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RME lautete mehr als 30 Jahre lang mein Kürzel als Nachrichtenredakteur. Seit Anfang 2025 pensioniert, arbeite ich, Robert Mitscha-Eibl, als freier Journalist. Und ich schreibe weiter Kulturkritiken, Reiseberichte, Artikel, Kommentare, Adventmailserien. Über Themen, die mich (und vielleicht auch dich) interessieren. Weil mich das geistig rege hält, es mir Spaß macht und ich mich gerne mit Freund:innen über Gott und die Welt austausche. Und auch, weil das hier etwas ist, mit dem ich mich bei meinen Nachkommen in Erinnerung halten möchte.

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MEIN LEBEN. Robert biographiert: Erzählenswertes aus meinem Leben
RME biographiert: Erzählenswertes aus meinem Leben

Wolfgang Herrndorf, “Tschick” (Rowohlt TB 2018) ******

„In 50 Jahren wird dies noch ein Roman sein, den wir lesen wollen. Aber besser, man fängt gleich damit an.“ Eine bessere Kritik als jene nach dem Erscheinen von Wolfgang Herrndorfs “Jugendroman” 2010 kann man sich kaum vorstellen. Vier Jahre später war die dramatisierte Version des literarischen “Roadmovies” zweier 14-Jähriger das meistgespielte Stück auf Deutschlands Bühnen.
Ich hatte das Buch also schon länger im Visier, las heute die 2018 in 70. Auflage erschienene Taschenbuchausgabe fertig. Und ich bin beeindruckt. Und etwas gerührt von dem Ausreißen zweier Außenseiter im Sommer nach der 8. Klasse eines Berliner Gymnasiums. Der Erzähler ist Maik, der aus einem begüterten, wenn auch bröckelndem Elternhaus stammt und sich für einen Langweiler hält, weshalb es nur folgerichtig ist, dass sich die Klassenschönheit Tatjana nicht für ihn zu interessieren scheint. Anfangs gar nicht sympathisch ist Maik der erst später zur Klasse gestoßene Andrej Tschichatschow, genannt Tschick, der aus einer aus Russland zugesiedelten Asi-Familie und damit ärmlichen Verhältnissen stammt. Er lädt den von seinen Eltern alleingelassenen Maik zu einer Spritztour mit einem gestohlenen Lada ein. Es soll nach Süden gehen, in die Walachei zu Tschicks Großvater, auch wenn die beiden keine Ahnung haben, wie sie dort hinkommen.
Dass dieses Unterfangen schiefgeht, wird schon beim Einstieg klar – als Maik in einem Polizeiverhör über die schrägen Erlebnisse der beiden erzählt. Und schon allein wie Herrndorf den Tonfall der Teenager wiedergibt, wie stimmig und authentisch die Sprache der Protagonisten ist, lohnt die Lektüre. Gut, die letztlich in der Provinz Ostdeutschlands verbliebene Route führt im Verlauf der Reise zu Abenteuern, die reichlich skurril wirken. Aber der vielseitige Autor – Herrndorf war auch Maler und Illustrator u.a. für Titanic – fängt am Ende die ausufernde Story wieder gut ein und bringt sie zu einem stimmigen Ende, das schmunzeln macht.
Ob ich meinem bald 14-jährigen Enkelsohn das Buch zur Lektüre empfehlen würde? Unbedingt. Aber vielleicht besser erst in zwei Jahren. Jetzt ist er noch zu unbedarft.

Gedanken zu einem Rekordsommer

Es ist Mitte August, zwei Tage vor Ferragosto. Ich sitze bei strahlendem Wetter zuhause vor dem Laptop und gehe nicht hinaus, nichtmal auf die Terrasse. Und solche Tage gab es heuer schon viele. Hundstage nannte man das früher, wenn die Temperaturen auch nachts nicht auf eine für den erholsamen Schlaf angenehme Marke sinken. Der Rekordsommer 2026 brachte in Österreich verbreitet extreme Hitzetage mit bis zu 14 aufeinanderfolgenden Tagen über 30°C, darunter neue Allzeit-Rekorde und flächendeckende Temperaturen nahe oder über 40°C. In Ostösterreich herrscht eine Dürre, die Ernteausfälle und Unkosten in einer Höhe von 1 Mrd. Euro bewirkt.
Ich bin mit 66 Jahren alt genug, um den Klimawandel deutlich zu spüren. In meiner Schulzeit freuten wir uns über die gar nicht selbstverständlichen Hitzetage, anhaltendes Hochdruckwetter wurde immer wieder durch Gewitter unterbrochen. Kein Mensch redete von nach Mitteleuropa strömender Sahara-Luft, und der niederländische Showmaster Rudi Carell landete einen Hit mit “Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?”.
Die erste Rekordhitze traf uns schon im Juni, es war – nona – der heißeste seit Beginn der Aufzeichnungen. Nach einem bis auf die letzte Woche erträglichen Juli begann die zweite Hitzewelle, die mit 41,5°C einen neuen Rekordwert für Österreich erbrachte. Der Ort liegt nahe bei Wien, und da nimmt es nicht Wunder, dass Wien bisher schon 30 Tropennächte verzeichnete, in denen die Temperatur nicht unter 20°C sank. Claudia und ich schlafen nur mit leichten, saugfähigen Tüchern statt mit Decken – schwitzten dennoch häufig und schiefen schlecht. Wir bespritzen die Betonkacheln auf der Terrasse, um die am Morgen heftig einsetzende Erwärmung etwas zu verlangsamen.

Die Sonne – und unser Tanz auf dem Vulkan

Die Politik in Österreich hatte den Klimaschutz spätestens mit der Corona-Epidemie hintangestellt. In Umfragen rangierten die Teuerung oder Zuwanderung/Asyl weit davor – bevor die große Hitze kam. “Klimaschutz ist wie ein Fitnessstudio-Abo: Eines der ersten Dinge, die ich kündige, wenn es finanziell eng ist”, gab der Kärntner Landeshauptmann Daniel Fellner heute in einem Standard-Interview zu. Dabei ist Kärnten eines jener Bundesländer, die beim Umstieg auf erneuerbare Energiequellen bremsen. Windräder sind wenig gelitten, gänzlich unerwünscht gar in Vorarlberg, Tirol und Salzburg. Der Bau von Photovoltaikanlagen boomt zwar, aber der Plafond ist längst nicht erreicht, zumal die Kapazitäten der Stromleitungen nicht ausreicht. Da wurde die Entwicklung verschlafen. Und immer noch ist Kerosin steuerlich privilegiert, obwohl der Flugverkehr ein wesentlicher Faktor des Treibhauseffektes ist. Weitere Klimaschädlinge sind die hierzulande enorme Bodenversiegelung, unzureichende Gebäudedämmung bzw. -bepflanzung und die Macht, die die Politik der Autolobby einräumt. Seit die Grünen nicht mehr in der Regierung sind, fehlt es an einer ambitionierten Wende in der Klimapolitik. Sicher, die anderen Parteien sind allesamt “grüner” geworden, aber das sehr halbherzig und inkonsequent, und mit einem Bauernbund-Knecht als Landwirtschafts- und Umweltminister wird sich das auch nicht ändern.
Die eigenen Beiträge zu Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung wie viel Rad- und wenig Autofahren (der Renault Captur ist zehn Jahre alt und hat noch keine 100.000 km am Buckel), Mülltrennung, Bio-Lebensmittel u.a. sind insgesamt ein Tropfen auf den heißen Stein, buchstäblich.
Die Politik streitet aktuell über Hilfspakete für die Landwirtschaft, kaum thematisiert wird, wie wichtig der Kampf gegen die Ursachen der aktuellen Krise ist. “Das ist eine Ignoranz den kommenden Generationen gegenüber”, beklagt Christoph Schweifer auf Facebook. Claudia und ich werden noch einige Rekordsommer erleben. Meine Söhne und ihre Familien aber noch viel mehr. Und womöglich die damit verbundenen Migrationsbewegungen, weil Teile der Welt verwüsten oder überschwemmt werden. Und Missernten, Waldbrände, Wetterextreme werden Regelfall statt Ausnahme sein. Ich habe Angst, dass wir das Ruder nicht rechtzeitig herumreißen. Dafür wäre ein globaler Schulterschluss notwendig. Der ist – angesichts von rechtspopulistischer Politik, aufgeblühtem Nationalismus à la America first und der Macht multinationaler Konzerne aktuell so weit entfernt wie schon lange nicht.

Ich war dann mal weg

Gute zwei Wochen auf dem Jakobsweg von Porto nach Santiago – das bedeutet täglich 20 km entlang des Atlantiks und danach durch galicische Landschaften mit viel körperlicher Beanspruchung, aber auch Dutzenden Begegnungen mit Pilgernden aus aller Welt und das Glück des Ankommens. Eine Erfahrung. Von Robert Mitscha-Eibl (DIE FURCHE, 13. August 2026)

„Ich bin dann mal weg.“ So lapidar beginnt und betitelt Hape Kerkeling den Bericht über seinen vor 25 Jahren – vom 9. Juni bis 20. Juli 2001 – durchgeführten Camino, den Jakobsweg von den französischen Pyrenäen nach Santiago de Compostela. Vor 20 Jahren erschien dieses vergnüglich zu lesende Buch des deutschen Comedy-Stars, das dann mehr als hundert Wochen lang auf Platz eins der „Spiegel“-Bestsellerliste für Sachbücher stand. Es liest sich unprätentiöser als die davor von Paulo Coelho (1991) und Shirley MacLaine (2001) veröffentlichten Esoterik-Schwurbelei-Bestseller über den Jakobsweg. Und motivierte mich Jungpensionisten deutlich mehr, auch mal auf dem Camino zu wandern.
Am wohlsten fühlte ich mich “auf dem Holzweg”. Diesen Wortwitz konnte ich mir nicht verkneifen, wenn ich den Zuhause-Gebliebenen über die ersten Etappen der von mir gewählten Strecke nach Santiago berichtete. Ich wanderte nämlich nicht auf dem klassischen Camino Francés ab Saint-Jean-Pied-de Port, auf dem es knapp 800 km bis zum Ziel in Galicien sind. Ich begnügte mich im heurigen Frühjahr mit den rund 260 km des Camino Portugues, der ab Porto anfangs idyllisch und ohne nennenswerte Steigungen auf kilometerlangen Holzplankenwegen entlang des Atlantiks führt. Ich ging diesen Küstenweg, geleitet von gelben Pfeilen und der stilisierten Jakobsmuschel als Wegweiser, durch portugiesische Badeorte ebenso wie durch karg-sandige Naturschutzgebiete, vorbei an weißblühenden Calla-Lilien, Schmetterlingen und Eidechsen, bevor es spätestens ab der Überquerung des Grenzflusses Minho hügeliger wurde.
Elf Tage plante ich fürs Wandern ein, daran anschließend Kurzaufenthalte am Ziel- und auch wieder am Ausgangsort. Diese westlichste aller Camino-Varianten wird immer beliebter – und das nicht nur wegen der in zwei Wochen gut bewältigbaren Distanz. Im Jahr 2025 absolvierten rund 230.000 Pilgerinnen den etwa 800 km langen Camino Francés (bzw. Teile davon); dass der Start in Porto oder schon in Lissabon viele Reize bietet, wussten 181.000 Pilgerinnen zu schätzen – eine Steigerung von 20 Prozent gegenüber 2024. Und ich schreibe bewusst Pilgerinnen, denn 54 Prozent der am Ziel Registrierten sind weiblich.
Die Motivation von Pilgernden ist höchst unterschiedlich, heißt es immer. Selbsterfahrung, Naturerlebnis, Auszeit, sportlicher Ehrgeiz und spirituelle Vertiefung – ein Gemisch von all dem setzte auch mich in Bewegung. Wobei ich zugeben muss, dass ich mich – obwohl studierter Theologe – allem Religiösen etwas entfremdet fühlte, als ich meinen Rucksack packte. Aber vielleicht würde der tägliche äußere Aufbruch auch einen innerlichen anregen, dachte ich mir. Und nahm als einzige Lektüre eine Taschenbuchausgabe des Neuen Testaments mit auf die Reise. Den Text nur auf dem Handy abzurufen hätte dem Anspruch, möglichst wenig Gewicht mit mir herumzuschleppen, wohl noch besser genügt. Aber mein Vorsatz war ja auch, digitale Zerstreuung während des Camino auf das Notwendigste zu beschränken.
Zu den Vorbereitungen gehörten ausgedehnte Spaziergänge mit unterschiedlichem Schuhwerk, Gepäckreduktion bis auf das Allernötigste im Rucksack (der schließlich 7,5 kg wog), Tipps einholen in diversen Social-Media-Gruppen zum Camino, Festlegen der Etappen und Reservieren meiner Quartiere. Wie auch Hape Kerkeling wollte ich mir Einzelzimmer in Pensionen oder Hotels und damit den Luxus von Privatsphäre gönnen. Für Refugios und Hostels mit Stockbetten und Gemeinschaftsbad fühle ich mich zu alt. Gute Entscheidung.
Die Strecken würde ich im Nachhinein kürzer wählen. Gerade am Küstenweg sind 40.000-Schritte-Etappen zu ambitioniert, mehrmals kam ich zu müde am Tagesziel an, um mir dort noch viel anzuschauen. Dabei sind Vila do Conde, Viana do Costelo, die Oberstadt von Valenca, Tui und seine wunderbare Kathedrale oder Pontevedra sehenswerte “Perlen am Weg”. Viele wertvolle Tipps verdankte ich Ana, meiner Gastgeberin in Mindelo. Ihr kleines Gästehaus “On The Way” war so einladend, dass ich ihr beim wohlschmeckenden Frühstück sagte. “Ana, jetzt habe ich ein Problem schon am zweiten Tag meiner Reise: Der Aufenthalt bei dir ist so schön, dass es ab jetzt nur mehr schlechter werden kann.” Und ich sollte recht behalten…

Robert Mitscha-Eibl vor der – dem Heiligen Jakobus geweihten – Kirche Igreja de Santiago de Castela de Neiva im Norden Portugals. Die Statue eines stilisierten Pilgers diente ihm als Stütze.

Das Gehen ist die Geschwindigkeit der Seele, sagt der erfahrene Pilger und KAÖ-Präsident Ferdinand Kaineder. Er war im Frühjahr drei Wochen lang am Fischerpfad in Südportugal unterwegs und empfand das mehrstündige tägliche Gehen als so etwas wie eine “Kur, heilsam auf körperlicher, mentaler und spiritueller Ebene”. Mir ging es auf dem Camino ähnlich: Die erfrischende Atlantikluft, das Freiheitsgefühl nach dem täglichen, “Seelenverkrustungen” minimierenden Aufbrechen, die wechselnden Land- und Ortschaften machten das Wandern zu einer wertvollen Form der Selbsterfahrung – trotz bald eintretender körperlicher Beschwerden.
Am Ziel in Santiago musste ich über ein T-Shirt mit dem Spruch “sin dolor no hay gloria” (dt.: ohne Schmerz kein Ruhm) schmunzeln. Wie wahr, hatte ich doch bereits am dritten Tag mit der größten Blase meines Lebens zu kämpfen, und war – um Druckschmerz am rechten Fuß zu vermeiden – schief aufgetreten und hatte beim Überknöcheln die Bänder im Sprunggelenk überdehnt. Die Schwellung blieb bis zum Ende der Reise ein Problem, das mich Stoßgebete in den Himmel schicken ließ. Aber Aufgeben kam keinesfalls in Frage.
Zudem überwogen die Goodies: die Freundlichkeit besonders der Portugiesen mit ihrem “Bom Caminho!”-Gruß, die ozeanische Kulinarik mit Sardinen, Bacalhau und Pulpo, das Rasten in kühlen Kirchen mit goldbestückten Altären und Azulejos, den bunt bemalten Keramikfliesen – und vor allem Gespräche mit Weggefährtinnen: Elena und Sami aus Kalifornien lernte ich in Anas Haus kennen und traf sie Tage später wieder; bei einer gemeinsamen Rast mit Erdbeeren und Oliven blödelten wir über Spionage – wofür die am King’s College London lehrende gebürtige Russin Lena eine Expertin ist; Susanne, Sozialarbeiterin aus Holland, berichtete von ihrem Wunsch, mal nicht etwas für renitente Schüler, sondern für sich selbst etwas zu tun; Ruth und Janet aus UK sangen den alten Hit “Is This the Way to Amarillo?“ von Tony Christie mit Santiago statt der texanischen Stadt nach; und vor allem Carina aus Dortmund – sie lieh mir zwei Tage lang ihre Stöcke, um meinen lädierten Fuß zu schonen: allesamt weit über Small Talk hinausgehende Begegnungen. Und ich empfand es als eine glückliche Fügung, dass ich sie alle, obwohl mit unterschiedlicher Geschwindigkeit und je eigenen Unterkünften unterwegs, in Santiago wieder traf – was in der verwinkelten 100.000 Einwohner-Stadt mit der weltweit größten Rucksackdichte alles andere als selbstverständlich ist.

Kurz vor dem Glück des Ankommens in einem Vorort von Santiago de Compostela

Pilgern nach dem Motto “der Weg ist das Ziel” kann man sicher überall. Warum ein “erfundenes” Apostelgrab – dass Jakobus jemals in Hispanien war, ist umstritten, mehr noch die Überführung seiner sterblichen Überreste dorthin – über Jahrhunderte hinweg ein so bedeutendes Pilgerziel wurde, erschließt sich mir bis jetzt nicht. Bei Ferdinand Kaineder, der von seinem Heim in Oberösterreich nach Assisi ging und viele weitere Pilgerwege in ganz Europa “bewanderte”, löst der Camino de Santiago “keinen Magnetismus aus”, wie er sagt. Zu unsympathisch seien ihm die antimuslimische Vereinnahmung im Mittelalter (siehe Kasten) und die Kommerzialisierung bzw. Überfüllung heute. Kann ich gut nachvollziehen.
Was freilich Santiago so besonders macht, ist das Ankommen dort. Auf dem gepflasterten Obradoiro-Platz vor der barocken Kathedrale treffen sich symbolisch die Pilgerwege aus allen Windrichtungen. Der Platz ist Schauplatz von Freudenszenen mit Umarmungen und Glückwünschen, von Selfies und Sich-Ausruhen. Das Glück, anzukommen, es geschafft zu haben, schmälern auch pflasterverklebte Füße mit Schrammen, Schrunden und Blasen nicht. Und es ist wichtiger als die Pilgerurkunde, die alle für ihren mit mindestens zwei Stempeln täglich bestückten Camino-Pass im Pilgerbüro bekommen.
“Nicht wenige der Menschen auf dem Jakobsweg pilgern mit schwerem Gepäck”, teilt Michael Altmaier, zuständig für die deutschsprachige Seelsorge in Santiago, mit: “Sie haben den Verlust geliebter Menschen oder das Scheitern von Beziehungen erlebt. Lebenspläne und Träume gingen in die Brüche, sie sind von Krankheiten gezeichnet oder sie haben ihren Job verloren.” Oft seien Wendepunkte im Leben Anlass, um die großen Sinnfragen neu zu stellen, weiß Altmaier aus Gesprächen mit Angekommenen.
Ankommen auch bei Gott? Leo Führer, Pilgerbeauftragter der Erzdiözese Wien, berichtet von Umfragen, wonach die religiöse Ansprechbarkeit durch den Jakobsweg auch bei davor diesbezüglich “unmusikalischen” Leuten deutlich anwächst. Hape Kerkeling, laut seinem Bestseller “eine Art Buddhist mit christlichem Überbau”, wurde durch die Verheißung motiviert, “durch die Pilgerschaft zu Gott und damit auch zu mir zu finden“. Der Comedian berichtet von bewusstem “Sich-Leer-machen”, einem Tränenausbruch und intensiven spirituellen Erlebnis, das er weder in Worte fassen könne noch wolle. Jahre später sagte er in einem Interview über den Camino, er habe dadurch wieder zu dem kindlichen Glauben zurückgefunden, den ihm schon seine Oma nahegebracht hatte. Das sei eine Ressource, auf die er immer wieder zurückgreife.
Und ich selbst? Ich betete mehr als in den Jahren zuvor, sang Donna nobis pacem in Kirchen. Und auch ich erlebte tief emotionale, beglückende Momente von Angenommen-sein, Dankbarkeit und Vertrauen in das Leben – Erfahrungen, die mehr als jedes Bekennen von Glaubenssätzen die Grundpfeiler von Religiosität bilden und mich meine wundgelaufenen Füße vergessen ließen.

KASTEN 1: Eine Legende stand am Anfang
Warum Santiago neben Rom und Jerusalem zum wichtigsten christlichen Wallfahrtsziel wurde, hat vor allem religionspolitische Gründe. Der Legende nach wurden im 9. Jhd. die Gebeine des Apostels Jakobus des Älteren, der im Neuen Testament eine Nebenrolle spielt, nach Asturien, dem christlichen Teil der ansonsten muslimischen iberischen Halbinsel (= al-Andalus) überführt. Die angebliche Grabstätte wurde bald zum Wallfahrtsziel, 1047 erfolgte die erste urkundliche Erwähnung des Jakobsweges. Ablasshandel und Heilige Jahre verstärkten im Mittelalter die Bedeutung weiter. Der in Jerusalem hingerichtete Apostel Jakobus wurde als vermeintlicher Missionar Hispaniens zur Leitfigur der Reconquista und nach einer Krise des Pilgerwesens in der frühen Neuzeit auch vom faschistischen Franco-Regime als Nationalheiliger und “Matamaros” (Maurentöter) instrumentalisiert.
Besuche von Johannes Paul II. sowie die Ernennung des Jakobswegs 1987 zum ersten europäischen Kulturweg lösten einen Wallfahrtsboom aus. Wurden damals noch 3.000 Pilger pro Jahr registriert, sind es heute eine halbe Million. Die strukturschwachen Regionen Nordspaniens profitieren heute enorm vom damit einhergehenden Tourismus.

KASTEN 2 Wie viele, woher, warum?
2025 erreichten laut dem Pilgerbüro in Santiago insgesamt 531.000 registrierte Pilger:innen auf den Jakobswegen ihr Ziel. 2015 waren es noch 262.000, 2005 pilgerten 93.000. Zuletzt entfielen knapp 46% auf den Camino Francés, den Weg aus Portugal bevorzugten 36% (17% gingen den Küstenweg). Bei den Herkunftsländern liegt wenig überraschend Spanien mit 43% voran, dahinter folgen die USA (8,3%), Italien (5) und Deutschland (4,6). Aus Österreich reisten 2.535 Pilgernde an, also nicht einmal 0,5%. Und Frauen sind wanderfreudiger: Sie schafften 53% aller Zielankünfte, viele davon allein wandernd, denn der Camino gilt als sehr sicher. Das meiste Gewusel gibt es im Mai und September, also abseits des Hochsommers.
Dass laut Pilgerbüro 44% der Wandernden eine religiös Motivation angeben, ist mit Vorsicht zu genießen. Unreligiöse suchen das Büro womöglich gar nicht auf oder lassen sich nicht registrieren. Wie viele “Turigrinos” – so nennen Spanier Touristenpilger etwas abfällig – nach Santiago kommen, ist unbekannt. Aber Beobachtungen vor Ort zeigen: Der Anteil jener, die den Weg bequem mit E-Bikes abfahren und ihre Hartschalenkoffer derweil von Unterkunft zu Unterkunft transportieren lassen, steigt.
Weltweit gibt es freilich Wallfahrten, die in ganz andere Größenordnungen vorstoßen als alles, was man aus Europa kennt. Zum alle 12 Jahre stattfindenden Kumbh Mela, dem hinduistischen „Fest des Kruges“, wurden 2025 400 Millionen Pilger erwartet. Es gilt als das weltgrößte religiöse Fest. Nicht der Haddsch nach Mekka mit jährlich rund 2 Mio. Pilgern bewegt die meisten muslimischen Gläubigen, sondern die schiitische Al-Arba‘in-Pilgerfahrt nach Kerbala im Irak mit zuletzt 20 Millionen.
Und die größte katholische Einzelwallfahrt ist jene zur Jungfrau von Guadalupe in Mexiko-Stadt mit mehr als 10 Mio. Teilnehmenden. Im Heiligen Jahr 2025 besuchten 33,4 Millionen Menschen Rom – ob als Pilger oder Touristen, sei dahingestellt.

„Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“ (Regina Schilling, D/Ö 2026) ****

Für jemanden wie mich, der während des Germanistikstudiums in Graz immer wieder fasziniert von Texten Ingeborg Bachmanns war und ihre gesammelten Gedichte sogar mit auf Rucksackurlaube nahm, ist dieser Film ein Must-see. Und die deutsche Dokumentarfilmerin Regina Schilling schuf eine Collage mit frühen Film- und Tonaufnahmen der 1926 geborenen Dichterin, mit Auszügen aus ihren Werken und (tlw. posthum veröffentlichten) Briefen, mit Interviews der Bachmann, Auftritten u.a. als junge Inge bei der postfaschistischen und zugleich männerdominierten Gruppe 47 oder als mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden Geehrte (“Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar”) – und mit Sandra Hüller als Bachmann-Lookalike mit blonder Perücke in einer Wohnung in Rom.
Diese kluge, sprachmächtige Poetin, erst schüchterne Ex-Provinzlerin, später eine vom Leben und von der Liebe Malträtierte lässt mich nicht kalt und bleibt mir zugleich sehr fremd. Mag sein, dass ich als Mann, als “Ungeheuer mit dem Namen” Robert, manches nicht so recht nachvollziehen kann von ihrer Verwundbarkeit.
Etwas aufgesetzt kommt mir im Film das So-tun-Als-ob der großartigen Schauspielerin Sandra Hüller vor. Ziel war es offenbar, einen Tag gegen Ende von Bachmanns Leben in Räumen filmisch zu imaginieren, die der letzten Wohnung der Dichterin gleichen, und dabei auch die Stadt Rom einzubeziehen.
Die damals tabletten- und alkoholsüchtige Dichterin verbrannte sich an meinem 14. Geburtstag, in der Nacht vom 25. auf den 26. September 1973, im Bett mit einer Zigarette. Dem setzt Renate Schilling am Ende ihrer Doku Bachmanns Festhalten an der Hoffnung entgegen. In einem Fernsehinterview von 1972 wird sie auf mögliche Resignation angesprochen; Bachmann weist diese jedoch von sich. Sie halte – wie sie sagt – an dem Glauben an eine Utopie auch wider besseres Wissen fest. Das unterstreicht das abschließende Zitat aus ihrem “Todesarten”-Roman “Malina” über die Frage, wie denn ihre zukünftige Welt aussehe. „Ein Tag wird kommen, an dem die Menschen schwarzgoldene Augen haben, sie werden die Schönheit sehen, die sie jetzt nicht sehen, weil sie blind sind, und sie werden die Wahrheit hören, die sie jetzt nicht hören, weil sie taub sind, und sie werden den Duft der Welt riechen, den sie jetzt nicht riechen, weil sie stumm sind. Ein Tag wird kommen, sie werden frei sein, es werden alle Menschen frei sein, auch von der Freiheit, die sie gemeint haben.“
Gut gesagt, Ingeborg. Den Film muss man nicht gesehen haben, aber ohne die Gedichte, die Erzählungen der Bachmann wäre das Leben eines/r literarisch Interessierten ärmer.

Burgtheater: Sonderführung Klimt-Deckengemälde, 11.8.26

Auch wer – so wie ich – seit 40 Jahren im Raum Wien lebt, lernt über diese einst bedeutende Hauptstadt eines Weltreiches nicht aus. Zum Beispiel das im Oktober 1888 mit Grillparzers Esther und Schillers Wallensteins Lager eröffnete k. k. Hofburgtheater am Ring gegenüber dem Rathaus. In den beiden Jahren davor gestalteten Gustav Klimt, dessen Bruder Ernst und Franz Matsch die Deckengemälde in den beiden Stiegenhäusern des im Historismus errichteten Baus von Gottfried Semper und Karl von Hasenauer. Der später weltberühmte Jugendstil-Maler stand damals am Beginn seiner Karriere, war zu Beginn der Arbeiten erst 24, sein früh verstorbener, ebenfalls künstlerisch hochbegabter Bruder gar erst 22. Franz Matsch war ihr Kollege an der gemeinsam besuchten Kunstgewerbeschule (heute. Angewandte) in Wien, gemeinsam nannten sie sich “Künstlerkompanie”.
Die drei davor schon für Aufträge in Rijeka und Karlsbad kooperierenden Künstler schufen insgesamt zehn großartige Gemälde – die den Besuchern der “Burg” heute meist entgehen. Denn sie befinden sich in luftiger Höhe nicht im Bereich des Haupteingangs des Theaters, sondern über den beiden seitlich gelegenen Logenstiegen: Die damals Franz Joseph I. vorbehaltene Kaiserstiege liegt im Trakt, der dem Volksgarten zugewandt ist, die Erzherzogstiege in jenem in Richtung Café Landtmann. Und Letztere ist aktuell wegen Renovierungen eingerüstet. Das öffnet ein Zeitfenster, in dem die Arbeiten der Klimts aus nächster Nähe betrachtet werden können.

Und das lohnt sich: Für die Erzherzogstiege schuf Gustav Klimt eine Szenerie des Antiken Theaters Taormina auf Sizilien (Bild 4), für die Kaiserstiege das Londoner Globe Theatre und die Schlussszene aus Romeo und Julia. Über dem Eingang zum Zuschauerraum ist Der Eingebildete Kranke Molières zu entdecken. Auf dem Bild Shakespeares Globetheater sind alle drei Künstler als Theaterbesucher verewigt, es zeigt somit auch das einzige gemalte Selbstportrait von Gustav Klimt. Zu sehen sind die drei auch auf einem der erst viel später entdeckten „Klimt-Kartons“ (Bild 3), Entwurfskizzen der Originale, im Angelika Prokopp Foyer bzw. Klimtraum.
Die “Künstlerkompanie” verewigte sich später auch im Kunsthistorischen Museum. Die Klimts und Matsch schufen 1891 “Zwickel- und Intercolummnibilder” über die großen Epochen der Kunstgeschichte für Flächen, die zwischen den Bögen und Säulen im großartigen Stiegenhaus des Museums frei geblieben waren. Diese Arbeiten waren das letzte bedeutende Werk der Künstlerkompanie. Nach dem Tod von Bruder Ernst, 1892, beendete der darüber tief erschütterte Gustav Klimt die Zusammenarbeit mit Matsch.
Jetzt heißt es schnell sein: Die Führungen im Burgtheater enden mit August!

Richard Prince, Fotoausstellung Albertina, 10.8.2026 ***

Als Besitzer einer Bundesmuseenkarte besuche ich auch Ausstellungen von Künstler:innen, von denen ich noch nie etwas gehört habe. Wie zuletzt von Richard Prince, einem US-amerikanischen Maler und Fotografen. Er wird der Appropriation Art zugeordnet, ist also ein Künstler, der Werke anderer kopiert – wobei der Akt des Kopierens und das Resultat selbst als Kunst verstanden werden sollen. Sonst wäre es ja Plagiat oder Fälschung.
Die Albertina widmet dem heute in New York lebenden Prince eine Schau, in der seine bekannteste Arbeit zu sehen ist: die 1980–1987 entstandene Serie „Cowboys“, die aus fotografierten Ausschnitten von Marlboro-Anzeigen besteht. Auch anderen trivialen Mythen der amerikanischen Alltagskultur widmet er sich, in Serien mit Motorradgangs bzw. sich auf heißen Eisen räkelnden Halbnackten sowie Modefotografien. Nun ja.

Kopie-Kunst. War nicht so meins, nicht mal der Cowboy im Hintergrund.

Auf Wikipedia erfahre ich, dass Prince dafür kritisiert wurde, “Bilder aus dem Internet bzw. Instagram mit dem Handy abzufotografieren, zu vergrößern und für ca. 90.000 $ zu verkaufen, ohne die Fotografen am Gewinn zu beteiligen”. Wenn das stimmt: Shame on you, Mr. Prince!

La Strada Graz, 5./6./7. August 2026

Ich liebe Graz. Hab dort als Student eine der schönsten Phasen meines Lebens verbracht. Bezeichne die Stadt auch 40 Jahre danach noch als meine sentimentale Heimat. Und besonders liebenswert ist die Stadt, wenn es im Sommer wieder “La Strada” heißt. Und diesmal war ich bei diesem “internationalen Festival für Straßenkunst, Figurentheater, Neuen Zirkus und Community Art” dabei, zumindest an drei Tagen.

Ein Höhepunkt: Das kanadische Ensemble Le Patin Libre im Grazer Augarten

Ich nahm an fünf Veranstaltungen teil. Gleich am ersten Abend sorgte die bläserdominierte Compagnie du Coin für Anarcho-Lebensfreude (Bild 1). Auf dem Freiheitsplatz bahnten sie sich mit treibenden Grooves Wege durch das Publikum und bezog dieses immer wieder mit ein.
Ein Höhepunkt am nächsten Vormittag im Augarten: Das kanadische Ensemble Le Patin Libre (Bild oben und 6), die im Augarten ihre Eiskunstlaufkünste mit Rollerblades auf einer ca. 10 x 20 m großen Plattform übersetzten. Ihr Programm “In “Wheels & Cello” bot im musikalischen Dialog mit einem Cellisten ein harmonisches, virtuoses Zusammenspiel von Klang und Bewegung.

Im Atelier Jungwirth am Opernring sodann eine Ausstellung der dänischen Performance- und bildenden Künstlerin Nana Francisca Schottländer, die am Dachsteingletscher Fotos anfertigte mit einem reizvollen Kontrast. Zu sehen: ihr nackter Körper und die schroff-karge Hochgebirgslandschaft. Dort außerdem die Ausstellung Signal vom Dachstein. Eine Landschaftsoper. Sirenengesang aus Lautsprechern auf dem Gletscher (Bild 5), Almszenen in den umliegenden Tälern, dort heimische Poeten wie Bodo Hell und Barbara Frischmuth (beide inzwischen im Jenseits).
Für verblüffende Geräusche sorgte auf einem Rundgang vom Jakominiplatz durch die Grazer Innenstadt die Gruppe Décor Sonore – und das ganz bewusst ohne Elektrizität, nur mit Schalltrichtern (Bild 4). Die machten aus Lichtsäulen, Einkaufswagen und Fahrradfelgen Klang und Rhythmus.

Mein letzter Vormittag gehörte dem israelischen Clown Anatoli Akerman (Bild 3) und seinem Assistenten Christoph Schiele. Ihr Programm Splinters bot Tollpatschiges, “Zaubertricks”, Publikumsbespritzungen, Wortwitz, aber auch beeindruckenden Steptanz und Jongleur-Akrobatik. Ein Finale Furioso, das mich oft zum Lachen brachte. Schade, dass meine Gastgeber – Bruder Andreas und Familie – das versäumten.
Aber vielleicht nächstes Jahr wieder bei La Strada! [Bild 2 gehört nicht zum Festival, wohl aber zu meinem Besuch. Am ersten Abend Jazz und Weltmusik vom Trio JMO auf dem Mariahilferplatz]

Liz Moore, “Der andere Arthur”, C.H. Beck Verlag 2026 *****

Was für ein Kontrast zum davor gelesenen Nabokov-Roman “Lolita”, an dem ich fast einen Monat lang las. Manche Sätze dreimal, manches musste ich nachschlagen, anderes fand ich ermüdend. Nichts davon bei Liz Browns Pageturner “Der andere Arthur”: kurze Sätze, keine kulturhistorischen Querverweise, keine gewagten Sprachbilder und Vergleiche. Dafür zwei höchst unterschiedliche Arthurs als Protagonisten, verbunden durch Charlotte – des einen Jugendfreundin, des anderen (Alkohol)kranke Mutter. Der 59-jährige, fettleibige Literaturdozent Arthur Opp hat sein Haus seit zehn Jahren nicht verlassen, ist voll Erdnussbutter, aber auch voll Scham – und Mitleid erweckend einsam, seit langem mit der Welt nur durch TV, Online-Bestellungen und seine Brieffreundschaft mit Charlotte Keller verbunden.
Die hat einen 17-jährigen Sohn, der eigentlich auch Arthur heißt, den aber alle nach seinem Vater “Kel” nennen. Und der muss früh Verantwortung übernehmen, denn seine Mutter ist arbeitslos, krank, verzweifelt und betäubt sich gerne mit Cuba libres u.a. Alkoholika. Ihr Sohn soll es einmal besser haben, so Charlottes Wunsch. Kels eigene Sehnsüchte – in der Elite-Highschool dazugehören, anerkannt werden, am besten als Baseballstar – haben demgegenüber Nachrang.
Die Bostoner Schriftstellerin Liz Moore lässt sich viel Zeit dabei, die Verbindung zwischen dem dicken und dem jungen Arthur herzustellen, gibt beiden abwechselnd Gelegenheit, ihre Lebenswelten und ihre Probleme damit darzulegen – auch wenn diese da meist gar nicht so genau hinschauen wollen und erst Anstöße durch zwei Engel in Gestalt junger Frauen brauchen. Und Moore tut das so einfühlsam und psychologisch überzeugend, dass ich ihr Buch gar nicht mehr aus der Hand legen wollte und die 370 Seiten in vier Tagen inhalierte. Moores “Der Gott des Waldes” soll ebenso gut sein, wenn nicht besser, heißt es. Na dann.

“Die Odyssee” (Christopher Nolan, USA 2026) *****

Eine DER Menschheitserzählungen in Kinobilder zu gießen ist ein Wagnis, zumal in dem Homerischen Epos über den verhinderten Heimkehrer aus dem Trojanischen Krieg einiges vorkommt, was schnell peinlich werden könnte. Der Kampf mit dem einäugigen Poseidon-Sprössling Polyphem z.B. Aber der Batman-erprobte UK/US-Regisseur Christopher Nolan schafft es bildgewaltig, aus dem fast 300 Jahre alten Stoff ein Antikriegsdrama zu weben, das auch für die Gegenwart höchst relevant ist. Für den “Standard” schon jetzt und trotz Kritik “das Kinoereignis des Jahres”.
Anfangs trägt Rapper Travis Scott als Barde Phemios vor den schmarotzenden Freiern Penelopes das Heldenlied des nach fast 20 Jahren immer noch abwesenden Odysseus (Matt Damon) vor, dessen List mit dem trojanischen Pferd den Kampf um Troja entschied. Dieser Sieg wird im Verlauf des 172-Minuten-Films von allem Glanz entkleidet, vielmehr als eine Art “Ursünde, die das Elend in die Welt gebracht hat” (“Filmdienst) dargestellt bzw. vom reflexionsbereiten Odysseus als solche erkannt. In Ithaka und Sparta raunt man vom Verderben, das die „Völker des Meeres“ bringen werden. Der größte Held des trojanischen Krieges aber weiß: Sie selbst sind die Barbaren, deren Namen man voller Angst auf den Inseln der Ägäis wispert. Heerführer Agamemnon u.a. Kriegslüstlinge treten ein Verderben los – und auch ihr eigenes.
Nolan- und Antike-Fans werfen dem Regisseur Verrat an der Vorlage vor. Aber wozu sollte man ein 800 Jahre v.Chr. verfasstes Stück Weltliteratur aufgreifen, wenn nicht um Brücken zum Heute zu schlagen?
Matt Damon, inzwischen knackig durchtrainierte 55, ist ebenso eine gute Besetzung wie Anne Hathaway (43) als ausharrende Penelope, die den Titelhelden 7 Jahre lang als Kalypso seine Heimkehrsehnsucht vergessen lassende Charlize Theron, Lupita Nyong’o als vom Krieg um sie verunstaltete schöne Helena (dass die schönste Frau der Antike schwarze Haut haben sollte, missfiel Elon Musk) oder Robert Pattinson als für den Königsthron intriGIERenden falschen Hund Antinoos.
Ich sah “Die Odyssee” gemeinsam mit meinem reckenhaft aussehenden mittleren Sohn im Votivkino. Die beeindruckenden Bilder und Szenerien hätten sich aber wohl die große Leinwand im Gartenbau verdient.

Comix Art und Op Art in der Albertina modern, 30.7.2026 ***

Comics liebte ich schon, bevor ich lesen konnte. Meine Mutter abonnierte einmal für mich Vorschulkind einen Jahrgangsband von Micky Maus, damals noch in der genialen Carl-Barks-Übersetzung von Renate Fuchs (“Dem Ingenieur ist nichts zu schwör”). Hätte ich die 52 Hefte heute noch, könnte ich sie sicher zu enorm hohen Sammlerpreisen verkaufen.
Aber das nur nebenbei. Comics spielen spätestens seit der Pop Art eine wichtige Rolle (Roy Lichtenstein!) in der Bildenden Kunst. Die Albertina modern widmet sich dem in der aktuellen Ausstellung “KAWS. Art & Comix” über die Wechselwirkung von Comics, Bildergeschichten, Cartoons und Kunst. Der Fokus liegt dabei auf dem US-amerikanischen Künstler Brian Donnelly = KAWS und seinen x-äugigen Skulpturen und Figuren. Sie werden ergänzt durch das Schaffen anderer Künstler:innen, die mich meist deutlich weniger interessierten als die ausgewählten Arbeiten von Keith Haring, Brigitte Kowanz, Gottfried Helnwein oder Red Grooms. Von letzterem ist ein begehbarer New Yorker U-Bahn-Waggon mit skurrilen Gestalten zu sehen. Sehr witzig. Den Rest fand ich weniger ansprechend. Schrill, schräg, aufgesetzt provokant.

Oben mittig ein liegender KAWS, unten Grooms und eine Katholiken-Provokation.

Und weil ich schon im Haus war, gleich eine zweite Ausstellung: “VASARELY & ADRIAN. Dynamische Raster” präsentiert neben dem berühmten ungarischstämmigen Victor Vasarely, mit dem ich schon bei meiner BE-Matura zu tun hatte, den mir bisher völlig unbekannten Wiener Marc Adrian (1930-2008). Der Student der Wahrnehmungspsychologie nahm 1965 als einziger Österreicher neben Vasarely u.a. an der bahnbrechenden Op-Art-Ausstellung “The Responsive Eye” im Museum of Modern Art in New York teil. Dennoch sei Adrians vielgestaltiges Schaffen, obwohl “Ausdruck einer neuen Visualität”, “bis heute nicht in vollem Umfang gewürdigt”. An seinen Hinterglasbildern vorbeizugehen und dabei immer wieder andere Lichteffekte zu sehen, macht Spaß – zumindest bis zum fünften dieser Art.