Mein Camino 4 (Ab nach Spanien!)

In Seixas knapp 4 km von der Busstation in Caminha quartierte ich mich im Donna Nega Guest House ein, in einem einfachen Zimmer ohne Mahlzeiten und mit Gemeinschaftsbad, aber mit schöner Terrasse und bunt gemischtem Publikum. Deutsche, Franzosen, Spanier und Esthy, eine atheistische Schweizerin und pensionierte Flugbegleiterin, deren Ziel nicht Santiago, sondern der nächste größere Ort Valença sein sollte. Sie sagte bei unserem längeren Gespräch, sie glaube grundsätzlich an das Gute im Menschen. Dieser Glaube habe jedoch geschwankt, als sie gestern auf dem Waldweg nach Viana eine Frau beobachtete, die sich bei einer Pay-what-you-want-Labestation im Wald bediente, ohne auch nur einen Cent in die Kasse zu werfen. Esthy war empört, sagte der sich unbeobachtet Fühlenden aber nichts. Ich hätte.
Aber sowas ist die Ausnahme, waren wir uns einig. Es herrschen Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit, Interesse an anderen unabhängig von Herkunft, Alter, Aussehen und Geschlecht vor. Ich bin überzeugt: Der Camino ist herzensbildend, bessert seine Besucher:innen.

Der Lohn für meine eigene Herzensbildung kam tags darauf, am Dienstag, 21. April, zur Halbzeit meines Camino. „What a day“, schrieb ich in mein Notizbüchlein. „Mit Spiritualität, Genesung, Blödeln über Geheimdienste, Flusserlebnissen…“ Nach einer Empfehlung meiner Gastgeberin im Guest House folgte ich an diesem Tag keinen gelben Pfeilen oder Jakobsmuscheln. Ich möge stur dem Grenzfluss Minho/Miño folgen und die Wegweiser Richtung Hinterland ignorieren. Denn dann ginge ich auf einem weitgehend ebenen Radweg in einer schönen Flusslandschaft mit Vögeln, Schmetterlingen, Blumen. Klingt gut, dachte ich im Bewusstsein meines Fußes, dessen Blasen nun weniger weh taten, dafür schmerzte der stark geschwollene Rist bis hinauf zum Schienbein.
Ich dachte beim Gehen an Hape Kerkeling, dessen „Ich bin dann mal weg“ in seiner Ehrlichkeit mir auch religiös viel bedeutet (anders als Paulo Coelhos schwurbelig-esoterisches Camino-Buch, das ich nach 30 Seiten genervt weglegte). Am 4. Juli 2001, 16 Tage vor seiner Ankunft in Santiago, schrieb Hape: „Ich habe meine ganz persönliche Begegnung mit Gott erlebt.“ Die dem mitteilungsfreudigen Entertainer offenbar die Redseligkeit austrieb, denn: „Das, was ich gestern erleben durfte, kann ich weder erzählen noch aufschreiben.“ Voraus ging das von einer Mitpilgerin angeregte Vorhaben Hapes, sich „leer zu machen“ beim Gehen. „Schweigend und ohne jeden Gedanken zwölf Kilometer zu laufen kann ich nur jedem empfehlen… Totale gelassene Leere ist der Zustand, der ein Vakuum entstehen lässt, das Gott dann entspannt komplett ausfüllen kann.“ Hape fängt aus heiterem Himmel an zu weinen, ohne ersichtlichen Grund. „Erschöpfung? Freude? Alles auf einmal?“ Die Aufschrift „Yo y Tú (Ich und du)“ auf einer Schule deutet er als spirituelle Intimität, die „nur mich und ihn“ betreffe und ein „Siegel der Verschwiegenheit“ erfordere. Eins nur: „Um Gott zu begegnen, muss man vorher eine Einladung an ihn aussprechen, denn ungebeten kommt er nicht.“
Sowas würde ich auch gerne erleben, dachte ich vorm Start in meinen Camino. Aber Hape war 6 Wochen unterwegs und hatte sein Erlebnis nach 4 Wochen. Würden meine elf Wandertage überhaupt ausreichen, um in so eine Stimmung, in so einen Zustand der Empfänglichkeit zu gelangen?
Und plötzlich, links von mir der Fluss, der sich um Grenzen nicht kümmert, rechts Frühlingsblumenwiesen mit Schmetterlingen und Bienen darauf, über mir Vogelgezwitscher … – kamen mir die Tränen, ohne ersichtlichen Grund, genau wie Hape es schilderte. Ich war einfach dankbar, voll von Vertrauen ins Leben, das wie auch immer gut ausgehen würde, genau wie meine Pilgerreise, die ja ein Symbol für den Lebensweg ist. Dankbarkeit, Vertrauen, diese beiden Grundpfeiler des Glaubens stehen doch viel mehr als das Bekennen vorformulierter Sätze den Kern von Spiritualität!

Am Rio Minho kamen mir die Tränen – vor Glück

Lennons „Imagine“ kam mir in den Sinn, das mir immer viel bedeutete. „…Imagine no possessions,/ I wonder if you can,/ No need for greed or hunger,/ Our brotherhood of man./ Imagine all the people sharing all the world…“ Ich erinnere mich an eine Nacht auf der Kykladeninsel Anaphi, die ich als Student in einer Kapelle hoch auf einer Anhöhe über dem Meer verbrachte und im hallenden Raum Donna nobis pacem sang. Und im Morgengrauen stand ich auf und lauschte – umhüllt von Gottes Liebe – dem Wind, dem Meer und den Möwen. Später dichtete ich: „Gott,/ du Vöglein,/ nistest in den Augenblicken,/ in denen mir zum Zwitschern ist.“ Sowas ähnliches erlebte ich am Rio Ninho. Ich war selig.

Das sind Lena und Simon kurz vor unserer gemeinsamen Rast mit Erdbeeren und Oliven

Dann traf ich Lena und Simon, meine Bekannten vom ersten Tag in Mindelo. Wir plauderten erfreut über das Wiedersehen über unsere Erfahrungen, blödelten über KGB und Mossad, und ich lachte über Simons „Drohung“, ich würde wegen meiner Busfahrt tags zuvor nun sicher kein Pilgerzertifikat in Santiago bekommen. Die beiden luden mich zur Rast mit Erdbeeren und Oliven ein. Simon meinte: „Ich sagte ja, dass wir einander wiedersehen würden.“ – Ich darauf. „Dann bist du ja wohl einer der Propheten, von denen Israel so viele hat.“ – Lena winkte ab: „Lieber nicht. Mit denen nahm es kein gutes Ende.“ Ich verabschiedete mich mit: „That’s why I estimate this trip so much: meeting people like you!“
In Valença würde ich auch Carina wiedersehen, die – wie sie mir whatsappte – an diesem Tag ihre mittlerweile ebenfalls beleidigten Füße mit einer Busfahrt schonte. Vorm Hotel Lara traf ich im Supermarkt noch eine allein reisende Bayerin, die bisher frömmste unter meinen Camino-Bekanntschaften. Sie pflegte lange ihre Schwiegermutter, obwohl die ihr gar nicht wohlgesonnen war, und schupft auch jetzt den Haushalt und das Pfarrleben ihrer Heimatgemeinde, wo sie Teil des Pfarrgemeinderats und des Mesnerteams ist. Sie brauchte schon nach dem Tod ihrer Schwiemu eine Auszeit nur für sich, damals auf dem Jakobsweg von München ins Allgäu, und jetzt wieder. Gott ist ihr dabei wichtig, und fromm heißt bei ihr nicht devot: „Bei dera Kirchn brauchst‘ an starkn Glaubm!“
Sehenswert ist die Burg von Valença samt Altstadt, darunter die doppelstöckige Eisenbrücke über den Minho/Miño, in deren Mitte die Grenze zu Spanien markiert ist. Halbzeit für mich. Und die erste Station gleich nach dem Grenzübertritt: Die Stadt Tui mit seiner 800 Jahre alten, wunderschönen Kathedrale. Ich hatte mich mit Carina für 11.45 am Bahnhof Tui verabredet, wir wollten die mehr als 30 km lange Etappe mit einer kurzen Busfahrt nach Porriño abkürzen. Doch fasziniert von den Frohbotschaften aus Stein und Holz und Gold in der Kathedrale übersah ich die Zeit und musste mich bei Carina entschuldigen: Bis zum Bahnhof schaff’ ich’s in zehn Minuten nicht mehr. Es fuhr allerdings ohnehin kein Zug, wir mussten den Bus eine Stunde später nehmen. Wieder 15 km von der Gesamtstrecke abgezwackt. War mir aber egal. The Camino is not a competition!

Es wurden auch so 33.000 Schritte bis nach Redondela am Fjord von Vigo. Und meine Fußbeschwerden nahmen wieder zu. Eine neue Blase am linken Ballen, der rechte Fuß blieb geschwollen, mit starken Schmerzen an Rist, Mittelfuß und Schienbein, so, dass ich kaum die Zehen anheben und in die Sandalen schlüpfen konnte. „Wandern in Galicien ist bisher nicht das Gelbe vom Ei, fällt gegenüber dem Küstenweg stark ab“, notierte ich frustriert. Viel auf und ab, Nebenstraßen, kleine Ortschaften – allesamt nichts Besonderes. Architektonisch bemerkenswert ist ein Eisenbahnviadukt aus dem 19. Jahrhundert, der sich eindrucksvoll über die Dächer von Redondela spannt. Aber nach dem Highlight am letzten Portugaltag war ich am ersten Spanientag recht niedergeschlagen, was auch an dem muffigen Zimmer mit nicht zu öffnendem, weil defektem Fenster lag. Hoch und Tief auch meine Stimmung – nur das Wetter spielte durchgehend mit: Frühsommer und Sonne ohne jeden Tropfen Regen.

Kurz vor Redondela auf den hügeligen Wegen des Camino in Galicia

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