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RME lautete mehr als 30 Jahre lang mein Kürzel als Nachrichtenredakteur. Seit Anfang 2025 pensioniert, arbeite ich, Robert Mitscha-Eibl, als freier Journalist. Und ich schreibe weiter Kulturkritiken, Reiseberichte, Artikel, Kommentare, Adventmailserien. Über Themen, die mich (und vielleicht auch dich) interessieren. Weil mich das geistig rege hält, es mir Spaß macht und ich mich gerne mit Freund:innen über Gott und die Welt austausche. Und auch, weil das hier etwas ist, mit dem ich mich bei meinen Nachkommen in Erinnerung halten möchte.

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RME biographiert: Erzählenswertes aus meinem Leben

(Rad)Wandern in Flandern, 20.8.-8.9.2026

Der erste Radtag ab Aachen führte uns erst in die NL und dann über die Grenze nach Flandern

Jedes Jahr eine ausgiebige Radtour irgendwo in Europa – das war eines meiner Urlaubsmottos, seit ich 2019 zum 60er mein E-Bike bekam. Und heuer erstmals nicht als Single-Speed-Fahrer, sondern zu zweit, mit Claudia unterwegs. Unser Ziel: Flandern. Anreise per Bahn nach Aachen, ab dann per Bike mit Übernachtungen in Genk (1), Brüssel (3), Kortrijk (1), Ostende (4), Brügge (2), Gent (2), Antwerpen (3) und Breda (1), am letzten Tag nach Rotterdam und erneut per Bahn nach Amsterdam, von wo uns der ÖBB-Nightjet nach 19 Tagen wieder nach Wien zurückbrachte. Verglichen mit meinen jüngsten Touren (2025 Kattegat-Umrundung, 2024 ostseewärts nach Danzig, beides ab Hamburg) bedeutete dies kürzere Radstrecken, in Summe rund 700 km, und weniger Natur, dafür mehr Städte mit Kultur und Kulinarik. Und gewöhnungsbedürftig für mich: das Reisetempo an meine bessere, wenn auch untrainiertere bessere Hälfte anpassen, die zwar rad-affin ist, aber bald mit einer fiebrigen Erkältung zu kämpfen hatte. Das Wetter war nämlich nicht so hitzerekordverdächtig wie heuer in Wien, sondern deutlich kühler, so um die 20 Grad, und auch feuchter als zu Hause. Auch wenn Regen die Ausnahme blieb.

Unsere Reiseroute von Aachen westwärts, an die Nordsee und in einem Bogen rauf ins Niederländische.

In Aachen ein Quartier für die erste Übernachtung zu finden, erwies sich als Herausforderung; denn die Kaiser-Karl-Stadt war gerade Schauplatz einer Reit-WM. Freundliche Dominikanerinnen, beheimatet in der hübschen Innenstadt, hatten noch zwei Einzelzimmer frei, Deo gratias! In Aachen war schon Festtagsstimmung. Musikbühnen an mehreren Plätzen rund um den (leider bereits geschlossenen) Aachener Dom, eines der schlechteren Abendessen im Brauhaus. Früh ins Bett, denn unser Tag hatte bereits um 5h für die rechtzeitige Anfahrt zum Wiener Hbf. begonnen und war mit Bangen um das Erreichen der Anschlusszüge in Salzburg und Frankfurt weitergegangen.

Der erste Radtag am 21.8. führte ca. 60 km durch drei Länder: D, NL mit Kaffee in Maastricht, nach dem Erreichen von Flandern am Albertkanaal entlang nach Genk – eine Stadt, mit der ich davor rein gar nichts verband. Wir wählten diesen Übernachtungsort, weil im ursprünglich angepeilten Hasselt – Reit-WM? – nichts Leistbares zu bekommen war. Mit dem Fund von Steinkohle 1902 änderte sich das Leben in der davor idyllischen Heidelandschaft. Es entstanden drei Bergwerke, die Bevölkerung verzehnfachte sich. Mit den 1960er-Jahren erfolgte, ähnlich wie in anderen westeuropäischen Kohleregionen, ein Strukturwandel, in den 1980ern wurden die letzten Minen geschlossen. Heute gibt es auf dem ehemaligen Bergbaugelände ein Begegnungs- und Kulturzentrum, die C-Mine, aus der zwei alte Bohrtürme markant herausragen und in der wir Spaß im eisernen Labyrinth hatten (Fotos 1-3).


Der zweite Radtag sah die längste Strecke – mehr als 100 km – vor, weshalb ich bereits vorab die Teilstrecke Hasselt–Löwen per Bahn eingeplant hatte. Westlich von Genk kann man in einem wasserreichen Heidegebiet an pittoresken Teichen halten und sogar “Radeln durchs Wasser“ erleben. Wir fuhren in einer rund 200 m langen Beton-Metall-Wanne durch einen kleinen See, der Wasserspiegel daneben auf Kopfhöhe. Spektakulär!

Radeln ÜBERS Wasser kommt noch irgendwann… 😉

Besonders zum Verweilen einladende Natur und Landschaften wie heuer in Portugal oder Skandinavien gab es bei dieser Tour nicht. In Erinnerung bleiben mir die breiten “Radautobahnen” in Belgien und den Niederlanden, die oft entlang der vielen Kanäle oder von Bahnstrecken führen. Schön waren die Routen am Gent-Brügge-Kanal von Ostende in die genannten Städte und jene an der Nordsee bei meinem Ausflug nach Dünkirchen durch unberührte Dünen. Wenig attraktiv dagegen die Fahrt neben Autobahnen von Löwen nach Brüssel und von Breda nach Rotterdam. Generell gilt aber: Von der Fahrradinfrastruktur in Benelux könnte sich Österreich einiges abschauen. Z.B. die asphaltierte Radspur neben Waldwegen, Ampeln, die bei Annäherung eines Rades automatisch auf grün wechseln, oder, dass Fahren gegen die Einbahn genauso üblich ist wie, dass Fußgängerinnen und Radler Verkehrsflächen gemeinsam nutzen. Ich benutzte auf der Reise übrigens Teilstrecken von Eurovelo 4 (Mitteleuropa-Route), 12 (Nordsee-Route) und 5 (Via Romea). Insgesamt führen 8 der mittlerweile 19 europaweiten Fernradwege durch Benelux.

Unser Fokus lag aber auf den Städten. Und was für großartige Städte es in der von uns besuchten Gegend gibt! Ich pfeife mal auf die Chronologie und werbe für Brügge (!), Gent (!), Brüssel, Löwen, Antwerpen – allesamt einen Besuch wert und mit der Bahn auch recht gut erreichbar.
In Löwen/Leuven/Louvain hielten wir uns am 22.8. nur kurz auf – viel zu kurz für die studentisch geprägte Stadt unweit von Brüssel. Wir kamen mit der Bahn aus Hasselt (auch sehr nett) und erkundeten die riesige, beeindruckende Innenstadt mit Stopps im Großen Beginenhof Löwen und die sympathische Kaffeerösterei mit biblischem Bezug: „Onan“ klingt anzüglich, aber der Kaffee war richtig gut – was in Belgien nicht immer der Fall war.

Über das multikulturelle Brüssel hatte ich mich davor bei meinem Sohn Fabian erkundigt, der kurz davor „Europas Hauptstadt“ ebenfalls besuchte. Billige, längst gebuchte a&o-Hostels (nicht zu empfehlen) hier und dann in Antwerpen waren ja der ursprüngliche Anlass für eine ausgiebige Flandern-Visite. Einen Überblick verschafften uns die Hop-on-hop-off-Busse, die es inzwischen ja in allen Großstädten gibt. Das auch von meiner Schwester Martina empfohlene Europa-Viertel war wochenendbedingt nicht so geschäftig wie sonst. Im Haus der europäischen Geschichte hörte ich mir aber einen spannenden Vortrag des Historikers und „englischen Europäers“ Timothy Garton Ash an, der die Vielfalt des Kontinents ebenso aufzeigte wie die Notwendigkeit grenzüberschreitender Kooperation. In Erinnerung ist mir besonders Ashs These, Europa sei dadurch gekennzeichnet, dass man sich auch jenseits der eigenen Heimat zu Hause fühlt. Lohnend war auch ein Besuch im Brüsseler Banksy-Museum, der das subversive Schaffen des von mir sehr geschätzten britischen Street-Art-Pioniers unterhaltsam veranschaulichte.
Ein Hop off erfolgte beim Atomium, dem 1958 anlässlich der Weltausstellung errichteten Wahrzeichen Brüssels. Die milliardenfache Vergrößerung der kristallinen Elementarzelle des Eisens ist als Symbol für das Atomzeitalter zwar schon etwas angekratzt, nach einer Renovierung aber durchaus sehenswert. Rolltreppen in den Röhren verbinden die neun Hohlkugeln, in denen Historie des Bauwerks und Lichtinstallationen zu sehen sind. Im Aussichtsrestaurant ganz oben waren wir wegen der elendslangen Warteschlange der Touristen nicht.
Must-See-Besuche am Grand-Place, beim Manneken Pis (nicht jedoch bei der hockenden Jeanneke Pis) und Open-Air-Darbietungen in der weitläufigen Innenstadt füllten neben kulinarischen Highlights (dazu später mehr) die zwei Tage in Brüssel rasch. Besonders gefielen mir auch die vielen mit Comicszenen bemalten Hauswände; die Belgier sind ja eine Nation von Comic-Liebhabern (Tim und Struppi! Lucky Luke! Die Schlümpfe!).

Hier einige Impressionen von Brüssel:

Ein Grand-Place – in jeder Hinsicht

Eine besondere Stadt ist Brügge/Brugge/Bruges. Da die 120.000-Einwohner-Stadt nie durch Kriege oder großflächige Brände zerstört wurde, ist das spätmittelalterliche Stadtbild mit vielen historischen Gebäuden der Backsteingotik optimal erhalten. Der Wohlstand der ehedem mit der Hanse verbundenen Stadt und kurioserweise auch die wirtschaftliche Stagnation vom 17. bis zum 19. Jhd. trugen dazu bei, dass Besuchenden heute eine der besterhaltenen Altstädte Europas viele Wow!-Effekte beschert wird. Beeindruckend ist der Ausblick vom 83 m hohen Belfried, einem Stadtturm, der in die Hallen am zentralen Grote Markt integriert ist. Von dort stürzte sich der Auftragsmörder Ken in der sehenswerten schwarzen Komödie „Brügge sehen… und sterben?“ in den Tod.
Wir buchten eine Bootsfahrt durch die Kanäle Brügges, fuhren z.B. unter einer bei Hochzeitspaaren beliebten Brücke hindurch und holten später Bussis darauf nach. Wie in vielen flämischen Städten auch hier staunenswerte Kathedralen und Kirchen mit wertvollen Gemälden von Meistern wie Rubens, Antoon van Dyck und davor den Brüdern Jan und Hubert van Eyck oder Rogier van der Weyden, mit prachtvoll geschnitzten Chorgestühlen, Kanzeln und Beichtstühlen, Glasmalerei und Orgeln – insgesamt verbrachten wir einige Stunden in verschiedenen Gotteshäusern, in denen manchmal eine Bezahlsperre zu einem Museumsbereich besteht (nicht für mich Journalistenausweisbesitzer).
In Brügge besuchten wir sowohl die Heilig-Blut-Basilika mit einer der bedeutendsten Reliquien, der „Ampulle mit dem Blut Christi“, als auch die Liebfrauenkirche mit Michelangelos Brügger Madonna samt dem vor seiner Mutter stehenden Jesusknaben. Deutlich profaner unser Besuch im Restaurant De Halve Maan (dt.: Der Halbe Mond), der ältesten Stadtbrauerei Brügges, zu der das Gebräu durch kilometerlange Leitungsrohre aus der Vorstadt gelangt.

Brügge hat eine der schönsten Innenstädte, die ich kenne

Unbedingt erwähnen muss ich auch unser Quartier in Brügge. Das B&B Huis Billiet ist ein denkmalgeschütztes Schmuckstück des Brügger Architekten Huib Hoste aus den 1920er Jahren, das ursprünglich als Diamantschleiferei diente und von unseren Gastgebern Jessie und Dries liebevoll für Wohnzwecke adaptiert wurde. Die beiden wohnen in der völlig umgebauten Schleiferei, wir nächtigten in einem der zwei geschmackvoll eingerichteten Zimmer im Haupthaus. Großartiges Frühstück! Wärmste Empfehlung für alle, die mal nach Brügge kommen.

Unser bestes Quartier in Belgien: das Huis Billiet in Brügge, hier der Frühstücksraum

Gent, unsere nächste Stadt, ist mehr als doppelt so groß wie Brügge und deutlich moderner, studentischer, weniger touristisch und „herausgeputzt“, dennoch mit fast 10.000 denkmalgeschützten Gebäuden ausgestattet. Hat mir auch sehr gut gefallen. Unsere Gastgeberinnen waren wie schon in Aachen Klosterschwestern: Das Karmelitinnenkloster ist jetzt als Het Rustpunt eine zentrumsnah attraktive Gaststätte. Wie schon in Brügge unternahm ich einen online empfohlenen Stadtrundgang – mit eineinhalb Stunden in der St.-Bavo-Kathedrale, benannt nach einem hierzulande völlig unbekannten belgischen Heiligen des 7. Jhd.s. Dort steht mit dem Genter Altar aus den 1420er-Jahren einer der meistbewunderten, von reichen Kaufleuten gestifteten Kunstschätze des Christentums (Bild 5). Hauptthema des zentralen Gemäldes der Brüder van Eijk ist die Anbetung des Lammes aus der Offenbarung des Johannes mit Engeln und Heiligen, inmitten einer Wiese mit Darstellungen von 81 identifizierbaren, symbolisch aufgeladenen Pflanzen. Über die Entstehung und die überaus wechselvolle Geschichte der Altartafeln (die am Ende der NS-Zeit bis ins Salzbergwerk bei Altaussee gelangten) wurde ich mit einer 3-D-Brille informiert und stand mit anderen Besuchenden immer wieder lauschend und betrachtend in leeren Nischen der Krypta. Das frisch renovierte Kunstwerk dann oben in einer Kapelle hinter dem Hauptaltar zu sehen, war ein Erlebnis.


Neben Kanälen punktet Gent auch mit dem Zusammenfluss von Leie und Lieve mitten im Zentrum, dem 95 m hohen Belfried, der frühmittelalterlichen Burg Gravensteen und mit einer Graffiti-Straat (Bild 4), in der sich Sprayer so richtig austobten.
In der zweitgrößten belgischen Stadt Antwerpen war ich, ich geb’s zu, schon etwas sightseeing-müde nach den vorangegangenen Übernachtungen in sieben Städten. Außerdem logierten wir wieder in dem öden a&o-Hostel Centraal beim bemerkenswerten Bahnhof und nach einigen schönen Tagen war das Wetter zunächst ziemlich feucht. Dem Regen entflohen wir am 4.9. mit einem Besuch des Koninklijk Museum voor Schone Kunsten (Bild 7) mit kreativ inszenierten Museumsräumen zu verschiedenen Themen. Die Gemälde hier und jene in der Liebfrauenkathedrale versöhnten mich etwas mit den opernhaft opulenten Barockszenerien des berühmtesten Antwerpeners Peter Paul Rubens. Der war ein großer Künstler – und ein gewiefter Unternehmer mit großer Werkstatt. Die Kreuzaufrichtung und Kreuzabnahme in der Kathedrale sind zwar auch dramatisch pompös, aber doch kompositorisch virtuos und sogar berührend. Reizvoll auch der Kontrast zu moderner Kunst in der Kirche, etwa zur Plastik Der Mann, der das Kreuz trägt des Antwerpener Künstlers Jan Fabre.
Via GuruWalk nahmen Claudia und ich an einer Führung durch die Antwerpener Innenstadt teil, Guide Lisbeth machte das richtig gut und flocht auch viel Sozial- und Wirtschaftsgeschichte ein. Ich erfuhr, dass Antwerpen – obwohl 88 km von der Schelde-Mündung in die Nordsee entfernt – nach Rotterdam den zweitgrößten Hafen Europas besitzt, im 16. Jhd. sogar den weltweit bedeutendsten. Zum Namen der Stadt erzählte uns Lisbeth die Brabo-Legende aus dem 15. Jhd., wonach Antwerpen sinngemäß „Hand werfen“ bedeutet. Dargestellt ist dies mit dem Brabobrunnen auf dem Grote Markt. Der Name stammt aber wahrscheinlich von „an de warp“ (an der Warft).

Brabo-Brunnen mit “Hand-Werfer”, im Hintergrund Rathaus ,it Doppeladler-Wappen der Habsburger


Dass die gesamte Region samt der Nordseeküste bis weit hinter die französische Grenze extrem unter den Kriegsereignissen von 1939-1945 litt, verdeutlichte öffentliche Tanzfreude anlässlich des Jahrestags des Weltkriegsendes (Bild 6 oben). Den Bewegungslustigen schauten wir eine ganze Weile gern zu, nicht nur, weil viele wie in den 1940ern gekleidet waren. Manchmal sahen wir auf unseren Fahrten auch Betonbunker der deutschen Wehrmacht, und ich historisch Interessierter machte von Ostende aus einen 120-km-Radausflug nach Dunkerque/Dünkirchen. Die Stadt in frz. Flandern ist die nördlichste Frankreichs. Bekannter ist sie allerdings durch die von Christopher Nolan 2016 verfilmte Operation Dynamo: Im Frühjahr 1940 wurde Dunkerque bei den Kämpfen zwischen der deutschen Wehrmacht und den dort eingekesselten Briten und Franzosen weitgehend zerstört. In einer spektakulären Initiative konnte die Royal Navy im Mai bis zum 4. Juni den größten Teil der in die Stadt zurückgezogenen britischen Truppen nach Großbritannien retten. Mehr als 330.000 der ursprünglich 370.000 englischen und 130.000 französischen Soldaten wurden evakuiert – ohne diesen Erfolg wäre das UK zur Fortführung des Kriegs gegen Hitler-Deutschland kaum imstande gewesen.
Kortrijk und Ostende waren die Stationen zwischen Brüssel und Brügge. Claudia wollte unbedingt ans Meer, wir buchten also gleich vier Nächte im wichtigsten belgischen Badeort. Der besteht aus Hotelburgen, die den kilometerlangen Sandstrand zwischen der französischen und niederländischen Nordseeküste säumen, in der vordersten Linie zumindest. Aber auch das „Hinterland“ ist architektonisch nicht interessanter, zu viel wurde im Krieg zerstört. Wir hatten aber ein tolles Apartment in der zweiten Parallelstraße hinter dem Strand mit zwei Terrassen und einem vom Wohnzimmer getrennten Schlafraum. Ich hätte ja nicht einen so langen Aufenthalt gebraucht, aber er erwies sich als Segen: Claudia hatte sich eine fiebrige Erkältung eingefangen und verbrachte einen ganzen Tag im Bett, schlapp wie die faulen Seehunde am Sandstrand von Ostende (Bild 9). An den restlichen Tagen gab’s Schonprogramm. Z.B. Fahrt mit der Kusttram, der längsten Straßenbahn der Welt (Bild 8) über 67 km von De Panne (nahe bei F) bis Knokke (nahe bei NL). Ich fuhr damit nach De Haan, wo auch die NS-Flüchtlinge Albert Einstein und Stefan Zweig in einer der vielen hübschen weißen Villen Meeresluft schöpften, nach Blankenberge und Nieuwport. Tags darauf machte Claudia Ähnliches, während ich auf der Eurovelo 12/4 nach Dunkerque radelte (s.o.).

Nach Kortrijk muss man nicht unbedingt, wenn man Belgien besucht. Aber auf der Strecke von Brüssel zur Nordsee benötigten wir am 25./26.8. eine Zwischenstation. Wirklich sehenswert in dem 80.000-Einwohner-Städtchen ist der Beginenhof ganz im Zentrum. Solche Wohnanlagen der Beginen kommen vor allem im belgischen Flandern und in den Niederlanden vor und beherbergten ab dem 12./13. Jhd. unabhängige Frauengemeinschaften abseits von Ordensgelübden, bestehend aus frommen und sozial engagierten Nachfolgerinnen Christi. Begijnen/Beghinen/Beginen – dieses etymologisch im Dunkeln liegende Wort brachte schon während meines Theologiestudiums die Augen feministischer Studienkolleginnen zum Leuchten. Als Weltkulturerbe eingestufte Anlagen wie jene in Kortrijk besuchte ich auch in Löwen, Brügge und Gent, allerdings geht es den Beginenhöfen wie den überalterten Frauenkonventen: Viele werden anderweitig genutzt, z.B. leben Studierende statt der ausgestorbenen Beginen dort. Schade eigentlich.

Den schönsten Beginenhof unserer Reise sahen wir in Brügge

Wer Asterix bei den Belgiern gelesen hat, den letzten gemeinsamen Band von Goscinny und Uderzo, weiß, dass die Belgier gutes, reichhaltiges Essen lieben. Und wer wie wir beim Radeln viele Kalorien verbrennt, schätzt die großen vier der Cuisine belge: Pommes frites, Waffeln, Schokolade und Bier. In Brüssel machten wir an drei aufeinanderfolgenden Abenden das Frites Atelier zu unserem Stammlokal. Die knusprigen, niemals lätscherten Erdäpfelstäbchen, zweimal in einer mit Rinderfett gefüllten Fritteuse herausgebacken, gibt es dort in verschiedenen köstlichen Varianten (Bild 10). Dazu ein Glas Stella Artois – herrlich! Ausgezeichnet auch die Moules Frites/Mosselen-friet (Bild 12), die ich zweimal vertilgte.
Die besten Waffeln aßen wir im Maison Dandoy in Brüssel, köstlich kross mit Erdbeeren und Obers drauf (Bild 11), und im House of Waffles in Brügge mit Vanilleeis und Schokosoße… kein Wunder, dass sich auch Marilyn, Elvis, Frankieboy und Muhammad Ali auf den KI-generierten Werbeplakaten im Lokal die Lippen lecken (Bild 13). Und Neuhaus ist so etwas wie der belgische Schoko-Primus mit Stammsitz in Brüssel. Dort kauften wir die erste kleine Pralinenauswahl, in Antwerpen dann nochmals eine zum Mit-nach-Hause-Nehmen.
Nachsatz zum Bier: Ich bevorzuge ja die hellen Lagerbiere. Aus ästhetischen Gründen griff ich im Spar von Ostende zu einem bunten Fläschchen mit einem Radfahrer drauf – und schüttete einen Teil davon weg. Igitt. Claudia war mit einem Kirschgeschmackradler besser bedient. Jedenfalls sind die Belgier stolz auf ihre rund 1000 Biersorten, viele Läden und Beisln werben mit Dutzenden Varianten.

Belgien besteht als so bezeichneter Staat erst seit rund 200 Jahren. Davor waren Flandern, Limburg und Brabant Teile verschiedener Großmächte, u.a. auch der Habsburger Monarchie. Seit 1830 ist Belgien eine konstitutionelle Monarchie und teilt sich heute in das französischsprachige Wallonien und in Flandern, das seine Sprache mit den Niederlanden teilt. Das Land ist gerade für Radbegeisterte eine Reise wert, es gibt günstige Öffis, sonst ein ähnliches Preisniveau wie in Österreich und die Weltoffenheit eines einstigen Kolonialstaates und aktuellen Europazentrums. Nicht so gut bestellt ist es um die Müllabfuhr, aber das machen Kultur und Kulinarik (außer: Kaffee) mehr als wett.
Über die letzten beiden Tage, den 6./7. September, gibt es nicht viel zu erzählen. Unspektakulärer Grenzübertritt auf halber Strecke zwischen Antwerpen und Breda, davor radeln entlang der Bahnstrecke nach Amsterdam, danach durch holländische Landwirtschafts- und Blumenzuchtregionen. Breda ist recht hübsch, die Fahrt am nächsten Tag nach Rotterdam (das ich von meiner Rheinradtour schon etwas kenne) fast 60 km ohne nennenswerte Pause. Warum Nightjet von Amsterdam? Nun, von Antwerpen in Zügen, die Räder mitnehmen, nach Hause zu kommen, ohne dazwischen zu übernachten, erwies sich als unmöglich. Lernt dazu, ihr Bahnunternehmen Europas!

David Sala, “Schachnovelle. Nach Stefan Zweig” (bahoe books 2023) ****

Ich schätze Graphic Novels seit langem und tausche immer wieder mit meinem ebenfalls Comic-begeisterten Bruder Geschenke dazu aus. Und sogar als Kathpress-Redakteur schrieb ich einmal einen langen Hintergrundartikel über die religiösen Aspekte in qualitätsvollen Graphic Novels. Somit war ich überaus erfreut, dass meine Claudia nach einem ihrer vielen willhaben-Geschäfte mit einer Bildergeschichte über Zweigs berühmte Schachnovelle nach Hause kam. Ich las sie noch vor ihr – und bin angetan.
David Sala, Illustrator und Comiczeichner aus Lyon, gestaltete die Geschichte von einem ehemaligen Gestapo-Häftling, der die monatelange Einzelhaft mithilfe eines Schachlehrbuches übersteht und seine dadurch erworbene Meisterschaft auf einem Überseeschiff in zwei Partien gegen den regierenden Schachweltmeister unter Beweis stellt. Sala tut dies in düsteren, aquarellierten, manchmal rotstichig wirkenden Zeichnungen. Die Konturen der Figuren heben sich dabei wenig vom Hintergrund ab, manche Bilder erinnern an Jugendstilmalerei. Interessant.
Die Sprache (Zweigs?) wirkt manchmal etwas gespreizt, und die Bildtexte sind im Vergleich mit den Dialogpassagen innerhalb der Zeichnungen allzu kleingedruckt, was das Lesen für mich Altersweitsichtigen mühsam machte. Insgesamt ein gelungerer Versuch der in Wien ansässigen bahoe books (von denen ich noch nie gehört hatte). Inhaltlicher Schwerpunkt des Verlags liegt auf der revolutionären Geschichte der europäischen Arbeiterbewegung, ihrer Kritik der politischen Ökonomie, sowie der Herausgabe von Biografien, Prosa und Graphic Novels (darunter auch welche über Popstars wie McCartney, die Stones oder Amy Winehouse.

Wolfgang Herrndorf, “Tschick” (Rowohlt TB 2018) ******

„In 50 Jahren wird dies noch ein Roman sein, den wir lesen wollen. Aber besser, man fängt gleich damit an.“ Eine bessere Kritik als jene in der FAZ nach dem Erscheinen von Wolfgang Herrndorfs “Jugendroman” 2010 kann man sich kaum vorstellen. Vier Jahre später war die dramatisierte Version des literarischen “Roadmovies” zweier 14-Jähriger das meistgespielte Stück auf Deutschlands Bühnen.
Ich hatte das Buch also schon länger im Visier, las heute die 2018 in 70. Auflage erschienene Taschenbuchausgabe fertig. Und ich bin beeindruckt. Und etwas gerührt von dem Ausreißen zweier Außenseiter im Sommer nach der 8. Klasse eines Berliner Gymnasiums. Der Erzähler ist Maik, der aus einem begüterten, wenn auch bröckelndem Elternhaus stammt und sich für einen Langweiler hält, weshalb es nur folgerichtig ist, dass sich die Klassenschönheit Tatjana nicht für ihn zu interessieren scheint. Anfangs gar nicht sympathisch ist Maik der erst später zur Klasse gestoßene Andrej Tschichatschow, genannt Tschick, der aus einer aus Russland zugesiedelten Asi-Familie und damit ärmlichen Verhältnissen stammt. Er lädt den von seinen Eltern alleingelassenen Maik zu einer Spritztour mit einem gestohlenen Lada ein. Es soll nach Süden gehen, in die Walachei zu Tschicks Großvater, auch wenn die beiden keine Ahnung haben, wie sie dort hinkommen.
Dass dieses Unterfangen schiefgeht, wird schon beim Einstieg klar – als Maik in einem Polizeiverhör über die schrägen Erlebnisse der beiden erzählt. Und schon allein wie Herrndorf den Tonfall der Teenager wiedergibt, wie stimmig und authentisch die Sprache der Protagonisten ist, lohnt die Lektüre. Gut, die letztlich in der Provinz Ostdeutschlands verbliebene Route führt im Verlauf der Reise zu Abenteuern, die reichlich skurril wirken. Aber der vielseitige Autor – Herrndorf war auch Maler und Illustrator u.a. für Titanic – fängt am Ende die ausufernde Story wieder gut ein und bringt sie zu einem stimmigen Ende, das schmunzeln macht.
Ob ich meinem bald 14-jährigen Enkelsohn das Buch zur Lektüre empfehlen würde? Unbedingt. Aber vielleicht besser erst in zwei Jahren. Jetzt ist er noch zu unbedarft.

Gedanken zu einem Rekordsommer

Es ist Mitte August, zwei Tage vor Ferragosto. Ich sitze bei strahlendem Wetter zuhause vor dem Laptop und gehe nicht hinaus, nichtmal auf die Terrasse. Und solche Tage gab es heuer schon viele. Hundstage nannte man das früher, wenn die Temperaturen auch nachts nicht auf eine für den erholsamen Schlaf angenehme Marke sinken. Der Rekordsommer 2026 brachte in Österreich verbreitet extreme Hitzetage mit bis zu 14 aufeinanderfolgenden Tagen über 30°C, darunter neue Allzeit-Rekorde und flächendeckende Temperaturen nahe oder über 40°C. In Ostösterreich herrscht eine Dürre, die Ernteausfälle und Unkosten in einer Höhe von 1 Mrd. Euro bewirkt.
Ich bin mit 66 Jahren alt genug, um den Klimawandel deutlich zu spüren. In meiner Schulzeit freuten wir uns über die gar nicht selbstverständlichen Hitzetage, anhaltendes Hochdruckwetter wurde immer wieder durch Gewitter unterbrochen. Kein Mensch redete von nach Mitteleuropa strömender Sahara-Luft, und der niederländische Showmaster Rudi Carell landete einen Hit mit “Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?”.
Die erste Rekordhitze traf uns schon im Juni, es war – nona – der heißeste seit Beginn der Aufzeichnungen. Nach einem bis auf die letzte Woche erträglichen Juli begann die zweite Hitzewelle, die mit 41,5°C einen neuen Rekordwert für Österreich erbrachte. Der Ort liegt nahe bei Wien, und da nimmt es nicht Wunder, dass Wien bisher schon 30 Tropennächte verzeichnete, in denen die Temperatur nicht unter 20°C sank. Claudia und ich schlafen nur mit leichten, saugfähigen Tüchern statt mit Decken – schwitzten dennoch häufig und schliefen schlecht. Wir bespritzen die Betonplatten auf der Terrasse, um die am Morgen heftig einsetzende Erwärmung etwas zu verlangsamen.

Die Sonne – und unser Tanz auf dem Vulkan

Die Politik in Österreich hatte den Klimaschutz spätestens mit der Corona-Epidemie hintangestellt. In Umfragen rangierten die Themen Teuerung oder Zuwanderung/Asyl weit davor – bevor die große Hitze kam. “Klimaschutz ist wie ein Fitnessstudio-Abo: Eines der ersten Dinge, die ich kündige, wenn es finanziell eng ist”, gab der Kärntner Landeshauptmann Daniel Fellner heute in einem Standard-Interview zu. Dabei ist Kärnten eines jener Bundesländer, die beim Umstieg auf erneuerbare Energiequellen bremsen. Windräder sind wenig gelitten, gänzlich unerwünscht gar in Vorarlberg, Tirol und Salzburg. Der Bau von Photovoltaikanlagen boomt zwar, aber der Plafond ist längst nicht erreicht, zumal die Kapazitäten der Stromleitungen nicht ausreichen. Da wurde die Entwicklung verschlafen. Und immer noch ist Kerosin steuerlich privilegiert, obwohl der Flugverkehr ein wesentlicher Faktor des Treibhauseffektes ist. Weitere Klimaschädlinge sind die hierzulande enorme Bodenversiegelung, unzureichende Gebäudedämmung bzw. -bepflanzung und die Macht, die die Politik der Autolobby einräumt. Seit die Grünen nicht mehr in der Regierung sind, fehlt es an einer ambitionierten Wende in der Klimapolitik. Sicher, die anderen Parteien sind allesamt “grüner” geworden, aber das sehr halbherzig und inkonsequent, und mit einem Bauernbund-Knecht als Landwirtschafts- und Umweltminister wird sich das auch nicht ändern.
Die eigenen Beiträge zu Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung wie viel Rad- und wenig Autofahren (der Renault Captur ist zehn Jahre alt und hat noch keine 100.000 km am Buckel), Mülltrennung, Bio-Lebensmittel u.a. sind insgesamt ein Tropfen auf den heißen Stein, buchstäblich.
Die Politik streitet aktuell über Hilfspakete für die Landwirtschaft. Kaum thematisiert wird, wie wichtig der Kampf gegen die Ursachen der aktuellen Krise ist. “Das ist eine Ignoranz den kommenden Generationen gegenüber”, beklagt Christoph Schweifer auf Facebook. Claudia und ich werden noch einige Rekordsommer erleben. Meine Söhne und ihre Familien aber noch viel mehr. Und womöglich die damit verbundenen Migrationsbewegungen, weil Teile der Welt verwüstet oder überschwemmt werden. Und Missernten, Waldbrände, Wetterextreme werden Regelfall statt Ausnahme sein. Ich habe Angst, dass wir das Ruder nicht rechtzeitig herumreißen. Dafür wäre ein globaler Schulterschluss notwendig. Der ist – angesichts von rechtspopulistischer Politik, aufgeblühtem Nationalismus à la America first und der Macht multinationaler Konzerne – aktuell so weit entfernt wie schon lange nicht.

„Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“ (Regina Schilling, D/Ö 2026) ****

Für jemanden wie mich, der während des Germanistikstudiums in Graz immer wieder fasziniert von Texten Ingeborg Bachmanns war und ihre gesammelten Gedichte sogar mit auf Rucksackurlaube nahm, ist dieser Film ein Must-see. Und die deutsche Dokumentarfilmerin Regina Schilling schuf eine Collage mit frühen Film- und Tonaufnahmen der 1926 geborenen Dichterin, mit Auszügen aus ihren Werken und (tlw. posthum veröffentlichten) Briefen, mit Interviews der Bachmann, Auftritten u.a. als junge Inge bei der postfaschistischen und zugleich männerdominierten Gruppe 47 oder als mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden Geehrte (“Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar”) – und mit Sandra Hüller als Bachmann-Lookalike mit blonder Perücke in einer Wohnung in Rom.
Diese kluge, sprachmächtige Poetin, erst schüchterne Ex-Provinzlerin, später eine vom Leben und von der Liebe Malträtierte lässt mich nicht kalt und bleibt mir zugleich sehr fremd. Mag sein, dass ich als Mann, als “Ungeheuer mit dem Namen” Robert, manches nicht so recht nachvollziehen kann von ihrer Verwundbarkeit.
Etwas aufgesetzt kommt mir im Film das So-tun-Als-ob der großartigen Schauspielerin Sandra Hüller vor. Ziel war es offenbar, einen Tag gegen Ende von Bachmanns Leben in Räumen filmisch zu imaginieren, die der letzten Wohnung der Dichterin gleichen, und dabei auch die Stadt Rom einzubeziehen.
Die damals tabletten- und alkoholsüchtige Dichterin verbrannte sich an meinem 14. Geburtstag, in der Nacht vom 25. auf den 26. September 1973, im Bett mit einer Zigarette. Dem setzt Renate Schilling am Ende ihrer Doku Bachmanns Festhalten an der Hoffnung entgegen. In einem Fernsehinterview von 1972 wird sie auf mögliche Resignation angesprochen; Bachmann weist diese jedoch von sich. Sie halte – wie sie sagt – an dem Glauben an eine Utopie auch wider besseres Wissen fest. Das unterstreicht das abschließende Zitat aus ihrem “Todesarten”-Roman “Malina” über die Frage, wie denn ihre zukünftige Welt aussehe. „Ein Tag wird kommen, an dem die Menschen schwarzgoldene Augen haben, sie werden die Schönheit sehen, die sie jetzt nicht sehen, weil sie blind sind, und sie werden die Wahrheit hören, die sie jetzt nicht hören, weil sie taub sind, und sie werden den Duft der Welt riechen, den sie jetzt nicht riechen, weil sie stumm sind. Ein Tag wird kommen, sie werden frei sein, es werden alle Menschen frei sein, auch von der Freiheit, die sie gemeint haben.“
Gut gesagt, Ingeborg. Den Film muss man nicht gesehen haben, aber ohne die Gedichte, die Erzählungen der Bachmann wäre das Leben eines/r literarisch Interessierten ärmer.

Burgtheater: Sonderführung Klimt-Deckengemälde, 11.8.26

Auch wer – so wie ich – seit 40 Jahren im Raum Wien lebt, lernt über diese einst bedeutende Hauptstadt eines Weltreiches nicht aus. Zum Beispiel das im Oktober 1888 mit Grillparzers Esther und Schillers Wallensteins Lager eröffnete k. k. Hofburgtheater am Ring gegenüber dem Rathaus. In den beiden Jahren davor gestalteten Gustav Klimt, dessen Bruder Ernst und Franz Matsch die Deckengemälde in den beiden Stiegenhäusern des im Historismus errichteten Baus von Gottfried Semper und Karl von Hasenauer. Der später weltberühmte Jugendstil-Maler stand damals am Beginn seiner Karriere, war zu Beginn der Arbeiten erst 24, sein früh verstorbener, ebenfalls künstlerisch hochbegabter Bruder gar erst 22. Franz Matsch war ihr Kollege an der gemeinsam besuchten Kunstgewerbeschule (heute. Angewandte) in Wien, gemeinsam nannten sie sich “Künstlerkompanie”.
Die drei davor schon für Aufträge in Rijeka und Karlsbad kooperierenden Künstler schufen insgesamt zehn großartige Gemälde – die den Besuchern der “Burg” heute meist entgehen. Denn sie befinden sich in luftiger Höhe nicht im Bereich des Haupteingangs des Theaters, sondern über den beiden seitlich gelegenen Logenstiegen: Die damals Franz Joseph I. vorbehaltene Kaiserstiege liegt im Trakt, der dem Volksgarten zugewandt ist, die Erzherzogstiege in jenem in Richtung Café Landtmann. Und Letztere ist aktuell wegen Renovierungen eingerüstet. Das öffnet ein Zeitfenster, in dem die Arbeiten der Klimts aus nächster Nähe betrachtet werden können.

Und das lohnt sich: Für die Erzherzogstiege schuf Gustav Klimt eine Szenerie des Antiken Theaters Taormina auf Sizilien (Bild 4), für die Kaiserstiege das Londoner Globe Theatre und die Schlussszene aus Romeo und Julia. Über dem Eingang zum Zuschauerraum ist Der Eingebildete Kranke Molières zu entdecken. Auf dem Bild Shakespeares Globetheater sind alle drei Künstler als Theaterbesucher verewigt, es zeigt somit auch das einzige gemalte Selbstportrait von Gustav Klimt. Zu sehen sind die drei auch auf einem der erst viel später entdeckten „Klimt-Kartons“ (Bild 3), Entwurfskizzen der Originale, im Angelika Prokopp Foyer bzw. Klimtraum.
Die “Künstlerkompanie” verewigte sich später auch im Kunsthistorischen Museum. Die Klimts und Matsch schufen 1891 “Zwickel- und Intercolummnibilder” über die großen Epochen der Kunstgeschichte für Flächen, die zwischen den Bögen und Säulen im großartigen Stiegenhaus des Museums frei geblieben waren. Diese Arbeiten waren das letzte bedeutende Werk der Künstlerkompanie. Nach dem Tod von Bruder Ernst, 1892, beendete der darüber tief erschütterte Gustav Klimt die Zusammenarbeit mit Matsch.
Jetzt heißt es schnell sein: Die Führungen im Burgtheater enden mit August!

Richard Prince, Fotoausstellung Albertina, 10.8.2026 ***

Als Besitzer einer Bundesmuseenkarte besuche ich auch Ausstellungen von Künstler:innen, von denen ich noch nie etwas gehört habe. Wie zuletzt von Richard Prince, einem US-amerikanischen Maler und Fotografen. Er wird der Appropriation Art zugeordnet, ist also ein Künstler, der Werke anderer kopiert – wobei der Akt des Kopierens und das Resultat selbst als Kunst verstanden werden sollen. Sonst wäre es ja Plagiat oder Fälschung.
Die Albertina widmet dem heute in New York lebenden Prince eine Schau, in der seine bekannteste Arbeit zu sehen ist: die 1980–1987 entstandene Serie „Cowboys“, die aus fotografierten Ausschnitten von Marlboro-Anzeigen besteht. Auch anderen trivialen Mythen der amerikanischen Alltagskultur widmet er sich, in Serien mit Motorradgangs bzw. sich auf heißen Eisen räkelnden Halbnackten sowie Modefotografien. Nun ja.

Kopie-Kunst. War nicht so meins, nicht mal der Cowboy im Hintergrund.

Auf Wikipedia erfahre ich, dass Prince dafür kritisiert wurde, “Bilder aus dem Internet bzw. Instagram mit dem Handy abzufotografieren, zu vergrößern und für ca. 90.000 $ zu verkaufen, ohne die Fotografen am Gewinn zu beteiligen”. Wenn das stimmt: Shame on you, Mr. Prince!

La Strada Graz, 5./6./7. August 2026

Ich liebe Graz. Hab dort als Student eine der schönsten Phasen meines Lebens verbracht. Bezeichne die Stadt auch 40 Jahre danach noch als meine sentimentale Heimat. Und besonders liebenswert ist die Stadt, wenn es im Sommer wieder “La Strada” heißt. Und diesmal war ich bei diesem “internationalen Festival für Straßenkunst, Figurentheater, Neuen Zirkus und Community Art” dabei, zumindest an drei Tagen.

Ein Höhepunkt: Das kanadische Ensemble Le Patin Libre im Grazer Augarten

Ich nahm an fünf Veranstaltungen teil. Gleich am ersten Abend sorgte die bläserdominierte Compagnie du Coin für Anarcho-Lebensfreude (Bild 1). Auf dem Freiheitsplatz bahnten sie sich mit treibenden Grooves Wege durch das Publikum und bezog dieses immer wieder mit ein.
Ein Höhepunkt am nächsten Vormittag im Augarten: Das kanadische Ensemble Le Patin Libre (Bild oben und 6), die im Augarten ihre Eiskunstlaufkünste mit Rollerblades auf einer ca. 10 x 20 m großen Plattform übersetzten. Ihr Programm “In “Wheels & Cello” bot im musikalischen Dialog mit einem Cellisten ein harmonisches, virtuoses Zusammenspiel von Klang und Bewegung.

Im Atelier Jungwirth am Opernring sodann eine Ausstellung der dänischen Performance- und bildenden Künstlerin Nana Francisca Schottländer, die am Dachsteingletscher Fotos anfertigte mit einem reizvollen Kontrast. Zu sehen: ihr nackter Körper und die schroff-karge Hochgebirgslandschaft. Dort außerdem die Ausstellung Signal vom Dachstein. Eine Landschaftsoper. Sirenengesang aus Lautsprechern auf dem Gletscher (Bild 5), Almszenen in den umliegenden Tälern, dort heimische Poeten wie Bodo Hell und Barbara Frischmuth (beide inzwischen im Jenseits).
Für verblüffende Geräusche sorgte auf einem Rundgang vom Jakominiplatz durch die Grazer Innenstadt die Gruppe Décor Sonore – und das ganz bewusst ohne Elektrizität, nur mit Schalltrichtern (Bild 4). Die machten aus Lichtsäulen, Einkaufswagen und Fahrradfelgen Klang und Rhythmus.

Mein letzter Vormittag gehörte dem israelischen Clown Anatoli Akerman (Bild 3) und seinem Assistenten Christoph Schiele. Ihr Programm Splinters bot Tollpatschiges, “Zaubertricks”, Publikumsbespritzungen, Wortwitz, aber auch beeindruckenden Steptanz und Jongleur-Akrobatik. Ein Finale Furioso, das mich oft zum Lachen brachte. Schade, dass meine Gastgeber – Bruder Andreas und Familie – das versäumten.
Aber vielleicht nächstes Jahr wieder bei La Strada! [Bild 2 gehört nicht zum Festival, wohl aber zu meinem Besuch. Am ersten Abend Jazz und Weltmusik vom Trio JMO auf dem Mariahilferplatz]