„Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“ (Regina Schilling, D/Ö 2026) ****

Für jemanden wie mich, der während des Germanistikstudiums in Graz immer wieder fasziniert von Texten Ingeborg Bachmanns war und ihre gesammelten Gedichte sogar mit auf Rucksackurlaube nahm, ist dieser Film ein Must-see. Und die deutsche Dokumentarfilmerin Regina Schilling schuf eine Collage mit frühen Film- und Tonaufnahmen der 1926 geborenen Dichterin, mit Auszügen aus ihren Werken und (tlw. posthum veröffentlichten) Briefen, mit Interviews der Bachmann, Auftritten u.a. als junge Inge bei der postfaschistischen und zugleich männerdominierten Gruppe 47 oder als mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden Geehrte (“Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar”) – und mit Sandra Hüller als Bachmann-Lookalike mit blonder Perücke in einer Wohnung in Rom.
Diese kluge, sprachmächtige Poetin, erst schüchterne Ex-Provinzlerin, später eine vom Leben und von der Liebe Malträtierte lässt mich nicht kalt und bleibt mir zugleich sehr fremd. Mag sein, dass ich als Mann, als “Ungeheuer mit dem Namen” Robert, manches nicht so recht nachvollziehen kann von ihrer Verwundbarkeit.
Etwas aufgesetzt kommt mir im Film das So-tun-Als-ob der großartigen Schauspielerin Sandra Hüller vor. Ziel war es offenbar, einen Tag gegen Ende von Bachmanns Leben in Räumen filmisch zu imaginieren, die der letzten Wohnung der Dichterin gleichen, und dabei auch die Stadt Rom einzubeziehen.
Die damals tabletten- und alkoholsüchtige Dichterin verbrannte sich an meinem 14. Geburtstag, in der Nacht vom 25. auf den 26. September 1973, im Bett mit einer Zigarette. Dem setzt Renate Schilling am Ende ihrer Doku Bachmanns Festhalten an der Hoffnung entgegen. In einem Fernsehinterview von 1972 wird sie auf mögliche Resignation angesprochen; Bachmann weist diese jedoch von sich. Sie halte – wie sie sagt – an dem Glauben an eine Utopie auch wider besseres Wissen fest. Das unterstreicht das abschließende Zitat aus ihrem “Todesarten”-Roman “Malina” über die Frage, wie denn ihre zukünftige Welt aussehe. „Ein Tag wird kommen, an dem die Menschen schwarzgoldene Augen haben, sie werden die Schönheit sehen, die sie jetzt nicht sehen, weil sie blind sind, und sie werden die Wahrheit hören, die sie jetzt nicht hören, weil sie taub sind, und sie werden den Duft der Welt riechen, den sie jetzt nicht riechen, weil sie stumm sind. Ein Tag wird kommen, sie werden frei sein, es werden alle Menschen frei sein, auch von der Freiheit, die sie gemeint haben.“
Gut gesagt, Ingeborg. Den Film muss man nicht gesehen haben, aber ohne die Gedichte, die Erzählungen der Bachmann wäre das Leben eines/r literarisch Interessierten ärmer.

“Die Odyssee” (Christopher Nolan, USA 2026) *****

Eine DER Menschheitserzählungen in Kinobilder zu gießen ist ein Wagnis, zumal in dem Homerischen Epos über den verhinderten Heimkehrer aus dem Trojanischen Krieg einiges vorkommt, was schnell peinlich werden könnte. Der Kampf mit dem einäugigen Poseidon-Sprössling Polyphem z.B. Aber der Batman-erprobte UK/US-Regisseur Christopher Nolan schafft es bildgewaltig, aus dem fast 300 Jahre alten Stoff ein Antikriegsdrama zu weben, das auch für die Gegenwart höchst relevant ist. Für den “Standard” schon jetzt und trotz Kritik “das Kinoereignis des Jahres”.
Anfangs trägt Rapper Travis Scott als Barde Phemios vor den schmarotzenden Freiern Penelopes das Heldenlied des nach fast 20 Jahren immer noch abwesenden Odysseus (Matt Damon) vor, dessen List mit dem trojanischen Pferd den Kampf um Troja entschied. Dieser Sieg wird im Verlauf des 172-Minuten-Films von allem Glanz entkleidet, vielmehr als eine Art “Ursünde, die das Elend in die Welt gebracht hat” (“Filmdienst) dargestellt bzw. vom reflexionsbereiten Odysseus als solche erkannt. In Ithaka und Sparta raunt man vom Verderben, das die „Völker des Meeres“ bringen werden. Der größte Held des trojanischen Krieges aber weiß: Sie selbst sind die Barbaren, deren Namen man voller Angst auf den Inseln der Ägäis wispert. Heerführer Agamemnon u.a. Kriegslüstlinge treten ein Verderben los – und auch ihr eigenes.
Nolan- und Antike-Fans werfen dem Regisseur Verrat an der Vorlage vor. Aber wozu sollte man ein 800 Jahre v.Chr. verfasstes Stück Weltliteratur aufgreifen, wenn nicht um Brücken zum Heute zu schlagen?
Matt Damon, inzwischen knackig durchtrainierte 55, ist ebenso eine gute Besetzung wie Anne Hathaway (43) als ausharrende Penelope, die den Titelhelden 7 Jahre lang als Kalypso seine Heimkehrsehnsucht vergessen lassende Charlize Theron, Lupita Nyong’o als vom Krieg um sie verunstaltete schöne Helena (dass die schönste Frau der Antike schwarze Haut haben sollte, missfiel Elon Musk) oder Robert Pattinson als für den Königsthron intriGIERenden falschen Hund Antinoos.
Ich sah “Die Odyssee” gemeinsam mit meinem reckenhaft aussehenden mittleren Sohn im Votivkino. Die beeindruckenden Bilder und Szenerien hätten sich aber wohl die große Leinwand im Gartenbau verdient.

“Paris Murder Mystery” (Rebecca Zlotowski, F 2025) ****

Jodie Foster, die schon als Halbwüchsige in “Taxi Driver” und Bugsy Malone” zum Star wurde, spricht ausgezeichnet Französisch. Kein Wunder, denn die 1962 Geborene schloss in den 1970ern das zweisprachige Lycée Français in Los Angeles als Jahrgangsbeste ab. Und in “Paris Murder Mystery” von Rebecca Zlotowski hat die zweifache Oscar-Gewinnerin als in Paris ordinierende US-Psychiaterin Lilian Steiner reichlich Gelegenheit dazu. Ihren Eigentlich-nicht-mehr-und-dann-doch-wieder-Ehemann spielt Daniel Auteuil, und mit Mathieu Amalric als vermeintlicher Mörder ist ein zweiter französischer Filmstar dabei.
Vier Kinomittwoch-Cineast:innen rätselten nach dem Ende des Streifens darüber, was denn nun der Inhalt gewesen sei. “Ein sich eigenwillig zwischen Krimi, Komödie und Mystery verordnender Film, dessen Erzählstränge sich immer wieder als lose erweisen oder im Sande verlaufen”, zeigt sich auch der Filmdienst etwas irritiert. Wir einigten uns schließlich auf den Wachstumsprozess einer etwas zwanghaften, rationalistischen Psychiaterin, die über einige Umwege zu ihrem Partner zurückfindet, ihr gespanntes Verhältnis zu ihrem Sohn korrigiert und fortan auch relaxter ihr Metier betreibt. Ihr Verdacht, dass eine durch Suizid verstorbene Klientin ermordet wurde – durch die Tochter? Oder den Ehemann? – erweist sich als Sackgasse. Die Schnitzeljagd mit verschiedenen Hinweisen ist zumindest über weite Strecken unterhaltsam, in manchen Situationen witzig. Etwas verschroben wirkt eine durch eine Hypnotiseurin angeregte Phantasiereise der anfangs skeptischen Psychiaterin, die diese in ein früheres Leben als lesbische Nazi-Bedrohte versetzt. Der deutsche Titel “Paris Murder Mystery” (im Original “Vie privée”) führt dann doch etwas in die Irre.

“Blue Moon” (Richard Linklater, USA/Irland 2025) ****

Im März 1943 feiert das Musical „Oklahoma!“, bei dem der Komponist Richard Rodgers (Andrew Scott) zum ersten Mal nicht mehr mit seinem langjährigen Texter Lorenz Hart zusammenarbeitet, sondern mit den Lyrics von Oscar Hammerstein II den Grundstein für DAS „Songwriting-Team“ (u.a. “The King and I”, “The Sound Of Music”, “You’ll Never Walk Alone”) schlechthin legte. Davor waren schon Rodgers und Hart höchst erfolgreiche Songwriter des Great American Songbook (“Blue Moon”, “My Funny Valentine”, “The Lady Is a Tramp”), das eng befreundete Duo zerbrach jedoch an der Unzuverlässigkeit des notorischen Trinkers Lorenz Hart.
Ethan Hawke spielt diesen kleingewachsenen, gekränkten, trotz permanenter Wortwitze von Tragik gezeichneten, Virtuosen des geschliffenen Wortes hinreißend. “Blue Moon” ist die Geschichte eines hochbegabten, jedoch an seinen Unzulänglichkeiten gescheiterten Showbiz-Protagonisten, der noch dazu unglücklich verliebt in die viel zu junge Schauspielaspirantin Elizabeth (Margaret Qualley) ist. Diese berichtet dem vertrauten Freund (“I love you, Larry, but not this way”) von amourösen Erlebnissen und nützt ihn als Steigbügelhalter für den Kontakt mit Rogers. Richtig leid tut er einem, wenn sich Hart vor Ideen sprudelnd anbiedert, obwohl er für die biedere Qualität von “Oklahoma!” de facto nicht viel übrig hat.
Wieder mal bin ich mit dem Filmdienst einer Meinung: Die Tragik des Musical-Poeten mit seinen ausladenden Gesten, rasant vorgetragenen Wortkaskaden, Imitationen und mitunter auch angestimmten Liedern ist “zunächst vor allem im Kontrast zu dem von Bobby Cannavale mit pointiertem Gleichmut gespielten Barkeeper unterhaltsam”. Die (von unserer Kinorunde mit Untertiteln mitverfolgte) Pointendichte wirkt mitunter allerdings auch etwas angestrengt … ich bin sicher, dass ich etliche Gags verpasst hab.

“Father Mother Sister Brother” (Jim Jarmusch, USA 2025) ***

Vom so un-US-amerikanischen Arthouse-Regisseur Jim Jarmusch sah ich schon etliche Filme – und ehrlich, “Down by Law”, “Dead Man”, “Paterson” oder “Ghost Dog” sind um Längen besser als sein jüngster Streifen, das bei den Filmfestspielen von Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnetes Episoden-Triptychon rund um “the secret life of parents”. Und das trotz großartiger Schauspieler:innen wie Cate Blanchett, Adam Driver, Charlotte Rampling oder Tom Waits.
Jarmusch erzählt drei verschiedene Geschichten. In New Jersey besucht ein Geschwisterpaar den verwitweten, vermeintlich durch Armut und Verwahrlosung gefährdeten Vater. Ähnliches So-tun-als-ob erleben zwei sehr unterschiedliche Schwestern mit ihrer großbürgerlichen Mutter in Dublin; und in der dritten Episode gehen Zwillinge nach dem Unfalltod der Eltern in Paris auf deren Spuren. Die beiden Besuche zeigen, dass man einander nicht viel zu sagen hat und vieles nach langen, peinlichen Sprechpausen ungesagt bleibt. Die Waisenzwillinge zuletzt dagegen stehen sich nahe, kommen aber drauf, dass ihre toten Eltern in mancher Hinsicht ein Doppelleben führten. Verschränkt sind die drei Episoden nur durch Leitmotive wie Skater auf der Straße, Toasts mit Wasser, PG Tipps Tee und Kaffee oder der englischen Floskel „Bob’s your uncle“ (dt. etwa: „Und mehr ist nicht zu sagen!“).
All das ist bei Jarmusch demaskierend und unaufgeregt zugleich, die Dialoge sind – außer bei der letzten Episode – banal, manchmal mit Humor, ohne jede Dramatik. Was daran ist erzählenswert? Wo ergibt sich ein Bogen, wo schließt er sich? Diese Fragen bleiben, “ohne dass der Film sich zum stimmigen Ganzen runden würde”, wie es im stets präzisen “Filmdienst” heißt.

“Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke” (Simon Verhoeven, D 2025) ******

Joachim Meyerhoff, bis 2019 13 Jahre lang Star am Wiener Burgtheater, habe ich als Schauspieler nie wirklich wahrgenommen. Umso mehr als Autor seiner inzwischen sechsteiligen Buchreihe “Alle Toten fliegen hoch”, die ich allesamt mit großen Vergnügen las. Der in Schleswig Aufgewachsene berichtet darin von seinem Aufwachsen auf einem Psychiatrieanstaltsgelände, seinen Eltern und Geschwistern, dem Austauschjahr in Amerika, von Beziehungsturbulenzen und Schlaganfall sowie zuletzt von einer Auszeit bei seiner alt gewordenen Mutter Susanne.
Zwei dieser stets mit viel Humor und großer Beobachtungsgabe erzählten Bände sind inzwischen verfilmt. “Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war” (D 2023) fand ich so lala, “Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke” dagegen sehr stimmig und überzeugend in der Wiedergabe des Tonfalls der Meyerhoff-Bücher.
Der 137 Minuten lange Streifen von Simon Verhoeven (“Girl You Know It’s True”, “Alter weißer Mann”) erzählt Meyerhoffs (Bruno Alexander) nach dem Unfalltod seines Bruders aufgenommene Schauspielausbildung an der Otto Falckenberg Schule in München, wo einst auch seine Großmutter Inge Birkmann (Senta Berger) unterrichtete. Bei dieser und ihrem zweiten Ehemann, dem Philosophen Hermann Krings, richtet sich der vom Brudertod noch Traumatisierte häuslich ein, nachdem er zu aller Überraschung die Aufnahmeprüfung schaffte. Und das, obwohl der damals 22-Jährige labil, introvertiert und zugleich jähzornig war und Schauspieltalent nicht wirklich erkennen ließ. Die Komik des Films basiert zum einen in Meyerhoffs (selbstironisch überzeichnetem?) Agieren als Jungmime, zum anderen in seiner Rolle als Großmutters “Lieberling” in deren von Eheritualen und reichlich Alkoholkonsum dominierten Haushalt in einer Münchner Vorstadtvilla. Ich musste oft lachen beim Coming-of-Age-Geschehen auf der Leinwand – und war traurig, als die beiden Alten zuletzt kurz hintereinander verstarben. Aber da war Enkel Joachim längst etablierter Schauspieler am Schauspielhaus in Hamburg.

“Hamnet” (Chloé Zhao, GB 2026) *****

Der nächste Oscar-Kandidat: Es geht um Shakespeare, bzw. mehr noch um seine Frau Agnes und seine erst drei, nach dem Tod des Sohnes nur mehr zwei Kinder. Über die „verlorenen Jahre“ des GröDaZ (größten Dramatikers aller Zeiten) vor seinem Ruhm am Londoner Globe Theatre weiß man so gut wie nichts. Das beflügelte die Fantasie der irischen Autorin Maggie O’Farrell, die 2020 den Roman “Hamnet” über die ersten Familienjahre im Hause Shakespeare veröffentlichte. Der wiederum diente der US-Chinesin Chloé Zhao (“Nomadland”!) als Vorlage für ihren Kunstfilm mit demselben Titel.
Schon vor dem Treffen meiner Kinorunde wusste ich: Shakespeare hatte einen Sohn mit demselben Namen, den auch seine berühmteste Bühnengestalt trägt (Hamnet = Hamlet) und der schon in jungen Jahren (an der Pest?) starb. Der Roman und Film handeln von der Bewältigung dieser Tragödie, die auch eine Kluft zwischen den beiden davor sehr glücklichen Eltern William und Agnes entstehen lässt. Agnes – beeindruckend gespielt von Jessie Buckley – stellt sich als eine Art Kräuterhexe dar, deren Naturverbundenheit sich in der Vertrautheit mit einem Falken, der Geburt der ersten Tochter Judith abgeschieden im Wald und in Heilungskompetenz zeigt. Der historisch 8 Jahre jüngere William ist erst ein Lateinlehrer aus einem strengen Handwerkerhaushalt, dann mit sich hadernder Schriftsteller, mit berufsbedingten Abwesenheiten vom Heimatort Stratford.
Die Annäherung der beiden, die wechselseitige Anerkennung der Eigenheiten des/der Ehepartner/in, das Elternglück und dann das hereinbrechende Unglück schildert Zhao bedeutungsschwer und ästhetisch aufgeladen. Bisweilen etwas viel Bemühen um Schicksals- und Todessymbolik ortet der “Filmdienst“. Wirklich berührt wurde ich von der Trauer der Eltern um ihren Sohn erst, als sich Natur (Agnes) und Kunst (William) versöhnen. Das geschieht, als Agnes erstmals einer Aufführung im Globe beiwohnt, gegeben wird “Hamlet”, passenderweise dargestellt vom älteren Bruder des kleinen Hamnet-Darstellers, und mit William als Geist des ermordeten Hamlet-Vaters. Und obwohl es in dem heute noch viel gespielten Drama um Verrat, Zaudern, Rache und Gifttod geht, jedenfalls um anderes als um das Leid trauernder Eltern, funktioniert der filmische Transfer des Privaten auf die Bühne überzeugend. Man bekommt den Eindruck, der so früh verstorbene Sohn steht hier auf der Bühne und sagt Sätze wie “Ob’s edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern des wütenden Geschicks erdulden oder, sich waffnend gegen eine See von Plagen, durch Widerstand sie enden?”. Und wenn sich dazu die Blicke der auf Distanz gegangenen William und Agnes treffen, berührt das und macht die Oscar-Nominierungen plausibel.

“Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes” (Edgar Reitz, D 2025) *****

Anfang des 18. Jahrhunderts gibt die hochgebildete preußische Königin Sophie Charlotte ein Porträt des Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz in Auftrag, der einst ihr bewunderter Lehrer war. Ein Erstversuch mit dem geckenhaft eitlen, konventionellen Hofmaler Delalandre (Lars Eidinger) scheitert. Stattdessen kommt die Niederländerin Aaltje van de Meer (Aenne Schwarz) zum Zug, die sich im misogynen Umfeld der hohen Kunst zunächst als Mann ausgibt. Ihr “Outing” verhindert nicht ausgiebiges Philosophieren mit dem Universalgelehrten Leibniz (Edgar Selge), der mir Schmalspurtheologen bisher vor allem für seine Theodizee und die These von der von Gott erschaffenen “besten aller Welten” bekannt war.
Der nunmehr 93 Jahre alte Regisseur Edgar Reitz entwirft rund um diesen fiktiven Porträtauftrag ein intellektuell reizvolles Kammerspiel mit nur wenigen Agierenden und Gesprächen über Kunst, Liebe und Wahrheit (die man gerne ein zweites Mal hören würde). Es geht um Fragen wie: Hält Malerei nur einen kurzen Moment fest oder spiegelt sich darin auch Zeit? Ist das/der Abgebildete überhaupt in seinem Wesen zu erfassen? Und mehr noch um Theologisches: Was ist die Seele? Hat Gott nicht eine äußerst mangelhafte Welt erschaffen? Ist das Böse nicht die Voraussetzung von Entscheidung dafür oder dagegen und damit von Freiheit?
Meine Hochachtung vor dem in vielen Dingen so bewanderten Philosophen aus Leipzig bzw. Hannover stieg durch diesen “reitz-vollen” Film enorm. Er erfand nicht nur eine komplexe Rechenmaschine, sondern u.a. auch eine horizontale Windmühle, kümmerte sich um praktische Verbesserungen im Bergbau und nahm in seinen Überlegungen den Internationalen Gerichtshof und in seiner Monadenlehre auch das Prinzip der Computerprogrammierung vorweg. Reitz hoffte, dass sich das Publikum “mit der Glückseligkeit anstecken lasse”, die Königin Sophie Charlotte im Umgang mit Leibniz empfindet. Weitgehend gelungen, würde ich sagen.
„Leibniz“ nimmt sich die Freiheit der philosophischen Spekulation heraus, lobt auch der deutsche “Filmdienst” – “der spröden filmischen Form zum Trotz dominiert der intellektuelle Spieltrieb”. Und das dem Thema angemessen auch durchaus ästhetisch ansprechend: Die Kamerabilder im düsteren Atelier greifen die Bildsprache eines Caravaggio, Vermeer und Rembrandt auf, die zur Zeit von Leibniz in höchster Blüte stand.

“Avatar: Fire and Ash” (James Cameron, US 2025) ***

More of the same, Part 3: James Cameron wiederholt seine 2009 gestartete Avatar-Filmreihe zum dritten Mal. Wieder mit phantasievollen, kreativen Designstücken aus der Gegenwelt Pandora, irgendwo in den Fernen des Weltalls. Wobei: “Gegenwelt” stimmt so nicht, denn die Themen sind dieselben wie auf der guten alten Erde. Rücksichtslose Profitmacher und Militärs beuten den idyllischen Planeten aus, in dem die brutal gejagten Wale sprechen können, Felsbrocken schwerelos in der Luft schweben und blauhäutige Indianer, die hier “Na’vi” heißen, auf Drachen reiten. Diesmal kommen zu den bööösen Bleichgesichtern von der Erde auch noch indigene Schurken dazu – das Asche-Volk Mangkwan, das mit den menschlichen Eroberern gemeinsame Sache macht. Oberbösewicht ist wie schon in Teil 1 und 2 Col. Miles Quaritch, der wie der davor querschnittgelähmte Hauptheld Jake Sully als Avatar in einem Na’vi-Körper lebt. Und ich nehm’s vorweg: In Teil 4, angekündigt für 2029, wird Quaritch nicht mehr sein Unwesen treiben.

Gefühlte zwei Stunden des insgesamt dreieinviertel Stunden dauernden Dramas sind (Überlebens-)Kampf. Und gegen die gefinkelten Waffen der Menschen und die mit Schnellfeuergewehren aufgerüsteten Mangkwan sieht es für die mit Pfeilen und Speeren agierenden Na’vi nicht wirklich gut aus – bis, ja bis sich die Naturmuttergöttin Eywa endlich dazu bequemt, hilfreich einzuschreiten und alle Widersacher in einen Sog nach oben … aber seht selbst.

Oder nein. Als sehenswert kann ich das 3D-Epos nicht guten Gewissens empfehlen. Dazu ist der Teil 3 den beiden vorangegangenen zu ähnlich. Und die holzschnittartigen Dialoge bieten sogar Anlass zu Ironie. “Das ist eine Familie. Das ist keine Demokratie”, sagt der ökobekehrte Ex-Marine Sully beim Mäuseraufstand seiner Nachkommen.

Wetten, dass die davongekommene Mangkwan-Häuptlingsfrau Varang im 4. Teil prominent vorkommt? Dann aber wohl ohne mich und meine jungen Kinobegleiter:innen, denen ich Avatar 3 zu Weihnachten schenkte. Was beim ersten Teil noch eine visionär erscheinende Neudefinition der 3D-Technologie als Hilfsmittel für traumartige Szenarien war, wirkt 16 Jahre später in die Jahre gekommen. Die Haltbarkeit von Peter Jacksons “Herr der Ringe”-Trilogie übertrifft Camerons Serie bei weitem.

“In die Sonne schauen” (Mascha Schilinski, D 2025) ****

Ein deutscher Auslands-Oscar-Kandidat, der bei den Filmfestspielen von Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wurde – das klingt doch bestens, um das Kinojahr womöglich sogar mit dem Filmhighlight des Jahres ausklingen zu lassen, dachte ich, als ich am vorletzten Tag des Jahres bei eisigen Temperaturen ins DeFrance radelte. Das 149-Minuten-Drama von Mascha Schilinski beschreibt mit Zeitsprüngen und Schicksalsparallelen einen Erinnerungsstrom aus dem Leben von vier Mädchen über einen Zeitraum von circa 100 Jahren auf einem Bauernhof in der ehemaligen DDR. Die Szenen im ungewohnten 4:3-Bildformat dazu zeigen die siebenjährige Alma in den 1910er Jahren, die Teenager Erika den 1940er-Jahren und Angelika im Staatskommunismus der 1980er-Jahre bis hin zu Lenka und ihrer kleinen Schwester in der Gegenwart.

„Der erste Impuls war eigentlich der Hof, auf dem wir gedreht haben”, erzählt Regisseurin Schilinski über die Idee zum Film. “Gemeinsam mit […Drehbuchautorin, Anm.] Louise Peter saß ich auf diesem Hof, wir haben eigentlich beide jeweils andere Sachen geschrieben. Aber dieser Hof hat geatmet. Wenn wir durch die Räume gegangen sind, haben wir die Jahrhunderte gespürt.”

“In scheinbar alltäglichen, geradezu rhapsodischen Momentaufnahmen und Stimmungsbildern lässt ‘In die Sonne schauen’ die Zeitebenen der Mädchen ineinanderfließen und ihre Erlebnisse miteinander sprechen. Darin wirkt der Film oftmals wie ein wundersames, eigensinniges Kinogedicht in freiem Versmaß, das sich einer eindeutig vorwärtsschreitenden Narration selbstbestimmt entzieht.” So heißt es in der euphorischen Kritik des “Filmdienst”. Nun, mir wurden die oft rätselhaften zwei Stunden im Kinosaal nicht lang, aber ich vermisste doch Stringenz statt assoziatives “freies Versmaß”, bei dem Zeiten und Personen fast ineinanderfließen. Immer wieder starke Bilder von Landleben, Gewalt, Sexualität, Familienkorsetts und Todessehnsucht. Nicht ganz meines, aber interessant und eigenwillig kreativ allemal.

“Ein weirder, also ein in jeder Hinsicht des Wortes merk-würdiger Film”, heißt es im “Perlentaucher”. Und: “Man weiß danach nicht, was man sich wünscht: ob er Solitär bleiben oder doch lieber Schule machen soll.” Vielleicht nochmals (mehrmals?) anschauen?