“Onkel Wanja – Die Sitcom”, nach Anton Tschechow, Theater Bronski & Grünberg*****

Seit nunmehr zehn Jahren besteht das Offtheater Bronski & Grünberg im 9. Wiener Bezirk, und das abseits meiner Aufmerksamkeit. Dabei heimste das Ensemble mit ironischen Neubearbeitungen klassischer Stoffe wie “Romeo und Julia” oder “Die Räuber” viel Lob bei Kritik und Publikum ein. So auch “Onkel Wanja – Die Sitcom”. Anton Tschechows Datscha auf dem Land (weil das Leben in der Stadt viel zu teuer ist) verlagert die Inszenierung von Stefan Lasko in eine Stadt-WG mit vielen Accessoirs aus den 1980er-Jahren.
Worum es geht, ist oft nicht so klar – und auch nicht wichtig. Die sechs Mimen sind mit anarchischer Spielfreude und pseudo-russischem “Akzjent” am Werk, der Text von Sonja/Sunny-Darstellerin Julia Edtmeier sprudelt vor Vergnügen, die Regie sorgt mit alter Popmusik wie Xanadu samt Tanzeinlage und mit das Bühnengeschehen unterstreichenden Geräuschen für einen amüsanten Soundtrack.
Diese Sunny ist unglücklich in den Arzt und Naturkostverehrer Astrow verliebt, ihr Onkel “Wanni” ist ein desillusionierter Couch-Philosoph. dann gibt es noch den geldgierigen Professor und seine kesse junge Gattin Elena und den von seiner mit wechselnden Liebhabern auf Zypern weilenden Gattin gehörnte Tölpel Telegin. “Höhepunkt” der Handlung ist ein vermeintlicher Lottogewinn Wannis, der die drohende Delogierung aus der kleinen WG-Wohnung abwenden könnte, und Schüsse aus Wut über den damit drohenden Professor. Aber wie gesagt – die Story ist nicht so wichtig. Denn in einer Sitcom mit Applaus vom Band kommt immer wieder alles zur Ausgangssituation zurück. Und dafür eignet sich ein Tschechow-Stück ja bestens.

Im kleinen Theatersaal des Bronski & Grünberg ist man nah am schrillen Geschehen – und unterhält sich bestens

“Picasso Bacon. What It Feels Like to Be Human”, Albertina, 20.10.2026 ****

Ich bin ja kein großer Picasso-Fan, ich gesteh’s. Die karnickelhaft enorme Produktivität des großen Kubisten aus Malaga und sein Dekonstruktivismus v.a. weiblicher Körper trotz seiner überbordenden Libido (s. unten Bild 3) lassen meine Begeisterung für sein Oeuvre überschaubar bleiben. Für Francis Bacon war das offenbar anders. Unter dem Eindruck Picassos fasste der 1909 – 28 Jahre nach Picasso – in Dublin geborene Brite den Entschluss, als Autodidakt Maler zu werden.

Vor einem Triptychon von Francis Bacon

Die Albertina zeigt in ihrer aktuellen Sonderausstellung “die beiden bedeutendsten figurativen Maler des 20. Jahrhunderts”, wie sie stolz mitteilt, in einer Gegenüberstellung. Und auch wenn ich mir wohl kein Bild der beiden in meine Wohnung hängen würde, hat das durchaus ihren Reiz. Zu sehen sind deformierte menschliche Leiber, in denen sich Eros und Thanatos begegnen und die Gewalt des 20. Jht.s zum Akt wird. Bei Bacon kommt noch seine Außenseiterrolle als Homosexueller dazu, die zu vielen oft ungeschönten, deprimierenden Antworten auf die Frage “What It Feels Like to Be Human” führt.
In ihren verzerrten Darstellungen zeigen beide, Picasso und Bacon, Schmerz, Begierde und Verletzlichkeit und halten der modernen Seele einen Spiegel vor. Themen wie Kreuzigungen, Schreie, Stierkampf offenbaren für beide das Drama des Lebens.

Werke von Papblo Picasso sah ich bereits bei mehreren Gelegenheiten, oft auch seine Kriegsbilder aus Guernica (Bild 4), aber Francis Bacon war eine Entdeckung für mich. Vor allem seine abgründigen Arbeiten aus der späten Schaffensphase waren eindrucksvoll: Porträts seiner engsten Freunde und seiner selbst (Bild 1), Papstbilder, in denen er seine konfliktreiche Vaterbeziehung verarbeitete, Kreuzigungsdarstellungen. Bacon war hochgebildet, Alkoholiker, Lebensgefährte des zwielichtigen George Dyer (auf Bild 2 ein Liebesakt-Ringkampf mit ihm). „Es gab so viel Krieg in meinem Leben“, bekannte er in seinem letzten veröffentlichten Interview drei Monate vor seinem Tod in Madrid, wo er sich anlässlich einer Velazquez-Ausstellung aufhielt.

Programm “Wow!” im Zirkus Knie, 20.9.2026

Zirkus mit Tierdressur mag sie nicht, sagte meine Liebste und folgte der Einladung unserer Freundin Martina, die Gratistickets für den bei der U1-Station Altes Landgut gastierenden Zirkus Knie hatte, nicht. Ein Fehler, denn erstens kam das Programm “Wow!” der seit mehr als 200 Jahren bestehenden Ziskusdynastie ohne Tiernummern aus, und zweitens waren einige der Darbietungen sehenswerte Akrobatik auf höchstem Niveau. Z.B. amüsierte uns eine Slapstick-Trapeznummer mit einem Kraftprotz und einem “Zniachtl”, wie Martina es ausdrückte, die nach einigen Fehlversuchen, überhaupt auf das hoch hängende Gerät zu gelangen, mit gut koordinierter Geschicklichkeit überraschte. Oder ein Rollschuhfahrerpaar, das auf einer winzigen Plattform Halsbrecherisches zum Besten gab. Oder ein anderes Paar, das auf zwei Seilen vom Zirkuszeltdach Körperbeherrschung mit Anmut verband; der Mann bewahrte seine biegsame Partnerin teils mit den Fußschaufeln vor dem Absturz in die Tiefe. Oder die spektakuläre Wippennummer zum Schluss: Zwei Kerle sprangen auf ein Brett und katapultierten eine Akrobatin hoch in die Luft, genau auf die Schultern eines Kollegen oder einen meterhoch oben von einem Muskelmann gestemmten Sitz. “Wow!” war dazu der passende Kommentar.

Die Blonde in der Bildmitte wird gerade hoch nach oben auf die Schultern ihres Kollegen katapultiert.

Die Knies haben übrigens österreichische Wurzeln. Den Grundstein legte Friedrich Knie, Sohn des Leibarztes der Kaiserin Maria Theresia im Jahr 1806. Sieben Generationen folgten. Louis Knie sen. übernahm 1993 den Österreichischen Nationalcircus Elfi Althoff-Jacobi, aktuell regiert sein Sohn Louis jun. Ad multos annos!

Kellergassenführung in Oberkreuzstetten, 19.9.2026

Wer (wie ich) schon einmal im Frühjahr zur Rapsblütezeit durch das Weinviertel geradelt ist, weiß, wie schön diese unterschätzte Region Österreichs ist. Besondere Perlen darin sind Kellergassen, also oftmals als Hohlweg ausgebildete, gepflasterte Gassen mit Weinkellern und Presshäusern an beiden Seiten (seltener nur an einer Seite). Eine besonders schöne Kellergasse befindet sich in Oberkreuzstetten, in die Claudia und mich unsere “georgische Freundin” Helga lotste, weil dort ein alter Bekannter von ihr, der zertifizierte Kellergassenführer Alois Ullmann sein umfassendes Wissen über dieses Kulturgut ausbreitete.

Die prachtvolle, liebevoll restaurierte Kellergasse von Oberkreuzstetten

In Niederösterreich gibt es etwa 1100 Kellergassen in 181 Gemeinden. Die längste davon in Hadres nahe der Grenze zu Mähren mit einer Länge von 1600 Metern und 400 Kellern und Presshäusern. Die Kelleranlage in Oberkreuzstetten zeichnet sich dadurch aus, dass Alois Ullmann (zu sehen unten auf Bild 1) nicht nur pensionierter Mitarbeiter der Bundestheater (damals für Bühnenbilder zuständig) ist, sondern auch kundiger Baumeister, der in den vergangenen Jahren einige der bis zu 200 Jahre alten Keller wiederbelebte, Treppen ins Erdreich (Bild 2) anlegte, “unter Tag” Gewölbe auftürmte (Bild 3) und dabei Tonnen von Erdmaterial (Löss!) bewegte.
Manche der dicht nebeneinander liegenden Kelleranlagen haben ein knapp unter Erdniveau liegendes Presshaus. Dieses wurde durch einen sogenannten Kellerhals mit dem weiter hinten liegenden eigentlichen Lagerkeller verbunden. Herr Ullmann lagert dort nur wenig Wein, viel mehr Fossilien und andere Fundstücke, auf deren Suche er sich nach Regenfällen macht – und immer wieder fündig wird. Paläontolog:innen sind regelmäßig bei ihm zu Gast, berichtete er.

“Kellermander” hielten sich oft tagelang – auch winters – in ihren Kellern auf, tranken, feixten, stritten und ließen den lieben Gott einen guten Mann sein. Das tat auch unser Grüppchen von 14 Personen nach der unterhaltsamen Führung bei einem Heurigen in Großrußbach gemäß der alten Weisheit „Essen und Trinken hoit Leib und Söö z’samm“ und stieß auf Peters Jungpensionisten-Geburtstag an.

Heimfahrt durch das schöne Weinviertel mit Blick auf die Kirche von Karnabrunn und den Abendhimmel

“Der Revisor” von Nikolai Gogol, Akademietheater, 10.9.26 ***

Die von Korruption verseuchte russische Gesellschaft der ersten Hälfte des 19. Jhd.s geißelt Nikolai Gogol in seiner 1836 uraufgeführten Komödie “Der Revisor”. Es geht um Chlestakow, einen jungen Mann aus St. Petersburg, der in einem Provinzgasthaus abgestiegen ist und aus Geldmangel seine Rechnung nicht bezahlt. Das macht das Gerücht umso glaubwürdiger, dass es sich bei ihm um einen Kontrolleur aus der Hauptstadt handelt, der inkognito die Machenschaften im Dorf unter die Lupe nehmen will. Alle diesbezüglich schuldigen Beamten der Stadt, allen voran der Stadthauptmann, stecken dem vermeintlichen Revisor nun bereitwillig Bestechungsgelder zu, um für vergangene Verfehlungen nicht zur Rechenschaft gezogen zu werden. Chlestakow hält dies zuerst für Großmut, begreift aber bald, dass man ihn verwechselt. Er spielt das Spiel weiter, verlobt sich sogar mit der Tochter des Stadthauptmanns, macht sich danach aber aus dem Staub. Die Dorfgrößen sehen sich übertölpelt – und sehen zuletzt der Ankündigung des echten Revisors entgegen.
Die Inszenierung der Slowenin Mateja Koležnik im Akademietheater steigert das Groteske der Verwechslungskomödie bis hin zum Klamauk, und das mit einem Bühnenbild mit einem Allzweckturm in der Mitte, das Rätsel aufgibt. Meine Liebste, die die verbilligten Theaterkarten kurzfristig erwarb, fand an dem parodistisch-überzeichneten Bühnengeschehen viel Gefallen; ich deutlich weniger. Ich hab’s lieber subtiler.
Und wie schon bei Brechts “Herr Puntila und sein Knecht Matti”, das wir vor dem Sommer im Burgtheater sahen, stellt sich bei mir ein grundsätzliches Theaterproblem ein: Ich verstehe die Dialoge schlecht, wenn sie – wie in diesen Inszenierungen – begleitet von Nebengeräuschen oder Musik weit hinten auf der Bühne gesprochen werden. Eine Alterserscheinung offenbar, die meine Freude an Theaterbesuchen trübt …
Wird Gogols demaskierender Revisor auch im heutigen Putin-Russland aufgeführt? Ja, mehrfach, wie ich der “Presse” entnehme. “Gogol” hat übrigens auch etwas Maskenhaftes: Der Dichter wurde als Nikolai Janowski geboren, den Beinamen “Gogol” nahm die Familie an, um Kleinadelsprivilegien zu genießen.

Banksy Museum Brüssel, 23.8.26 *****

“The Banksy Museum in Brussels presents the largest ever collection of life-size murals by the Bristol-based street artist.” So eine Ankündigung zieht mich in die entsprechenden Schauräume, denn Banksy schätze ich, seit ich erstmals mit seiner subversiven und zugleich humorvollen Street Art bekannt wurde. Gewaltfrei gegen Kriegstreiberei und ihre Folgen, gegen politische Heuchelei, Nationalismus, Hass auf Minderheiten und Konsumismus-Auswüchse – das liegt ganz auf meiner Linie. Und dass das Magritte-Museum bei unserem Besuch in Brüssel geschlossen hatte, war ein Grund mehr, im eher unscheinbaren Backsteinhaus in der Rue de Laeken 28 vorbeizuschauen.
Und die EUR 12 für den Eintritt waren gut investiert, die englischen Erläuterungen unter den Exponaten informativ und knapp genug, dass mir deren Lektüre nicht zu viel wurde. Banksy, dessen Identität noch immer nicht zweifelsfrei entlarvt ist, braucht auch keine langen Erklärungen. Seine Arbeiten sprechen für sich selbst. Voilà:

Burgtheater: Sonderführung Klimt-Deckengemälde, 11.8.26

Auch wer – so wie ich – seit 40 Jahren im Raum Wien lebt, lernt über diese einst bedeutende Hauptstadt eines Weltreiches nicht aus. Zum Beispiel das im Oktober 1888 mit Grillparzers Esther und Schillers Wallensteins Lager eröffnete k. k. Hofburgtheater am Ring gegenüber dem Rathaus. In den beiden Jahren davor gestalteten Gustav Klimt, dessen Bruder Ernst und Franz Matsch die Deckengemälde in den beiden Stiegenhäusern des im Historismus errichteten Baus von Gottfried Semper und Karl von Hasenauer. Der später weltberühmte Jugendstil-Maler stand damals am Beginn seiner Karriere, war zu Beginn der Arbeiten erst 24, sein früh verstorbener, ebenfalls künstlerisch hochbegabter Bruder gar erst 22. Franz Matsch war ihr Kollege an der gemeinsam besuchten Kunstgewerbeschule (heute. Angewandte) in Wien, gemeinsam nannten sie sich “Künstlerkompanie”.
Die drei davor schon für Aufträge in Rijeka und Karlsbad kooperierenden Künstler schufen insgesamt zehn großartige Gemälde – die den Besuchern der “Burg” heute meist entgehen. Denn sie befinden sich in luftiger Höhe nicht im Bereich des Haupteingangs des Theaters, sondern über den beiden seitlich gelegenen Logenstiegen: Die damals Franz Joseph I. vorbehaltene Kaiserstiege liegt im Trakt, der dem Volksgarten zugewandt ist, die Erzherzogstiege in jenem in Richtung Café Landtmann. Und Letztere ist aktuell wegen Renovierungen eingerüstet. Das öffnet ein Zeitfenster, in dem die Arbeiten der Klimts aus nächster Nähe betrachtet werden können.

Und das lohnt sich: Für die Erzherzogstiege schuf Gustav Klimt eine Szenerie des Antiken Theaters Taormina auf Sizilien (Bild 4), für die Kaiserstiege das Londoner Globe Theatre und die Schlussszene aus Romeo und Julia. Über dem Eingang zum Zuschauerraum ist Der Eingebildete Kranke Molières zu entdecken. Auf dem Bild Shakespeares Globetheater sind alle drei Künstler als Theaterbesucher verewigt, es zeigt somit auch das einzige gemalte Selbstportrait von Gustav Klimt. Zu sehen sind die drei auch auf einem der erst viel später entdeckten „Klimt-Kartons“ (Bild 3), Entwurfskizzen der Originale, im Angelika Prokopp Foyer bzw. Klimtraum.
Die “Künstlerkompanie” verewigte sich später auch im Kunsthistorischen Museum. Die Klimts und Matsch schufen 1891 “Zwickel- und Intercolummnibilder” über die großen Epochen der Kunstgeschichte für Flächen, die zwischen den Bögen und Säulen im großartigen Stiegenhaus des Museums frei geblieben waren. Diese Arbeiten waren das letzte bedeutende Werk der Künstlerkompanie. Nach dem Tod von Bruder Ernst, 1892, beendete der darüber tief erschütterte Gustav Klimt die Zusammenarbeit mit Matsch.
Jetzt heißt es schnell sein: Die Führungen im Burgtheater enden mit August!

Richard Prince, Fotoausstellung Albertina, 10.8.2026 ***

Als Besitzer einer Bundesmuseenkarte besuche ich auch Ausstellungen von Künstler:innen, von denen ich noch nie etwas gehört habe. Wie zuletzt von Richard Prince, einem US-amerikanischen Maler und Fotografen. Er wird der Appropriation Art zugeordnet, ist also ein Künstler, der Werke anderer kopiert – wobei der Akt des Kopierens und das Resultat selbst als Kunst verstanden werden sollen. Sonst wäre es ja Plagiat oder Fälschung.
Die Albertina widmet dem heute in New York lebenden Prince eine Schau, in der seine bekannteste Arbeit zu sehen ist: die 1980–1987 entstandene Serie „Cowboys“, die aus fotografierten Ausschnitten von Marlboro-Anzeigen besteht. Auch anderen trivialen Mythen der amerikanischen Alltagskultur widmet er sich, in Serien mit Motorradgangs bzw. sich auf heißen Eisen räkelnden Halbnackten sowie Modefotografien. Nun ja.

Kopie-Kunst. War nicht so meins, nicht mal der Cowboy im Hintergrund.

Auf Wikipedia erfahre ich, dass Prince dafür kritisiert wurde, “Bilder aus dem Internet bzw. Instagram mit dem Handy abzufotografieren, zu vergrößern und für ca. 90.000 $ zu verkaufen, ohne die Fotografen am Gewinn zu beteiligen”. Wenn das stimmt: Shame on you, Mr. Prince!

La Strada Graz, 5./6./7. August 2026

Ich liebe Graz. Hab dort als Student eine der schönsten Phasen meines Lebens verbracht. Bezeichne die Stadt auch 40 Jahre danach noch als meine sentimentale Heimat. Und besonders liebenswert ist die Stadt, wenn es im Sommer wieder “La Strada” heißt. Und diesmal war ich bei diesem “internationalen Festival für Straßenkunst, Figurentheater, Neuen Zirkus und Community Art” dabei, zumindest an drei Tagen.

Ein Höhepunkt: Das kanadische Ensemble Le Patin Libre im Grazer Augarten

Ich nahm an fünf Veranstaltungen teil. Gleich am ersten Abend sorgte die bläserdominierte Compagnie du Coin für Anarcho-Lebensfreude (Bild 1). Auf dem Freiheitsplatz bahnten sie sich mit treibenden Grooves Wege durch das Publikum und bezog dieses immer wieder mit ein.
Ein Höhepunkt am nächsten Vormittag im Augarten: Das kanadische Ensemble Le Patin Libre (Bild oben und 6), die im Augarten ihre Eiskunstlaufkünste mit Rollerblades auf einer ca. 10 x 20 m großen Plattform übersetzten. Ihr Programm “In “Wheels & Cello” bot im musikalischen Dialog mit einem Cellisten ein harmonisches, virtuoses Zusammenspiel von Klang und Bewegung.

Im Atelier Jungwirth am Opernring sodann eine Ausstellung der dänischen Performance- und bildenden Künstlerin Nana Francisca Schottländer, die am Dachsteingletscher Fotos anfertigte mit einem reizvollen Kontrast. Zu sehen: ihr nackter Körper und die schroff-karge Hochgebirgslandschaft. Dort außerdem die Ausstellung Signal vom Dachstein. Eine Landschaftsoper. Sirenengesang aus Lautsprechern auf dem Gletscher (Bild 5), Almszenen in den umliegenden Tälern, dort heimische Poeten wie Bodo Hell und Barbara Frischmuth (beide inzwischen im Jenseits).
Für verblüffende Geräusche sorgte auf einem Rundgang vom Jakominiplatz durch die Grazer Innenstadt die Gruppe Décor Sonore – und das ganz bewusst ohne Elektrizität, nur mit Schalltrichtern (Bild 4). Die machten aus Lichtsäulen, Einkaufswagen und Fahrradfelgen Klang und Rhythmus.

Mein letzter Vormittag gehörte dem israelischen Clown Anatoli Akerman (Bild 3) und seinem Assistenten Christoph Schiele. Ihr Programm Splinters bot Tollpatschiges, “Zaubertricks”, Publikumsbespritzungen, Wortwitz, aber auch beeindruckenden Steptanz und Jongleur-Akrobatik. Ein Finale Furioso, das mich oft zum Lachen brachte. Schade, dass meine Gastgeber – Bruder Andreas und Familie – das versäumten.
Aber vielleicht nächstes Jahr wieder bei La Strada! [Bild 2 gehört nicht zum Festival, wohl aber zu meinem Besuch. Am ersten Abend Jazz und Weltmusik vom Trio JMO auf dem Mariahilferplatz]

Comix Art und Op Art in der Albertina modern, 30.7.2026 ***

Comics liebte ich schon, bevor ich lesen konnte. Meine Mutter abonnierte einmal für mich Vorschulkind einen Jahrgangsband von Micky Maus, damals noch in der genialen Carl-Barks-Übersetzung von Renate Fuchs (“Dem Ingenieur ist nichts zu schwör”). Hätte ich die 52 Hefte heute noch, könnte ich sie sicher zu enorm hohen Sammlerpreisen verkaufen.
Aber das nur nebenbei. Comics spielen spätestens seit der Pop Art eine wichtige Rolle (Roy Lichtenstein!) in der Bildenden Kunst. Die Albertina modern widmet sich dem in der aktuellen Ausstellung “KAWS. Art & Comix” über die Wechselwirkung von Comics, Bildergeschichten, Cartoons und Kunst. Der Fokus liegt dabei auf dem US-amerikanischen Künstler Brian Donnelly = KAWS und seinen x-äugigen Skulpturen und Figuren. Sie werden ergänzt durch das Schaffen anderer Künstler:innen, die mich meist deutlich weniger interessierten als die ausgewählten Arbeiten von Keith Haring, Brigitte Kowanz, Gottfried Helnwein oder Red Grooms. Von letzterem ist ein begehbarer New Yorker U-Bahn-Waggon mit skurrilen Gestalten zu sehen. Sehr witzig. Den Rest fand ich weniger ansprechend. Schrill, schräg, aufgesetzt provokant.

Oben mittig ein liegender KAWS, unten Grooms und eine Katholiken-Provokation.

Und weil ich schon im Haus war, gleich eine zweite Ausstellung: “VASARELY & ADRIAN. Dynamische Raster” präsentiert neben dem berühmten ungarischstämmigen Victor Vasarely, mit dem ich schon bei meiner BE-Matura zu tun hatte, den mir bisher völlig unbekannten Wiener Marc Adrian (1930-2008). Der Student der Wahrnehmungspsychologie nahm 1965 als einziger Österreicher neben Vasarely u.a. an der bahnbrechenden Op-Art-Ausstellung “The Responsive Eye” im Museum of Modern Art in New York teil. Dennoch sei Adrians vielgestaltiges Schaffen, obwohl “Ausdruck einer neuen Visualität”, “bis heute nicht in vollem Umfang gewürdigt”. An seinen Hinterglasbildern vorbeizugehen und dabei immer wieder andere Lichteffekte zu sehen, macht Spaß – zumindest bis zum fünften dieser Art.