David Sala, “Schachnovelle. Nach Stefan Zweig” (bahoe books 2023) ****

Ich schätze Graphic Novels seit langem und tausche immer wieder mit meinem ebenfalls Comic-begeisterten Bruder Geschenke dazu aus. Und sogar als Kathpress-Redakteur schrieb ich einmal einen langen Hintergrundartikel über die religiösen Aspekte in qualitätsvollen Graphic Novels. Somit war ich überaus erfreut, dass meine Claudia nach einem ihrer vielen willhaben-Geschäfte mit einer Bildergeschichte über Zweigs berühmte Schachnovelle nach Hause kam. Ich las sie noch vor ihr – und bin angetan.
David Sala, Illustrator und Comiczeichner aus Lyon, gestaltete die Geschichte von einem ehemaligen Gestapo-Häftling, der die monatelange Einzelhaft mithilfe eines Schachlehrbuches übersteht und seine dadurch erworbene Meisterschaft auf einem Überseeschiff in zwei Partien gegen den regierenden Schachweltmeister unter Beweis stellt. Sala tut dies in düsteren, aquarellierten, manchmal rotstichig wirkenden Zeichnungen. Die Konturen der Figuren heben sich dabei wenig vom Hintergrund ab, manche Bilder erinnern an Jugendstilmalerei. Interessant.
Die Sprache (Zweigs?) wirkt manchmal etwas gespreizt, und die Bildtexte sind im Vergleich mit den Dialogpassagen innerhalb der Zeichnungen allzu kleingedruckt, was das Lesen für mich Altersweitsichtigen mühsam machte. Insgesamt ein gelungerer Versuch der in Wien ansässigen bahoe books (von denen ich noch nie gehört hatte). Inhaltlicher Schwerpunkt des Verlags liegt auf der revolutionären Geschichte der europäischen Arbeiterbewegung, ihrer Kritik der politischen Ökonomie, sowie der Herausgabe von Biografien, Prosa und Graphic Novels (darunter auch welche über Popstars wie McCartney, die Stones oder Amy Winehouse.

Wolfgang Herrndorf, “Tschick” (Rowohlt TB 2018) ******

„In 50 Jahren wird dies noch ein Roman sein, den wir lesen wollen. Aber besser, man fängt gleich damit an.“ Eine bessere Kritik als jene in der FAZ nach dem Erscheinen von Wolfgang Herrndorfs “Jugendroman” 2010 kann man sich kaum vorstellen. Vier Jahre später war die dramatisierte Version des literarischen “Roadmovies” zweier 14-Jähriger das meistgespielte Stück auf Deutschlands Bühnen.
Ich hatte das Buch also schon länger im Visier, las heute die 2018 in 70. Auflage erschienene Taschenbuchausgabe fertig. Und ich bin beeindruckt. Und etwas gerührt von dem Ausreißen zweier Außenseiter im Sommer nach der 8. Klasse eines Berliner Gymnasiums. Der Erzähler ist Maik, der aus einem begüterten, wenn auch bröckelndem Elternhaus stammt und sich für einen Langweiler hält, weshalb es nur folgerichtig ist, dass sich die Klassenschönheit Tatjana nicht für ihn zu interessieren scheint. Anfangs gar nicht sympathisch ist Maik der erst später zur Klasse gestoßene Andrej Tschichatschow, genannt Tschick, der aus einer aus Russland zugesiedelten Asi-Familie und damit ärmlichen Verhältnissen stammt. Er lädt den von seinen Eltern alleingelassenen Maik zu einer Spritztour mit einem gestohlenen Lada ein. Es soll nach Süden gehen, in die Walachei zu Tschicks Großvater, auch wenn die beiden keine Ahnung haben, wie sie dort hinkommen.
Dass dieses Unterfangen schiefgeht, wird schon beim Einstieg klar – als Maik in einem Polizeiverhör über die schrägen Erlebnisse der beiden erzählt. Und schon allein wie Herrndorf den Tonfall der Teenager wiedergibt, wie stimmig und authentisch die Sprache der Protagonisten ist, lohnt die Lektüre. Gut, die letztlich in der Provinz Ostdeutschlands verbliebene Route führt im Verlauf der Reise zu Abenteuern, die reichlich skurril wirken. Aber der vielseitige Autor – Herrndorf war auch Maler und Illustrator u.a. für Titanic – fängt am Ende die ausufernde Story wieder gut ein und bringt sie zu einem stimmigen Ende, das schmunzeln macht.
Ob ich meinem bald 14-jährigen Enkelsohn das Buch zur Lektüre empfehlen würde? Unbedingt. Aber vielleicht besser erst in zwei Jahren. Jetzt ist er noch zu unbedarft.

Liz Moore, “Der andere Arthur”, C.H. Beck Verlag 2026 *****

Was für ein Kontrast zum davor gelesenen Nabokov-Roman “Lolita”, an dem ich fast einen Monat lang las. Manche Sätze dreimal, manches musste ich nachschlagen, anderes fand ich ermüdend. Nichts davon bei Liz Browns Pageturner “Der andere Arthur”: kurze Sätze, keine kulturhistorischen Querverweise, keine gewagten Sprachbilder und Vergleiche. Dafür zwei höchst unterschiedliche Arthurs als Protagonisten, verbunden durch Charlotte – des einen Jugendfreundin, des anderen (Alkohol)kranke Mutter. Der 59-jährige, fettleibige Literaturdozent Arthur Opp hat sein Haus seit zehn Jahren nicht verlassen, ist voll Erdnussbutter, aber auch voll Scham – und Mitleid erweckend einsam, seit langem mit der Welt nur durch TV, Online-Bestellungen und seine Brieffreundschaft mit Charlotte Keller verbunden.
Die hat einen 17-jährigen Sohn, der eigentlich auch Arthur heißt, den aber alle nach seinem Vater “Kel” nennen. Und der muss früh Verantwortung übernehmen, denn seine Mutter ist arbeitslos, krank, verzweifelt und betäubt sich gerne mit Cuba libres u.a. Alkoholika. Ihr Sohn soll es einmal besser haben, so Charlottes Wunsch. Kels eigene Sehnsüchte – in der Elite-Highschool dazugehören, anerkannt werden, am besten als Baseballstar – haben demgegenüber Nachrang.
Die Bostoner Schriftstellerin Liz Moore lässt sich viel Zeit dabei, die Verbindung zwischen dem dicken und dem jungen Arthur herzustellen, gibt beiden abwechselnd Gelegenheit, ihre Lebenswelten und ihre Probleme damit darzulegen – auch wenn diese da meist gar nicht so genau hinschauen wollen und erst Anstöße durch zwei Engel in Gestalt junger Frauen brauchen. Und Moore tut das so einfühlsam und psychologisch überzeugend, dass ich ihr Buch gar nicht mehr aus der Hand legen wollte und die 370 Seiten in vier Tagen inhalierte. Moores “Der Gott des Waldes” soll ebenso gut sein, wenn nicht besser, heißt es. Na dann.

Vladimir Nabokov, “Lolita”, Donauland Jahrhundertedition, 1989 *****

Eines der Vorhaben in meiner 2025 begonnenen Rente: Klassiker der Weltliteratur lesen. Und Nabokovs “Lolita” stand seit langem in meinem Bücherregal, bis mich eine Best-of-Liste im Internet motivierte, das Buch endlich zur Hand zu nehmen. Eigentlich schreckt mich das Thema ja ab: Ein mittelalterlicher Mann steht auf “Nymphchen”, also Mädchen rund um die Geschlechtsreife – für den aus Europa stammenden, umfassend gebildeten Literaturdozenten Humbert Humbert idealtypisch personifiziert in der anfangs 12-jährigen Dolores Haze, die er im Haus seiner Vermieterin Charlotte Haze erblickt und von ihr sofort fasziniert ist. Eine Konstellation, die mir als einem, der stets Liebe auf Augenhöhe suchte, sehr fremd ist.
Dieser Humbert mietet sich also bei der Mutter seiner obsessiv Angebeteten ein, wird Charlottes Ehemann und nach deren Unfalltod – ein Glücksfall für Humbert – zum Witwer und Vormund Lolitas, wie er Dolores bevorzugt nennt. Die beiden beginnen eine zweijährige, später durch einige Monate an einer Mädchenschule unterbrochene Autoreise quer durch die USA. Es kommt zu regelmäßigem Sex zwischen dem obsessiv liebenden 40-Jährigen und seinem missbrauchten, wenn auch frühreifen Gör, das sich seine “Dienstleistungen” mit Geschenken abgelten lässt und Humbert immer deutlicher Abneigung spüren lässt.
Lolita hintergeht ihren “Pappi” und nutzt schließlich dessen Krankheit zur Flucht – um sich in eine neue Abhängigkeit von Q, einem anderen Fiesling, zu begeben. Humberts Suche nach den beiden führt zu nichts, nach drei Jahren erreicht ihn ein Brief der inzwischen (mit einem anderen) verheirateten und schwangeren Lolita mit der Bitte um Geld. Humbert bringt ihr einen größeren Betrag bei einem Besuch in ihrem heruntergekommenen Zuhause und erkennt, was der damalige Fluchthelfer als seiner immer noch großen Liebe gemacht hat. Trotz ihrer widrigen Lebensumstände schlägt Lolita Humberts Angebot einer gemeinsamen Zukunft aus.
Dieser nimmt – auf Rache sinnend – die Spur von Q auf, der Lolita fallen ließ, als sie pornografische Filmaufnahmen verweigerte, und erschießt ihn nach einer skurrilen Auseinandersetzung. Seine Aufzeichnungen schreibt Humbert als Häftling in Erwartung seines Mordprozesses, er erliegt davor jedoch einer Herzkrankheit. Und auch für Lolita endet es nicht gut, wie aus dem Vorwort (besser nachher lesen) eines fiktionalen Herausgebers hervorgeht.
Nabokovs Anfang der 1950er Jahre auf Englisch geschriebener Roman wurde zunächst von mehreren Verlagen abgelehnt, was dieser 1956 in seinem Nachwort lakonisch kommentiert: Inzestuöse Beziehungen seien in den USA ähnlich tabuisiert wie Beschreibungen glücklicher Beziehungen zwischen Schwarz und Weiß und des geglückten Lebens eines Atheisten. Und Nabokov führt darin auch pointiert und überzeugend aus, warum “Lolita” eben KEIN pornografisches Buch sei (Tatsächlich gibt es im Text wenig Explizites, dafür viel sprachlich virtuos Angedeutetes). Und an gleicher Stelle schreibt Nabokov: “Es gibt sanfte Seelen, die Lolita als bedeutungslos bezeichnen würden, weil es ihnen keine Lehre erteilt. Ich lese und schreibe keine didaktische Prosa…”, ihm gehe es vorrangig um das, “was ich rundheraus ästhetisches Vergnügen nennen möchte”. Und dieses Vergnügen wurde auch mir als Leser zuteil, allen inhaltlichen Vorbehalten zum Trotz.

Karl-Markus Gauß, “Die Liebe kommt immer zu spät: Drei Reisen”, Zsolnay 2026 *****

Wer auf Reisen geht wie zuletzt ich nordwärts, ist mit Gauß-Büchern immer gut bedient. Denn der 72-jährige Salzburger Essayist und Kritiker ist selbst ein Vielreisender, bevorzugt in jene Gegenden Europas, die der Blick westlich ausgerichteter Europäer:innen nur selten streift. In seinem neuen Band geht es um Erlebnisse auf dem Balkan – in Slowenien, Bosnien und ausgehend von meinem Geburtsort Bruck/Mur erneut nach SO-Europa bis hin nach Griechenland. In diesem vielfältigen, widersprüchlichen und konfliktträchtigen Kulturraum ist Gauß – Spross einer donauschwäbischen Familie – stets im Heute und Gestern unterwegs.
Im ersten Text spürt er dem Leben zweier bemerkenswerter slowenischer Frauen nach, “die beide einmal ebenso berühmt wie angefeindete Außenseiterinnen waren”, wie es in einer “Standard”-Rezension heißt. Ljuba Prenner, Anwältin und Schriftstellerin, setzte sich für politisch Verfolgte ein und kühn über Geschlechtergrenzen hinweg, indem sie in der Öffentlichkeit als Mann auftrat; die andere, die behindert geborene Alma M. Karlin, wurde in der Zwischenkriegszeit zur meistgelesenen deutschsprachigen Reiseschriftstellerin.
Besonders berührte mich der Text über Sarajevo, die im Vorjahr von mir bereiste Stadt, in der Gegensätze bis zum mörderischen Krieg in den 1990er-Jahren keine Rolle spielten. Das reizvolle Kulturgemisch – verkörpert durch den im Mai 2023 verstorbenen bosnischen Schriftsteller und Gauß-Freund Dževad Karahasan – ist teilweise bis heute spürbar, auch wenn das durch die Scharfschützen auf den Hügeln rund um die Stadt vergossene Blut unvergessen ist. Gauß besuchte auch das heute ethnisch geteilten Mostar. Das Wahrzeichen der Stadt, die wiederaufgebaute “Alte Brücke”, verbindet nicht mehr, sondern trennt muslimische Bosniaken und katholische Kroaten.

Jenny Erpenbeck, “Kairos”, Penguin 2021

Es war eine Premiere: Am berühmten Weimarer Nationaltheater sah ich im März eine dramatisierte Version von Erpenbecks mit dem britischen Booker Prize ausgezeichneten, von mir damals noch ungelesenen Roman “Kairos”. Ich schrieb darüber in einem früheren Blogeintrag. Dort ist auch der Inhalt des jetzt im Original gelesenen Werk skizziert, der sich von der Theaterversion allerdings in einigen Punkten unterscheidet. Die wechselseitige Faszination des hochgebildeten Autors und Redakteurs Hans und der blutjungen Ausbildungskandidatin für Gebrauchsgrafik Katharina schildert die 1967 in Ost-Berlin geborene Erpenbeck glaubhaft und oft berührend. Vor dem Hintergrund der letzten Jahre der DDR und deren Verschluckt-Werden als Teil der Bundesrepublik entwickelt sich jedoch eine toxische Beziehung mit Abhängigkeit von jeweils anderen, und bei Hans eine in ihrer Penetranz enervierende “Aufarbeitung” eines erotischen “Fehltritts” der 34 Jahre Jüngeren: Mehr als die Hälfte ihrer rund dreijährigen Liebschaft macht der alternde Schöngeist Katharina Vorwürfe wegen ihres unverzeihlichen Verrats an der gemeinsamen Liebe und auch an sich selbst, bespricht Tonbandkassetten, auf die Katharina mit selbstentblößender Ehrlichkeit zu antworten habe.
Warum diese der Eifersuchtsbeharrlichkeit von Hans nicht schon längst Grenzen setzt und damit dem Rat besorgter Eltern und Freund:innen folgt, bleibt unklar. Sie liebt ihn halt, könnte man sagen, aber wenn Liebe zu einem einengenden Korsett, ja Gefängnis wird, ist Ausbrechen ein Muss.
Ich hatte mal eine Beziehung zu einer in Ostberlin lebenden Künstlerin, deren kritisch-wehmütigen Rückblick auf die DDR ich nicht wirklich verstand. Erpenbecks “Kairos” macht im letzten Drittel des Romans plausibel, warum für DDR-Bürger:innen das Abstreifen der SED-Diktatur mit einer Quasi-Machtübernahme des kapitalistischen Westens verbunden war. Mit dem Mauerfall verbundene Hoffnungen auf ein neues, menschenfreundliches Kapitel des Sozialismus’ wurden nach 1991 rasch zerstört – vielleicht ein Mitgrund für die heutige AfD-Affinität Ostdeutschlands.

Keum Suk Gendry-Kim, “Mein Freund Kim Jong-un”, avant-Verlag 2025 ****

Ein Weihnachtsgeschenk für meinen Comic-affinen Bruder, das mich genug interessierte, diese Graphic-Novel-Reportage auch selbst anzuschaffen. Autorin ist eine hierzulande kaum bekannte, aber bereits mehrfach ausgezeichnete Südkoreanerin, die nahe der schaurigen Grenze zu Nordkorea lebt.
Als Angehörige einer Generation, die von Kindheit an eine gründliche antikommunistische Erziehung erhielt, habe sie wie viele andere die Hoffnung gehegt, das Gipfeltreffen 2018 zwischen der politischen Führung Nord- und Südkoreas könnte eine friedliche Wiedervereinigung des seit den 1950ern getrennten Landes einleiten. Keum Suks gezeichnetes Interview mit dem ehemaligen südkoreanischen Staatspräsidenten Moon Jae-in zeigt, dass es zu vereinfachend ist, den in der Schweiz zur Schule geschickten Kim Jong-un als Bösewicht abzustempeln, auch die US-amerikanische Außenpolitik unter Trump I hatte wesentlichen Anteil daran, dass aus einem dem Nuklearwaffenverzicht Pjöngjangs nichts wurde und die Stimmung zwischen Nord und Süd aktuell wieder höchst konfliktgeladen ist.
Keine Frage, der dritte Kim an der Spitze Nordkoreas ist ein Diktator mit Aggressionspotenzial, aber jedenfalls nicht so eine Witzfigur wie er schon 2012 in der US-amerikanische Satirezeitschrift The Onion als „Sexiest Man Alive“ dargestellt wurde.
“Anstatt Kim Jong-un oder die Realität Nordkoreas zu verspotten oder zu verurteilen, wollte ich anhand der Erfahrungen von Menschen aus dem Umfeld sowie der Geschichten von Menschen, die unter Krieg und Teilung leiden, die Bedeutung des Friedens in der Geschichte der Teilung vermitteln”, erklärte Keum Suk über ihr jüngstes Werk, das erstmals auch auf Deutsch erschien.
Ihr gelang ein spannender, wenn auch in manchen Kapiteln straffbarer Einblick in den für uns Österreicher:innen sehr fernen Osten. Eine Graphic Novel, das in einer Reihe mit Art Spiegelmans “Mouse” oder den Bänden von Joe Sacco über Palästina.

Paulo Coelho, „Auf dem Jakobsweg“, Diogenes 1993 *

Es kommt nur ganz selten vor, dass ich ein angefangenes Buch gelangweilt weglege. Erst recht nicht eines, dessen Thema perfekt zu meiner in drei Wochen beginnenden Pilgerreise von Porto nach Santiago de Compostela zu passen scheint. Und doch: Nach mehreren Abenden, an denen mir angesichts von Paulo Coelhos Selbstfindungdurchesoterik-Reiseerzählung die Augen zufielen, gab ich mir einen Ruck und dem Taschenbuch einen Kick aus meinem Bett. Zu ermüdend war der im Zentrum stehende innere Entwicklungsprozess des Autors, dessen Ausgangspunkt eine Lebenskrise ist: Coelho scheitert an einer Initiationsprüfung innerhalb eines katholischen Eliteordens und erhält den Auftrag, auf dem Jakobsweg symbolisch ein „Schwert“ zu finden – ein Zeichen spiritueller Reife und Erkenntnis. Belehrt wird er dabei von seinem geheimnisvollen Führer Petrus, der als geistlicher Lehrer verschiedene spirituelle Übungen und Rituale anleitet. Die zentrale Lektion: Das Außergewöhnliche liegt im Einfachen, Unscheinbaren, im bewussten Erleben des Alltags. Ja, eh.
All das könnte genauso gut beim Wandern von Unterstinkenbrunn nach Gigritzpotschn geschehen, der Camino ist auf den 60 Seiten, die ich durchgehalten habe, nur eine matte Hintergrundfolie.
Da lobe ich mir den Klassiker “Ich bin dann mal weg” von Hape Kerkeling, den ich mit Vergnügen und auch vielen Anregungen zum Nachdenken über eigene Prioritäten schon vor längerer Zeit las. Der deutsche Komiker wiederum bezog sich in seinem Reisebericht nicht auf Coelho, sondern auf Shirley MacLaine, die ebenfalls auf dem Weg von den Pyrenäen nach Santiago unterwegs war und ebenfalls spirituell enorm aufgerüstet ankam. Ähnliche Bestseller über die von mir ab 16. April 2026 bevorzugte Route entlang der portugiesischen Atlantikküste existieren nicht. Noch nicht 😉

Gaea Schoeters, “Trophäe”, Zsolnay 2024 *****

Eine packende 250-Seiten-Lesereise in eine gänzlich fremde Welt, dorthin, wo Großwildjäger in der Wildnis Afrikas (des mir unbekanntesten Kontinents) auf Trophäenjagd gehen. Der Name der Hauptperson spricht für sich: Hunter White ist ein windiger Finanzgeschäftemacher und findiger Jäger, der schon als Bub mit seinem Großvater auf die Pirsch ging und seiner Frau von seinen Streifzügen regelmäßig präparierte Tiere der Sorte Big Five mit nach Hause in die USA bringt. Er ist einer, der beim Anlegen Blut geleckt hat, denn so ist die Natur nun einmal: schön und brutal, eingeteilt in Jäger und Beute. Und Hunter wird durch das Töten erregt, jeder Schuss soll sitzen, so, dass die erlegten Löwe, Nilpferd, Giraffe, Büffel und Elefant nicht leiden müssen.
Was ihm noch fehlt, ist ein Nashorn. Und um es aufs Korn zu nehmen, zahlt er gerne die hohe Summe für die bei korrupten Behörden zu zahlende Bewilligung. Das Afrika, in dem sich Hunter mithilfe seines Guides und Fährtenlesern bewegt, wirkt bei der flämisch schreibenden Gaea Schoeters selbst wie “erlegt”: Postkolonialer Darwinismus mit dem Recht des Stärkeren (und Reicheren) herrscht vor, die Einheimischen und erst recht in Reservate ausgestoßene Indigene wie die Buschmänner haben außer für Fremde unverständlichen !Knacklauten nicht viel zu sagen.
Als ihm Wilderer das bereits verfolgte Spitznashorn wegschnappen, wird aus der Tier- eine Menschenjagd, die sogar für den hartgesottenen Hunter White auch ethische Fragen aufwirft. Er setzt sich einer Umgebung aus, die dem Weißen mit Hitze, Wassermangel, Bedrohung durch Löwen, Hyänen und Skorpione Machtgrenzen setzt und letztlich zu fatalen Folgen führt.
Das bleibt beim Lesen fremd und ist doch ungemein spannend erzählt, man ist “fasziniert und angeekelt” zugleich, wie es in einer Rezension hieß. Nach diesem Buch jemals auf Safari gehen? – no way!

Siri Hustvedt, “Der Sommer ohne Männer”, Rowohlt 2011 ***

Mehr Frauenbuch geht fast nicht: Wie auch sonst bei einem Roman namens “Der Sommer ohne Männer” mit der feministisch ausgerichteten Literatin Mia als Hauptfigur, die eine Krise samt Zusammenbruch erlebt, als ihr Gatte Boris nach langjähriger Ehe eine “Pause” in Form seiner deutlich jüngeren Assistentin einlegt. Mia flieht in die Lebenswelt ihrer rüstigen 90-jährigen Mutter und deren ähnlich alte, gebrechlichere Freundinnen (“Schwäne”). Sie freundet sich mit einer jungen Nachbarin mit Kleinkindern an, deren Mann zu verbaler Gewalt neigt, berät sich mit der Tochter über den Umgang mit dem fremdgehenden Boris – und hält einen literarischen Sommerkurs mit sieben teilnehmenden Teenagern. Unter diesen Girlies kommt es zu einem Fall von Mobbing, den Mia behutsam anspricht und aufarbeitet.
Gegen Ende sieht Boris seinen Fehltritt ein, bereut und folgt Mias Aufforderung, sie zu umwerben.
Das ist überschaubar wenig Handlung, aber es gibt viel Reflexion der US-Autorin mit norwegischen Wurzeln über weibliche Beziehungskonstellationen, über das Altwerden, Nachdenken der Autorin Mia (=Hustvedt?) über das Schreiben und Sarkasmus über das angeblich kleinere, weniger leistungsfähige Gehirn von Frauen. (Da kennt sich Hustvedt als Neurologie-Autodidaktin bestens aus.) Das alles plätschert ein wenig dahin, die wohltuende Selbstironie änderte nichts daran, dass ich nicht so richtig Feuer fing und beim abendlichen Lesen bald müde wurde. Daran ändern auch wertvolle Gedanken wie jener, dass Tote beim Begräbnis oft von Lügen umwickelt werden, nicht.
Zuletzt schrieb Siri Hustvedt “ein hinreißend gefühlvolles und kluges Buch” über ihren an Lungenkrebs verstorbenen Mann Paul Auster”, wie meine Freundin und Buchautorin Johanna Grillmayer soeben in ihrer “Presse”-Rezension schrieb. Das würde mich wohl mehr fesseln. War aber nicht in Griffweite.