Eine indische Emanzipationsgeschichte made in Austria: Farrukh Jaffar, vor fünf Jahren im Alter von 88 Jahren verstorbene indische Schauspielerin und Radiomoderatorin in Bollywood, spielt Mehrunisa, eine alt gewordene Schauspielerin, die für mehr Wertschätzung von Frauen in Bollywood kämpft – und für ihre eigene Würde. Nach dem Tod ihres Patriarchengatten ergibt sich für sie die Chance, in einem neuen Film über den Aufstand Mitte des 19. Jhd.s in der nordindischen Stadt Lucknow gegen die britischen Besatzer ihre ehebedingt abgebrochene Karriere wieder aufzunehmen. Mehrunisas Enkelin, die sich im Lauf der Handlung selbst aus einer beengenden Beziehung befreit, wird zur Verbündeter im Bestreben, das geschichtsfälschende Drehbuch zu korrigieren. Es solle nicht länger so sein, dass der Bollywood-Film nur männliche Helden in den Fokus stellt und die maßgeblichen weiblichen Beiträge zum Widerstand gegen die Briten weglässt.
Wie dieses Projekt von Großmutter und Enkelin gelingt, ist humorvoll, unterhaltsam – und trägt märchenhafte Züge. Denn urplötzlich bildet sich mithilfe einer Talkshow im TV eine breite Öffentlichkeit für das feministische Ansinnen. Besonders die greise Mehrunisa/Farrukh Jaffar nimmt die Herzen der Menschen auf den Straßen von Lucknow – und im Kinosaal! – ein.
Gedreht hat dies der austroindische Regisseur Sandeep Kumar aus Neu-Delhi, der seit mehr als 20 Jahren in Wien lebt. Beim Podiumsgespräch nach der Vorführung unter der Schirmherrschaft des Entwicklungshilfeklubs in der Urania mit Schauspielerin Lilian Klebow und der Soziologin Kalpana Kannabiran aus Hyderabad verneinte Kumar die Frage, ob auch sein Drehbuch einer weiblichen Korrektur bedurfte. Manche Männer haben’s offenbar kapiert…
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„Rose“ (Markus Schleinzer, Ö/D 2026) ******
Und wieder eine Wahnsinnsperformance von “Jahresregentin” Sandra Hüller: Sie gibt Rose, eine Frau im 17. Jahrhundert, die als männlich gekleideter Soldat und vermeintlicher Erbe eines verfallenen Bauernhofes Teil einer abgeschiedenen Dorfgemeinschaft wird. Und sie spielt zum Niederknien.
Markus Schleinzers Drehbuch ist inspiriert von dokumentierten Berichten über als Männer verkleidete Frauen, vor allem von Catharina Margaretha Linck (1687–1721), die im heutigen Sachsen-Anhalt wegen Unzucht mit einer anderen Frau hingerichtet wurde.
Auch Rose bekommt eine Ehepartnerin: die Großbauerstochter Suzanna, Teil eines Deals um ein Stück Land, das Rose zum erfolgreichen Wiederaufbau der heruntergekommenen Landwirtschaft – “Erbe” eines im 30-jährigen Krieg gefallenen Mitstreiters – benötigt. Die Ehe wird nach der Hochzeit zunächst nicht vollzogen, Rose begründet dies mit der Reinheit Suzannas, die noch nicht getrübt werden solle. Suzanna ist unglücklich darüber und ihr Vater macht Druck. Rose behilft sich mit umgeschnalltem Ersatzpenis beim Sex in Hundestellung. Und siehe da – Suzanna wird schwanger – wodurch, bleibt offen – und danach glückliche Mutter.
Der Identitätswechsel fliegt auf, als Rose beim Imkern mehrfach gestochen wird und danach ohnmächtig und krank. Die bisher ahnungslose Suzanna und eine Magd entdecken nach dem Ausziehen der Tarn-Hose ein “Weibs-Bild”. Rose gesteht Suzanne ihren Betrug, der letztlich eine Win-win-Situation für alle Beteiligten war, diese verharrt als absehbar zu bestrafende Ehebrecherin in ihrer Rolle.
Anders die empörte Magd. Sie setzt das Rad der Inquisition einer rigiden Gesellschaft in Gang, in der sich Frauen in eine gottgewollte Unterordnung zu fügen haben und jeder Verstoß dagegen brutal geahndet wird. Warum sie sich das Mannsein angemaßt habe, wird Rose vor Gericht gefragt. „In der Hose war mehr Freiheit und es ist ja nur ein Stück Stoff. Da bin ich in die Hose“, antwortet sie sich am Ende.
Was den österreichischen Auslandsoscar-Kandidaten neben den schauspielerischen Leistungen so sehenswert macht, ist die altertümelnd-poetische Sprache – oft aus dem Off -, die eindringlichen Musik der norwegisch-irischen Singer-Songwriterin Tara Nome Doyle, die eindrucksvollen Schwarzweiß-Bildkompositionen und der emanzipatorische Inhalt. Große Empfehlung!
„Vaterland“ (Paweł Pawlikowski, Pl/D/F/I 2026) ******
So eine filmische Aufarbeitung der Nachkriegszeit würde ich mir für Österreich auch wünschen: Dem polnischen Filmemacher Paweł Pawlikowski gelingt mit seinem in Cannes mit dem Regiepreis ausgezeichneten Thomas-Mann-Roadmovie ein beeindruckender Rückblick in Schwarzweiß auf das nach dem “heißen” nun vom Kalten Krieg gezeichnete, bereits geteilte Deutschland im Jahr 1949. Es ist ein Goethejahr, der Weimarer Klassiker wurde 1749 in Frankfurt geboren, und die Besatzungsmächte in diesen beiden Städten – die USA und die Sowjetunion – wollen sich mit dem vor den Nazis ins amerikanische Exil geflüchteten Nobelpreisträger zu diesem Anlass durch Ehrungen schmücken. Begleitet wird Thomas Mann auf seiner Fahrt von West nach Ost mit einem schwarzen Buick durch das immer noch kriegsversehrte Deutschland von seiner polyglotten Tochter Erika (über deren spannendes Leben ich heute viel nachlas), beide hinreißend dargestellt von Hanns Zischler und der “Jahresregentin” Sandra Hüller.
Und dann ist da auch noch Klaus Mann, gleich in der Anfangssequenz in einem Telefonat mit seiner innig geliebten Schwester Erika zu sehen. Sie will den in Frankreich Lebenden dafür gewinnen, auch bei der anstehenden Tour mit dem Vater dabei zu sein, doch Klaus (“Mephisto”) zieht nichts zurück nach Deutschland, das ihn so schlecht behandelt und vertrieben hat. Dass die Beziehung zwischen Thomas und Klaus Mann gestört ist, verdeutlicht sich, als nach der Ehrung in Frankfurt bekannt wird, dass sich Klaus das Leben nahm. Der damals 74-jährige Literaturstar reagiert darauf beinahe ungerührt und verweist gegenüber Erika auf dessen jahrelange Suizidgedanken und Drogensucht. Erika dagegen ist erschüttert und wirft dem Vater später in Weimar vor, sich hinter seiner wohlformulierten Schöngeistigkeit zu verstecken.
Ein Hauptthema des Films ist die Heimatlosigkeit, in die das NS-Regime Dichter und Denker wie Thomas Mann gestürzt hat. Er wohnte mit seiner Familie nach der Machtergreifung Hitlers erst in Frankreich, dann in der Schweiz, in Kalifornien und zuletzt wieder in der Schweiz. “Wo ich bin, ist Deutschland. Ich trage meine deutsche Kultur in mir”, sagte Mann schon 1938 in einem Interview. Im Film hört man ihn sagen, “Heimat” sei ein komplexeres Thema als wechselnde Wohnorte. Und im Nachkriegsdeutschland – das erfährt man auch – wurden die Manns wegen ihrer Emigration angefeindet, manchen galten sie als Büttel der USA, anderen als “Stalins fünfte Kolonne”. Mann wehrt sich gegen die Vereinnahmung durch Enkel des von Hitler geschätzten Richard Wagner, und Tochter Erika ohrfeigt in einer bemerkenswerten Szene des Films ihren Ex-Mann Gustav “Mephisto” Gründgens (Joachim Meyerhoff) wegen dessen Anpassungsbereitschaft im NZ-Regime. Auch der sowjetischen Umgarnung entzieht sich Mann.
Aber Entschiedenheit für Humanitas und Demokratie schafft noch keine Heimat. Berührend die Schlusssequenz des Films, als Thomas und Erika in einer verfallenen Kirche den Klängen des Chorals “Wohl mir, dass ich Jesum habe” als Orgelversion lauschen. Es ist von Johann Sebastian Bach, einer anderen unbestrittenen deutschen Kulturgröße, deren Musik Klaus Mann zuletzt als letzte ertrug. Vater und Tochter sitzen etwas verloren im leeren Kirchenraum, und Erika ergreift Thomas’ Hand, als diesem die Tränen kommen. Großes Kino!
„Wax & Gold“ (Ruth Beckermann, Ö 2026) ***
Ich schätze Ruth Beckermann (*1952) als Regisseurin und Persönlichkeit, ihre vorletzte Kinodoku “Favoriten” über eine Pflichtschule im multikulturellen 10. Wiener Bezirk fand ich berührend und großartig. Ihre neue Doku “Wax & Gold” über eine Recherche im geschichtsträchtigen Hilton-Hotel von Addis Abeba hinterließ mich jedoch etwas ratlos. Es geht darin um … ja, was eigentlich? Zum einen um das Hotel als Mikrokosmos der noch immer von der Regentschaft Haile Selassies geprägter äthiopischen Gesellschaft, um dessen Bedeutung und Macht als letzter Kaiser aus dem Stamm Juda (er verstand sich als Nachkomme des biblischen Königs Salomo und der legendären Königin von Saba) und dessen ungewollte Rolle als Rastafari-Erlöser, weiters um der von Beckermann im Film oft zitierte Bestseller “König der Könige” des polnischen Essayisten Ryszard Kapuściński, um die Modernisierung Äthiopiens, des größten Binnenstaates der Welt, um die Machtergreifung des faschistischen Mussolini-Regimes in “Abessinien” und um persönliche Reiseeindrücke der Regisseurin… etwas von jedem und keines davon wirklich vertieft, wie ich meine.
Gut, die vorkommenden Personen wie der inzwischen greise Architekt des Hotels, ein früherer Diener des Kaisers, der nach dessen Sturz für die neuen kommunistischen Machthaber weiterarbeitete, oder eine Rastafari-Anhängerin aus Österreich sind kurzweilig, die persönlichen Kommentare Beckermanns erhellend. Aber letztlich bleibt bei mir doch die Frage: Worum ging’s da eigentlich?
Beim anschließenden Gespräch im Stadtkino saß die Regisseurin auf dem Podium, die drei anderen fokussierten jedoch so auf die Historizität des bereits Ende der 1970er im kommunistischen Polen erschienenen Kapuściński-Buches, dass wir den Saal vorzeitig verließen.
„Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“ (Regina Schilling, D/Ö 2026) ****
Für jemanden wie mich, der während des Germanistikstudiums in Graz immer wieder fasziniert von Texten Ingeborg Bachmanns war und ihre gesammelten Gedichte sogar mit auf Rucksackurlaube nahm, ist dieser Film ein Must-see. Und die deutsche Dokumentarfilmerin Regina Schilling schuf eine Collage mit frühen Film- und Tonaufnahmen der 1926 geborenen Dichterin, mit Auszügen aus ihren Werken und (tlw. posthum veröffentlichten) Briefen, mit Interviews der Bachmann, Auftritten u.a. als junge Inge bei der postfaschistischen und zugleich männerdominierten Gruppe 47 oder als mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden Geehrte (“Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar”) – und mit Sandra Hüller als Bachmann-Lookalike mit blonder Perücke in einer Wohnung in Rom.
Diese kluge, sprachmächtige Poetin, erst schüchterne Ex-Provinzlerin, später eine vom Leben und von der Liebe Malträtierte lässt mich nicht kalt und bleibt mir zugleich sehr fremd. Mag sein, dass ich als Mann, als “Ungeheuer mit dem Namen” Robert, manches nicht so recht nachvollziehen kann von ihrer Verwundbarkeit.
Etwas aufgesetzt kommt mir im Film das So-tun-Als-ob der großartigen Schauspielerin Sandra Hüller vor. Ziel war es offenbar, einen Tag gegen Ende von Bachmanns Leben in Räumen filmisch zu imaginieren, die der letzten Wohnung der Dichterin gleichen, und dabei auch die Stadt Rom einzubeziehen.
Die damals tabletten- und alkoholsüchtige Dichterin verbrannte sich an meinem 14. Geburtstag, in der Nacht vom 25. auf den 26. September 1973, im Bett mit einer Zigarette. Dem setzt Renate Schilling am Ende ihrer Doku Bachmanns Festhalten an der Hoffnung entgegen. In einem Fernsehinterview von 1972 wird sie auf mögliche Resignation angesprochen; Bachmann weist diese jedoch von sich. Sie halte – wie sie sagt – an dem Glauben an eine Utopie auch wider besseres Wissen fest. Das unterstreicht das abschließende Zitat aus ihrem “Todesarten”-Roman “Malina” über die Frage, wie denn ihre zukünftige Welt aussehe. „Ein Tag wird kommen, an dem die Menschen schwarzgoldene Augen haben, sie werden die Schönheit sehen, die sie jetzt nicht sehen, weil sie blind sind, und sie werden die Wahrheit hören, die sie jetzt nicht hören, weil sie taub sind, und sie werden den Duft der Welt riechen, den sie jetzt nicht riechen, weil sie stumm sind. Ein Tag wird kommen, sie werden frei sein, es werden alle Menschen frei sein, auch von der Freiheit, die sie gemeint haben.“
Gut gesagt, Ingeborg. Den Film muss man nicht gesehen haben, aber ohne die Gedichte, die Erzählungen der Bachmann wäre das Leben eines/r literarisch Interessierten ärmer.
“Die Odyssee” (Christopher Nolan, USA 2026) *****
Eine DER Menschheitserzählungen in Kinobilder zu gießen ist ein Wagnis, zumal in dem Homerischen Epos über den verhinderten Heimkehrer aus dem Trojanischen Krieg einiges vorkommt, was schnell peinlich werden könnte. Der Kampf mit dem einäugigen Poseidon-Sprössling Polyphem z.B. Aber der Batman-erprobte UK/US-Regisseur Christopher Nolan schafft es bildgewaltig, aus dem fast 300 Jahre alten Stoff ein Antikriegsdrama zu weben, das auch für die Gegenwart höchst relevant ist. Für den “Standard” schon jetzt und trotz Kritik “das Kinoereignis des Jahres”.
Anfangs trägt Rapper Travis Scott als Barde Phemios vor den schmarotzenden Freiern Penelopes das Heldenlied des nach fast 20 Jahren immer noch abwesenden Odysseus (Matt Damon) vor, dessen List mit dem trojanischen Pferd den Kampf um Troja entschied. Dieser Sieg wird im Verlauf des 172-Minuten-Films von allem Glanz entkleidet, vielmehr als eine Art “Ursünde, die das Elend in die Welt gebracht hat” (“Filmdienst) dargestellt bzw. vom reflexionsbereiten Odysseus als solche erkannt. In Ithaka und Sparta raunt man vom Verderben, das die „Völker des Meeres“ bringen werden. Der größte Held des trojanischen Krieges aber weiß: Sie selbst sind die Barbaren, deren Namen man voller Angst auf den Inseln der Ägäis wispert. Heerführer Agamemnon u.a. Kriegslüstlinge treten ein Verderben los – und auch ihr eigenes.
Nolan- und Antike-Fans werfen dem Regisseur Verrat an der Vorlage vor. Aber wozu sollte man ein 800 Jahre v.Chr. verfasstes Stück Weltliteratur aufgreifen, wenn nicht um Brücken zum Heute zu schlagen?
Matt Damon, inzwischen knackig durchtrainierte 55, ist ebenso eine gute Besetzung wie Anne Hathaway (43) als ausharrende Penelope, die den Titelhelden 7 Jahre lang als Kalypso seine Heimkehrsehnsucht vergessen lassende Charlize Theron, Lupita Nyong’o als vom Krieg um sie verunstaltete schöne Helena (dass die schönste Frau der Antike schwarze Haut haben sollte, missfiel Elon Musk) oder Robert Pattinson als für den Königsthron intriGIERenden falschen Hund Antinoos.
Ich sah “Die Odyssee” gemeinsam mit meinem reckenhaft aussehenden mittleren Sohn im Votivkino. Die beeindruckenden Bilder und Szenerien hätten sich aber wohl die große Leinwand im Gartenbau verdient.
“Paris Murder Mystery” (Rebecca Zlotowski, F 2025) ****
Jodie Foster, die schon als Halbwüchsige in “Taxi Driver” und Bugsy Malone” zum Star wurde, spricht ausgezeichnet Französisch. Kein Wunder, denn die 1962 Geborene schloss in den 1970ern das zweisprachige Lycée Français in Los Angeles als Jahrgangsbeste ab. Und in “Paris Murder Mystery” von Rebecca Zlotowski hat die zweifache Oscar-Gewinnerin als in Paris ordinierende US-Psychiaterin Lilian Steiner reichlich Gelegenheit dazu. Ihren Eigentlich-nicht-mehr-und-dann-doch-wieder-Ehemann spielt Daniel Auteuil, und mit Mathieu Amalric als vermeintlicher Mörder ist ein zweiter französischer Filmstar dabei.
Vier Kinomittwoch-Cineast:innen rätselten nach dem Ende des Streifens darüber, was denn nun der Inhalt gewesen sei. “Ein sich eigenwillig zwischen Krimi, Komödie und Mystery verordnender Film, dessen Erzählstränge sich immer wieder als lose erweisen oder im Sande verlaufen”, zeigt sich auch der Filmdienst etwas irritiert. Wir einigten uns schließlich auf den Wachstumsprozess einer etwas zwanghaften, rationalistischen Psychiaterin, die über einige Umwege zu ihrem Partner zurückfindet, ihr gespanntes Verhältnis zu ihrem Sohn korrigiert und fortan auch relaxter ihr Metier betreibt. Ihr Verdacht, dass eine durch Suizid verstorbene Klientin ermordet wurde – durch die Tochter? Oder den Ehemann? – erweist sich als Sackgasse. Die Schnitzeljagd mit verschiedenen Hinweisen ist zumindest über weite Strecken unterhaltsam, in manchen Situationen witzig. Etwas verschroben wirkt eine durch eine Hypnotiseurin angeregte Phantasiereise der anfangs skeptischen Psychiaterin, die diese in ein früheres Leben als lesbische Nazi-Bedrohte versetzt. Der deutsche Titel “Paris Murder Mystery” (im Original “Vie privée”) führt dann doch etwas in die Irre.
“Blue Moon” (Richard Linklater, USA/Irland 2025) ****
Im März 1943 feiert das Musical „Oklahoma!“, bei dem der Komponist Richard Rodgers (Andrew Scott) zum ersten Mal nicht mehr mit seinem langjährigen Texter Lorenz Hart zusammenarbeitet, sondern mit den Lyrics von Oscar Hammerstein II den Grundstein für DAS „Songwriting-Team“ (u.a. “The King and I”, “The Sound Of Music”, “You’ll Never Walk Alone”) schlechthin legte. Davor waren schon Rodgers und Hart höchst erfolgreiche Songwriter des Great American Songbook (“Blue Moon”, “My Funny Valentine”, “The Lady Is a Tramp”), das eng befreundete Duo zerbrach jedoch an der Unzuverlässigkeit des notorischen Trinkers Lorenz Hart.
Ethan Hawke spielt diesen kleingewachsenen, gekränkten, trotz permanenter Wortwitze von Tragik gezeichneten, Virtuosen des geschliffenen Wortes hinreißend. “Blue Moon” ist die Geschichte eines hochbegabten, jedoch an seinen Unzulänglichkeiten gescheiterten Showbiz-Protagonisten, der noch dazu unglücklich verliebt in die viel zu junge Schauspielaspirantin Elizabeth (Margaret Qualley) ist. Diese berichtet dem vertrauten Freund (“I love you, Larry, but not this way”) von amourösen Erlebnissen und nützt ihn als Steigbügelhalter für den Kontakt mit Rogers. Richtig leid tut er einem, wenn sich Hart vor Ideen sprudelnd anbiedert, obwohl er für die biedere Qualität von “Oklahoma!” de facto nicht viel übrig hat.
Wieder mal bin ich mit dem Filmdienst einer Meinung: Die Tragik des Musical-Poeten mit seinen ausladenden Gesten, rasant vorgetragenen Wortkaskaden, Imitationen und mitunter auch angestimmten Liedern ist “zunächst vor allem im Kontrast zu dem von Bobby Cannavale mit pointiertem Gleichmut gespielten Barkeeper unterhaltsam”. Die (von unserer Kinorunde mit Untertiteln mitverfolgte) Pointendichte wirkt mitunter allerdings auch etwas angestrengt … ich bin sicher, dass ich etliche Gags verpasst hab.
“Father Mother Sister Brother” (Jim Jarmusch, USA 2025) ***
Vom so un-US-amerikanischen Arthouse-Regisseur Jim Jarmusch sah ich schon etliche Filme – und ehrlich, “Down by Law”, “Dead Man”, “Paterson” oder “Ghost Dog” sind um Längen besser als sein jüngster Streifen, das bei den Filmfestspielen von Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnetes Episoden-Triptychon rund um “the secret life of parents”. Und das trotz großartiger Schauspieler:innen wie Cate Blanchett, Adam Driver, Charlotte Rampling oder Tom Waits.
Jarmusch erzählt drei verschiedene Geschichten. In New Jersey besucht ein Geschwisterpaar den verwitweten, vermeintlich durch Armut und Verwahrlosung gefährdeten Vater. Ähnliches So-tun-als-ob erleben zwei sehr unterschiedliche Schwestern mit ihrer großbürgerlichen Mutter in Dublin; und in der dritten Episode gehen Zwillinge nach dem Unfalltod der Eltern in Paris auf deren Spuren. Die beiden Besuche zeigen, dass man einander nicht viel zu sagen hat und vieles nach langen, peinlichen Sprechpausen ungesagt bleibt. Die Waisenzwillinge zuletzt dagegen stehen sich nahe, kommen aber drauf, dass ihre toten Eltern in mancher Hinsicht ein Doppelleben führten. Verschränkt sind die drei Episoden nur durch Leitmotive wie Skater auf der Straße, Toasts mit Wasser, PG Tipps Tee und Kaffee oder der englischen Floskel „Bob’s your uncle“ (dt. etwa: „Und mehr ist nicht zu sagen!“).
All das ist bei Jarmusch demaskierend und unaufgeregt zugleich, die Dialoge sind – außer bei der letzten Episode – banal, manchmal mit Humor, ohne jede Dramatik. Was daran ist erzählenswert? Wo ergibt sich ein Bogen, wo schließt er sich? Diese Fragen bleiben, “ohne dass der Film sich zum stimmigen Ganzen runden würde”, wie es im stets präzisen “Filmdienst” heißt.
“Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke” (Simon Verhoeven, D 2025) ******
Joachim Meyerhoff, bis 2019 13 Jahre lang Star am Wiener Burgtheater, habe ich als Schauspieler nie wirklich wahrgenommen. Umso mehr als Autor seiner inzwischen sechsteiligen Buchreihe “Alle Toten fliegen hoch”, die ich allesamt mit großen Vergnügen las. Der in Schleswig Aufgewachsene berichtet darin von seinem Aufwachsen auf einem Psychiatrieanstaltsgelände, seinen Eltern und Geschwistern, dem Austauschjahr in Amerika, von Beziehungsturbulenzen und Schlaganfall sowie zuletzt von einer Auszeit bei seiner alt gewordenen Mutter Susanne.
Zwei dieser stets mit viel Humor und großer Beobachtungsgabe erzählten Bände sind inzwischen verfilmt. “Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war” (D 2023) fand ich so lala, “Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke” dagegen sehr stimmig und überzeugend in der Wiedergabe des Tonfalls der Meyerhoff-Bücher.
Der 137 Minuten lange Streifen von Simon Verhoeven (“Girl You Know It’s True”, “Alter weißer Mann”) erzählt Meyerhoffs (Bruno Alexander) nach dem Unfalltod seines Bruders aufgenommene Schauspielausbildung an der Otto Falckenberg Schule in München, wo einst auch seine Großmutter Inge Birkmann (Senta Berger) unterrichtete. Bei dieser und ihrem zweiten Ehemann, dem Philosophen Hermann Krings, richtet sich der vom Brudertod noch Traumatisierte häuslich ein, nachdem er zu aller Überraschung die Aufnahmeprüfung schaffte. Und das, obwohl der damals 22-Jährige labil, introvertiert und zugleich jähzornig war und Schauspieltalent nicht wirklich erkennen ließ. Die Komik des Films basiert zum einen in Meyerhoffs (selbstironisch überzeichnetem?) Agieren als Jungmime, zum anderen in seiner Rolle als Großmutters “Lieberling” in deren von Eheritualen und reichlich Alkoholkonsum dominierten Haushalt in einer Münchner Vorstadtvilla. Ich musste oft lachen beim Coming-of-Age-Geschehen auf der Leinwand – und war traurig, als die beiden Alten zuletzt kurz hintereinander verstarben. Aber da war Enkel Joachim längst etablierter Schauspieler am Schauspielhaus in Hamburg.