Joachim Meyerhoff, bis 2019 13 Jahre lang Star am Wiener Burgtheater, habe ich als Schauspieler nie wirklich wahrgenommen. Umso mehr als Autor seiner inzwischen sechsteiligen Buchreihe „Alle Toten fliegen hoch“, die ich allesamt mit großen Vergnügen las. Der in Schleswig Aufgewachsene berichtet darin von seinem Aufwachsen auf einem Psychiatrieanstaltsgelände, seinen Eltern und Geschwistern, dem Austauschjahr in Amerika, von Beziehungsturbulenzen und Schlaganfall sowie zuletzt von einer Auszeit bei seiner alt gewordenen Mutter Susanne.
Zwei dieser stets mit viel Humor und großer Beobachtungsgabe erzählten Bände sind inzwischen verfilmt. „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ (D 2023) fand ich so lala, „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ dagegen sehr stimmig und überzeugend in der Wiedergabe des Tonfalls der Meyerhoff-Bücher.
Der 137 Minuten lange Streifen von Simon Verhoeven („Girl You Know It’s True“, „Alter weißer Mann“) erzählt Meyerhoffs (Bruno Alexander) nach dem Unfalltod seines Bruders aufgenommene Schauspielausbildung an der Otto Falckenberg Schule in München, wo einst auch seine Großmutter Inge Birkmann (Senta Berger) unterrichtete. Bei dieser und ihrem zweiten Ehemann, dem Philosophen Hermann Krings, richtet sich der vom Brudertod noch Traumatisierte häuslich ein, nachdem er zu aller Überraschung die Aufnahmeprüfung schaffte. Und das, obwohl der damals 22-Jährige labil, introvertiert und zugleich jähzornig war und Schauspieltalent nicht wirklich erkennen ließ. Die Komik des Films basiert zum einen in Meyerhoffs (selbstironisch überzeichnetem?) Agieren als Jungmime, zum anderen in seiner Rolle als Großmutters „Lieberling“ in deren von Eheritualen und reichlich Alkoholkonsum dominierten Haushalt in einer Münchner Vorstadtvilla. Ich musste oft lachen beim Coming-of-Age-Geschehen auf der Leinwand – und war traurig, als die beiden Alten zuletzt kurz hintereinander verstarben. Aber da war Enkel Joachim längst etablierter Schauspieler am Schauspielhaus in Hamburg.