Zum zweiten Mal „Literatur im Dialog“ im Radiokulturhaus. Diesmal im Mittelpunkt der Lesungsreihe mit den Schauspieler:innen Nicholas Ofczarek und Tamara Metelka sowie dem Violinisten Nikolai Tunkowitsch: Thomas Bernhard. Und ich nehm’s vorweg: Es wurde viel unterhaltsamer als der Abend mit/über Kafka.

Im Mittelpunkt stand »Der österreichische Staatspreis für Literatur«, den Thomas Bernhard in den 1960er-Jahren aus den Händen des damaligen Kulturministers im ÖVP-Alleinregierungs-Kabinett Josef Klaus, Theodor Piffl-Perčević. Diese Ehrung empfand der Literat als Demütigung, denn es war – wie Ofczarek mehrmals aus Bernhards posthum erschienenem Text „Meine Preise“ vorlas – der kleine, für vielversprechende Talente gedachte Staatspreis und nicht der große, für ein Lebenswerk verliehene. Bernhard war zum Zeitpunkt der Auszeichnung bereits 37, aber jung genug, um das Geld zu brauchen: Die 25.000 ausgelobten Schilling waren ihm willkommen, um Schulden zu tilgen.
In der ihm auferlegten Dankesrede, zu der ihm lange nichts einfiel, sagte Bernhard u.a.: Der Staat ist ein Gebilde, das fortwährend zum Scheitern, das Volk ein solches, das ununterbrochen zur Infamie und zur Geistesschwäche verurteilt ist. Piffl-Perčević verließ wegen dieser Beleidigung Österreichs daraufhin in großer Erregung die Festveranstaltung. Der Skandal war perfekt.
Thomas Bernhard ist ein literarischer Lästerer, ein scharfsinniger Querulant, ein Übertreibungskünstler, den ich im Germanistikstudium und danach links liegen ließ. Aber sein Rückblick auf die Nestbeschmutzung anlässlich einer Preisverleihung ist fast 60 Jahre danach noch immer höchst witzig und entlarvend hinsichtlich des problematischen Verhältnisses von Kunst und Politik in Österreich. Künstlingswirtschaft?



