RME schreibt weiter …

Hervorgehoben

RME lautete mehr als 30 Jahre lang mein Kürzel als Nachrichtenredakteur. Seit Anfang 2025 pensioniert, arbeite ich, Robert Mitscha-Eibl, nicht mehr „nine to five“, sondern (als) freier. Und ich schreibe weiter Artikel, Kommentare, Kulturkritiken, Reiseberichte, Adventmails. Über Themen, die mich (und vielleicht auch dich) interessieren. Weil mich das geistig rege hält, es mir Spaß macht und ich mich gerne mit Freund:innen über Gott und die Welt austausche. Und auch, weil das hier etwas ist, mit dem ich mich bei meinen Nachkommen in Erinnerung halten möchte.

mehr …

RME liest ...
RME liest: Buchkritiken v.a. Belletristik, aber auch Fachliteratur, Graphic Novels …
Robert schreibt ...
RME schreibt: Artikel aus näherer Vergangen-heit, Kommentare …
FILM. Robert sieht ...
RME sieht: Filme, z.B. mit meiner Kinorunde, vereinzelt auch Gestreamtes …
MUSIK. Robert hört ...
RME hört: Favoriten und Entdeckungen im weiten Feld der Musik, Konzertbesuche …
AUSSTELLUNG. Robert besucht ...
RME besucht: Aus-stellungen, Theater, Events …
KOMPASS. Fobert fährt nach ...
RME fährt nach: Reiseberichte über Ausflüge/Urlaub …
ADVENT. Robert adventmailt ...
RME adventmailt: gesammelte Adventmails, die ich seit 2003 alljährlich versende …
TERMINE. Robert kündigt an ...
RME kündigt an: Termine/Events, bei denen ich über Begleitung froh wäre …
MEIN LEBEN. Robert biographiert: Erzählenswertes aus meinem Leben
RME biographiert: Erzählenswertes aus meinem Leben

„Michaelina Wautier, Malerin“, Sonderausstellung KHM ******

Frans Hals, Jan Vermeer, Peter Paul Rubens und natürlich Rembrandt – die alle kennt man als Meister der niederländischen Barockmalerei. Eine, die aufgrund ihrer künstlerischen Qualität unbedingt in diese prominente Reihe dazugehört, kannte ich vor der aktuellen Sonderschau im KHM nicht, hatte ihren Namen noch nie gehört: Über Michaelina/Michelle/Michelina/Magdalena Wautier/Woutiers/Wouters/Wauters (1614?-1689; so viele Namensvarianten!) ist generell wenig bekannt. Sie stammte aus Mons in Flandern und wirkte mit ihrem ebenfalls hochbegabten Malerbruder Charles Wautier in Brüssel; viele ihrer großartigen Gemälde wurden ihr erst in jüngster Zeit zugerechnet – oft auch, weil man sich nicht vorstellen konnte, dass eine Frau Aufträge für Historienbilder bekam und sie diese mit nackten Männerleibern versah. Und die Künstlerin tat das selbstbewusst: Michaelina „invenit et fecit“, signierte sie ihre Bilder – „erdacht und ausgeführt“. Eine Frau, „die sich in ihrer Zeit über Regeln und Konventionen hinweggesetzt hat und von der Kunstgeschichte vergessen wurde“.


Umso dankenswerter ist es, dass das Kunsthistorische Museum in Wien
dieser „aufregendsten kunsthistorischen Wiederentdeckung der letzten Jahrzehnte“ eine Bühne gibt und Bewunderern wie mir einen Überblick über das bisher bekannte breite Schaffen der Flämin, mit psychologisch einfühlsamen Altarbildern und Porträts, mit Genre- und Historienmalerei sowie Frauen eher zugetrauten „Blumenstücken“, verschafft. Erstmals weltweit zu sehen eine großartige Bilderserie zu den fünf Sinnen, allegorisch dargestellt anhand von kleinen Buben.

Sehen, hören, riechen, tasten, schmecken – die erste Erkenntnisquelle laut den Empiristen im Gefolge des Barockphilosophen John Lockes

Dank gebührt auch dem Habsburger-Erzherzog Leopold Wilhelm von Österreich, der als Statthalter der spanischen Niederlande als Kunst-Mäzen und Käufer agierte und u.a. Michaelina Woutiers förderte. Aus dieser Zeit stammen vier ihrer Bilder in den Beständen des KHM.
Empfehlen kann ich die Schau nicht mehr – ich besuchte sie mit meiner ebenfalls begeisterten Angetrauten am vorletzten Ausstellungstag. Wie gut, dass ich das Wetter – Wien versank im Schnee – für diesen Fast-Last-Minute-Besuch nutzte. Und ich hoffe, dass die Kunsthistoriker:innen noch weitere Werke Michaelinas enttarnen (ärgerlich, dass sich die Talente von Frauen oft nur schwer oder gar nicht durchsetzen konnten!).

Seifenblasen zeigen barocke Vanitas … mögen die Bilder Michaelinas nicht vergänglich sein

„Oh mein Gott“ von Anat Gov, Akzent Theater, 19.2.26 ***

Die Psychologin Ela empfängt nach einem mysteriösen Anruf einen verzweifelten Mann, der unbedingt eine Therapiestunde bei ihr nehmen möchte. Zunächst ziert er sich, seine Identität preiszugeben, schließlich outet er sich als Gott persönlich, der in einer tiefen Krise steckt und mit ich selbst und seiner Schöpfung – dem Menschen – unglücklich ist. Ela will den überfordernden Auftrag erst nicht annehmen, lässt sich aber dann doch auf theologisch-therapeutische Dispute ein und macht dabei auf einen blinden Fleck bei Gott aufmerksam – seine höchst fragwürdige Behandlung des gottesfürchtigen Hiob.
Das „Akzent Theater“ beschreibt das Stück der 2012 verstorbenen israelische Drehbuchautorin und Dramatikerin Anat Gov mit Katharina Stemberger und Wolf Bachofner als „wunderbare Komödie, klug, berührend und voller Überraschungen“. Naja. Der hier satirisch gezeichnete jüdische Gott – christliche „Ergänzungen“ fehlen völlig – ist allzu anthropomorph geraten. Die Komik speist sich hauptsächlich daraus, dass es bei dem mit sich hadernden Therapieklienten sehr „menschelt“, er weinerlich, zornig, frustriert ist, mit seiner Allwissenheit angibt und manchmal „Zaubertricks“ einsetzen will, die seiner Allmacht Hohn sprechen. Mir war das zu oberflächlich
Dass bei all dem Kenntnisse des Alten Testaments vorausgesetzt werden, störte mich als Theologe weniger als meine davon müde werdende Liebste. Und etwas aufgesetzt wirkt das „kitschige, Rosamunde-Pilcher-artige Happy End“ (Kronen Zeitung) zum Schluss mit Regen für die dürstenden Pflanzen und Cello-Tönen vom autistischen Kind der Therapeutin.

Ausstellung „Noble Begierden“, Gartenpalais Liechtenstein, 16.2.26 ****

Unter dem Titel „Noble Begierden“ zeichnet das Wiener Palais Liechtenstein die Geschichte des europäischen Kunstmarkts nach. Die Adresse passt, war doch das Fürstenhaus über Jahrhunderte voll von kundigen Sammlern und besitzt heute eine der größten privaten Kunstsammlungen in Europa. Laut dem Schweizer Wirtschaftsmagazin „Bilanz“ beziffert sich der Wert der Fürstlichen Sammlungen auf vier Milliarden Euro. In den quer durch die Kulturgeschichte ausgerichteten Ausstellungsräumen im pompösen Wiener Gartenpalais der Liechtensteins bietet die Schau schlaglichtartige Einblicke von der griechisch-römischen Antike über die italienischen Stadtstaaten der Renaissance und das Goldene Zeitalter der Niederlande „bis hin zu sensationsheischenden Präsentationen und transatlantischen Verkäufen im 19. Jahrhundert“. Die Exponate dazu stammen nicht nur aus eigenen Beständen – u.a. von Brueghel, Rembrandt und Canaletto -, es finden sich auch hochkarätige Leihgaben von Arbeiten eines Tizian, Van Dyck, Daumier, Monet und Klimt.

Schon im Alten Rom galt griechische Kunst als Leitkultur, die gern imitiert wurde

Sukkus der Gratisführung bei dichtem Schneefall draußen vor den Fenstern: Kunst war immer schon auf Gönner, Financiers, Sammler und Händler angewiesen, war neben ästhetischem Genuss immer schon Statussymbol und Investment. Zu sehen sind u.a. Porträts des Londoner Auktionshaus-Gründers James Christie und des Wiener Kunstvermarkter Karl Sedelmeyer, der die riesigen Gemälde des ungarischen Malers Mihaly Munkacsy wie in einem Kinosaal einem Millionenpublikum zugänglich macht – für gutes Geld, versteht sich.

Eines der großformatigen Gemälde Munkacsys, den Kaiser Franz Joseph adelte und Sedelmeyer fix angestellt hatte

Spannend im Hinblick auf eine kommende Flandern-Reise: Im Antwerpen des 17. Jht.s gehörte es zum guten Ton, in den repräsentativen Häusern der besseren Gesellschaft durchschnittlich drei Dutzend Gemälde aufzuhängen. Und auch im Bürgertum vergangener Generationen zeigte man gern Kulturbeflissenheit durch Stillleben, Landschaften und Hubertusjagdszenerien; heute dominieren eher Fotografien und Nachdrucke moderner Ikonen wie Rothko, Mondrian oder Kandinsky.

Ein idealisiertes Werkstattbild: der Künstler in Selbstinszenierung

Peter Gabriel, „i/o“, 2023 ****

Es war in der ersten Hälfte der 1980er-Jahre, als ich durch die legendäre „Musicbox“ (als Ö3 noch ein innovativer Radiosender war) auf Peter Gabriel aufmerksam wurde: Man brachte sein archaisch anmutendes „Rhythm of the Heat“ in deutschsprachiger Version zu Gehör (der einstige „Genesis“-Mitgründer spielte später ja auch das großartige „Games without Frontiers“ in einer deutschen Version ein) – und ich war hingerissen. Ich liebte Songs wie „Solsbury Hill“, „Shock the Monkey“ und „Biko“ als Beispiel für Gabriels Affinität für weltmusikalische Einflüsse. Spätestens mit dem grenzgenialen Album „So“ (1986) – eines meiner Top Ten ever – wurde ich ein großer Fan des seit kurzem 76-jährigen Briten.
Nun das Alterswerk „i/o“, und ich muss sagen, Peter Gabriel muss sich nicht sehr hinter großartigen Arbeiten alt gewordener Größen wie Johnny Cash oder David Bowie – Gott hab sie selig – verstecken. Die Arrangements, die Percussion-Lastigkeit, die Melodieführung, die noch immer unverwechselbare Stimme – all das erkennt man von früheren Alben wieder. Und es gefällt.
Sehr eigenwillig war freilich der Modus der Publikation von „i/o“: 2023 kam an jedem Voll- und an jedem Neumond EIN Song heraus, „It’s a little like getting a Lego piece each month“, kommentierte Gabriel das erst nach einem Jahr komplette Doppelalbum. Es bietet zwei verschiedenen Abmischungen jedes Songs – der Bright Side Mix und der Dark Side Mix unterscheiden sich dabei gar nicht so sehr. Aber solche Absonderlichkeiten lasse ich dem innovativen Briten gerne durchgehen. Für 2026 hat der Altmeister „o\i“ angekündigt, die Songs dazu sollen wiederum an Voll- bzw. Neumondtagen erscheinen. Nun denn.

„Hamnet“ (Chloé Zhao, GB 2026) *****

Der nächste Oscar-Kandidat: Es geht um Shakespeare, bzw. mehr noch um seine Frau Agnes und seine erst drei, nach dem Tod des Sohnes nur mehr zwei Kinder. Über die „verlorenen Jahre“ des GröDaZ (größten Dramatikers aller Zeiten) vor seinem Ruhm am Londoner Globe Theatre weiß man so gut wie nichts. Das beflügelte die Fantasie der irischen Autorin Maggie O’Farrell, die 2020 den Roman „Hamnet“ über die ersten Familienjahre im Hause Shakespeare veröffentlichte. Der wiederum diente der US-Chinesin Chloé Zhao („Nomadland“!) als Vorlage für ihren Kunstfilm mit demselben Titel.
Schon vor dem Treffen meiner Kinorunde wusste ich: Shakespeare hatte einen Sohn mit demselben Namen, den auch seine berühmteste Bühnengestalt trägt (Hamnet = Hamlet) und der schon in jungen Jahren (an der Pest?) starb. Der Roman und Film handeln von der Bewältigung dieser Tragödie, die auch eine Kluft zwischen den beiden davor sehr glücklichen Eltern William und Agnes entstehen lässt. Agnes – beeindruckend gespielt von Jessie Buckley – stellt sich als eine Art Kräuterhexe dar, deren Naturverbundenheit sich in der Vertrautheit mit einem Falken, der Geburt der ersten Tochter Judith abgeschieden im Wald und in Heilungskompetenz zeigt. Der historisch 8 Jahre jüngere William ist erst ein Lateinlehrer aus einem strengen Handwerkerhaushalt, dann mit sich hadernder Schriftsteller, mit berufsbedingten Abwesenheiten vom Heimatort Stratford.
Die Annäherung der beiden, die wechselseitige Anerkennung der Eigenheiten des/der Ehepartner/in, das Elternglück und dann das hereinbrechende Unglück schildert Zhao bedeutungsschwer und ästhetisch aufgeladen. Bisweilen etwas viel Bemühen um Schicksals- und Todessymbolik ortet der „Filmdienst„. Wirklich berührt wurde ich von der Trauer der Eltern um ihren Sohn erst, als sich Natur (Agnes) und Kunst (William) versöhnen. Das geschieht, als Agnes erstmals einer Aufführung im Globe beiwohnt, gegeben wird „Hamlet“, passenderweise dargestellt vom älteren Bruder des kleinen Hamnet-Darstellers, und mit William als Geist des ermordeten Hamlet-Vaters. Und obwohl es in dem heute noch viel gespielten Drama um Verrat, Zaudern, Rache und Gifttod geht, jedenfalls um anderes als um das Leid trauernder Eltern, funktioniert der filmische Transfer des Privaten auf die Bühne überzeugend. Man bekommt den Eindruck, der so früh verstorbene Sohn steht hier auf der Bühne und sagt Sätze wie „Ob’s edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern des wütenden Geschicks erdulden oder, sich waffnend gegen eine See von Plagen, durch Widerstand sie enden?“. Und wenn sich dazu die Blicke der auf Distanz gegangenen William und Agnes treffen, berührt das und macht die Oscar-Nominierungen plausibel.

Rosalía, „Lux“, 2025 *****

Die Katalanin Rosalía fiel mir mit ihrer spannenden Verbindung von Flamenco mit Popmusik schon mit ihrer vorletzten CD „Motomami“ auf. Ihr jüngstes Opus „Lux“ öffnet Musik-Genres noch weiter: Es kommen auch Klassikelemente, elektronische Beats und Folklore vor. Und das überzeugte die Kritik: „Lux“ gilt als eines DER gelungensten Erscheinungen im Musikjahr 2025.
Es gab Zeiten, da blickte ich noch systematisch zurück auf abgelaufene Popjahre (mein FM4-affiner Bruder legte sogar über viele Jahre Best-of-Listen an). Das tue ich derzeit nicht mehr, zumal ich nicht mehr annähernd soviel Musik höre wie in Jugendtagen, als ich mir z.B. den Beatles-Kanon erschloss, von Schulkollegen LPs ausborgte, die Ö3-Charts auf Kassette aufnahm und später noch, als Familienvater, digitale Tracklists zusammenstellte.
Hits wie „La Fama“ oder „Candy“ sind auf Rosalias neuer CD (https://open.spotify.com/intl-de/album/0avVU24xBfXW7ItE0xtzN2?si=WVo8Fd3rRp2lxqralWiEZg) zwar nicht wirklich dabei. Aber Stücke fernab von Berieselung, die einen – mich – zuhören lassen. Das liegt nicht nur an der markanten Stimme der Katalanin, sondern auch an Duettpartner:innen wie Björk und an einfallsreichen Arrangements. Voraus ging dem Album im Oktober 2025 die Single Berghain, das von Hildegard von Bingen inspiriert ist und aus großenteils deutschem Songtext besteht. Wie auf Björks „Bachelorette“ (mein Liebling der eigenwilligen Isländerin) wuchtige London-Symphony-Orchestra-Klänge. Sehr hübsch auch das danach zu hörende „La Perla“, „Dios es un Stalker“ (sic!) oder „La Rumba del Perdón“.
Während ich das schreibe, höre ich „Lux“ zum dritten Mal. „Ist das noch Pop? Oder schon klassische Musik? … egal“, schrieb der Musik Express in einer hymnischen Kritik. Jedenfalls keine Musik, die sich gleich arschkriecherisch Zutritt verschafft. Ich muss mich mit ihr vertraut machen. Und das lohnt sich.

Anne Berest, „Die Postkarte“, Piper 2024) *****

Eines jener „Das musst du auch lesen“-Bücher, die mir meine viel lesende Liebste regelmäßig ans Herz legt. Und nicht immer bin ich von ihren Empfehlungen so angetan wie von Anne Berests literarischer Aufarbeitung ihrer Familiengeschichte als Jüdinnen unter dem NS- und auch dem französischen Antisemitismus. Das Aufzeigen der schmachvollen Kollaboration des Vichy-Regimes in Frankreich eröffnete mir erschütternde, noch unbekannte Details über menschliche Niedertracht. Nebenbei: Dieser Tage wurde bekannt, dass Schießwütige aus Westeuropa Tausende Euro bezahlten, um während der Belagerung von Sarajevo in den 1990er-Jahren als Sniper Frauen, Kinder und Greise zu „erlegen“. Angesichts dessen schmilzt die Zuversicht eines „Niemals wieder!“ nach den Erfahrungen des NS-Terrorregimes.
Aber zurück zum Inhalt: Im Januar 2003 fand Annes Mutter unter den Neujahrswünschen eine verstörende Postkarte mit nichts als den Namen ihrer vier Angehörigen, die in Auschwitz ermordet wurden; ohne Absender, ohne Unterschrift. Anne fragt nach und die Mutter erzählt ihr die tragische Geschichte der aus Osteuropa stammenden und nach einem Palästina-Intermezzo in Paris sesshaft gewordenen Familie Rabinowicz. Als ihre eigene kleine Tochter in der Schule Antisemitismus erfährt, beschließt Anne, der Sache wirklich auf den Grund zu gehen. Es beginnt eine mitreißende Spurensuche. U.a. mithilfe eines Privatdetektivs und eines Kriminologen beleuchtet Anne alle erdenklichen Spuren. Diese Recherche und viele Passagen der Selbstreflexion bzw. Identitätssuche Berests als eine dem jüdischen Glauben „Fernstehende“ ergaben diesen vielgelobten Roman. Jüdisch sein bedeutet auch heute noch, das „(Enkel-)Kind von Überlebenden“ zu sein, resümiert Berest.
Ihre Herangehensweise erinnerte mich an meinen französischen Lieblingsschriftsteller Emmanuel Carrère, der sich als Autor hinter den Inhalten seiner Romane nicht versteckt.

Dinner in the Dark, Vier Sinne, 1160 Wien, 30.1.26

Ein viergängiges Menü in völliger Dunkelheit – und das drei Stunden lang – mein Weihnachtsgeschenk für Claudia verhieß kulinarische Freuden mit allen Sinnen minus einem. Nach einem Aperitif hielten wir uns an der Schulter der blinden bzw. stark sehbehinderten Servierkräfte Emre und Sabina fest und wurden zu unserem Tisch 11 im stockfinsteren Speiseraum geleitet. Darauf zu ertasten. Besteck und Serviette, zwei Trinkgläser, ein Brotkorb, eine Wasserschale zum – falls nötig – Fingerreinigen.
Die Vorspeise wurde gleich zum schwierigsten Gang. Denn das Ratatouille mit Büffelmozzarella glitt beim Aufschaufeln leicht über den Tellerrand, Claudia brauchte gleich mal eine weitere Serviette. Leichter ging’s mit der Suppe, über die ich mich tief beugte, um nur ja nichts zu verschütten.
Das Trinken – Wasser und Weißwein bzw. Radler – funktionierte auf Anhieb. Ein von Emre halb gefülltes Glas zum Mund zu führen, war ja auch nicht sonderlich schwierig. Auch der Gruß auch der Küche, ein fruchtiges Zitronensorbet, bereitete ungetrübtes Vergnügen. Dann der Hauptgang: Hühnerfilets, Fisolen und Kartoffelpüree, ich ließ das Messer weg und biss vom auf der Gabel aufgespießten Fleisch. Dann gab’s eine Aufgabe für die Gäste. Ein Stückchen Fimo kneten zu etwas, das dann gebrannt wurde – mein blind geformter Stern sah gar nicht so übel aus. Eine leckere Creme mit Himbeeren und Grappa bwz. Baileys rundeten das Menü ab.
Ich staunte über die Tritt- und Serviersicherheit der beiden Bedienenden, die sich gleich die meisten Namen der 30 Gäste merkten und auch für netten Smalltalk sorgten. Wir durften zu den Stimmen das passende Alter raten und irrten uns bei Sabina gewaltig: Die aus Afghanistan stammende Frau ist erst 17 und hatte an dem Tag ihre Deutschmatura bestanden. Emre ist türkischstämmig und bereits 31 Jahre alt.
Claudia und ich hatten beide vor Jahren bereits ein derartiges Dinner erlebt. Sie war anfangs skeptisch, die Zeit von 18.30 bis 22h im Finsteren verging dann aber recht schnell. Ein be-merkenswerter Abend.

Asterix in Lusitanien, Asterix-Bd. 41 ***

Ach, waren das noch Zeiten, als wir Gymnasiasten in den 1970ern das jeweils neue Asterixheft der leider längst verblichenen Schöpfer Goscinny und Uderzo in Händen hielten und uns über die vielen gelungenen Gags köstlich amüsierten. Perlen der Comicliteratur wie „Asterix als Gladiator“, „Der Kampf der Häuptlinge“, „Der Seher“ oder „Streit um Asterix“ musste man einfach gelesen und belacht haben. Jedoch, beim Teutates, mit dem Tod von René Goscinny 1977 sank das Humorniveau ab Band 23 („Obelix GmbH & Co. KG“) beträchtlich, sein Partner Albert Uderzo machte zunächst alleine weiter, bis auch er 2020 fast 93-jährig das Zeitliche segnete.
„Asterix in Lusitanien“, also Portugal, bildet nun das 41. Abenteuer des kleinen Galliers und seines dicken Freundes Obelix – und ja, es ist bestenfalls so lala. Die Zeichnungen von Didier Conrad sind zwar von jenen Uderzos nicht zu unterscheiden, Autor Fabcaro ist zwar bemüht, aber oft nicht sonderlich witzig. In Lusitanien wird viel Klischeehaftes vom heutigen Portugal vorweggenommen, etwa der melancholische Fado-Gesang, die Straßenbahn in Lissabon und sogar Fußballidol CR7. Anspielungen gibt es auf die aktuelle Politik und das Internet. So heißt ein römischer Leiter der Informationspapyri Marcus Zuckergus, ein anderer reicher Römer Elonmus. Als Running Gag muss die Fischlastigkeit der lusitanischen Küche herhalten, und Wildschweinfan Obelix mag „Kabeljão“ halt gar nicht gern.
Der „Spiegel“ befand, dass es dieser Band „sogar mit den Klassikern aufnehmen“ könne. Wohl kãom, befinde ich. Aber es gab auch schon schlechtere. Nach Band 23 halt.

Ausstellung „GOTT HAT KEIN MUSEUM. Aspekte von Religion in Kunst der Gegenwart“, KULTUM Graz *****

Endlich nachgeholt: Besuch bei der an meinem Geburtstag eröffneten und noch bis 11. Juli zugänglichen Jubiläumsschau zu 50 Jahre KULTUM, der Topadresse in Österreich für Brückenschläge zwischen zeitgenössischer Kunst und Christentum. „GOTT HAT KEIN MUSEUM“ ist programmatisch und war bereits bei Johannes Rauchenbergers dreibändiger Bestandsaufnahme von Religion in der Kunst des 21. Jht.s titelgebend. Wer im ehemaligen Grazer Minoritenkloster museale Bildtradition mit Gott als zwei Männer und einer Taube, einer gläubig schicksalsergebenen Madonna oder einem triumphalistisch (?) leidenden Gekreuzigten sucht, ist hier fehl am Platz. Gott entzieht sich jeder Musealität, und bei so manchem Exponat stellte sich (wohl nicht nur mir) die Frage: Was hat das mit Religion/Gott zu tun?

Saukalt war’s an diesem Wintertag am Dachboden des KULTUMs. Dennoch. Unbedingt rauf!

Dass Gott/Christus in der heutigen Gesellschaft zum großen Abwesenden wurde, zeigt sich z.B. in einem Dutzend Kreuzigungsszenen, die das Künstlerpaar „zweintopf“ als Puzzle (siehe Fotos unten) zusammengesetzt hat. Jesus bleibt dabei aber jeweils ausgespart, unsichtbar, unerkannt vielleicht. Er fehlt, würde Martin Walser sagen. Ganz offensichtlich und zugleich ironisch gebrochen ist die Absenz Gottes auch in Werner Reiterers „Altarentwurf“: Gezeigt wird „Gottes Schreibtisch“ mit zurückgelassenem Handy, einem abgelegten Heiligenschein und einer lapidaren Notiz auf einem Zettel: „Will be back in 5 minutes. God“. Wann er/sie wiederkommt, und ob überhaupt, bleibt offen. Religion als Tabula Rasa, sprichwörtlich wie auch buchstäblich im Letzten Abendmahl – „Ultima Cena“ – von Julia Krahn: Ein großer, nur mit einem weißen Tuch bedeckter Tisch und der darauf sitzenden Taube (Heiliger Geist?) bietet nichts Einladendes oder gar Nahrhaftes. Kein Wunder, dass auf dem Foto auch Fußabdrucke einer Weggehenden zu sehen sind.
Subtil Guillaume Bruères wie hingekritzelt wirkende Golgatha-Szene mit drei Gekreuzigten. Über dem linken steht „GOTT WO BIST ICH?“ Ich statt du – wer diese Frage stellt, ist selbst ein mit (Fall-)Fehlern behafteter Verlorengegangener, der sich (und Gott?) erst finden muss.

Wie sagte Bischof Hermann Glettler, der mit seinem Geflecht aus verschweißten Sargkreuzen selbst in der Ausstellung vertreten ist, bei der Eröffnung am 26. September 2025? Das KULTUM sei ein Ort, in dem für die Gläubigen, Suchenden und Zweifelnden genügend Platz sei. Auch ich von Gott etwas Entfremdeter suche nach Halt in dieser haltlosen, wertarmen Ära – und will mich dabei, wie im „Kultum“, irritieren und provozieren lassen. Jesus macht dabei keinen Druck. ER HAT ZEIT, dachte ich mir bei Manfred Erjautz‘ kühner Installation „Your Own Personal Jesus“, bei der Corpus und Arme Christi zu Turmuhrzeigern werden. Einer von vielen Exponaten im KULTUM, das zum Nach-Denken einlädt. Und je länger ich das tue, umso kostbarer erscheint mir die Schau.

Der Corpus Christi als Uhr. Dreht sich alles um ihn? er sich um alles? Jedenfalls höchste Zeit, um…