In unserer Wohnung türmen sich Gewand, Lebensmittel, Toilettezeug, Geschirr, Campingutensilien und sonstige Dinge, die auf einem vierwöchigen Wohnmobil-Urlaub von Nutzen sein könnten. Morgen geht’s los – mit Abholen des Gefährts in Wien 22 plus Einschulung, wie mit Gas, Diesel und AdBlue, (Ab-)Wasser, Entlüften zu verfahren ist. Das sollte ergänzen, was wir bisher über Reiseroute, Fähren, Mautgebühren u.a. recherchiert haben. Nordwärts via Tschechien, Polen nach Schweden, zurück von Norwegen über Dänemark und Deutschland … es wird ein großes Abenteuer. Das wir mit viel Vorfreude, aber auch Respekt in Angriff nehmen.
Das schrieb ich noch vor Antritt unserer großen 7.000-km-Reise, ohne zu wissen, welch großartige Landschaften und welche Mühsal mit dem gemieteten Fiat Ducato, den die Roadsurfer-Mitarbeitenden in Wien 22 „Freddy Flitzer“ nennen, auf uns zukommen sollte.
Doch vorneweg: Unsere Camping-Bilanz nach der Rückkehr vor drei Tagen ins glutheiße Wien ist positiv. Eine erneute Reise mit Wohnmobil ist durchaus wahrscheinlich, auch wenn Claudias Liebäugeln mit dem Ankauf eines eigenen Gefährts in mir Skepsis wegen der Kosten wachruft. Aber die Flexibilität, die Freiheit, die Möglichkeit, spontan zu stoppen und zu staunen, das Camper-Feeling – all das reizt zu einer Wiederholung – wohin auch immer.


Zurück zum Start. Probleme mit Roadsurfer – einem inzwischen großen, internationalen Tourismus-Unternehmen mit Tausenden Miet-Campern – gab es schon bei der am 27. Mai um 9 Uhr geplanten Übernahme des Wohnmobils: Es stellte sich heraus, dass uns nicht, wie davor angekündigt, ein neuwertiger Wagen zur Verfügung gestellt werden konnte, sondern ein anderer (mit von dem uns genannten abweichenden Autokennzeichen, was Korrekturen bei bereits erledigten Fähranmeldungen (Swinemünde-Ystad, Bergen-Hirtshals) und beim norwegischen Bezahlsystem „AutoPASS for ferje“ erforderte. Beim Ersatzwagen stellten wir einen defekten Zünder beim Gasherd fest, der erst eine Stunde Reparatur erforderte (währenddessen uns zwei qualitativ schlechtere Wohnmobile als Alternative angeboten wurden), bevor wir endlich losfahren konnten. Die Zusicherung der Mitarbeitenden vor Ort, der zur Übernahme bereitgestellte Wagen sei genau überprüft und gereinigt worden, entsprach nicht der Realität. Und auf etwaige von uns zu übernehmende Serviceleistungen wurden wir, obwohl wir über unsere Destination Nordeuropa informierten, in keiner Weise vorbereitet.
Claudia fuhr mit „Freddy“ zu uns nach Hause, ich folgte ihr mit unserem Renault. Bei der Beladung half uns Claudias Sohn Samuel, wir beide schafften es trotz einiger Mühe aber nicht, beide Räder auf dem hinten montierten Träger zu fixieren. Gut, dann nehmen wir halt nur eines mit, entschieden wir unter Zeitdruck. Denn das erste Ziel sollte ein vorab reservierter Campingplatz an der tschechisch-polnischen Grenze sein, 350 km entfernt.

Wir verließen Wien gegen 14 Uhr, quälten uns umleitungsbedingt durch die Innenstadt von Brünn und kamen nach rund sechs Stunden in einem Ort am A… der Welt an. Auf einem heruntergekommenen Gutshof hatte ein älteres niederländisches Paar einen Campingbetrieb auf der großen Grundstückswiese gestartet und auch ein Waschhaus mit WC und Duschen eingerichtet. Nun ja, das Professionellste an Camping Kralovec war die einladende Website. Wir verbrachten aber trotz der nicht wirklich ebenen Standfläche eine geruhsame Nacht auf dem 140 cm breiten und 190 cm langen Bett im Heck von Freddy. Es stellte sich überhaupt bei der Reise heraus, dass das Schlafen komfortabler war als befürchtet: Einen sich zwischen den Matratzenteilen öffnenden Spalt hin zum Lattenrost deckten wir mit einer Matte ab, und mein Drüberklettern über Claudia für nächtlichen Klogang wurden zur gewohnten Übung. „Kleine Geschäfte“ erledigten wir im winzigen Bad/WC hinter dem Esstisch und gegenüber vom Kühlschrank. Dafür gab es eine Toilettenbox, in die anfangs ein wenig Wasser und geruchshemmendes Desinfektionsmittel kam und bei guter Füllung dann entleert wurde. Dafür wie auch für das „Grauwasser“ von Küche und Bad gibt’s an allen Campingplätzen Auffangbecken. Geduscht haben wir im Freddy nie, erstens erwies sich der Duschvorhang als defekt, zweitens war es trotz mancher Wartezeiten attraktiver, die auf Campingplätzen vorhandene Infrastruktur zu nutzen.
Der Duschvorhang, bei dem eine von vier Aufhängungs-Ösen ausgerissen war, landete wie so manches Andere auf einer bereits am zweiten Reisetag bei Roadsurfer deponierten Reklamationsliste. Claudia erhofft(e) sich davon eine erkleckliche Entschädigung.
Am zweiten Reisetag ging es auf wenig befahrenen Autobahnen im Westen Polens rasch Richtung Ostsee. In Swinemünde, wo ich knapp zwei Jahre davor mein Halbzeitquartier auf meiner Ostsee-Radtour von Hamburg nach Danzig hatte, schafften wir eine zehnminütige Patschenreparatur von Claudias eigens für die Reise gekauftem Gebrauchtfahrrad. Dank Internet hatte ich rasch eine passende Werkstatt ausfindig gemacht. Dann etwas ostwärts zum angenehmen Camping Plaza in Misdroy gleich an der Ostsee. Das Wetter war sonnig, angenehm, ein Barfußspaziergang am Sandstrand ging sich noch gut aus. Meer, endlich!




Am nächsten Tag (29.5.) eine problemlose 7-stündige Fährüberfahrt von Swinemünde nach Ystad in Schweden mit beeindruckenden Lichtspielen auf der Ostsee, Fahrt durch eine idyllische Fliederlandschaft zum leider schon recht vollen Wohnmobilstellplatz If Ale im Fischerdorf Kåseberga. Wir kamen erst gegen 20 Uhr an und bekamen nur mehr Platz ohne Strom, wurden aber bei Sonnenuntergang durch das grandiose Stein-Ensemble Ales Stenar, das “schwedische Stonehenge”, entschädigt. Diese 1400 Jahre alte Schiffssetzung aus 59 großen “Hinkelsteinen“ auf einem Hügel über dem Meer ist einen Besuch wert. Es war die vierte Nacht mit Übernachtungen in einem je anderen Land.





Und weiter nach Norden. Im schön an einem See gelegenen Café Sjöstugan in Vittsjö gönnten wir uns schwedische Leckereien: Krabbenbrötchen und Blaubeerwaffel mit Refill-Kaffee, mhm!

Das Steuern von Freddy – der mindestens doppelt so schwer(fällig) ist wie unser Renault – fiel uns leichter als vermutet. Man sitzt recht entspannt erhöht über der Fahrbahn, hat zwar keinen Rück-, aber gute Seitenspiegel, und die knapp unter 150 PS ermöglichen Überholmanöver und auf Autobahnen gut 120 km/h. Gewöhnungsbedürftig ist das Lenken in engen Kurven: Sowohl Claudia als auch mir ist es passiert, dass wir mit einem Hinterrad auf einen Randstein auffuhren. Und ich nehm’s vorweg: Auf den engen Straßen etwa der Lofoten war ich froh, dass Claudia fuhr – wenn da ein breiter Bus oder LKW entgegenkommt, beginnt bei mir das Nervenflattern. Insgesamt schätze ich, dass Claudia bei 60 und ich bei 40 Prozent der Strecken hinter dem Lenkrad saß.

In Motala am Vätternsee bzw. Göta-Kanal, unserer Zwischenstation auf dem Weg nach Stockholm, war erstmals König Fußball angesagt. Aber noch nicht die WM in Amerika, sondern Champions League Finale zwischen Paris St. Germain und Arsenal London. Leider mit falschem Sieger, denn seit Nick Hornbys „Fever Pitch“ und der Ära von Arsene Wenger bin ich Gunners-Fan.

Am Samstag, 30.5., dann unsere Stockholm-Premiere. Die Fahrt in die Stadt war am Wochenende mit Stau und Frühsommerwärme nicht stressfrei, und beim Reversieren vor dem citynahen Camping Ringvägen passierte Claudia ein Missgeschick: Sie geriet mit dem hinten befestigten Fahrrad an einen Bauzaun, der Lenker verfing sich in dessen Maschen und beim Nachvornefahren wurde das Rad vom Träger gerissen. Das für 150 Euro gekaufte Gefährt hatte vorne einen Achter und bremste leicht bei jeder Radumdrehung; blöder war jedoch, dass der Thule-Radträgerarm und die Reifenhalterung kaputt wurden und das Rad fortan nicht mehr transportabel war. Also zu Thule (schwedisches Unternehmen) fahren und Ersatzteile besorgen? Nein, entschied Claudia. Das Fahrrad steht nun unabgesperrt vor dem Campingplatz – oder es wurde inzwischen weggenommen. Unsere einzige Fahrt damit blieb somit mein sonntägiges Gebäckholen bei einer nahen Bäckerei, Claudia fuhr nur beim Nachhausefahren nach dem kauf in Wien 20 damit.

Sonst hatte Stockholm keine bösen Überraschungen für uns parat. Ich plauderte bei Kaffee und Waffel auf einem Flohmarkt im Park Tantolunden mit einer polyglotten Greisin, flanierte mit Claudia zur Altstadt Gamla Stan, wir speisten Quiche und Lachsbrot mit Blick auf das Nobelpreismuseum, schmunzelten über großflächige Fotos von „Königs“, u.a. mit Ehrung der vier ABBA-Mitglieder, erfreuten uns am originell bunten Outfit vieler Stockholmer:innen. Eine rundum sympathische Stadt, die ich nach der ersten von zwei Nächtigungen (ziemlich laut, weil nahe an Zug und Straßen) bei einer Stadtführung weiter erkundete. Julia, halb Schwedin, halb Norwegerin, führte eine kleine Gruppe von 11 interessierten durch die City, ihre Informationen auf Englisch waren für meinen Geschmack etwas zu geschichtslastig, aber das Pilgern durch die kriegsunversehrt große Gamla Stan mit ihren engen Gassen war ein ungetrübtes Vergnügen.





Als ich danach Claudia wieder traf, stellte sich ein neues Problem: Mein Handy erlaubte keine Telefonate mehr, nur mehr Internet (und WhatsApp-Anrufe, immerhin). Mehrere Telefonate Claudias in den nächsten Tagen mit Magenta Österreich waren die Folge, ich habe jetzt eine eSim-Karte, was aber nichts an dem Problem änderte. Auch die Magenta-Techniker waren ratlos. Da auch der von Samuel mitgegebene mobile Router im Ausland nicht funktionierte, verbrachten wir den Rest der Reise mit eingeschränkter Kommunikation – was erst so richtig störend wurde, als Claudias GB-Guthaben in Norwegen aufgebraucht war und sie nicht mehr ins Internet konnte, außer, es gab WLAN. Wie reiste man früher ohne zu googeln und zu recherchieren? Ich erinnere mich dunkel: als Beifahrer mit Landkarten auf den Knien und vorm Übernachten erstmal ins Touri-Büro …

































































































































































































