“Kairos” nach Jenny Erpenbeck in Deutschen Nationaltheater Weimar, 14.3.26 *****

Ob man das als “Kairos” bezeichnen soll, wenn eine blutjunge Ausbildungskandidatin für Gebrauchsgrafik einen 34 Jahre älteren Schöngeist kennen und lieben lernt, sei dahingestellt. Gut, der 19-jährigen Katharina (Nadja Robiné) erschließt sich durch Hans, den lehrenden Autor mit exquisitem Musikgeschmack (Sebastian Kowski), nach der ersten Begegnung im Regen an einer DDR-Bushaltestelle eine neue Welt der Worte, Töne und Bilder. Der anfangs durch die Bewunderung der jungen Schönen geschmeichelten Familienvater genießt seine mit kultureller und erotischer Dominanz verbrämte Liebschaft mit Katharina zusehends. Und er erlegt ihr klare Regeln der Verschwiegenheit und der Exklusivität auf – die für ihn selbst nicht gelten.
Die Beziehung zwischen den beiden wird zusehends toxisch, als sich die zum Kunststudium ermutigte, aufblühende, sich emanzipierende Katharina auf die Avancen eines jungen Kollegen einlässt – aus Hans’ Sicht ein unverzeihlicher “Fehltritt seines Geschöpfs”. Dass seine Zeit am Anlaufen ist, zeigt das Stück auch anhand der unter Glasnost und Perestroika bröckelnden DDR: Er verliert nicht nur Aufträge als staatlicher Günstling und – wie sich herausstellt – Kollaborateur, sondern auch den Halt unter den Füßen. Während Katharina nicht zuletzt durch eine Fehlgeburt einen Schlussstrich unter die knapp drei Jahre mit Hans zieht und sich danach als erfolgreiche Malerin etabliert.

Es mündet in eine toxische Beziehung – Schöngeist Hans und die 34 Jahre jüngere Katharina (Foto: Candy Welz, DNT)

Als solche lässt Regisseurin Beate Seidel ihre Hauptdarstellerin auf die vergangenen Ereignisse zurückblicken, ihre Bearbeitung des mit dem Booker Prize 2024 ausgezeichneten Romans bietet inszenatorisch gelungene Ideen wie die anfängliche “Enttarnung” des wie eine Requisite verhüllten Hans, die eine Reise in den Westen begleitende penetrante Beschallung oder die Einsprengsel in die Gedankenwelten der beiden Liebenden. Dem Publikum gefiel’s: Mit langem Applaus und Fußgetrappel wurden die beiden Schauspielenden bedankt.

Ein Haus, das Theatergeschichte schrieb

Und das in einem Haus, das Theatergeschichte schrieb: Als ständig bespieltes Weimarer Hoftheater wurde es 1771 von der kunstliebenden Herzogin Anna Amalia eingerichtet, nach Goethes Ankunft in der damaligen Kleinstadt 1775 wuchs es zum umjubelten Schauplatz der Weimarer Klassik mit Uraufführungen Schillers, Ifflands oder des bald zum Leiter bestellten Goethe, der auch selbst Mozarts “Zauberflöte” inszenierte.
Im 19. Jahrhundert dominierte die Musik von Hummel, Wagner, Berlioz und Richard Strauss – nicht umsonst heißt das Haus heute “Deutsches Nationaltheater und Staatskapelle Weimar” (DNT), seit 1906/1907 mit dem heute noch bestehenden neoklassizistischen Erscheinungsbild. In dieser Zeit eine Kultstätte des konservativen Bildungsbürgertums, wurde das DNT später zur NS-Propagandastätte mit Aufführungen vor SS-Leuten im Casino des nahen KZ Buchenwald. In der Ära der DDR war das DNT eine Stätte bedeutsamer Klassiker-Inszenierungen. Heute wirkt es gemessen an den Häusern großer Metropolen baulich etwas provinziell. Doch der Spielplan legt ambitioniert Augenmerk auf Kindgerechtes sowie auf zeitgenössische Größen wie Elfriede Jelinek (“Rechnitz”) oder eben Erpenbeck.

Junges Volk zu Füßen der Klassiker Goethe und Schiller, dem Weimarer Wahrzeichen vor dem DNT

Noch ein Wort zur Romanvorlage, die Parallelen sind auffallend: Jenny Erpenbeck, erfolgreichste Autorin Deutschlands aus dem ehemals kommunistischen Osten, war wie auch ihre ähnlich alte Romanfigur Katharina Requisiteuse in Frankfurt/Oder und arbeitete mit dem im Stück (und Roman) genannten Heiner Müller. Als die Berliner Mauer fiel, war Erpenbeck 22; ob auch für ihre schöngeistige Horizonterweiterung ein älterer Liebhaber sorgte, wissen wir nicht – jedenfalls aber ihre Familie. Die Mama war Übersetzerin, der Vater ein bekannter Physiker, Philosoph, Psychologe und Romanautor. In ihrem Werk verknüpft Erpenbeck Motive großer geschichtlicher Umbrüche mit persönlichen Schicksalen. Ich las von ihr mit Gewinn “Gehen, ging, gegangen” über die Flüchtlingskrise 2015. “Kairos” wird gewiss folgen.

One thought on ““Kairos” nach Jenny Erpenbeck in Deutschen Nationaltheater Weimar, 14.3.26 *****

  1. Meinem DNT-Besuch ging eine Kontaktaufnahme mit der dortigen Presseabteilung voraus, nachdem die “Kairos”-Vorstellung Wochen zuvor als ausverkauft galt. Wäre da für einen Kulturjournalisten aus Wien, der ein paar Tage in Weimar verbringt, nicht vielleicht doch noch was zu machen, so meine Frage. Die positiv beschieden wurde. Für die Pressekarten bedankte ich mich mit einem Link zu obigem Artikel.

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