„Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes“ (Edgar Reitz, D 2025) *****

Anfang des 18. Jahrhunderts gibt die hochgebildete preußische Königin Sophie Charlotte ein Porträt des Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz in Auftrag, der einst ihr bewunderter Lehrer war. Ein Erstversuch mit dem geckenhaft eitlen, konventionellen Hofmaler Delalandre (Lars Eidinger) scheitert. Stattdessen kommt die Niederländerin Aaltje van de Meer (Aenne Schwarz) zum Zug, die sich im misogynen Umfeld der hohen Kunst zunächst als Mann ausgibt. Ihr „Outing“ verhindert nicht ausgiebiges Philosophieren mit dem Universalgelehrten Leibniz (Edgar Selge), der mir Schmalspurtheologen bisher vor allem für seine Theodizee und die These von der von Gott erschaffenen „besten aller Welten“ bekannt war.
Der nunmehr 93 Jahre alte Regisseur Edgar Reitz entwirft rund um diesen fiktiven Porträtauftrag ein intellektuell reizvolles Kammerspiel mit nur wenigen Agierenden und Gesprächen über Kunst, Liebe und Wahrheit (die man gerne ein zweites Mal hören würde). Es geht um Fragen wie: Hält Malerei nur einen kurzen Moment fest oder spiegelt sich darin auch Zeit? Ist das/der Abgebildete überhaupt in seinem Wesen zu erfassen? Und mehr noch um Theologisches: Was ist die Seele? Hat Gott nicht eine äußerst mangelhafte Welt erschaffen? Ist das Böse nicht die Voraussetzung von Entscheidung dafür oder dagegen und damit von Freiheit?
Meine Hochachtung vor dem in vielen Dingen so bewanderten Philosophen aus Leipzig bzw. Hannover stieg durch diesen „reitz-vollen“ Film enorm. Er erfand nicht nur eine komplexe Rechenmaschine, sondern u.a. auch eine horizontale Windmühle, kümmerte sich um praktische Verbesserungen im Bergbau und nahm in seinen Überlegungen den Internationalen Gerichtshof und in seiner Monadenlehre auch das Prinzip der Computerprogrammierung vorweg. Reitz hoffte, dass sich das Publikum „mit der Glückseligkeit anstecken lasse“, die Königin Sophie Charlotte im Umgang mit Leibniz empfindet. Weitgehend gelungen, würde ich sagen.
„Leibniz“ nimmt sich die Freiheit der philosophischen Spekulation heraus, lobt auch der deutsche „Filmdienst“ – „der spröden filmischen Form zum Trotz dominiert der intellektuelle Spieltrieb“. Und das dem Thema angemessen auch durchaus ästhetisch ansprechend: Die Kamerabilder im düsteren Atelier greifen die Bildsprache eines Caravaggio, Vermeer und Rembrandt auf, die zur Zeit von Leibniz in höchster Blüte stand.

„Avatar: Fire and Ash“ (James Cameron, US 2025) ***

More of the same, Part 3: James Cameron wiederholt seine 2009 gestartete Avatar-Filmreihe zum dritten Mal. Wieder mit phantasievollen, kreativen Designstücken aus der Gegenwelt Pandora, irgendwo in den Fernen des Weltalls. Wobei: „Gegenwelt“ stimmt so nicht, denn die Themen sind dieselben wie auf der guten alten Erde. Rücksichtslose Profitmacher und Militärs beuten den idyllischen Planeten aus, in dem die brutal gejagten Wale sprechen können, Felsbrocken schwerelos in der Luft schweben und blauhäutige Indianer, die hier „Na’vi“ heißen, auf Drachen reiten. Diesmal kommen zu den bööösen Bleichgesichtern von der Erde auch noch indigene Schurken dazu – das Asche-Volk Mangkwan, das mit den menschlichen Eroberern gemeinsame Sache macht. Oberbösewicht ist wie schon in Teil 1 und 2 Col. Miles Quaritch, der wie der davor querschnittgelähmte Hauptheld Jake Sully als Avatar in einem Na’vi-Körper lebt. Und ich nehm’s vorweg: In Teil 4, angekündigt für 2029, wird Quaritch nicht mehr sein Unwesen treiben.

Gefühlte zwei Stunden des insgesamt dreieinviertel Stunden dauernden Dramas sind (Überlebens-)Kampf. Und gegen die gefinkelten Waffen der Menschen und die mit Schnellfeuergewehren aufgerüsteten Mangkwan sieht es für die mit Pfeilen und Speeren agierenden Na’vi nicht wirklich gut aus – bis, ja bis sich die Naturmuttergöttin Eywa endlich dazu bequemt, hilfreich einzuschreiten und alle Widersacher in einen Sog nach oben … aber seht selbst.

Oder nein. Als sehenswert kann ich das 3D-Epos nicht guten Gewissens empfehlen. Dazu ist der Teil 3 den beiden vorangegangenen zu ähnlich. Und die holzschnittartigen Dialoge bieten sogar Anlass zu Ironie. „Das ist eine Familie. Das ist keine Demokratie“, sagt der ökobekehrte Ex-Marine Sully beim Mäuseraufstand seiner Nachkommen.

Wetten, dass die davongekommene Mangkwan-Häuptlingsfrau Varang im 4. Teil prominent vorkommt? Dann aber wohl ohne mich und meine jungen Kinobegleiter:innen, denen ich Avatar 3 zu Weihnachten schenkte. Was beim ersten Teil noch eine visionär erscheinende Neudefinition der 3D-Technologie als Hilfsmittel für traumartige Szenarien war, wirkt 16 Jahre später in die Jahre gekommen. Die Haltbarkeit von Peter Jacksons „Herr der Ringe“-Trilogie übertrifft Camerons Serie bei weitem.

„In die Sonne schauen“ (Mascha Schilinski, D 2025) ****

Ein deutscher Auslands-Oscar-Kandidat, der bei den Filmfestspielen von Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wurde – das klingt doch bestens, um das Kinojahr womöglich sogar mit dem Filmhighlight des Jahres ausklingen zu lassen, dachte ich, als ich am vorletzten Tag des Jahres bei eisigen Temperaturen ins DeFrance radelte. Das 149-Minuten-Drama von Mascha Schilinski beschreibt mit Zeitsprüngen und Schicksalsparallelen einen Erinnerungsstrom aus dem Leben von vier Mädchen über einen Zeitraum von circa 100 Jahren auf einem Bauernhof in der ehemaligen DDR. Die Szenen im ungewohnten 4:3-Bildformat dazu zeigen die siebenjährige Alma in den 1910er Jahren, die Teenager Erika den 1940er-Jahren und Angelika im Staatskommunismus der 1980er-Jahre bis hin zu Lenka und ihrer kleinen Schwester in der Gegenwart.

„Der erste Impuls war eigentlich der Hof, auf dem wir gedreht haben“, erzählt Regisseurin Schilinski über die Idee zum Film. „Gemeinsam mit […Drehbuchautorin, Anm.] Louise Peter saß ich auf diesem Hof, wir haben eigentlich beide jeweils andere Sachen geschrieben. Aber dieser Hof hat geatmet. Wenn wir durch die Räume gegangen sind, haben wir die Jahrhunderte gespürt.“

„In scheinbar alltäglichen, geradezu rhapsodischen Momentaufnahmen und Stimmungsbildern lässt ‚In die Sonne schauen‘ die Zeitebenen der Mädchen ineinanderfließen und ihre Erlebnisse miteinander sprechen. Darin wirkt der Film oftmals wie ein wundersames, eigensinniges Kinogedicht in freiem Versmaß, das sich einer eindeutig vorwärtsschreitenden Narration selbstbestimmt entzieht.“ So heißt es in der euphorischen Kritik des „Filmdienst“. Nun, mir wurden die oft rätselhaften zwei Stunden im Kinosaal nicht lang, aber ich vermisste doch Stringenz statt assoziatives „freies Versmaß“, bei dem Zeiten und Personen fast ineinanderfließen. Immer wieder starke Bilder von Landleben, Gewalt, Sexualität, Familienkorsetts und Todessehnsucht. Nicht ganz meines, aber interessant und eigenwillig kreativ allemal.

„Ein weirder, also ein in jeder Hinsicht des Wortes merk-würdiger Film“, heißt es im „Perlentaucher“. Und: „Man weiß danach nicht, was man sich wünscht: ob er Solitär bleiben oder doch lieber Schule machen soll.“ Vielleicht nochmals (mehrmals?) anschauen?

„Der Fremde“, (Francois Ozon, F 2025) ****

Diesen wunderbar fotografierten Schwarzweißfilm nach dem berühmten Roman von Albert Camus gibt’s eigentlich noch gar nicht in Österreichs Kinos. Dass ich ihn schon vorab mit einer Schar Mitfeiernder sah, lag am Preis, den der Verleih „Filmladen“ bekam: Eine Gratulantin aus Frankreich überreichte den „Europa Cinemas Awards 2025“ für „Best Programming“ in den beiden Kinos Votiv und DeFrance – eine tolle und verdiente Auszeichnung für das Mitglied von „Europas Cinemas“, einem Netzwerk von rund 1300 Arthouse-Kinos in 39 Ländern. Glückliche Gewinner wie ich durften gratis mitfeiern.

Geschäftsführer Michael Stejskal lobte Ozons neuen Streifen vorab als eine der herausragendsten Produktionen des Jahres 2025, der den lakonisch-nihilistischen Ton des Camus-Klassikers gut treffe. Im Mittelpunkt steht der im Algier der 1930er-Jahre lebende junge Büroangestellte Mersault. Als er ein Telegramm erhält, das ihm den Tod seiner in einem Altersheim lebender Mutter kundtut, zeigt sich sein gefühlsarmer Charakter. Am Tag der Beerdigung beginnt er nach dem Besuch einer Filmkomödie eine Affäre mit Marie und schläft noch am selben Abend mit ihr. Die Beziehung verfestigt sich, ohne dass Mersault je Liebe verbalisiert. Er bleibt konsequent ehrlich desinteressiert, auch das Lügen scheint ihn zu langweilen. Als ihn sein Nachbar Raymond in einen Konflikt mit Einheimischen verstrickt und Mersault an einem heißen Tag am Strand einen Mord begeht, landet der durch scheinbar nichts Berührbare vor Gericht. Seine Weltsicht legt er am deutlichsten, ja sogar oder leidenschaftlich im Gespräch mit einem Priester im Gefängnis dar, der vergeblich versucht, Mersault zu Reue und Hinwendung zu Gott zu bewegen. Denn „das Leben ist absurd“ und „was für eine Rolle spielt es, ob man mit 30 oder 70 stirbt“.

Francois Ozon erzählt diese Geschichte sehr europäisch im Arthouse-Stil, lässt sich und seinen Bildern viel Zeit. Beim Abspann zu hören: „The Cure“ mit ihrer Romanvertonung aus dem Jahr 1978 „Killing an Arab“.

„Melt“ (Nikolaus Geyrhalter, Ö 2025) **

Mehr als eine Stunde Schneegeschiebe, bis er endlich zu seinem Thema kommt. Um die mit der Schnee- und Gletscherschmelze verbundene Klimakatastrophe und deren Folgen für die an Küstenregionen lebenden Menschen ging es explizit erst am letzten und spannendsten Schauplatz – einer deutschen Forschungsstation auf dem Schelfeis in der Antarktis. Davor Schneemassen in Japan, Kanada, Osttirol, Schweiz. Ein Kapitel ist dem Ischgl-ähnlichen Après-Ski-Getöse in Val d’Isère gewidmet, wo eine hochkomplexe Infrastruktur zur Erzeugung von Kunstschnee geschaffen wurde. Ein weiteres führt in eine Höhle im Vatnajökull-Gletscher auf Island, die es wegen der zu hohen Temperaturen auch im Winter schon bald nicht mehr geben wird. Und vom sich rapide schrumpfenden Dachsteingletscher, wo sich auf 2500 m Seehöhe der Liftbetrieb nicht mehr rechnet, haben aufmerksame Medienkonsument:innen in Österreich schon mehrfach gehört.

Ich gestehe: Ich habe mich gelangweilt bei Geyrhalters von 2021 bis 2025 gedrehter, mit vielen Standbildern und ohne Musik auskommenden Doku. Der hat schon viel Besseres gedreht (Unser täglich Brot 2005, Homo Sapiens 2016). Wäre der 125-Minuten-Film auf arte oder Sat1 gelaufen, hätte ich schon lange vorm Ende umgeschaltet.

„Du & Ich und alle reden mit“ (Paolo Genovese, I 2025) ****

Ein Film wie ein Kammerspiel: Zwei Personen, die 35-jährige Möbelrestauratorin Lara und der 50-jährige Gymnasiallehrer Piero treffen sich nach einem Kennenlernen in einer Bar zu einem ersten Date bei ihr in der Wohnung. Prosecco, Blumen einfrischen, Häppchen, Smalltalk. Dann verschafft sich das sonstige bzw. bisherige Leben der beiden Raum: durch einen Anruf der minderjährigen Tochter beim geschiedenen Vater mit Sorgerecht und durch das unerwartete Auftauchen des Ex von Lara, den sie trotz eines mitgebrachten Geschenks – es ist ein Ring! – empört abwimmelt. Piero und Lara werden miteinander vertraut, kommen sich näher.

So weit, so unspektakulär.

Der Gag des Filmes von Regisseur Paolo Genoves ist, dass sich während des gesamten Plots die inneren Stimmen der beiden zu Wort melden – in Form von jeweils vier sichtbaren Personen, die für unterschiedliche Persönlichkeitsfacetten und Herangehensweisen stehen. Das ist ein ständiger Quell von Komik, denn wer kennt das nicht bei einem Date: Sage ich jetzt das Richtige? Wie stehe ich da – optisch und auch sonst? Ist der richtige Zeitpunkt für Zärtlichkeit? Und später dann: Wie mache ich’s beim Sex? Ist ein guter Zeitpunkt zum Sich-Verabschieden?

Dazu haben der rationale Professor, der romantische Romeo, der leidenschaftliche Eros und der desillusionierte Valium ihre eigenen Vorstellungen und Ratschläge für Piero, ebenso die Einflüsterinnen von Sara, deren Namen ich vergaß. Es gibt da die kompromisslose, die verträumte, die verführerische, die wilde.

Dass der Spielfilm von „Paul aus Genua“ der erfolgreichste des Jahres in Italien wurde, ist vielleicht etwas überbewertet. Unterhaltsam war er allemal.

„One Battle After Another“ (Paul Thomas Anderson, USA 2025) *****

Es geht um eine Gruppe revolutionärer Linker aus Los Angeles, die wegen ihrer Attacken gegen das System vom Militär gesucht werden. Näherhin geht es um zwei Kämpfer, die der Kämpferin Perfidia Beverly Hills verfallen sind: Um ihren Mitstreiter Bob (Leonardo DiCaprio) und den erzkonservativen Befehlshaber Steven J. Lockjaw (Sean Penn), der auf beide Jagd macht und dabei ganz eigene Ziele verfolgt. Was Sean Penn hier darbietet, ist Schauspielkunst vom Feinsten. Würde mich nicht wundern, bekäme er dafür einen Oscar.

Auch für den von mir geschätzten deutschen „Filmdienst“ ist Penn „der eigentliche Star des Films […], der die freudlose Figur des Obersts mit steifem Gang und nervösen Gesichtszuckungen oft am Rand zur Karikatur verkörpert, ihr aber auch eine tragische Dimension verleiht, die sie verletzlich und nahbar wirken lässt“ und die einem am Ende „fast leid tut“.

Der auf zwei Zeitebenen angesiedelte 162-Minuten-Film von Regisseur und Drehbuchautor Paul Thomas Anderson („Licorice Pizza“, „There Will Be Blood“) zeigt die US-Gesellschaft als bürgerkriegsähnliches Kampfgebiet, in dem konträre Ideologien aufeinanderprallen. Perfidia und Bob kämpfen zwar gegen Kapitalismus und Ausgrenzungspolitik, sind aber selbst problematische Charaktere mit über Leichen gehende Radikalität auf der einen und dauerbekiffter Paranoia auf der anderen Seite. Am „normalsten“ kommt da noch die im zweiten Teil zur Heldin gezwungene 16-jährige Tochter Willa rüber. Spannend jedenfalls. Empfehlung.

„Elements of(f) Balance“, (Othmar Schmiderer, Ö 2025) ****

In der Tradition österreichischer Filmdokus über Missstände in Natur und (Arbeits)Welt durch Regisseure wie Nikolaus Geyrhalter, Erwin Wagenhofer und den früh verstorbenen Michael Glawogger begab sich der bereits 71-jährige Salzburger Othmar Schmiderer auf eine Recherchereise rund um die Welt. Im Fokus stehen gefährdete oder gesundende Ökosysteme inmitten einer auf Ausbeutung ausgerichteten Welt: Bodenbehandlung auf einem österreichischen Bergbauernhof, Revitalisierung eines toten Forstes in Thüringen, schwimmende Beete in Bangladesch oder Wiederbepflanzung in Chinas Wüstenregionen geben Hoffnung auf eine ökologische Wende, der Blick ins auch durch den Krieg höchst gefährdete Donaudelta zwischen Rumänien und der Ukraine oder in die quallenverseuchte Adria viel weniger.

Am verblüffendsten für mich waren die Erläuterungen über die faszinierende Welt der Pilze und Myzele und sich dabei ergebende Möglichkeiten für zukünftiges Bauen und Sich-Kleiden. Verleiher Filmladen über den am 5. Dezember in den Kinos startenden Schmiderer-Streifen: „Nicht dystopische Zukunftsvisionen stehen im Mittelpunkt, sondern ein neues Bewusstsein und neue, konkrete Möglichkeiten, die sich der Menschheit bieten, wenn verstrickte Lebensformen und vergessene Allianzen die Grundlage des Umgangs mit der Natur sind.“

Stimmt, dachte ich nach der Presse-Preview. Aber warum Kino und keine mindestens so brauchbare arte-Doku?

„Girls & Gods“ (Arash T. Riahi, Verena Soltiz, Ö/Ch 2025) *****

Können Feministinnen religiös sein, gläubige Mitglieder einer abrahamitischen Weltreligion? Wenn es nach der ukrainischen Femen-Aktivistin („Pussy Riot“) Inna Schewtschenko geht, eher nicht. Sie betrachtet Christentum, Judentum und Islam als unheilbar patriarchalisch und zitiert dazu die mir noch von meinem Theologiestudium bekannte Mary Daly: „If God is male, then male is God.“ In einer der ersten Szenen des auf einem Drehbuch Schewtschenkos basierenden Film sind barbusige Feministinnen zu sehen, die in Kiew triumphierend ein Holzkreuz umsägen und danach schnell die Flucht ergreifen. Ohje, dachte ich da. Das wird jetzt ein filmisches Pamphlet, das Identifikationsfiguren keinerlei Raum gibt, die Religion und Feminismus sehr wohl für vereinbar halten. Da kann dann auch ich nicht mit, denn ein Gott, der Unterdrückung von Frauen gutheißt oder sogar verlangt, ist weit entfernt von dem, an den ich glaube.

Aber dem war dann gar nicht so. Es kamen auch religiös offene wie die (widerrechtlich geweihte) katholische Bischöfin Christine Mayr-Lumetzberger zu Wort, selbstbewusste Musliminnen, die aus Überzeugung den Hidschāb tragen, eine jüdische transsexuelle Rabbinerin u.a. Schewtschenko traf sich mit diesen Frauen in Europa und in den USA, widersprach ihnen zu Themen wie Abtreibung und Bekleidungsvorschriften, ließ ihre andere Sichtweise aber letztlich gelten.

Schmunzeln machte mich die russische Pussy-Riot-Aktivistin Nadeschda Tolokonnikowa, die wegen ihrer feministischen Haltung ins Gefängnis musste und dort – „It was a torture!“ – nur die Bibel zu lesen bekam. Jesus sei ihr dabei sehr sympathisch geworden, und sie habe bei der Lektüre genug Stoff zum Argumentieren gegen die Putin-freundliche, den Krieg rechtfertigende russisch-orthodoxe Kirchenleitung gesammelt.

„Noch lange keine Lipizzaner“ (Olga Kosanović, Ö 2025) *****

Ein Film zum Ärgern und zum Lachen: zum Ärgern deswegen, weil die bürokratischen Hürden, die der Staat Österreich Zuwanderungswilligen wie der hierzulande geborenen Regisseurin und Drehbuchautorin mit serbischen Wurzeln aufstellt, geradezu absurd sind. Und zum Lachen, weil Kosanović dies mit viel Humor und Fantasie etwa in Form einer Geburtslotterie-TV-Show, mit fiktiven Spielszenen, skurrile Interviews oder einem Zurück-zum-Start-Brettspiel veranschaulicht.

Die 30-jährige Tochter serbischer Eltern thematisiert in ihrer Doku eigene Erfahrungen: Ihr Antrag auf die Ö-Staatsbürgerschaft wurde von der Wiener Einwanderungsbehörde MA 35 abgelehnt. Denn die Filmemacherin hatte während der vergangenen 15 Jahre 58 Tage zu viel im Ausland verbracht – wegen Urlauben in Serbien, ihres Studiums in Deutschland und Prag. Ihr zweiter, weitere Dokumentensammelei erfordernder Anlauf war erfolgreich. Allerdings kann sie offiziell erst Österreicherin werden, wenn Serbiens Behörden die erzwungene Rückgabe des dortigen Passes zeitgerecht bearbeiten. Sonst droht Staatenlosigkeit. Oder erneute Ablehnung, wenn polizeiliche Verwaltungsstrafen wie Fahren ohne Helm oder bei Rot über die Straße anfallen.

Der Titel des Films bezieht sich auf Kosanovićs Teilnahme an einer Puls4-Talkshow zu solchen Themen. In einem Online-Forum reagierte ein Ungustl namens „Desert Eagle“ darauf mit der Maßregelung: „Wenn eine Katze in der Hofreitschule Junge wirft, sind das noch lange keine Lipizzaner.“

Doch der Verweis auf die Spanische Hofreitschule als etwas genuin Österreichisches geht freilich ins Leere: Im slowenischen Gestüt Lipica wurden für die Zucht der weißen Pferde neben Arabern und Andalusiern auch italienische Hengste verwendet.

Diplomat Emil Brix bringt die finanziellen, sprachlichen, verwaltungsstrafrechtlichen u.a. Hürden auf dem Weg zur Staatsbürgerschaft in einem Interview auf den Punkt: Österreich verteidige deshalb so rigide seine Identität, weil es sich seiner selbst so wenig sicher sei. Nur Saudi-Arabien und die VAR haben weltweit ein strengeres Staatsbürgerschaftsrecht als Österreich; in Wien darf ein Drittel der Bevölkerung – darunter meine beiden Stiefkinder – nicht an Wahlen teilnehmen.