Anne Berest, „Die Postkarte“, Piper 2024) *****

Eines jener „Das musst du auch lesen“-Bücher, die mir meine viel lesende Liebste regelmäßig ans Herz legt. Und nicht immer bin ich von ihren Empfehlungen so angetan wie von Anne Berests literarischer Aufarbeitung ihrer Familiengeschichte als Jüdinnen unter dem NS- und auch dem französischen Antisemitismus. Das Aufzeigen der schmachvollen Kollaboration des Vichy-Regimes in Frankreich eröffnete mir erschütternde, noch unbekannte Details über menschliche Niedertracht. Nebenbei: Dieser Tage wurde bekannt, dass Schießwütige aus Westeuropa Tausende Euro bezahlten, um während der Belagerung von Sarajevo in den 1990er-Jahren als Sniper Frauen, Kinder und Greise zu „erlegen“. Angesichts dessen schmilzt die Zuversicht eines „Niemals wieder!“ nach den Erfahrungen des NS-Terrorregimes.
Aber zurück zum Inhalt: Im Januar 2003 fand Annes Mutter unter den Neujahrswünschen eine verstörende Postkarte mit nichts als den Namen ihrer vier Angehörigen, die in Auschwitz ermordet wurden; ohne Absender, ohne Unterschrift. Anne fragt nach und die Mutter erzählt ihr die tragische Geschichte der aus Osteuropa stammenden und nach einem Palästina-Intermezzo in Paris sesshaft gewordenen Familie Rabinowicz. Als ihre eigene kleine Tochter in der Schule Antisemitismus erfährt, beschließt Anne, der Sache wirklich auf den Grund zu gehen. Es beginnt eine mitreißende Spurensuche. U.a. mithilfe eines Privatdetektivs und eines Kriminologen beleuchtet Anne alle erdenklichen Spuren. Diese Recherche und viele Passagen der Selbstreflexion bzw. Identitätssuche Berests als eine dem jüdischen Glauben „Fernstehende“ ergaben diesen vielgelobten Roman. Jüdisch sein bedeutet auch heute noch, das „(Enkel-)Kind von Überlebenden“ zu sein, resümiert Berest.
Ihre Herangehensweise erinnerte mich an meinen französischen Lieblingsschriftsteller Emmanuel Carrère, der sich als Autor hinter den Inhalten seiner Romane nicht versteckt.

Asterix in Lusitanien, Asterix-Bd. 41 ***

Ach, waren das noch Zeiten, als wir Gymnasiasten in den 1970ern das jeweils neue Asterixheft der leider längst verblichenen Schöpfer Goscinny und Uderzo in Händen hielten und uns über die vielen gelungenen Gags köstlich amüsierten. Perlen der Comicliteratur wie „Asterix als Gladiator“, „Der Kampf der Häuptlinge“, „Der Seher“ oder „Streit um Asterix“ musste man einfach gelesen und belacht haben. Jedoch, beim Teutates, mit dem Tod von René Goscinny 1977 sank das Humorniveau ab Band 23 („Obelix GmbH & Co. KG“) beträchtlich, sein Partner Albert Uderzo machte zunächst alleine weiter, bis auch er 2020 fast 93-jährig das Zeitliche segnete.
„Asterix in Lusitanien“, also Portugal, bildet nun das 41. Abenteuer des kleinen Galliers und seines dicken Freundes Obelix – und ja, es ist bestenfalls so lala. Die Zeichnungen von Didier Conrad sind zwar von jenen Uderzos nicht zu unterscheiden, Autor Fabcaro ist zwar bemüht, aber oft nicht sonderlich witzig. In Lusitanien wird viel Klischeehaftes vom heutigen Portugal vorweggenommen, etwa der melancholische Fado-Gesang, die Straßenbahn in Lissabon und sogar Fußballidol CR7. Anspielungen gibt es auf die aktuelle Politik und das Internet. So heißt ein römischer Leiter der Informationspapyri Marcus Zuckergus, ein anderer reicher Römer Elonmus. Als Running Gag muss die Fischlastigkeit der lusitanischen Küche herhalten, und Wildschweinfan Obelix mag „Kabeljão“ halt gar nicht gern.
Der „Spiegel“ befand, dass es dieser Band „sogar mit den Klassikern aufnehmen“ könne. Wohl kãom, befinde ich. Aber es gab auch schon schlechtere. Nach Band 23 halt.

Leo Perutz, „Der schwedische Reiter“, SZ Bibliothek 2008 ******

Kafka, Rilke, Werfel, Kisch – sie alle wurden als deutsch schreibende, altösterreichische Autoren in Prag geboren. Auch Leo Perutz (1882-1957), von dem ich soeben ein erstes Buch, „Der schwedische Reiter“, fertig las. Es ist ein Meisterwerk, und ich bin froh, diese trotz Germanistikstudiums lang bestehende Lücke nun geschlossen zu haben.
Der in der ausgehenden Barockzeit spielende Roman um zwei junge Männer erschien 1936, als Perutz‘ erfolgreichste Zeit als Schriftsteller eigentlich schon vorbei war. Das Buch ist wie andere des gelernten Versicherungsmathematikers in der Vergangenheit angesiedelt und weist Elemente des Phantastischen auf. Etwas gewöhnungsbedürftig ist die altertümelnde Sprache in „Der schwedische Reiter“, die der Autor aber virtuos und passend zur geschilderten Epoche um das Jahr 1700 einsetzt.
Die Geschichte handelt von einem namenlosen Dieb, der die Identität eines adeligen schwedischen Soldaten annimmt, um in einer von Krieg und Verrat geprägten Welt zum Erfolg zu kommen. Die finanzielle Basis, um das Herz und das Landgut der schönen und tugendhaften Maria Agneta zu gewinnen, schafft er sich als Hauptmann einer sechsköpfigen Räuberbande. Einige Jahre später holt ihn diese Vergangenheit aber ein, und um Frau und Tochter nicht zu brüskieren, zieht er vermeintlich in den Krieg im Dienst des Schwedenkönigs Karl XII., wobei auch der wieder aufgetauchte eigentliche schwedische Reiter Christian von Tornefeld wieder auftaucht.
Der namenlose Dieb verstrickt sich in ein Netz aus Identitätswechseln, Täuschungen und Schicksalsschlägen, das die Grenzen zwischen Realität und Illusion verschwimmen lässt. Perutz verbindet meisterhaft Spannung mit philosophischen Reflexionen über Wahrheit, Identität und das Schicksal, dem sich alle zu beugen haben… Mein Buch des Jahres, schon im Jänner gelesen?

Gerald Krieghofer, „Die besten falschesten Zitate aller Zeiten“, Molden 2023 ****

Ein Buch zum Immer-wieder-Zwischendurchlesen: 25 Zitate von Hildegard von Bingen über John Lennon und Hanna Arendt bis Astrid Lindgren, die aber gar nicht von den Genannten stammen, wie der im August 2025 verstorbene Autor und Literaturwissenschaftler Gerald Krieghofer in seinen akribisch recherchierten und humorvoll formulierten Kurztexten darlegte.
Zitate sind beliebtes Doping für Ansprachen, Powerpoint- Präsentationen und Social-Media-Posts: geistvolle, scharfsinnige oder bloß altkluge Zitate von allerlei Geistesgrößen. Einstein, Laotse oder Tucholsky sind die beliebtesten Spender. Doch viele sind schlichtweg Fake, wie Krieghofer auch in seinem Blog https://falschzitate.blogspot.com/ aufdeckte. Mehr als 700 hatte der amüsante I-Tüfelreiter bereits enttarnt. Im vorliegenden Sammelband versammelte Krieghofer die besten falschen Sprüche aus Politik, Kultur, Sport, Wissenschaft und Religion in einem Buch, das sich bestens als Klolektüre für nicht ganz kurze Aufenthalte eignet – und das meine ich nicht ironisch.

Daniel Kehlmann, „Lichtspiel“, Rowohlt 2023 *****

Daniel Kehlmann, „Lichtspiel“, Rowohlt 2023
Filmkunst unter der Knute des NS-Regimes – (wie) kann das gelingen, ohne sich verbiegen und in Dienst nehmen zu lassen? Eigentlich gar nicht, lautet die Antwort von Daniel Kehlmann in seinem bisher jüngsten Roman über den österreichischen Regisseur G. W. Pabst, der mit Fritz Lang, Friedrich Wilhelm Murnau und Ernst Lubitsch zu den Großen der Weimarer Republik zählte. In lose miteinander verbundenen „Filmszenen“ schildert Kehlmann anspielungsreich (ich musste öfter mal Wikipedia zu Greta Garbo, Louise Brooks, Leni Riefenstahl oder den Literaten im Pariser und US-Exil befragen) das künstlerische Schicksal eine offenbar begnadeten Filmschaffenden, der Stummfilmklassiker wie „Die freudlose Gasse“ (1925) oder „Die Büchse der Pandora“ (1929) schuf.
Als „roter Pabst“ vor dem aufkommenden Nationalsozialismus geflohen, muss er feststellen, dass in Hollywood sein früherer Ruhm nicht mehr zählt. Seiner alten Mutter zuliebe kehrt er mit Frau und Sohn zurück in die zur Ostmark gewordenen Heimat, dann werden die Grenzen wegen des ausgebrochenen Weltkriegs geschlossen – und Pabst, seine Frau Gertrude und der bald NS-infizierte Sohn Jakob müssen mit den neuen Gegebenheiten zurechtkommen. Und der Heimkehrer wird instrumentalisiert von Goebbels und seiner Propagandamaschinerie. Unter diesen Umständen Bleibendes zu schaffen, scheitert – exemplarisch dargestellt am verschollenen letzten NS-Filmprojekt und vermeintlichen Meisterwerk Pabsts, „Der Fall Molander“, der auf dem Roman eines Naziautors basiert. Es zeigt sich, dass die Ideologie auch die Beziehungen vergiftet – jene zwischen Regisseur, Ehefrau und Sohn – und (wie gerade aktuell spürbar) das Dunkelste der menschlichen Seele zutage fördert.
Kehlmann zeigt das überzeugend durch wechselnde Perspektiven, geschliffene Dialoge, entlarvende Gesten. Und manchmal, als sich z.B. der schon demente ehemalige Regieassistent Pabsts zu Gast in der mir aus Kindertagen bekannten „Guten Abend am Samstag“-Show von Heinz Conrads in Erinnerungen verliert, wird’s auch humorvoll.
Ich las von Kehlmann bisher nur seinen Weltbestseller „Die Vermessung der Welt“. „Lichtspiel“ macht Lust auf weiteres…

Sylvain Vallée/Jacky Schwartzmann: „Habemus Bastard“ (Splitter 2025) ****

Eine Graphic Novel mit einem für mich langen Cliffhanger. Denn Band 1 („Das notwendige Übel“) bekam und las ich bereits zu meinem Geburtstag Ende September, nun Band 2 („Ein Herz unter einer Soutane“) zu Weihnachten.

Es geht um den Auftragsmörder Lucien, der nach einem Fehler um sein Leben fürchten muss und eine Soutane als Versteck wählt. Als Priester verkleidet taucht er in einem verschlafenen Nest im Jura unter – und feiert dort Liturgie und leistet Seelsorge, die seine Unbedarftheit in dieser Rolle deutlich machen, ihn aber nicht enttarnen. Vorerst. Denn sein Auftraggeber und eine mit diesem rivalisierende Bande sind Lucien auf der Spur.

Der Verlag wirbt für seinen „wendungsreichen, unbändig witzigen und herrlich respektlosen Zweiteiler, der von Sylvain Vallée, einem der beliebtesten Comic-Zeichner Frankreichs […] unnachahmlich charmant illustriert wird“. Und es stimmt. Der Plot liest sich gut, und die oft wie Filmszenen arrangierten Zeichnungen unterhalten bestens. Dass Gewalt und Sex prominent vorkommen, ist der Story geschuldet, die für einen Theologen wie mich eine reizvolle Hintergrundfolie bildet. Jedenfalls eine nette Ergänzung zu meiner inzwischen beachtlichen Graphic-Novel-Sammlung.

Hier die wie Filmszenen aneinander gereihten Ereignisse, die Luciens Flucht in einer priesterliche Tarnung auslösen.

Johanna Grillmayer, „Ein guter Mann“ (Müry Salzmann 2025) ****

Bei einem Buch, in dem mein Name steht (ganz am Ende, unter den Danksagungen an Unterstützende) kann ich nicht objektiv bleiben. Aber egal. Es ist der dritte Band der Trilogie („That’s life in Distopia„, „Ein sicherer Ort„) meiner Freundin und Journalistenkollegin Johanna rund um eine nicht näher beschriebene Katastrophe, die die Menschheit bis auf einen überschaubaren Rest Überlebender auslöschte. Und ich gestehe, Fortsetzungen oder gar Cliffhanger, bei denen ich ein, zwei Jahre aufs Weitererzählen warten muss, mag ich an sich nicht sonderlich. Erinnert mich zu sehr an „Der Herr der Ringe“ oder jetzt wieder die „Avatar“-Reihe.

Ich brauchte jedenfalls einige Dutzend Seiten, bis ich wieder hineinfand – in das Dorf im Burgenland, in dem sich Jola(nthe?), ihre (mindestens) zwei Männer Jakob und Marek, die Dorfchefin Em(ma) und all die anderen eine neue Heimat geschaffen haben. Es ist inzwischen 20 Jahre NdE (nach dem Ereignis), die uns gewohnten Errungenschaften der Zivilisation geben allmählich ihren Geist auf: Geräte, Kleidung, Papier, Straßen. Nicht nur die Beschaffung von Ersatz bzw. Alternativen ist kompliziert, auch das Beziehungsgefüge in dem kleinen Gemeinwesen, in dem herkömmliche Kleinfamilienmodelle nicht mehr taugen und auch noch Bedrohungen von außen (durch „Lederjackenbanden“) zu bewältigen sind.

Johanna mutmaßte, dass ich deswegen schwer ins Buch fand, weil mir eine anfangs geschilderte Abtreibung gegen den Strich gehen könnte. Nein. Erstens verliert für mich ein Text nicht dadurch an Attraktivität, weil darin geschilderte Geschehnisse meinen Ethikvorstellungen widersprechen, zweitens halte ich Abtreibung für eine legitime Option von Frauen in einer Zwangssituation – wobei der Staat ernsthaft für stützende Rahmenbedingungen zu sorgen hätte.

Die zweite Generation, die VdE nur vom Hörensagen kennt, bekommt in Johannas drittem Band viel mehr Bedeutung; Jolas Kinder Judith und Noah, mit Abstrichen Aron, gewinnen dabei Kontur, die anderen Figuren bleiben blass. Und mehr Augenmerk hätte ich mir auch für die thrillerhafte Abwehr der Bandengewalt gewünscht, die spannungsmindernd allzu knapp – geradezu „explosionsartig“ – geschildert wird.

Im weiteren Verlauf nimmt die Handlung so richtig Fahrt auf. Nicht zuletzt den neuen Möglichkeiten zu verdanken, die die Wiederinstandsetzung alter Bahnlinien mit sich bringt.

Fazit: Wer nicht schon die einzelnen Bände der Trilogie las, möge sie hintereinander gleich auf einmal lesen.

Margaret Atwood: Der Report der Magd (Piper 2024/5. Aufl.) ******

Die jüngst 87 gewordene Kanadierin Margaret Atwood begann mit den Arbeiten zu „The Handmaid’s Tale“, wie ihr Buch im Original heißt, schon in den 1960ern. Damals erschien die Vorstellung, dass sich in Amerika jemals eine antidemokratische, theokratische Gewaltherrschaft etablieren könnte, aber zu abwegig. Erst 1985 erschien der nunmehrige Klassiker der dystopischen Literatur, der an Orwell und Huxley denken lässt. Und heute erscheint ein Szenario, bei dem eine christlich-fundamentalistische Gruppierung wie Atwoods „Söhne Jakobs“ durch einen Staatsstreich an die Macht kommen und die Verfassung außer Kraft setzen, nicht mehr so völlig abwegig.

Die titelgebende „Magd“ oder „Handmaid“ Desfred (im Englischen: Offred wie „offered“) ist eine der wenigen fruchtbaren Frauen in den durch Umweltkatastrophen, Pestizide und Verhütung schrumpfenden USA. In der neuen Republik Gilead wird ihr eine entsprechende Aufgabe zugewiesen, ja unter strengster Strafandrohung aufoktroyiert: Die völlig entrechtete, als Magd erkennbar gekleidete Frau soll im Haus eines Kommandanten für Nachwuchs sorgen und ist dabei dem Hausherren und seiner alt und unfruchtbar gewordenen Gattin Serena Joy in entwürdigenden monatlichen Zeremonien rund um den Eisprung „zu Diensten sein“.

Desfred selbst ist Mutter eines von ihr erzwungen getrennten Mädchens, ihren früheren Mann Luke hat sie nach einem missglückten Fluchtversuch aus der Republik Gilead aus den Augen verloren. Ihre rebellische beste Freundin endet in einem Bordell, das den Privilegierten des Regimes als Ventil dient. Aber auch in den Klassen der Rechtlosen zeigen sich Risse, die die tief in den Alltag eingreifenden Regularien unterminieren. Dabei ist die Gefahr, entdeckt und bestraft zu werden, allgegenwärtig. Atwoods Darstellung, wie individuelle Freiheiten und menschliche Würde unter dem Deckmantel göttlicher Ordnung vernichtet werden, ist beklemmend; die Opfer ereilt Folter, Wahnsinn, Suizid und auch die Günstlinge erscheinen alles andere als glücklich.

Das Ende des als eine Art Tagebuchaufzeichnung konzipierten Romans ist überraschend und soll hier nicht gespoilert werden. Denn es lohnt sich, dieses packende Buch zu lesen – und sei es nur als Warnung, wohin die Aushöhlung demokratischer Freiheiten führen kann.

Christa Englinger/Christian Hlavac: 99 Fragen zu österreichischen Sehenswürdigkeiten. Ueberreuter 2015 ****

Dieses Buch war der Siegespreis für eine Art Rätselrallye durch die Wiener Innenstadt, gespendet von Guide Wolfgang Reisinger bei einer anlässlich meines Geburtstags bei ihm gebuchte Führung. „In Wien ein Besserwisser … aber auch in ganz Österreich?“ schrieb er hinein.

Die 99 Fragen – oder besser: Kapitel – zu Themen wie Geografie, Kultur, Geschichte, Verkehr und Technik, Gastlichkeit sowie „Potpourrie“ sind angetan, Allgemeinwissen über Österreich zu steigern, und auch unterhaltsam. Wobei: Manche Fragen hätte ich so nicht gestellt (Wann entstand die Eisriesenwelt in Werfen? Was warf der heilige Domitian der Legende nach in Kärntens tiefsten See?), andere waren für mich als Steirer/Theologe/Germanist leicht zu beantworten (Ist die Grazer Murinsel tatsächlich eine Insel?Wodurch zeichnet sich die Wotrubakirche in Wien aus?).

Kein Buch, das man von A bis Z durchliest. Aber eines, das am stillen Örtchen stehen könnte und dort immer wieder zur Hand genommen wird.

Nino Haratischwili: Das mangelnde Licht, FVA 2022 ******

Seit einer Georgienreise im Jahr 2019 bin ich Fan von Nino Haratischwili. Ihr Roman „Das achte Leben“ gehört zum besten, was ich in den 2000er-Jahren las. Umso gespannter war ich auf „Das mangelnde Licht“, das ebenfalls georgische Zeitgeschichte mit individuellen Schicksalen verquickt. Und ich finde auch dieses 830-Seiten-Buch absolut empfehlenswert.

Worum geht es? Drei von der eskalierenden Gewalt im Georgien der 1990er-Jahre betroffene, GEtroffene Frauen treffen sich 20 Jahre später anlässlich einer Fotoausstellung in Brüssel wieder. Sie sehen Werke über die Zeit, als der Kaukasus-Staat nach dem Zerfall der Sowjetunion eigenständig wurde und dennoch dem Zugriff der früheren Machthaber in Moskau ausgesetzt blieb. Die Bilder – darunter das titelgebende – schuf die in den Wirren des Krieges verstorbene Journalistin und Fotokünstlerin Dina, die das lebensenergievolle Epizentrum des einstigen Freundinnenquartetts bildete. Sie selbst und ihre drei Gefährtinnen sind darauf oft zu sehen. Begonnen hatte der Bund zwischen den vier sehr unterschiedlichen Charakteren in der frühen Jugendzeit von Dina, der späteren Restauratorin Keto, der lesbischen Juristin Ira und der einer Gaunerfamilie entstammenden Femme fatale Nene.

Die Wirren der Zeit mit ihren politischen Verwerfungen und mafiösen Machtspielchen, den Familienbanden, den Liebschaften unter dem Eindruck des Machismo in Georgien, aber auch die enge Verschwesterung der vier Mädchen, dann Frauen, haben Spuren hinterlassen – und sogar sichtbare Narben. Bei der (wie Haratischwili) in Deutschland lebenden Haupterzählerin Keto lösen die Fotografien aus Tiflis und dem umkämpften Abchasien teils qualvolle Erinnerungen aus, ebenso bei Ira und Nene, und bei allen scheint der Tod der schmerzlich fehlenden, inzwischen zu internationalem Ruhm gekommenen Dina eine unüberwindbare Lücke zu hinterlassen.

Haratischwili schildert die vier Protagonistinnen in schillernden Farben und mit ständigen, chronologisch geordneten Rückblenden. Ihr teils gegensätzliches Handeln folgt einer nachvollziehbaren Logik. Die Männerfiguren bleiben daneben etwas blass. Dennoch ist „Das mangelnde Licht“ kein „Frauenroman“, sondern ein eindrückliches, fesselndes Zeitkolorit – auch wenn „Das achte Leben“ mein Favorit der 42-jährigen georgisch-deutschen Theaterregisseurin, Dramatikerin und Romanautorin bleibt.