RME lautete mehr als 30 Jahre lang mein Kürzel als Nachrichtenredakteur. Seit Anfang 2025 pensioniert, arbeite ich, Robert Mitscha-Eibl, als freier Journalist. Und ich schreibe weiter Kulturkritiken, Reiseberichte, Artikel, Kommentare, Adventmailserien. Über Themen, die mich (und vielleicht auch dich) interessieren. Weil mich das geistig rege hält, es mir Spaß macht und ich mich gerne mit Freund:innen über Gott und die Welt austausche. Und auch, weil das hier etwas ist, mit dem ich mich bei meinen Nachkommen in Erinnerung halten möchte.
Mehr Frauenbuch geht fast nicht: Wie auch sonst bei einem Roman namens “Der Sommer ohne Männer” mit der feministisch ausgerichteten Literatin Mia als Hauptfigur, die eine Krise samt Zusammenbruch erlebt, als ihr Gatte Boris nach langjähriger Ehe eine “Pause” in Form seiner deutlich jüngeren Assistentin einlegt. Mia flieht in die Lebenswelt ihrer rüstigen 90-jährigen Mutter und deren ähnlich alte, gebrechlichere Freundinnen (“Schwäne”). Sie freundet sich mit einer jungen Nachbarin mit Kleinkindern an, deren Mann zu verbaler Gewalt neigt, berät sich mit der Tochter über den Umgang mit dem fremdgehenden Boris – und hält einen literarischen Sommerkurs mit sieben teilnehmenden Teenagern. Unter diesen Girlies kommt es zu einem Fall von Mobbing, den Mia behutsam anspricht und aufarbeitet. Gegen Ende sieht Boris seinen Fehltritt ein, bereut und folgt Mias Aufforderung, sie zu umwerben. Das ist überschaubar wenig Handlung, aber es gibt viel Reflexion der US-Autorin mit norwegischen Wurzeln über weibliche Beziehungskonstellationen, über das Altwerden, Nachdenken der Autorin Mia (=Hustvedt?) über das Schreiben und Sarkasmus über das angeblich kleinere, weniger leistungsfähige Gehirn von Frauen. (Da kennt sich Hustvedt als Neurologie-Autodidaktin bestens aus.) Das alles plätschert ein wenig dahin, die wohltuende Selbstironie änderte nichts daran, dass ich nicht so richtig Feuer fing und beim abendlichen Lesen bald müde wurde. Daran ändern auch wertvolle Gedanken wie jener, dass Tote beim Begräbnis oft von Lügen umwickelt werden, nicht. Zuletzt schrieb Siri Hustvedt “ein hinreißend gefühlvolles und kluges Buch” über ihren an Lungenkrebs verstorbenen Mann Paul Auster”, wie meine Freundin und Buchautorin Johanna Grillmayer soeben in ihrer “Presse”-Rezension schrieb. Das würde mich wohl mehr fesseln. War aber nicht in Griffweite.
Ich erinnere mich, dass ich Anfang der 1980er-Jahre, vor der samtenen Revolution im November und Dezember 1989, bei einem Versuch scheiterte, in die damalige Tschechoslowakei einzureisen. Weil auf meinem Passfoto kein Vollbart zu sehen war, den ich Theologiestudent damals trug. “Abrasieren, dann wiederkommen”, hieß es unfreundlich. “Oder neuer Pass mit korrektem Foto.” Nichts da, sagte ich mir. In so ein Land mit so einem rigiden Njet-Regime komme ich erst wieder, wenn der Kommunismus abgestreift ist. Das war dann Ende der 1990er-Jahre der Fall, als ich mit meinen Geschwistern unsere Mutter anlässlich ihres 60ers zur ersten gemeinsamen Reise lud. Aber auch da war der Postkommunismus noch allenthalben spürbar, z.B. in einem Restaurant, wo wir “Westler” übertölpelt werden sollten.
Das hoben wir uns fürs nächste Mal mauf: Prag von der Moldau aus erkunden.
Inzwischen ist Prag viel sympathischer geworden – und das liegt nicht nur am herrlichen Frühlingswetter, das während unserer Fahrt in die Perle Böhmens herrschte. Claudia und ich kamen am Donnerstag, 12. März, aus Weimar und wollten auf der Rückreise das auf der Strecke liegende Prag besuchen. Nach einem kurzen Stopp in Karlsbad hatten wir erst ziemliche Probleme, das reservierte AirBnB-Apartment in der Altstadt zu finden. Denn unser Host hatte, warum auch immer, als Adresse Rybna 617/24 angegeben. Die Suche nach der Nummer 617 führte zu Stress und einem erfolglosen Check-in-Versuch nach Fußmarsch mit Rollkoffer durch Touristenströme. Mehrere Anrufe lotsten uns schließlich mit halbstündiger Verspätung zur richtigen Hausnummer 24. Danach Büroschlussverkehr bei der Fahrt zum P+R-Parkplatz, wo wir unseren Renault drei Tage lang viel günstiger parken wollten als in superteuren City-Parkhäusern (nächstes Mal Anreise mit Bahn!). Zurück mit zwei der drei Prager U-Bahn-Linien. Gute Entscheidung, außerhalb zu parken, vor allem auch wegen der problemlosen Abreise am Sonntag, 15. März. Aber zurück zu Prag: Die Stadt hatte Glück. Als einer der kaum mehr umkämpften Orte im Zweiten Weltkrieg blieb viel von der alten Bausubstanz erhalten, bis auf das im Mai 1945 von Widerständlern genutzte Rathaus, das die deutsche Wehrmacht mit Panzern beschoss und Feuer legte. D.h. Prag blieb die wunderschöne Goldene Stadt, wie sie wegen der vielen Messingdächer genannt wurde, hat eine riesige Altstadt mit vielen Gebäuden, vor denen wir staunend stehenblieben.
GuruWalk durch Prags Historie
Sehr interessant war die GuruWalk-Führung mit Guide Reinhard. Der zuagroaste Bayer blieb der Liebe wegen nach dem Studium in Prag und frönt nun als gelernter Chemiker seinem Steckenpferd, nämlich Besuchenden eine rote Linie durch die Geschichte Prags als Grundlage für eigene Erkundungen mitzugeben. Er spannte einen Bogen von der Völkerwanderungszeit über die Besiedlung aus dem Osten durch die späteren Slawen, die Christianisierung durch den Heiligen Herzog Vaclav, das Aufblühen als Handelsmetropole unter den Přemysliden, die Blüte der Kaiserzeit unter dem weitblickenden Luxemburger Karl IV., dem sein unfähiger Sohn Wenzel IV. folgte, die erste Reformation durch den am Hauptplatz aufgestellten Jan Hus, die Prägung durch die Habsburger bis hin zur NS- und dann KP-Zeit. Alles sehr historisch, dafür wenig Kunst, Literatur und Kulinarik. Apropos. Abendessen am Freitag im Restaurant Schwejk mit wie immer deftiger Böhmenkost: Nach dem Gulasch mit Knedl und Pilsner tags zuvor wählte ich diesmal Schweinernes mit Knedl, dazu süffiges Pilsner. Weil’s grad passt: Der kulinarische Höhepunkt war das letzte Abendmahl in der bei Einheimischen offenbar superbeliebten “Kantyna”, einer Art Ausspeisung mit regionalen Zutaten und wirklich guter Küche. Große Empfehlung! Diesmal wurde es Saftfleisch vom Rind mit Braterdäpfeln, dazu zwei köstliche Pilsner (nach der Rückkehr nach Wien hatte ich erstmals mehr als 76 kg). Frühstücken gingen wir immer in unterschiedliche Lokale in Nähe unseres Apartments; da war die Auswahl groß und das Gebotene gut. Und das Preisniveau ist für inflationsgeplagte Österreicher wirklich okay.
Besteigung der Prager Burg
Am letzten Besuchstag, dem Samstag, trennten sich Claudia und ich. Sie begab sich auf eine der in Europas Großstädten verbreiteten Hop-on-hop-off-Tour, ich bestieg mit einem im Internet gebuchten GetYourGuide-Ticket die Prager Burg, die größte geschlossene Burganlage der Welt, – eine Idee, auf die bei angenehmem Wochenendwetter auch viele andere Touristen kamen. D.h. völlig überlaufene vier inkludierte Sehenswürdigkeiten: die Goldene Gasse, wo Kafka kurz wohnte, die romanische St.-Georgs-Basilika mit dem dann von Joseph II. aufgehobenen Benediktinerinnenkloster, der gotische Veitsdom und der Alte Königspalast mit dem herrlichen Vladislavsaal und dem Schauplatz des Zweiten Prager Fenstersturzes, der den 30-jährigen Krieg auslöste. Den Veitsdom sah ich erstmals – und war enttäuscht. Nicht, weil er nicht beeindruckend schön (Glasfenster von Alfons Mucha!) sei, sondern weil man nur touristisch durchgeschleust wird. Der gesamte Innenbereich, wo sich Betende niederlassen könnten, ist abgesperrt. In einem Gotteshaus kein Platz für gelebte Spiritualität? Jesus trieb einst die Händler aus dem Tempel aus…
Durch das von einer Garde bewachte barocke Matthiastor ging es vorbei am Palais Schwarzenberg runter in die Prager Neustadt – ein Stadtteil, den nach gravierenden Zerstörungen durch die Schweden im 30-jährigen Krieg die Habsburger prägten. Steile Gassen, hübsche Läden, viel Gastronomie. Dann Treffen mit Claudia auf der Karlsbrücke, kurz nachdem dort Exilperser für die Machtübernahme des Pahlavi-Sohnes demonstrierten. Kaffee trinken, Abendlokal aussuchen, früh zurück ins Quartier und ab ins Bett – so lautete auch am letzten Tag das den Anstrengungen geschuldete Programm. Jeden Tag zwischen 13.000 und 17.000 Schritte, und das schon die Tage davor in Weimar, das zehrt. Aber es lohnte sich. Prag ist nicht umsonst eine DER Städtetrip-Ziele in Europa.
Der zentrale Platz heißt Markt – und dient als solcher
Schon höchst erstaunlich, wie eine Kleinstadt in Mitteldeutschland mit heute 66.000 Einwohner:innen (zur Zeit Goethes ein Zehntel davon!) zum Nabel der deutschsprachigen Kultur werden konnte – mit Protagonisten wie Wieland, Herder, Goethe, Schiller, später Nietzsche, Liszt, Wagner oder auch Rudolf Steiner, in der Bauhauszeit dann Gropius, Klee, Kandinsky und Feininger. Und auch politisch kam die Stadt in Thüringen in die vorderste Reihe: 1919 wurde hier die Weimarer Republik gegründet, mit einer auch heute noch menschenrechtlich wegweisenden Verfassung. Es war also einiges zu erwarten, als wir am Weltfrauentag trotz teurem Benzin (Iran-Krieg!) mit dem Auto losfuhren und nach einem Kurzaufenthalt in Bamberg (sehr hübsche Innenstadt) im gediegenen Best Western Hotel “Russischer Hof” ankamen. Claudia hatte bei einem ihrer vielen Preisausschreiben einen zweitägigen Aufenthalt dort gewonnen, den wir auf vier Übernachtungen verdoppelten. Gute Entscheidung, denn zwei Tage hätten für Weimar nicht gereicht – zumal am Mo und Di in vielen Museen Ruhetag ist.
Goethe muss der größte sein
Schon beim ersten Abendessen wurde anhand einer Bierwerbung deutlich, wie präsent Dichterfürst JWvG, der hier von 1775 bis 1832 lebte, auch heute noch in Weimar ist. Zu danken ist sein Zuwandern einer Frau: Anna Amalia, Herzogin von Sachsen-Weimar, lotste den Aufklärer Christoph Martin Wieland als Erzieher ihres Sohnes Herzog Carl August in die Stadt. Und angezogen von dem damals hochgeachteten Shakespeare-Übersetzer, Dichter und Herausgeber folgten bald Goethe, Herder und Schiller – das klassische Viergestirn. Lustiges Detail: Goethe maß 1,69 m, Schiller 1,80 – doch auf dem zum Wahrzeichen gewordenen Doppeldenkmal vor dem Weimarer Hoftheater (heute DNT) sind die beiden gleich groß. Großherzog Carl Alexander erlegte dem beauftragten Bildhauer Ernst Rietschel 1857 wohl Augenhöhe auf (“Wie sieht denn das aus, wenn der große Goethe so viel kleiner auf dem Podest steht…?!”). Bei der Stadtführung am Montag vergrößerte unser kundiger Guide den Längenunterschied der beiden Dichter sogar auf 162 zu 190 cm.
Links Goethe, rechts Schiller vor dem Deutschen Nationaltheater. einander Musenfreunde.
Mit beiden hatte ich jedenfalls im Germanistik-Studium zu tun – und las kaum mehr als die Studierenden auferlegte Pflichtlektüre: Zu korsetthaft regelorientiert, mit Antikewissen protzend, von hehren Idealen geleitet erschien mir deren Schrifttum – und tut es noch heute. Claudia kaufte, beeindruckt von der aktuellen Faust-Ausstellung im Schiller-Museum, eine Ausgabe des berühmtesten deutschen Stücks (dessen zweiten Teil zu lesen eine Challenge ist) – ohne zu wissen, dass eine ähnliche Ausgabe in meiner Bibliothek verstaubt. Der Einblick in die Lebenswelten der beiden anfangs distanzierten, dann eng befreundeten Dichter war des ungeachtet spannend. Der Familienmensch Schiller hatte stets mit seiner angegriffenen Gesundheit zu kämpfen, musste dennoch hart arbeiten, um genug Einkommen zu haben, wurde im Herzogshaus erst spät geschätzt und dann auch geadelt – was der Standesunterschieden gegenüber skeptische Schiller ironisch kommentierte. Goethe dagegen war damals sowas wie der Ortskaiser: ein enger Vertrauter von Herzog Carl August, von diesem mit Ministerämtern zuhauf betraut und dadurch lange vom Schreiben abgehalten, bis er sich zwei Jahre lang auf seiner italienischen Reise entzog – bei vollem Salär. Schiller lebte bescheiden, Goethe dagegen auf großem Fuß, erst abgeschieden in seinem Gartenhaus im Park an der Ilm, dann zentral im aufwendig umgebauten Stadthaus mit Empfängen, Salonintellektualität, Schöngeistigkeit inmitten antiker Statuen und Grafiken. Und Goethe war, heute oft vergessen, ein ambitionierter Naturwissenschaftler, der Tonnen von Steinen sammelte und eine heute zu Recht vergessene Farbenlehre entwickelte.
Hier schrieb Schiller……und hier Goethe
Da gäb’s noch viel mehr Geschichten zu erzählen, etwa von Goethes wilder Ehe zu Christiane Vulpius, oder, was mit Schiller nach seinem Tod geschah – aber Weimar ist ja nicht nur klassisch.
Gründungsstadt vom Bauhaus
Sondern auch Bauhaus-Stadt. Unser erster Besuch mit der Weimar Card galt dem Bauhaus-Museum. Die Protagonisten dieser von Walter Gropius 1919 gegründeten Kunst- (und Lebens)schule waren anfangs wenig gelitten in der situierten Kulturstadt, die rund 100 Männer schoren sich eine Glatze – und wirkten wohl ähnlich sektenhaft wie später die Punker mit Irokesenfrisur, meinte unser Guide. Es gab fast gleich viele Frauen unter den Auszubildenden – eine feministische Avantgarde der 1920er samt Nacktbaden in der Ilm. Der Anspruch, Kunst und Handwerk zu vereinen, führte zu Design, das auch heute noch begeistert, viele Beispiele davon aus allen möglichen Lebensbereichen sind im Bauhaus-Museum zu sehen.
Bauhaus-Museummit Design, das…… bis heute überzeugt
Die Stadt wirkt heute herausgeputzt, etwas museal, voll von Althausbestand. Gäbe es keine Studierenden an der Bauhaus- und der Liszt-Uni, wäre Weimar laut unserem selbst pensionierten Guide dominiert von kulturbeflissenen Rentnern, die sich hier gerne ansiedeln. Darauf mag es zurückzuführen sein, dass die AfD – sonst Mehrheitspartei in Thüringen – in Weimar nur die sechststärkste Kraft ist – hinter CDU, Bürgerliste, Grünen, SPD und Linken. Im kleinen Weimar wurde 1919 die gleichnamige Republik ausgerufen, um Gezerre der großen Metropolen zu vermeiden und weil es so praktisch in der Mitte Deutschlands lag. Die hier beschlossene postmonarchistische Verfassung wurde Vorbild für viele spätere. Weimar ist bestens geeignet für Fußgänge, weil sehr überschaubar und konzentriert. Ob es an Goethes Freimaurerei und seiner vagen Beantwortung der Gretchen-Frage liegt, dass Religion bzw. Kirchen in Weimar zweitrangig sind – abgesehen von der Stadtkirche St. Peter und Paul, wo Herder bis zu seinem Tod 1803 Generalsuperintendent war und ein dreiflügeliges Altarbild von Lucas Cranach dem Jüngeren beeindruckt: Ein Blutstrahl direkt aus der Seitenwunde Christi trifft auf den Kopf von Cranach nicht auf jenen Luthers daneben.
Flanieren im Park an der IlmPause am Herderplatz vor der gleichnamigen KircheIn der Bauhaus-UniversitätAnna Amalia Bibliothek
Etwas enttäuschend war der Besuch der berühmten Rokoko-Bibliothek von Herzogin Anna Amalia. Im Büchersaal war nur ein kleiner Teil des auf drei Ebenen angesiedelten Ensembles zugänglich, vieles blieb abgesperrt. Und die eigentlichen Bücherschätze finden sich im gratis zugänglichen Studierzentrum über dem Platz der Demokratie, das auch ein besuchenswertes Café aufweist (wo ich einen Band von Robert Gernhardt aus dem Bücherdepot entnahm).
Nichts für Veganer:innen
Die Gastronomie in Weimar ist deftig, Thüringer Bratwurst das Signature Dish, sonst viel Fleisch, wenig Gemüse und Salat. Gutes Bier, Köstritzer, das angeblich auch Schluckspecht Goethe schätzte (s.o.). Mein Weimarer Lieblingsrestaurant liegt auf dem Platz Frauenplan gegenüber von Goethes Wohnhaus. Arno’s – ich aß köstliche Königsberger Klopse auf Rohnenpüree, Claudia ein feines Sülzchen. Sehr nett war auch das Päuschen im Rösterei-Café “Röstbrüder” auf dem sonnigen Herderplatz. Wie überhaupt das Wetter mitspielte: frühlingshaft sonnig war’s, einladend zu ausgedehnten 10.000-Schritte-Spaziergängen durch die Stadt und den Park. Am Mittwoch fuhr ich (alleine) nach Erfurt, um die dortige Welterbe-Innenstadt zu besichtigen. Lohnend. Und auch sehr schön: der Theaterbesuch am letzten Abend im DNT mit einer Bühnenversion von Jenny Erpenbecks Roman “Kairos”. Für potenzielle Besucher:innen noch ein Tipp: Gleich hinter dem Freibad (das im Sommer sicher einen Besuch wert ist) liegt der Gratis-Parkplatz am Herrmann-Brill-Platz, keine zehn Minuten von unserem Hotel entfernt. Der Russische Hof bietet auch in der Post-DDR-Ära gute Qualität: großes Zimmer mit Terrasse im 4. Stock mit Blick auf die Dächer Weimars, vielfältiges Frühstück, beste Lage am – wo sonst? – Goetheplatz.
Ob man das als “Kairos” bezeichnen soll, wenn eine blutjunge Ausbildungskandidatin für Gebrauchsgrafik einen 34 Jahre älteren Schöngeist kennen und lieben lernt, sei dahingestellt. Gut, der 19-jährigen Katharina (Nadja Robiné) erschließt sich durch Hans, den lehrenden Autor mit exquisitem Musikgeschmack (Sebastian Kowski), nach der ersten Begegnung im Regen an einer DDR-Bushaltestelle eine neue Welt der Worte, Töne und Bilder. Der anfangs durch die Bewunderung der jungen Schönen geschmeichelten Familienvater genießt seine mit kultureller und erotischer Dominanz verbrämte Liebschaft mit Katharina zusehends. Und er erlegt ihr klare Regeln der Verschwiegenheit und der Exklusivität auf – die für ihn selbst nicht gelten. Die Beziehung zwischen den beiden wird zusehends toxisch, als sich die zum Kunststudium ermutigte, aufblühende, sich emanzipierende Katharina auf die Avancen eines jungen Kollegen einlässt – aus Hans’ Sicht ein unverzeihlicher “Fehltritt seines Geschöpfs”. Dass seine Zeit am Anlaufen ist, zeigt das Stück auch anhand der unter Glasnost und Perestroika bröckelnden DDR: Er verliert nicht nur Aufträge als staatlicher Günstling und – wie sich herausstellt – Kollaborateur, sondern auch den Halt unter den Füßen. Während Katharina nicht zuletzt durch eine Fehlgeburt einen Schlussstrich unter die knapp drei Jahre mit Hans zieht und sich danach als erfolgreiche Malerin etabliert.
Es mündet in eine toxische Beziehung – Schöngeist Hans und die 34 Jahre jüngere Katharina (Foto: Candy Welz, DNT)
Als solche lässt Regisseurin Beate Seidel ihre Hauptdarstellerin auf die vergangenen Ereignisse zurückblicken, ihre Bearbeitung des mit dem Booker Prize 2024 ausgezeichneten Romans bietet inszenatorisch gelungene Ideen wie die anfängliche “Enttarnung” des wie eine Requisite verhüllten Hans, die eine Reise in den Westen begleitende penetrante Beschallung oder die Einsprengsel in die Gedankenwelten der beiden Liebenden. Dem Publikum gefiel’s: Mit langem Applaus und Fußgetrappel wurden die beiden Schauspielenden bedankt.
Ein Haus, das Theatergeschichte schrieb
Und das in einem Haus, das Theatergeschichte schrieb: Als ständig bespieltes Weimarer Hoftheater wurde es 1771 von der kunstliebenden Herzogin Anna Amalia eingerichtet, nach Goethes Ankunft in der damaligen Kleinstadt 1775 wuchs es zum umjubelten Schauplatz der Weimarer Klassik mit Uraufführungen Schillers, Ifflands oder des bald zum Leiter bestellten Goethe, der auch selbst Mozarts “Zauberflöte” inszenierte. Im 19. Jahrhundert dominierte die Musik von Hummel, Wagner, Berlioz und Richard Strauss – nicht umsonst heißt das Haus heute “Deutsches Nationaltheater und Staatskapelle Weimar” (DNT), seit 1906/1907 mit dem heute noch bestehenden neoklassizistischen Erscheinungsbild. In dieser Zeit eine Kultstätte des konservativen Bildungsbürgertums, wurde das DNT später zur NS-Propagandastätte mit Aufführungen vor SS-Leuten im Casino des nahen KZ Buchenwald. In der Ära der DDR war das DNT eine Stätte bedeutsamer Klassiker-Inszenierungen. Heute wirkt es gemessen an den Häusern großer Metropolen baulich etwas provinziell. Doch der Spielplan legt ambitioniert Augenmerk auf Kindgerechtes sowie auf zeitgenössische Größen wie Elfriede Jelinek (“Rechnitz”) oder eben Erpenbeck.
Junges Volk zu Füßen der Klassiker Goethe und Schiller, dem Weimarer Wahrzeichen vor dem DNT
Noch ein Wort zur Romanvorlage, die Parallelen sind auffallend: Jenny Erpenbeck, erfolgreichste Autorin Deutschlands aus dem ehemals kommunistischen Osten, war wie auch ihre ähnlich alte Romanfigur Katharina Requisiteuse in Frankfurt/Oder und arbeitete mit dem im Stück (und Roman) genannten Heiner Müller. Als die Berliner Mauer fiel, war Erpenbeck 22; ob auch für ihre schöngeistige Horizonterweiterung ein älterer Liebhaber sorgte, wissen wir nicht – jedenfalls aber ihre Familie. Die Mama war Übersetzerin, der Vater ein bekannter Physiker, Philosoph, Psychologe und Romanautor. In ihrem Werk verknüpft Erpenbeck Motive großer geschichtlicher Umbrüche mit persönlichen Schicksalen. Ich las von ihr mit Gewinn “Gehen, ging, gegangen” über die Flüchtlingskrise 2015. “Kairos” wird gewiss folgen.
Als ich 15 wurde, bekam ich Kurzsichtiger eine Brille. Der Dioprienwert sank im Lauf der Jahre bis auf -7,5 – die Fehlsichtigkeit nahm also zu. Als meine Augenärztin vor etwa zehn Jahren ein Glaukom – also Grünen Star, die häufigste Erblindungsursache – diagnostizierte. Ein zu hoher Augeninnendruck schädigt dabei den Sehnerv der Papille und führt zur zunächst unbemerkten Einschränkung des Gesichtsfeldes. Um den Augendruck zu reduzieren, nehme ich seit Jahren morgens und abends verschiedene Augentropfen, außerdem wurde ich im Wiener AKH bereits zweimal operiert. Dabei wurde mir ein Stent in den Glaskörper eingesetzt, der Flüssigkeit ableitet und somit den Innendruck reduziert. Heilbar ist Glaukom nicht, ich werde also bis zum Ende meines Lebens eintropfen müssen. Damit nicht genug. Seit mehr als einem Jahr bemerke ich eine Einschränkung der Hörfähigkeit. Meine liebende Gattin machte mich immer wieder auf diese Schwäche aufmerksam, sie hört auch – im Unterschied zu mir – Hochfrequenztöne wie die Tee-ist-fertig-Uhr in der Küche, und vor rund einem Monat bekam ich bei einer Vorstellung im Burgtheater vom zweiten Rang aus nur wenig vom Brecht-Stück unten auf der Bühne mit, zumal das gesprochene Wort oft noch von einem kleinen Orchester musikalisch umspült wurde. Ich suchte also den nahen HNO-Arzt auf – und die Diagnose von rund einem Jahr davor klang unerfreulich: Sie brauchen ein Hörgerät, hieß es nach einem Test. Die Werte hätten sich in dem Zeitraum auf eine Hörfähigkeit von unter 80 Prozent verschlechtert. Ich stellte mich also auf eine größere Investition ein – das Hörgerät, das meine Schwiegermutter seit längerem benutzt, kostete 5.000 Euro – und sie ist nicht sehr zufrieden damit (was aber an ihrer mangelnden Technikaffinität liegen mag). Mit der ärztlichen Verordnung, die mir 1000 Euro von der Krankenkasse als Zuschuss sichern sollte, ging ich zu einem Audiostudio zur Terminvereinbarung der Anpassung. Hol lieber ein zweites Angebot ein, bei so einem hohen Betrag sollte man sich umschauen, riet meine umsichtige Frau. Also VOR dem Termin bei Audio Danube noch einen bei Hansaton. Ich wurde genauer getestet als in der HNO-Ordination, musste z.B. einsilbige gesprochene Worte wiedergeben. Und siehe da – das Ergebnis überraschte: Die Hansaton-Akustikerin beschied mir ein durchaus noch leistungsfähiges Gehör, die Lebensqualität würde durch ein Hörgerät nicht wirklich steigen, meinte sie. Heute dann der Test bei Audio Danube, dessen Geschäftsführerin die Tochter des HNO-Arztes nebenan ist. Und wieder ein aufwendiger Test mit drei verschiedenen Kategorien: nach lauter werdenden Tönen Signal geben, leise gesprochene Zahlen und danach einsilbige Worte nachsprechen. Und erneut: Ihr Gehör ist noch zu gut für eine teure technische Unterstützung, bei über 80 Prozent zahlt die Kasse auch nichts dazu. Kommen Sie in einem Jahr wieder. Das relativiert die ins Auge gefasste Adventmailserie 2026 zum Thema “Sinn, Sinne, Sinnlichkeit” etwas, die ich mit der selbstironischen Anmerkung “Ich lebe in einer Zeit, da einem schon Hören und Sehen vergehen kann…” einleiten wollte. Aber ich denke, ich mache es trotzdem, das Thema ist ergiebig.
Vom so un-US-amerikanischen Arthouse-Regisseur Jim Jarmusch sah ich schon etliche Filme – und ehrlich, “Down by Law”, “Dead Man”, “Paterson” oder “Ghost Dog” sind um Längen besser als sein jüngster Streifen, das bei den Filmfestspielen von Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnetes Episoden-Triptychon rund um “the secret life of parents”. Und das trotz großartiger Schauspieler:innen wie Cate Blanchett, Adam Driver, Charlotte Rampling oder Tom Waits. Jarmusch erzählt drei verschiedene Geschichten. In New Jersey besucht ein Geschwisterpaar den verwitweten, vermeintlich durch Armut und Verwahrlosung gefährdeten Vater. Ähnliches So-tun-als-ob erleben zwei sehr unterschiedliche Schwestern mit ihrer großbürgerlichen Mutter in Dublin; und in der dritten Episode gehen Zwillinge nach dem Unfalltod der Eltern in Paris auf deren Spuren. Die beiden Besuche zeigen, dass man einander nicht viel zu sagen hat und vieles nach langen, peinlichen Sprechpausen ungesagt bleibt. Die Waisenzwillinge zuletzt dagegen stehen sich nahe, kommen aber drauf, dass ihre toten Eltern in mancher Hinsicht ein Doppelleben führten. Verschränkt sind die drei Episoden nur durch Leitmotive wie Skater auf der Straße, Toasts mit Wasser, PG Tipps Tee und Kaffee oder der englischen Floskel „Bob’s your uncle“ (dt. etwa: „Und mehr ist nicht zu sagen!“). All das ist bei Jarmusch demaskierend und unaufgeregt zugleich, die Dialoge sind – außer bei der letzten Episode – banal, manchmal mit Humor, ohne jede Dramatik. Was daran ist erzählenswert? Wo ergibt sich ein Bogen, wo schließt er sich? Diese Fragen bleiben, “ohne dass der Film sich zum stimmigen Ganzen runden würde”, wie es im stets präzisen “Filmdienst” heißt.
Joachim Meyerhoff, bis 2019 13 Jahre lang Star am Wiener Burgtheater, habe ich als Schauspieler nie wirklich wahrgenommen. Umso mehr als Autor seiner inzwischen sechsteiligen Buchreihe “Alle Toten fliegen hoch”, die ich allesamt mit großen Vergnügen las. Der in Schleswig Aufgewachsene berichtet darin von seinem Aufwachsen auf einem Psychiatrieanstaltsgelände, seinen Eltern und Geschwistern, dem Austauschjahr in Amerika, von Beziehungsturbulenzen und Schlaganfall sowie zuletzt von einer Auszeit bei seiner alt gewordenen Mutter Susanne. Zwei dieser stets mit viel Humor und großer Beobachtungsgabe erzählten Bände sind inzwischen verfilmt. “Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war” (D 2023) fand ich so lala, “Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke” dagegen sehr stimmig und überzeugend in der Wiedergabe des Tonfalls der Meyerhoff-Bücher. Der 137 Minuten lange Streifen von Simon Verhoeven (“Girl You Know It’s True”, “Alter weißer Mann”) erzählt Meyerhoffs (Bruno Alexander) nach dem Unfalltod seines Bruders aufgenommene Schauspielausbildung an der Otto Falckenberg Schule in München, wo einst auch seine Großmutter Inge Birkmann (Senta Berger) unterrichtete. Bei dieser und ihrem zweiten Ehemann, dem Philosophen Hermann Krings, richtet sich der vom Brudertod noch Traumatisierte häuslich ein, nachdem er zu aller Überraschung die Aufnahmeprüfung schaffte. Und das, obwohl der damals 22-Jährige labil, introvertiert und zugleich jähzornig war und Schauspieltalent nicht wirklich erkennen ließ. Die Komik des Films basiert zum einen in Meyerhoffs (selbstironisch überzeichnetem?) Agieren als Jungmime, zum anderen in seiner Rolle als Großmutters “Lieberling” in deren von Eheritualen und reichlich Alkoholkonsum dominierten Haushalt in einer Münchner Vorstadtvilla. Ich musste oft lachen beim Coming-of-Age-Geschehen auf der Leinwand – und war traurig, als die beiden Alten zuletzt kurz hintereinander verstarben. Aber da war Enkel Joachim längst etablierter Schauspieler am Schauspielhaus in Hamburg.
Eine unterhaltsame Zeitreise zurück ins Lehramtsstudium: Der deutsche Germanist Michael Maar widmet sich in seiner Literaturgeschichte für Schreibstilbewusste sehr anregend der Frage: Wie wird Sprache zu Literatur? Was ist Manier, was ist Jargon, und in welche Fehlerfallen tappen fast alle? Er beginnt dabei bei den Klassikern Goethe, Wieland oder Hölderlin, würdigt fast vergessene Größen wie Jean Paul und Johann Peter Hebel, hat ein offensichtliches Faible für die die – fast durchwegs jüdischstämmigen – Literaten Wiens vor und nach dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie wie Kafka, Werfel, Roth, Polgar oder Perutz und landet als unfassbar Belesener in der Gegenwart bei Autor:innen wie Clemens Setz, Daniel Kehlmann, Brigitte Kronauer (“Verlangen nach Musik und Gebirge”) und Wolfgang Herrndorf (“Tschick”). Bei den Letztgenannten bekam ich Appetit aufs Lesen, ebenso bei mirt bisher unbekannten Autor:innen wie Marie-Luise Scherer, Undine Gruenter oder Rudolf Borchardt. Und Doderers “Strudlhofstiege”, etwas von Thomas Mann und Franz Kafka sollten endlich (wieder) mal gelesen werden. Natürlich, vieles des von Maar absatzweise Zitierten ist Geschmacksache. Fehl am Platz finde ich seine Abkanzelung von Christa Wolfs “Kassandra” – eines meiner Best-of – oder die Kaumerwähnung von Großen wie Max Frisch oder Hermann Hesse. Aber ja – es geht Maar ja nicht um eine Literaturgeschichte, sondern um Stilbewertungen und Regeln, was einen guten Stil ausmacht. Wobei: “Es gibt keine Regeln, jedenfalls kann man sie alle brechen. Aber man muss es können”, schreibt der Experte. Und findet z.B., die Chansonette Hildegard Knef konnte es in ihrer Biografie “Der geschenkte Gaul”. Ein eigenes Kapitel “Das Pikante und der Spaß der Welt” widmet Maar der Verbalerotik. Denn gelungene Um- und Beschreibungen von körperlicher Liebe gehöre zum Schwierigsten, was Autor:innen zu Papier bringen können. Oder eben nicht können – wie Kafka oder Musil, sonst beide hochgeschätzt vom Germanisten. Saltens “Josefine Mutzenbacher” dagegen konnte es. Der Titel “Die Schlange im Wolfspelz” steht übrigens im Kapital über ge- und misslingende Metaphern und stammt von Eva Menasse, die dieses schiefe Bild aber bewusst eingesetzt habe.
Frans Hals, Jan Vermeer, Peter Paul Rubens und natürlich Rembrandt – die alle kennt man als Meister der niederländischen Barockmalerei. Eine, die aufgrund ihrer künstlerischen Qualität unbedingt in diese prominente Reihe dazugehört, kannte ich vor der aktuellen Sonderschau im KHM nicht, hatte ihren Namen noch nie gehört: Über Michaelina/Michelle/Michelina/Magdalena Wautier/Woutiers/Wouters/Wauters (1614?-1689; so viele Namensvarianten!) ist generell wenig bekannt. Sie stammte aus Mons in Flandern und wirkte mit ihrem ebenfalls hochbegabten Malerbruder Charles Wautier in Brüssel; viele ihrer großartigen Gemälde wurden ihr erst in jüngster Zeit zugerechnet – oft auch, weil man sich nicht vorstellen konnte, dass eine Frau Aufträge für Historienbilder bekam und sie diese mit nackten Männerleibern versah. Und die Künstlerin tat das selbstbewusst: Michaelina “invenit et fecit“, signierte sie ihre Bilder – “erdacht und ausgeführt”. Eine Frau, “die sich in ihrer Zeit über Regeln und Konventionen hinweggesetzt hat und von der Kunstgeschichte vergessen wurde”.
Auch Mädchen (wie Maria) lernenMichaelina porträtiert Bruder CharlesEin Selbstporträt der Künstlerin
Umso dankenswerter ist es, dass das Kunsthistorische Museum in Wien dieser “aufregendsten kunsthistorischen Wiederentdeckung der letzten Jahrzehnte” eine Bühne gibt und Bewunderern wie mir einen Überblick über das bisher bekannte breite Schaffen der Flämin, mit psychologisch einfühlsamen Altarbildern und Porträts, mit Genre- und Historienmalerei sowie Frauen eher zugetrauten „Blumenstücken“, verschafft. Erstmals weltweit zu sehen eine großartige Bilderserie zu den fünf Sinnen, allegorisch dargestellt anhand von kleinen Buben.
Sehen, hören, riechen, tasten, schmecken – die erste Erkenntnisquelle laut den Empiristen im Gefolge des Barockphilosophen John Lockes
Dank gebührt auch dem Habsburger-Erzherzog Leopold Wilhelm von Österreich, der als Statthalter der spanischen Niederlande als Kunst-Mäzen und Käufer agierte und u.a. Michaelina Woutiers förderte. Aus dieser Zeit stammen vier ihrer Bilder in den Beständen des KHM. Empfehlen kann ich die Schau nicht mehr – ich besuchte sie mit meiner ebenfalls begeisterten Angetrauten am vorletzten Ausstellungstag. Wie gut, dass ich das Wetter – Wien versank im Schnee – für diesen Fast-Last-Minute-Besuch nutzte. Und ich hoffe, dass die Kunsthistoriker:innen noch weitere Werke Michaelinas enttarnen (ärgerlich, dass sich die Talente von Frauen oft nur schwer oder gar nicht durchsetzen konnten!).
Seifenblasen zeigen barocke Vanitas … mögen die Bilder Michaelinas nicht vergänglich sein
Die Psychologin Ela empfängt nach einem mysteriösen Anruf einen verzweifelten Mann, der unbedingt eine Therapiestunde bei ihr nehmen möchte. Zunächst ziert er sich, seine Identität preiszugeben, schließlich outet er sich als Gott persönlich, der in einer tiefen Krise steckt und mit sich selbst und seiner Schöpfung – dem Menschen – unglücklich ist. Ela will den überfordernden Auftrag erst nicht annehmen, lässt sich aber dann doch auf theologisch-therapeutische Dispute ein und macht dabei auf einen blinden Fleck bei Gott aufmerksam – seine höchst fragwürdige Behandlung des gottesfürchtigen Hiob. Das “Akzent Theater” beschreibt das Stück der 2012 verstorbenen israelische Drehbuchautorin und Dramatikerin Anat Gov mit Katharina Stemberger und Wolf Bachofner als “wunderbare Komödie, klug, berührend und voller Überraschungen”. Naja. Der hier satirisch gezeichnete jüdische Gott – christliche “Ergänzungen” fehlen völlig – ist allzu anthropomorph geraten. Die Komik speist sich hauptsächlich daraus, dass es bei dem mit sich hadernden Therapieklienten sehr “menschelt”, er weinerlich, zornig, frustriert ist, mit seiner Allwissenheit angibt und manchmal “Zaubertricks” einsetzen will, die seiner Allmacht Hohn sprechen. Mir war das zu oberflächlich Dass bei all dem Kenntnisse des Alten Testaments vorausgesetzt werden, störte mich als Theologe weniger als meine davon müde werdende Liebste. Und etwas aufgesetzt wirkt das “kitschige, Rosamunde-Pilcher-artige Happy End” (Kronen Zeitung) zum Schluss mit Regen für die dürstenden Pflanzen und Cello-Tönen vom autistischen Kind der Therapeutin.