„Michaelina Wautier, Malerin“, Sonderausstellung KHM ******

Frans Hals, Jan Vermeer, Peter Paul Rubens und natürlich Rembrandt – die alle kennt man als Meister der niederländischen Barockmalerei. Eine, die aufgrund ihrer künstlerischen Qualität unbedingt in diese prominente Reihe dazugehört, kannte ich vor der aktuellen Sonderschau im KHM nicht, hatte ihren Namen noch nie gehört: Über Michaelina/Michelle/Michelina/Magdalena Wautier/Woutiers/Wouters/Wauters (1614?-1689; so viele Namensvarianten!) ist generell wenig bekannt. Sie stammte aus Mons in Flandern und wirkte mit ihrem ebenfalls hochbegabten Malerbruder Charles Wautier in Brüssel; viele ihrer großartigen Gemälde wurden ihr erst in jüngster Zeit zugerechnet – oft auch, weil man sich nicht vorstellen konnte, dass eine Frau Aufträge für Historienbilder bekam und sie diese mit nackten Männerleibern versah. Und die Künstlerin tat das selbstbewusst: Michaelina „invenit et fecit“, signierte sie ihre Bilder – „erdacht und ausgeführt“. Eine Frau, „die sich in ihrer Zeit über Regeln und Konventionen hinweggesetzt hat und von der Kunstgeschichte vergessen wurde“.


Umso dankenswerter ist es, dass das Kunsthistorische Museum in Wien
dieser „aufregendsten kunsthistorischen Wiederentdeckung der letzten Jahrzehnte“ eine Bühne gibt und Bewunderern wie mir einen Überblick über das bisher bekannte breite Schaffen der Flämin, mit psychologisch einfühlsamen Altarbildern und Porträts, mit Genre- und Historienmalerei sowie Frauen eher zugetrauten „Blumenstücken“, verschafft. Erstmals weltweit zu sehen eine großartige Bilderserie zu den fünf Sinnen, allegorisch dargestellt anhand von kleinen Buben.

Sehen, hören, riechen, tasten, schmecken – die erste Erkenntnisquelle laut den Empiristen im Gefolge des Barockphilosophen John Lockes

Dank gebührt auch dem Habsburger-Erzherzog Leopold Wilhelm von Österreich, der als Statthalter der spanischen Niederlande als Kunst-Mäzen und Käufer agierte und u.a. Michaelina Woutiers förderte. Aus dieser Zeit stammen vier ihrer Bilder in den Beständen des KHM.
Empfehlen kann ich die Schau nicht mehr – ich besuchte sie mit meiner ebenfalls begeisterten Angetrauten am vorletzten Ausstellungstag. Wie gut, dass ich das Wetter – Wien versank im Schnee – für diesen Fast-Last-Minute-Besuch nutzte. Und ich hoffe, dass die Kunsthistoriker:innen noch weitere Werke Michaelinas enttarnen (ärgerlich, dass sich die Talente von Frauen oft nur schwer oder gar nicht durchsetzen konnten!).

Seifenblasen zeigen barocke Vanitas … mögen die Bilder Michaelinas nicht vergänglich sein

„Oh mein Gott“ von Anat Gov, Akzent Theater, 19.2.26 ***

Die Psychologin Ela empfängt nach einem mysteriösen Anruf einen verzweifelten Mann, der unbedingt eine Therapiestunde bei ihr nehmen möchte. Zunächst ziert er sich, seine Identität preiszugeben, schließlich outet er sich als Gott persönlich, der in einer tiefen Krise steckt und mit ich selbst und seiner Schöpfung – dem Menschen – unglücklich ist. Ela will den überfordernden Auftrag erst nicht annehmen, lässt sich aber dann doch auf theologisch-therapeutische Dispute ein und macht dabei auf einen blinden Fleck bei Gott aufmerksam – seine höchst fragwürdige Behandlung des gottesfürchtigen Hiob.
Das „Akzent Theater“ beschreibt das Stück der 2012 verstorbenen israelische Drehbuchautorin und Dramatikerin Anat Gov mit Katharina Stemberger und Wolf Bachofner als „wunderbare Komödie, klug, berührend und voller Überraschungen“. Naja. Der hier satirisch gezeichnete jüdische Gott – christliche „Ergänzungen“ fehlen völlig – ist allzu anthropomorph geraten. Die Komik speist sich hauptsächlich daraus, dass es bei dem mit sich hadernden Therapieklienten sehr „menschelt“, er weinerlich, zornig, frustriert ist, mit seiner Allwissenheit angibt und manchmal „Zaubertricks“ einsetzen will, die seiner Allmacht Hohn sprechen. Mir war das zu oberflächlich
Dass bei all dem Kenntnisse des Alten Testaments vorausgesetzt werden, störte mich als Theologe weniger als meine davon müde werdende Liebste. Und etwas aufgesetzt wirkt das „kitschige, Rosamunde-Pilcher-artige Happy End“ (Kronen Zeitung) zum Schluss mit Regen für die dürstenden Pflanzen und Cello-Tönen vom autistischen Kind der Therapeutin.

Ausstellung „Noble Begierden“, Gartenpalais Liechtenstein, 16.2.26 ****

Unter dem Titel „Noble Begierden“ zeichnet das Wiener Palais Liechtenstein die Geschichte des europäischen Kunstmarkts nach. Die Adresse passt, war doch das Fürstenhaus über Jahrhunderte voll von kundigen Sammlern und besitzt heute eine der größten privaten Kunstsammlungen in Europa. Laut dem Schweizer Wirtschaftsmagazin „Bilanz“ beziffert sich der Wert der Fürstlichen Sammlungen auf vier Milliarden Euro. In den quer durch die Kulturgeschichte ausgerichteten Ausstellungsräumen im pompösen Wiener Gartenpalais der Liechtensteins bietet die Schau schlaglichtartige Einblicke von der griechisch-römischen Antike über die italienischen Stadtstaaten der Renaissance und das Goldene Zeitalter der Niederlande „bis hin zu sensationsheischenden Präsentationen und transatlantischen Verkäufen im 19. Jahrhundert“. Die Exponate dazu stammen nicht nur aus eigenen Beständen – u.a. von Brueghel, Rembrandt und Canaletto -, es finden sich auch hochkarätige Leihgaben von Arbeiten eines Tizian, Van Dyck, Daumier, Monet und Klimt.

Schon im Alten Rom galt griechische Kunst als Leitkultur, die gern imitiert wurde

Sukkus der Gratisführung bei dichtem Schneefall draußen vor den Fenstern: Kunst war immer schon auf Gönner, Financiers, Sammler und Händler angewiesen, war neben ästhetischem Genuss immer schon Statussymbol und Investment. Zu sehen sind u.a. Porträts des Londoner Auktionshaus-Gründers James Christie und des Wiener Kunstvermarkter Karl Sedelmeyer, der die riesigen Gemälde des ungarischen Malers Mihaly Munkacsy wie in einem Kinosaal einem Millionenpublikum zugänglich macht – für gutes Geld, versteht sich.

Eines der großformatigen Gemälde Munkacsys, den Kaiser Franz Joseph adelte und Sedelmeyer fix angestellt hatte

Spannend im Hinblick auf eine kommende Flandern-Reise: Im Antwerpen des 17. Jht.s gehörte es zum guten Ton, in den repräsentativen Häusern der besseren Gesellschaft durchschnittlich drei Dutzend Gemälde aufzuhängen. Und auch im Bürgertum vergangener Generationen zeigte man gern Kulturbeflissenheit durch Stillleben, Landschaften und Hubertusjagdszenerien; heute dominieren eher Fotografien und Nachdrucke moderner Ikonen wie Rothko, Mondrian oder Kandinsky.

Ein idealisiertes Werkstattbild: der Künstler in Selbstinszenierung

Dinner in the Dark, Vier Sinne, 1160 Wien, 30.1.26

Ein viergängiges Menü in völliger Dunkelheit – und das drei Stunden lang – mein Weihnachtsgeschenk für Claudia verhieß kulinarische Freuden mit allen Sinnen minus einem. Nach einem Aperitif hielten wir uns an der Schulter der blinden bzw. stark sehbehinderten Servierkräfte Emre und Sabina fest und wurden zu unserem Tisch 11 im stockfinsteren Speiseraum geleitet. Darauf zu ertasten. Besteck und Serviette, zwei Trinkgläser, ein Brotkorb, eine Wasserschale zum – falls nötig – Fingerreinigen.
Die Vorspeise wurde gleich zum schwierigsten Gang. Denn das Ratatouille mit Büffelmozzarella glitt beim Aufschaufeln leicht über den Tellerrand, Claudia brauchte gleich mal eine weitere Serviette. Leichter ging’s mit der Suppe, über die ich mich tief beugte, um nur ja nichts zu verschütten.
Das Trinken – Wasser und Weißwein bzw. Radler – funktionierte auf Anhieb. Ein von Emre halb gefülltes Glas zum Mund zu führen, war ja auch nicht sonderlich schwierig. Auch der Gruß auch der Küche, ein fruchtiges Zitronensorbet, bereitete ungetrübtes Vergnügen. Dann der Hauptgang: Hühnerfilets, Fisolen und Kartoffelpüree, ich ließ das Messer weg und biss vom auf der Gabel aufgespießten Fleisch. Dann gab’s eine Aufgabe für die Gäste. Ein Stückchen Fimo kneten zu etwas, das dann gebrannt wurde – mein blind geformter Stern sah gar nicht so übel aus. Eine leckere Creme mit Himbeeren und Grappa bwz. Baileys rundeten das Menü ab.
Ich staunte über die Tritt- und Serviersicherheit der beiden Bedienenden, die sich gleich die meisten Namen der 30 Gäste merkten und auch für netten Smalltalk sorgten. Wir durften zu den Stimmen das passende Alter raten und irrten uns bei Sabina gewaltig: Die aus Afghanistan stammende Frau ist erst 17 und hatte an dem Tag ihre Deutschmatura bestanden. Emre ist türkischstämmig und bereits 31 Jahre alt.
Claudia und ich hatten beide vor Jahren bereits ein derartiges Dinner erlebt. Sie war anfangs skeptisch, die Zeit von 18.30 bis 22h im Finsteren verging dann aber recht schnell. Ein be-merkenswerter Abend.

Ausstellung „GOTT HAT KEIN MUSEUM. Aspekte von Religion in Kunst der Gegenwart“, KULTUM Graz *****

Endlich nachgeholt: Besuch bei der an meinem Geburtstag eröffneten und noch bis 11. Juli zugänglichen Jubiläumsschau zu 50 Jahre KULTUM, der Topadresse in Österreich für Brückenschläge zwischen zeitgenössischer Kunst und Christentum. „GOTT HAT KEIN MUSEUM“ ist programmatisch und war bereits bei Johannes Rauchenbergers dreibändiger Bestandsaufnahme von Religion in der Kunst des 21. Jht.s titelgebend. Wer im ehemaligen Grazer Minoritenkloster museale Bildtradition mit Gott als zwei Männer und einer Taube, einer gläubig schicksalsergebenen Madonna oder einem triumphalistisch (?) leidenden Gekreuzigten sucht, ist hier fehl am Platz. Gott entzieht sich jeder Musealität, und bei so manchem Exponat stellte sich (wohl nicht nur mir) die Frage: Was hat das mit Religion/Gott zu tun?

Saukalt war’s an diesem Wintertag am Dachboden des KULTUMs. Dennoch. Unbedingt rauf!

Dass Gott/Christus in der heutigen Gesellschaft zum großen Abwesenden wurde, zeigt sich z.B. in einem Dutzend Kreuzigungsszenen, die das Künstlerpaar „zweintopf“ als Puzzle (siehe Fotos unten) zusammengesetzt hat. Jesus bleibt dabei aber jeweils ausgespart, unsichtbar, unerkannt vielleicht. Er fehlt, würde Martin Walser sagen. Ganz offensichtlich und zugleich ironisch gebrochen ist die Absenz Gottes auch in Werner Reiterers „Altarentwurf“: Gezeigt wird „Gottes Schreibtisch“ mit zurückgelassenem Handy, einem abgelegten Heiligenschein und einer lapidaren Notiz auf einem Zettel: „Will be back in 5 minutes. God“. Wann er/sie wiederkommt, und ob überhaupt, bleibt offen. Religion als Tabula Rasa, sprichwörtlich wie auch buchstäblich im Letzten Abendmahl – „Ultima Cena“ – von Julia Krahn: Ein großer, nur mit einem weißen Tuch bedeckter Tisch und der darauf sitzenden Taube (Heiliger Geist?) bietet nichts Einladendes oder gar Nahrhaftes. Kein Wunder, dass auf dem Foto auch Fußabdrucke einer Weggehenden zu sehen sind.
Subtil Guillaume Bruères wie hingekritzelt wirkende Golgatha-Szene mit drei Gekreuzigten. Über dem linken steht „GOTT WO BIST ICH?“ Ich statt du – wer diese Frage stellt, ist selbst ein mit (Fall-)Fehlern behafteter Verlorengegangener, der sich (und Gott?) erst finden muss.

Wie sagte Bischof Hermann Glettler, der mit seinem Geflecht aus verschweißten Sargkreuzen selbst in der Ausstellung vertreten ist, bei der Eröffnung am 26. September 2025? Das KULTUM sei ein Ort, in dem für die Gläubigen, Suchenden und Zweifelnden genügend Platz sei. Auch ich von Gott etwas Entfremdeter suche nach Halt in dieser haltlosen, wertarmen Ära – und will mich dabei, wie im „Kultum“, irritieren und provozieren lassen. Jesus macht dabei keinen Druck. ER HAT ZEIT, dachte ich mir bei Manfred Erjautz‘ kühner Installation „Your Own Personal Jesus“, bei der Corpus und Arme Christi zu Turmuhrzeigern werden. Einer von vielen Exponaten im KULTUM, das zum Nach-Denken einlädt. Und je länger ich das tue, umso kostbarer erscheint mir die Schau.

Der Corpus Christi als Uhr. Dreht sich alles um ihn? er sich um alles? Jedenfalls höchste Zeit, um…

Besuch im Hamam Baden, 23. Jänner 2026

Es ist mehr als 40 Jahre her, dass ich einmal ein Hamam, ein türkisches bzw. orientalisches Bad, besuchte. Das war im Rahmen einer österlichen Türkeireise mit meinem Freund und Mitbewohner Fips/Friedrich, der heute Märchenerzähler ist und lieber Frederik heißt. Die Behandlung in der heißen Nässe im Hamam in Bursa war … wie soll ich es nennen … streng. Soll heißen, ein großer, schwerer Kerl widmete sich mit Seife, Abrubbeln, Dehnen und Massage (bei der er mit dem Fuß auf meinen Rücken trat) meinem noch jugendlich sportlichen Körper. Danach fühlte ich mich wie gerädert – und dennoch erstaunlich wohl.

So auch diesmal, wenn auch weniger grob, bei der Einlösung des Weihnachtsgeschenks von Claudia in – wie passend – Baden bei Wien. Wir gewöhnten uns erstmal, nur mit einem Tuch bekleidet, eine Dreiviertelstunde lang an die dampfbadähnliche Wärme. Dann wurden wir auf einer steinernen Liegefläche jeweils von einem Bademeister verwöhnt: Unsere durch die Hitze geöffneten Poren rieben die beiden mit einem Peeling-Handschuh kräftig ab, um abgestorbene Hautschuppen zu entfernen. Danach wurden wir eingeseift, ja vollständig von Schaum umgeben, und erneut kräftig massierend gewaschen und gedehnt.

Ich sah und hörte bei all dem nur eingeschränkt. Meine 7-Dioptrien-Brille lag ja in der Umkleidekabine, im Feuchtraum dominierte Wasserglucksen und orientalische Entspannungsmusik. Den letzten „Gang“ vor dem Entspannen im Ruheraum bildete eine Ganzkörperölung mit „Hamam Spezial“. Zur Liege brachte uns der Gastgeber dann Minzetee und Trockenfrüchte. Ich gönnte mir nach einer Weile noch eine etwa halbstündige Rückenmassage, deren Qualität jedoch nicht an die davor geschilderte Zeremonie („Badegang 1001 NACHT“ um je 112.-) heranreichte.

Die Hamam-Tradition im Vorderen Orient bzw. im ganzen arabischen Raum reicht angeblich bis in die umayyadische Periode (7./8. Jahrhundert) zurück. Schwitzbäder wie die Sauna in den skandinavischen Ländern und im russischen Raum oder die römischen Thermen gibt es seit Jahrtausenden. Und wie die Saunen haben auch Hamams eine enorme Bedeutung bei der Pflege sozialer Kontakte. Uns hat’s jedenfalls gefallen, und das Körpergefühl nach den paar Stunden in Baden war wohlig angenehm.

„Der Krieg der Knöpfe“, Volksoper, 28.12.2025 ****

Ein „Musiktheater-Abenteuer für die ganze Familie“, das ist doch etwas, das ich meine n drei Enkeln zu Weihnachten als gemeinsame Unternehmung schenken könnte – noch dazu mit einem Stoff, den ich noch von dem berühmten Film „La Guerre des Boutons“ von Yves Robert aus dem Jahr 1962 kannte. Und die Vorlage ist noch bedeutend älter, nämlich der gleichnamige Roman von Louis Pergaud aus dem Jahr 1912. 113 Jahre später die musikalische Bühnenversion des seit Generationen lodernden Konflikts zwischen zwei kleinen französischen Dörfern, den die jeweiligen Kinder mit einer speziellen Form der Erniedrigung anfachen: Den Unterlegenen im regelmäßig ausgetragenen Raufhandel werden sämtliche Knöpfe ihrer Kleidung abgeschnitten, wodurch die Buben auch zu Hause noch eine auf den Deckel kriegen.

Garniert ist dieses Geschehen u.a. mit Klassikern des französischen Chansons. So werden Joe Dassins „Les Champs-Élysées“ und „Paroles, paroles“ von Dalida/Alain Delon irgendwie in die Handlung eingebaut.

Kinder dominierten auf der Bühne und im Publikum der Volksoper

Gabriel (13), Jakob (11) und Nathan (9) saßen gebannt auf ihren Sitzerhöhungen, die fünf Viertelstunden wurden ihnen nicht zu lang. Und auch ich fand die Aufführung von Regisseurin Johanna Arrouas (die spontan für eine erkrankte Schauspielerin einsprang) charmant. Etwas störend fand ich, dass die an sich sehr gute Band oft leise weiterspielte, während die Kinder auf der Bühne – dann schwer verständlich – neue Pläne wälzten. Und ja – vielleicht würde dem Stoff („Die im Nachbardorf haben jetzt ein Telefon, wozu soll das denn gut sein?!“) eine behutsame Aktualisierung guttun.

„Killing Carmen“, Volksoper, 17.12.2025 *****

Die Bar von Lillas Pastia 13 Jahre nach den in der Bizet-Oper erzählten Ereignissen. Statt Remmidemmi mit einer tanzenden, singenden, trinkenden Carmen im Mittelpunkt nun tote Hose mit lediglich drei in Erinnerungen schwelgenden Gästen: Leutnant Morales, einst umsonst bemüht um die Gunst des rassigen Vollblutweibs, ebenso der ehedem ruhmreiche, zum düsteren Trankler herabgesunkene Torero Escamillo und die früher in Don José verliebte Micaëla. Die drei fanden sich ein, um Zeugen der Hinrichtung des seit 13 Jahren einsitzenden Eifersuchtsmörders der Carmen zu werden – und die Vergangenheit wieder aufleben zu lassen.

Damit werden Carmen und ihr Kurzzeit-Lover Don José auf der Bühne wieder lebendig, es beginnt ein Wechselspiel zwischen der Jetztzeit und dem unvergessenen Drama, wobei letzteres den Großteil des Dargestellten einnimmt. Das bekannte Ende mit den Schüssen des Verschmähten auf Carmen und der Todesglocke für den dafür Hingerichteten kommt nach fast zwei Stunden dann etwas abrupt.

Dem Publikum gefiel’s – und mir auch

Davor sorgen aber der französische Opernstar Katia Ledoux (Carmen), Stefan Cerny mit beeindruckendem Bass, Musical-Sänger Anton Zetterholm (Don José) und die Schauspieler Florian Carove (Morales) und Julia Edtmeier (Micaëla) für ein kurzweiliges Programm. Das Operngenre wird dabei oft wohlklingend zugunsten von Jazz, Flamenco, Musical, Chanson und Pop verlassen, einige gute Inszenierungsideen sorgen für Heiterkeit und Abwechslung.

Mir gefiel Nils Strunks bunte Regie-Mischung aus Operntradition und moderner Adaptierung, die beteiligten Musiker (Piano/Akkordeon, Trompete, Schlagzeug) überzeugten. Dass Carmen die Geschichte eines Femizids an einer Frau erzählt, „die mit den Männern spielt“, wie von meinem Freund Heinrich kritisch eingewendet, stört mich gar nicht. Vielleicht gehe ich Opernmuffel auf meine alten Tage ja noch ein paar weitere Male in entsprechende Musiktheatersäle – meine Premiere in der Volksoper machte Lust darauf.

Lesung „Literatur im Dialog: Bernhard“, Radiokulturhaus, 29.11.2025 *****

Zum zweiten Mal „Literatur im Dialog“ im Radiokulturhaus. Diesmal im Mittelpunkt der Lesungsreihe mit den Schauspieler:innen Nicholas Ofczarek und Tamara Metelka sowie dem Violinisten Nikolai Tunkowitsch: Thomas Bernhard. Und ich nehm’s vorweg: Es wurde viel unterhaltsamer als der Abend mit/über Kafka.

Ein schönes gemeinsames Projekt des Paares Ofczarek/Metelka: Literatur im Dialog, ORF-Radiokulturhaus

Im Mittelpunkt stand »Der österreichische Staatspreis für Literatur«, den Thomas Bernhard in den 1960er-Jahren aus den Händen des damaligen Kulturministers im ÖVP-Alleinregierungs-Kabinett Josef Klaus, Theodor Piffl-Perčević. Diese Ehrung empfand der Literat als Demütigung, denn es war – wie Ofczarek mehrmals aus Bernhards posthum erschienenem Text „Meine Preise“ vorlas – der kleine, für vielversprechende Talente gedachte Staatspreis und nicht der große, für ein Lebenswerk verliehene. Bernhard war zum Zeitpunkt der Auszeichnung bereits 37, aber jung genug, um das Geld zu brauchen: Die 25.000 ausgelobten Schilling waren ihm willkommen, um Schulden zu tilgen.

In der ihm auferlegten Dankesrede, zu der ihm lange nichts einfiel, sagte Bernhard u.a.: Der Staat ist ein Gebilde, das fortwährend zum Scheitern, das Volk ein solches, das ununterbrochen zur Infamie und zur Geistesschwäche verurteilt ist. Piffl-Perčević verließ wegen dieser Beleidigung Österreichs daraufhin in großer Erregung die Festveranstaltung. Der Skandal war perfekt.

Thomas Bernhard ist ein literarischer Lästerer, ein scharfsinniger Querulant, ein Übertreibungskünstler, den ich im Germanistikstudium und danach links liegen ließ. Aber sein Rückblick auf die Nestbeschmutzung anlässlich einer Preisverleihung ist fast 60 Jahre danach noch immer höchst witzig und entlarvend hinsichtlich des problematischen Verhältnisses von Kunst und Politik in Österreich. Künstlingswirtschaft?

Lisette Model, Retrospektive. Albertina ****

Und wieder mal ein Beweis, was für einen fatalen Aderlass an Kreativität und Intellektualität das NS-Terrorregime in Österreich verantwortete: Die aus einer jüdischen Wiener Familie stammende Lisette Model (1901–1983) wurde erst nach Frankreich, dann in die USA vertrieben. Heute gilt sie als eine der einflussreichsten Fotografinnen des 20. Jahrhunderts. Die noch bis 22. Februar 2026 geöffnete Ausstellung in der Albertina zeigt eine umfassende Retrospektive ihrer wichtigsten Werkgruppen von 1933 bis 1959. Etwa eine Fotoserie von der Promenade des Anglais in Nizza, auf der in den 1930ern die gelangweilte Haute volée in demaskierenden Posen abgebildet ist. Models Fotos erschienen 1941 in Harper’s Bazaar in den USA unter dem provokanten Titel „Why France Fell“.

Weitere Serien zeigen Badende auf Coney Island, die triste soziale Realität auf der Lower Eastside, Studien über Jazz-Stars wie Billie Holiday oder Ella Fitzgerald oder Opernbesucher:innen in San Francisco. Vielen Bildern stünden heute Datenschutzbestimmungen entgegen, denn die Abgebildeten würden gegen ihre für sie wenig vorteilhafte Zurschaustellung protestieren. Dabei finde ich gerade diese Charakterköpfe und ihre Lebens-Haltungen so interessant.