Bad Waltersdorf, 28.9.-3.10.2026

Das oststeirische Hügelland ist eine Wohlfühlregion, erst recht für Radbegeisterte wie mich.

Im Osten Österreichs entwickelte sich seit den 1980ern eine touristisch hochwertige Thermenregion. Ich war schon zweimal auf Kur in Bad Gleichenberg, mit Claudia in Bad Tatzmannsdorf, Bad Blumau und Bad Loipersdorf, diesmal ging’s nach Waltersdorf zum Wilfinger. Fünf Nächte im ruhigen Biodorf mit eigenem Wellness-Bereich abseits des tendenziell Thermenbetriebs waren erholsam und anregend. Ein Apartment mit VZ, Bad, WZ und Schlafraum, niemals überfüllte Indoor- und Outdoor-Becken, Sauna, Sonnenterrasse… uns ging’s richtig gut.
Wir hatten unsere Räder mit, gleich am ersten Tag ging’s nach Hartberg und retour über die Pöllauer Gegend und Kaindorf zurück. Zwei weitere Touren unternahm ich alleine: die erste über Burgau und Blumau nach Fürstenfeld (Bild 3) mit einem Sidestep zur angeblich ältesten Eiche Europas (1000 Jahre, Bild 2) und auf anderem Weg zurück, die zweite auf dem anspruchvoll hügeligen Thermenradweg (=Eurovelo 13, Iron Curtain Trail, Bild 1), der auch E-Bike Fahrer:innen einiges abverlangt. Das Wetter war spätsommerlich warm mit ca. 25 Grad Höchstwerten, nachts kühlte es auf deutlich unter 10 Grad ab. Ideales Ausflugswetter in herrlichen Landschaften mit kulinarisch ergiebigen Buschenschanken, die einander offenbar mit der Größe der Portionen übertrumpfen wollen. Besonders schön: Der Maluhof (Ausblick von dort Bild 4), der auch mit einem wohlsortierten Hofladen punktet.

Ich kenne die Region ja bereits von meinen beiden Kuraufenthalten gut und bin einiges mit dem Fahrrad abgefahren. Jeden Freitagnachmittag gibt es in Gleichenberg den “Vulkanlandmarkt”; dass wir dort meine alten Freunde Seppl und Agnes trafen und danach noch bei ihnen Maroni vertolgten, machte den Tag so richtig perfekt.
Wir werden noch einige Zeit von diesem letzten Urlaub des Jahres zehren – auch geschmacklich, denn wir brachten viele Leckereien wie Kaffee von der Rösterei Maitz, Bioaufstriche von der Molkerei Thaller, Uhudler-Essig von Maluhof oder prämierten Baumpresse-Wein vom Wurzinger. Heute auf der Rückfahrt waren wir uns einig: gerne wieder!

(Rad)Wandern in Flandern, 20.8.-8.9.2026

Der erste Radtag ab Aachen führte uns erst in die NL und dann über die Grenze nach Flandern

Jedes Jahr eine ausgiebige Radtour irgendwo in Europa – das war eines meiner Urlaubsmottos, seit ich 2019 zum 60er mein E-Bike bekam. Und heuer erstmals nicht als Single-Speed-Fahrer, sondern zu zweit, mit Claudia unterwegs. Unser Ziel: Flandern. Anreise per Bahn nach Aachen, ab dann per Bike mit Übernachtungen in Genk (1), Brüssel (3), Kortrijk (1), Ostende (4), Brügge (2), Gent (2), Antwerpen (3) und Breda (1), am letzten Tag nach Rotterdam und erneut per Bahn nach Amsterdam, von wo uns der ÖBB-Nightjet nach 19 Tagen wieder nach Wien zurückbrachte. Verglichen mit meinen jüngsten Touren (2025 Kattegat-Umrundung, 2024 ostseewärts nach Danzig, beides ab Hamburg) bedeutete dies kürzere Radstrecken, in Summe rund 700 km, und weniger Natur, dafür mehr Städte mit Kultur und Kulinarik. Und gewöhnungsbedürftig für mich: das Reisetempo an meine bessere, wenn auch untrainiertere bessere Hälfte anpassen, die zwar rad-affin ist, aber bald mit einer fiebrigen Erkältung zu kämpfen hatte. Das Wetter war nämlich nicht so hitzerekordverdächtig wie heuer in Wien, sondern deutlich kühler, so um die 20 Grad, und auch feuchter als zu Hause. Auch wenn Regen die Ausnahme blieb.

Unsere Reiseroute von Aachen westwärts, an die Nordsee und in einem Bogen rauf ins Niederländische.

In Aachen ein Quartier für die erste Übernachtung zu finden, erwies sich als Herausforderung; denn die Kaiser-Karl-Stadt war gerade Schauplatz einer Reit-WM. Freundliche Dominikanerinnen, beheimatet in der hübschen Innenstadt, hatten noch zwei Einzelzimmer frei, Deo gratias! In Aachen war schon Festtagsstimmung. Musikbühnen an mehreren Plätzen rund um den (leider bereits geschlossenen) Aachener Dom, eines der schlechteren Abendessen im Brauhaus. Früh ins Bett, denn unser Tag hatte bereits um 5h für die rechtzeitige Anfahrt zum Wiener Hbf. begonnen und war mit Bangen um das Erreichen der Anschlusszüge in Salzburg und Frankfurt weitergegangen.

Der erste Radtag am 21.8. führte ca. 60 km durch drei Länder: D, NL mit Kaffee in Maastricht, nach dem Erreichen von Flandern am Albertkanaal entlang nach Genk – eine Stadt, mit der ich davor rein gar nichts verband. Wir wählten diesen Übernachtungsort, weil im ursprünglich angepeilten Hasselt – Reit-WM? – nichts Leistbares zu bekommen war. Mit dem Fund von Steinkohle 1902 änderte sich das Leben in der davor idyllischen Heidelandschaft. Es entstanden drei Bergwerke, die Bevölkerung verzehnfachte sich. Mit den 1960er-Jahren erfolgte, ähnlich wie in anderen westeuropäischen Kohleregionen, ein Strukturwandel, in den 1980ern wurden die letzten Minen geschlossen. Heute gibt es auf dem ehemaligen Bergbaugelände ein Begegnungs- und Kulturzentrum, die C-Mine, aus der zwei alte Bohrtürme markant herausragen und in der wir Spaß im eisernen Labyrinth hatten (Fotos 1-3).


Der zweite Radtag sah die längste Strecke – mehr als 100 km – vor, weshalb ich bereits vorab die Teilstrecke Hasselt–Löwen per Bahn eingeplant hatte. Westlich von Genk kann man in einem wasserreichen Heidegebiet an pittoresken Teichen halten und sogar “Radeln durchs Wasser“ erleben. Wir fuhren in einer rund 200 m langen Beton-Metall-Wanne durch einen kleinen See, der Wasserspiegel daneben auf Kopfhöhe. Spektakulär!

Radeln ÜBERS Wasser kommt noch irgendwann… 😉

Besonders zum Verweilen einladende Natur und Landschaften wie heuer in Portugal oder Skandinavien gab es bei dieser Tour nicht. In Erinnerung bleiben mir die breiten “Radautobahnen” in Belgien und den Niederlanden, die oft entlang der vielen Kanäle oder von Bahnstrecken führen. Schön waren die Routen am Gent-Brügge-Kanal von Ostende in die genannten Städte und jene an der Nordsee bei meinem Ausflug nach Dünkirchen durch unberührte Dünen. Wenig attraktiv dagegen die Fahrt neben Autobahnen von Löwen nach Brüssel und von Breda nach Rotterdam. Generell gilt aber: Von der Fahrradinfrastruktur in Benelux könnte sich Österreich einiges abschauen. Z.B. die asphaltierte Radspur neben Waldwegen, Ampeln, die bei Annäherung eines Rades automatisch auf grün wechseln, oder, dass Fahren gegen die Einbahn genauso üblich ist wie, dass Fußgängerinnen und Radler Verkehrsflächen gemeinsam nutzen. Ich benutzte auf der Reise übrigens Teilstrecken von Eurovelo 4 (Mitteleuropa-Route), 12 (Nordsee-Route) und 5 (Via Romea). Insgesamt führen 8 der mittlerweile 19 europaweiten Fernradwege durch Benelux.

Unser Fokus lag aber auf den Städten. Und was für großartige Städte es in der von uns besuchten Gegend gibt! Ich pfeife mal auf die Chronologie und werbe für Brügge (!), Gent (!), Brüssel, Löwen, Antwerpen – allesamt einen Besuch wert und mit der Bahn auch recht gut erreichbar.
In Löwen/Leuven/Louvain hielten wir uns am 22.8. nur kurz auf – viel zu kurz für die studentisch geprägte Stadt unweit von Brüssel. Wir kamen mit der Bahn aus Hasselt (auch sehr nett) und erkundeten die riesige, beeindruckende Innenstadt mit Stopps im Großen Beginenhof Löwen und die sympathische Kaffeerösterei mit biblischem Bezug: „Onan“ klingt anzüglich, aber der Kaffee war richtig gut – was in Belgien nicht immer der Fall war.

Über das multikulturelle Brüssel hatte ich mich davor bei meinem Sohn Fabian erkundigt, der kurz davor „Europas Hauptstadt“ ebenfalls besuchte. Billige, längst gebuchte a&o-Hostels (nicht zu empfehlen) hier und dann in Antwerpen waren ja der ursprüngliche Anlass für eine ausgiebige Flandern-Visite. Einen Überblick verschafften uns die Hop-on-hop-off-Busse, die es inzwischen ja in allen Großstädten gibt. Das auch von meiner Schwester Martina empfohlene Europa-Viertel war wochenendbedingt nicht so geschäftig wie sonst. Im Haus der europäischen Geschichte hörte ich mir aber einen spannenden Vortrag des Historikers und „englischen Europäers“ Timothy Garton Ash an, der die Vielfalt des Kontinents ebenso aufzeigte wie die Notwendigkeit grenzüberschreitender Kooperation. In Erinnerung ist mir besonders Ashs These, Europa sei dadurch gekennzeichnet, dass man sich auch jenseits der eigenen Heimat zu Hause fühlt. Lohnend war auch ein Besuch im Brüsseler Banksy-Museum, der das subversive Schaffen des von mir sehr geschätzten britischen Street-Art-Pioniers unterhaltsam veranschaulichte.
Ein Hop off erfolgte beim Atomium, dem 1958 anlässlich der Weltausstellung errichteten Wahrzeichen Brüssels. Die milliardenfache Vergrößerung der kristallinen Elementarzelle des Eisens ist als Symbol für das Atomzeitalter zwar schon etwas angekratzt, nach einer Renovierung aber durchaus sehenswert. Rolltreppen in den Röhren verbinden die neun Hohlkugeln, in denen Historie des Bauwerks und Lichtinstallationen zu sehen sind. Im Aussichtsrestaurant ganz oben waren wir wegen der elendslangen Warteschlange der Touristen nicht.
Must-See-Besuche am Grand-Place, beim Manneken Pis (nicht jedoch bei der hockenden Jeanneke Pis) und Open-Air-Darbietungen in der weitläufigen Innenstadt füllten neben kulinarischen Highlights (dazu später mehr) die zwei Tage in Brüssel rasch. Besonders gefielen mir auch die vielen mit Comicszenen bemalten Hauswände; die Belgier sind ja eine Nation von Comic-Liebhabern (Tim und Struppi! Lucky Luke! Die Schlümpfe!).

Hier einige Impressionen von Brüssel:

Ein Grand-Place – in jeder Hinsicht

Eine besondere Stadt ist Brügge/Brugge/Bruges. Da die 120.000-Einwohner-Stadt nie durch Kriege oder großflächige Brände zerstört wurde, ist das spätmittelalterliche Stadtbild mit vielen historischen Gebäuden der Backsteingotik optimal erhalten. Der Wohlstand der ehedem mit der Hanse verbundenen Stadt und kurioserweise auch die wirtschaftliche Stagnation vom 17. bis zum 19. Jhd. trugen dazu bei, dass Besuchenden heute eine der besterhaltenen Altstädte Europas viele Wow!-Effekte beschert wird. Beeindruckend ist der Ausblick vom 83 m hohen Belfried, einem Stadtturm, der in die Hallen am zentralen Grote Markt integriert ist. Von dort stürzte sich der Auftragsmörder Ken in der sehenswerten schwarzen Komödie „Brügge sehen… und sterben?“ in den Tod.
Wir buchten eine Bootsfahrt durch die Kanäle Brügges, fuhren z.B. unter einer bei Hochzeitspaaren beliebten Brücke hindurch und holten später Bussis darauf nach. Wie in vielen flämischen Städten auch hier staunenswerte Kathedralen und Kirchen mit wertvollen Gemälden von Meistern wie Rubens, Antoon van Dyck und davor den Brüdern Jan und Hubert van Eyck oder Rogier van der Weyden, mit prachtvoll geschnitzten Chorgestühlen, Kanzeln und Beichtstühlen, Glasmalerei und Orgeln – insgesamt verbrachten wir einige Stunden in verschiedenen Gotteshäusern, in denen manchmal eine Bezahlsperre zu einem Museumsbereich besteht (nicht für mich Journalistenausweisbesitzer).
In Brügge besuchten wir sowohl die Heilig-Blut-Basilika mit einer der bedeutendsten Reliquien, der „Ampulle mit dem Blut Christi“, als auch die Liebfrauenkirche mit Michelangelos Brügger Madonna samt dem vor seiner Mutter stehenden Jesusknaben. Deutlich profaner unser Besuch im Restaurant De Halve Maan (dt.: Der Halbe Mond), der ältesten Stadtbrauerei Brügges, zu der das Gebräu durch kilometerlange Leitungsrohre aus der Vorstadt gelangt.

Brügge hat eine der schönsten Innenstädte, die ich kenne

Unbedingt erwähnen muss ich auch unser Quartier in Brügge. Das B&B Huis Billiet ist ein denkmalgeschütztes Schmuckstück des Brügger Architekten Huib Hoste aus den 1920er Jahren, das ursprünglich als Diamantschleiferei diente und von unseren Gastgebern Jessie und Dries liebevoll für Wohnzwecke adaptiert wurde. Die beiden wohnen in der völlig umgebauten Schleiferei, wir nächtigten in einem der zwei geschmackvoll eingerichteten Zimmer im Haupthaus. Großartiges Frühstück! Wärmste Empfehlung für alle, die mal nach Brügge kommen.

Unser bestes Quartier in Belgien: das Huis Billiet in Brügge, hier der Frühstücksraum

Gent, unsere nächste Stadt, ist mehr als doppelt so groß wie Brügge und deutlich moderner, studentischer, weniger touristisch und „herausgeputzt“, dennoch mit fast 10.000 denkmalgeschützten Gebäuden ausgestattet. Hat mir auch sehr gut gefallen. Unsere Gastgeberinnen waren wie schon in Aachen Klosterschwestern: Das Karmelitinnenkloster ist jetzt als Het Rustpunt eine zentrumsnah attraktive Gaststätte. Wie schon in Brügge unternahm ich einen online empfohlenen Stadtrundgang – mit eineinhalb Stunden in der St.-Bavo-Kathedrale, benannt nach einem hierzulande völlig unbekannten belgischen Heiligen des 7. Jhd.s. Dort steht mit dem Genter Altar aus den 1420er-Jahren einer der meistbewunderten, von reichen Kaufleuten gestifteten Kunstschätze des Christentums (Bild 5). Hauptthema des zentralen Gemäldes der Brüder van Eijk ist die Anbetung des Lammes aus der Offenbarung des Johannes mit Engeln und Heiligen, inmitten einer Wiese mit Darstellungen von 81 identifizierbaren, symbolisch aufgeladenen Pflanzen. Über die Entstehung und die überaus wechselvolle Geschichte der Altartafeln (die am Ende der NS-Zeit bis ins Salzbergwerk bei Altaussee gelangten) wurde ich mit einer 3-D-Brille informiert und stand mit anderen Besuchenden immer wieder lauschend und betrachtend in leeren Nischen der Krypta. Das frisch renovierte Kunstwerk dann oben in einer Kapelle hinter dem Hauptaltar zu sehen, war ein Erlebnis.


Neben Kanälen punktet Gent auch mit dem Zusammenfluss von Leie und Lieve mitten im Zentrum, dem 95 m hohen Belfried, der frühmittelalterlichen Burg Gravensteen und mit einer Graffiti-Straat (Bild 4), in der sich Sprayer so richtig austobten.
In der zweitgrößten belgischen Stadt Antwerpen war ich, ich geb’s zu, schon etwas sightseeing-müde nach den vorangegangenen Übernachtungen in sieben Städten. Außerdem logierten wir wieder in dem öden a&o-Hostel Centraal beim bemerkenswerten Bahnhof und nach einigen schönen Tagen war das Wetter zunächst ziemlich feucht. Dem Regen entflohen wir am 4.9. mit einem Besuch des Koninklijk Museum voor Schone Kunsten (Bild 7) mit kreativ inszenierten Museumsräumen zu verschiedenen Themen. Die Gemälde hier und jene in der Liebfrauenkathedrale versöhnten mich etwas mit den opernhaft opulenten Barockszenerien des berühmtesten Antwerpeners Peter Paul Rubens. Der war ein großer Künstler – und ein gewiefter Unternehmer mit großer Werkstatt. Die Kreuzaufrichtung und Kreuzabnahme in der Kathedrale sind zwar auch dramatisch pompös, aber doch kompositorisch virtuos und sogar berührend. Reizvoll auch der Kontrast zu moderner Kunst in der Kirche, etwa zur Plastik Der Mann, der das Kreuz trägt des Antwerpener Künstlers Jan Fabre.
Via GuruWalk nahmen Claudia und ich an einer Führung durch die Antwerpener Innenstadt teil, Guide Lisbeth machte das richtig gut und flocht auch viel Sozial- und Wirtschaftsgeschichte ein. Ich erfuhr, dass Antwerpen – obwohl 88 km von der Schelde-Mündung in die Nordsee entfernt – nach Rotterdam den zweitgrößten Hafen Europas besitzt, im 16. Jhd. sogar den weltweit bedeutendsten. Zum Namen der Stadt erzählte uns Lisbeth die Brabo-Legende aus dem 15. Jhd., wonach Antwerpen sinngemäß „Hand werfen“ bedeutet. Dargestellt ist dies mit dem Brabobrunnen auf dem Grote Markt. Der Name stammt aber wahrscheinlich von „an de warp“ (an der Warft).

Brabo-Brunnen mit “Hand-Werfer”, im Hintergrund Rathaus ,it Doppeladler-Wappen der Habsburger


Dass die gesamte Region samt der Nordseeküste bis weit hinter die französische Grenze extrem unter den Kriegsereignissen von 1939-1945 litt, verdeutlichte öffentliche Tanzfreude anlässlich des Jahrestags des Weltkriegsendes (Bild 6 oben). Den Bewegungslustigen schauten wir eine ganze Weile gern zu, nicht nur, weil viele wie in den 1940ern gekleidet waren. Manchmal sahen wir auf unseren Fahrten auch Betonbunker der deutschen Wehrmacht, und ich historisch Interessierter machte von Ostende aus einen 120-km-Radausflug nach Dunkerque/Dünkirchen. Die Stadt in frz. Flandern ist die nördlichste Frankreichs. Bekannter ist sie allerdings durch die von Christopher Nolan 2016 verfilmte Operation Dynamo: Im Frühjahr 1940 wurde Dunkerque bei den Kämpfen zwischen der deutschen Wehrmacht und den dort eingekesselten Briten und Franzosen weitgehend zerstört. In einer spektakulären Initiative konnte die Royal Navy im Mai bis zum 4. Juni den größten Teil der in die Stadt zurückgezogenen britischen Truppen nach Großbritannien retten. Mehr als 330.000 der ursprünglich 370.000 englischen und 130.000 französischen Soldaten wurden evakuiert – ohne diesen Erfolg wäre das UK zur Fortführung des Kriegs gegen Hitler-Deutschland kaum imstande gewesen.
Kortrijk und Ostende waren die Stationen zwischen Brüssel und Brügge. Claudia wollte unbedingt ans Meer, wir buchten also gleich vier Nächte im wichtigsten belgischen Badeort. Der besteht aus Hotelburgen, die den kilometerlangen Sandstrand zwischen der französischen und niederländischen Nordseeküste säumen, in der vordersten Linie zumindest. Aber auch das „Hinterland“ ist architektonisch nicht interessanter, zu viel wurde im Krieg zerstört. Wir hatten aber ein tolles Apartment in der zweiten Parallelstraße hinter dem Strand mit zwei Terrassen und einem vom Wohnzimmer getrennten Schlafraum. Ich hätte ja nicht einen so langen Aufenthalt gebraucht, aber er erwies sich als Segen: Claudia hatte sich eine fiebrige Erkältung eingefangen und verbrachte einen ganzen Tag im Bett, schlapp wie die faulen Seehunde am Sandstrand von Ostende (Bild 9). An den restlichen Tagen gab’s Schonprogramm. Z.B. Fahrt mit der Kusttram, der längsten Straßenbahn der Welt (Bild 8) über 67 km von De Panne (nahe bei F) bis Knokke (nahe bei NL). Ich fuhr damit nach De Haan, wo auch die NS-Flüchtlinge Albert Einstein und Stefan Zweig in einer der vielen hübschen weißen Villen Meeresluft schöpften, nach Blankenberge und Nieuwport. Tags darauf machte Claudia Ähnliches, während ich auf der Eurovelo 12/4 nach Dunkerque radelte (s.o.).

Nach Kortrijk muss man nicht unbedingt, wenn man Belgien besucht. Aber auf der Strecke von Brüssel zur Nordsee benötigten wir am 25./26.8. eine Zwischenstation. Wirklich sehenswert in dem 80.000-Einwohner-Städtchen ist der Beginenhof ganz im Zentrum. Solche Wohnanlagen der Beginen kommen vor allem im belgischen Flandern und in den Niederlanden vor und beherbergten ab dem 12./13. Jhd. unabhängige Frauengemeinschaften abseits von Ordensgelübden, bestehend aus frommen und sozial engagierten Nachfolgerinnen Christi. Begijnen/Beghinen/Beginen – dieses etymologisch im Dunkeln liegende Wort brachte schon während meines Theologiestudiums die Augen feministischer Studienkolleginnen zum Leuchten. Als Weltkulturerbe eingestufte Anlagen wie jene in Kortrijk besuchte ich auch in Löwen, Brügge und Gent, allerdings geht es den Beginenhöfen wie den überalterten Frauenkonventen: Viele werden anderweitig genutzt, z.B. leben Studierende statt der ausgestorbenen Beginen dort. Schade eigentlich.

Den schönsten Beginenhof unserer Reise sahen wir in Brügge

Wer Asterix bei den Belgiern gelesen hat, den letzten gemeinsamen Band von Goscinny und Uderzo, weiß, dass die Belgier gutes, reichhaltiges Essen lieben. Und wer wie wir beim Radeln viele Kalorien verbrennt, schätzt die großen vier der Cuisine belge: Pommes frites, Waffeln, Schokolade und Bier. In Brüssel machten wir an drei aufeinanderfolgenden Abenden das Frites Atelier zu unserem Stammlokal. Die knusprigen, niemals lätscherten Erdäpfelstäbchen, zweimal in einer mit Rinderfett gefüllten Fritteuse herausgebacken, gibt es dort in verschiedenen köstlichen Varianten (Bild 10). Dazu ein Glas Stella Artois – herrlich! Ausgezeichnet auch die Moules Frites/Mosselen-friet (Bild 12), die ich zweimal vertilgte.
Die besten Waffeln aßen wir im Maison Dandoy in Brüssel, köstlich kross mit Erdbeeren und Obers drauf (Bild 11), und im House of Waffles in Brügge mit Vanilleeis und Schokosoße… kein Wunder, dass sich auch Marilyn, Elvis, Frankieboy und Muhammad Ali auf den KI-generierten Werbeplakaten im Lokal die Lippen lecken (Bild 13). Und Neuhaus ist so etwas wie der belgische Schoko-Primus mit Stammsitz in Brüssel. Dort kauften wir die erste kleine Pralinenauswahl, in Antwerpen dann nochmals eine zum Mit-nach-Hause-Nehmen.
Nachsatz zum Bier: Ich bevorzuge ja die hellen Lagerbiere. Aus ästhetischen Gründen griff ich im Spar von Ostende zu einem bunten Fläschchen mit einem Radfahrer drauf – und schüttete einen Teil davon weg. Igitt. Claudia war mit einem Kirschgeschmackradler besser bedient. Jedenfalls sind die Belgier stolz auf ihre rund 1000 Biersorten, viele Läden und Beisln werben mit Dutzenden Varianten.

Belgien besteht als so bezeichneter Staat erst seit rund 200 Jahren. Davor waren Flandern, Limburg und Brabant Teile verschiedener Großmächte, u.a. auch der Habsburger Monarchie. Seit 1830 ist Belgien eine konstitutionelle Monarchie und teilt sich heute in das französischsprachige Wallonien und in Flandern, das seine Sprache mit den Niederlanden teilt. Das Land ist gerade für Radbegeisterte eine Reise wert, es gibt günstige Öffis, sonst ein ähnliches Preisniveau wie in Österreich und die Weltoffenheit eines einstigen Kolonialstaates und aktuellen Europazentrums. Nicht so gut bestellt ist es um die Müllabfuhr, aber das machen Kultur und Kulinarik (außer: Kaffee) mehr als wett.
Über die letzten beiden Tage, den 6./7. September, gibt es nicht viel zu erzählen. Unspektakulärer Grenzübertritt auf halber Strecke zwischen Antwerpen und Breda, davor radeln entlang der Bahnstrecke nach Amsterdam, danach durch holländische Landwirtschafts- und Blumenzuchtregionen. Breda ist recht hübsch, die Fahrt am nächsten Tag nach Rotterdam (das ich von meiner Rheinradtour schon etwas kenne) fast 60 km ohne nennenswerte Pause. Warum Nightjet von Amsterdam? Nun, von Antwerpen in Zügen, die Räder mitnehmen, nach Hause zu kommen, ohne dazwischen zu übernachten, erwies sich als unmöglich. Lernt dazu, ihr Bahnunternehmen Europas!

Oh, wie schön ist Österreich

Mal was Anderes: Urlaub in Österreich. Erst fünf Nächte in Zell am See (Bild 1), dann vier in Bad Ischl (Bild 2). Und eines vorweg: Österreich ist schön, sehr schön sogar.

In Zell am See war ich davor noch nie. Der Tourismus dort ist nachhaltig. Denn obwohl in arabischen Ländern schon lange nicht mehr geworben wird, fallen in den engen Gassen nach wie vor viele vollverschleierte Frauen auf, die hinter ihren Männern flanieren. Und manche Lokale – wie das Kaffeespezialitäten-Geschäft “Bella Bean” oder auch der Manner-Shop – können sich des Ansturms der Oriental:innen kaum erwehren.
Einheimische rümpfen inzwischen die Nase über den anhaltenden Zuspruch und zitieren Goethe mit “Die Geister, die ich rief…” Was uns mehr störte, war das bis 2.30 Uhr nachts geöffnete Gin House www.ginhouse.at unter unserem Balkonfenster, das zum via we-are-travel preisgünstig gebuchten Hotel Zum Hirschen in der Innenstadt gehört. Und uns bis auf eine Nacht schlafstörende, grölende Trunkenbolde bescherte – und an diesem Tag, einem Sonntag, waren wir selbst lange unterwegs zwecks Public Viewing des Fußball-WM-Finales.

Auf der Schmittenhöhe, die nach Kaiserin Sisi auch ich bezwang. Im Hintergrund Hohe Tauern, im Vordergrund Bergfexin mit Stöcken

Die Wetterprognose war schlechter als es dann wirklich kam. Meine Wanderung auf die Schmittenhöhe hoch über Zell, wo ich die per Seilbahn angereiste Claudia traf und mit ihr die wunderbare Aussicht auf Großglockner, -venediger, Kitzsteinhorn und andere Hohe Tauern genoss, blieb ebenso regenfrei wie unser Radausflug nach Saalfelden. Dort trafen wir meinen fast gleichaltrigen Cousin Fredi und seine Frau Ilse in deren schöner Altstadtwohnung und frischten auf der Terrasse Jugenderinnerungen auf – wir hatten in Kindheit und Jugend eine enge Beziehung, bis Fredi berufsbedingt aus Bruck/Kapfenberg ins Salzburgische übersiedelte und wir uns aus den Augen verloren. Claudia nutzte die Rückfahrt zu einem kurzen Bad im Zeller See, ich hatte leider keine Badehose eingepackt und spürte die 23 Grad nur bis zu den Waden.

Wie leider an vielen Seen Österreichs: wenig freier Zugang so wie hier

Es war eine gute Idee, die beiden E-Bikes mitzunehmen; sowohl die Gegend im Pinzgau als auch danach das Salzkammergut sind für Radbegeisterte ein PaRADies.
Die mitgebrachten Joggingschuhe verwendete ich bei einem 12-km-Lauf rund um den idyllisch gelegenen See, bei dem es auch mal ganz schön bergauf ging. Und einen Bauernmarkt in Kaprun besuchten wir ebenfalls mit dem Rad. Den dortigen Stausee, die Krimmler Wasserfälle, das Tauern-Museum in Mittersil und den Hochkönig heben wir uns für einen anderen Besuch auf.
Am Urlaubsortswechseltag schlug Claudia eine Zwischenstation vor, die sie im Gegensatz zu mir schon kannte: die Eisriesenwelt in den Felswänden hoch über Werfen im Salzachtal, die angeblich größte Eishöhle der Welt mit insgesamt 42 km langen Gängen, von denen nur einer für Besucher:innen erschlossen ist. Die Anreise zum Höhleneingang über eine serpentinenreiche Bergstraße und zwei 20-Minuten-Aufstiegen vor und nach einer Seilbahnfahrt hatte es in sich, erst recht dann aber die Höhle selbst mit ihren teils meterdicken, bis zu 3000 Jahre alten Eisschichten. Guide Christoph führte uns und ca. 30 weitere Interessierte auf 700 Leiterstufen hinein in die 0 Grad kalte Glitzerwelt, für die wir uns mit Bergschuhen, warmer Kleidung und Mützen gut gewappnet hatten. Ferialpraktikant Christoph spielte das Thema Klimawandel etwas herunter, aber laut National Geographic ist der Bestand von Eishöhlen durch die Erderwärmung mittelfristig bedroht. Das Naturwunder werde nicht ewig bestehen.

Am Fuße des Dachsteins ging’s weiter nach Bad Ischl, dem ehemaligen Sommerfrischeort von Kaiser Franz Joseph. Die dortige Kaiservilla erwarben die Wiener Habsburger unmittelbar nach dessen Verlobung mit Sisi, noch heute ist der einstige Sommersitz im Besitz der Familie Habsburg-Lothringen und eine der meistbesuchten Attraktionen im Salzkammergut. Angesichts der langen Warteschlange verzichtete ich auf jegliche Monarchen-Nostalgie (der in Bad Ischl schwer zu entkommen ist) und nutzte den Kulturhauptstadtort des Jahres 2024 lieber als Ausgangspunkt für Ausflüge. Der erste führte Claudia und mich erst zum Atter-, dann zum Mond- und über eine heftige Steigung zum Wolfgangsee. In ersterem kam ich endlich auch zum Schwimmen im klaren Wasser, die 68-km-Tour durch die herrliche Landschaft bot auch sonst einiges an Erquicklichem.

Die zweite Radtour unternahm ich dann alleine. Durchs Rettenbachtal ging’s hoch zur Bla-Alm auf einem Weg, der besser für ein Mountainbike geeignet gewesen wäre, dann nach Altaussee zum wohlverdienten Pausenfrüchteeisbecher und nach Bad Aussee, dann über den Koppen-Pass nach Obertraun und am Ufer des Hallstätter Sees entlang nach Bad Goisern und Ischl. Eine herrliche Tour, das mein E-Bike tadellos absolvierte.

Zur Bergsteiger-Challenge geriet meine traditionelle Kulinarik-Urlaubseinladung an Claudia: Sie hatte sich für das Gasthaus am Siriuskogel entschieden, wo der medienbekannte Sternekoch Christoph “Krauli” Held die Gaumen seiner Gäste verwöhnt. Das will aber verdient sein, denn auf dem supersteilen Weg rauf zum Aussichtsgasthaus war Claudia einem Herzinfarkt nahe. “Nanga Parbat”, japste sie oben zum mitleidsvoll gereichten Wasserglas. Ich fand, das herrliche Essen lohnte die Mühe jedenfalls – ich war nach vorangegangenem Jakobsweg, der Lofotenkletterei, Bärenschützklamm mit Enkeln, Jogging am Zeller See und den genannten Radtouren aber auf gutem Fitnesslevel.
Unser Quartier hatten wir im Hotel Grand Elisabeth bezogen, einem feinen Schuppen mit internationalem Publikum, Wellness-Bereich und einem Frühstücksbuffet, das keine Wünsche offen ließ. Und dennoch einen gravierenden Makel aufwies. Denn zweimal gab es in aller Herrgottsfrüh einen Feueralarm im Hotel, der sich jeweils als Fehlfunktion herausstellte. Und Erklärung danach oder gar Entschuldigung? Fehlanzeige.
Aber das sollte den Gesamteindruck nicht ändern: Als Urlaubsland hat Österreich viele Asse im Ärmel…

Auf dem Weg von Strobl am Wolfgangsee nach Bad Ischl

Roadsurfen in Skandinavien (1) – Von Wien nach Stockholm

In unserer Wohnung türmen sich Gewand, Lebensmittel, Toilettezeug, Geschirr, Campingutensilien und sonstige Dinge, die auf einem vierwöchigen Wohnmobil-Urlaub von Nutzen sein könnten. Morgen geht’s los – mit Abholen des Gefährts in Wien 22 plus Einschulung, wie mit Gas, Diesel und AdBlue, (Ab-)Wasser, Entlüften zu verfahren ist. Das sollte ergänzen, was wir bisher über Reiseroute, Fähren, Mautgebühren u.a. recherchiert haben. Nordwärts via Tschechien, Polen nach Schweden, zurück von Norwegen über Dänemark und Deutschland … es wird ein großes Abenteuer. Das wir mit viel Vorfreude, aber auch Respekt in Angriff nehmen.
Das schrieb ich noch vor Antritt unserer großen 7.000-km-Reise, ohne zu wissen, welch großartige Landschaften und welche Mühsal mit dem gemieteten Fiat Ducato, den die Roadsurfer-Mitarbeitenden in Wien 22 „Freddy Flitzer“ nennen, auf uns zukommen sollte.
Doch vorneweg: Unsere Camping-Bilanz nach der Rückkehr vor drei Tagen ins glutheiße Wien ist positiv. Eine erneute Reise mit Wohnmobil ist durchaus wahrscheinlich, auch wenn Claudias Liebäugeln mit dem Ankauf eines eigenen Gefährts in mir Skepsis wegen der Kosten wachruft. Aber die Flexibilität, die Freiheit, die Möglichkeit, spontan zu stoppen und zu staunen, das Camper-Feeling – all das reizt zu einer Wiederholung – wohin auch immer.

Camping macht Spaß, erst recht, wenn das Wetter passt
Unsere Route im ersten Teil der Camping-Reise

Zurück zum Start. Probleme mit Roadsurfer – einem inzwischen großen, internationalen Tourismus-Unternehmen mit Tausenden Miet-Campern – gab es schon bei der am 27. Mai um 9 Uhr geplanten Übernahme des Wohnmobils: Es stellte sich heraus, dass uns nicht, wie davor angekündigt, ein neuwertiger Wagen zur Verfügung gestellt werden konnte, sondern ein anderer (mit von dem uns genannten abweichenden Autokennzeichen, was Korrekturen bei bereits erledigten Fähranmeldungen (Swinemünde-Ystad, Bergen-Hirtshals) und beim norwegischen Bezahlsystem „AutoPASS for ferje“ erforderte. Beim Ersatzwagen stellten wir einen defekten Zünder beim Gasherd fest, der erst eine Stunde Reparatur erforderte (währenddessen uns zwei qualitativ schlechtere Wohnmobile als Alternative angeboten wurden), bevor wir endlich losfahren konnten. Die Zusicherung der Mitarbeitenden vor Ort, der zur Übernahme bereitgestellte Wagen sei genau überprüft und gereinigt worden, entsprach nicht der Realität. Und auf etwaige von uns zu übernehmende Serviceleistungen wurden wir, obwohl wir über unsere Destination Nordeuropa informierten, in keiner Weise vorbereitet.
Claudia fuhr mit „Freddy“ zu uns nach Hause, ich folgte ihr mit unserem Renault. Bei der Beladung half uns Claudias Sohn Samuel, wir beide schafften es trotz einiger Mühe aber nicht, beide Räder auf dem hinten montierten Träger zu fixieren. Gut, dann nehmen wir halt nur eines mit, entschieden wir unter Zeitdruck. Denn das erste Ziel sollte ein vorab reservierter Campingplatz an der tschechisch-polnischen Grenze sein, 350 km entfernt.

Das erste Bild von “Freddy Flitzer” auf einer Wiese im tschechisch-polnischen Grenzgebiet

Wir verließen Wien gegen 14 Uhr, quälten uns umleitungsbedingt durch die Innenstadt von Brünn und kamen nach rund sechs Stunden in einem Ort am A… der Welt an. Auf einem heruntergekommenen Gutshof hatte ein älteres niederländisches Paar einen Campingbetrieb auf der großen Grundstückswiese gestartet und auch ein Waschhaus mit WC und Duschen eingerichtet. Nun ja, das Professionellste an Camping Kralovec war die einladende Website. Wir verbrachten aber trotz der nicht wirklich ebenen Standfläche eine geruhsame Nacht auf dem 140 cm breiten und 190 cm langen Bett im Heck von Freddy. Es stellte sich überhaupt bei der Reise heraus, dass das Schlafen komfortabler war als befürchtet: Einen sich zwischen den Matratzenteilen öffnenden Spalt hin zum Lattenrost deckten wir mit einer Matte ab, und mein Drüberklettern über Claudia für nächtlichen Klogang wurden zur gewohnten Übung. „Kleine Geschäfte“ erledigten wir im winzigen Bad/WC hinter dem Esstisch und gegenüber vom Kühlschrank. Dafür gab es eine Toilettenbox, in die anfangs ein wenig Wasser und geruchshemmendes Desinfektionsmittel kam und bei guter Füllung dann entleert wurde. Dafür wie auch für das „Grauwasser“ von Küche und Bad gibt’s an allen Campingplätzen Auffangbecken. Geduscht haben wir im Freddy nie, erstens erwies sich der Duschvorhang als defekt, zweitens war es trotz mancher Wartezeiten attraktiver, die auf Campingplätzen vorhandene Infrastruktur zu nutzen.
Der Duschvorhang, bei dem eine von vier Aufhängungs-Ösen ausgerissen war, landete wie so manches Andere auf einer bereits am zweiten Reisetag bei Roadsurfer deponierten Reklamationsliste. Claudia erhofft(e) sich davon eine erkleckliche Entschädigung.
Am zweiten Reisetag ging es auf wenig befahrenen Autobahnen im Westen Polens rasch Richtung Ostsee. In Swinemünde, wo ich knapp zwei Jahre davor mein Halbzeitquartier auf meiner Ostsee-Radtour von Hamburg nach Danzig hatte, schafften wir eine zehnminütige Patschenreparatur von Claudias eigens für die Reise gekauftem Gebrauchtfahrrad. Dank Internet hatte ich rasch eine passende Werkstatt ausfindig gemacht. Dann etwas ostwärts zum angenehmen Camping Plaza in Misdroy gleich an der Ostsee. Das Wetter war sonnig, angenehm, ein Barfußspaziergang am Sandstrand ging sich noch gut aus. Meer, endlich!

Leuchtturm von Świnoujście/Swinemünde auf dem polnischen Teil der sonnigen Halbinsel Usedom

Am nächsten Tag (29.5.) eine problemlose 7-stündige Fährüberfahrt von Swinemünde nach Ystad in Schweden mit beeindruckenden Lichtspielen auf der Ostsee, Fahrt durch eine idyllische Fliederlandschaft zum leider schon recht vollen Wohnmobilstellplatz If Ale im Fischerdorf Kåseberga. Wir kamen erst gegen 20 Uhr an und bekamen nur mehr Platz ohne Strom, wurden aber bei Sonnenuntergang durch das grandiose Stein-Ensemble Ales Stenar, das “schwedische Stonehenge”, entschädigt. Diese 1400 Jahre alte Schiffssetzung aus 59 großen “Hinkelsteinen“ auf einem Hügel über dem Meer ist einen Besuch wert. Es war die vierte Nacht mit Übernachtungen in einem je anderen Land.

Und weiter nach Norden. Im schön an einem See gelegenen Café Sjöstugan in Vittsjö gönnten wir uns schwedische Leckereien: Krabbenbrötchen und Blaubeerwaffel mit Refill-Kaffee, mhm!

Der Stopp hier lohnte sich: Es gab köstliche schwedische Spezialitäten mit blick auf einen See

Das Steuern von Freddy – der mindestens doppelt so schwer(fällig) ist wie unser Renault – fiel uns leichter als vermutet. Man sitzt recht entspannt erhöht über der Fahrbahn, hat zwar keinen Rück-, aber gute Seitenspiegel, und die knapp unter 150 PS ermöglichen Überholmanöver und auf Autobahnen gut 120 km/h. Gewöhnungsbedürftig ist das Lenken in engen Kurven: Sowohl Claudia als auch mir ist es passiert, dass wir mit einem Hinterrad auf einen Randstein auffuhren. Und ich nehm’s vorweg: Auf den engen Straßen etwa der Lofoten war ich froh, dass Claudia fuhr – wenn da ein breiter Bus oder LKW entgegenkommt, beginnt bei mir das Nervenflattern. Insgesamt schätze ich, dass Claudia bei 60 und ich bei 40 Prozent der Strecken hinter dem Lenkrad saß.

Ehefrau am Steuer; sie hatte den Freddy gut im Griff

In Motala am Vätternsee bzw. Göta-Kanal, unserer Zwischenstation auf dem Weg nach Stockholm, war erstmals König Fußball angesagt. Aber noch nicht die WM in Amerika, sondern Champions League Finale zwischen Paris St. Germain und Arsenal London. Leider mit falschem Sieger, denn seit Nick Hornbys „Fever Pitch“ und der Ära von Arsene Wenger bin ich Gunners-Fan.

Burger, Pommes und Bier – passendes Signature Dish zum Champions League Finale

Am Samstag, 30.5., dann unsere Stockholm-Premiere. Die Fahrt in die Stadt war am Wochenende mit Stau und Frühsommerwärme nicht stressfrei, und beim Reversieren vor dem citynahen Camping Ringvägen passierte Claudia ein Missgeschick: Sie geriet mit dem hinten befestigten Fahrrad an einen Bauzaun, der Lenker verfing sich in dessen Maschen und beim Nachvornefahren wurde das Rad vom Träger gerissen. Das für 150 Euro gekaufte Gefährt hatte vorne einen Achter und bremste leicht bei jeder Radumdrehung; blöder war jedoch, dass der Thule-Radträgerarm und die Reifenhalterung kaputt wurden und das Rad fortan nicht mehr transportabel war. Also zu Thule (schwedisches Unternehmen) fahren und Ersatzteile besorgen? Nein, entschied Claudia. Das Fahrrad steht nun unabgesperrt vor dem Campingplatz – oder es wurde inzwischen weggenommen. Unsere einzige Fahrt damit blieb somit mein sonntägiges Gebäckholen bei einer nahen Bäckerei, Claudia fuhr nur beim Nachhausefahren nach dem kauf in Wien 20 damit.

Blick auf die Gamla Stan, die Altstadt von Stockholm

Sonst hatte Stockholm keine bösen Überraschungen für uns parat. Ich plauderte bei Kaffee und Waffel auf einem Flohmarkt im Park Tantolunden mit einer polyglotten Greisin, flanierte mit Claudia zur Altstadt Gamla Stan, wir speisten Quiche und Lachsbrot mit Blick auf das Nobelpreismuseum, schmunzelten über großflächige Fotos von „Königs“, u.a. mit Ehrung der vier ABBA-Mitglieder, erfreuten uns am originell bunten Outfit vieler Stockholmer:innen. Eine rundum sympathische Stadt, die ich nach der ersten von zwei Nächtigungen (ziemlich laut, weil nahe an Zug und Straßen) bei einer Stadtführung weiter erkundete. Julia, halb Schwedin, halb Norwegerin, führte eine kleine Gruppe von 11 interessierten durch die City, ihre Informationen auf Englisch waren für meinen Geschmack etwas zu geschichtslastig, aber das Pilgern durch die kriegsunversehrt große Gamla Stan mit ihren engen Gassen war ein ungetrübtes Vergnügen.


Als ich danach Claudia wieder traf, stellte sich ein neues Problem: Mein Handy erlaubte keine Telefonate mehr, nur mehr Internet (und WhatsApp-Anrufe, immerhin). Mehrere Telefonate Claudias in den nächsten Tagen mit Magenta Österreich waren die Folge, ich habe jetzt eine eSim-Karte, was aber nichts an dem Problem änderte. Auch die Magenta-Techniker waren ratlos. Da auch der von Samuel mitgegebene mobile Router im Ausland nicht funktionierte, verbrachten wir den Rest der Reise mit eingeschränkter Kommunikation – was erst so richtig störend wurde, als Claudias GB-Guthaben in Norwegen aufgebraucht war und sie nicht mehr ins Internet konnte, außer, es gab WLAN. Wie reiste man früher ohne zu googeln und zu recherchieren? Ich erinnere mich dunkel: als Beifahrer mit Landkarten auf den Knien und vorm Übernachten erstmal ins Touri-Büro …

Auch den Ostasiat:innen gefiel’s sichtlich in der schwedischen Hauptstadt

Roadsurfen in Skandinavien (2) – Von Schwedens Ostsee bis nach Norwegen

Von Stockholm ging es mit unserem Fiat-Wohnmobil “Freddy Flitzer” 485 km via Uppsala und Sundsvall in den kleinen Ort Docksta, nahe am landschaftlich vielversprechenden Nationalpark Skuleskogen. Dort wollten wir mit drei Nächtigungen in schöner Natur erstmal zur Ruhe kommen und erholsame Urlaubsluft schnuppern. Eine spektakuläre Brücke im Nebel und zugleich mit Sonne lud zu einem Fotostopp.

Die “Golden Gate Bridge” von Schweden nördlich von Stockholm
Route ab dem Campingplatz in Stockholm

Der Stellplatz in Docksta liegt weit genug entfernt von der Autobahn E4 an einer ruhigen Ostseebucht und bietet viele Annehmlichkeiten, sogar Sauna. Nur das Restaurant hatte am 2. Juni noch nicht geöffnet, schade. Am Mittwoch, 3.6., nutzte ich das schöne Wetter zu einer ausgedehnten Wanderung durch den Nationalpark. Er hat drei Eingänge im S, N und W, nur die Ostseite ist von Meer begrenzt. Wobei: An der Ostsee hat man oft gar nicht den Eindruck, am Meer zu sein, sie wirkt wie ein See. Claudia, die während des Urlaubs immer wieder mit Knieschmerzen zu kämpfen hatte, brachte mich ca. 12 km weiter zum Entré Väst, ging noch 1 km auf den bequem zu begehenden Holzplankenwegen mit und entließ mich dann mit einer deutschsprachigen Gratis-Wanderkarte in die Wildnis. Aufmerksamkeit und manchmal Herumsuchen erforderten die blauen Markierungen auf Baumstämmen und Steinen, die längst nicht so gut erkennbar sind wie die rotweißen Entsprechungen in Österreich. Ich genoss dennoch das Auf und Ab der herrlichen Waldlandschaft mit dichtem Heidelbeerboden, einigen Teichen und Mooren. Je höher ich gelangte, desto felsiger wurde es – bis zum Slåttdalsberg, von dem aus ich eine grandiose Aussicht auf Wald, Wasser und Inseln hatte. Der anfängliche Nebel verzog sich bald. Noch gut in Form vom Camino Portugues einen Monat zuvor brauchte ich kaum Pausen, nur auf der höchsten Erhebung hatte ich ein „Gipfelgespräch“ mit einem Schweizer, der mit dem PKW unterwegs ist und spartanische Gratishütten zum Übernachten nutzt.

Schweden erklärte 1909 als erstes Land in Europa neun Gebiete zu Nationalparks – u.a. diesen hier

Größte Attraktion im Nationalpark ist die Schlucht Slåttdalsskrevan mit ihren 40m hohen Felswänden. Sie zu durchwandern war wegen Steinschlaggefahr allerdings nicht möglich. Meine 21.000-Schritte-Wanderung endete nach dem Entré Syd. Ich hoffte umsonst, von einem der vielen Ausflügler die 14 km zurück nach Docksta mitgenommen zu werden, Claudia holte mich mit dem Freddy ab.

Zu Abend aßen wir in einem äußerst preiswerten Fernfahrerlokal pikanten „Lachspudding“, Salat, Kuchen und Kaffee mit neuen Bekannten vom Campingplatz: Norman und Birgit, Wohnwagenbesitzer aus Bad Tölz, wollten eigentlich mit einem anderen Paar unterwegs sein, die jedoch kurzfristig absagten. Sie freuten sich sichtlich über unsere Gesellschaft – uns wurde die Nähe vor allem zur einfach gestrickten Birgit, die sich so gar nicht für den Norden Europas erwärmen konnte, dann zu viel. Dazu später mehr.
Den zweiten Nationalparktag (4.6., in Österreich Fronleichnam) verbrachten Claudia und ich gemeinsam. Der pro Strecke knapp 4 km lange Uferweg vom Eingang Süd bis zum Feriendorf Näskebodarna überforderte Claudias Beine nicht, war angenehm flach. Wir kamen an vielen umgestürzten Bäumen vorbei, die bei Sturm im sandigen Waldboden offenbar zu wenig Halt fanden. Einmal mussten wir eine von einem Stamm zerstörte Brücke über einen Bach umgehen; ein Nationalpark-Mitarbeiter erklärte uns später dazu, die vielen Schäden hätten mit Wasserarmut und Klimawandel zu tun. Wir Menschen sind die einzige Spezies, die sich den eigenen Lebensraum zerstört, merkte er desillusioniert an.

Freddy muckte wieder auf: Auf dem Display war „Motorölwechsel fällig“ zu lesen. Claudia informierte den Roadsurfer Support, der sich mit einer Antwort bis zum 8.6. Zeit ließ. Dann wurde klar, dass wir uns um das Problem zu kümmern haben – inklusive Okay nach Kostenvoranschlag einer Autowerkstatt einholen und Ölwechsel vorfinanzieren. Wie nervig das wurde, sollte sich erst später herausstellen.
Auch Norman und Birgit hatten Probleme mit ihrem (überladenen?) Wohnwagen. Nach einer Bremsbeläge-Reparatur am zweiten Tag ihrer Reise um EUR 1.500 musste nun ein platter Reifen ersetzt werden.
Der 5.6. wurde ein Regenfahrtag nach Luleå bzw. einem riesigen Campingplatz kurz davor. Für einen Besuch der Weltkulturerbe-Stadt war keine Zeit – wie überhaupt auf der gesamten Reise die Mobilität durch den etwas sperrigen Freddy eingeschränkt war. Daran hätten aber wohl auch Fahrräder wegen der tlw. recht großen Entfernung zu Ortszentren nichts geändert. In Moskenes auf den Lofoten lernten wir später ein anderes Paar, Uwe und Petra aus Hessen, kennen, die hinten in ihrem geräumigen Wohnmobil einen Motorroller mitführten und damit kleine Ausflüge machen konnten, ohne jedes Mal alles im Wagen verstauen und diesen elektrisch ”abnabeln” zu müssen. In italienischen Innenstädten hätten wir mit Freddy aber wohl noch viel mehr Probleme gehabt als in Brünn, Stockholm, später dann Trondheim und Bergen.

Campingidylle spätabends in Luleå (wovon wir sonst nicht viel sahen)

Auf dem Weg nordwärts hielten wir in Umeå, 2014 Europas Kulturhaupstadt. Aber nicht bei Sehenswürdigkeiten, sondern bei IKEA. Schon in Wien hatten wir in Schwedens unmöglichem Möbelhaus einen Gutteil unserer Campingausstattung – billige Töpfe, Teller, Polster, Aufbewahrungsboxen u.a. – gekauft, hier in Nordschweden aßen wir zu Mittag und kauften bei H&M eine günstige Überdecke für unser Sofa zuhause. Fotos vom bekannten IKEA-Essen führten zuhause zu Lach-Smileys. Was für ein Klischée.
Letzte Station in Schweden war am 6./7.6. der Abisko Nationalpark kurz vor der norwegischen Grenze. Da waren wir schon jenseits des Polarkreises und hatten rund um die Uhr Tageslicht. Zwischen Ende Mai und Mitte Juli geht dort oben die Sonne nie unter. Wir verdunkelten Freddy allabendlich mit dem Fensterjalousien, das nicht funktionstüchtige Teil beim Küchenfenster ersetzten wir mit einem Tuch, das wir mit Magnetklammern innen an der Karosserie fixierten. Dunkel genug zum Schlafen war es somit, und die Fliegengitter vor den Fenstern bewahrten uns auch vor Mückenstichen. Die waren aber generell weniger lästig als befürchtet.

Gleich neben der Fahrbahn – und auch schon mal mittendrauf: Rentiere in Schwedisch Lappland

Dazu passt das Thema Tierwelt: In Schwedisch Lappland sahen wir mehrmals Rentiere auf der Straße. Einmal wich ein vor uns fahrender Laster scheinbar unmotiviert auf die linke Fahrbahn. Wir dachten schon, was hat der für ein Problem, als wir bemerkten, dass er einem Rentierhirsch mit mächtigem Geweih auswich. Und auch ich musste einmal ziemlich abbremsen, um eine Kollision mit einem Tier zu vermeiden. Elche dagegen sahen wir nur auf Warnschildern – aber das ist wohl wie in Österreich, wenn vor Wildwechsel gewarnt wird. Wann sieht man je einen Hirsch in natura? Andererseits nahm ich Rentier, Elch und auch Wal mit nach Hause – in Form von salamiartigen Hartwürsten, die ich für meine Söhne und Enkel zum Verkosten mitbrachte. Schmeckt gut. Wie auch der Rentier-Burger, den wir – ja, wo? – einmal genossen.


Erwähnen möchte ich Kiruna, den Hauptort in Lappland, wo wir einen Tank- und Einkaufsstopp einlegten. In der nördlichsten Stadt Schwedens werden Bodenschätze abgebaut. Damit das Eisenerz gewonnen abgebaut werden kann, wird der Ortskern bis 2040 komplett um 5 km nach Osten verlegt. Kirunas Holzkirche wurde noch vor Kurzem als schönstes Gebäude Schwedens gewürdigt, aktuell steht sie ziemlich verlassen inmitten großer Baustellen. Unter Kiruna liegen auch bis zu 2 Millionen Tonnen seltene Erden, was à la longue die Importabhängigkeit Europas v.a. von China verringern soll.
Björkliden hieß das Wintersportressort beim Nationalpark, an dem wir zweimal nächtigen wollten. Ich hatte mir auf Komoot wieder eine längere Wanderung herausgesucht. Allerdings machte mir das Regenwetter einen Strich durch die Rechnung. Am Sonntag, 7.7., saßen wir zu viert lange im Sporthotel, das auch den Campingplatz verwaltet und spielten mit Norman und Birgit Rummy. Die beiden hatten wir schon in Luleå wiedergetroffen und zu Abend gegessen, hier tranken wir abends Rosé im Wohnwagen der beiden und wurden zusehends überfordert von der Kontaktfreudigkeit Birgits („Wir verstehen uns schon sehr gut, nicht?“). Die beiden bayerischen Eheleute und ich brachen gegen Abend, als es endlich aufklarte und der Blick auf das sensationelle, vom Gletscher ausgeschürfte, auf vielen Ansichtskarten zu sehende Trogtal Lapporten (dt. Lappenpforte) frei wurde, zu einer Wanderung zu einem 3 km entfernten See auf. Birgit kehrte bald um, der Weg war durch den Regen sehr feucht, manche Schneefelder und Bäche waren zu überwinden. Der fitte Norman hielt mit mir mit, wir gingen gute zwei Stunden durch die arktische Landschaft mit noch viel Schnee und Temperaturen um die 10 Grad. Um 23 Uhr war es noch taghell, im Winter dafür wochenlang finster. Es hieß, die Skisaison beginnt deswegen hier erst im Februar, dauert aber bis Mitte Mai, wenn die Polarsonne wieder leuchtet.

Bei der Ankunft noch sonnig. Abisko Nationalpark im hohen Norden Schwedens

Norman und Birgit wollten auch auf die Lofoten, Birgit am liebsten begleitet von uns. „Nun reicht es auch schon wieder mit der Urlaubsbekanntschaft“, schrieb ich in mein Notizbuch. Zupass kam uns das zu wechselnde Motoröl, um das zu kümmern uns Roadsurfer auferlegte. Nun ist Ölwechsel nichts, was am Tag X um 12 Uhr anfällt, sondern lange vor möglichen Problemen angezeigt wird. Aber ignorieren konnten wir die Auflage unseres Vermieters nicht, das Risiko einer Haftung im Schadensfall war zu groß. Also Werkstatt in Narvik suchen. Roadsurfer-Supporterin Laura sandte uns dafür eine – unbrauchbare – Liste möglicher Betriebe zu, nach der Ankunft am Montag, 8.6., in Narvik suchten wir vier (fünf?) Werkstätten auf, jedoch konnte keine das Service in zumutbarer Zeit zusichern. Ein freundlicher Mechaniker empfahl uns, nach Harstad zu fahren, die nächste größere Stadt 100 km entfernt Richtung Lofoten, wo es auch mehrere Betriebe gab.
Der Ölwechsel wurde zum Dauerproblem. Wie lange hält der Wagen noch durch? Wie sehr beeinträchtigt das Service unsere Urlaubsplanung? Warum hilft Roadsurfer so wenig, unser Problem zu lösen, macht z.B. nicht eine Werkstatt und einen nahen Termin aus? Stattdessen hieß es, vor der Arbeit muss ein Kostenvoranschlag erstellt und von Roadsurfer genehmigt werden, was bis zu 24 Stunden dauern könne. Erst danach dürfe die Reparatur erfolgen, deren Kosten von uns vorfinanziert und danach zur Rückerstattung eingereicht werden müssen. Eine Zumutung und superärgerlich, wie wir fanden.
In Harstad fanden wir schließlich eine Werkstatt, die den Ölwechsel für den nächsten Tag, am 9.6., zusagte. Wir plagten uns, in unserer nördlichsten Station (300 km nördlicher als die Nordspitze Islands!) eine geeignete Übernachtungsmöglichkeit zu finden, denn der einzige Stellplatz am Hafen öffnet den Betrieb erst in zwei Wochen, wie wir feststellten. Hilfreiche Einheimische schüttelten den Kopf über so wenig Entgegenkommen gegenüber Touristen, die Suche nach einem geeigneten Platz zum Wildcampen verlief erfolglos, ein Tipp führte uns schließlich zu einem Parkplatz am Ortsrandpark mit Blick auf vier Springschanzen, wo wir unsere zweite Nacht ohne Strom – und auch ohne Dusche – verbrachten und morgens von zufahrenden Eltern geweckt wurden, die ihre Kids in den Kindergarten brachten.

Unser “wildestes” Campen. Parkplatz in Harstad, Schanzen im Hintergrund, Ölproblem im Vordergrund

Wir fuhren früh zu einem Hotel am Hafen, von dem wir wussten, dass es dort auch für Nichtgäste günstiges Büffetfrühstück gab. Wir genossen bei herrlichem Wetter und Bick auf ein auslaufendes Hurtigruten-Schiff verschiedenen Fisch, Juice, Spielegei und frisches Gebäck um umgerechnet nur 22 Euro. Richtig teuer wurde das Frühstück durch den Strafzettel am vor dem Hotel widerrechtlich geparkten Freddy. Das Ignorieren der sonst so brauchbaren App Easy Park kostete uns 66 Euro ☹. Danach auf zum 10-Uhr-Termin in der Werkstatt. Dort machte der nette Kundenbetreuer ein beklommenes Gesicht und meinte, sie könnten den Ölwechsel jetzt wegen unvorhergesehener Probleme doch nicht durchführen. Wir könnten aber hier den benötigten Ölfilter kaufen und mit diesem in eine nahe andere Werkstatt fahren, bei der wir gleich drankämen. Frust machte sich breit, aber am 9.6. zu Mittag war das Ölproblem nach all der aufgewendeten Energie und den Nerven endlich, endlich gelöst. Nun hieß es: Lofoten, wir kommen!

Roadsurfen in Skandinavien (3) – Auf den Lofoten

Oh wie schön sind die Lofoten (die erst auf der Insel beginnen, auf der “Skårungen” steht); die davor heißen Vesterålen. Und die sind auch sehenswert. Unsere Route war eine Sammlung von herrlichen Augenblicken.

Nach dem eher unerfreulichen Aufenthalt in Harstad (link zu Teil 2) kurvten wir zu unserer ersten Fährstation in Norwegen. Von Refsnes nach Flesnes dauerte die Überfahrt nicht mal eine halbe Stunde – wobei uns beim Anstellen ein Lapsus passierte: Zum geöffneten Fährschiffmaul führen stets mehrere nummerierte Fahrspuren, die nach Ankunftszeit gefüllt werden. Wenn man schon zwei volle Spuren vorfindet, beginnt man die dritte oder reiht sich in der dritten ein. Wir fanden bei der Ankunft am Hafen die erste Fahrspur geleert vor und fuhren – wie auf italienischen Autobahnen – gleich in diese ein. Ein auf Spur 2 befindlicher LKW-Fahrer verstellte uns daraufhin mit seinem Führerhaus den Weg. Diese Art des Vorschwindelns wird in Norwegen nicht geschätzt. Wir lernten daraus und hielten uns fortan immer brav an die ungeschriebenen Anstellgesetze.

Fähren in Norwegen – danke AutoPASS for Ferje völlig unkompliziert

Wir waren zunächst noch auf den Vesterålen unterwegs, die nicht so touristisch erschlossen wie die Lofoten-Inseln sind. Tagesziel war mit Svolvær auf Austvågøya jedoch die von Narvik aus gesehene erste und größte Insel der Lofoten. Das ist übrigens (wie Hessen oder Gelsenkirchen) kein Pluralwort, sondern meint eine Region. Aber wurscht, ich bleibe dabei, dass wir auf die und nicht nach Lofoten fuhren, so wie einst auf die Malediven.
Und das ist landschaftlich ungemein reizvoll und motiviert zum Immer-Wieder-Stehenbleiben an den vielen Straßenbuchten. Das glitzernde Meer, die schroffen Felsberge, die saftigen Wiesen mit Schafen und Kühen, der auf Holzgestellen zum Trocknen aufgehängten Stockfisch, die spektakulären Brücken, die Unterwassertunnel, die schmalen Auf-und-ab-und-hin-und-her-Straßen – all das sorgte in der Woche von 9. Bis 15. Juni für unvergessliche Eindrücke. Hier einige davon:

Obwohl noch Vorsaison, waren schon sehr viele Wohnmobile und Wohnwägen unterwegs: Deutsche (für die wir wegen des Kennzeichens WI RS 7898 auch gehalten wurden), Holländer, Franzosen, aber auch Südeuropäer und an Wochenende viele Norweger. Es wurde teilweise dicht auf den Straßen, und oft mussten wir vor Engstellen anhalten und ähnlich breite Fahrzeuge wie wir eines hatten vorbeilassen. Es gab auch Radelnde – auf Rennrädern und Trekking Bikes, die wegen der schmalen Straßen aber wie auch Fußgänger:innen permanent gefährdet sind. In der Ferienzeit herrscht auf den Lofoten, wo der Tourismus den Fischfang als Haupteinnahmequelle längst abgelöst hat, sicher Hochbetrieb. Wir hatten unsere Besuchszeit gut gewählt. Es war in der oft vom Himmel lachenden Sonne schon um die 20 Grad warm, die nördlichen Ausläufer des Golfstroms sorgen für ein relativ mildes Klima.

Campieren im herrlich gelegenen Skårungen Resort, links vom Freddy der Stromanschluss

Als ersten Nächtigungsort wählten wir das Skårungen Resort nahe von Svolvær. Auf einem Plätzchen direkt am Meer fahren wir erstmals die Dachmarkise unseres Wohnmobils Freddy aus und sind beide happy. Leute ringsum in T-Shirts und kurzen Hosen, Claudia vertieft sich in Recherchen über einen möglichen Wohnmobilkauf – meine flapsig formulierten Vorbehalte („Du hast keinen Geldscheißer geheiratet.“) lösten einen von mehreren Konflikten während unserer Reise aus. Aber kein Wunder: Vier Wochen in derart intensiver Nähe sorgen auch für Reibung, so manches am anderen fällt einem auf die Nerven, wenn man nur zehn Quadratmeter als gemeinsame Wohnfläche hat. Doch prägender waren die vielen Staunen machenden Augenblicke, das gemeinsame Genießen von Meer, Landschaft und gutem Essen.
Apropos: Von der norwegischen Küche waren wir beide nicht sonderlich beeindruckt, hätten uns z.B. viel mehr Fischbuden erwartet, so wie es hierzulande Würstelstände gibt. Oder die in Supermärkten vorfindliche Kulinarik: viel Junk-Food, wenig Bio, extrem teures Obst, von leistbaren Alkoholika gar nicht zu reden. Auf letzteres waren wir eingestellt, und ich kam mit dem aus Schweden mitgebrachtem Sixpack aus. Wir hatten einiges an Essen – Nudeln, Dosen, Müsli, Gnocchi – von zuhause mitgenommen, das Selbst-Kochen am Gasherd von Freddy nahm im Lauf des Urlaubs aber ab und verlagerte sich in die Gemeinschaftsküchen der Campingplätze. Zum Frühstück nutzten wir regelmäßig den für 5 Euro zuhause gekauften Wasserkocher zum Teemachen, auch die Billigkaffeemaschine bewährte sich, zumal man dem in Lokalen erhältlichen, schwachen skandinavischen Nachfüll-Kaffee aus der Schale heraushelfen muss.

Ein paar Essenshighlights gab es: so das Pistazienhörnchen im Café der Trevarefabrikken in Henningsvær, die Fischsuppe in Sakrisoy, die Kanelboller der Traditionsbäckerei in Å und das tolle Buffet mit toller Aussicht auf der Fähre von Bergen (N) nach Hirtshals (DK).

Jause in Henningsvær – ein Genuss. Sogar der Kaffee war köstlich in der Trevarefabrikken

Am 10.6. zwei Höhepunkte: die Fahrt nach Henningsvær, das spektakulär im Meer gelegene Kreativfischerdorf mit eigenem Fußballplatz und die holprige Fahrt auf Nebenstraßen zum Vik- und danach zum Hauklandstrand, die wegen deren Schönheit auch breite Wohnmobile nicht scheuen. Das Frühsommerwetter lockte Badende an, Bikinimädchen spielten Volleyball, ein Unerschrockener hockte mit verschränkten Armen minutenlang im 10 Grad kalten Ozeanwasser (Hatte er eine Wette verloren – oder war das die Wette?).

Badestrand mit 10 Grad kaltem Wasser: Haukland Beach

Nach einem ausgiebigen Spaziergang am Sandstrand suchten wir in Ballstad einen Campingplatz auf, der jedoch nur aus einer vorgelagerten Betonfläche bestand, fuhren weiter via Leknes zum im Landesinneren gelegenen Camping Storfjord – eine gute Wahl angesichts der für den Folgetag angekündigten Wetterverschlechterung.
Die trat dann auch ein. Wir nutzten die feuchtkalte Witterung zum Besuch des interessanten Wikingermuseums in Borg, wo vor knapp 1000 Jahren eine damals bedeutende Ansiedlung der kriegerischen Nordleute bestanden hatte. Das Langhaus wurde neben den archäologischen Fundamenten in Originalgröße neu errichtet – mir war nicht bewusst, dass die Lofoten für die Wikingerkultur und auch für die Besiedlung Islands eine so bedeutende Rolle spielten. Der örtliche Häuptling Erik entzog sich dem Machtverlust durch Harald Schönhaar durch Emigration auf die Atlantikinsel. Die Museumsbetreiber vermitteln das sehr anschaulich u.a. in einem Film, halb Dokumentation, halb Fiktion. Besucher:innen können Wikinger-Getreidesuppe kosten, Kriegsgerät anlegen, einen Spaziergang zu einem nachgebauten Drachenbug-Schiff machen, Bogenschießen und Beile werfen.

Das rekonstruierte Langhaus des heutigen Wikingermuseums in Borg

Neuerlich schöne Stranderlebnisse ermöglichte das Ramberg-Resort mit seinem netten italienischen Rezeptionistenpaar. Um 23 Uhr machte ich mich nochmal auf den Weg zum nahen Meer auf der Atlantikseite der Lofoten. Das mittlere der folgenden drei Bilder täuscht durch das Gegenlicht. Auch spätabends war es noch taghell:

Es heißt ja oft, in Skandinavien gibt es ein „Jedermannsrecht“, das allen Menschen die Nutzung der Wildnis und auch gewissen privaten Landeigentums zugesteht. Wildes Campieren mit Caravans oder Wohnmobilen fällt da allerdings nicht darunter, und an vielen Stellen steht explizit „No Camping“. Wären wir nur mit Fahrrad und Zelt unterwegs gewesen, wäre Nächtigung und sogar Feuermachen erlaubt. Doch abgesehen von der erzwungenen Übernachtung in Harstad und dem stromlosen Aufenthalt bei Ystad in Südschweden schätzten wir die meist gute Infrastruktur auf den Camping- und Stellplätzen. Wir schätzten es, nicht fürchten zu müssen, dass der gut gefüllte Kühlschrank abtaut, dass morgens Tee und Kaffee gemacht werden können, dass schmutziges Geschirr nicht im winzigen Waschbecken des Fiat Ducato gereinigt werden muss und deutlich geräumigere Duschen als im Auto zur Verfügung stehen. Und das auch, wenn wir öfters auf freie Räume warten mussten und manche Gäste die Gemeinschaftsflächen nicht so sauber verließen, wie sie diese vorfanden.

Der schöne Campingplatz in Moskenes. Rechts im Bild die Gemeinschaftshäuser mit Küche, Duschen, WC

Ein weiteres Plus: Auf Campingplätzen kommt man leicht ins Gespräch mit Leuten, nach Norman und Birgit in Schweden (Mailnachrichten gab es auch in Norwegen) verbrachten wir auf den Lofoten einen netten Abend mit Uwe und Petra aus Hessen und Krombacher Pils, hatten Fußball-WM-Spaß mit zwei lustigen Dänen und Small Talk mit etlichen anderen, immer wieder mal auf Englisch.
Am 12.6. Wechsel zu unserem letzten Lofoten-Aufenthalt in Moskenes, wo die Fähren aus Bodø anlegen. Die wollten wir am 15.6. auch nehmen. Eine Vorreservierung hatte ich nicht vorgenommen, Abfahrtstag Montag ließ mich entspannt bezüglich des Platzes auf der Fähre sein. Zu Unrecht, wie sich zeigen sollte. Der nahe dem Campingplatz gelegene Fährhafen war voll mit Rückreisenden, die Fähr-Website verhieß auch für Montag nichts Gutes: Alles ausgebucht! Auch am Sonntag oder Dienstag war nichts Reservierbares vorhanden. Schluck. Hieß das, die fährfreien 350 km zurück nach Narvik zurückfahren zu müssen? Und nochmals 300 nach Bodø?!? Ein Hafenmitarbeiter sorgte für etwas Entspannung: Nur die Hälfte der verfügbaren Plätze wird im Vorverkauf vergeben, für die andere gilt. First come first serve. Wir beschlossen, am Montag möglichst früh bereit zu stehen und das Beste zu hoffen… Ich nehm’s vorweg: Wir kamen am geplanten Tag ohne Probleme mit auf die sechsstündige Überfahrt aufs Festland.

So ein “Fährenmaul” verschlang uns bei der Abreise von den Lofoten – nach einigem Bangen

Samstag, 13.6., wurde zu einem richtig entspannten Urlaubstag. Herrliches Wetter, kaum Fahrerei zum Gratisparkplatz ans Ende der Europastraße E10 in Å, dem kürzestnamigen Ort, in dem ich je war. Dort machten wir einen schönen Spaziergang am Meer, bestaunten die omnipräsenten, dicht an dicht auf Dächern nistenden Möwen, aßen herrliche Heringsbrötchen bei „Sild & Salmon“ am Hafen, flanierten durch das alte Fischermuseumsdorf mit vielen mehr als 100 Jahren alten Gebäuden, u.a. der erwähnten herrlichen Bäckerei.

Besuch in Å, wo die Europastraße E10 quer über die Lofoten endet

Der letzte Lofotentag wurde zu meinem persönlichen Abenteuer voller Angstschweiß und Lichtblicken. Davon erzähle ich aber in einem eigenen Eintrag.

Wanderglück mit Stoßgebet auf dem Reinebringen

Reinebringen ist die beliebteste Wanderung auf den Lofoten. Ein kurzer, aber steiler Pfad führt den Berg hinauf zu einem Grat hoch über dem Dorf Reine. Er besteht aus 1.566 Stufen, angelegt von nepalesischen Sherpas. Instagram ist überschwemmt mit Bildern der spektakulären Aussicht auf das Dorf und die umliegende Küste. Ich war schon bei der Planung unserer Wohnmobilreise nach Skandinavien erpicht darauf, diesen Blick Hunderte Meter hinunter auch live zu erleben und hatte mir dazu auf der Komoot-App eine Rundwanderung abgespeichert (siehe Landkarte), um die Steinstufen nicht zweimal – hinauf und wieder hinunter – gehen zu müssen. Zu langweilig, zu touristisch, dachte ich mir.

Nach einem Kraftfrühstück mit Baked Beans, Speck und Ei sowie Kaffee und Kuchen fuhr mich Claudia mit unserem Wohnmobil Freddy zum Parkplatz (Startpunkt) zwischen unserem Campingplatz in Moskenes und Reine, von wo aus die Touris ihre Reinebringen-Tour starten. Am Vortag hatten nette Briten diese Wanderung erst spätabends gegen 21h begonnen und waren nach drei Stunden im Licht der Mitternachtssonne wieder in ihrem Camper. Claudia ging somit von einer relativ entspannten Tour aus und fuhr nach einem Abschiedsbussi zurück zur Bäckerei im Museumsdorf Å und ihrem duftenden landestypischen Gebäck: Kanelboller und Kardemommesnurrer.
Es war Sonntag, 9:30, es waren schon viele Wagen auf dem Parkplatz abgestellt, weitere fuhren zu und luden Wanderwillige aus. Ich folgte ihnen aber nicht, sondern wandte mich westwärts entlang einer Bucht, die von einer Brücke abgeschlossen wird, in Richtung einer Hütte (1 auf dem Plan).

Da war ich schon oben: Brücke zwischen Bucht und Meer, rechts der von Wanderern genutzte Parkplatz

Den von Komoot angegebenen blauen Weg entlang des Wassers zu finden war gar nicht leicht. Denn es gab keine Markierungen, dafür große Steinblöcke, dichten Baum- und Strauchbewuchs und auch viele moorige Stellen, für deren Überwindung ich über meine Bergschuhe und Wanderstöcke froh war. Obwohl ich mich auf Meereshöhe fortbewegte, war der Pfad ein ständiges, anstrengendes Auf und Ab. Erst nach einer Stunde erreichte ich verschwitzt die menschenleere Hütte am Ende der Bucht.

Ab nun ging es steil bergauf. Und immer wieder war es schwierig, den Weg zu finden, denn im Unterschied zu meiner Wanderung im schwedischen Nationalpark Skuleskogen war hier von deppensicherer Markierung keine Rede. Ich machte Höhenmeter, legte manchen Ausschnauf- und Trinkstopp ein und fragte mich, ob meine Literflasche Wasser wohl reichen würde. Ich kam aber bald an einen Wasserfall (2 auf dem Plan), an dem ich meine Flasche neu füllen konnte und auf die nun schon tief unter mir liegende Meeresbucht hinunterblickte.

Weiter ging es schweißtreibend zu einem Bergsee, aus dem der Wasserfall hervorquoll. Mir begegnete ein polnisches Pärchen, das wohl von oben, von den bequemen Stufen kommen musste. Da geht’s ganz schön steil runter, kündigte ich ihnen an, und. Wenn ihr das vermeiden wollt, müsst ihr wohl zurück zum Sherpa-Trail, sagte ich, nichtsahnend, was da noch auf mich zukommen würde. Das ist keine Option, war die Antwort. We’re taking the circular walk. Ich wunderte mich, warum so wenig andere das auch so hielten und so wie ich die Overtourism-Stufen zumindest einmal mieden.

Ein Bergsee wie in den Alpen

Über vereinzelte Schneefelder ging‘s weiter nach oben – bis zu einer Aussicht (3 auf dem Plan), die in mir Euphorie auslöste. Ich blickte steil nach unten auf eine atemberaubende Szenerie mit Dorf, Inseln, Meer und einem gerade in den Hafen einfahrenden Kreuzfahrtsschiff. Dahinter Bergspitzen mit Schneeresten. Ich konnte mich eine Viertelstunde lang kaum sattsehen, war glücklich.

Aber wie jetzt weiter? Komoot zeigte eine Linie über den Reinebringen-Gipfel an, aber der Sherpa-Trail führt doch nicht so weit rauf, dorthin muss doch ein anderer Weg führen, dachte ich und suchte im steilen Gelände einige Zeit lang herum. Bis zur Erkenntnis: entweder über den 666m hohen Gipfel (4 auf dem Plan) oder auf gleicher Strecke wieder zurück zur Meeresbucht. Zurückgehen? Keine Option. Dann halt ein bisschen Bergsteigen, dachte ich. Aber das wurde heftig: Mir wurde richtiges Klettern abverlangt, was mit den Wanderstöcken an den Armen zur echten Herausforderung wurde. Ich kam an Stellen, wo es links und rechts tief hinunter ging und für das Weiterkommen sichere Griffe gefragt waren. Oh Gott, wenn das nur gutgeht!

Dieses Foto ist nicht von mir. Aber es zeigt die Steilheit des Weges – und seine Schönheit1

Wann hatte ich sowas zuletzt gemacht? Ich konnte mich gar nicht mehr erinnern – als ich mit meiner ersten Frau auf dem Weg zum Hochgolling in den Schladminger Tauern umkehrte, weil es ihr zu gefährlich wurde? Oder als ich richtig Schiss hatte, als ich mit meinen noch kleinen Söhnen vor und hinter mir an der Hand auf einem Grat im Großen Walsertal unterwegs war? Keine Ahnung, wohl noch nie. Jedenfalls bin ich bestenfalls Bergwanderer, kein Kletterer. Ich hatte Angst, ging sturzbereit an schmalen Stellen geduckt, prüfte jeden Schritt, jeden Griff dreimal, richtete ein Stoßgebet in den Himmel und versuchte ruhig zu bleiben. Das gelang ganz gut, ich kam langsam, aber stetig voran. Zugute kam mir die noch vom Camino Portugues im April vorhandene Kondition. Immer wieder Fotostopps an geschützten Stellen, bei einem 360-Grad-Video kam mir der Gedanke, ob das vielleicht meine letzte Botschaft an die Hinterbliebenen sein könnte. Nein, das konnte ich meiner Claudia nicht antun, die in jungen Jahren ihre erste Liebe durch einen Bergabsturz verloren hatte. Also volle Konzentration, und weiter voll Gottvertrauen!

Die Aussicht auf die umliegenden Berge und die Landschaft war atemberaubend

Auf einer kleinen ebenen Fläche unter dem Gipfel begegnete mir ein ca. 50-jähriger Bergfex. Ich sprach ihn verwundert darauf an, dass er barefoot, barfuß, unterwegs war – und das bei den schroffen Felsen hier. Wie weit ist es denn noch bis zu den Sherpa Steps? Ach, nur 5 bis 10 Minuten, wies er verächtlich nach unten. That’s just for tourists, alpine climbing begins right here. Die Auskunft beruhigte mich, ich brauchte allerdings deutlich mehr Zeit und meine Wanderstöcke, um auf dem spektakulären Grat bis zu dem 200 m unter der Reinebringen-Spitze gelegenen Zwischengipfel zu gelangen. Auf dem sammelten sich – wie ich bald sah – die Tourist:innen. Sie machten Selfies und Reine-Fotos, manche völlig ermattet in verschwitzten T-Shirts, mit Sneakers oder gar nur Sandalen, die auf den großflächigen Stufen nach unten auch völlig genügten.


Ich war jetzt relaxed und happy, dieses Abenteuer gut hinter mich gebracht zu haben. Erst jetzt, um etwa 15:30, eine erste Essenspause mit Apfel und Riegel, bevor ich die vielen 100 Steinplatten nach unten hüpfte. Die Fotos, die ich an besseren Stellen als die Touris auf 470 m Seehöhe knipste, erinnern mich an die wohl anspruchsvollste Wanderung meines Lebens, die ich als 66-Jähriger hinter mich brachte. Mit dem letzten Handyakku-Guthaben rief ich Claudia an, die mich dann um 17 h am Ortseingang von Reine aufpickte.
Und ich, so beglückt ich nach den wunderbaren Aussichten und dem guten Ausgang auch war, lerne aus dieser Erfahrung. Es gilt auch das „Kleingedruckte“ einer Komoot-Wanderung zu lesen. Dort steht bei der „schwierigen Wanderung“ der Reinebringen Runde die davor von mir nicht angeklickte Warnung: „Enthält einen Abschnitt, der gefährlich sein kann. Ein Teil dieser Route führt durch technisches, anspruchsvolles oder gefährliches Gelände. Möglicherweise sind dafür spezielle Ausrüstung und Vorkenntnisse erforderlich.“

Roadsurfen in Skandinavien (4) – Von Bodø nach Bergen

Unsere Route vom arktischen Nordland ins zerklüftete Fjordland

Der Stress wegen des möglichen Nicht-Mitgenommen-Werdens auf der Fähre nach Bodø war unbegründet, auch wenn die Hauptsaison mit 15. Juni – unserem Abreisetag – begann. Wir stellten Wohnmobil Freddy noch vor 7h am Hafen von Moskenes ganz vorne in Fahrspur 2, konnten also mit Sicherheit davon ausgehen, als Nicht-reserviert-Habende fünf Stunden lang einen Platz auf dem geräumigen Schiff einzunehmen. Nach einem Kaffee im sympathischen Bodø sollte es mit einer Übernachtung gut 700 km südwärts nach Trondheim gehen – also zwei Kilometerfressertage. Die dafür genutzte E6 ist nicht mit den Autobahnen in Schweden vergleichbar, ist nur an manchen Stellen zweispurig – nämlich wenn es bergauf gilt, die vielen LKW zu überholen. Es gibt ungemein viele Tunnels in Norwegen, das Land liegt mit den Alpenländern Schweiz und Österreich hier an der Spitze. Und manche davon verlaufen unter Fjorden, andere haben sogar einen Kreisverkehr irgendwo im Berg. Also nicht nur Land der Fjorde, sondern auch Land der Tunnel.


Bis zur Übernachtung am 15.6. in Mosjøen, während der Fahrt auf der Campio-App ausgewählt, gab es wenige Höhepunkte. Da war ein kurzer Stopp in der hoch gelegenen Region Nordland an einem beeindruckenden reißenden Fluss. Und natürlich die Polarkreisüberquerung, die wir, anders als in Schweden, nicht übersahen. Denn dort wurde ein Arctic Circle Center errichtet, in dem man sich über das Dauersonnenlicht im Sommer bzw. die Polarlichter im dunklen Winter informieren und jede Menge shoppen kann. Wie auf Island etwa langnasige Trolle in allen Größen, Norwegerpullover, Hauben und den üblichen Touristen-Tand wie Autokennzeichen oder Kühlschrank-Magneten. Claudia schoss ein witziges Foto von mir, auf dem ich den im Asphalt markierten Polarkreis übersprang, was dann gleich einige Nachahmer nach sich zog.

In Trondheim interessierte mich vor allem der Nidaros-Dom, in den der norwegische Nationalheilige Olav (+1030) begraben liegt und der auch Endpunkt des fast 600 km langen Olavsleden-Pilgerweges https://olavsweg.com/ von Oslo ist. Das wäre für mich Norwegen-Fan nochmal was, bevor ich zu alt werde. Wobei. Von Lillehammer nordwärts würde auch reichen. Das auf das 11. Jhd. zurückgehende und im 19. Jhd. rekonstruierte Gotteshaus ist beeindruckend, vor allem die Lichtregie verstärkt die Wirkung der Säulen und des Kreuzrippengewölbes. Das Oktogon an der Ostseite des Doms ist seit dem 12. Jahrhundert nahezu unverändert erhalten und gilt als authentischster Teil, in dem sich der Schrein des als Märtyrer verehrten Königs hinter dem Hochaltar befindet.

Der Nidarosdom gilt als die Hauptkirche Norwegens. Nicht umsonst.

Unsere nächste Nacht verbrachten wir am Flakk Campingplatz rund 10 km westlich von Trondheim und lernten dort ein Pärchen aus Oberolberndorf im Weinviertel kennen, die in dreieinhalb Wochen mit ihrem umgebauten Polizei-VW-Bus bis zum Nordkap hochfuhren und dabei bis zu 800 km täglich zurücklegten. Wir hatten und bewusst dagegen entschieden, so viel Zeit im Wagen zu verbringen, nur um dann sagen zu können: Wir waren am nördlichsten Punkt Europas.
In der Früh wachte ich vor 5h auf und schlief wieder ein. Österreichs Team spielte um 6h bei der FIFA-WM gegen Jordanien. Nach dem neuerlichen Aufwachen stand es, ohje, 1:1, nach dem Duschen dann aber 3:1, juhuu! Wir schmückten den Freddy Flitzer mit in die Seitenscheiben gesteckten Österreich-Fahnen und zeigten uns den Rest des 17.6. als Fans – auch wenn das mit unserem deutschen Kennzeichen kollidierte.

Und auch den Norwegern halte ich die Daumen.

Tageshauptziel war die Atlanterhavsveien, eine Straße mit „in den Himmel“ führenden Straßen, die auch das Titelfoto unseres Norwegen-Camping-Buches darstellt. Es dauerte allerdings, bis wir via Kristiansund und Averoy zum unaussprechlich schönen Wanderweg „Eldhusøyan näköalapolku“ gelangten, von dem man einen tollen Blick auf die Storseisund-Brücke hat.

Die berühmte Storseisund-Brücke auf dem “Atlanterhavsvegen” ist eine von acht Brücken über mehrere kleine Inseln

Die Landschaft hatte sich nach Trondheim stark verändert: statt karger Hochebene mit wenig Bäumen nun viel grün, dichtere Besiedlung in dem 5-Millionen-Land und viel Landwirtschaft. Das Wetter war immer noch schön, sonnig um die 18 Grad mit kühlen Nächten (viel angenehmer als heute die 38 Grad in Wien, da ich das schreibe). Insgesamt hatten wir mit dem Wetter viel Glück. Dass es auf unserer letzten Station in Norwegen, Bergen, noch recht feucht werden sollte, wussten wir in Molde, wo wir am 17. nächtigten, noch nicht.

Trollstigen, Geiranger Fjord, Dalsnibba – der 18.6. wurde einer der Höhepunkte unserer Reise. Dabei waren die Vorzeichen wegen des nebeligen Morgens zunächst nicht gut. Doch die 250 km mit zwei Fährstrecken und vielen, vielen Höhenmetern wurden sensationell. Von Åndalsnes ging es bald in elf Haarnadelkurven mit etwa zwölf Prozent Steigung hinauf zur Passhöhe und danach weiter bis auf 850 Höhenmeter. Auf halber Strecke führt die vor 90 Jahren freigegebene Straße zudem über einen Wasserfall, den 320 Meter hohen Stigfossen. Sie ist auch heute noch nur wenige Meter breit, manchmal fast einspurig, sodass man entgegenkommenden Fahrzeugen ausweichen muss. Zu meinem Glück tat dies Claudia souverän, sogar als ein breiter Norwegerbus entgegenkam und erst das Einklappen der Rückspiegel die Weiterfahrt ermöglichte. Wegen des schroffen Geländes gibt es kaum Möglichkeiten anzuhalten. Erst oben am Beginn eines Hochtales befindet sich der Aussichtspunkt Utsikten (dt. „die Aussicht“), von dem aus man den gesamten Verlauf der Straße überblicken kann. Dort machten wir Halt, freuten und über den sich lichtenden Nebel, bewunderten die Fahrkünste in teils richtig großen Gefährten.

Der Trollstigen ist witterungsbedingt nur drei Monate rund um Mittsommer geöffnet.

Über den Ørnevegen ging es erneut auf steilen Serpentinen hinunter nach Geiranger, nach diesem von Kreuzfahrtschiffen angesteuerten Touristenort am Ende des gleichnamigen, engen, berühmten, 100 km von der Küstenlinie entfernten Fjords wieder in Schlangenlinien bergauf. Nach dem ersten Aussichtsparkplatz mit Blick durch den Nebel hinab auf den Meeresarm wollte Claudia noch auf der Mautstraße zum Skywalk von Dalsnibba. Dort lichtete sich – wir Glücklichen! – auch bald der Nebel und gab den Blick von 1500 m über dem Fjord frei.

In der Bildmitte winzig klein, weil 1500 m tiefer, ein Kreizfahrsschiff im Geirangerfjord

Nach der Ankunft im sympathischen Familienbetrieb des Tjugen Camping bei Loen https://tjugen.no/en waren wir beide „sehsatt“ und voller Bilder der herrlichen Landschaft. Norwegen ist ein wunderschönes Land! Dort knipste ich abends nach dem Essen in einem Seerestaurant mein vielleicht schönstes Handyfoto des Urlaubs. Seht selbst:

Auch bei trübem Wetter wunderschön, die Seen und Küsten in Norwegen

Noch ein Nachtrag zum Ölwechselproblem der zweiten Urlaubswoche (link!). Ab 17.6. zeigte Freddy bei rund 48.000 km auf dem Armaturenbrett an, dass bei 50.000 km ein Service ansteht. Nicht schon wieder, dachten wir. Roadsurfer wies uns darauf hin, dass diese Arbeit unaufschiebbar sei und wie der Ölwechsel von uns vorfinanziert werden muss – nach zuvor genehmigtem Kostenvoranschlag einer Werkstatt. Unser Hinweis nach Internetrecherche, dass Fiat üblicherweise eine Toleranzgrenze von +3000 km gewährt, ohne dass die Garantie verfällt, verfing nicht. In Dänemark war es nach der Ankunft der Fähre in Hirtshals dann soweit. Wir fanden eine Werkstatt im 70 km entfernten Aalborg – was uns erneut einen Urlaubstag kostete. Um dessen Kompensation ergab sich eine Farce: Erst hieß es, als Wiedergutmachung würde uns eine kostenfreie Mietverlängerung von zwei Tagen angeboten. Das wurde danach aufgrund der Höchstmietdauer von 29 Tagen zurückgenommen, nach einem weiteren Tag und dem In-den-Raum-Stellen rechtlicher Schritte ging die Mietverlängerung dann plötzlich doch. Wir nahmen letztlich einen Zusatztag in Anspruch.
Zurück nach Norwegen. Abends in Bratland Camping nahe Bergen mein erstes Public Viewing während der Fußball-WM. Etliche NL-Camper bejubelten den fulminanten 5:1-Sieg von Oranje über Schweden. Tags darauf – es war der 20.6. – fuhren wir erstmals mit Öffis. Erst mit dem Bus, dann mit der Straßenbahn ins Zentrum der zweitgrößten norwegischen Stadt. Bergen zeigte sich verregnet, an eine Fahrt hinauf zum Hausberg Fløyen machte keinen Sinn. Aber die Innenstadt mit der bunten Holzhäuserzeile aus der Hansezeit am Hafen, der Fischmarkt und die originellen Großstadtläden (in einem davon kauften wir Weihnachtssachen, einen Tag vor Mittsommer) waren auch bei Regen attraktiv. Eine böse Überraschung gab’s allerdings beim Fischessen am Hafen: Die 0,7 Liter gespritzter Apfelsaft, den wir zu Fischsuppe bzw. -spießen tranken, kostete umgerechnet 38 Euro – selbst für norwegische Verhältnisse ein Wucher. Ansonsten war das Preisniveau zwar höher als in Österreich, aber nicht so, dass man sich die Versorgung in Lebensmittelgeschäften nicht leisten könnte. Übrigens bezahlten wir auf unserer Reise durchwegs mit Kreditkarte, umwechseln in schwedische, norwegische und dann auch noch dänische Kronen war nicht nötig.

Feuchtes Bergen. Mittig die Touristeninformation, rechts davon der Fischmarkt.

Die von mir vorab gebuchte Fähre mit Übernachtung, Abendessen und Frühstück von Bergen nach Hirtshals sollte am 21.6. um 20 Uhr ablegen. Wir checkten bei Bratland Camping gegen 11h aus und wollten noch ein wenig Bergenerlebnisse sammeln. Freddy parken wir am besten gleich am Fährgelände, meinten wir. Beim Einlass viel Betrieb, wir mussten länger warten, bis wir zum Schalter kamen. Dort hörten wir einen Satz, der eine Schockwelle auslöste: „You’ve got a ticket from Hirtshals to Bergen.“ Ich Depp hatte die falsche Fährenrichtung gebucht, hatte mein Online-Ticket auch nie überprüft. Die Fjordline-Mitarbeiter checkten die Lage kurz und gaben Entwarnung. Umbuche n war gegen einen Aufpreis möglich, auch eine bessere Kabine mit Bullauge aufs Meer war möglich. Mir fiel ein Stein vom Herzen, die „Deppensteuer“ bezahlte ich gerne, zumal die Abfahrt nun früher stattfand: Bereits um 14 Uhr wurde abgelegt, geplante Ankunftszeit nach Zwischenstopp in Stavanger war 22. Juni um 8 Uhr.

Der servicebedürftige “Freddy Flitzer” wartet auf Einlass. Und wir hatten bange Minuten zu überstehen.

Die Schiffsfahrt auf der luxuriösen MS Stavengerfjord (https://fjordline.com/de/p/unsere-routen/hirtshals-stavanger-bergen9 mit rund 600 Passagieren war rundum angenehm. Es gab Unterhaltung – eine Tombola und ein FIFA-WM-Quiz, bei dem ich ins Finale kam und nur an der Schätzfrage nach der Passagieranzahl (1.800?) scheiterte – und ein exquisites Dinner-Büffet, einen Taxfree-Shop, in dem ich ein superangenehmes Kurzarmhemd kaufte, Freiflächen auf dem Schiff mit Blick auf die norwegische Küste und Fußball live. Angelegt wurde pünktlich, nun nur noch 50.000-km-Service nach einer Zusatznacht in Dänemark und ab nach Hause.

Die Fahrt mit dem Schiff der Fjordline war pures Vergnügen.

Roadsurfen in Skandinavien (5) – Epilog: Ab in die Hitze von Wien

Die letzten Etappen führten durch Dänemark, Deutschland, Tschechien.

Lønstrup heißt das ehemalige Fischer- und nunmehrige Kunsthandwerksdörfchen an der dänischen Nordseeküste südlich von Hirtshals, das Ort unserer nächsten Übernachtung im fünften Land Europas nach CZ, PL, S und N werden sollte (zwei Nächte in D kamen dann noch dazu). Den sympathischen Campingplatz dort hatte ich wie üblich aufgrund vieler positiver Bewertungen in der Campio-App ausgesucht. Es gab zahlreiche Dauercamper, somit kein Anstellen in WC und Dusche. Und Gebäck am nächsten Morgen.

Meine Hauptsorge nach einem Spaziergang an den Nordseestrand galt dem WM-Schlager Österreich vs. Argentinien. Ich bemühte mich redlich um Gratisstreaming via dänisches Fernsehen, diverse andere Anbieter und wäre sogar bereit gewesen, 11 Euro für ein WM-Paket der deutschen Telekom zu bezahlen. Jedoch es klappte nicht, immer hieß es: keine Übertragungsrechte für dieses Land. Über Social Media bekam ich mit, dass Messi soeben einen Elfer verschossen hatte, Radio Wien sorgte immerhin für Hörspannung, der Livestream von kicker.de mokierte sich über allzu vorsichtige Spielweise der „Ösis“. Nun, wie es ausging, wissen wir ja inzwischen.
Am nächsten Morgen, 23.6., Weiterfahrt nach Husum an der deutschen Nordseeküste, wo ich meiner Liebsten vor neun Jahren einen Heiratsantrag machte und wir nach ihren Jawort dann auch gleich Weißgoldringe aussuchten. Dänemark ist durch die Nord-Süd-Autobahn recht flott zu durchqueren, wir flitzten an Städten vorbei, die ich vor knapp einem Jahr in umgekehrter Richtung mit dem Fahrrad erkundet hatte: Aalborg, Aarhus, Vejle, Kolding, Flensburg (link) und gelangten rasch ins Schleswig-Holstein’sche Flachland, in dem sich hunderte Windräder drehen. In Husum parkten wir Freddy auf einem einfachen Caravanstellplatz, der ich in einem nahen Hotel erstmals in bar zu bezahlen hatte. Doch komisch. Husum war nicht wiederzuerkennen. Hatte sich die Stadt in den neun Jahren so verändert?? Dann dämmerte es uns: Die Weichenstellung für unsere Eheschließung erfolgte nicht in Husum, sondern 50 km südlich in Büsum. Wir entschädigten uns für den peinlichen Irrtum mit einem der besten Abendessen des Urlaubs: Der „Kapitänsteller“ in Dragseths Gasthof mit verschiedenen Fischleckereien, Krabben, Bratkartoffeln, Salat und Dithmarscher Pilsener ist wärmstens zu empfehlen. Und die Unterhaltung mit zwei Schulfreundinnen jenseits der 80, die uns an ihrem Tisch Platz nehmen ließen, war auch nett – trotz deren Diagnose, dass „in Deutschland alles schlechter wird“.

Büsum holten wir am 24.6. nach: Frühstück in der touristisch herausgeputzten Innenstadt („Ja, SO sah es hier aus, jetzt erkenn’ ich es wieder!“) und Kuss am Schauplatz des Heiratsantrags relativierten Unstimmigkeiten, die während der intensiven Nähe in mehr als vier Wochen wohl unvermeidlich waren.
Zu Kilometerfresser-Tagen wurden die letzten beiden Tage unserer Reise. Von Büsum ging’s via Hamburg (mitten durch die Innenstadt, ächz!) und Perleberg nach Magdeburg, wo wir an einem Seitenarm der Elbe einen Hightech-Stellplatz vorfanden: Stromzähler, Duschen, Toilettenbox-Entleerung – alles funktionierte mit einer aufladbaren Karte, das Guthaben wurde nach dem Auschecken sofort auf unser Konto gutgeschrieben. Noch angenehmer war aber der schon sommerlich heiße Abend in der Hafenbar, wo wir Gegrilltes und Kaiser-Otto-Bier genossen. Vorm Abendessen nahm ich mir trotz der Hitze, die Mitteleuropa schon erfasst hatte, Zeit für eine Erkundung der Magdeburger Innenstadt, erkannte Friedrich Hundertwassers letztes Bau-Großprojekt an den krummen Linien, stand vor dem um 18h versperrten Dom, bestaunte die Nachbildung des „Magdeburger Reiters“ (Otto der Große?) und lächelte über das Hic fuit am Eulenspiegelbrunnen.

Der Schlusstag stand dann schon ganz im Zeichen der Wahnsinnshitze, die Mitteleuropa in der letzten Juniwoche in Bann hielt. Im klimatisierten Freddy waren die mehr als 700 km von 8 bis 18 Uhr zwischen Magdeburg und Wien aber gut aushaltbar – trotz der Verkehrshölle in Prag und dem kilometerlangen Schwerverkehrstau, der uns einen kurvenreichen Umweg an Brünn vorbei nehmen ließ. Zu Hause warteten bereits Söhne – diesmal Moritz und Fabian –, um uns beim Ausladen des Wohnmobils zu helfen. Man glaubt nicht, wie viel sich in mehr als vier Wochen so alles ansammelt, trotz der in Norwegen vergessener Küchensachen und des in Schweden hinterlassenen Fahrrades.

Unfassbar, wie viel Schwerverkehr auf Europas Straßen unterwegs ist – wie hier vor Brünn

Vier Wochen Roadsurfen mit Fahrten in sieben Ländern, ereignisreich, anstrengend, faszinierend, abwechslungsreich… Einmal und nie wieder Camping? Nein, nur nicht wieder mit Roadsurfer, die uns viel Energie und Zeit kosteten. Wer’s so wie wir einmal probieren möchte, für die/den hätten wir so manchen Tipp parat 😉

Camino-Auftakt und -Abschluss in Porto

Am 16. April war ich für ca. 24 Stunden in Porto und von 30.4.-2.5. weitere zwei Tage nach meinem Camino Portugues und der Busrückfahrt aus Santiago de Compostela. Eigentlich viel zu wenig für diese charmante Hafenstadt an der Douro-Mündung in den Atlantik. Immerhin hatte ich sowohl zum Auftakt als auch zum Abschluss Gelegenheit zu ausgedehnten Erkundungsspaziergängen durch die Altstadtviertel Bolhão, Ribeira und Clerigos mit ihren schmiedeeisernen Balkonen, Azulejo-geschmückten Kirchen und Hauswänden und pittoresken Plätzen.

Ein Werbeslogan mit hohem Wahrheitsgehalt

Ich war in der Kathedrale – mein Ausgangspunkt für den elftägigen Küstenweg nach Santiago -, auf der übervölkerten Einkaufsstraße Rua de Santa Catarina und in der gleichnamigen Capela, überquerte die stählerne Ponte Dom Luís I. oben und ging auf der unteren Ebene wieder zurück, bestieg den Ponte der Clerigos und labte mich davor in der sympathischen Tapasbar De Canto und danach im Gastgarten des Jardim das Oliveiras, traf eine liebe Weggefährtin im kunsthandwerklich und kulinarisch ergiebigen Mercado do Bolhão, speiste vorzüglich im Restaurant Bacalhau im Dourohafengelände, genoss die Atmosphäre der zweitgrößten portugiesischen Stadt und knipste Dutzende Fotos.

Blick vom Stadtteil Vila Nova de Gaia am linken Douro-Ufer auf Fluss und Hafenviertel

Wenn ich nennen sollte, wohin sich ein Städtetrip abseits der Nona-Ziele wie Paris, Rom und Prag absolut lohnt, dann wäre Porto unter meinen Top 5 (neben Danzig, Lyon, Split und Sarajevo). Hier im Anschluss einige Aufnahmen, die unterstreichen, warum…