte auch dort eine riesige Azulejo-Wand, auf der das Fischereileben abgebildet ist. Ausgedehnte Sandstrände, die zum Sonnen-, aber noch nicht zum Ozeanbaden einluden, führten mich zu einem Golfplatz, ab dem der Camino weg vom Meer durch das Landesinnere führt. Statt Remmidemmi wieder Ruhe, statt Flaneuren Berucksackte.
Azulejo-Wand in Varzim, ein Zeugnis des Fischerei-Lebens am Atlantik
Immer wieder Kontakt zu anderen Wandernden. An einem Rucksack erkannte ich den walisischen Drachen und sprach dessen Träger darauf an. Der blödelte: „I have my own dragon with me—my wife is going in front …“ – „Don’t say that“, ermahnte ich ihn. „You are on a spiritual, perhaps holy path.“ Da lachte er. Eine junge Russin, die in Athen Psychologie studiert, ging zuerst mein Tempo, dann ließ sie sich absichtlich zurückfallen. Das respektiere ich. JedeR soll das gewünschte Maß an Alleinsein haben, und im Übrigen finde ich, auch wenn man zu zweit geht, tut es mal gut, einen (Halb-)Tag ganz allein im eigenen Rhythmus zu sein und seinen Gedanken ungestört zu folgen. Carina aus Dortmund ging auch allein. Sie erzählte mir, gleich am ersten Tag 37 km gewandert zu sein – und im Unterschied zu mir keine Fußbeschwerden zu haben. Wir entdeckten im Gehen rasch viele Gemeinsamkeiten: Carina arbeitet auch in der Medienwelt, ist Redaktionsassistentin einer ZDF-Vormittagssendung, sie liebt Hape Kerkeling und hatte dessen Camino-Bestseller als Hörbuch dabei, sie genießt es zu reisen und tat dies besonders auf unser beider Lieblingsinsel Neuseeland, wo auch sie mehrere Wochen herumtrampte. Bald ergab sich eine vertraute Ebene zwischen der 42-Jährigen und mir, und da wir denselben Ankunftstag in Santiago planten, tauschten wir Telefonnummern aus, um am Ziel ein Glas miteinander zu trinken.
In Fão trennten sich unsere Wege, Carina ging zum Hauptort Esposende weiter. Ich hatschte zum Axis Ofir Beach Resort Hotel, einem Riesenschuppen direkt am Meer, versorgte meine immer stärker schmerzenden Füße. Die vorbeugend mit Blasenpflaster abgeklebte Druckstelle am rechten Fußballen wurde zum Dauerproblem: Das Pflaster verklebte nämlich mit dem Socken, und als ich den auszog, riss ich das Pflaster samt Haut ab und entblößte eine ca. 2-Euro-große „enthäutete“ Stelle. Ich verschloss diese mit einem weiteren Pflaster und quälte mich in den Trekkingsandalen zum Fischschmaus ins nahe, sehr empfehlenswerte Lokal „Jardim“, wohin mich Techno-Klänge von „Black Coffee“ gelockt hatten. Das Essen war jedenfalls besser als der anschließende Sonnenuntergang im Ozean. Tagsüber frühsommerlich sonnig und warm, abends diesig, also wenig Farbenrausch. Ist die Sonne erst mal weg, wird es im portugiesischen April doch recht kühl – ich hätte doch ein wärmendes Flanellhemd mitnehmen sollen. Der nächste Tag, ein Sonntag, sollte dann richtig mühsam werden. Anfangs lief es/ich noch gut durch das touristische Esposende. Ich besuchte eine gut gefüllte Kirche während der Sonntagsmesse, erntete aufmunterndes Lächeln, blieb eine halbe Stunde trotz Nixverstan. Dann im gebirgigen Hinterland mit unebenen, steinigen Untergründen litt ich zunehmend. Um den Schmerz am Ballen unter der großen Zehe zu reduzieren, belastete ich den rechten Fuß stärker auf der Außenseite – und knickte prompt einmal um. Der Knöchel scholl gleich mal an, tat aber nicht sonderlich weh. Zunächst nicht. Ablenkung bot die gemeinsame Wegstrecke mit Susanne, einer hübschen, rund 50-jährigen Holländerin. Zu ihrer Pilgermotivation meinte sie, sie fühle sich leer, ausgelaugt nach ihrer engagierten Sozialarbeit mit Problemschülern und deren Eltern. Nun wolle sie auch einmal etwas für sich tun. Für allein reisende Frauen eigne sich der Camino gut, sie fühle sich sicher. Das sollte ich auch von anderen Wanderinnen noch öfters hören. Frauen dominieren den Camino Portugues, vor allem den Küstenweg, gefühlt sind zwei Drittel bis drei Viertel der Pilgernden weiblich, mehr als die statistisch erfassten 53 Prozent der in Santiago ankommenden. Und die Männer, gerade die jungen, gehen oft in einem Tempo, als gelte es einen Wettbewerb zu gewinnen.
Nicht mehr geradeaus wie auf den „Holzwegen“, sondern auf kurvigen Waldwegen näherte ich mich Viana do Castelo. Es zieht sich, bis man endlich die von Gustave Eiffel konstruierte, von kaltem Nebel eingehüllte Eisenbrücke über den breiten Fluss Lima erreicht, und über einen viel zu schmalen Gehsteig neben dichtem Autoverkehr ging ich hoch über dem Wasser in die Stadt. Wieder ein 40.000-Schritte-Tag, und in mir schrie es „Wann bin ich endlich da?“. Das nette Hotel Laranjeira hat eine Toplage in der City, nur hatten montags leider viele Restaurants Ruhetag und ich wählte notgedrungen ein lautes, wenig einladendes am zentralen Hauptplatz Praça da República. Dort suchte ich am nächsten Morgen auch eine Apotheke auf, ein Kompromiss zum von Claudia telefonisch verordneten Arztbesuch. Der Apotheker machte ein entsetztes, mitleidiges Gesicht, als ich ihm ein Foto von meinem Fuß zeigte, und suchte sogleich die größten Pflaster raus, die er finden konnte. Eins davon klebte ich mir gleich vor der Farmacia am dreischaligen Renaissancebrunnen auf die waidwunde Sohle, war mir aber klar, dass heute normales Wandern unmöglich war. Ich erkundigte mich somit nach öffentlichem Verkehr nach Caminha, wo kurz danach mein nächstes Quartier gebucht war. Es sollte ein Bus werden, der für die 30 km ebenso viele Minuten brauchte. Davor nützte ich die gewonnene Zeit für eine Zahnradbahnfahrt zum Monte de Santa Luzia, einer Art Montmartre nördlich der City, wo sich von der Wallfahrtsbasilika Santa Luzia ein schöner Blick auf Viana bietet. Dort hörte ich meinen Namen rufen. Es war Susanne, sie gönnte sich bei toller Aussicht ein kleines Frühstück zu Füßen der Kirche. Die 85.000-Einwohner-Stadt verdiente sicher mehr Aufmerksamkeit, aber wie so oft bei meinem Camino: abends zu erledigt vom Wandern, um noch was anzusehen, morgens beschäftigt mit Aufbruch.
Erst Monsterblase, …… dann Schwellung …… bis zum Ende.
Ein Wort noch zum Frühstück im Hotel Laranjeira: Wir Pilgernden bekamen unaufgefordert Alufolie und Plastiksackerl, um uns von Essen eine Jause herzurichten, auch Äpfel und Bananen. Anderswo ist das explizit untersagt, hier werden Pilger:innen geschätzt und umsorgt. Ich saß mit einer Mutter und Tochter aus Neuseeland zu Tisch, die bereits seit Lissabon unterwegs waren. Es sollten noch Begegnungen mit Mädchen aus Arizona, einem Trio aus Brasilien, Malaysier und einem Bulgaren folgen. Völkerverbindend, dieser Weg zum einst im Krieg gegen die Mauren instrumentalisierten Apostel Santiago!
In Seixas knapp 4 km von der Busstation in Caminha quartierte ich mich im Donna Nega Guest House ein, in einem einfachen Zimmer ohne Mahlzeiten und mit Gemeinschaftsbad, aber mit schöner Terrasse und bunt gemischtem Publikum. Deutsche, Französinnen, Spanier und Esthy, eine atheistische Schweizerin und pensionierte Flugbegleiterin, deren Ziel nicht Santiago, sondern der nächste größere Ort Valença sein sollte. Sie sagte bei unserem längeren Gespräch, sie glaube grundsätzlich an das Gute im Menschen. Dieser Glaube habe jedoch geschwankt, als sie gestern auf dem Waldweg nach Viana eine Frau beobachtete, die sich bei einer Pay-what-you-want-Labestation im Wald bediente, ohne auch nur einen Cent in die Kasse zu werfen. Esthy war empört, sagte der sich unbeobachtet Fühlenden aber nichts. Ich hätte. Aber sowas ist die Ausnahme, waren wir uns einig. Es herrschen Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit, Interesse an anderen unabhängig von Herkunft, Alter, Aussehen und Geschlecht vor. Ich bin überzeugt: Der Camino ist herzensbildend, bessert seine Besucher:innen.
Kirchen am Weg, von mir immer wieder gerne aufgesucht
Der Lohn für meine eigene Herzensbildung kam tags darauf, am Dienstag, 21. April, zur Halbzeit meines Camino. „What a day“, schrieb ich in mein Notizbüchlein. „Mit Spiritualität, Genesung, Blödeln über Geheimdienste, Flusserlebnissen…“ Nach einer Empfehlung meiner Gastgeberin im Guest House folgte ich an diesem Tag keinen gelben Pfeilen oder Jakobsmuscheln. Ich möge stur dem Grenzfluss Minho/Miño folgen und die Wegweiser Richtung Hinterland ignorieren. Denn dann ginge ich auf einem weitgehend ebenen Radweg in einer schönen Flusslandschaft mit Vögeln, Schmetterlingen, Blumen. Klingt gut, dachte ich im Bewusstsein meines Fußes, dessen Blasen nun weniger weh taten, dafür schmerzte der stark geschwollene Rist bis hinauf zum Schienbein. Ich dachte beim Gehen an Hape Kerkeling, dessen „Ich bin dann mal weg“ in seiner Ehrlichkeit mir auch religiös viel bedeutet (anders als Paulo Coelhos schwurbelig-esoterisches Camino-Buch, das ich nach 30 Seiten genervt weglegte). Am 4. Juli 2001, 16 Tage vor seiner Ankunft in Santiago, schrieb Hape: „Ich habe meine ganz persönliche Begegnung mit Gott erlebt.“ Die dem mitteilungsfreudigen Entertainer offenbar die Redseligkeit austrieb, denn: „Das, was ich gestern erleben durfte, kann ich weder erzählen noch aufschreiben.“ Voraus ging das von einer Mitpilgerin angeregte Vorhaben Hapes, sich „leer zu machen“ beim Gehen. „Schweigend und ohne jeden Gedanken zwölf Kilometer zu laufen, kann ich nur jedem empfehlen … Totale gelassene Leere ist der Zustand, der ein Vakuum entstehen lässt, das Gott dann entspannt komplett ausfüllen kann.“ Hape fängt aus heiterem Himmel an zu weinen, ohne ersichtlichen Grund. „Erschöpfung? Freude? Alles auf einmal?“ Die Aufschrift „Yo y Tú (Ich und du)“ auf einer Schule deutet er als spirituelle Intimität, die „nur mich und ihn“ betreffe und ein „Siegel der Verschwiegenheit“ erfordere. Eins nur: „Um Gott zu begegnen, muss man vorher eine Einladung an ihn aussprechen, denn ungebeten kommt er nicht.“ Sowas würde ich auch gerne erleben, dachte ich vorm Start in meinen Camino. Aber Hape war 6 Wochen unterwegs und hatte sein Erlebnis nach 4 Wochen. Würden meine elf Wandertage überhaupt ausreichen, um in so eine Stimmung, in so einen Zustand der Empfänglichkeit zu gelangen? Und plötzlich, links von mir der Fluss, der sich um Grenzen nicht kümmert, rechts Frühlingsblumenwiesen mit Schmetterlingen und Bienen darauf, über mir Vogelgezwitscher … – kamen mir die Tränen, ohne ersichtlichen Grund, genau wie Hape es schilderte. Ich war einfach dankbar, voll von Vertrauen ins Leben, das wie auch immer gut ausgehen würde, genau wie meine Pilgerreise, die ja ein Symbol für den Lebensweg ist. Dankbarkeit, Vertrauen, diese beiden Grundpfeiler des Glaubens stehen doch viel mehr als das Bekennen vorformulierter Sätze den Kern von Spiritualität!
Am Rio Minho kamen mir die Tränen – vor Glück
Lennons „Imagine“ kam mir in den Sinn, das mir immer viel bedeutete. „…Imagine no possessions,/ I wonder if you can,/ No need for greed or hunger,/ Our brotherhood of man./ Imagine all the people sharing all the world…“ Ich erinnere mich an eine Nacht auf der Kykladeninsel Anaphi, die ich als Student in einer Kapelle hoch auf einer Anhöhe über dem Meer verbrachte und im hallenden Raum Donna nobis pacem sang. Und im Morgengrauen stand ich auf und lauschte – umhüllt von Gottes Liebe – dem Wind, dem Meer und den Möwen. Später dichtete ich: „Gott,/ du Vöglein,/ nistest in den Augenblicken,/ in denen mir zum Zwitschern ist.“ Sowas ähnliches erlebte ich am Rio Ninho. Ich war selig.
Das sind Lena und Simon kurz vor unserer gemeinsamen Rast mit Erdbeeren und Oliven
Dann traf ich Lena und Simon, meine Bekannten vom ersten Tag in Mindelo. Wir plauderten erfreut über das Wiedersehen über unsere Erfahrungen, blödelten über KGB und Mossad, und ich lachte über Simons „Drohung“, ich würde wegen meiner Busfahrt tags zuvor nun sicher kein Pilgerzertifikat in Santiago bekommen. Die beiden luden mich zur Rast mit Erdbeeren und Oliven ein. Simon meinte: „Ich sagte ja, dass wir einander wiedersehen würden.“ – Ich darauf. „Dann bist du ja wohl einer der Propheten, von denen Israel so viele hat.“ – Lena winkte ab: „Lieber nicht. Mit denen nahm es kein gutes Ende.“ Ich verabschiedete mich mit: „That’s why I estimate this trip so much: meeting people like you!“ In Valença würde ich auch Carina wiedersehen, die – wie sie mir whatsappte – an diesem Tag ihre mittlerweile ebenfalls beleidigten Füße mit einer Busfahrt schonte. Vorm Hotel Lara traf ich im Supermarkt noch eine allein reisende Bayerin, die bisher frömmste unter meinen Camino-Bekanntschaften. Sie pflegte lange ihre Schwiegermutter, obwohl die ihr gar nicht wohlgesonnen war, und schupft auch jetzt den Haushalt und das Pfarrleben ihrer Heimatgemeinde, wo sie Teil des Pfarrgemeinderats und des Mesnerteams ist. Sie brauchte schon nach dem Tod ihrer Schwiemu eine Auszeit nur für sich, damals auf dem Jakobsweg von München ins Allgäu, und jetzt wieder. Gott ist ihr dabei wichtig, und fromm heißt bei ihr nicht devot: „Bei dera Kirchn brauchst‘ an starkn Glaubm!“ Sehenswert ist die Burg von Valença samt Altstadt, darunter die doppelstöckige Eisenbrücke über den Minho/Miño, in deren Mitte die Grenze zu Spanien markiert ist. Halbzeit für mich. Und die erste Station gleich nach dem Grenzübertritt: Die Stadt Tui mit seiner 800 Jahre alten, wunderschönen Kathedrale. Ich hatte mich mit Carina für 11.45 am Bahnhof Tui verabredet, wir wollten die mehr als 30 km lange Etappe mit einer kurzen Busfahrt nach Porriño abkürzen. Doch fasziniert von den Frohbotschaften aus Stein und Holz und Gold in der Kathedrale übersah ich die Zeit und musste mich bei Carina entschuldigen: Bis zum Bahnhof schaff’ ich’s in zehn Minuten nicht mehr. Es fuhr allerdings ohnehin kein Zug, wir mussten den Bus eine Stunde später nehmen. Wieder 15 km von der Gesamtstrecke abgezwackt. War mir aber egal. The Camino is not a competition!
Blick von Valenca…… auf die Grenzbrücke …… nach Tui in GalicienDie Kathedrale von Tui…… ist ein Must-See, …… das staunen lässt.
Es wurden auch so 33.000 Schritte bis nach Redondela am Fjord von Vigo. Und meine Fußbeschwerden nahmen wieder zu. Eine neue Blase am linken Ballen, der rechte Fuß blieb geschwollen, mit starken Schmerzen an Rist, Mittelfuß und Schienbein, so, dass ich kaum die Zehen anheben und in die Sandalen schlüpfen konnte. „Wandern in Galicien ist bisher nicht das Gelbe vom Ei, fällt gegenüber dem Küstenweg stark ab“, notierte ich frustriert. Viel auf und ab, Nebenstraßen, kleine Ortschaften – allesamt nichts Besonderes. Architektonisch bemerkenswert ist ein Eisenbahnviadukt aus dem 19. Jahrhundert, der sich eindrucksvoll über die Dächer von Redondela spannt. Aber nach dem Highlight am letzten Portugaltag war ich am ersten Spanientag recht niedergeschlagen, was auch an dem muffigen Zimmer mit nicht zu öffnendem, weil defektem Fenster lag. Hoch und Tief auch meine Stimmung – nur das Wetter spielte durchgehend mit: Frühsommer und Sonne ohne jeden Tropfen Regen.
Kurz vor Redondela auf den hügeligen Wegen des Camino in Galicia
Eine Amerikanerin fragte mich, ob ich allein unterwegs sei. „No“, antwortete ich. „Pain is my permanent companion.“ Eine andere sagte. „We apologize for Trump. He’s a Jackass!“ Sowas hebt die Laune. Mehr als dass bei einer weiteren Ami-Frau die US-Flagge am Rucksack prangte. Beim Aufbruch morgens geht es nach einer Weile ganz gut, allerdings nehmen die Schmerzen nach einer Pause mit Niedersetzen wieder zu, so meine Erfahrung. Und mein Gehtempo verringerte sich gegenüber den ersten Tagen deutlich, ab Spanien wurde ich von mehr Leuten überholt, davor war ich der Schnellere. Es häuften sich die Markiersteine mit der Jakobsmuschel und der Kilometerangabe, wie weit es noch bis zum Ziel ist. 84 km noch von Redondela, die 20 am Donnerstag, 23. April, nach Pontevedra sollten machbar sein. Und sie wurden es. Ich ging im Schontempo und hielt meine malträtierten Füße ins kalte Wasser eines sich durch den Wald windenden Flüsschens.
Ruth und Janet, die sich Jan (sprich: Tschänn) nennt, sind seit Jahrzehnten befreundet. Erstere ist aus Chester in Nordengland, zweitere aus Wales. Ich traf die beiden auf einem hübschen Waldweg – Galicien hat doch auch seine Reize – und plauderte während einer Rast mit ihnen. Ruth ist Witwe und hat einen Sohn, Jan einen radelnden und zugleich autobegeisterten Ehemann und zwei Söhne, aber im Unterschied zu Ruth (noch) keine Enkel. Beide haben Humor, wir müssen beim Reden über das britische Königshaus, über die walisische Sprache, die King Charles III. laut der Netflix-Serie „The Crown“ lernte, nicht aber Jan, viel lachen. Ruth empfahl mir mein ab dann geltendes Lieblingsbier 1906 aus der Brauerei Estrella Galicia und meinte, ich solle meinen Fußschmerz doch als Lernanstoß nehmen: Slow down! Die Rede kam auch auf unsere Vornamen, und ich erwähnte, dass ich – im Unterschied zu meinen Geschwistern – nur einen davon bekam und mir deshalb schon vor Jahren selbst einen zweiten verlieh: Pilgrim. Ein Name, den ich jetzt quasi einlöste, mit Leben erfüllte. Ruth und Jan zeigten mir ein Video, in dem sie einen alten Pop-Hit von Tony Christie aus den 1970ern textlich neu interpretieren: Statt “Is This the Way to Amarillo?“ sangen die beiden vom Way nach Santiago, den es zu bewältigen gilt, um zu sweet Marie (oder sweet James?) zu gelangen. Auch eine dieser herzerwärmenden Bekanntschaften…
“Is this the way to Amarillo?” – No. To Santiago!
In Pontevedra kam ich mitten am Nachmittag an, ich logierte mich im Hotel Restaurante Rúas inmitten der hübschen Altstadt ein. Und suchte eine Farmacia auf, wo ich Voltadol gegen meine Schwellung bekam. Auf der zentralen Praza da Ferraría traf ich mich mit Carina zum Abendessen, wir teilten uns Tapas mit Fisch und viel Salat – richtig gut. Und unsere Gespräche wurden immer offener, vertrauter, freundschaftlicher. Ich erzählte sogar von meinem spirituellen Erlebnis an Rio Minho. Carina wurde für mich zu einer Weggefährtin wie Anne und Sheelagh für Hape Kerkeling auf seinem Camino. Ich bin froh, sie kennengelernt zu haben. Am Freitag, zwei Tage vorm Ankommen, wanderte ich erträgliche 21 km nach Caldas de Reis, wo ein Luxusquartier auf mich wartete: Das Balneario Acuña punktet mit altgediegenem Ambiente, Terrasse vorm geräumigen Zimmer, einem hölzernen Treppenhaus rund um den schmiedeeisernen Aufzug – und vor allem: einem Swimming Pool mit Termalwasser. Ich kam früh genug an, um zum ersten und letzten Mal meine Badehose anzuziehen und mich im warmen Wasser angenehm schwerelos zu fühlen, während auf der Terrasse meine gewaschenen T-Shirts und Unterhosen trockneten. Unter den Gästen mischten sich Pilgernde und Pensionisten, letztere dominierten das von mir mitgebuchte opulente Abendessen mit Salatteller, angeblichem Heilbutt, Eisdessert und Weißwein. Köstlich.
Eine der besten Unterkünfte: das Balneario Acuña in Caldas de Reis mit Pool rechts unter den Bäumen
Was in Caldas de Reis und auch sonst in Galicien nicht gut klappte, war, Stempel für den Pilgerpass in Kirchen zu bekommen. Viele davon waren nämlich verschlossen. Dabei wären offene, kühle, zum Innehalten und Nachdenken einladende Kirchen, vielleicht sogar mit biblischen Kurztexten wie die in Glückskeksen, eine gute Idee und würden sicher gerne genutzt. Immer gab es Stempel in Gastronomiebetrieben oder bei Kleinhändlern am Wegrand, die alle Arten von Camino-Tand anbieten. Manchmal spielen auch Musikanten, die von Pilgern einen Obulus erhoffen, wie jener E-Bassist, der Lennons „Imagine“ richtig gut interpretierte. Mein Eindruck war auch. Je näher bei Santiago, desto größer der Spanier:innenanteil. Viele starten von Tui, andere von Vigo. Auch eine Klasse mit lärmenden Teenagern plapperte sich Richtung Ziel. An den letzten beiden Tagen borgte mir Carina ihre nicht benutzten faltbaren Wanderstöcke. Ich hatte auf meine ja verzichtet, weil ich, den Rucksack als Handgepäck im Passagierraum verstauend, nicht riskieren wollte, sie bei der Sicherheitskontrolle abgeben zu müssen. Carinas Stöcke entlasteten wohltuend die Gelenke und vor allem den rechten Fuß. Die harmlosen 18 km von Caldas de Reis nach Padron legten Carina und ich gemeinsam zurück, mit Gedankenaustausch und Pausen samt Gazpacho, Oliven, Kuchen, Kaffee und Cola. Den hügeligen Wegen in schönen Eichen-, Föhren- und Eukalyptuswäldern konnte ich zunehmend etwas abgewinnen.
Sonntag, 26. April, letzter Caminotag! Und die Route verhieß Anstrengung, denn von Padron sind es 25 km mit vielen Steigungen ins auf 257 m Seehöhe gelegene Santiago. Uff, das wird heftig, fürchtete ich, und mir fiel Simons Abschiedsworte bei der Minho-Flussrast an mich ein: „Be not too hard to yourself.“ Er ist ein Prophet und hat recht, dachte ich. Also nochmals Bus. Aber nicht nach Santiago, das wäre für mein Pilgerethos zu viel, nur die Hälfte der Strecke vom Hotel Scala weg. Ich entschied mich für Milladoiro als Halt, mit der Option, die tags zuvor noch ein Stück weiter gewanderte Carina auf dem Weg zu treffen. War dann aber nicht so. Ich näherte mich bei bestem Wetter und in ebensolcher Stimmung dem Ziel. Und überlegte, was diesen Weg zu den angeblichen Überresten eines in der Bibel eher als Nebenrolle bedeutsamen Apostels über Jahrhunderte so attraktiv machte und ihn gerade in den vergangenen 40 Jahren so enorm boomen ließ? KAÖ-Präsident Ferdinand Kaineder, mit dem ich beruflich viel zu tun hatte, ist als europaweit erfahrener Pilger sehr zurückhaltend, was den Camino betrifft. Der sei als Kampfpfad gegen die Muslime instrumentalisiert worden, Jakobus selbst als „Maurentöter“, der Apostel sei wahrscheinlich gar nicht in Hispanien missionieren gewesen, war selbst nie ein Pilger; jetzt sei der Camino von Kommerzialisierung und Overtourism geprägt. Alles richtig, und es stimmt: Gotteserfahrungen kann man auch beim Pilgern nach Mariazell, Altötting oder Lourdes machen, und warum nicht auch in Cornwall oder Cinque Terre? Und doch: Die 530.000 registrierten Pilger:innen, die im Vorjahr nach Santiago kamen, erleben einen Abschluss, wie er sonst wo kaum möglich ist. Ankommen – wer tut das nicht gerne, buchstäblich und sprichwörtlich? Wie auch ich, an diesem Sonntag nach nur 20.000 Schritten, mit Schwielen und Blasen an den geschwollenen Füßen, Parkemed im Blut und Carinas Stöcken an den Händen kam ich auf dem gepflasterten Obradoiro-Platz vor der barocken Kathedrale an, wo sich symbolisch die Pilgerwege aus allen Windrichtungen treffen. Dieser Ort ist Schauplatz von Freudenszenen mit Applaus, Umarmungen und Glückwünschen, von Selfies und Sich-Ausruhen. Das Glück, anzukommen, es geschafft zu haben, schmälern auch die vielen Entbehrungen und Wehwehchen nicht. Und es ist wichtiger als die Pilgerurkunde, die ich wie alle für ihren mit mindestens zwei Stempeln täglich bestückten Camino-Pass im Pilgerbüro bekam.
Wer kommt nicht gerne an? In Santiago kann man das Glück darüber täglich tausendfach erleben.Null km bis zum Ziel – geschafft!Geteilte Freude mit Carina
Ich setzte mich erstmal hin, traf Ruth und Jan und umarmte beide, vereinbarte ein gemeinsames Abschiedsbier tags darauf, wollte aber jetzt noch sitzen bleiben und alles sickern lassen, was ich die letzten elf Tage erlebte. Dann tauchte auch Carina auf, wir beglückwünschten uns und machten Erinnerungsfotos von unserem ersten Camino. Carina überlegt, nochmals zu gehen; ich neige eher zu anderen Zielen. Das ist eines der schönsten Dinge am Camino: am Ende nette Leute wiederzusehen, mit denen man ein Stück des Weges ging, ja eine Zeitlang so etwas wie eine Schicksalsgemeinschaft bildete… Dazu passt, dass ich in den kommenden Tagen auch Lena und Simon wieder traf, und beim Zurückfahren mit dem Bus nach Porto sogar die deutlich später eingetroffene Holländerin Susanne. Ich blieb noch vier Nächte in Santiago, der 100.000-Einwohnerstadt mit der höchsten Rucksackdichte, deren labyrinthartige Innenstadt Weltkulturerbe ist. Ich entdeckte persönliche Lieblingsplätze wie die die arkadengesäumte Rua Nova mit der einzigartigen, der Mutter des Jakobus geweihten Iglesia de Santa María Salomé, die jung-belebte Praza da Universidade und die abgelegen ruhige Praza de San Martino, an der ich mein Zimmer in der kleinen Pension Estrella hatte. Ich aß Pulpo im Markt, kaufte Tarta de Santiago und Pilgersocken, nahm an einer Stadtführung teil und machte einen (Kann-man-machen-muss-man-aber-nicht-)Ausflug nach Finisterre, ans „Ende der Welt“.
Eindrücke sickern lassen…… im schönen Santiago
Nach weiteren zwei Tagen in Porto flog ich zurück nach Wien, in die Arme meiner Liebsten. Und ich bin froh, meinen Camino erlebt zu haben. Das letzte Wort möge Hape Kerkeling haben, dessen „Ich bin dann mal weg“ ich wirklich empfehle. Er beendet seinen Reisebericht spirituell, vergleicht seine Pilgerzeit (oder das Leben?) mit einem kindgleich ausgelassenen Spiel Gottes. „Der Schöpfer wirft uns in die Luft, um uns am Ende überraschenderweise wieder aufzufangen… Und die Botschaft lautet: Hab Vertrauen in den, der dich wirft, denn er liebt dich und wird vollkommen unerwartet auch der Fänger sein. Und wenn ich es Revue passieren lasse, hat Gott mich andauernd auf dem Weg in die Luft geworfen und wieder aufgefangen. Wir sind uns jeden Tag begegnet.“
Im März 1943 feiert das Musical „Oklahoma!“, bei dem der Komponist Richard Rodgers (Andrew Scott) zum ersten Mal nicht mehr mit seinem langjährigen Texter Lorenz Hart zusammenarbeitet, sondern mit den Lyrics von Oscar Hammerstein II den Grundstein für DAS „Songwriting-Team“ (u.a. “The King and I”, “The Sound Of Music”, “You’ll Never Walk Alone”) schlechthin legte. Davor waren schon Rodgers und Hart höchst erfolgreiche Songwriter des Great American Songbook (“Blue Moon”, “My Funny Valentine”, “The Lady Is a Tramp”), das eng befreundete Duo zerbrach jedoch an der Unzuverlässigkeit des notorischen Trinkers Lorenz Hart. Ethan Hawke spielt diesen kleingewachsenen, gekränkten, trotz permanenter Wortwitze von Tragik gezeichneten, Virtuosen des geschliffenen Wortes hinreißend. “Blue Moon” ist die Geschichte eines hochbegabten, jedoch an seinen Unzulänglichkeiten gescheiterten Showbiz-Protagonisten, der noch dazu unglücklich verliebt in die viel zu junge Schauspielaspirantin Elizabeth (Margaret Qualley) ist. Diese berichtet dem vertrauten Freund (“I love you, Larry, but not this way”) von amourösen Erlebnissen und nützt ihn als Steigbügelhalter für den Kontakt mit Rogers. Richtig leid tut er einem, wenn sich Hart vor Ideen sprudelnd anbiedert, obwohl er für die biedere Qualität von “Oklahoma!” de facto nicht viel übrig hat. Wieder mal bin ich mit dem Filmdienst einer Meinung: Die Tragik des Musical-Poeten mit seinen ausladenden Gesten, rasant vorgetragenen Wortkaskaden, Imitationen und mitunter auch angestimmten Liedern ist “zunächst vor allem im Kontrast zu dem von Bobby Cannavale mit pointiertem Gleichmut gespielten Barkeeper unterhaltsam”. Die (von unserer Kinorunde mit Untertiteln mitverfolgte) Pointendichte wirkt mitunter allerdings auch etwas angestrengt … ich bin sicher, dass ich etliche Gags verpasst hab.
Es war nicht die beste Idee, nach einem prallvollen Ostersonntag mit netter Brunch-Runde abends noch in ein Konzert zu gehen. Aber wir hatten schon lange die Karten besorgt und Rufus Wainwright auf der Bühne des Burgtheaters – das klang ja nicht schlecht. Es war die letzte Station des in New York geborenen und in Montreal aufgewachsenen Singer-Songwriters aus einer Musikerfamilie (Vater Loudon Wainwright, Mutter Kate McGarrigle) Rufus Wainwright auf seiner Europatournee, er stand alleine mit Klavier und Gitarre auf der Bühne und wechselte in der Instrumentierung ab.
Sonst veileicht eine Lichtgestalt, diesmal aber mit Schatten vor allem als Begleiter seiner Kompositionen.
Gleich beim ersten Song verspielte sich Rufus und gestand, angesichts der Ehre, auf so einer Weltbühne aufzutreten, nervös zu sein. Rufus, inzwischen 52, ist ein großartiger Sänger, ich mag seine Stimme. Deutlich weniger überzeugte er mich als Pianist und Gitarrist, die Arrangements seiner manchmal eigenwillig schräg wirkenden Kompositionen sind… nun ja: schlicht. Warum keine Begleitband, damit sich der Mann ganz aufs Singen konzentrieren kann, dachte ich mir. Das Beste rückte Rufus erst bei der ersten von zwei Zugaben heraus: “Going to a Town” mit der politisch hochaktuellen Refrainzeile “I’m so tired of America”, danach sein bekanntestes Lied, seine Version von Leonhard Cohens “Hallelujah”. Kurioserweise ist das ein Song des Opas seiner 15-jährigen Tochter, die der homosexuelle Rufus mit Lorca Cohen zeugte, der Tochter des berühmten Leonard. Rufus Wainwright arbeitete mit Künstler:innen wie Elton John, David Byrne, Joni Mitchell, den Pet Shop Boys, Billy Joel, Paul Simon, Sting zusammen, er schrieb zahlreiche Songs für Film und Fernsehen und zuletzt auch zwei Opern. Sein Auftritt in Wien mit Flatterhose, weißen Schuhen und weißem Hemd, das viel Brusthaar erkennen ließ, überzeugte mich nicht wirklich.
Er liebe Wien, sagte Rufus (wie so viele). Jetzt ab in den Urlaub nach Italien.
Ein Weihnachtsgeschenk für meinen Comic-affinen Bruder, das mich genug interessierte, diese Graphic-Novel-Reportage auch selbst anzuschaffen. Autorin ist eine hierzulande kaum bekannte, aber bereits mehrfach ausgezeichnete Südkoreanerin, die nahe der schaurigen Grenze zu Nordkorea lebt. Als Angehörige einer Generation, die von Kindheit an eine gründliche antikommunistische Erziehung erhielt, habe sie wie viele andere die Hoffnung gehegt, das Gipfeltreffen 2018 zwischen der politischen Führung Nord- und Südkoreas könnte eine friedliche Wiedervereinigung des seit den 1950ern getrennten Landes einleiten. Keum Suks gezeichnetes Interview mit dem ehemaligen südkoreanischen Staatspräsidenten Moon Jae-in zeigt, dass es zu vereinfachend ist, den in der Schweiz zur Schule geschickten Kim Jong-un als Bösewicht abzustempeln, auch die US-amerikanische Außenpolitik unter Trump I hatte wesentlichen Anteil daran, dass aus einem dem Nuklearwaffenverzicht Pjöngjangs nichts wurde und die Stimmung zwischen Nord und Süd aktuell wieder höchst konfliktgeladen ist. Keine Frage, der dritte Kim an der Spitze Nordkoreas ist ein Diktator mit Aggressionspotenzial, aber jedenfalls nicht so eine Witzfigur wie er schon 2012 in der US-amerikanische Satirezeitschrift The Onion als „Sexiest Man Alive“ dargestellt wurde. “Anstatt Kim Jong-un oder die Realität Nordkoreas zu verspotten oder zu verurteilen, wollte ich anhand der Erfahrungen von Menschen aus dem Umfeld sowie der Geschichten von Menschen, die unter Krieg und Teilung leiden, die Bedeutung des Friedens in der Geschichte der Teilung vermitteln”, erklärte Keum Suk über ihr jüngstes Werk, das erstmals auch auf Deutsch erschien. Ihr gelang ein spannender, wenn auch in manchen Kapiteln straffbarer Einblick in den für uns Österreicher:innen sehr fernen Osten. Eine Graphic Novel, das in einer Reihe mit Art Spiegelmans “Mouse” oder den Bänden von Joe Sacco über Palästina.
Das viergeschoßige Villengebäude in der Wenzgasse 12 in Wien-Hietzing wurde in den vergangenen Jahren liebevoll renoviert und kann seit März im Rahmen von Führungen besichtigt werden – und das lohnt sich absolut, wie der Besuch von Claudia und mir an einem sonnigen Frühlingstag ergab. Die erst seit 1987 denkmalgeschützte Villa ist architektonisch eine Wucht, der von der wohlhabenden jüdisch-liberalen Familie Beer beauftragte Architekt Josef Frank gestaltete die rund 800 m² Wohnfläche mit unterschiedlichen Raumhöhen und Bodenniveaus, die auf die jeweiligen Bedürfnisse der Eigentümer wie auch der Bediensteten eingehen sollten, und designte auch das Interieur.
Der Haupteingang unter dem kubischen Erker, rechts daneben der Dienstboteneingang, links im Bild die Terrasse (dazu hier unsichtbare Balkone) mit Blick auf den herrlichen Garten
Anders als meine Vermutung wurde das Haus nicht arisiert. Julius Beer, Mitinhaber einer Kautschukfabrik, und seine Frau Margarete wollten einen geeigneten Ort für Empfänge und musikalische Abendveranstaltungen schaffen, bewohnten das Haus ab 1931 aber nur ein Jahr lang. Dann geriet Beer in finanzielle Schwierigkeiten und mussten vermieten – u.a. an damalige Musikgrößen wie Richard Tauber, Jan Kiepura mit Marcel Prawy sowie Marta Eggerth. Noch vor der Machtübernahme der Nazis wurde das Grundstück geteilt, die Villa versteigert und 1941 vom Textilunternehmer Harry Pöschmann erworben, dessen Familie hier wesentlich länger wohnte.
Man kann hier auch übernachten, in diesem Haus voller Treppen und unterschiedlicher Niveaus
Die Familie Beer emigrierte in die USA – bis auf die behinderte Tochter Elisabeth, die kein Visum bekam und dem NS-Rassenwahn zum Opfer fiel. Der ebenfalls jüdisch-stämmige Architekt Josef Frank entwarf neben Familienwohnhäusern auch Gemeindebauten in mehreren Wiener Bezirken. Er emigrierte bereits 1933 nach Schweden und setzte als dortiger Staatsbürger sein Schaffen fort. Mit der Villa Beer hinterließ er Wien ein echtes Schmuckkästchen, das fast ein Jahrhundert nach der Entstehung noch modern und innovativ wirkt. Die Führung in der Karwoche stieß auf großes Interesse, rund 20 Personen unseres Alters nahmen tlw. mit bödenschonenden Schuhüberziehern daran teil.