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RME lautete mehr als 30 Jahre lang mein Kürzel als Nachrichtenredakteur. Seit Anfang 2025 pensioniert, arbeite ich, Robert Mitscha-Eibl, als freier Journalist. Und ich schreibe weiter Kulturkritiken, Reiseberichte, Artikel, Kommentare, Adventmailserien. Über Themen, die mich (und vielleicht auch dich) interessieren. Weil mich das geistig rege hält, es mir Spaß macht und ich mich gerne mit Freund:innen über Gott und die Welt austausche. Und auch, weil das hier etwas ist, mit dem ich mich bei meinen Nachkommen in Erinnerung halten möchte.

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RME liest: Buchkritiken v.a. Belletristik, aber auch Fachliteratur, Graphic Novels …
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RME schreibt: Artikel aus näherer Vergangen-heit, Kommentare …
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RME sieht: Filme, z.B. mit meiner Kinorunde, vereinzelt auch Gestreamtes …
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RME hört: Favoriten und Entdeckungen im weiten Feld der Musik, Konzertbesuche …
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RME kündigt an: Termine/Events, bei denen ich über Begleitung froh wäre …
MEIN LEBEN. Robert biographiert: Erzählenswertes aus meinem Leben
RME biographiert: Erzählenswertes aus meinem Leben

“Burg in Concert: Rufus Wainwright”, Burgtheater, 5.4.2026 ***

Es war nicht die beste Idee, nach einem prallvollen Ostersonntag mit netter Brunch-Runde abends noch in ein Konzert zu gehen. Aber wir hatten schon lange die Karten besorgt und Rufus Wainwright auf der Bühne des Burgtheaters – das klang ja nicht schlecht.
Es war die letzte Station des in New York geborenen und in Montreal aufgewachsenen Singer-Songwriters aus einer Musikerfamilie (Vater Loudon Wainwright, Mutter Kate McGarrigle) Rufus Wainwright auf seiner Europatournee, er stand alleine mit Klavier und Gitarre auf der Bühne und wechselte in der Instrumentierung ab.

Sonst veileicht eine Lichtgestalt, diesmal aber mit Schatten vor allem als Begleiter seiner Kompositionen.

Gleich beim ersten Song verspielte sich Rufus und gestand, angesichts der Ehre, auf so einer Weltbühne aufzutreten, nervös zu sein. Rufus, inzwischen 52, ist ein großartiger Sänger, ich mag seine Stimme. Deutlich weniger überzeugte er mich als Pianist und Gitarrist, die Arrangements seiner manchmal eigenwillig schräg wirkenden Kompositionen sind… nun ja: schlicht. Warum keine Begleitband, damit sich der Mann ganz aufs Singen konzentrieren kann, dachte ich mir.
Das Beste rückte Rufus erst bei der ersten von zwei Zugaben heraus: “Going to a Town” mit der politisch hochaktuellen Refrainzeile “I’m so tired of America”, danach sein bekanntestes Lied, seine Version von Leonhard Cohens “Hallelujah”. Kurioserweise ist das ein Song des Opas seiner 15-jährigen Tochter, die der homosexuelle Rufus mit Lorca Cohen zeugte, der Tochter des berühmten Leonard.
Rufus Wainwright arbeitete mit Künstler:innen wie Elton John, David Byrne, Joni Mitchell, den Pet Shop Boys, Billy Joel, Paul Simon, Sting zusammen, er schrieb zahlreiche Songs für Film und Fernsehen und zuletzt auch zwei Opern. Sein Auftritt in Wien mit Flatterhose, weißen Schuhen und weißem Hemd, das viel Brusthaar erkennen ließ, überzeugte mich nicht wirklich.

Er liebe Wien, sagte Rufus (wie so viele). Jetzt ab in den Urlaub nach Italien.

Keum Suk Gendry-Kim, “Mein Freund Kim Jong-un”, avant-Verlag 2025 ****

Ein Weihnachtsgeschenk für meinen Comic-affinen Bruder, das mich genug interessierte, diese Graphic-Novel-Reportage auch selbst anzuschaffen. Autorin ist eine hierzulande kaum bekannte, aber bereits mehrfach ausgezeichnete Südkoreanerin, die nahe der schaurigen Grenze zu Nordkorea lebt.
Als Angehörige einer Generation, die von Kindheit an eine gründliche antikommunistische Erziehung erhielt, habe sie wie viele andere die Hoffnung gehegt, das Gipfeltreffen 2018 zwischen der politischen Führung Nord- und Südkoreas könnte eine friedliche Wiedervereinigung des seit den 1950ern getrennten Landes einleiten. Keum Suks gezeichnetes Interview mit dem ehemaligen südkoreanischen Staatspräsidenten Moon Jae-in zeigt, dass es zu vereinfachend ist, den in der Schweiz zur Schule geschickten Kim Jong-un als Bösewicht abzustempeln, auch die US-amerikanische Außenpolitik unter Trump I hatte wesentlichen Anteil daran, dass aus einem dem Nuklearwaffenverzicht Pjöngjangs nichts wurde und die Stimmung zwischen Nord und Süd aktuell wieder höchst konfliktgeladen ist.
Keine Frage, der dritte Kim an der Spitze Nordkoreas ist ein Diktator mit Aggressionspotenzial, aber jedenfalls nicht so eine Witzfigur wie er schon 2012 in der US-amerikanische Satirezeitschrift The Onion als „Sexiest Man Alive“ dargestellt wurde.
“Anstatt Kim Jong-un oder die Realität Nordkoreas zu verspotten oder zu verurteilen, wollte ich anhand der Erfahrungen von Menschen aus dem Umfeld sowie der Geschichten von Menschen, die unter Krieg und Teilung leiden, die Bedeutung des Friedens in der Geschichte der Teilung vermitteln”, erklärte Keum Suk über ihr jüngstes Werk, das erstmals auch auf Deutsch erschien.
Ihr gelang ein spannender, wenn auch in manchen Kapiteln straffbarer Einblick in den für uns Österreicher:innen sehr fernen Osten. Eine Graphic Novel, das in einer Reihe mit Art Spiegelmans “Mouse” oder den Bänden von Joe Sacco über Palästina.

Besuch in der Villa Beer, 1.4.2026

Das viergeschoßige Villengebäude in der Wenzgasse 12 in Wien-Hietzing wurde in den vergangenen Jahren liebevoll renoviert und kann seit März im Rahmen von Führungen besichtigt werden – und das lohnt sich absolut, wie der Besuch von Claudia und mir an einem sonnigen Frühlingstag ergab. Die erst seit 1987 denkmalgeschützte Villa ist architektonisch eine Wucht, der von der wohlhabenden jüdisch-liberalen Familie Beer beauftragte Architekt Josef Frank gestaltete die rund 800 m² Wohnfläche mit unterschiedlichen Raumhöhen und Bodenniveaus, die auf die jeweiligen Bedürfnisse der Eigentümer wie auch der Bediensteten eingehen sollten, und designte auch das Interieur.

Der Haupteingang unter dem kubischen Erker, rechts daneben der Dienstboteneingang, links im Bild die Terrasse (dazu hier unsichtbare Balkone) mit Blick auf den herrlichen Garten

Anders als meine Vermutung wurde das Haus nicht arisiert. Julius Beer, Mitinhaber einer Kautschukfabrik, und seine Frau Margarete wollten einen geeigneten Ort für Empfänge und musikalische Abendveranstaltungen schaffen, bewohnten das Haus ab 1931 aber nur ein Jahr lang. Dann geriet Beer in finanzielle Schwierigkeiten und mussten vermieten – u.a. an damalige Musikgrößen wie Richard Tauber, Jan Kiepura mit Marcel Prawy sowie Marta Eggerth. Noch vor der Machtübernahme der Nazis wurde das Grundstück geteilt, die Villa versteigert und 1941 vom Textilunternehmer Harry Pöschmann erworben, dessen Familie hier wesentlich länger wohnte.

Man kann hier auch übernachten, in diesem Haus voller Treppen und unterschiedlicher Niveaus

Die Familie Beer emigrierte in die USA – bis auf die behinderte Tochter Elisabeth, die kein Visum bekam und dem NS-Rassenwahn zum Opfer fiel.
Der ebenfalls jüdisch-stämmige Architekt Josef Frank entwarf neben Familienwohnhäusern auch Gemeindebauten in mehreren Wiener Bezirken. Er emigrierte bereits 1933 nach Schweden und setzte als dortiger Staatsbürger sein Schaffen fort. Mit der Villa Beer hinterließ er Wien ein echtes Schmuckkästchen, das fast ein Jahrhundert nach der Entstehung noch modern und innovativ wirkt. Die Führung in der Karwoche stieß auf großes Interesse, rund 20 Personen unseres Alters nahmen tlw. mit bödenschonenden Schuhüberziehern daran teil.

Paulo Coelho, „Auf dem Jakobsweg“, Diogenes 1993 *

Es kommt nur ganz selten vor, dass ich ein angefangenes Buch gelangweilt weglege. Erst recht nicht eines, dessen Thema perfekt zu meiner in drei Wochen beginnenden Pilgerreise von Porto nach Santiago de Compostela zu passen scheint. Und doch: Nach mehreren Abenden, an denen mir angesichts von Paulo Coelhos Selbstfindungdurchesoterik-Reiseerzählung die Augen zufielen, gab ich mir einen Ruck und dem Taschenbuch einen Kick aus meinem Bett. Zu ermüdend war der im Zentrum stehende innere Entwicklungsprozess des Autors, dessen Ausgangspunkt eine Lebenskrise ist: Coelho scheitert an einer Initiationsprüfung innerhalb eines katholischen Eliteordens und erhält den Auftrag, auf dem Jakobsweg symbolisch ein „Schwert“ zu finden – ein Zeichen spiritueller Reife und Erkenntnis. Belehrt wird er dabei von seinem geheimnisvollen Führer Petrus, der als geistlicher Lehrer verschiedene spirituelle Übungen und Rituale anleitet. Die zentrale Lektion: Das Außergewöhnliche liegt im Einfachen, Unscheinbaren, im bewussten Erleben des Alltags. Ja, eh.
All das könnte genauso gut beim Wandern von Unterstinkenbrunn nach Gigritzpotschn geschehen, der Camino ist auf den 60 Seiten, die ich durchgehalten habe, nur eine matte Hintergrundfolie.
Da lobe ich mir den Klassiker “Ich bin dann mal weg” von Hape Kerkeling, den ich mit Vergnügen und auch vielen Anregungen zum Nachdenken über eigene Prioritäten schon vor längerer Zeit las. Der deutsche Komiker wiederum bezog sich in seinem Reisebericht nicht auf Coelho, sondern auf Shirley MacLaine, die ebenfalls auf dem Weg von den Pyrenäen nach Santiago unterwegs war und ebenfalls spirituell enorm aufgerüstet ankam. Ähnliche Bestseller über die von mir ab 16. April 2026 bevorzugte Route entlang der portugiesischen Atlantikküste existieren nicht. Noch nicht 😉

Länderspiel Österreich-Ghana, Happelstadion, 27.3.2026 ******

Von Bruder Andreas kam die Idee: ob ich mich nicht ihm und Neffe Theo anschließen möchte, in Wien das erste WM-Vorbereitungsspiel des Rangnick-Teams gegen die respektable afrikanische Truppe von Ghana anzusehen. Ich wollte und nützte die Gelegenheit, meinen beiden jüngeren Enkelsöhnen Jakob und Nathan diese Unternehmung als Vorabgeburtstagsgeschenk zukommen zu lassen. Ich traf die beiden nach einigem Suchen und Wo-seid-ihr-Telefonaten – kein Wunder bei dann 40.000 Zuseher:innen – bei der U2-Station Stadion, bald darauf die aus Graz angereisten Andreas und Theo. Nach fünf Minuten anstellen beim Sektor-B-Aufgang stellte sich heraus, dass Jakob verbotenerweise eine Thermos-Trinkflasche mitgegeben wurde. Die mussten wir erst bei einem Depot abgeben, um sie nach dem Match wiederzubekommen. Nach nochmaligem Anstellen und einem Klogang der Jungs endlich der Blick ins gut gefüllte Stadion mit sich aufwärmenden Spielern.

Jubelstimmung im Happelstadion schon bei den Hymnen. Schade, dass man wegen der Laufbahnen sehr weit weg vom Geschehen auf dem Rasen ist. Dennoch: “Immer wieder, immer wieder Österreich!”

Besonders interessierten mich die Neuen im Team: Paul Wanner und Carney Chukwuemeka hatten sich, obwohl davor in der Nachwuchsauswahl Deutschlands bzw. Englands engagiert, für den ÖFB entschieden. Beide jung, hochtalentiert, wie es hieß. Doch zunächst auf der Bank. In der eher faden, spielerisch durchwachsenen Hälfte eins verzichtete Rangnick auf Debütanten. Einer der wenigen Höhepunkte war das 24. Teamtor von Kapitän Marcel Sabitzer, der im Mittelfeld eine tolle Leistung bot.
Von unseren Plätzen aus konnten wir das Geschehen auf dem Spielfeld gut mitverfolgen. Ich erstmals ohne Brille, da nach den beiden Katarakt-OPs nicht mehr kurzsichtig. Ich hatte den Jungs eingeschärft, sich richtig warm anzuziehen, denn die Wetterprognose war besch…eiden: Sogar Schneeregen sollte möglich sein. So schlimm wurde es dann nicht. Es blieb bei rund 5 Grad trocken.
Spielhälfte zwei hatte es dann in sich: Die Fangesänge wurden immer begeisterter, als gleich in der 50. Minute das 2. Tor für Österreich fiel. Gregoritsch nach Stanglpass von Sabitzer. Zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Feld: Wanner und Chukwuemeka, wie drei weitere neu eingewechselte Spieler. Der Spielfluss übertraf den in Hälfte 1 bei weitem, die beiden Youngsters überzeugten, und schon bald köpfte Rechtsverteidiger Posch nach einem Eckball das 3:0. Ein nicht konsequent genug verteidigter Angriff der Afrikaner samt einem herrlichen Abschluss ins Kreuzeck brachte das 3:1, aber schon kurz darauf hämmerte Chukwuemeka den Ball zum 4:1 unter die Latte. Das 5:1 fiel dann in der Nachspielzeit durch den einzigen nicht ausgewechselten Akteur Seiwald – sein erstes im Teamdress.
Wir und das gesamte Publikum waren aus dem Häuschen, meine Stimme ist heute nach dem oftmaligen Torjubel etwas mitgenommen. Egal. Auch Jakob und Nathan, obwohl nicht sonderlich fußballinteressiert, gefiel’s. Claudia fühlte sich zurecht bestätigt, mir geraten zu haben, den Enkeln zu Geburtstagen gemeinsame Unternehmungen zu schenken. Das stärkt die Beziehung und bleibt lange in Erinnerung. Österreich-Ghana tut das sicher.

“Ferdinand Georg Waldmüller. Nach der Natur gemalt”, Unteres Belvedere, 26.3.2026 ****

Kurz vor dem Besuch des nächsten fotorealistischen Malers telefonierte ich mit meiner Freundin Gaby. Mit Ferdinand Georg Waldmüller sei sie verwandt, viele ihrer Verwandten hießen auch so. “Und der hat nicht nur Landschaften gemalt, sondern auch – was damals eine Provokation war – das oft schwere Leben der einfachen Leute”, erzählte sie. Das sei im Biedermeier von vielen nicht goutiert worden.
Nun ja, von Sozialkritik war bei der Ausstellung im Belvedere nicht viel zu bemerken. Am ehesten noch beim Gemälde “Reisigsammeln im Wienerwald”, auf dem zu sehen ist, dass eine alte Frau unter der Last der Hölzer zu Boden sinkt und ein Mädchen ihr zu Hilfe kommt – inmitten einer idyllischen Natur. Letztere stellt Waldmüller auch in seinen vielen Bildern vom Prater, vom Salzkammergut rund um Bad Ischl, im Gasteinertal und auch nach Studienreisen nach Sizilien in den Mittelpunkt seiner beachtlichen Kunstfertigkeit. Auch Landschaften von Waldmüller-Zeitgenossen wie John Constable und Jean-Baptiste Camille Corot bereichern die Schau.

Naturidylle oder doch auch ein wenig Sozialkritik (Mädchen hilft Greisin)?

Dann gibt’s noch Porträts von Adeligen – offenbar eine erforderliche Einnahmenquelle in einer Zeit, da Künstler noch nicht so hofiert wurden wie heute, sondern Dienstleister waren.
“Er war einer der großen Repräsentanten der Wirklichkeitsschilderung”, heißt es im Wikipedia-Eintrag über Waldmüller. Die Wirklichkeit der Repression im Wiener Vormärz findet sich in seinen Bildern aber kaum.

“Canaletto & Bellotto”, KHM, 24.3.2026 ****

Gemälde von Venedig, London, Dresden, Wien und Umgebung, die – obwohl entstanden im 18. Jahrhundert – wirken, als wären sie fotografiert. Und ganz falsch ist das bei den soeben im KHM präsentierten Arbeiten von Giovanni Antonio Canal (bekannt als Canaletto) und seinem Neffen Bernardo Bellotto (der sich oft ebenfalls Canaletto nannte) nicht. Denn die beiden Venezianer bedienten sich, wie schon Leonardo da Vinci 250 Jahre davor, der Camera obscura, um Stadtansichten möglichst wirklichkeitsgetreu abbilden zu können. Wobei sich Onkel und Neffe künstlerische Freiheiten herausnahmen und ihre meist von Adelshäusern beauftragten Bilder inszenierten bzw. idealisierend komponierten.
Für Wiener:innen spannend ist er jedenfalls, der Blick zurück auf eine Hauptstadt des Reiches von Maria Theresia, die noch mit einem Stadtmauer-Korsett versehen war und in der damals fast achtmal mehr Menschen wohnten als im heutigen 1. Bezirk: Es finden sich Ansichten von Freyung, Lobkowitzplatz, dem heutigen Seipel-Platz vor der Jesuitenkirche, Schönbrunn, der Blick von Schloss Belvedere hinunter auf die Innenstadt und mehrere Darstellungen des ebenfalls von Prinz Eugen ausgebauten Schlosses Hof im Weinviertel.

Franz Stephan und Maria Theresia zwischen Ansichten ihres Schlosses (© KHM-Museumsverband, Foto: Jakob Gsöllpointner)

Bellotto trat als 14-Jähriger in die Werkstatt des damals schon bekannten Vedutenmalers Canaletto ein; die wirklichkeitsgetreue Darstellung einer Landschaft oder eines Stadtbildes galt damals als aufklärerischer Anspruch. Der Onkel ging nach London, der Neffe nach Dresden und Warschau, beide gerieten trotz ihrer künstlerischen Meisterschaft in finanzielle Nöte Bellotto trotz eines Empfehlungsschreibens Maria Theresias an ihre Cousine in München.
Durch die Möglichkeiten der modernen Fotografie wurde die Vedutenmalerei obsolet – nett anzusehen und historisch interessant, aber für mich kein Vergleich mit der späteren Eigenständigkeit eines/r Monet, Nolde oder Kollwitz. Und auch nicht so ergiebig wie die KHM-Sonderausstellung davor über die Barockmalerin Michaelina Wautier.

Gaea Schoeters, “Trophäe”, Zsolnay 2024 *****

Eine packende 250-Seiten-Lesereise in eine gänzlich fremde Welt, dorthin, wo Großwildjäger in der Wildnis Afrikas (des mir unbekanntesten Kontinents) auf Trophäenjagd gehen. Der Name der Hauptperson spricht für sich: Hunter White ist ein windiger Finanzgeschäftemacher und findiger Jäger, der schon als Bub mit seinem Großvater auf die Pirsch ging und seiner Frau von seinen Streifzügen regelmäßig präparierte Tiere der Sorte Big Five mit nach Hause in die USA bringt. Er ist einer, der beim Anlegen Blut geleckt hat, denn so ist die Natur nun einmal: schön und brutal, eingeteilt in Jäger und Beute. Und Hunter wird durch das Töten erregt, jeder Schuss soll sitzen, so, dass die erlegten Löwe, Nilpferd, Giraffe, Büffel und Elefant nicht leiden müssen.
Was ihm noch fehlt, ist ein Nashorn. Und um es aufs Korn zu nehmen, zahlt er gerne die hohe Summe für die bei korrupten Behörden zu zahlende Bewilligung. Das Afrika, in dem sich Hunter mithilfe seines Guides und Fährtenlesern bewegt, wirkt bei der flämisch schreibenden Gaea Schoeters selbst wie “erlegt”: Postkolonialer Darwinismus mit dem Recht des Stärkeren (und Reicheren) herrscht vor, die Einheimischen und erst recht in Reservate ausgestoßene Indigene wie die Buschmänner haben außer für Fremde unverständlichen !Knacklauten nicht viel zu sagen.
Als ihm Wilderer das bereits verfolgte Spitznashorn wegschnappen, wird aus der Tier- eine Menschenjagd, die sogar für den hartgesottenen Hunter White auch ethische Fragen aufwirft. Er setzt sich einer Umgebung aus, die dem Weißen mit Hitze, Wassermangel, Bedrohung durch Löwen, Hyänen und Skorpione Machtgrenzen setzt und letztlich zu fatalen Folgen führt.
Das bleibt beim Lesen fremd und ist doch ungemein spannend erzählt, man ist “fasziniert und angeekelt” zugleich, wie es in einer Rezension hieß. Nach diesem Buch jemals auf Safari gehen? – no way!

Siri Hustvedt, “Der Sommer ohne Männer”, Rowohlt 2011 ***

Mehr Frauenbuch geht fast nicht: Wie auch sonst bei einem Roman namens “Der Sommer ohne Männer” mit der feministisch ausgerichteten Literatin Mia als Hauptfigur, die eine Krise samt Zusammenbruch erlebt, als ihr Gatte Boris nach langjähriger Ehe eine “Pause” in Form seiner deutlich jüngeren Assistentin einlegt. Mia flieht in die Lebenswelt ihrer rüstigen 90-jährigen Mutter und deren ähnlich alte, gebrechlichere Freundinnen (“Schwäne”). Sie freundet sich mit einer jungen Nachbarin mit Kleinkindern an, deren Mann zu verbaler Gewalt neigt, berät sich mit der Tochter über den Umgang mit dem fremdgehenden Boris – und hält einen literarischen Sommerkurs mit sieben teilnehmenden Teenagern. Unter diesen Girlies kommt es zu einem Fall von Mobbing, den Mia behutsam anspricht und aufarbeitet.
Gegen Ende sieht Boris seinen Fehltritt ein, bereut und folgt Mias Aufforderung, sie zu umwerben.
Das ist überschaubar wenig Handlung, aber es gibt viel Reflexion der US-Autorin mit norwegischen Wurzeln über weibliche Beziehungskonstellationen, über das Altwerden, Nachdenken der Autorin Mia (=Hustvedt?) über das Schreiben und Sarkasmus über das angeblich kleinere, weniger leistungsfähige Gehirn von Frauen. (Da kennt sich Hustvedt als Neurologie-Autodidaktin bestens aus.) Das alles plätschert ein wenig dahin, die wohltuende Selbstironie änderte nichts daran, dass ich nicht so richtig Feuer fing und beim abendlichen Lesen bald müde wurde. Daran ändern auch wertvolle Gedanken wie jener, dass Tote beim Begräbnis oft von Lügen umwickelt werden, nicht.
Zuletzt schrieb Siri Hustvedt “ein hinreißend gefühlvolles und kluges Buch” über ihren an Lungenkrebs verstorbenen Mann Paul Auster”, wie meine Freundin und Buchautorin Johanna Grillmayer soeben in ihrer “Presse”-Rezension schrieb. Das würde mich wohl mehr fesseln. War aber nicht in Griffweite.