Burgtheater: Sonderführung Klimt-Deckengemälde, 11.8.26

Auch wer – so wie ich – seit 40 Jahren im Raum Wien lebt, lernt über diese einst bedeutende Hauptstadt eines Weltreiches nicht aus. Zum Beispiel das im Oktober 1888 mit Grillparzers Esther und Schillers Wallensteins Lager eröffnete k. k. Hofburgtheater am Ring gegenüber dem Rathaus. In den beiden Jahren davor gestalteten Gustav Klimt, dessen Bruder Ernst und Franz Matsch die Deckengemälde in den beiden Stiegenhäusern des im Historismus errichteten Baus von Gottfried Semper und Karl von Hasenauer. Der später weltberühmte Jugendstil-Maler stand damals am Beginn seiner Karriere, war zu Beginn der Arbeiten erst 24, sein früh verstorbener, ebenfalls künstlerisch hochbegabter Bruder gar erst 22. Franz Matsch war ihr Kollege an der gemeinsam besuchten Kunstgewerbeschule (heute. Angewandte) in Wien, gemeinsam nannten sie sich “Künstlerkompanie”.
Die drei davor schon für Aufträge in Rijeka und Karlsbad kooperierenden Künstler schufen insgesamt zehn großartige Gemälde – die den Besuchern der “Burg” heute meist entgehen. Denn sie befinden sich in luftiger Höhe nicht im Bereich des Haupteingangs des Theaters, sondern über den beiden seitlich gelegenen Logenstiegen: Die damals Franz Joseph I. vorbehaltene Kaiserstiege liegt im Trakt, der dem Volksgarten zugewandt ist, die Erzherzogstiege in jenem in Richtung Café Landtmann. Und Letztere ist aktuell wegen Renovierungen eingerüstet. Das öffnet ein Zeitfenster, in dem die Arbeiten der Klimts aus nächster Nähe betrachtet werden können.

Und das lohnt sich: Für die Erzherzogstiege schuf Gustav Klimt eine Szenerie des Antiken Theaters Taormina auf Sizilien (Bild 4), für die Kaiserstiege das Londoner Globe Theatre und die Schlussszene aus Romeo und Julia. Über dem Eingang zum Zuschauerraum ist Der Eingebildete Kranke Molières zu entdecken. Auf dem Bild Shakespeares Globetheater sind alle drei Künstler als Theaterbesucher verewigt, es zeigt somit auch das einzige gemalte Selbstportrait von Gustav Klimt. Zu sehen sind die drei auch auf einem der erst viel später entdeckten „Klimt-Kartons“ (Bild 3), Entwurfskizzen der Originale, im Angelika Prokopp Foyer bzw. Klimtraum.
Die “Künstlerkompanie” verewigte sich später auch im Kunsthistorischen Museum. Die Klimts und Matsch schufen 1891 “Zwickel- und Intercolummnibilder” über die großen Epochen der Kunstgeschichte für Flächen, die zwischen den Bögen und Säulen im großartigen Stiegenhaus des Museums frei geblieben waren. Diese Arbeiten waren das letzte bedeutende Werk der Künstlerkompanie. Nach dem Tod von Bruder Ernst, 1892, beendete der darüber tief erschütterte Gustav Klimt die Zusammenarbeit mit Matsch.
Jetzt heißt es schnell sein: Die Führungen im Burgtheater enden mit August!

Richard Prince, Fotoausstellung Albertina, 10.8.2026 ***

Als Besitzer einer Bundesmuseenkarte besuche ich auch Ausstellungen von Künstler:innen, von denen ich noch nie etwas gehört habe. Wie zuletzt von Richard Prince, einem US-amerikanischen Maler und Fotografen. Er wird der Appropriation Art zugeordnet, ist also ein Künstler, der Werke anderer kopiert – wobei der Akt des Kopierens und das Resultat selbst als Kunst verstanden werden sollen. Sonst wäre es ja Plagiat oder Fälschung.
Die Albertina widmet dem heute in New York lebenden Prince eine Schau, in der seine bekannteste Arbeit zu sehen ist: die 1980–1987 entstandene Serie „Cowboys“, die aus fotografierten Ausschnitten von Marlboro-Anzeigen besteht. Auch anderen trivialen Mythen der amerikanischen Alltagskultur widmet er sich, in Serien mit Motorradgangs bzw. sich auf heißen Eisen räkelnden Halbnackten sowie Modefotografien. Nun ja.

Kopie-Kunst. War nicht so meins, nicht mal der Cowboy im Hintergrund.

Auf Wikipedia erfahre ich, dass Prince dafür kritisiert wurde, “Bilder aus dem Internet bzw. Instagram mit dem Handy abzufotografieren, zu vergrößern und für ca. 90.000 $ zu verkaufen, ohne die Fotografen am Gewinn zu beteiligen”. Wenn das stimmt: Shame on you, Mr. Prince!

La Strada Graz, 5./6./7. August 2026

Ich liebe Graz. Hab dort als Student eine der schönsten Phasen meines Lebens verbracht. Bezeichne die Stadt auch 40 Jahre danach noch als meine sentimentale Heimat. Und besonders liebenswert ist die Stadt, wenn es im Sommer wieder “La Strada” heißt. Und diesmal war ich bei diesem “internationalen Festival für Straßenkunst, Figurentheater, Neuen Zirkus und Community Art” dabei, zumindest an drei Tagen.

Ein Höhepunkt: Das kanadische Ensemble Le Patin Libre im Grazer Augarten

Ich nahm an fünf Veranstaltungen teil. Gleich am ersten Abend sorgte die bläserdominierte Compagnie du Coin für Anarcho-Lebensfreude (Bild 1). Auf dem Freiheitsplatz bahnten sie sich mit treibenden Grooves Wege durch das Publikum und bezog dieses immer wieder mit ein.
Ein Höhepunkt am nächsten Vormittag im Augarten: Das kanadische Ensemble Le Patin Libre (Bild oben und 6), die im Augarten ihre Eiskunstlaufkünste mit Rollerblades auf einer ca. 10 x 20 m großen Plattform übersetzten. Ihr Programm “In “Wheels & Cello” bot im musikalischen Dialog mit einem Cellisten ein harmonisches, virtuoses Zusammenspiel von Klang und Bewegung.

Im Atelier Jungwirth am Opernring sodann eine Ausstellung der dänischen Performance- und bildenden Künstlerin Nana Francisca Schottländer, die am Dachsteingletscher Fotos anfertigte mit einem reizvollen Kontrast. Zu sehen: ihr nackter Körper und die schroff-karge Hochgebirgslandschaft. Dort außerdem die Ausstellung Signal vom Dachstein. Eine Landschaftsoper. Sirenengesang aus Lautsprechern auf dem Gletscher (Bild 5), Almszenen in den umliegenden Tälern, dort heimische Poeten wie Bodo Hell und Barbara Frischmuth (beide inzwischen im Jenseits).
Für verblüffende Geräusche sorgte auf einem Rundgang vom Jakominiplatz durch die Grazer Innenstadt die Gruppe Décor Sonore – und das ganz bewusst ohne Elektrizität, nur mit Schalltrichtern (Bild 4). Die machten aus Lichtsäulen, Einkaufswagen und Fahrradfelgen Klang und Rhythmus.

Mein letzter Vormittag gehörte dem israelischen Clown Anatoli Akerman (Bild 3) und seinem Assistenten Christoph Schiele. Ihr Programm Splinters bot Tollpatschiges, “Zaubertricks”, Publikumsbespritzungen, Wortwitz, aber auch beeindruckenden Steptanz und Jongleur-Akrobatik. Ein Finale Furioso, das mich oft zum Lachen brachte. Schade, dass meine Gastgeber – Bruder Andreas und Familie – das versäumten.
Aber vielleicht nächstes Jahr wieder bei La Strada! [Bild 2 gehört nicht zum Festival, wohl aber zu meinem Besuch. Am ersten Abend Jazz und Weltmusik vom Trio JMO auf dem Mariahilferplatz]

Comix Art und Op Art in der Albertina modern, 30.7.2026 ***

Comics liebte ich schon, bevor ich lesen konnte. Meine Mutter abonnierte einmal für mich Vorschulkind einen Jahrgangsband von Micky Maus, damals noch in der genialen Carl-Barks-Übersetzung von Renate Fuchs (“Dem Ingenieur ist nichts zu schwör”). Hätte ich die 52 Hefte heute noch, könnte ich sie sicher zu enorm hohen Sammlerpreisen verkaufen.
Aber das nur nebenbei. Comics spielen spätestens seit der Pop Art eine wichtige Rolle (Roy Lichtenstein!) in der Bildenden Kunst. Die Albertina modern widmet sich dem in der aktuellen Ausstellung “KAWS. Art & Comix” über die Wechselwirkung von Comics, Bildergeschichten, Cartoons und Kunst. Der Fokus liegt dabei auf dem US-amerikanischen Künstler Brian Donnelly = KAWS und seinen x-äugigen Skulpturen und Figuren. Sie werden ergänzt durch das Schaffen anderer Künstler:innen, die mich meist deutlich weniger interessierten als die ausgewählten Arbeiten von Keith Haring, Brigitte Kowanz, Gottfried Helnwein oder Red Grooms. Von letzterem ist ein begehbarer New Yorker U-Bahn-Waggon mit skurrilen Gestalten zu sehen. Sehr witzig. Den Rest fand ich weniger ansprechend. Schrill, schräg, aufgesetzt provokant.

Oben mittig ein liegender KAWS, unten Grooms und eine Katholiken-Provokation.

Und weil ich schon im Haus war, gleich eine zweite Ausstellung: “VASARELY & ADRIAN. Dynamische Raster” präsentiert neben dem berühmten ungarischstämmigen Victor Vasarely, mit dem ich schon bei meiner BE-Matura zu tun hatte, den mir bisher völlig unbekannten Wiener Marc Adrian (1930-2008). Der Student der Wahrnehmungspsychologie nahm 1965 als einziger Österreicher neben Vasarely u.a. an der bahnbrechenden Op-Art-Ausstellung “The Responsive Eye” im Museum of Modern Art in New York teil. Dennoch sei Adrians vielgestaltiges Schaffen, obwohl “Ausdruck einer neuen Visualität”, “bis heute nicht in vollem Umfang gewürdigt”. An seinen Hinterglasbildern vorbeizugehen und dabei immer wieder andere Lichteffekte zu sehen, macht Spaß – zumindest bis zum fünften dieser Art.

FM4-Bühne am Donauinselfest

Meine “besten Zeiten” beim Donauinselfest sind lange vorbei. In meinen Wiener Anfangsjahren pilgerte ich zu verschiedenen Open-Air-Konzerten, stand meist weit weg von der Bühne und war damals schon wenig begeistert von den sich über die Insel schiebenden Menschenmassen (und dem Dreck, den sie hinterließen). Dann kam die Zeit, als meine Frau und ich uns die Ö1-VIP-Lounge samt exquisiter Kulinarik und Kabarett im angrenzenden Zelt gönnten. Bis dies vom ORF aus Kostengründen (?) aufgegeben wurde.

So macht Donauinselfest Spaß. Ellbogenfreiheit und richtig gutes Essen zu ebensolchem Indie Pop.

Heuer wieder Donauinselfest. Weil Claudia bei vielen Gewinnspielen mitmacht – und immer wieder mal was gewinnt. Z.B. zwei Tickets für den Wien-Energie-Bereich gleich beim Schulschiff nahe der Floridsdorfer Brücke. Es gab Leckereien wie Shrimps-Salat und Kaiserschmarren, Inselbier und Smirnoff Ice, vor allem aber einen erhöhten Blick auf die FM4-Bühne mit Nacheinander-Auftritten der rotzfrechen Girlie-Bands Lella und My Ugly Clementine. Und dann, mein musikalischer Höhepunkt: Giant Rooks aus Hamm in NRW, von denen ich noch nie etwas gehört hatte. Das tat ich am sonnigen Freitagabend aufmerksam und zunehmend begeistert. Und das tue ich auch jetzt, da ich diese Zeilen schreibe. Hört auch mal rein in das bemerkenswerte Debütalbum “Rookery” aus dem Jahr 2020. “Watershed” ist nicht der einzige wirklich gelungene Indiepopsong darauf. Empfehlung!

Ganymed Areal, Baumgartner Höhe/Steinhof, 13.5.2026 *****

Nach dem von Zeus auf den Olymp entführten Lustknaben ist die Kulturveranstaltungsreihe Ganymed an verschiedenen Schauplätzen Wiens benannt – und nach der “Doppelconference” zwischen Natur- und Kunsthistorischem Museum im Jahr 2023 erlebten Claudia und ich diesmal eine Darbietungs-Perlenkette im Otto Wagner Areal auf der Baumgartner Höhe. Unter der Leitung von Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf wurden Kulturschaffende wie Monika Helfer, Milena Michiko Flasar, Franz Schuh oder Johanna Doderer, die Strottern und das Bläserensemble Federspiel eingeladen, Auftragswerke zu entwickeln. Thema waren, passend zur ursprünglichen Nutzung des weitläufigen Geländes als Landes-Heil- und Pflegeanstalt (damals in NÖ), Berührungspunkte zwischen Kunst/Literatur/Musik und Psyche. Der Ort ist als Psychiatrie-Schauplatz auch historisch belastet, nicht nur durch die Nazis, die in der „Jugendfürsorgeanstalt“ Am Spiegelgrund kranke, behinderte und „nicht erziehbare“ Kinder und Jugendliche medizinisch quälten und viele ermordeten.
Eine Patientin der Zwischenkriegszeit war Christine Lavant, die nach schweren Depressionen 1935 auf eigenen Wunsch in einer Nervenheilanstalt in Klagenfurt behandelt (und gedemütigt – wurde. Ihre posthum veröffentlichten “Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus” bildeten unsere Auftaktperformance durch Kathrin Grumeth, danach oblag der Besuch eines der weitere elf Schauplätze unserer Präferenz.

Claudia und ich schafften in den drei Aufführungsstunden acht der zwölf Angebote in verschiedenen Pavillons des Otto Wagner Areals, die wir der Reihe nach mit entlehnten Hockern aufsuchten. Z.B. die Darbietung “Der böse Geist” der Vargas-Schwestern aus Kuba über eine Form von Besessenheit in ihrer Heimat, ein Text von Monika Helfer über “Das andere Mädchen”, eine Außenseiterin, die dadurch besonders ist, dass sie lieber schreibt als spricht. Mitreißend das Blechbläser-Ensemble Federspiel, die mit ihren Instrumenten erst in Anstaltsbetten musizieren oder “Die Entdeckung des Gedankens” mit einem beängstigenden Einblick in die Auswüchse medizinischer Be- bzw. Misshandlung. In der Otto Wagner Kirche begab sich eine Art Auferstehung mit islamischem Gesang und Klarinettenspiel, und den packenden Abschluss bildeten in der ehemaligen Großküche die starken Frauenstimmen der Studierenden der MUK, die nahtlos in Franz Schuhs Gedanken über “Die Welt von morgen” übergingen, gesprochen von einer Comic-Version des Wiener Essayisten auf Leinwand.
Erlebnissatt verließen wir um 21 Uhr, vorbei an dutzenden Leuchtstäben zur Erinnerung an die Opfer des Spiegelgrunds, das Gelände. Die zweimal 49 Euro Eintritt haben sich gelohnt.

“WIEN 1900 – Alltag. Gesamtkunstwerk.”, MAK, 12.5.2026 ******

links: Koloman Moser, Schrank für die Ausstattung des Elternhauses des Künstlers, 1901; rechts: Josef Hoffmann, Armlehnstuhl, Werkbundausstellung Köln 1914; © kunst-dokumentation.com/MAK

Als Wien noch ein Nabel der Welt war und in Kultur und Wissenschaft einer der Top Spots weltweit war… Einen Einblick in die Zeit der Jahrhundertwende um 1900 in der Hauptstadt der damaligen Habsburger-Monarchie gibt die Neuaufstellung der MAK Schausammlung, mit dem das 1863 gegründete Museum am Stubenring den zeitgenössischen Künstler Markus Schinwald betraute. Und Wien war in der Epoche eines Otto Wagner, Josef Hoffmann, Kolomann Moser und anderen Vertretern der Wiener Werkstätte (Jugend)stilbildend. Der Rundgang durch die bis in kleine Details designten Schauräume und Exponate überrascht immer wieder mit einer Fülle an Kreativität und Geschmack in Bereichen wie Architektur, Design, Mobiliar, Bühnenbild, Schmuck und Bildende Kunst.
Und diese goldene Zeit strahlt, wie jüngste Verkaufszahlen von Meisterwerken Gustav Klimts zeigen, bis in die Gegenwart hinein. Klimt selbst ist übrigens mit Werkzeichnungen für die Ausführung eines Mosaikfrieses für den Speisesaal des (leider nicht öffentlich zugänglichen) Palais Stoclet in Brüssel vertreten.

Schon Klimts Entwürfe für das Palais Stoclet sind ein Meisterwerk; © kunst-dokumentation.com/MAK

Etwas später, nämlich 1925, angesiedelt ist der von Margarete Schütte-Lihotzky – berühmt für ihre ebenfalls im MAK zu sehende Frankfurter Küche – einen Raum für die Wiener Auftraggeberin Caroline Neubacher, in dem sich diese unbeobachtet zurückziehen konnte – keine Selbstverständlichkeit für Frauen vor 100 Jahren. Das MAK stellt den winzigen, aber ästhetisch ansprechenden Raum in den Kontext von Women’ Lib, konkretisiert durch den Selbstbestimmungs-Essay “A Room of One’s Own” von Virginia Woolf.

Klein, aber fein. Margarete Schütte-Lihotzkys Rückzugsraum für eine Wienerin

Es gibt auch sonst einiges im MAK zu entdecken, z.B. die Designsammlung im Untergeschoß oder die Ostasiensammlung, ich kam eigentlich wegen der im TV angekündigten Schlingensief-Ausstellung “Es ist nicht mehr mein Problem!”, war aber zu früh dran – es gab erst die Eröffnungs-PK, aber keinen Zutritt… ein guter Grund, bald wieder mal das MAK zu besuchen.

Besuch in der Villa Beer, 1.4.2026

Das viergeschoßige Villengebäude in der Wenzgasse 12 in Wien-Hietzing wurde in den vergangenen Jahren liebevoll renoviert und kann seit März im Rahmen von Führungen besichtigt werden – und das lohnt sich absolut, wie der Besuch von Claudia und mir an einem sonnigen Frühlingstag ergab. Die erst seit 1987 denkmalgeschützte Villa ist architektonisch eine Wucht, der von der wohlhabenden jüdisch-liberalen Familie Beer beauftragte Architekt Josef Frank gestaltete die rund 800 m² Wohnfläche mit unterschiedlichen Raumhöhen und Bodenniveaus, die auf die jeweiligen Bedürfnisse der Eigentümer wie auch der Bediensteten eingehen sollten, und designte auch das Interieur.

Der Haupteingang unter dem kubischen Erker, rechts daneben der Dienstboteneingang, links im Bild die Terrasse (dazu hier unsichtbare Balkone) mit Blick auf den herrlichen Garten

Anders als meine Vermutung wurde das Haus nicht arisiert. Julius Beer, Mitinhaber einer Kautschukfabrik, und seine Frau Margarete wollten einen geeigneten Ort für Empfänge und musikalische Abendveranstaltungen schaffen, bewohnten das Haus ab 1931 aber nur ein Jahr lang. Dann geriet Beer in finanzielle Schwierigkeiten und mussten vermieten – u.a. an damalige Musikgrößen wie Richard Tauber, Jan Kiepura mit Marcel Prawy sowie Marta Eggerth. Noch vor der Machtübernahme der Nazis wurde das Grundstück geteilt, die Villa versteigert und 1941 vom Textilunternehmer Harry Pöschmann erworben, dessen Familie hier wesentlich länger wohnte.

Man kann hier auch übernachten, in diesem Haus voller Treppen und unterschiedlicher Niveaus

Die Familie Beer emigrierte in die USA – bis auf die behinderte Tochter Elisabeth, die kein Visum bekam und dem NS-Rassenwahn zum Opfer fiel.
Der ebenfalls jüdisch-stämmige Architekt Josef Frank entwarf neben Familienwohnhäusern auch Gemeindebauten in mehreren Wiener Bezirken. Er emigrierte bereits 1933 nach Schweden und setzte als dortiger Staatsbürger sein Schaffen fort. Mit der Villa Beer hinterließ er Wien ein echtes Schmuckkästchen, das fast ein Jahrhundert nach der Entstehung noch modern und innovativ wirkt. Die Führung in der Karwoche stieß auf großes Interesse, rund 20 Personen unseres Alters nahmen tlw. mit bödenschonenden Schuhüberziehern daran teil.

Länderspiel Österreich-Ghana, Happelstadion, 27.3.2026 ******

Von Bruder Andreas kam die Idee: ob ich mich nicht ihm und Neffe Theo anschließen möchte, in Wien das erste WM-Vorbereitungsspiel des Rangnick-Teams gegen die respektable afrikanische Truppe von Ghana anzusehen. Ich wollte und nützte die Gelegenheit, meinen beiden jüngeren Enkelsöhnen Jakob und Nathan diese Unternehmung als Vorabgeburtstagsgeschenk zukommen zu lassen. Ich traf die beiden nach einigem Suchen und Wo-seid-ihr-Telefonaten – kein Wunder bei dann 40.000 Zuseher:innen – bei der U2-Station Stadion, bald darauf die aus Graz angereisten Andreas und Theo. Nach fünf Minuten anstellen beim Sektor-B-Aufgang stellte sich heraus, dass Jakob verbotenerweise eine Thermos-Trinkflasche mitgegeben wurde. Die mussten wir erst bei einem Depot abgeben, um sie nach dem Match wiederzubekommen. Nach nochmaligem Anstellen und einem Klogang der Jungs endlich der Blick ins gut gefüllte Stadion mit sich aufwärmenden Spielern.

Jubelstimmung im Happelstadion schon bei den Hymnen. Schade, dass man wegen der Laufbahnen sehr weit weg vom Geschehen auf dem Rasen ist. Dennoch: “Immer wieder, immer wieder Österreich!”

Besonders interessierten mich die Neuen im Team: Paul Wanner und Carney Chukwuemeka hatten sich, obwohl davor in der Nachwuchsauswahl Deutschlands bzw. Englands engagiert, für den ÖFB entschieden. Beide jung, hochtalentiert, wie es hieß. Doch zunächst auf der Bank. In der eher faden, spielerisch durchwachsenen Hälfte eins verzichtete Rangnick auf Debütanten. Einer der wenigen Höhepunkte war das 24. Teamtor von Kapitän Marcel Sabitzer, der im Mittelfeld eine tolle Leistung bot.
Von unseren Plätzen aus konnten wir das Geschehen auf dem Spielfeld gut mitverfolgen. Ich erstmals ohne Brille, da nach den beiden Katarakt-OPs nicht mehr kurzsichtig. Ich hatte den Jungs eingeschärft, sich richtig warm anzuziehen, denn die Wetterprognose war besch…eiden: Sogar Schneeregen sollte möglich sein. So schlimm wurde es dann nicht. Es blieb bei rund 5 Grad trocken.
Spielhälfte zwei hatte es dann in sich: Die Fangesänge wurden immer begeisterter, als gleich in der 50. Minute das 2. Tor für Österreich fiel. Gregoritsch nach Stanglpass von Sabitzer. Zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Feld: Wanner und Chukwuemeka, wie drei weitere neu eingewechselte Spieler. Der Spielfluss übertraf den in Hälfte 1 bei weitem, die beiden Youngsters überzeugten, und schon bald köpfte Rechtsverteidiger Posch nach einem Eckball das 3:0. Ein nicht konsequent genug verteidigter Angriff der Afrikaner samt einem herrlichen Abschluss ins Kreuzeck brachte das 3:1, aber schon kurz darauf hämmerte Chukwuemeka den Ball zum 4:1 unter die Latte. Das 5:1 fiel dann in der Nachspielzeit durch den einzigen nicht ausgewechselten Akteur Seiwald – sein erstes im Teamdress.
Wir und das gesamte Publikum waren aus dem Häuschen, meine Stimme ist heute nach dem oftmaligen Torjubel etwas mitgenommen. Egal. Auch Jakob und Nathan, obwohl nicht sonderlich fußballinteressiert, gefiel’s. Claudia fühlte sich zurecht bestätigt, mir geraten zu haben, den Enkeln zu Geburtstagen gemeinsame Unternehmungen zu schenken. Das stärkt die Beziehung und bleibt lange in Erinnerung. Österreich-Ghana tut das sicher.

“Ferdinand Georg Waldmüller. Nach der Natur gemalt”, Unteres Belvedere, 26.3.2026 ****

Kurz vor dem Besuch des nächsten fotorealistischen Malers telefonierte ich mit meiner Freundin Gaby. Mit Ferdinand Georg Waldmüller sei sie verwandt, viele ihrer Verwandten hießen auch so. “Und der hat nicht nur Landschaften gemalt, sondern auch – was damals eine Provokation war – das oft schwere Leben der einfachen Leute”, erzählte sie. Das sei im Biedermeier von vielen nicht goutiert worden.
Nun ja, von Sozialkritik war bei der Ausstellung im Belvedere nicht viel zu bemerken. Am ehesten noch beim Gemälde “Reisigsammeln im Wienerwald”, auf dem zu sehen ist, dass eine alte Frau unter der Last der Hölzer zu Boden sinkt und ein Mädchen ihr zu Hilfe kommt – inmitten einer idyllischen Natur. Letztere stellt Waldmüller auch in seinen vielen Bildern vom Prater, vom Salzkammergut rund um Bad Ischl, im Gasteinertal und auch nach Studienreisen nach Sizilien in den Mittelpunkt seiner beachtlichen Kunstfertigkeit. Auch Landschaften von Waldmüller-Zeitgenossen wie John Constable und Jean-Baptiste Camille Corot bereichern die Schau.

Naturidylle oder doch auch ein wenig Sozialkritik (Mädchen hilft Greisin)?

Dann gibt’s noch Porträts von Adeligen – offenbar eine erforderliche Einnahmenquelle in einer Zeit, da Künstler noch nicht so hofiert wurden wie heute, sondern Dienstleister waren.
“Er war einer der großen Repräsentanten der Wirklichkeitsschilderung”, heißt es im Wikipedia-Eintrag über Waldmüller. Die Wirklichkeit der Repression im Wiener Vormärz findet sich in seinen Bildern aber kaum.