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Drei Tage im frühlingshaft goldenen Prag, 12.-15.3.2026
Ich erinnere mich, dass ich Anfang der 1980er-Jahre, vor der samtenen Revolution im November und Dezember 1989, bei einem Versuch scheiterte, in die damalige Tschechoslowakei einzureisen. Weil auf meinem Passfoto kein Vollbart zu sehen war, den ich Theologiestudent damals trug. “Abrasieren, dann wiederkommen”, hieß es unfreundlich. “Oder neuer Pass mit korrektem Foto.”
Nichts da, sagte ich mir. In so ein Land mit so einem rigiden Njet-Regime komme ich erst wieder, wenn der Kommunismus abgestreift ist.
Das war dann Ende der 1990er-Jahre der Fall, als ich mit meinen Geschwistern unsere Mutter anlässlich ihres 60ers zur ersten gemeinsamen Reise lud. Aber auch da war der Postkommunismus noch allenthalben spürbar, z.B. in einem Restaurant, wo wir “Westler” übertölpelt werden sollten.

Inzwischen ist Prag viel sympathischer geworden – und das liegt nicht nur am herrlichen Frühlingswetter, das während unserer Fahrt in die Perle Böhmens herrschte. Claudia und ich kamen am Donnerstag, 12. März, aus Weimar und wollten auf der Rückreise das auf der Strecke liegende Prag besuchen. Nach einem kurzen Stopp in Karlsbad hatten wir erst ziemliche Probleme, das reservierte AirBnB-Apartment in der Altstadt zu finden. Denn unser Host hatte, warum auch immer, als Adresse Rybna 617/24 angegeben. Die Suche nach der Nummer 617 führte zu Stress und einem erfolglosen Check-in-Versuch nach Fußmarsch mit Rollkoffer durch Touristenströme. Mehrere Anrufe lotsten uns schließlich mit halbstündiger Verspätung zur richtigen Hausnummer 24.
Danach Büroschlussverkehr bei der Fahrt zum P+R-Parkplatz, wo wir unseren Renault drei Tage lang viel günstiger parken wollten als in superteuren City-Parkhäusern (nächstes Mal Anreise mit Bahn!). Zurück mit zwei der drei Prager U-Bahn-Linien. Gute Entscheidung, außerhalb zu parken, vor allem auch wegen der problemlosen Abreise am Sonntag, 15. März.
Aber zurück zu Prag: Die Stadt hatte Glück. Als einer der kaum mehr umkämpften Orte im Zweiten Weltkrieg blieb viel von der alten Bausubstanz erhalten, bis auf das im Mai 1945 von Widerständlern genutzte Rathaus, das die deutsche Wehrmacht mit Panzern beschoss und Feuer legte. D.h. Prag blieb die wunderschöne Goldene Stadt, wie sie wegen der vielen Messingdächer genannt wurde, hat eine riesige Altstadt mit vielen Gebäuden, vor denen wir staunend stehenblieben.






GuruWalk durch Prags Historie
Sehr interessant war die GuruWalk-Führung mit Guide Reinhard. Der zuagroaste Bayer blieb der Liebe wegen nach dem Studium in Prag und frönt nun als gelernter Chemiker seinem Steckenpferd, nämlich Besuchenden eine rote Linie durch die Geschichte Prags als Grundlage für eigene Erkundungen mitzugeben. Er spannte einen Bogen von der Völkerwanderungszeit über die Besiedlung aus dem Osten durch die späteren Slawen, die Christianisierung durch den Heiligen Herzog Vaclav, das Aufblühen als Handelsmetropole unter den Přemysliden, die Blüte der Kaiserzeit unter dem weitblickenden Luxemburger Karl IV., dem sein unfähiger Sohn Wenzel IV. folgte, die erste Reformation durch den am Hauptplatz aufgestellten Jan Hus, die Prägung durch die Habsburger bis hin zur NS- und dann KP-Zeit. Alles sehr historisch, dafür wenig Kunst, Literatur und Kulinarik.
Apropos. Abendessen am Freitag im Restaurant Schwejk mit wie immer deftiger Böhmenkost: Nach dem Gulasch mit Knedl und Pilsner tags zuvor wählte ich diesmal Schweinernes mit Knedl, dazu süffiges Pilsner. Weil’s grad passt: Der kulinarische Höhepunkt war das letzte Abendmahl in der bei Einheimischen offenbar superbeliebten “Kantyna”, einer Art Ausspeisung mit regionalen Zutaten und wirklich guter Küche. Große Empfehlung! Diesmal wurde es Saftfleisch vom Rind mit Braterdäpfeln, dazu zwei köstliche Pilsner (nach der Rückkehr nach Wien hatte ich erstmals mehr als 76 kg).
Frühstücken gingen wir immer in unterschiedliche Lokale in Nähe unseres Apartments; da war die Auswahl groß und das Gebotene gut. Und das Preisniveau ist für inflationsgeplagte Österreicher wirklich okay.
Besteigung der Prager Burg
Am letzten Besuchstag, dem Samstag, trennten sich Claudia und ich. Sie begab sich auf eine der in Europas Großstädten verbreiteten Hop-on-hop-off-Tour, ich bestieg mit einem im Internet gebuchten GetYourGuide-Ticket die Prager Burg, die größte geschlossene Burganlage der Welt, – eine Idee, auf die bei angenehmem Wochenendwetter auch viele andere Touristen kamen. D.h. völlig überlaufene vier inkludierte Sehenswürdigkeiten: die Goldene Gasse, wo Kafka kurz wohnte, die romanische St.-Georgs-Basilika mit dem dann von Joseph II. aufgehobenen Benediktinerinnenkloster, der gotische Veitsdom und der Alte Königspalast mit dem herrlichen Vladislavsaal und dem Schauplatz des Zweiten Prager Fenstersturzes, der den 30-jährigen Krieg auslöste. Den Veitsdom sah ich erstmals – und war enttäuscht. Nicht, weil er nicht beeindruckend schön (Glasfenster von Alfons Mucha!) sei, sondern weil man nur touristisch durchgeschleust wird. Der gesamte Innenbereich, wo sich Betende niederlassen könnten, ist abgesperrt. In einem Gotteshaus kein Platz für gelebte Spiritualität? Jesus trieb einst die Händler aus dem Tempel aus…





Durch das von einer Garde bewachte barocke Matthiastor ging es vorbei am Palais Schwarzenberg runter in die Prager Neustadt – ein Stadtteil, den nach gravierenden Zerstörungen durch die Schweden im 30-jährigen Krieg die Habsburger prägten. Steile Gassen, hübsche Läden, viel Gastronomie. Dann Treffen mit Claudia auf der Karlsbrücke, kurz nachdem dort Exilperser für die Machtübernahme des Pahlavi-Sohnes demonstrierten. Kaffee trinken, Abendlokal aussuchen, früh zurück ins Quartier und ab ins Bett – so lautete auch am letzten Tag das den Anstrengungen geschuldete Programm. Jeden Tag zwischen 13.000 und 17.000 Schritte, und das schon die Tage davor in Weimar, das zehrt. Aber es lohnte sich. Prag ist nicht umsonst eine DER Städtetrip-Ziele in Europa.
Vier Tage in der Goethestadt Weimar, 8.-12.3.2026

Schon höchst erstaunlich, wie eine Kleinstadt in Mitteldeutschland mit heute 66.000 Einwohner:innen (zur Zeit Goethes ein Zehntel davon!) zum Nabel der deutschsprachigen Kultur werden konnte – mit Protagonisten wie Wieland, Herder, Goethe, Schiller, später Nietzsche, Liszt, Wagner oder auch Rudolf Steiner, in der Bauhauszeit dann Gropius, Klee, Kandinsky und Feininger. Und auch politisch kam die Stadt in Thüringen in die vorderste Reihe: 1919 wurde hier die Weimarer Republik gegründet, mit einer auch heute noch menschenrechtlich wegweisenden Verfassung.
Es war also einiges zu erwarten, als wir am Weltfrauentag trotz teurem Benzin (Iran-Krieg!) mit dem Auto losfuhren und nach einem Kurzaufenthalt in Bamberg (sehr hübsche Innenstadt) im gediegenen Best Western Hotel “Russischer Hof” ankamen. Claudia hatte bei einem ihrer vielen Preisausschreiben einen zweitägigen Aufenthalt dort gewonnen, den wir auf vier Übernachtungen verdoppelten. Gute Entscheidung, denn zwei Tage hätten für Weimar nicht gereicht – zumal am Mo und Di in vielen Museen Ruhetag ist.
Goethe muss der größte sein
Schon beim ersten Abendessen wurde anhand einer Bierwerbung deutlich, wie präsent Dichterfürst JWvG, der hier von 1775 bis 1832 lebte, auch heute noch in Weimar ist. Zu danken ist sein Zuwandern einer Frau: Anna Amalia, Herzogin von Sachsen-Weimar, lotste den Aufklärer Christoph Martin Wieland als Erzieher ihres Sohnes Herzog Carl August in die Stadt. Und angezogen von dem damals hochgeachteten Shakespeare-Übersetzer, Dichter und Herausgeber folgten bald Goethe, Herder und Schiller – das klassische Viergestirn.
Lustiges Detail: Goethe maß 1,69 m, Schiller 1,80 – doch auf dem zum Wahrzeichen gewordenen Doppeldenkmal vor dem Weimarer Hoftheater (heute DNT) sind die beiden gleich groß. Großherzog Carl Alexander erlegte dem beauftragten Bildhauer Ernst Rietschel 1857 wohl Augenhöhe auf (“Wie sieht denn das aus, wenn der große Goethe so viel kleiner auf dem Podest steht…?!”). Bei der Stadtführung am Montag vergrößerte unser kundiger Guide den Längenunterschied der beiden Dichter sogar auf 162 zu 190 cm.

Mit beiden hatte ich jedenfalls im Germanistik-Studium zu tun – und las kaum mehr als die Studierenden auferlegte Pflichtlektüre: Zu korsetthaft regelorientiert, mit Antikewissen protzend, von hehren Idealen geleitet erschien mir deren Schrifttum – und tut es noch heute. Claudia kaufte, beeindruckt von der aktuellen Faust-Ausstellung im Schiller-Museum, eine Ausgabe des berühmtesten deutschen Stücks (dessen zweiten Teil zu lesen eine Challenge ist) – ohne zu wissen, dass eine ähnliche Ausgabe in meiner Bibliothek verstaubt.
Der Einblick in die Lebenswelten der beiden anfangs distanzierten, dann eng befreundeten Dichter war des ungeachtet spannend. Der Familienmensch Schiller hatte stets mit seiner angegriffenen Gesundheit zu kämpfen, musste dennoch hart arbeiten, um genug Einkommen zu haben, wurde im Herzogshaus erst spät geschätzt und dann auch geadelt – was der Standesunterschieden gegenüber skeptische Schiller ironisch kommentierte. Goethe dagegen war damals sowas wie der Ortskaiser: ein enger Vertrauter von Herzog Carl August, von diesem mit Ministerämtern zuhauf betraut und dadurch lange vom Schreiben abgehalten, bis er sich zwei Jahre lang auf seiner italienischen Reise entzog – bei vollem Salär. Schiller lebte bescheiden, Goethe dagegen auf großem Fuß, erst abgeschieden in seinem Gartenhaus im Park an der Ilm, dann zentral im aufwendig umgebauten Stadthaus mit Empfängen, Salonintellektualität, Schöngeistigkeit inmitten antiker Statuen und Grafiken. Und Goethe war, heute oft vergessen, ein ambitionierter Naturwissenschaftler, der Tonnen von Steinen sammelte und eine heute zu Recht vergessene Farbenlehre entwickelte.


Da gäb’s noch viel mehr Geschichten zu erzählen, etwa von Goethes wilder Ehe zu Christiane Vulpius, oder, was mit Schiller nach seinem Tod geschah – aber Weimar ist ja nicht nur klassisch.
Gründungsstadt vom Bauhaus
Sondern auch Bauhaus-Stadt. Unser erster Besuch mit der Weimar Card galt dem Bauhaus-Museum. Die Protagonisten dieser von Walter Gropius 1919 gegründeten Kunst- (und Lebens)schule waren anfangs wenig gelitten in der situierten Kulturstadt, die rund 100 Männer schoren sich eine Glatze – und wirkten wohl ähnlich sektenhaft wie später die Punker mit Irokesenfrisur, meinte unser Guide. Es gab fast gleich viele Frauen unter den Auszubildenden – eine feministische Avantgarde der 1920er samt Nacktbaden in der Ilm. Der Anspruch, Kunst und Handwerk zu vereinen, führte zu Design, das auch heute noch begeistert, viele Beispiele davon aus allen möglichen Lebensbereichen sind im Bauhaus-Museum zu sehen.



Die Stadt wirkt heute herausgeputzt, etwas museal, voll von Althausbestand. Gäbe es keine Studierenden an der Bauhaus- und der Liszt-Uni, wäre Weimar laut unserem selbst pensionierten Guide dominiert von kulturbeflissenen Rentnern, die sich hier gerne ansiedeln. Darauf mag es zurückzuführen sein, dass die AfD – sonst Mehrheitspartei in Thüringen – in Weimar nur die sechststärkste Kraft ist – hinter CDU, Bürgerliste, Grünen, SPD und Linken.
Im kleinen Weimar wurde 1919 die gleichnamige Republik ausgerufen, um Gezerre der großen Metropolen zu vermeiden und weil es so praktisch in der Mitte Deutschlands lag. Die hier beschlossene postmonarchistische Verfassung wurde Vorbild für viele spätere.
Weimar ist bestens geeignet für Fußgänge, weil sehr überschaubar und konzentriert. Ob es an Goethes Freimaurerei und seiner vagen Beantwortung der Gretchen-Frage liegt, dass Religion bzw. Kirchen in Weimar zweitrangig sind – abgesehen von der Stadtkirche St. Peter und Paul, wo Herder bis zu seinem Tod 1803 Generalsuperintendent war und ein dreiflügeliges Altarbild von Lucas Cranach dem Jüngeren beeindruckt: Ein Blutstrahl direkt aus der Seitenwunde Christi trifft auf den Kopf von Cranach nicht auf jenen Luthers daneben.




Etwas enttäuschend war der Besuch der berühmten Rokoko-Bibliothek von Herzogin Anna Amalia. Im Büchersaal war nur ein kleiner Teil des auf drei Ebenen angesiedelten Ensembles zugänglich, vieles blieb abgesperrt. Und die eigentlichen Bücherschätze finden sich im gratis zugänglichen Studierzentrum über dem Platz der Demokratie, das auch ein besuchenswertes Café aufweist (wo ich einen Band von Robert Gernhardt aus dem Bücherdepot entnahm).
Nichts für Veganer:innen
Die Gastronomie in Weimar ist deftig, Thüringer Bratwurst das Signature Dish, sonst viel Fleisch, wenig Gemüse und Salat. Gutes Bier, Köstritzer, das angeblich auch Schluckspecht Goethe schätzte (s.o.). Mein Weimarer Lieblingsrestaurant liegt auf dem Platz Frauenplan gegenüber von Goethes Wohnhaus. Arno’s – ich aß köstliche Königsberger Klopse auf Rohnenpüree, Claudia ein feines Sülzchen. Sehr nett war auch das Päuschen im Rösterei-Café “Röstbrüder” auf dem sonnigen Herderplatz. Wie überhaupt das Wetter mitspielte: frühlingshaft sonnig war’s, einladend zu ausgedehnten 10.000-Schritte-Spaziergängen durch die Stadt und den Park. Am Mittwoch fuhr ich (alleine) nach Erfurt, um die dortige Welterbe-Innenstadt zu besichtigen. Lohnend. Und auch sehr schön: der Theaterbesuch am letzten Abend im DNT mit einer Bühnenversion von Jenny Erpenbecks Roman “Kairos”.
Für potenzielle Besucher:innen noch ein Tipp: Gleich hinter dem Freibad (das im Sommer sicher einen Besuch wert ist) liegt der Gratis-Parkplatz am Herrmann-Brill-Platz, keine zehn Minuten von unserem Hotel entfernt. Der Russische Hof bietet auch in der Post-DDR-Ära gute Qualität: großes Zimmer mit Terrasse im 4. Stock mit Blick auf die Dächer Weimars, vielfältiges Frühstück, beste Lage am – wo sonst? – Goetheplatz.
“Beten mit den Füßen” durch idyllische Weinberge und Kellergassen
Das zu Unrecht touristisch unterschätzte Weinviertel schwimmt seit 15 Jahren mit einem Abschnitt des Jakobsweges im Pilgerboom mit – 2500 “Betende mit den Füßen” machen sich jährlich auf den 153-Kilometer-Weg von der tschechischen Grenze bis nach Krems
Wien, 8.11.2025 (KAP) Eine Etappe auf dem Jakobsweg beginnen Pilger am besten bei einer Jakobskirche, im konkreten Fall bei jener in Falkenstein im nördlichen Weinviertel: Das 15-jährige Bestehen des Vereines „Jakobsweg Weinviertel“ mit insgesamt 153 Kilometern Streckenlänge von der tschechischen Grenze bis nach Krems war Anlass für eine Pressefahrt, bei der die Teilnehmenden die rund 8 km lange Teilstrecke von Falkenstein nach Poysdorf marschierten. Von Pilgerexperte Franz Knittelfelder erfuhren sie Wissenswertes über das Projekt, für das Kirche, Landespolitik und die Weinviertel Tourismus GmbH an einem Strang zogen. Anfangs sei man vom Erfolg nicht überzeugt gewesen, doch mittlerweile seien jährlich rund 2.500 Pilgerinnen und Pilger auf den idyllischen Wegen fernab vom Massentourismus unterwegs.
Knittelfelder, Direktor der aus dem früheren diözesanen Bildungshaus Schloss Großrussbach hervorgegangenen Bildungsakademie Weinviertel, ist „zuagroaster“ Steirer, lebt seit vielen Jahren im Weinviertel. Die Schönheit der Gegend werde von den Einheimischen unterschätzt. „Bei uns gibt’s ja nichts. Wer soll denn da kommen?“, habe er anlässlich der Planungen für den Pilgerweg öfters vernommen. Dass die Landschaft mit ihren Hügeln, Weingärten, Wäldern und Kellergassen unterschätzt wird und viele Reize hat, wurde der kleinen „Pressepilgergruppe“ bei herrlichem Herbstwetter verdeutlicht. Nicht zu vergessen die oft auf Anhöhen gelegenen Gotteshäuser. Die dem Apostel Jakobus d. Ä. geweihte Pfarrkirche Falkenstein gleich zu Beginn der Tour blickt auf Ursprünge am Beginn des zweiten Jahrtausends zurück und liegt direkt unter der ebenfalls im Hochmittelalter errichteten, über der Landschaft thronenden Burgruine. In einem Seitenraum eine kulturhistorisch wertvolle gotische Madonna aus Sandstein, über dem barocken Altarbild ein theologisches Kuriosum: die Dreifaltigkeit, dargestellt als Christus-Drilling in je identischer Himmelskönigspose.

Nicht nur im Eingangsbereich, auch außen an der Kirchenwand findet sich eine der vielen Stempelstationen entlang des Weinviertler Jakobsweges. Hier können Pilgernde sich und anderen mit einem Eintrag im eigens aufgelegten Pilgerpass beweisen, was sie geleistet haben. Neben den Feldern für die Stampiglien vermitteln Texte und Gebete Inspiration, Kraft und Zuversicht. „Die Leute stehen auf sowas“, weiß Franz Knittelfelder. Manche würden extra mit dem PKW zu „versäumten“ Kirchen fahren, um die Stempelsammlung zu komplettieren und – wie die Absolventen des Camino nach Santiago de Compostela – eine Pilgerurkunde zu bekommen. „Originalgetreu“ sind auch die käuflich zu erwerbenden Jakobsmuscheln, die üblicherweise am Rucksack oder am Wanderstab fixiert werden, aufgelegt wurde auch ein informativer „Jakobswegweiser Weinviertel“, beziehbar um EUR 14,90 über den Buchhandel (ISBN 978-3-7079-2158-8) oder bei der Weinviertel Tourismus GmbH.
Sich zu verirren ist angesichts der übersichtlichen Markierungen mit dem Jakobsweg-Logo kaum möglich. Einzelne schon etwas verblichene Info-Tafeln sollen laut Franz Knittelfelder demnächst wieder auf Vordermann gebracht werden. Und Krems samt dem dortigen „Dom der Wachau“ soll anlässlich des 15-Jahr-Jubiläums als Zielort klarere Kontur bekommen.
Wobei der Jakobsweg Weinviertel beliebig verlängerbar ist: Lohnend sei das Wandern in Mähren nach einem Start in Brünn oder noch weit davor in Krakau, und nach Krems führt der klassische, vom Pilgerpionier Peter Lindenthal beschriebene Weg durch das Donautal, über Salzburg und das Inntal bis nach Vorarlberg. Knittelfelder weiß von ambitionierten Wanderern, die die gesamte Strecke ins galicische Santiago de Compostela gleich mehrfach auf verschiedenen Routen zurücklegten. Wien wird vom Jakobsweg Weinviertel – anders als beim Weg über die Hainburger Pforte – übrigens nicht berührt, die Strecke führt von Stockerau westwärts bis in die Wachau.

Für den Streckenverlauf wurden alte Wegelisten aus dem Mittelalter gesichtet, wegen der Nordautobahn wurden einige Abschnitte jedoch nach den Kriterien Verkehrsarmut und landschaftliche Schönheiten abgeändert. Die „Pressepilger“ beendeten ihre Tour in einer der schönsten Kellergassen des Weinviertels, in Poysdorf, und mit einer Einkehr im Wein.Hotel Neustifter. In der Ortskirche brachte eine Innungsfahne die Wanderer zum Schmunzeln: Über der Abbildung eines auf Trauben stampfenden, also kelternden Jesus steht ein Zitat aus dem alttestamentlichen Buch Jesaja (63,3): „Ich habe allein die Presse getreten.“
Pilgern steht spätestens seit Papst Johannes Pauls II. Aufruf bei der Europafeier 1982 in Santiago, die geistlichen Wurzeln des Kontinents wieder zu beleben, hoch im Kurs; einen weiteren Schub löste das Buch von Hape Kerkeling „Ich bin dann mal weg“ von 2006 aus. Prälat Matthias Roch, als ehemaliger Bischofsvikar unter dem Manhartsberg einer der Gründerväter des dortigen Jakobsweges, nennt beim abschließenden Mittagsmahl die schon davor im Weinviertel einsetzende Freude am „Beten mit den Füßen“ eine Initiative zum richtigen Zeitpunkt. Und ein Ende des Booms ist nicht absehbar.
(Die Website www.jakobsweg-weinviertel.at bietet viel Wissenswertes über das Pilgern generell, über Streckenverlauf und Etappenempfehlungen, Gastronomie und Unterkünfte)
(COMPLIANCE-HINWEIS: Diese Berichterstattung erfolgt im Rahmen einer Pressereise auf Einladung der Weinviertel Tourismus GmbH. Die Reisekosten wurden vom Veranstalter getragen, die Berichterstattung erfolgt unter unabhängiger redaktioneller Verantwortung der Kathpress-Redaktion.)
Rad + Schiff auf der MS Primadonna von Wien bis Belgrad, 6.-12-2025

Der erste Eindruck weckte den Ironiker in mir: Begrüßungssekt im geräumigen Bug des Luxus-Katamarans MS Primadonna samt 9 m hoher Verglasung für den bestmöglichen Blick auf die Donau, Easy-listening-Klänge des Barpianisten, und während Claudia und ich am kleinen Snack knabberten, brachte das Bordpersonal das Gepäck in unsere Kabine auf dem Oberdeck. Rundum Gäste gesetzten Alters, die sich wie wir eine Woche auf der Donau, die durch so viele Länder fließt wie weltweit kein anderer Strom, genießen wollten. „Pensionistenleben“ schrieb ich samt einen Lach-Smiley unter das Video über das obige Geschehen, das ich an liebe Zuhausegebliebene versandte.
Aber wir sind ja seit Jahresbeginn selbst in Pension und genossen in weiterer Folge die Annehmlichkeiten auf dem einzigen Kreuzfahrtschiff auf der Donau unter österreichischer Flagge: hervorragende Kulinarik bei den täglich fünf Mahlzeiten, 16-Quadratmeter-Kabine mit eigenem Balkönchen, Sonnendeck mit Außenpool, Sauna, Unterhaltungsprogramm mit Weinverkostung undundund. Es sollte sich herausstellen, dass unsere Mitreisenden keineswegs nur eine Woche lang die Füße hochlagern wollten. Viele sind versierte, erfahrene Radler:innen, etliche hatte (wie wir) ihre eigenen (E-)Bikes an Bord gebracht, etliche nützten gleich das Angebot, die Reise mit einer Tour von Wien nach Bratislava zu beginnen. Davon sahen Claudia und ich ab, denn wir radelten am Montag mit Gepäck auf den Rädern von Zuhause zur Anlegestelle in Nussdorf – bei leichtem Regen, dem einzigen während der Reise.
Abends ein (zu) kurzer Spaziergang durch die slowakische Hauptstadt, die wir trotz ihrer Nähe zu Wien noch nie gemeinsam besuchten. Holen wir nach, am besten per Rad die 70 km den Donauradweg entlang. Nachts war die MS Primadonna mit ihren rund 150 Gästen und knapp 50 Beschäftigten immer auf dem Wasser unterwegs, tagsüber wurden die Räder vom Personal an Land gebracht und die Urlaubenden strampelten auf den zuvor empfohlenen Routen.
Das Leben an Bord war erstaunlich ruhig. Bei Schiffskabinen rechne ich eigentlich mit Geräuschen von rundum, aber unsere war sehr gut schallisoliert, und sogar nächtliche WC-Besuche weckten den/die jeweils andere/n nicht. Auch hier also 4-Sterne-Niveau.

Wir waren uns bald einig: Der Urlaub mit Schiff und Rad auf der Donau ist ein Volltreffer. Zum Wohlbefinden trug auch die nette Tischgemeinschaft mit Helga, Gerti und Werner aus Vorarlberg bei, die wir zumindest beim Frühstück und beim 4bis5-Gänge-Dinner täglich sahen. Mir Medienschaffendem gefiel auch die Zeitungsauswahl (Standard und Süddeutsche) und das breite TV-Senderangebot, wodurch ich am Donnerstag den 10:0-Sieg des Rangnick-Teams gegen bedauernswerte San Mariner miterlebte. Zweimal unterhielt uns auch die Schiffsmoderatorin, Kabarettistin und ehemalige österreichische Karaoke-Meisterin Charlotte Ludwig mit Songs übers Meer und Wienerliedern sowie deftigen Witzen.



Am Dienstag stand ein Tag in Budapest auf dem Programm. Erst Stadtrundfahrt mit kompetenter „Peschterin“ (“die in Buda gelten als hochnäsig”), dann Erkundung mit unseren Rädern mit Großer Markthalle und der teuersten Kaffeejause unseres Lebens: Wir folgten der Empfehlung unserer Führerin, das traditionsreiche, wunderschöne Café Gerbeaud anzusehen, missachteten jedoch ihren Rat, danach in ein billigeres Kaffeehaus zu wechseln. Unser „Lehrgeld“ betrug umgerechnet 58 Euro für 2 mit Marillenlikör aufgebesserten Cafés Gerbeaud und zwei Törtchen, samt Bedienungszuschlag und Steuer. Schluck.

Aber wir machten auch eine Entdeckung, die einen weiteren Besuch lohnen würde: In der Kazinczy Utca ist ein Gebäudekomplex voller antiorbanischer Alternativkultur. Szenebeisln, verwinkelte Gasträume, Laubengänge mit wuchernden Pflanzen.
Abends auf der Primadonna eine „Ehrenrunde“ durch Budapest, bedingt durch das Wendeverbot für große Schiffe in Innenstadtnähe: wieder hinauf zur Margareteninsel, vorbei am beleuchteten Parlament, an Fischerbastei, Hotel Gellert und unter den schönen Brücken weiter donauabwärts Richtung Serbien.

Am Mittwoch vor der nächsten geplanten Grenzüberquerung eine ungeplante durch Claudia und mich (und ein oberösterreichisches E-Bike-Paar), die meine Liebste anschließend mit der Bemerkung quittierte: „Ich hab mich noch im Leben nie so angestrengt wie heute!“ Und das kam so: Es hieß, die heutige 37-km-Radrundtour würde durch den Nationalpark Duna-Drava führen, bis wir über eine lange Gerade wieder die Anlegestelle im südungarischen Städtchen Mohacs erreichen würden. Jedoch, die Routenbeschreibung verriet nur unzureichend, wo wir den gut ausgebauten Donauradweg verlassen sollten. Wir fuhren viel zu weit, ermutigt durch das vor uns sichtbare erwähnte Paar. Der Mann behauptete im oberösterreichisch eingefärbten Brustton der Überzeugung, die immer grober werdende Schotterstraße und der holprige Traktorenweg entlang von Feldern werden gleich zur richtigen Straße zurück an den Hafen führen. Dem war aber nicht so. Wir radelten auf Untergründen, die mir wegen Claudias Schulteroperation Sorge bereiteten, zunehmend gestresst durch die voranschreitende Zeit: Wir sollten nämlich um 12.45h, nach etwa drei Stunden, wieder am Schiff sein.
Zu unserem Schrecken erreichten wir eine Grenzstation, die uns zurück (!!) nach Ungarn bringen würde. Gottseidank verlangte der Zöllner nicht unsere Pässe, die ja wegen der anstehenden Einreise in Serbien auf dem Schiff verblieben waren. Doch seine Auskunft um ca. 12.30h, die Fahrt nach Mohacs würde per Rad wohl noch etwa eine Stunde dauern, löste Panik bei uns aus. Es folgten knappe 20 km auf einer vielbefahrenen Bundesstraße bei strammem Gegenwind. Ich E-Bike-Loser radelte im Windschatten der selbst schon überforderten Claudia um mein Leben – die beiden Oberösterreicher waren bald außer Sichtweite. „Hoitet’s des Schiff auf!“, hatte ich ihnen noch mitgegeben. Claudia meinte, ihr Akku werde leer; wir wechselten die Räder und wieder retour, als ich merkte, es gibt eh noch Unterstützung. Wir erreichten um ca. 13h Mohacs, ohne Ahnung, wo das Schiff auf uns wartet. Eine falsche Auskunft führte zum Ortsende, die Verzweiflung nahm zu. Wir stoppten einen Kleintransporter mit leerer Ladefläche und boten 20 Euro für den Transport zur Anlegestelle. Trotz Sprachproblemen erkannte der Fahrer unsere Lage und düste mit uns und den Rädern zur richtigen Stelle, wollte das Geld erst nicht nehmen. Eine kurze Strecke noch am Pier entlang, die anderen Gäste beobachteten entspannt uns Verzögerungsverursachende, die Crew legte unmittelbar nach dem Reinschieben unserer Räder ab. Ich war völlig verschwitzt, aber Claudia war neben sich vor Anstrengung: Sie sank an Deck gleich ermattet auf den Boden, das eilig gereichte Wasser konnte sie vor lauter Zittern kaum trinken. „Atmen! Atmen!!“, rief die Rezeptionistin … Wir waren erledigt, legten uns am Nachmittag für ein Erholungsschläfchen in die Kabine, während die Primadonna zur peniblen Kontrolle durch die serbische Grenzpolizei fuhr. Kapitän Radovan mahnte zwar zur Pünktlichkeit, aber insgesamt nahm das Schiffsteam die 15-minütige Verspätung zum vorgesehenen „Leinen los!“ recht gelassen.

Am Donnerstag Aufwachen in Belgrad auf der Save, die dort nach Lubljana und Zagreb die dritte ex-jugoslawische Hauptstadt durchfließt und in die Donau mündet. Claudia und ich erkundeten die Stadt diesmal zu Fuß; ein radfreier Tag tat nach den Aufregungen tags zuvor gut, und in Belgrad sind Radfahrende Stiefkinder. Dafür sind alle Öffis gratis benutzbar, wovon wir auf dem Weg hin und zurück zur wichtigsten serbisch-orthodoxen Kirche, des neobyzantinischen Sava-Doms, auch Gebrauch machten. Ich nehm’s vorweg: Belgrad ist im Vergleich zu Budapest weniger “herausgeputzt”, weniger mondän, weniger Weltstadt. Das Stadtbild dominieren viele renovierungsbedürftige Häuser, sichtbare Armut und für andere Städte zu alt gewordene und deshalb den Belgradern überlassene Straßenbahnen und Busse. Von der schelenden Unzufriedenheit mit der Regierung Vucic und den Studierendenprotesten bekamen wir nichts mit.
Zunächst schlenderten wir in der Morgensonne durch die Kneza Mihaila, eine Art Kärntnerstraße von Belgrad. Tranken Cappuccini in der wunderbaren zweistöckigen Akademija-Buchhandlung, kauften ein süßes Strudeldreierlei und sahen uns in einer Straßenausstellung Faksimile-Großdrucke aus dem Prado an. Im empfohlenen Künstlerviertel Skadarlija war mittags noch nicht viel los, somit nahmen wir einen Bus zum Sava-Dom. Ein georgisches Restaurant versprach vor den geistlichen noch leibliche Genüsse, die Khinkali und der Salat mit Nussdressing erinnerten an eine andere schöne Reise… Kurios: Die Rechnung machte exakt den Rest der 50 umgewechselten Euro aus.

Vor dem erst 2018 nach dem Vorbild der Hagia Sophia fertiggestellten Sava-Dom, der dem Nationalheiligen und ersten serbischen Erzbischof geweiht ist, amüsierte uns ein Plakat, das ich so noch nie vor einem Gotteshaus sah: Nicht nur unpassende Kleidung, Handys oder Blitzlicht, auch Pistolen seien hier unerwünscht, ging daraus hervor. Drinnen christlicher Triumphalismus. Eine riesige Kuppel mit dem auf einem Regenbogen thronenden Christus, Gazprom-finanzierte Goldmosaiken rundum, Stelen mit Heiligenikonen zum Beten und Küssen. Wie in orthodoxen Kirchen üblich keine Sitzplätze. Alles sehr imposant, aber es bleibt dabei: Jesus, mein Freund, ist mir zigmal lieber als Christus Pantokrator (Weltenherrscher).
Wir waren früh genug zurück auf der Primadonna, um eine fast leere Sauna vorzufinden. Abends ein Kapitänsempfang u.a. mit köstlichem Roastbeef und einem zweiten Fläschchen Wein, diesmal gelber Muskateller aus der Südsteiermark.
Kalocsa, eine der ältesten ungarischen Städte, konnten wir wegen Niedrigwassers auf der Donau nicht besichtigen. Dadurch bedingte Einschränkungen und Verzögerungen häufen sich seit einigen Jahren aufgrund des Klimawandels, war zu erfahren. Also nochmals Mohacs ansteuern, diesmal mit Radtour Richtung Norden nach Baja. Claudia und ich waren uns einig. Diesmal mit dem Pulk der Mitradler:innen unterwegs sein, keine „Extratouren“. Und der Radweg ca. 35 km entlang der Eurovelo-Strecke 6 (Bild 1), die vom Atlantik bis zum Schwarzen Meer führt, war bestens asphaltiert und markiert, keine Gefahr, sich zu verirren. In Baja führt ein hübsch gestalteter Kanal zur Donau, wo bei stimmungsvollem Sonnenuntergang die Primadonna auf uns wartete (Bild 2).


Zu einer Enttäuschung wurde der Besuch von Esztergom am letzten vollen Tag der Reise. Das katholische Herzstück Ungarns liegt zwar pittoresk auf einem Hügel über dem Strom, die der Maria Assunta und dem heiligen Adalbert von Prag geweihte, klassizistische Basilika ist aber von einer unangenehmen Protzigkeit und verkörpert einen Nationalstolz im Anschluss an den heiligen Ungarnkönig Stephan, dem die Bedeutung von „katholisch“ (d.h. weltumspannend) widerspricht. Innen ist die Kirche fast völlig eingerüstet, nur der Blick auf das Altarbild mit Mariä Aufnahme in den Himmel, geschaffen von Michelangelo Grigoletti (1801-1870), ist frei. Mit seinen Ausmaßen von 13,5 mal 6,5 m ist es das weltweit größte Gemälde, das auf einem einzigen Stück Leinwand gemalt wurde. Beeindruckender war der Blick von der Kuppel auf die Donau, das Benediktinerkloster und das Umland von Esztergom mit der slowakischen Schwesterstadt Sturovo, wohlverdient nach einem Aufstieg über endlos viele Stufen.

Dutzende Nimmermüde radelten in die 56 km entfernte nächste Doppelstadt an der Donau – nach Komarno (slk.) bzw. Komarom auf der ungarischen Donauseite. Claudia und ich (schon recht verkühlt) und unsere Vorarlberger Gefährten bevorzugten einen Bustransfer, der ungewollt zur Angstpartie wurde. Unserer Fahrer hatte nämlich sichtlich Mühe, die immer schwereren Augenlider offenzuhalten. Claudia bot ihm zweimal Wasser an, seine Ablehnung hielt ihn immerhin wach (und rettete unser Leben?). An diesem Samstagnachmittag war in Komarno tote Hose, wir Busreisende und etliche bereits eingetroffene Radler:innen belebten die Gastronomie sicher erheblich: Wir gönnten uns ein Bierchen am pittoresken Europaplatz mit Gebäudennachbauten aus verschiedenen Epochen.
Der Blick auf den Balkon am Sonntagmorgen zeigte Vertrautes: Auwald bei Fischamend kurz vor Wien. Wir erreichten Nussdorf um ca. 10h, verabschiedeten uns von der Crew und unseren Gsiberger Freund:innen (die noch radeln zum Hauptbahnhof und eine lange Zugfahrt nach Hause vor sich hatten) und waren nach einer halbe Stunde zuhause.
Fazit: Nach der eher unerfreulichen Ersterfahrung mit Urlaub auf dem Wasser im Sommer 2024 (schwer steuerbares Hausboot auf der Müritz/Brandenburgische Seenplatte) war die Reise auf der MS Primadonna ein Hit. Vielleicht ja wieder mal mit Schiff und Rad auf Tour (Frankreich? Niederlande?) – warum nicht?

Geburtstagsradeln mit Rudi von Jois nach Rust, 4.10.2025
Mein Freund Rudi (dem ich diese Website verdanke) ist für seine 70 Jahre nicht nur geistig extrem junggeblieben, sondern auch für körperliche Horizonterweiterungen offen: Seit Jahren lädt er zu Geburtstagen zu Radausflügen bevorzugt ins radfreundliche Burgenland (wenn auch meistens früher als ein halbes Jahr nach dem Anlass, aber diesmal hatten zwei planungsfreudige Freundinnen die Koordination der Überraschungstour übernommen). Acht Radler:innen stiegen in Jois aus dem Zug von Wien und kurvten teils elektrisch verstärkt durch das Flachland westlich des Neusiedlersees. Wobei: “Flach” trifft es beim Radeln in den Weinbergen des Kirschblütenwegs nicht ganz. Da kamen bis zum Feierstädtchen Rust ganz schön viele Höhenmeter zusammen – die schönsten führten hoch zum Himmelreich (s. Foto 1), von wo man einen herrlichen Ausblick auf die pannonische Tiefebene (Foto 2) hat.


Das anfängliche Schönwetter wurde von Wolken abgelöst, und nach den Stationen Purbach (immer wieder schön: die Kellergasse dort!) und Oggau kamen wir fast trocken beim Heurigen Gabriel an. Dort brannte im Festraum ein Feuerchen und es herrschte Sturm. Der schmeckte fruchtig und süß 😉
Und obwohl es heißt “Rust never sleeps”, blieb der Großteil der Geburtstagsradler:innen über Nacht im Storchenort und setzte tags darauf die Fahrt mit der Fähre über den Neusiedlersee fort. Aber darüber kann ich nichts berichten, denn mich fuhr meine Claudia spätabends bei heftigem Regen zurück nach Wien.
Wanderung am Keltenweg, Pötschen bei Kapfenberg, 2.10.2025
“6,5 km Rundweg, ca. 600 Hm, 2,5h / familienfreundlich” ist über den von der Kapfenberger Hochschwabsiedlung mit dem Haus meiner Mutter und Geschwister bestens erreichbaren Weg hoch zum Hubertuskreuz auf der Hohen Pötschen im Internet zu lesen. Der Rundweg beginnt erst ein Stück nach dem ehemaligen Gasthaus Ortner, zu dem ich in fitteren Zeiten in einer Viertelstunde hochgejoggt bin. Man sieht immer wieder auf die Gebäude des Stahlwerks im Stadtteil Redfeld, auf den Emberg, wo ich als Teenager auf Skiern unterwegs war, ins Mürztal, auf den Frauenberg auf der anderen Seite des Tals. Schön, das alles, auch bei eher trübem Wetter wie am vergangenen Donnerstag. Der versprochene Hochschwabblick war mir wegen dichter Wolken nicht vergönnt.
Mehr gestört hat mich allerdings die mangelhafte Beschriftung des Keltenwegs. Ich folgte Forstwegen und blieb dann mindestens eine halbe Stunde ohne eines jener Hinweisschilder, auf denen Wissenswertes über die in vorchristlicher Zeit in Mitteleuropa dominierenden Kelten zu lesen ist. Hier gäb’s was nachzubessern, Stadtgemeinde Kapfenberg, damit schasaugerte Besucher aus Wien wie ich nicht statt auf Waldwegen auf Forststraßen bewegen.

Kurzurlaub am Glatzl-Bauerhof, St. Lorenzen am Wechsel, 15.-19.9.2025
Einige Tage “Erholungsurlaub” von der zweieinhalbwöchigen Radtour durch Skandinavien mit meiner Liebsten in einer Gegend, die wir für unsere Hochzeit vor 7 Jahren nutzten. St. Lorenzen am Wechsel ist nicht sehr weit weg von der Bratlalm in Wenigzell, dem Ort unserer Feier. “Nicht weit” meint Luftlinie, mit dem Auto ist es wegen der sich durch die idyllische Landschaft mäandernde Schmalspurstraße eine gute halbe Stunde.
Glatzl ist der Vulgo-Name, unsere sehr netten Gastgeber heißen – wie viele im Wechselgebiet – Pichlbauer. Wir hatten eine kleine Ferienwohnung im Haupthaus, falls wir wiederkommen, könnte eines der beiden etwas tiefer am Hang gelegenen Häuschen unser Domizil werden. Einer der beiden Esel der Gastgeber (sie haben auch ein Pony, Schweine. Katzen und Kaninchen) sorgte für morgendliches Kikeriki (in dem Fall natürlich I-a). Sonst war es herrlich ruhig bis auf den Bäcker, der früh seine Weckerl und Kipferl brachte.

Uns es gibt die von den Pichlbauers betriebene Trahütten-Alm auf 1.300 m Seehöhe, die in etwa zwei Stunden zu Fuß erreichbar ist – wie auch das Ferienhaus mit herrlicher Aussicht in die Landschaft, “bei gutem Licht bis zum Triglav in Slowenien”, so der Gastgeber.
Sehr erholsam, das alles, und zu einem fairen Preis.
Ausflüge machten wir (an einem Regentag) in die Therme Loipersdorf, nach Pöllau, Vorau, zur traumhaft gelegenen Flourl´s Schenke und natürlich auf die Bratlalm. Claudia zusätzlich nach Hartberg, während ich meinen Radreisebericht in den mitgebrachten Laptop tippte…
Radreise Hamburg – Göteborg – Kopenhagen – Hamburg (26.8.–12.9.2025)
Wie im Vorjahr starte ich mit dem ÖBB-Nightjet nach Hamburg, nur diesmal danach nicht die „Hanseroute“ entlang der Ostseeküste bis Danzig, sondern nordwärts über Flensburg nach Dänemark und Schweden (siehe Landkarten), ab Göteborg wieder südwärts bis nach Helsingborg, per Fähre wieder auf vier dänische Inseln und via Fehmarn zurück nach Hamburg.


Ich mag den Norden. Und gerade im Sommer empfiehlt es sich, die Hitze in Südeuropa zu meiden. Kattegat statt Adria, Dünen statt Macchia, kühle Brisen statt Waldbrände, Smörrebröd statt Pizza – so meine Präferenz. Und Baden muss ja nicht unbedingt sein; ich hatte nicht einmal eine Badehose in meine Radtaschen gepackt.
Nach der ersten Nacht in der engen, aber sehr funktionalen Schlafkoje des Nightjets nahm ich noch einen Anschlusszug nach Schleswig, um mich am ersten Radtag über 50 km nach Flensburg erst einmal „einzurollen“. Es sollte meine kürzeste Etappe werden. Von Schleswig ist mir vor allem der beeindruckende St.-Petri-Dom in Erinnerung – eine gotische Backsteinhallenkirche mit romanischem Portal, mit dem prachtvollem Bordesholmer Altar aus Eichenholz, daneben eine mehr als 4 m hohe Christophorus-Statue ebenfalls aus Eichenholz. Ich besuche Kirchen auf meinen Radreisen ja gerne und öfter als jene in Wien. Sie sind meist menschenleer (dann singe ich darin schon mal Donna nobis pacem) und bestens geeignet für Ruhe- und Nachdenkpausen.
Und zum Nachdenken gab’s auf dieser Reise viel: Am Beginn der Reise, Dienstag, 26. August, war klar, dass mein nur 12 Jahre älterer Stiefvater Sepp auf der Palliativstation in Leoben im Sterben liegt. Ich hatte zeitlebens kein gutes Verhältnis zu ihm, und als dann Donnerstagfrüh die Todesnachricht eintraf, fand ich die räumliche Distanz zu dem an Bauchspeicheldrüsenkrebs Verstorbenen irgendwie passend zur persönlichen. Viele Erinnerungen an meine familiär nicht sehr schöne Jugendzeit kamen hoch, zugleich Betroffenheit über einen Tod, der sich erst drei Wochen vor dem Eintreten angekündigt hatte, und Mittrauern mit meiner zur Witwe gewordenen Mutter und meinen jüngeren Geschwistern, die das Beste sind, was mir Sepp hinterließ. Durch die sanft hügeligen Agrarlandschaften Dänemarks radelnd wuchs in mir die Gewissheit: Es ist wichtig, sich von „Altlasten“ zu lösen und „es gut sein zu lassen“ statt verbittert zu werden.
In Flensburg war ich vor Jahren schon mal auf einer Radtour durch den Norden Deutschlands (mit dem Emil-Nolde-Museum in Seebüll als Höhepunkt); damals brachte mich eine einparkende Frau auf dem Fahrradstreifen zu Fall und entschuldigte sich danach mit Wundpflastern und Kaffee. Das diesmal unangenehmste in der nördlichsten Stadt Deutschlands war das Quartier an einer vielbefahrenen Straße: ein Zimmerchen mit Gemeinschaftsbad/WC im Hotel Hygge, was im Dänischen so viel wie gemütlich oder kuschelig bedeutet. Flensburg hat Charme. Einen netten Hafen, eine Fußgängerzone mit einer Besonderheit, die mir eine Einheimische erklärte: Die Hunderten hoch oben an quergespannten Seilen hängenden Schuhpaare gingen auf einen Bubenstreich zurück: Wer in Flensburg lebte und wegzieht, deponiert ein Paar da oben in luftiger Höhe. Es werden immer mehr… Abends aß ich norddeutsch: Holsteiner Sauerfleisch mit Bratkartoffeln. Danach noch zwei Stunden in einem netten Programmkino: „Der Salzpfad“ war zwar nicht das Gelbe vom Ei, machte aber Appetit auf meine im Frühjahr geplante Wanderung auf dem Camino Portugues nach Santiago de Compostela.

1.470 Kilometer Gesamtstrecke
Am Beginn solcher Reisen „fremdle“ ich noch mit dem Ausgesetztsein und den damit verbundenen Unsicherheiten: Werde ich gesund und fit bleiben? Was, wenn ich eine Panne mitten in der Einschicht habe? Haut alles mit den Unterkünften hin, mit den vier Fähren, die ich benützen will? Die Hotels, Pensionen, Privatquartiere hatte ich durchwegs vorreserviert, wie schon bei den fünf vorangegangenen Radtouren, seit ich das Cannondale-E-Bike zum 60er bekam (2024 Hamburg-Usedom-Danzig, 2023 Arlberg-Augsburg-Passau-Wien, 2022 Feldkirch den Rhein entlang bis zur Nordseemündung, 2021Reschenpass-Bozen-Villach-Graz-Hartberg, 2020 St. Moritz-Innsbruck-Chiemsee-Passau-Wien). Und ich nehm’s vorweg: Die Quartierbuchungen (Booking und Airbnb) funktionierten, ich erreichte alle Destinationen zur angepeilten Zeit. Einer Fehleinschätzung unterlag ich allerdings bei der Gesamtlänge der Tour: Statt der bei Komoot errechneten ca. 1.200 km legte ich insgesamt 1.470 km zurück. Wie das? Nun, erstens berücksichtigt Komoot nicht die Fahrten abends im erreichten Zielort zum Erkunden bzw. Essen und auch nicht die falschen Abzweigungen, die ich nicht immer gleich bemerke, und zweitens folgte ich in Schweden der Rad-Nationalroute Nr. 1, dem „Kattegattleden“, der der Küste entlang alle Halbinseln ausfährt statt mancher von Komoot empfohlenen Abkürzung. Die durchschnittliche Etappenlänge betrug somit 92 km; bei meiner üblichen Geschwindigkeit von 20, 21 oder 22 (bei Rückenwind) km/h sind das unter fünf Stunden reine Fahrzeit pro Tag.


In Dänemark war ich vom Meer oft recht weit entfernt. Es ging wenig abwechslungsreich entlang von abgeernteten Feldern durch bäuerliche Szenerien, vorbei an hoch aufgetürmten Strohballen, an Höfen, Weiden mit Kühen, Schafen und Pferden. Wenn sich die Ostsee zeigte, legte ich gerne eine Pause ein wie in Horsens oder am Randers Fjord bei der kleinsten Fähre Dänemarks, auf die nur zwei PKW passen.
Im Folgenden einige typische Landschaftsbilder vom Radeln im Süden Dänemarks. Ich war weniger am Meer als gedacht, es dominierten Felder, Wiesen und Äcker:








Aarhus – eine Entdeckung
Besonders gefiel mir Aarhus, Europas Kulturhauptstadt des Jahres 2017 und zweite Station in Dänemark nach dem beschaulichen Kolding. An meinem Ankunftstag, Freitag, 29. August, begann ein einwöchiges Stadtfest. Meine Gastgeberin Pia war nach meinem Eintreffen im Stress, sie wollte zum Auftritt ihres Chorleiters, der im Jazz-Zelt als Leadsänger der Booze Brothers auftreten sollte. Ich stürzte mich nach der Dusche auch ins Feiergetümmel. Vor dem Stadttheater hatte sich eine festlich gekleidete Menschenmenge versammelt. „Worauf warten die?“, fragte ich eine Herumstehende. „Auf die frühere Königin Margrethe, die dieses Fest üblicherweise eröffnet und gleich aus dem Theater kommen soll. Sie ist eine starke Frau, ich mag sie sehr“, war die Antwort. Sie hatte 2024 im Alter von 83 nach 52 Jahren auf dem Thron zugunsten ihres Sohnes Frederik X. verzichtet, womit es derzeit keine einzige Königin weltweit mehr gibt.
Aarhus ist lebendig, voll interessanter Architektur, auf Insta/fb kürte ich die Stadt zu meinem favourite in Dänemark. Am Freitag herrschte in Aarhus tolle Stimmung, es gab feines Streetfood, Kostümierte und viele Hör-Plätze voller Musik. Ich folgte dem Tipp meiner Gastgeberin und lauschte mit wachsender Begeisterung den Blues-Brothers-Tönen ihres Chorleiters und seiner neun Mitmusizierenden: R’n’B und Soul vom Feinsten, mein kultureller Höhepunkt der Reise!




Eine große Musikbühne war auch in der zweiten Großstadt aufgebaut, die ich zwei Tage später erreichte: Aalborg, wo am Sonntag ein Stadtfest endete. Eigentlich müsste ich Ålborg (wie auch Århus) schreiben, denn im Zuge der dänischen Rechtschreibreform wurde 1948 der Digraph Aa durch den Buchstaben wie ein offenes O gesprochenes Å ersetzt; richtig wäre ja auch Øresund, nur gibt’s im Deutschen das Ø nicht, wir helfen uns da mit „Ö“. Auch bei der Aussprache haben die Dänen ihre Eigenheiten. Skagen z.B. sprechen sie „Skejn“ aus. Nicht umsonst sagte mir der aus Göteborg stammende Chef des sehr empfehlenswerten Toftegarden Guesthouse in Skagen, Schwedisch sei viel leichter erlernbar als Dänisch. Letzteres habe so seine Eigenheiten…
Landschaftlicher Höhepunkt der Reise
Apropos Skagen: Das war der landschaftliche Höhepunkt meiner Reise. Skagerrat und Kattegat fließen da zusammen, dahinter eine beeindruckende Dünenlandschaft ähnlich jener, die ich schon auf den friesischen Inseln bewundert hatte. Nach dem Abstellen des Fahrrads wanderte ich barfuß noch eine halbe Stunde zur geographischen Nordspitze Dänemarks, auf dem Globus so nördlich wie Inverness in Schottland oder Göteborg auf der anderen Seite des Kattegat (schwedisch Kattegatt). Die sonst hier auffindbaren Robben zeigten sich nicht, auch die Sonne versteckte sich, aber die Landschaft und der stramme Wind waren dennoch ein Erlebnis, das ich in einem Video den Lieben zuhause zu vermitteln suchte. Nicht zufällig ist hier einer der touristischen Hotspots Dänemarks.

In Skagen passierte mir ein Lapsus: Ich wusste, dass sich im damals noch unscheinbaren Fischerdorf Ende des 19. Jht.s eine Künstlerkolonie, bestehend aus dänischen, schwedischen und norwegischen Malern, niedergelassen hatte und die Natur im Stil der Impressionisten verewigte. Das interessiert mich, dachte ich, und besuchte das Kystmuseet Skagen. Dort wurde allerdings nicht wie von mir vermutet über Kunst aufgeklärt. Dafür erfuhr ich über Fischerei, Bootsarten, Netze und das Dauerproblem Sandverwehungen mehr, als ich wissen wollte.
Mit der Fähre nach Schweden
Am 2. September, dem 7. Tag meiner Reise, wechselte ich als Passagier der Fähre von Frederikshavn (sprich: –„haun“) nach Göteborg, der zweitgrößten Stadt Schwedens. Hier plante ich zwei Übernachtungen, um meinem schon malträtierten Hintern eine Pause zu gönnen und um Wäsche zu waschen – wie auf allen bisherigen Zweiwochentouren.

Am „Ruhetag“ ließ ich mein Bike in der Garage des Hotels Lorensberg stehen und marschierte 20.000 Schritte durch die Innenstadt. Über Göteborg heißt es ja, hier werden keine Gedichte geschrieben, sondern Rechnungen. Dass Geschäftstüchtigkeit gegenüber Schöngeisterei die Nase vorn hat, konnte ich nicht nur in der Domkirka feststellen, die den Charme einer Lagerhalle hat. Breite Boulevards, eine Markt- und eine Fischhalle, die mehr Elitengastro als frische Lebensmittel bieten, ein „Szene-Viertel“ namens Haga, das im wesentlichen aus einer Touristengasse besteht und ein paar nette Geschäfte bietet; in einem davon kaufte ich einen (gut verpackten!) tönernen Leuchtturm als Mitbringsel für die Liebste daheim und als Symbol für unsere immer wieder flackernde, dann wieder hell aufstrahlende Liebe.
Im Café Husaren, das wohl in vielen Reiseführern wegen der hier riesigen „Hagabullen“ (Zimtschrecken) steht, posierten am Nebentisch niederländische Celebrity-Tussis vor TV-Kameras. Für eine Fernsehsendung? Für ihren Instagram-Blog? Mir war’s wurscht.


Gegenüber dem dänischen Hügelland kamen mir die Menschen hier viel verschlossener vor, kaum ein Lächeln auf den Straßen, im Frühstücksraum des Hotels müdes Schweigen. Großstadt halt, oder sind die Schweden generell distanzierter? In Dänemark konnte es schon mal passieren, dass ich bei einer Rast freundlich angesprochen wurde und sich daraus ein nettes Gespräch ergab (By the way: even old people are mostly able to speak fluent English). Oder noch besser: Ich fahre bergab auf einem für Radler offenen Fußweg, Jugendliche stehen im Weg. Ich klingle – und werde angelächelt statt wie wohl hierzulande mit bösen Blicken bedacht. In Dänemark werden Radfahrer, so mein Eindruck, mit einem Sympathievorschuss bedacht. Das zeigt sich auch bei Fahrradstreifen entlang größerer Straßen oder an durch einen Grünstreifen gesicherten Radweg, die die oft schnurgerade Verkehrswege begleiten.
Schweden legen mehr Wert auf Privatsphäre. Die Grundstücke sind eingezäunt, dahinter oft akkurat getrimmter Rasen und schmucke, von Blumen umgebene Häuschen, traditionell in Rot gehalten. An der Küste reichen die Grundstücke bis zum Meer, Zufahrtsstraßen enden als Sackgasse statt in einem Hafen mit Lokalen als Treffpunkte.









Von Göteborg (die Bilder oben zeigen die sehr hübschen Balkone in meinem Wohnviertel) nach Helsingborg führt der 390 km lange Kattegattleden, dessen roten Wegweisern ich fortan folgte. Die erste Etappe raus aus der Großstadt führte mich nach Frillesas. Dort dann am nächsten Tag ziemlich heftiger Regen, der laut Prognose stundenlang anhalten sollte. In Dänemark wurde ich bei einem plötzlichen Guss mitten in der Landschaft überrascht und ziemlich nass, bevor ich mich in die neongelbe Vaude-Regenjacke wickeln konnte. Die Schuhe und Socken wurden patschnass und es dauerte, bis erstere wieder trocken waren. Diesmal also besser gleich die Sandalen, Pass und Geldbörse im verschließbaren Plastiksackerl im Hüftgurt, Handy ebenfalls „verschweißt“ in der Brusttasche, Kappe unterm Helm diesmal nicht als Schutz vor der Sonne, sondern vor Regentropfen auf der Brille, die Fahrradtaschen unter der (sich als unzureichend herausstellenden) gelben Plane – so fuhr ich unter dem mitleidigen Blick des Gastgebers los. Frillesas – Halmstad wurde meine längste Etappe. 90 km in tlw. heftigem Regen, danach 30 bei aufklarendem Himmel bis zum Hotel. Von dort nochmal je 5 km zu einem Aussichtsplatz mit Sonnenuntergang an der Küste und retour. Ich schlief gut nach diesem Tag…

Der Weg zu meiner letzten Nächtigung in Schweden führte teilweise auf aufgelassenen Bahntrassen des „Cykelleden Skåne“, der nationalen Fahrradroute Nr. 2. Sehr schön. Auch der Aufenthalt in Båstad mit dem Besuch in einer Kirche, deren innovative Mariendarstellungen ich auf Insta teilte. Zum Frühstück fuhr ich nach Ängelholm, ein Städtchen, das ich erst kurz vor der Abreise in einer deutschen Rateshow kennengelernt hatte. Dort gibt es nämlich ein Frauenfußballteam, das eine Saison lang kein Spiel verlor und auch kein einziges Gegentor kassiert – und trotzdem die Meisterschaft nicht gewann. Kurz vor dem Küstenort Arild mit Meeresfrüchtepasta im Fiskhuset zeigte mein Display 24.000 Rad-km an, ein nettes Jubiläum, das sich zum Großteil aber der jahrelangen Fahrt zur Redaktion in der Wiener City verdankt und weniger den ausgedehnten Radtouren im Sommer.




Die Fähre von Helsingborg (wo ich mich vor der Kattegattleden-Infotafel fotografieren ließ) nach Helsingör führte mich wieder nach Dänemark. Anders als für Radler vorgesehen war ich aber nicht am Bug, sondern musste die 25 minütige Überfahrt eingeklemmt zwischen LKW im Heck des Riesenschiffes verbringen. Statt als erster verließ ich die Fähre somit als einer der letzten und schlenderte erstmal gemächlich durch die Fußgängerzone der Hafenstadt. Wie sich herausstellte, war mein Nachtquartier weit außerhalb des Zentrums in einem ruhigen Waldhäuschen. Von dort fuhr ich zum Abendessen nochmals zurück und genoss Fish and Chips in der urigen Axelbar.
Macht Reisen alleine überhaupt Spaß?
Das Essen alleine ist einer der Nachteile bei dieser Art des Reisens. Untertags beim Radeln meinem eigenen Rhythmus zu folgen, stehenzubleiben, wo es mir passt, im Sattel „On the road again“ von Canned Heat oder „Davy‘s on the road again“ von Manfred Mann zu trällern macht Spaß. Und es verschafft ein sonst nicht leicht so intensiv erlebbares Gefühl von Lebenslust und Freiheit, die Landstraße vor sich und den Wind im Rücken zu spüren. Aber abends hätte ich manchmal schon gerne Gesellschaft und jemanden zum Plaudern – trotz der täglichen Telefonate mit Claudia und den Todesfall-bedingt mehrmaligen Gesprächen mit meiner Mutter und den Geschwistern. Spätabends im Bett dann Online-Planung für den nächsten Tag, ein paar Partien Online-Spades und Lektüre, diesmal „Carol“ von Patricia Highsmith. Zwischen 23 und 24 Uhr Licht aus, gegen 7 aufwachen.
Ausnahme: das Gästehaus von Jesper und Merethe in Helsingör. Dort wachte ich auf, sah auf die Uhr und schreckte hoch. Was, schon 8.30 Uhr?! Um die Zeit sitze ich sonst längst fixfertig beim Frühstück oder bin unterwegs zu einem entsprechenden Lokal. Doch hier im Wald schlief ich wie ein Baby, der rücksichtsvolle Gastgeber hatte sogar sein Auto deutlich vor dem Zufahrtsweg mit knirschenden Steinchen geparkt.

Ein Wort zu den Gastgeber:innen auf der Tour: Manche sind sehr kommunikativ, senden Willkommensgrüße und Nachrichten zuhauf und geben ihr Bestes, um dem Gast einen angenehmen Aufenthalt zu verschaffen. Andere wiederum sind viel weniger bemüht, verteilen Schimmelbriefe fürs Self-Check-in und lassen sich gar nicht blicken. In Rögby, meiner letzten Dänemark-Station etwa, bekam ich von Gastgeberin Solveig nur elendslange Instruktionen zum Einchecken, im Quartier selbst dann die Aufforderung, gleich mal die Schuhe auszuziehen, und das zugesicherte Frühstück wurde dann gar nicht geliefert. Mein „Dank“ war eine ehrliche Rückmeldung via Booking, wie ich auch sonst positiv über Hosts schreibe, die das verdienen. Mir selbst dienen die Erfahrungen von anderen als gute Grundlage für Buchungen.
Der nächste Tag – es war bereits der 8. September und mein 13. Reisetag – radelte ich erst an zwei leider montags geschlossenen Museen vorbei, die mir meine Augenärztin ans Herz gelegt hatte. Das Louisiana und das Karen-Blixen-Museum auf der Strecke nach Kopenhagen. In ersterem war meine Claudia schon mal, während meine Geschwister, Mutter und ich meinten, stattdessen besser über die Öresundbrücke nach Malmö zu fahren. Sie traf wohl die bessere Entscheidung.


Kopenhagen kannte ich schon etwas von diesem mehrtägigen Familienausflug anlässlich Mutters 75er. Konnte mich aber nur an wenig erinnern. Mein Nachtquartier lag in Köge, ich nahm mir also nur gute 3 Stunden Zeit für ein Speed-Sightseeing mit Kastellet, Rosenborg-Schloss und Garten, Fußgängerzone mit schon mal bestiegenem Turm und einem Imbiss im „Freistaat“ Cristiania. Das Radeln in die vermeintliche Vorstadt von Kopenhagen, Köge, dauerte dann nochmal mehr als zwei Stunden, die letzten 30 km neben einer schnurgeraden Hauptstraße. Bei Gastgeber Kjeld dann das übliche Ankommens-Ritual: raus aus der Radlerkluft, duschen, rein in die einzige lange Hose und in den Merinosweater, auf Google Maps nach Restaurants schauen, dort die Speisekarte übersetzen (lassen). In Köge gab’s ein tolles Dinnermenü um 300 Kronen (dividiert durch 13 = Euro).
Geld wechselte ich auf der gesamte Reise nur einmal – und das war unnötig, denn ich hätte alles mit Karte bezahlen können. Ist in Skandinavien viel üblicher als bei uns und sehr praktisch.
Die letzte Radlertage in Dänemark führten mich weg von der Hauptinsel Själland auf zwei andere: Mön und Lolland. Ich fuhr in Faxe Ladeplads durch und konnte mir die Blödelei auf Insta nicht verkneifen, dieser Ort sei schöner als Halvarhausen und Snorrestetten, werde aber doch getoppt von Wickingen… Bei einer Kaffeepause in Vordingborg in einem Blumengeschäft fragte ich die hübsche Kellnerin: „Does it work, your concept to sell flowers AND coffee?“ Ja, tut es, so die Antwort mit dem Hinweis auf eine ältere strickende Dame, die den Laden offenbar als ihr zweites Wohnzimmer nutzt.
Zwischen den genannten drei Inseln und einer vierten namens Falster gibt es beeindruckende Brücken, die zu überqueren für Radler spannend sind. Meine nächste sollte eine deutsche Insel sein. Fehmarn, wieder nur mit (meiner vierten) Fähre zu erreichen.

Davor eine letzte Nacht in Dänemark, die mir den Abschied leicht machte: In Rögby kurz vor Rögbyhavn ist tote Hose. Mehr geschlossene als offene Lokale, Leerstände in der Stadt, außer dem Netto-Supermarkt gibt es laut meinem holländischen Zimmernachbarn hier nichts.
Ein australischer Engel in Deutschland
Am 11. September wieder in Deutschland. Puttgarden. Frühstück im netten Hauptort Fehmarns, Burg, dann weiter Richtung Festland und Heiligenhafen. Seit Frillesas herrschte meist sonniges Wetter. Ich hatte inzwischen die typische Radlerbräune. Halber Oberschenken braun, ebenso Unterarme und Gesicht bis auf zwei hellere Streifen wegen der Helmgurte neben den Ohren. Meine Lust auf Heimkehr stieg mit der Annäherung an Hamburg, und auch mein Rad machte Mucken: Das Cannondale, obwohl vor der Abreise och mit Spray behandelt, quietschte und zwitscherte inzwischen so, dass ich um Zahnkranz, Kette oder gar Motor fürchtete. Bekommst eh dein Service, Schwarzer, noch zwei Tage durchhalten, schrieb ich in mein Reisetagebuch – kurz, bevor der rettende Engel kam, dessen Namen ich nichtmal weiß: Er ist Australier und radelt seit Wochen durch Indonesien und Japan, dann Flug nach London und weiter am europäischen Festland mit Ziel Spanien und weiter nach Kenia (!), wo sein bester Freund wohnt. Ich hatte ihn bereits auf der Fähre nach Puttgarden kennengelernt, nun stand er 30 km davon entfernt vor einem Fahrradladen, in dem ich mir Schmieröl besorgen wollte. Da hat er etwas viel Besseres, meinte der bärtige, etwa 30-jährige Aussie und schenkte mir eine fast leere Tube mit einer weißliche Gleitflüssigkeit, die meine Kette dann wieder schnurren ließ wie ein Kätzchen. Alles Gute, Weltenbummler, und danke nochmal!

Mein letztes Radlerquartier war idyllisch und eine Wiedergutmachung für Rögby: Ich bezog für eine Nacht einen Planwagen, der in einem Garten mit Blumen und Apfelbäumen nahe von Neustadt in Holstein abgestellt ist. Gastgeberin Johanna (71) war die netteste von allen, das Schlafen im Biobett des Wagens nur durch morgendliches Kikeriki gestört. Früh um 8 brach ich zur letzten 100-km-Etappe nach Hamburg auf. Unterwegs gab’s nicht viel zu sehen, somit war ich um 14 Uhr schon im Stadtgebiet. In der Hansestadt war ich schon mehrmals, die paar Stunden bis zur Abfahrt meines Nachtzugs verbrachte ich an Appelhofweiher, Außenalster, Alstermündung mit Speicherstadt, Mönckebergstraße mit letztem Fischessen bei Steffen Hensslers „Ahoi“ und Mitbringsel-Einkäufen: Labskaus, Sprotten und Grünkohl in Dosen, dann noch im Buchladen am Hauptbahnhof Ersatzlektüre für die fertiggelesene „Carol“. Ich entschied mich für „Über Menschen“, meine erste Juli Zeh.
Im Zug postete ich noch vier Fotos von vier verschiedenen Tierleichen, die mir auf der Reise aufgefallen waren, darunter ein Reh und ein Waschbär (?). Radeln fordert keine solchen Kollateralschäden, ist eine sanfte Form des Reisens, die ich wohl beibehalten werde, solange ich fit bleibe… es locken Flandern, die Toskana und Umbrien, Istrien mit Parenzana, vielleicht die Elbe entlang – mal sehen. Kommt Zeit, kommt Rad

Urlaubswoche im JUFA Erlaufsee (14.-21.8.)
Im Vorjahr war es noch (gemäß der Ursprungsidee) ein Familienurlaub mit Kindern, Enkeln, Neffen, Bruder, sogar Zwillingen vom Exmann der Liebsten. Heuer bleiben von der JUFA-Besetzung 2024 nur noch wir beide und Lisa/Stefan und deren mittlerweile 4 Kinder zwischen 6 Jahren und 3 Monaten übrig. Statt nach Fürstenfeld ging’s heuer zum Erlaufsee ins Mariazellerland, wo wir mit meinen 3 Enkeln bereits vor 4 Jahren (im JUFA Siegmundsberg) urlaubten.
Die JUFA-Hotels sind ja zuletzt in finanzielle Turbulenzen geraten. Ein Investor muss den Fortbestand des (zu?) rasch gewachsenen Unternehmens sichern. Und das merkt man am Personal: Chaos bei Buchungsänderungen (wegen Erkrankung der Enkel mussten Zimmer storniert werden), Chaos beim Frühstücksbuffet (fehlende Butter, Tassen), überfordertes Management (neben Administration noch Getränke ausschenken??). Hoffentlich ist all das unter neuer Führung bald im Griff, sonst: JUFA ade.



Das Haus liegt am Ortsrand von Mariazell, zum Erlaufsee sind’s zu Fuß etwa 25 Minuten, mit dem Auto gute fünf. Am Wochenende kann’s bei Schönwetter auf dem Parkplatz dann schon mal eng werden. Das klare Seewasser hat rund 20 Grad, ich war also wenig schwimmen. Einmal lief ich rund um den See, was deutlich anspruchsvoller war als ich’s von der Alten Donau gewohnt bin. Highlights waren die Wanderung durch die Ötschergräben mit Stefan und Mathis (6), die ich alleine noch bis zur Erlaufstauseeschänke verlängerte – 18.000 Schritte an diesem Tag – und der Ausflug auf die Gemeindealpe mit herrlicher Rundumsicht und Runterdüsen mit Mountain Carts auf Schotterstraßen.

Beim Kickerl in der Sporthalle merke ich voranschreitendes Alter: Wie schon im Vorjahr zwickten die Adduktoren. Schonender war da schon das Yannis-Schaukeln auf den Oberschenkeln und dafür mit einem herzigen Baby-Lächeln belohnt werden. Auch Claudia widmete sich intensiv der Kinderbetreuung, “Großeltern” dabei zu haben ist für die meisten Eltern schon ein dickes Plus.
Eine Entdeckung war die “Wuchtlwirtin” auf dem Traisenradweg unweit von Mariazell: Hausmannskost vom Feinsten und riesige Buchteln mit Vanillesoße – köstlich!
Die beiden letzten Tage kamen Freunde von Stefan/Lisa nach; eine fünfköpfige Familie aus Tirol; die Freiräume nutzten Claudia und ich für Paarunternehmungen. Auf dem Rückweg dann noch ein kleiner Umweg zu Muttern nach Kapfenberg.
Fazit: schöne Gegend, Quartier mit Verbesserungsbedarf, Besetzung gemessen an der Ursprungsidee zu dünn… das Projekt “Familienurlaub” bedarf einer Neukonzeption.