Ganymed Areal, Baumgartner Höhe/Steinhof, 13.5.2026 *****

Nach dem von Zeus auf den Olymp entführten Lustknaben ist die Kulturveranstaltungsreihe Ganymed an verschiedenen Schauplätzen Wiens benannt – und nach der “Doppelconference” zwischen Natur- und Kunsthistorischem Museum im Jahr 2023 erlebten Claudia und ich diesmal eine Darbietungs-Perlenkette im Otto Wagner Areal auf der Baumgartner Höhe. Unter der Leitung von Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf wurden Kulturschaffende wie Monika Helfer, Milena Michiko Flasar, Franz Schuh oder Johanna Doderer, die Strottern und das Bläserensemble Federspiel eingeladen, Auftragswerke zu entwickeln. Thema waren, passend zur ursprünglichen Nutzung des weitläufigen Geländes als Landes-Heil- und Pflegeanstalt (damals in NÖ), Berührungspunkte zwischen Kunst/Literatur/Musik und Psyche. Der Ort ist als Psychiatrie-Schauplatz auch historisch belastet, nicht nur durch die Nazis, die in der „Jugendfürsorgeanstalt“ Am Spiegelgrund kranke, behinderte und „nicht erziehbare“ Kinder und Jugendliche medizinisch quälten und viele ermordeten.
Eine Patientin der Zwischenkriegszeit war Christine Lavant, die nach schweren Depressionen 1935 auf eigenen Wunsch in einer Nervenheilanstalt in Klagenfurt behandelt (und gedemütigt – wurde. Ihre posthum veröffentlichten “Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus” bildeten unsere Auftaktperformance durch Kathrin Grumeth, danach oblag der Besuch eines der weitere elf Schauplätze unserer Präferenz.

Claudia und ich schafften in den drei Aufführungsstunden acht der zwölf Angebote in verschiedenen Pavillons des Otto Wagner Areals, die wir der Reihe nach mit entlehnten Hockern aufsuchten. Z.B. die Darbietung “Der böse Geist” der Vargas-Schwestern aus Kuba über eine Form von Besessenheit in ihrer Heimat, ein Text von Monika Helfer über “Das andere Mädchen”, eine Außenseiterin, die dadurch besonders ist, dass sie lieber schreibt als spricht. Mitreißend das Blechbläser-Ensemble Federspiel, die mit ihren Instrumenten erst in Anstaltsbetten musizieren oder “Die Entdeckung des Gedankens” mit einem beängstigenden Einblick in die Auswüchse medizinischer Be- bzw. Misshandlung. In der Otto Wagner Kirche begab sich eine Art Auferstehung mit islamischem Gesang und Klarinettenspiel, und den packenden Abschluss bildeten in der ehemaligen Großküche die starken Frauenstimmen der Studierenden der MUK, die nahtlos in Franz Schuhs Gedanken über “Die Welt von morgen” übergingen, gesprochen von einer Comic-Version des Wiener Essayisten auf Leinwand.
Erlebnissatt verließen wir um 21 Uhr, vorbei an dutzenden Leuchtstäben zur Erinnerung an die Opfer des Spiegelgrunds, das Gelände. Die zweimal 49 Euro Eintritt haben sich gelohnt.

“WIEN 1900 – Alltag. Gesamtkunstwerk.”, MAK, 12.5.2026 ******

links: Koloman Moser, Schrank für die Ausstattung des Elternhauses des Künstlers, 1901; rechts: Josef Hoffmann, Armlehnstuhl, Werkbundausstellung Köln 1914; © kunst-dokumentation.com/MAK

Als Wien noch ein Nabel der Welt war und in Kultur und Wissenschaft einer der Top Spots weltweit war… Einen Einblick in die Zeit der Jahrhundertwende um 1900 in der Hauptstadt der damaligen Habsburger-Monarchie gibt die Neuaufstellung der MAK Schausammlung, mit dem das 1863 gegründete Museum am Stubenring den zeitgenössischen Künstler Markus Schinwald betraute. Und Wien war in der Epoche eines Otto Wagner, Josef Hoffmann, Kolomann Moser und anderen Vertretern der Wiener Werkstätte (Jugend)stilbildend. Der Rundgang durch die bis in kleine Details designten Schauräume und Exponate überrascht immer wieder mit einer Fülle an Kreativität und Geschmack in Bereichen wie Architektur, Design, Mobiliar, Bühnenbild, Schmuck und Bildende Kunst.
Und diese goldene Zeit strahlt, wie jüngste Verkaufszahlen von Meisterwerken Gustav Klimts zeigen, bis in die Gegenwart hinein. Klimt selbst ist übrigens mit Werkzeichnungen für die Ausführung eines Mosaikfrieses für den Speisesaal des (leider nicht öffentlich zugänglichen) Palais Stoclet in Brüssel vertreten.

Schon Klimts Entwürfe für das Palais Stoclet sind ein Meisterwerk; © kunst-dokumentation.com/MAK

Etwas später, nämlich 1925, angesiedelt ist der von Margarete Schütte-Lihotzky – berühmt für ihre ebenfalls im MAK zu sehende Frankfurter Küche – einen Raum für die Wiener Auftraggeberin Caroline Neubacher, in dem sich diese unbeobachtet zurückziehen konnte – keine Selbstverständlichkeit für Frauen vor 100 Jahren. Das MAK stellt den winzigen, aber ästhetisch ansprechenden Raum in den Kontext von Women’ Lib, konkretisiert durch den Selbstbestimmungs-Essay “A Room of One’s Own” von Virginia Woolf.

Klein, aber fein. Margarete Schütte-Lihotzkys Rückzugsraum für eine Wienerin

Es gibt auch sonst einiges im MAK zu entdecken, z.B. die Designsammlung im Untergeschoß oder die Ostasiensammlung, ich kam eigentlich wegen der im TV angekündigten Schlingensief-Ausstellung “Es ist nicht mehr mein Problem!”, war aber zu früh dran – es gab erst die Eröffnungs-PK, aber keinen Zutritt… ein guter Grund, bald wieder mal das MAK zu besuchen.

Besuch in der Villa Beer, 1.4.2026

Das viergeschoßige Villengebäude in der Wenzgasse 12 in Wien-Hietzing wurde in den vergangenen Jahren liebevoll renoviert und kann seit März im Rahmen von Führungen besichtigt werden – und das lohnt sich absolut, wie der Besuch von Claudia und mir an einem sonnigen Frühlingstag ergab. Die erst seit 1987 denkmalgeschützte Villa ist architektonisch eine Wucht, der von der wohlhabenden jüdisch-liberalen Familie Beer beauftragte Architekt Josef Frank gestaltete die rund 800 m² Wohnfläche mit unterschiedlichen Raumhöhen und Bodenniveaus, die auf die jeweiligen Bedürfnisse der Eigentümer wie auch der Bediensteten eingehen sollten, und designte auch das Interieur.

Der Haupteingang unter dem kubischen Erker, rechts daneben der Dienstboteneingang, links im Bild die Terrasse (dazu hier unsichtbare Balkone) mit Blick auf den herrlichen Garten

Anders als meine Vermutung wurde das Haus nicht arisiert. Julius Beer, Mitinhaber einer Kautschukfabrik, und seine Frau Margarete wollten einen geeigneten Ort für Empfänge und musikalische Abendveranstaltungen schaffen, bewohnten das Haus ab 1931 aber nur ein Jahr lang. Dann geriet Beer in finanzielle Schwierigkeiten und mussten vermieten – u.a. an damalige Musikgrößen wie Richard Tauber, Jan Kiepura mit Marcel Prawy sowie Marta Eggerth. Noch vor der Machtübernahme der Nazis wurde das Grundstück geteilt, die Villa versteigert und 1941 vom Textilunternehmer Harry Pöschmann erworben, dessen Familie hier wesentlich länger wohnte.

Man kann hier auch übernachten, in diesem Haus voller Treppen und unterschiedlicher Niveaus

Die Familie Beer emigrierte in die USA – bis auf die behinderte Tochter Elisabeth, die kein Visum bekam und dem NS-Rassenwahn zum Opfer fiel.
Der ebenfalls jüdisch-stämmige Architekt Josef Frank entwarf neben Familienwohnhäusern auch Gemeindebauten in mehreren Wiener Bezirken. Er emigrierte bereits 1933 nach Schweden und setzte als dortiger Staatsbürger sein Schaffen fort. Mit der Villa Beer hinterließ er Wien ein echtes Schmuckkästchen, das fast ein Jahrhundert nach der Entstehung noch modern und innovativ wirkt. Die Führung in der Karwoche stieß auf großes Interesse, rund 20 Personen unseres Alters nahmen tlw. mit bödenschonenden Schuhüberziehern daran teil.

Länderspiel Österreich-Ghana, Happelstadion, 27.3.2026 ******

Von Bruder Andreas kam die Idee: ob ich mich nicht ihm und Neffe Theo anschließen möchte, in Wien das erste WM-Vorbereitungsspiel des Rangnick-Teams gegen die respektable afrikanische Truppe von Ghana anzusehen. Ich wollte und nützte die Gelegenheit, meinen beiden jüngeren Enkelsöhnen Jakob und Nathan diese Unternehmung als Vorabgeburtstagsgeschenk zukommen zu lassen. Ich traf die beiden nach einigem Suchen und Wo-seid-ihr-Telefonaten – kein Wunder bei dann 40.000 Zuseher:innen – bei der U2-Station Stadion, bald darauf die aus Graz angereisten Andreas und Theo. Nach fünf Minuten anstellen beim Sektor-B-Aufgang stellte sich heraus, dass Jakob verbotenerweise eine Thermos-Trinkflasche mitgegeben wurde. Die mussten wir erst bei einem Depot abgeben, um sie nach dem Match wiederzubekommen. Nach nochmaligem Anstellen und einem Klogang der Jungs endlich der Blick ins gut gefüllte Stadion mit sich aufwärmenden Spielern.

Jubelstimmung im Happelstadion schon bei den Hymnen. Schade, dass man wegen der Laufbahnen sehr weit weg vom Geschehen auf dem Rasen ist. Dennoch: “Immer wieder, immer wieder Österreich!”

Besonders interessierten mich die Neuen im Team: Paul Wanner und Carney Chukwuemeka hatten sich, obwohl davor in der Nachwuchsauswahl Deutschlands bzw. Englands engagiert, für den ÖFB entschieden. Beide jung, hochtalentiert, wie es hieß. Doch zunächst auf der Bank. In der eher faden, spielerisch durchwachsenen Hälfte eins verzichtete Rangnick auf Debütanten. Einer der wenigen Höhepunkte war das 24. Teamtor von Kapitän Marcel Sabitzer, der im Mittelfeld eine tolle Leistung bot.
Von unseren Plätzen aus konnten wir das Geschehen auf dem Spielfeld gut mitverfolgen. Ich erstmals ohne Brille, da nach den beiden Katarakt-OPs nicht mehr kurzsichtig. Ich hatte den Jungs eingeschärft, sich richtig warm anzuziehen, denn die Wetterprognose war besch…eiden: Sogar Schneeregen sollte möglich sein. So schlimm wurde es dann nicht. Es blieb bei rund 5 Grad trocken.
Spielhälfte zwei hatte es dann in sich: Die Fangesänge wurden immer begeisterter, als gleich in der 50. Minute das 2. Tor für Österreich fiel. Gregoritsch nach Stanglpass von Sabitzer. Zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Feld: Wanner und Chukwuemeka, wie drei weitere neu eingewechselte Spieler. Der Spielfluss übertraf den in Hälfte 1 bei weitem, die beiden Youngsters überzeugten, und schon bald köpfte Rechtsverteidiger Posch nach einem Eckball das 3:0. Ein nicht konsequent genug verteidigter Angriff der Afrikaner samt einem herrlichen Abschluss ins Kreuzeck brachte das 3:1, aber schon kurz darauf hämmerte Chukwuemeka den Ball zum 4:1 unter die Latte. Das 5:1 fiel dann in der Nachspielzeit durch den einzigen nicht ausgewechselten Akteur Seiwald – sein erstes im Teamdress.
Wir und das gesamte Publikum waren aus dem Häuschen, meine Stimme ist heute nach dem oftmaligen Torjubel etwas mitgenommen. Egal. Auch Jakob und Nathan, obwohl nicht sonderlich fußballinteressiert, gefiel’s. Claudia fühlte sich zurecht bestätigt, mir geraten zu haben, den Enkeln zu Geburtstagen gemeinsame Unternehmungen zu schenken. Das stärkt die Beziehung und bleibt lange in Erinnerung. Österreich-Ghana tut das sicher.

“Ferdinand Georg Waldmüller. Nach der Natur gemalt”, Unteres Belvedere, 26.3.2026 ****

Kurz vor dem Besuch des nächsten fotorealistischen Malers telefonierte ich mit meiner Freundin Gaby. Mit Ferdinand Georg Waldmüller sei sie verwandt, viele ihrer Verwandten hießen auch so. “Und der hat nicht nur Landschaften gemalt, sondern auch – was damals eine Provokation war – das oft schwere Leben der einfachen Leute”, erzählte sie. Das sei im Biedermeier von vielen nicht goutiert worden.
Nun ja, von Sozialkritik war bei der Ausstellung im Belvedere nicht viel zu bemerken. Am ehesten noch beim Gemälde “Reisigsammeln im Wienerwald”, auf dem zu sehen ist, dass eine alte Frau unter der Last der Hölzer zu Boden sinkt und ein Mädchen ihr zu Hilfe kommt – inmitten einer idyllischen Natur. Letztere stellt Waldmüller auch in seinen vielen Bildern vom Prater, vom Salzkammergut rund um Bad Ischl, im Gasteinertal und auch nach Studienreisen nach Sizilien in den Mittelpunkt seiner beachtlichen Kunstfertigkeit. Auch Landschaften von Waldmüller-Zeitgenossen wie John Constable und Jean-Baptiste Camille Corot bereichern die Schau.

Naturidylle oder doch auch ein wenig Sozialkritik (Mädchen hilft Greisin)?

Dann gibt’s noch Porträts von Adeligen – offenbar eine erforderliche Einnahmenquelle in einer Zeit, da Künstler noch nicht so hofiert wurden wie heute, sondern Dienstleister waren.
“Er war einer der großen Repräsentanten der Wirklichkeitsschilderung”, heißt es im Wikipedia-Eintrag über Waldmüller. Die Wirklichkeit der Repression im Wiener Vormärz findet sich in seinen Bildern aber kaum.

“Canaletto & Bellotto”, KHM, 24.3.2026 ****

Gemälde von Venedig, London, Dresden, Wien und Umgebung, die – obwohl entstanden im 18. Jahrhundert – wirken, als wären sie fotografiert. Und ganz falsch ist das bei den soeben im KHM präsentierten Arbeiten von Giovanni Antonio Canal (bekannt als Canaletto) und seinem Neffen Bernardo Bellotto (der sich oft ebenfalls Canaletto nannte) nicht. Denn die beiden Venezianer bedienten sich, wie schon Leonardo da Vinci 250 Jahre davor, der Camera obscura, um Stadtansichten möglichst wirklichkeitsgetreu abbilden zu können. Wobei sich Onkel und Neffe künstlerische Freiheiten herausnahmen und ihre meist von Adelshäusern beauftragten Bilder inszenierten bzw. idealisierend komponierten.
Für Wiener:innen spannend ist er jedenfalls, der Blick zurück auf eine Hauptstadt des Reiches von Maria Theresia, die noch mit einem Stadtmauer-Korsett versehen war und in der damals fast achtmal mehr Menschen wohnten als im heutigen 1. Bezirk: Es finden sich Ansichten von Freyung, Lobkowitzplatz, dem heutigen Seipel-Platz vor der Jesuitenkirche, Schönbrunn, der Blick von Schloss Belvedere hinunter auf die Innenstadt und mehrere Darstellungen des ebenfalls von Prinz Eugen ausgebauten Schlosses Hof im Weinviertel.

Franz Stephan und Maria Theresia zwischen Ansichten ihres Schlosses (© KHM-Museumsverband, Foto: Jakob Gsöllpointner)

Bellotto trat als 14-Jähriger in die Werkstatt des damals schon bekannten Vedutenmalers Canaletto ein; die wirklichkeitsgetreue Darstellung einer Landschaft oder eines Stadtbildes galt damals als aufklärerischer Anspruch. Der Onkel ging nach London, der Neffe nach Dresden und Warschau, beide gerieten trotz ihrer künstlerischen Meisterschaft in finanzielle Nöte Bellotto trotz eines Empfehlungsschreibens Maria Theresias an ihre Cousine in München.
Durch die Möglichkeiten der modernen Fotografie wurde die Vedutenmalerei obsolet – nett anzusehen und historisch interessant, aber für mich kein Vergleich mit der späteren Eigenständigkeit eines/r Monet, Nolde oder Kollwitz. Und auch nicht so ergiebig wie die KHM-Sonderausstellung davor über die Barockmalerin Michaelina Wautier.

“Kairos” nach Jenny Erpenbeck in Deutschen Nationaltheater Weimar, 14.3.26 *****

Ob man das als “Kairos” bezeichnen soll, wenn eine blutjunge Ausbildungskandidatin für Gebrauchsgrafik einen 34 Jahre älteren Schöngeist kennen und lieben lernt, sei dahingestellt. Gut, der 19-jährigen Katharina (Nadja Robiné) erschließt sich durch Hans, den lehrenden Autor mit exquisitem Musikgeschmack (Sebastian Kowski), nach der ersten Begegnung im Regen an einer DDR-Bushaltestelle eine neue Welt der Worte, Töne und Bilder. Der anfangs durch die Bewunderung der jungen Schönen geschmeichelten Familienvater genießt seine mit kultureller und erotischer Dominanz verbrämte Liebschaft mit Katharina zusehends. Und er erlegt ihr klare Regeln der Verschwiegenheit und der Exklusivität auf – die für ihn selbst nicht gelten.
Die Beziehung zwischen den beiden wird zusehends toxisch, als sich die zum Kunststudium ermutigte, aufblühende, sich emanzipierende Katharina auf die Avancen eines jungen Kollegen einlässt – aus Hans’ Sicht ein unverzeihlicher “Fehltritt seines Geschöpfs”. Dass seine Zeit am Ablaufen ist, zeigt das Stück auch anhand der unter Glasnost und Perestroika bröckelnden DDR: Er verliert nicht nur Aufträge als staatlicher Günstling und – wie sich herausstellt – Kollaborateur, sondern auch den Halt unter den Füßen. Während Katharina nicht zuletzt durch eine Fehlgeburt einen Schlussstrich unter die knapp drei Jahre mit Hans zieht und sich danach als erfolgreiche Malerin etabliert.

Es mündet in eine toxische Beziehung – Schöngeist Hans und die 34 Jahre jüngere Katharina (Foto: Candy Welz, DNT)

Als solche lässt Regisseurin Beate Seidel ihre Hauptdarstellerin auf die vergangenen Ereignisse zurückblicken, ihre Bearbeitung des mit dem Booker Prize 2024 ausgezeichneten Romans bietet inszenatorisch gelungene Ideen wie die anfängliche “Enttarnung” des wie eine Requisite verhüllten Hans, die eine Reise in den Westen begleitende penetrante Beschallung oder die Einsprengsel in die Gedankenwelten der beiden Liebenden. Dem Publikum gefiel’s: Mit langem Applaus und Fußgetrampel wurden die beiden Schauspielenden bedankt.

Ein Haus, das Theatergeschichte schrieb

Und das in einem Haus, das Theatergeschichte schrieb: Als ständig bespieltes Weimarer Hoftheater wurde es 1771 von der kunstliebenden Herzogin Anna Amalia eingerichtet, nach Goethes Ankunft in der damaligen Kleinstadt 1775 wuchs es zum umjubelten Schauplatz der Weimarer Klassik mit Uraufführungen Schillers, Ifflands oder des bald zum Leiter bestellten Goethe, der auch selbst Mozarts “Zauberflöte” inszenierte.
Im 19. Jahrhundert dominierte die Musik von Hummel, Wagner, Berlioz und Richard Strauss – nicht umsonst heißt das Haus heute “Deutsches Nationaltheater und Staatskapelle Weimar” (DNT), seit 1906/1907 mit dem heute noch bestehenden neoklassizistischen Erscheinungsbild. In dieser Zeit eine Kultstätte des konservativen Bildungsbürgertums, wurde das DNT später zur NS-Propagandastätte mit Aufführungen vor SS-Leuten im Casino des nahen KZ Buchenwald. In der Ära der DDR war das DNT eine Stätte bedeutsamer Klassiker-Inszenierungen. Heute wirkt es gemessen an den Häusern großer Metropolen baulich etwas provinziell. Doch der Spielplan legt ambitioniert Augenmerk auf Kindgerechtes sowie auf zeitgenössische Größen wie Elfriede Jelinek (“Rechnitz”) oder eben Erpenbeck.

Junges Volk zu Füßen der Klassiker Goethe und Schiller, dem Weimarer Wahrzeichen vor dem DNT

Noch ein Wort zur Romanvorlage, die Parallelen sind auffallend: Jenny Erpenbeck, erfolgreichste Autorin Deutschlands aus dem ehemals kommunistischen Osten, war wie auch ihre ähnlich alte Romanfigur Katharina Requisiteuse in Frankfurt/Oder und arbeitete mit dem im Stück (und Roman) genannten Heiner Müller. Als die Berliner Mauer fiel, war Erpenbeck 22; ob auch für ihre schöngeistige Horizonterweiterung ein älterer Liebhaber sorgte, wissen wir nicht – jedenfalls aber ihre Familie. Die Mama war Übersetzerin, der Vater ein bekannter Physiker, Philosoph, Psychologe und Romanautor. In ihrem Werk verknüpft Erpenbeck Motive großer geschichtlicher Umbrüche mit persönlichen Schicksalen. Ich las von ihr mit Gewinn “Gehen, ging, gegangen” über die Flüchtlingskrise 2015. “Kairos” wird gewiss folgen.

“Michaelina Wautier, Malerin”, Sonderausstellung KHM ******

Frans Hals, Jan Vermeer, Peter Paul Rubens und natürlich Rembrandt – die alle kennt man als Meister der niederländischen Barockmalerei. Eine, die aufgrund ihrer künstlerischen Qualität unbedingt in diese prominente Reihe dazugehört, kannte ich vor der aktuellen Sonderschau im KHM nicht, hatte ihren Namen noch nie gehört: Über Michaelina/Michelle/Michelina/Magdalena Wautier/Woutiers/Wouters/Wauters (1614?-1689; so viele Namensvarianten!) ist generell wenig bekannt. Sie stammte aus Mons in Flandern und wirkte mit ihrem ebenfalls hochbegabten Malerbruder Charles Wautier in Brüssel; viele ihrer großartigen Gemälde wurden ihr erst in jüngster Zeit zugerechnet – oft auch, weil man sich nicht vorstellen konnte, dass eine Frau Aufträge für Historienbilder bekam und sie diese mit nackten Männerleibern versah. Und die Künstlerin tat das selbstbewusst: Michaelina “invenit et fecit“, signierte sie ihre Bilder – “erdacht und ausgeführt”. Eine Frau, “die sich in ihrer Zeit über Regeln und Konventionen hinweggesetzt hat und von der Kunstgeschichte vergessen wurde”.


Umso dankenswerter ist es, dass das Kunsthistorische Museum in Wien
dieser “aufregendsten kunsthistorischen Wiederentdeckung der letzten Jahrzehnte” eine Bühne gibt und Bewunderern wie mir einen Überblick über das bisher bekannte breite Schaffen der Flämin, mit psychologisch einfühlsamen Altarbildern und Porträts, mit Genre- und Historienmalerei sowie Frauen eher zugetrauten „Blumenstücken“, verschafft. Erstmals weltweit zu sehen eine großartige Bilderserie zu den fünf Sinnen, allegorisch dargestellt anhand von kleinen Buben.

Sehen, hören, riechen, tasten, schmecken – die erste Erkenntnisquelle laut den Empiristen im Gefolge des Barockphilosophen John Lockes

Dank gebührt auch dem Habsburger-Erzherzog Leopold Wilhelm von Österreich, der als Statthalter der spanischen Niederlande als Kunst-Mäzen und Käufer agierte und u.a. Michaelina Woutiers förderte. Aus dieser Zeit stammen vier ihrer Bilder in den Beständen des KHM.
Empfehlen kann ich die Schau nicht mehr – ich besuchte sie mit meiner ebenfalls begeisterten Angetrauten am vorletzten Ausstellungstag. Wie gut, dass ich das Wetter – Wien versank im Schnee – für diesen Fast-Last-Minute-Besuch nutzte. Und ich hoffe, dass die Kunsthistoriker:innen noch weitere Werke Michaelinas enttarnen (ärgerlich, dass sich die Talente von Frauen oft nur schwer oder gar nicht durchsetzen konnten!).

Seifenblasen zeigen barocke Vanitas … mögen die Bilder Michaelinas nicht vergänglich sein

“Oh mein Gott” von Anat Gov, Akzent Theater, 19.2.26 ***

Die Psychologin Ela empfängt nach einem mysteriösen Anruf einen verzweifelten Mann, der unbedingt eine Therapiestunde bei ihr nehmen möchte. Zunächst ziert er sich, seine Identität preiszugeben, schließlich outet er sich als Gott persönlich, der in einer tiefen Krise steckt und mit sich selbst und seiner Schöpfung – dem Menschen – unglücklich ist. Ela will den überfordernden Auftrag erst nicht annehmen, lässt sich aber dann doch auf theologisch-therapeutische Dispute ein und macht dabei auf einen blinden Fleck bei Gott aufmerksam – seine höchst fragwürdige Behandlung des gottesfürchtigen Hiob.
Das “Akzent Theater” beschreibt das Stück der 2012 verstorbenen israelische Drehbuchautorin und Dramatikerin Anat Gov mit Katharina Stemberger und Wolf Bachofner als “wunderbare Komödie, klug, berührend und voller Überraschungen”. Naja. Der hier satirisch gezeichnete jüdische Gott – christliche “Ergänzungen” fehlen völlig – ist allzu anthropomorph geraten. Die Komik speist sich hauptsächlich daraus, dass es bei dem mit sich hadernden Therapieklienten sehr “menschelt”, er weinerlich, zornig, frustriert ist, mit seiner Allwissenheit angibt und manchmal “Zaubertricks” einsetzen will, die seiner Allmacht Hohn sprechen. Mir war das zu oberflächlich
Dass bei all dem Kenntnisse des Alten Testaments vorausgesetzt werden, störte mich als Theologe weniger als meine davon müde werdende Liebste. Und etwas aufgesetzt wirkt das “kitschige, Rosamunde-Pilcher-artige Happy End” (Kronen Zeitung) zum Schluss mit Regen für die dürstenden Pflanzen und Cello-Tönen vom autistischen Kind der Therapeutin.

Ausstellung “Noble Begierden”, Gartenpalais Liechtenstein, 16.2.26 ****

Unter dem Titel “Noble Begierden” zeichnet das Wiener Palais Liechtenstein die Geschichte des europäischen Kunstmarkts nach. Die Adresse passt, war doch das Fürstenhaus über Jahrhunderte voll von kundigen Sammlern und besitzt heute eine der größten privaten Kunstsammlungen in Europa. Laut dem Schweizer Wirtschaftsmagazin „Bilanz“ beziffert sich der Wert der Fürstlichen Sammlungen auf vier Milliarden Euro. In den quer durch die Kulturgeschichte ausgerichteten Ausstellungsräumen im pompösen Wiener Gartenpalais der Liechtensteins bietet die Schau schlaglichtartige Einblicke von der griechisch-römischen Antike über die italienischen Stadtstaaten der Renaissance und das Goldene Zeitalter der Niederlande “bis hin zu sensationsheischenden Präsentationen und transatlantischen Verkäufen im 19. Jahrhundert”. Die Exponate dazu stammen nicht nur aus eigenen Beständen – u.a. von Brueghel, Rembrandt und Canaletto -, es finden sich auch hochkarätige Leihgaben von Arbeiten eines Tizian, Van Dyck, Daumier, Monet und Klimt.

Schon im Alten Rom galt griechische Kunst als Leitkultur, die gern imitiert wurde

Sukkus der Gratisführung bei dichtem Schneefall draußen vor den Fenstern: Kunst war immer schon auf Gönner, Financiers, Sammler und Händler angewiesen, war neben ästhetischem Genuss immer schon Statussymbol und Investment. Zu sehen sind u.a. Porträts des Londoner Auktionshaus-Gründers James Christie und des Wiener Kunstvermarkter Karl Sedelmeyer, der die riesigen Gemälde des ungarischen Malers Mihaly Munkacsy wie in einem Kinosaal einem Millionenpublikum zugänglich macht – für gutes Geld, versteht sich.

Eines der großformatigen Gemälde Munkacsys, den Kaiser Franz Joseph adelte und Sedelmeyer fix angestellt hatte

Spannend im Hinblick auf eine kommende Flandern-Reise: Im Antwerpen des 17. Jht.s gehörte es zum guten Ton, in den repräsentativen Häusern der besseren Gesellschaft durchschnittlich drei Dutzend Gemälde aufzuhängen. Und auch im Bürgertum vergangener Generationen zeigte man gern Kulturbeflissenheit durch Stillleben, Landschaften und Hubertusjagdszenerien; heute dominieren eher Fotografien und Nachdrucke moderner Ikonen wie Rothko, Mondrian oder Kandinsky.

Ein idealisiertes Werkstattbild: der Künstler in Selbstinszenierung