Daniel Kehlmann, „Lichtspiel“, Rowohlt 2023 *****

Daniel Kehlmann, „Lichtspiel“, Rowohlt 2023
Filmkunst unter der Knute des NS-Regimes – (wie) kann das gelingen, ohne sich verbiegen und in Dienst nehmen zu lassen? Eigentlich gar nicht, lautet die Antwort von Daniel Kehlmann in seinem bisher jüngsten Roman über den österreichischen Regisseur G. W. Pabst, der mit Fritz Lang, Friedrich Wilhelm Murnau und Ernst Lubitsch zu den Großen der Weimarer Republik zählte. In lose miteinander verbundenen „Filmszenen“ schildert Kehlmann anspielungsreich (ich musste öfter mal Wikipedia zu Greta Garbo, Louise Brooks, Leni Riefenstahl oder den Literaten im Pariser und US-Exil befragen) das künstlerische Schicksal eine offenbar begnadeten Filmschaffenden, der Stummfilmklassiker wie „Die freudlose Gasse“ (1925) oder „Die Büchse der Pandora“ (1929) schuf.
Als „roter Pabst“ vor dem aufkommenden Nationalsozialismus geflohen, muss er feststellen, dass in Hollywood sein früherer Ruhm nicht mehr zählt. Seiner alten Mutter zuliebe kehrt er mit Frau und Sohn zurück in die zur Ostmark gewordenen Heimat, dann werden die Grenzen wegen des ausgebrochenen Weltkriegs geschlossen – und Pabst, seine Frau Gertrude und der bald NS-infizierte Sohn Jakob müssen mit den neuen Gegebenheiten zurechtkommen. Und der Heimkehrer wird instrumentalisiert von Goebbels und seiner Propagandamaschinerie. Unter diesen Umständen Bleibendes zu schaffen, scheitert – exemplarisch dargestellt am verschollenen letzten NS-Filmprojekt und vermeintlichen Meisterwerk Pabsts, „Der Fall Molander“, der auf dem Roman eines Naziautors basiert. Es zeigt sich, dass die Ideologie auch die Beziehungen vergiftet – jene zwischen Regisseur, Ehefrau und Sohn – und (wie gerade aktuell spürbar) das Dunkelste der menschlichen Seele zutage fördert.
Kehlmann zeigt das überzeugend durch wechselnde Perspektiven, geschliffene Dialoge, entlarvende Gesten. Und manchmal, als sich z.B. der schon demente ehemalige Regieassistent Pabsts zu Gast in der mir aus Kindertagen bekannten „Guten Abend am Samstag“-Show von Heinz Conrads in Erinnerungen verliert, wird’s auch humorvoll.
Ich las von Kehlmann bisher nur seinen Weltbestseller „Die Vermessung der Welt“. „Lichtspiel“ macht Lust auf weiteres…

Sylvain Vallée/Jacky Schwartzmann: „Habemus Bastard“ (Splitter 2025) ****

Eine Graphic Novel mit einem für mich langen Cliffhanger. Denn Band 1 („Das notwendige Übel“) bekam und las ich bereits zu meinem Geburtstag Ende September, nun Band 2 („Ein Herz unter einer Soutane“) zu Weihnachten.

Es geht um den Auftragsmörder Lucien, der nach einem Fehler um sein Leben fürchten muss und eine Soutane als Versteck wählt. Als Priester verkleidet taucht er in einem verschlafenen Nest im Jura unter – und feiert dort Liturgie und leistet Seelsorge, die seine Unbedarftheit in dieser Rolle deutlich machen, ihn aber nicht enttarnen. Vorerst. Denn sein Auftraggeber und eine mit diesem rivalisierende Bande sind Lucien auf der Spur.

Der Verlag wirbt für seinen „wendungsreichen, unbändig witzigen und herrlich respektlosen Zweiteiler, der von Sylvain Vallée, einem der beliebtesten Comic-Zeichner Frankreichs […] unnachahmlich charmant illustriert wird“. Und es stimmt. Der Plot liest sich gut, und die oft wie Filmszenen arrangierten Zeichnungen unterhalten bestens. Dass Gewalt und Sex prominent vorkommen, ist der Story geschuldet, die für einen Theologen wie mich eine reizvolle Hintergrundfolie bildet. Jedenfalls eine nette Ergänzung zu meiner inzwischen beachtlichen Graphic-Novel-Sammlung.

Hier die wie Filmszenen aneinander gereihten Ereignisse, die Luciens Flucht in einer priesterliche Tarnung auslösen.

Johanna Grillmayer, „Ein guter Mann“ (Müry Salzmann 2025) ****

Bei einem Buch, in dem mein Name steht (ganz am Ende, unter den Danksagungen an Unterstützende) kann ich nicht objektiv bleiben. Aber egal. Es ist der dritte Band der Trilogie („That’s life in Distopia„, „Ein sicherer Ort„) meiner Freundin und Journalistenkollegin Johanna rund um eine nicht näher beschriebene Katastrophe, die die Menschheit bis auf einen überschaubaren Rest Überlebender auslöschte. Und ich gestehe, Fortsetzungen oder gar Cliffhanger, bei denen ich ein, zwei Jahre aufs Weitererzählen warten muss, mag ich an sich nicht sonderlich. Erinnert mich zu sehr an „Der Herr der Ringe“ oder jetzt wieder die „Avatar“-Reihe.

Ich brauchte jedenfalls einige Dutzend Seiten, bis ich wieder hineinfand – in das Dorf im Burgenland, in dem sich Jola(nthe?), ihre (mindestens) zwei Männer Jakob und Marek, die Dorfchefin Em(ma) und all die anderen eine neue Heimat geschaffen haben. Es ist inzwischen 20 Jahre NdE (nach dem Ereignis), die uns gewohnten Errungenschaften der Zivilisation geben allmählich ihren Geist auf: Geräte, Kleidung, Papier, Straßen. Nicht nur die Beschaffung von Ersatz bzw. Alternativen ist kompliziert, auch das Beziehungsgefüge in dem kleinen Gemeinwesen, in dem herkömmliche Kleinfamilienmodelle nicht mehr taugen und auch noch Bedrohungen von außen (durch „Lederjackenbanden“) zu bewältigen sind.

Johanna mutmaßte, dass ich deswegen schwer ins Buch fand, weil mir eine anfangs geschilderte Abtreibung gegen den Strich gehen könnte. Nein. Erstens verliert für mich ein Text nicht dadurch an Attraktivität, weil darin geschilderte Geschehnisse meinen Ethikvorstellungen widersprechen, zweitens halte ich Abtreibung für eine legitime Option von Frauen in einer Zwangssituation – wobei der Staat ernsthaft für stützende Rahmenbedingungen zu sorgen hätte.

Die zweite Generation, die VdE nur vom Hörensagen kennt, bekommt in Johannas drittem Band viel mehr Bedeutung; Jolas Kinder Judith und Noah, mit Abstrichen Aron, gewinnen dabei Kontur, die anderen Figuren bleiben blass. Und mehr Augenmerk hätte ich mir auch für die thrillerhafte Abwehr der Bandengewalt gewünscht, die spannungsmindernd allzu knapp – geradezu „explosionsartig“ – geschildert wird.

Im weiteren Verlauf nimmt die Handlung so richtig Fahrt auf. Nicht zuletzt den neuen Möglichkeiten zu verdanken, die die Wiederinstandsetzung alter Bahnlinien mit sich bringt.

Fazit: Wer nicht schon die einzelnen Bände der Trilogie las, möge sie hintereinander gleich auf einmal lesen.

Margaret Atwood: Der Report der Magd (Piper 2024/5. Aufl.) ******

Die jüngst 87 gewordene Kanadierin Margaret Atwood begann mit den Arbeiten zu „The Handmaid’s Tale“, wie ihr Buch im Original heißt, schon in den 1960ern. Damals erschien die Vorstellung, dass sich in Amerika jemals eine antidemokratische, theokratische Gewaltherrschaft etablieren könnte, aber zu abwegig. Erst 1985 erschien der nunmehrige Klassiker der dystopischen Literatur, der an Orwell und Huxley denken lässt. Und heute erscheint ein Szenario, bei dem eine christlich-fundamentalistische Gruppierung wie Atwoods „Söhne Jakobs“ durch einen Staatsstreich an die Macht kommen und die Verfassung außer Kraft setzen, nicht mehr so völlig abwegig.

Die titelgebende „Magd“ oder „Handmaid“ Desfred (im Englischen: Offred wie „offered“) ist eine der wenigen fruchtbaren Frauen in den durch Umweltkatastrophen, Pestizide und Verhütung schrumpfenden USA. In der neuen Republik Gilead wird ihr eine entsprechende Aufgabe zugewiesen, ja unter strengster Strafandrohung aufoktroyiert: Die völlig entrechtete, als Magd erkennbar gekleidete Frau soll im Haus eines Kommandanten für Nachwuchs sorgen und ist dabei dem Hausherren und seiner alt und unfruchtbar gewordenen Gattin Serena Joy in entwürdigenden monatlichen Zeremonien rund um den Eisprung „zu Diensten sein“.

Desfred selbst ist Mutter eines von ihr erzwungen getrennten Mädchens, ihren früheren Mann Luke hat sie nach einem missglückten Fluchtversuch aus der Republik Gilead aus den Augen verloren. Ihre rebellische beste Freundin endet in einem Bordell, das den Privilegierten des Regimes als Ventil dient. Aber auch in den Klassen der Rechtlosen zeigen sich Risse, die die tief in den Alltag eingreifenden Regularien unterminieren. Dabei ist die Gefahr, entdeckt und bestraft zu werden, allgegenwärtig. Atwoods Darstellung, wie individuelle Freiheiten und menschliche Würde unter dem Deckmantel göttlicher Ordnung vernichtet werden, ist beklemmend; die Opfer ereilt Folter, Wahnsinn, Suizid und auch die Günstlinge erscheinen alles andere als glücklich.

Das Ende des als eine Art Tagebuchaufzeichnung konzipierten Romans ist überraschend und soll hier nicht gespoilert werden. Denn es lohnt sich, dieses packende Buch zu lesen – und sei es nur als Warnung, wohin die Aushöhlung demokratischer Freiheiten führen kann.

Christa Englinger/Christian Hlavac: 99 Fragen zu österreichischen Sehenswürdigkeiten. Ueberreuter 2015 ****

Dieses Buch war der Siegespreis für eine Art Rätselrallye durch die Wiener Innenstadt, gespendet von Guide Wolfgang Reisinger bei einer anlässlich meines Geburtstags bei ihm gebuchte Führung. „In Wien ein Besserwisser … aber auch in ganz Österreich?“ schrieb er hinein.

Die 99 Fragen – oder besser: Kapitel – zu Themen wie Geografie, Kultur, Geschichte, Verkehr und Technik, Gastlichkeit sowie „Potpourrie“ sind angetan, Allgemeinwissen über Österreich zu steigern, und auch unterhaltsam. Wobei: Manche Fragen hätte ich so nicht gestellt (Wann entstand die Eisriesenwelt in Werfen? Was warf der heilige Domitian der Legende nach in Kärntens tiefsten See?), andere waren für mich als Steirer/Theologe/Germanist leicht zu beantworten (Ist die Grazer Murinsel tatsächlich eine Insel?Wodurch zeichnet sich die Wotrubakirche in Wien aus?).

Kein Buch, das man von A bis Z durchliest. Aber eines, das am stillen Örtchen stehen könnte und dort immer wieder zur Hand genommen wird.

Nino Haratischwili: Das mangelnde Licht, FVA 2022 ******

Seit einer Georgienreise im Jahr 2019 bin ich Fan von Nino Haratischwili. Ihr Roman „Das achte Leben“ gehört zum besten, was ich in den 2000er-Jahren las. Umso gespannter war ich auf „Das mangelnde Licht“, das ebenfalls georgische Zeitgeschichte mit individuellen Schicksalen verquickt. Und ich finde auch dieses 830-Seiten-Buch absolut empfehlenswert.

Worum geht es? Drei von der eskalierenden Gewalt im Georgien der 1990er-Jahre betroffene, GEtroffene Frauen treffen sich 20 Jahre später anlässlich einer Fotoausstellung in Brüssel wieder. Sie sehen Werke über die Zeit, als der Kaukasus-Staat nach dem Zerfall der Sowjetunion eigenständig wurde und dennoch dem Zugriff der früheren Machthaber in Moskau ausgesetzt blieb. Die Bilder – darunter das titelgebende – schuf die in den Wirren des Krieges verstorbene Journalistin und Fotokünstlerin Dina, die das lebensenergievolle Epizentrum des einstigen Freundinnenquartetts bildete. Sie selbst und ihre drei Gefährtinnen sind darauf oft zu sehen. Begonnen hatte der Bund zwischen den vier sehr unterschiedlichen Charakteren in der frühen Jugendzeit von Dina, der späteren Restauratorin Keto, der lesbischen Juristin Ira und der einer Gaunerfamilie entstammenden Femme fatale Nene.

Die Wirren der Zeit mit ihren politischen Verwerfungen und mafiösen Machtspielchen, den Familienbanden, den Liebschaften unter dem Eindruck des Machismo in Georgien, aber auch die enge Verschwesterung der vier Mädchen, dann Frauen, haben Spuren hinterlassen – und sogar sichtbare Narben. Bei der (wie Haratischwili) in Deutschland lebenden Haupterzählerin Keto lösen die Fotografien aus Tiflis und dem umkämpften Abchasien teils qualvolle Erinnerungen aus, ebenso bei Ira und Nene, und bei allen scheint der Tod der schmerzlich fehlenden, inzwischen zu internationalem Ruhm gekommenen Dina eine unüberwindbare Lücke zu hinterlassen.

Haratischwili schildert die vier Protagonistinnen in schillernden Farben und mit ständigen, chronologisch geordneten Rückblenden. Ihr teils gegensätzliches Handeln folgt einer nachvollziehbaren Logik. Die Männerfiguren bleiben daneben etwas blass. Dennoch ist „Das mangelnde Licht“ kein „Frauenroman“, sondern ein eindrückliches, fesselndes Zeitkolorit – auch wenn „Das achte Leben“ mein Favorit der 42-jährigen georgisch-deutschen Theaterregisseurin, Dramatikerin und Romanautorin bleibt.

Juli Zeh, Über Menschen, btb 2022 *****

Eine Berliner Werbetexterin aus dem grün-linksliberalen Milieu beschließt während der Corona-Pandemie mit all ihren behördlichen Einschränkungen und ideologischen Aufladungen, ihren Freund Robert (ausgerechnet!) und dessen Ich-weiß-genau-was-richtig-ist-Attitüde zu verlassen und aufs Land zu ziehen. Bracken heißt der fiktive Ort in Brandenburg, und das klingt laut Dora, der Hauptfigur, wie eine Mischung aus Brache und Baracken. Neben ihrem billig erworbenen, spartanisch ausgestatteten Haus wohnt ein Nachbar, der wie aus einer anderen Welt stammt. „Gote. Ich bin hier der Dorfnazi“, stellt sich der Kahlrasierte über die Mauer zwischen den Grundstücken vor. Fast gegen ihren Willen entsteht kontinuierlicher Kontakt zwischen Dora und dem einsilbigen, wegen rechtsradikaler Gewalt verurteilten Mann, der mit Freunden im Garten das Horst-Wessel-Lied singt und seine kleine Tochter Franzi während der Ferien bei sich beherbergt.

Wahrscheinlich ist diese sich festigende Beziehung der drei (plus Hund bzw. „Töle“, wie Gote sagt) nicht. Aber die gelernte Verfassungsjuristin Juli Zeh versteht es, das Verlassen der üblichen „Blasen“ plausibel zu machen. Sie findet einen Tonfall, der Humor, Aktualität und Tiefsinn verbindet und in das Geschehen reinzieht. Der Verständnis schürt und den Dorfnazi gegen Ende hin fast sympathisch erscheinen lässt.

Wer’s mag, wenn es ordentlich menschelt und die „Einfühlung“ der Vernunft vorzieht, der wird sich von diesem Roman bestens unterhalten fühlen, schrieb ein Kritiker in der „Zeit“ süffisant. Ich gestehe: Ich mochte das „Rührstück“, wie es in Rezensionen mehrfach hieß. Und die selbst aufs Land gezogene Zeh beeindruckte mich für ihre treffsicheren Dialoge zwischen Dora und Gote, zwischen Dora und ihrem Vater, einem abgeklärten Mediziner, der in der Geschichte noch eine wichtige Rolle bekommt. Und es gibt Sätze, über die man nachdenken mag, z.B.: „Die Tragik unserer Epoche … besteht darin, dass die Menschen ihre persönliche Unzufriedenheit mit einem politischen Problem verwechseln.“

Patricia Highsmith, Carol, Diogenes 1990 ****

Die Titelzeile könnte auch lauten: Claire Morgan, The Price of Salt, 1952, denn Highsmith veröffentlichte den Roman lange vor der deutschen Übersetzung unter einem Pseudonym. Was mit dem Inhalt zu tun hat. Es geht nämlich um eine lesbische Liebesbeziehung, die – anders als in den prüden 1950ern üblich – nicht mit Selbstmord oder „Bekehrung“ der „Perversen“ endete. Die US-amerikanische Autorin war selbst homosexuell liebend, was ich, obwohl von ihren Ripley-Krimis sehr angetan, nicht wusste.
Die Titelfigur ist Carol Aird – eine unglücklich verheiratete, wohlhabende 32-jährige Frau und Mutter. Eigentliche Heldin des Romans und Alter Ego der Autorin ist aber die erst 19-jährige Therese Belivet, die ohne verliebt zu sein verlobt ist, Bühnenbildnerin werden möchte und als Teilzeitverkäuferin arbeitet. Therese ist vom ersten Augenblick an von Carol fasziniert, auch diese sucht rasch den Kontakt zu der viel jüngeren und lädt sie zu einer mehrwöchigen Fahrt durch die USA ein, die das Leben beider grundlegend ändern wird.
Das Buch wurde millionenfach verkauft und „Claire Morgan“ erhielt sehr viele zustimmende Leserbriefe von Betroffenen. „Nie wieder schrieb Patricia Highsmith, die den Roman unter dem Eindruck einer persönlichen Begegnung begann, so sinnlich, so poetisch, so erotisch“, teilt der Diogenes-Verlag zu „Carol“ mit. Nun ja, die Erotik ist nie explizit, stets nur angedeutet, und die fünf Ripley-Romane haben mindestens ebenso viel literarische Qualität. Aber ich fand das Buch als Abendlektüre auf meiner Radtour durch Skandinavien sehr anregend (und hatte dabei immer die Gesichter von Cate Blanchet (Carol) und Rooney Mara (Theresia) aus der gelungenen Romanverfilmung von 2015 vor Augen – und ich nehme mit Genugtuung zur Kenntnis, dass sich die Einstellung gegenüber gleichgeschlechtlich Liebenden seit der Entstehung von „Carol“ doch deutlich zum Besseren gewandelt hat.

Joachim Meyerhoff: Man kann auch in die Höhe fallen. Kiwi 2024 ****

Eins muss man dem Mann lassen: Joachim Meyerhoff kann richtig gut erzählen. Auch wenig spektakuläre Nebenbeigeschichten, die sich in diesem Buch meist um seine 86-jährige Mutter ranken, lesen sich leicht, machen schmunzeln, wecken Bewunderung für die so agile, reflektierte Greisin. Wobei – darf man „Greisin“ sagen zu einer Frau, die mit dem Auto durch die Landstraßen Schleswig-Holsteins düst? Die zu kaum erreichbaren Apfelbäumen in ihrem Ein-und-alles-Garten hochklettert? Die bei kühlen Temperaturen in der Ostsee weit hinausschwimmt? Die kurzerhand eine Lesung für den indisponierten, berühmten Schauspieler-und-Autor-Sohn übernimmt und dafür tosenden Applaus erntet?
Joachim, mittlerweile Mitte 50, flüchtet aus einer Lebenskrise im ungeliebten Berlin zu seiner liebenswerten Mutter aufs Land und verbringt dort 10 erholsame Wochen, ist viel an der frischen Luft und schreibt am bereits 6. Band seiner Autobiografie-Reihe „Alle Toten fliegen hoch“. Mehr als er selbst steht dabei seine manchmal schrullige, oft altersweise Gastgeberin im Mittelpunkt, ergänzt durch Geschichten aus der Theaterwelt wie jene, als Meyerhoff als Panther Baghira in einer Dschungelbuch-Kindertheateraufführung in Ulm auftrat oder als einer seiner wenigen TV-Auftritte zum Desaster wurde. Das ist zwar nicht immer so berührend wie der Band über seine Kindheit in einer Psychiatrischen Anstalt in Norddeutschland, nicht so unterhaltsam wie seine Ausbildungszeit als „Lieberling“ im Münchner Haus der Großeltern und nicht so augenzwinkernd wie das Buch über seine Parallelliebschaften … aber lesenswert allemal.

Dirk Stermann, „Mir geht’s gut, wenn nicht heute, dann morgen“, Rowohlt 2023 *****

Die 1927 geborene Psychoanalytikerin und Holocaust-Überlebende Erika Freeman war 2019 zu Gast in der ORF-Satireshow „Willkommen Österreich“, und das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft mit Moderator Dirk Stermann. Der Kabarettist und mehrfache Buchautor, den ich während einer beiderseitigen Karenzvaterschaft mal persönlich kennenlernte, führte mit der als Erika Polesiuk in Wien geborenen und als Jüdin von dort 1939 vertriebenen, während der Pandemie im Hotel Imperial residierenden Analytikerin von Größen wie Mia Farrow und Marlon Brando zahllose Gespräche.
Ob dabei Audiodateien entstanden, weiß ich nicht. Vieles ist unter Anführungszeichen und vermittelt nicht nur deshalb den Eindruck von Authentizität: Die Greisin Erika ist alles andere als senil und erzählt auf höchst anregende Weise weise über ihre Lebensgeschichte. Darüber, wie es Juden in Wien erging (als sie in den 60er Jahren das erste Mal wieder nach Österreich kam, wurde sie im Hotel mit den Worten „Wir nehmen keine Juden“ empfangen), ihre Emigration als Zwölfjährige in die USA, ihre Rolle bei der Entstehung des Staates Israel mit Bekanntschaften von Golda Meir oder Moshe Dayan, ihre Medienauftritte und Wertschätzung unter zahlreichen Berühmtheiten bis hin zur Verleihung der österreichische Staats- und der Wiener Ehrenbürgerschaft.
Ich war immer wieder berührt von der hassfreien Lebenskunst dieser großen kleinen Frau, von ihrem Humor und ihrer titelgebenden Gelassenheit: Ihr gehe es gut, sagt die inzwischen 98-Jährige, wenn nicht heute, dann morgen.