RME lautete mehr als 30 Jahre lang mein Kürzel als Nachrichtenredakteur. Seit Anfang 2025 pensioniert, arbeite ich, Robert Mitscha-Eibl, als freier Journalist. Und ich schreibe weiter Kulturkritiken, Reiseberichte, Artikel, Kommentare, Adventmailserien. Über Themen, die mich (und vielleicht auch dich) interessieren. Weil mich das geistig rege hält, es mir Spaß macht und ich mich gerne mit Freund:innen über Gott und die Welt austausche. Und auch, weil das hier etwas ist, mit dem ich mich bei meinen Nachkommen in Erinnerung halten möchte.
Ich hatte wenig geschlafen vor dem Anreisetag, aber ich fühlte mich frisch, als ich vom Flughafen mit der Metro ins Zentrum zur Station Bolhão fuhr. Gleich beim Ausgang die wunderschöne, mit blauweißen Azulejos verzierte Capela de Santa Catarina in der gleichnamigen Einkaufsstraße. Das erste Gebet galt der Bitte um einen guten Verlauf der kommenden zwei Wochen mit rund 260 Kilometern auf dem Camino Portugues. Ich erkundete, bepackt mit meinem Rucksack und der darauf sichtbar platzierten Jakobsmuschel, die charmante Stadt am Douro, gelangte ohne viel suchen zu müssen zur auf einer Anhöhe gelegenen Kathedrale von Porto. Gleich beim Eintritt bekam ich den ersten Stempel in meinen schon aus Wien mitgebrachten Pilgerpass, dem weitere 32 folgen sollten.
Die Kathedrale von Porto …… hier begann am 16. April 2026 …… meine Pilgerreise ins 260 km entfernte Santiago-
Auch in der Kathedrale diese herrlichen Fliesen, für die Portugal bekannt ist. Ich erklomm den Turm, von dem aus man eine wunderbare Aussicht auf die Weltkulturerbe-Innenstadt Portos hat, gehe im Kreuzgang herum, setze mich vor den Altar. Weiter zum Mercado Ferreira Borges und dann hinunter zum Douro-Ufer, dem ich über mehrere Kilometer bis zur Mündung in den Ozean folge. Das Wetter war windig, aber schön. Die Wellen des Atlantiks peitschen sich an Leuchttürmen hoch – ein für meervermissende Österreicher wie mich immer wieder beeindruckendes Schauspiel. Ich erreichte meine erste Nächtigungsadresse, checkte ein, ohne Gastgeber zu sehen, duschte, schmierte die Füße mit Hirschtalg ein, suchte ein bestens bewertetes Restaurant in der Nähe und genoss den ersten Abend mit Bacalhau und Salat. Ein gelungener Auftakt für viele Dinners mit Kabeljau, Sardinen, Tintenfisch, Shrimps und anderem Meeresgetier.
Die umtosten Leuchttürme an der Douromündung in nden Atlantik
Die Motivation von Pilgernden ist höchst unterschiedlich, heißt es immer. Selbsterfahrung, Naturerlebnis, Auszeit, sportlicher Ehrgeiz und spirituelle Vertiefung – ein Gemisch von all dem setzte auch mich in Bewegung. Ich nehme es vorweg: Ich bin vielen Weggefährt:innen begegnet, habe mich nach deren Ansporn erkundigt – und die wenigsten nannten religiöse Gründe. Viel häufiger kam: etwas für mich tun, sich spüren, Abstand vom Alltag gewinnen. Ob Spiritualität im Lauf der Wanderung oder an deren Ziel an Bedeutung gewinnt, wie es mir der Pilgerbeauftragte der Erzdiözese Wien, Leo Führer, in einem Gespräch vorab mitteilte, weiß ich nicht. Jedenfalls sollte man Gott nicht unterschätzen. Wo das Leben durchlässig, ja brüchig wird, kann sein Licht hineinleuchten. Mir gefällt, was Hape in „Ich bin dann mal weg“ über Religion schreibt. Er sei “eine Art Buddhist mit christlichem Überbau” und wurde durch die Verheißung motiviert, “durch die Pilgerschaft zu Gott und damit auch zu mir zu finden“. Viele von Hapes Freunden hätten sich von Gott abgewandt, nicht zuletzt wegen dessen „Bodenpersonal“. Er dagegen glaubt an Gottes Existenz, „egal ob Gott eine Person, eine Wesenheit, ein Prinzip, eine Idee, ein Licht, ein Plan oder was auch immer ist“. Der Komiker vergleicht Gott mit einem großartigen Film, die Kirche mit dem Dorfkino, in dem das Meisterwerk gezeigt wird. „Die Leinwand hängt leider schief, ist verknittert, vergilbt und hat Löcher. Die Lautsprecher knistern, manchmal fallen sie ganz aus oder man muss sich irgendwelche nervigen Durchsagen während der Aufführung anhören … viele werden hinausgehen und sagen. Ein schlechter Film.“ Jedoch: „Die Vorführung ist mies, aber das ändert nichts an der Größe des Films… ich hoffe, wir können uns den Film irgendwann in bester 3-D- und Stereo-Qualität unverfälscht und mal in voller Länge angucken! Und vielleicht spielen wir dann ja sogar mit!“ Nächster Morgen, erster Caminotag. Ich erwachte irre früh, denn mein Handywecker war noch auf 5 Uhr vom Flugtag eingestellt und in Portugal ist 5 erst 4, denn die haben westeuropäische Zeit. Ich döste vor mich hin, denn Frühstück gab‘s erst um 8. Eine Dreiviertelstunde später war ich on the road. Ich folgte dem Meeresufer. Lange war die Gegend noch städtisch, denn Porto hat zwar wie Graz 250.000 Einwohner:innen, ist aber Teil einer viel größeren Wirtschaftsregion mit 1,7 Mio. Menschen. Große Kreuzungen, Parks mit Joggern, ein riesiges stilisiertes Fischernetz, ein gelber Pfeil als ersten von hunderten Camino-Wegweisern, der bekanntere – die Jakobsmuschel – findet sich oft auch auf Gullys im Asphalt.
Schon am ersten Tag zeigte sich: Die 7,5 kg am Rücken sind kein Problem, werden durch den Hüftgurt des Rucksacks gut verteilt. Als das Terrain endlich weniger städtisch wurde, kamen die ersten „Holzwege“: breite, aus Holzplanken gezimmerte, auf Stelzen stehende Wanderwege nahe am Strand, das Meeresrauschen immer in Hörweite. Ein Genuss! Ich nehme mir vor, meinen mit der FURCHE vereinbarten Camino-Artikel mit einem Wortspiel zu beginnen: Am wohlsten fühlte ich mich auf dem Holzweg… mal sehen, ob es das wird, ich bin noch am Recherchieren., Gegen Ende der 22 km, als ich mich dem Zimmer in Mindelo nähere, bemerke ich eine Blase am linken „Ringfingerzeh“. Eine weitere am rechten Fußballen kündigt sich an. Meine mitgebrachten Blasenpflaster würden also bald zum Einsatz kommen. Zuerst einmal aber Ana. So heißt die beste Gastgeberin, die ich auf meiner Reise kennenlernte. Sie erzählte mir in perfektem Englisch, sie sei früher in der Modebranche beschäftigt gewesen, zum Tourismus zu wechseln sei eine ihrer besten Entscheidungen gewesen und habe ihr einen Zugewinn an Lebensqualität gebracht. Auch wenn Ana zum Empfang der Gäste ihres geschmackvoll eingerichteten und mit vielen Details liebevoll ausgestatteten Gästehaus „On the Way“ jedes Mal aus ihrer Wohnung in Porto anfahren muss und das auch nochmal morgens zum Zubereiten des Frühstücks tut. Das Gästehaus hat nur zwei Zimmer, beide mit Balkon samt Blick in einen hübschen Garten mit Sonnenliegen und Blumen. Ana empfahl mir zwei Restaurants zum Abendessen, in dem von mir gewählten, ca. 1 km entfernten „Sabor a Lenha“ wartete ein Pilgermenü und eine musikalische Überraschung auf mich. Ich trat um 19h ein, gleich nach der Abendöffnung des urigen Lokals mit traditionell portugiesischer Küche. Außer mir kein Mensch da, denn auf der iberischen Halbinsel isst man erst spätabends. Nein, stimmt nicht, denn auch ein Mann mit Gitarre saß im Gastraum. Und nach etwas 10 Minuten begann er zu spielen – nur für mich, bis nach weiteren 30 Minuten weitere Gäste eintrafen. Niu Gavina – ich ließ mir seinen Namen aufschreiben – interpretierte Songs von den Beatles, den Stones, Shadows, die Filmmusik von „Der Pate“ und Pink Panther“, „Don’t cry for me, Argentina“ u.a. Und während ich Suppe, Gruß aus der Küche, zartestes Kalbfleisch mit Gemüse, Reis und zwei Estrella-Biere genoss, entwickelte sich zwischen ihm und mir eine Art Song-Raten. Und ich erkannte viele der Melodien – zum Vergnügen von Niu. Wir hatten beide Spaß, er spürte meine Wertschätzung und erfüllte mir einen Musikwunsch: „Blackbird“ von den Beatles. Die 10 Euro Trinkgeld, die ich ihm nach zwei Stunden dankbar überreichte, hatte sich der Gitarrist redlich verdient. Ich war happy – was für ein Geschenk!
immer am Ozean entlang – was für ein Erlebnis für einen Binnenländer wie mich!
Am nächsten Morgen lernte ich Lena und Simon kennen, die sich beide schon von Ana und ihrem Mann (?) zum Frühstück bedienen ließen. Sie gebürtige Russin, aber schon unter Breschnew als Kind ausgewandert, er aus Israel stammend, beide jetzt in Kalifornien lebend. Wie sich herausstellte, lehrt Lena international Security am King’s College London und ist ausgewiesene Spionage-Expertin – sie konnte mit den Namen Jan Marsalek und Egisto Ott etwas anfangen. Simon hat viel Humor und prophezeite, dass wir uns auf dem Weg nach Santiago sicher noch einmal sehen werden. Er sollte recht behalten. Lena und Simon wollten einen Tag nach mir am Ziel ankommen, ihr Gepäck ließen sie sich für 6 Euro pro Tag zum nächsten Quartier transportieren. Ana versorgte uns mit vielen Tipps für die nächsten Wegstrecken und mich auch für meine beiden Abschlusstage in Porto. Man merkt ihr an, dass sie ihr Heimatland liebt und anderen seine Schätze touristisch versiert nahebringen möchte. Ich sagte beim wohlschmeckenden Frühstück mit frischen Früchten, Croissants und frisch gepresstem Orangensaft, ich hätte nun schon am zweiten Tag meiner Wanderschaft ein Problem: Die Qualitätsstandards der Unterkunft bei dir sind so hoch, Ana, dass es ab jetzt nur noch schlechter werden kann. Sie war geschmeichelt, aber ich hatte – wie sich herausstellte – recht. Als ich gegen 9.30h ihr Haus verließ, umarmte mich Ana. Die Sympathie war wechselseitig, und für den Rest meiner Wanderung hielten wir per WhatsApp Kontakt. Wie Ana sprechen viele Portugies:innen ansprechendes Englisch, und auch ich bekam zunehmend Übung, mehr als nur Small Talk in einer Fremdsprache zu bestreiten. Was mich in Portugal (und dann auch Spanien) trotz aller Freundlichkeit störte, war die Art, wie sie die Betten machen. Leintuch und Decke auf allen Seiten fest unter die Matratze stecken; ohne diese Bewegungseinschränkung zu beseitigen würden sich Mitteleuropäer:innen fühlen wie Mumien in zu engem Schlafsack.
Einmal den Camino bis zum Ziel in Santiago de Compostela gehen – das wäre doch ein schönes Projekt nach dem Antritt der Pension, dachte ich. Im Kopf spukte mir dieser Plan schon länger herum, angestoßen durch einen Besuch in der galicischen Hauptstadt während einer Portugal-Autotour mit Freunden 2012, durch Kinofilme wie die Komödie „St. Jacques – pilgern auf französisch“ (2005), „Dein Weg“ mit Martin Sheen (2010), „Mein Weg – 780 km zu mir“ vom Australier Bill Bennett (2024) und die Hape-Kerkeling-Adaption „Ich bin dann mal weg“ (2015); den letzten Anstoß gab die vergnügliche Buchvorlage des deutschen Comedy-Stars mit demselben Titel, die ich 2025 las. Ich machte mich schlau, wie so ein Camino anzugehen wäre. Entschied mich gleich mal für die deutlich kürzere Variante zum populären, 800 km langen Camino Francés: Von Porto aus sollte es losgehen, gut machbar in 2 Wochen, gut erreichbar durch einen Direktflug aus Wien, zudem ein höchst einladender Ausgangs- und Zielort meiner Reise. In den Social Media gibt es Dutzende Camino-Gruppen, dort holte ich mir ebenso Tipps wie auf Seiten wie www.jakobsweg.de, sah mir YouTube-Videos an – und plante die Etappen. Elf Wandertage sollten es werden einschließlich des Anreisetags mit Fußmarsch von einer zentralen Metrostation in Porto bis zum ersten Quartier am westlichen Stadtrand. Wie Hape Kerkeling wollte ich mir den Luxus von durchwegs vorab reservierten Einzelzimmern mit eigenem Bad und WC gönnen, für Hostels mit Stockbett-Ansammlungen ohne jede Privatsphäre fühle ich mich zu alt.
Die folgenden beiden Karten sind (verkürzende) Google-Maps-Kopien meiner Strecken in Portugal (links) von Porto nach Valenca und Spanien (rechts) von Valenca nach Santiago.
Zu meiner Vorbereitung gehörten lange Spaziergänge, meist entlang der Alten Donau, mit unterschiedlichem Schuhwerk. Dabei schieden die knöchelhohen Bergschuhe aus, weil zu klobig, zu schwer, und ins Gebirge würde gerade der von mir präferierte Küstenweg entlang des Atlantiks ja nicht führen. Ich entschied mich nach mehreren 20.000-Schritte-Wanderungen für gut eingelaufene Trekking-Schuhe und nicht für die leichteren, jedoch nässeempfindlichen Jogging-Schuhe. Was wohl ein Fehler war. Und der Rucksack, so hieß es, sollte maximal 10 Prozent des Körpergewichts schwer sein. Das schaffte ich handgepäcktauglich mit 7,5 kg genau, beschränkte mich bei der Kleidung auf das notwendigste und schnellst trocknende, Rei in der Tube kam jedenfalls mit, ebenso Kamera, Ladegeräte und als einziges Buch ein Neues Testament im Taschenbuchformat. In dem las ich letztlich nicht einmal eine Seite; die Behelfs-Lesebrille nach zwei erst kurz vor Reiseantritt absolvierten Katarakt-Operationen erwies sich als ungeeignet für längeres Lesen der 9-Punkt-Schrift, die Buchstaben verschwommen wohl nicht nur aus Müdigkeit. Die spirituelle Erbauung musste somit anders erfolgen.
Was ein Camino-Pilger so alles braucht. Viel ist es nicht. Und es fehlte ein warmes Hemd für kühle Abende.
Meine etwas – wie soll ich es nennen? – ermattete Religiosität zu beleben war eine Hoffnung, die ich mit dem Jakobsweg verband. Vielleicht würde der tägliche äußere Aufbruch auch einen innerlichen anregen, dachte ich mir. Hape schrieb von Gottesbegegnungen, zu denen es komme, wenn man sie geschehen lässt, sich „leer“ macht, offen, durchlässig. Mir hing dabei noch ein Gespräch nach, das ich kürzlich mit meiner besten Freundin über den Glauben hatte. Sie, obzwar studierte Theologin, sieht als nunmehrige Psychotherapeutin die christliche Vorstellung eines liebenden, gütigen Gottes als psychologisch erklärbares Bedürfnis nach Angenommen-sein durch ein imaginiertes höchstes Wesen. Mir ist das zu wenig, und Gott kann manchmal ganz schön unbequem sein und sich querlegen, wenn es um Vertröstung und Selbstbestätigung geht. Kurz nach meiner Ankunft in Porto um 9.30 Ortszeit sah ich bei der Metrofahrt ins Zentrum eine Jesus-Skulptur mit ausgebreiteten Armen in einem Vorgarten, eine Miniaturausgabe der Statue Santuário de Cristo Rei jenseits der Tejo-Brücke in Lissabon. Ein schöner Willkommensgruß, dachte ich und freute mich auf das Kommende.
Im März 1943 feiert das Musical „Oklahoma!“, bei dem der Komponist Richard Rodgers (Andrew Scott) zum ersten Mal nicht mehr mit seinem langjährigen Texter Lorenz Hart zusammenarbeitet, sondern mit den Lyrics von Oscar Hammerstein II den Grundstein für DAS „Songwriting-Team“ (u.a. “The King and I”, “The Sound Of Music”, “You’ll Never Walk Alone”) schlechthin legte. Davor waren schon Rodgers und Hart höchst erfolgreiche Songwriter des Great American Songbook (“Blue Moon”, “My Funny Valentine”, “The Lady Is a Tramp”), das eng befreundete Duo zerbrach jedoch an der Unzuverlässigkeit des notorischen Trinkers Lorenz Hart. Ethan Hawke spielt diesen kleingewachsenen, gekränkten, trotz permanenter Wortwitze von Tragik gezeichneten, Virtuosen des geschliffenen Wortes hinreißend. “Blue Moon” ist die Geschichte eines hochbegabten, jedoch an seinen Unzulänglichkeiten gescheiterten Showbiz-Protagonisten, der noch dazu unglücklich verliebt in die viel zu junge Schauspielaspirantin Elizabeth (Margaret Qualley) ist. Diese berichtet dem vertrauten Freund (“I love you, Larry, but not this way”) von amourösen Erlebnissen und nützt ihn als Steigbügelhalter für den Kontakt mit Rogers. Richtig leid tut er einem, wenn sich Hart vor Ideen sprudelnd anbiedert, obwohl er für die biedere Qualität von “Oklahoma!” de facto nicht viel übrig hat. Wieder mal bin ich mit dem Filmdienst einer Meinung: Die Tragik des Musical-Poeten mit seinen ausladenden Gesten, rasant vorgetragenen Wortkaskaden, Imitationen und mitunter auch angestimmten Liedern ist “zunächst vor allem im Kontrast zu dem von Bobby Cannavale mit pointiertem Gleichmut gespielten Barkeeper unterhaltsam”. Die (von unserer Kinorunde mit Untertiteln mitverfolgte) Pointendichte wirkt mitunter allerdings auch etwas angestrengt … ich bin sicher, dass ich etliche Gags verpasst hab.
Es war nicht die beste Idee, nach einem prallvollen Ostersonntag mit netter Brunch-Runde abends noch in ein Konzert zu gehen. Aber wir hatten schon lange die Karten besorgt und Rufus Wainwright auf der Bühne des Burgtheaters – das klang ja nicht schlecht. Es war die letzte Station des in New York geborenen und in Montreal aufgewachsenen Singer-Songwriters aus einer Musikerfamilie (Vater Loudon Wainwright, Mutter Kate McGarrigle) Rufus Wainwright auf seiner Europatournee, er stand alleine mit Klavier und Gitarre auf der Bühne und wechselte in der Instrumentierung ab.
Sonst veileicht eine Lichtgestalt, diesmal aber mit Schatten vor allem als Begleiter seiner Kompositionen.
Gleich beim ersten Song verspielte sich Rufus und gestand, angesichts der Ehre, auf so einer Weltbühne aufzutreten, nervös zu sein. Rufus, inzwischen 52, ist ein großartiger Sänger, ich mag seine Stimme. Deutlich weniger überzeugte er mich als Pianist und Gitarrist, die Arrangements seiner manchmal eigenwillig schräg wirkenden Kompositionen sind… nun ja: schlicht. Warum keine Begleitband, damit sich der Mann ganz aufs Singen konzentrieren kann, dachte ich mir. Das Beste rückte Rufus erst bei der ersten von zwei Zugaben heraus: “Going to a Town” mit der politisch hochaktuellen Refrainzeile “I’m so tired of America”, danach sein bekanntestes Lied, seine Version von Leonhard Cohens “Hallelujah”. Kurioserweise ist das ein Song des Opas seiner 15-jährigen Tochter, die der homosexuelle Rufus mit Lorca Cohen zeugte, der Tochter des berühmten Leonard. Rufus Wainwright arbeitete mit Künstler:innen wie Elton John, David Byrne, Joni Mitchell, den Pet Shop Boys, Billy Joel, Paul Simon, Sting zusammen, er schrieb zahlreiche Songs für Film und Fernsehen und zuletzt auch zwei Opern. Sein Auftritt in Wien mit Flatterhose, weißen Schuhen und weißem Hemd, das viel Brusthaar erkennen ließ, überzeugte mich nicht wirklich.
Er liebe Wien, sagte Rufus (wie so viele). Jetzt ab in den Urlaub nach Italien.
Ein Weihnachtsgeschenk für meinen Comic-affinen Bruder, das mich genug interessierte, diese Graphic-Novel-Reportage auch selbst anzuschaffen. Autorin ist eine hierzulande kaum bekannte, aber bereits mehrfach ausgezeichnete Südkoreanerin, die nahe der schaurigen Grenze zu Nordkorea lebt. Als Angehörige einer Generation, die von Kindheit an eine gründliche antikommunistische Erziehung erhielt, habe sie wie viele andere die Hoffnung gehegt, das Gipfeltreffen 2018 zwischen der politischen Führung Nord- und Südkoreas könnte eine friedliche Wiedervereinigung des seit den 1950ern getrennten Landes einleiten. Keum Suks gezeichnetes Interview mit dem ehemaligen südkoreanischen Staatspräsidenten Moon Jae-in zeigt, dass es zu vereinfachend ist, den in der Schweiz zur Schule geschickten Kim Jong-un als Bösewicht abzustempeln, auch die US-amerikanische Außenpolitik unter Trump I hatte wesentlichen Anteil daran, dass aus einem dem Nuklearwaffenverzicht Pjöngjangs nichts wurde und die Stimmung zwischen Nord und Süd aktuell wieder höchst konfliktgeladen ist. Keine Frage, der dritte Kim an der Spitze Nordkoreas ist ein Diktator mit Aggressionspotenzial, aber jedenfalls nicht so eine Witzfigur wie er schon 2012 in der US-amerikanische Satirezeitschrift The Onion als „Sexiest Man Alive“ dargestellt wurde. “Anstatt Kim Jong-un oder die Realität Nordkoreas zu verspotten oder zu verurteilen, wollte ich anhand der Erfahrungen von Menschen aus dem Umfeld sowie der Geschichten von Menschen, die unter Krieg und Teilung leiden, die Bedeutung des Friedens in der Geschichte der Teilung vermitteln”, erklärte Keum Suk über ihr jüngstes Werk, das erstmals auch auf Deutsch erschien. Ihr gelang ein spannender, wenn auch in manchen Kapiteln straffbarer Einblick in den für uns Österreicher:innen sehr fernen Osten. Eine Graphic Novel, das in einer Reihe mit Art Spiegelmans “Mouse” oder den Bänden von Joe Sacco über Palästina.
Das viergeschoßige Villengebäude in der Wenzgasse 12 in Wien-Hietzing wurde in den vergangenen Jahren liebevoll renoviert und kann seit März im Rahmen von Führungen besichtigt werden – und das lohnt sich absolut, wie der Besuch von Claudia und mir an einem sonnigen Frühlingstag ergab. Die erst seit 1987 denkmalgeschützte Villa ist architektonisch eine Wucht, der von der wohlhabenden jüdisch-liberalen Familie Beer beauftragte Architekt Josef Frank gestaltete die rund 800 m² Wohnfläche mit unterschiedlichen Raumhöhen und Bodenniveaus, die auf die jeweiligen Bedürfnisse der Eigentümer wie auch der Bediensteten eingehen sollten, und designte auch das Interieur.
Der Haupteingang unter dem kubischen Erker, rechts daneben der Dienstboteneingang, links im Bild die Terrasse (dazu hier unsichtbare Balkone) mit Blick auf den herrlichen Garten
Anders als meine Vermutung wurde das Haus nicht arisiert. Julius Beer, Mitinhaber einer Kautschukfabrik, und seine Frau Margarete wollten einen geeigneten Ort für Empfänge und musikalische Abendveranstaltungen schaffen, bewohnten das Haus ab 1931 aber nur ein Jahr lang. Dann geriet Beer in finanzielle Schwierigkeiten und mussten vermieten – u.a. an damalige Musikgrößen wie Richard Tauber, Jan Kiepura mit Marcel Prawy sowie Marta Eggerth. Noch vor der Machtübernahme der Nazis wurde das Grundstück geteilt, die Villa versteigert und 1941 vom Textilunternehmer Harry Pöschmann erworben, dessen Familie hier wesentlich länger wohnte.
Man kann hier auch übernachten, in diesem Haus voller Treppen und unterschiedlicher Niveaus
Die Familie Beer emigrierte in die USA – bis auf die behinderte Tochter Elisabeth, die kein Visum bekam und dem NS-Rassenwahn zum Opfer fiel. Der ebenfalls jüdisch-stämmige Architekt Josef Frank entwarf neben Familienwohnhäusern auch Gemeindebauten in mehreren Wiener Bezirken. Er emigrierte bereits 1933 nach Schweden und setzte als dortiger Staatsbürger sein Schaffen fort. Mit der Villa Beer hinterließ er Wien ein echtes Schmuckkästchen, das fast ein Jahrhundert nach der Entstehung noch modern und innovativ wirkt. Die Führung in der Karwoche stieß auf großes Interesse, rund 20 Personen unseres Alters nahmen tlw. mit bödenschonenden Schuhüberziehern daran teil.
Es kommt nur ganz selten vor, dass ich ein angefangenes Buch gelangweilt weglege. Erst recht nicht eines, dessen Thema perfekt zu meiner in drei Wochen beginnenden Pilgerreise von Porto nach Santiago de Compostela zu passen scheint. Und doch: Nach mehreren Abenden, an denen mir angesichts von Paulo Coelhos Selbstfindungdurchesoterik-Reiseerzählung die Augen zufielen, gab ich mir einen Ruck und dem Taschenbuch einen Kick aus meinem Bett. Zu ermüdend war der im Zentrum stehende innere Entwicklungsprozess des Autors, dessen Ausgangspunkt eine Lebenskrise ist: Coelho scheitert an einer Initiationsprüfung innerhalb eines katholischen Eliteordens und erhält den Auftrag, auf dem Jakobsweg symbolisch ein „Schwert“ zu finden – ein Zeichen spiritueller Reife und Erkenntnis. Belehrt wird er dabei von seinem geheimnisvollen Führer Petrus, der als geistlicher Lehrer verschiedene spirituelle Übungen und Rituale anleitet. Die zentrale Lektion: Das Außergewöhnliche liegt im Einfachen, Unscheinbaren, im bewussten Erleben des Alltags. Ja, eh. All das könnte genauso gut beim Wandern von Unterstinkenbrunn nach Gigritzpotschn geschehen, der Camino ist auf den 60 Seiten, die ich durchgehalten habe, nur eine matte Hintergrundfolie. Da lobe ich mir den Klassiker “Ich bin dann mal weg” von Hape Kerkeling, den ich mit Vergnügen und auch vielen Anregungen zum Nachdenken über eigene Prioritäten schon vor längerer Zeit las. Der deutsche Komiker wiederum bezog sich in seinem Reisebericht nicht auf Coelho, sondern auf Shirley MacLaine, die ebenfalls auf dem Weg von den Pyrenäen nach Santiago unterwegs war und ebenfalls spirituell enorm aufgerüstet ankam. Ähnliche Bestseller über die von mir ab 16. April 2026 bevorzugte Route entlang der portugiesischen Atlantikküste existieren nicht. Noch nicht 😉
Von Bruder Andreas kam die Idee: ob ich mich nicht ihm und Neffe Theo anschließen möchte, in Wien das erste WM-Vorbereitungsspiel des Rangnick-Teams gegen die respektable afrikanische Truppe von Ghana anzusehen. Ich wollte und nützte die Gelegenheit, meinen beiden jüngeren Enkelsöhnen Jakob und Nathan diese Unternehmung als Vorabgeburtstagsgeschenk zukommen zu lassen. Ich traf die beiden nach einigem Suchen und Wo-seid-ihr-Telefonaten – kein Wunder bei dann 40.000 Zuseher:innen – bei der U2-Station Stadion, bald darauf die aus Graz angereisten Andreas und Theo. Nach fünf Minuten anstellen beim Sektor-B-Aufgang stellte sich heraus, dass Jakob verbotenerweise eine Thermos-Trinkflasche mitgegeben wurde. Die mussten wir erst bei einem Depot abgeben, um sie nach dem Match wiederzubekommen. Nach nochmaligem Anstellen und einem Klogang der Jungs endlich der Blick ins gut gefüllte Stadion mit sich aufwärmenden Spielern.
Jubelstimmung im Happelstadion schon bei den Hymnen. Schade, dass man wegen der Laufbahnen sehr weit weg vom Geschehen auf dem Rasen ist. Dennoch: “Immer wieder, immer wieder Österreich!”
Besonders interessierten mich die Neuen im Team: Paul Wanner und Carney Chukwuemeka hatten sich, obwohl davor in der Nachwuchsauswahl Deutschlands bzw. Englands engagiert, für den ÖFB entschieden. Beide jung, hochtalentiert, wie es hieß. Doch zunächst auf der Bank. In der eher faden, spielerisch durchwachsenen Hälfte eins verzichtete Rangnick auf Debütanten. Einer der wenigen Höhepunkte war das 24. Teamtor von Kapitän Marcel Sabitzer, der im Mittelfeld eine tolle Leistung bot. Von unseren Plätzen aus konnten wir das Geschehen auf dem Spielfeld gut mitverfolgen. Ich erstmals ohne Brille, da nach den beiden Katarakt-OPs nicht mehr kurzsichtig. Ich hatte den Jungs eingeschärft, sich richtig warm anzuziehen, denn die Wetterprognose war besch…eiden: Sogar Schneeregen sollte möglich sein. So schlimm wurde es dann nicht. Es blieb bei rund 5 Grad trocken. Spielhälfte zwei hatte es dann in sich: Die Fangesänge wurden immer begeisterter, als gleich in der 50. Minute das 2. Tor für Österreich fiel. Gregoritsch nach Stanglpass von Sabitzer. Zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Feld: Wanner und Chukwuemeka, wie drei weitere neu eingewechselte Spieler. Der Spielfluss übertraf den in Hälfte 1 bei weitem, die beiden Youngsters überzeugten, und schon bald köpfte Rechtsverteidiger Posch nach einem Eckball das 3:0. Ein nicht konsequent genug verteidigter Angriff der Afrikaner samt einem herrlichen Abschluss ins Kreuzeck brachte das 3:1, aber schon kurz darauf hämmerte Chukwuemeka den Ball zum 4:1 unter die Latte. Das 5:1 fiel dann in der Nachspielzeit durch den einzigen nicht ausgewechselten Akteur Seiwald – sein erstes im Teamdress. Wir und das gesamte Publikum waren aus dem Häuschen, meine Stimme ist heute nach dem oftmaligen Torjubel etwas mitgenommen. Egal. Auch Jakob und Nathan, obwohl nicht sonderlich fußballinteressiert, gefiel’s. Claudia fühlte sich zurecht bestätigt, mir geraten zu haben, den Enkeln zu Geburtstagen gemeinsame Unternehmungen zu schenken. Das stärkt die Beziehung und bleibt lange in Erinnerung. Österreich-Ghana tut das sicher.