„Beten mit den Füßen“ durch idyllische Weinberge und Kellergassen

Das zu Unrecht touristisch unterschätzte Weinviertel schwimmt seit 15 Jahren mit einem Abschnitt des Jakobsweges im Pilgerboom mit – 2500 „Betende mit den Füßen“ machen sich jährlich auf den 153-Kilometer-Weg von der tschechischen Grenze bis nach Krems

Wien, 8.11.2025 (KAP) Eine Etappe auf dem Jakobsweg beginnen Pilger am besten bei einer Jakobskirche, im konkreten Fall bei jener in Falkenstein im nördlichen Weinviertel: Das 15-jährige Bestehen des Vereines „Jakobsweg Weinviertel“ mit insgesamt 153 Kilometern Streckenlänge von der tschechischen Grenze bis nach Krems war Anlass für eine Pressefahrt, bei der die Teilnehmenden die rund 8 km lange Teilstrecke von Falkenstein nach Poysdorf marschierten. Von Pilgerexperte Franz Knittelfelder erfuhren sie Wissenswertes über das Projekt, für das Kirche, Landespolitik und die Weinviertel Tourismus GmbH an einem Strang zogen. Anfangs sei man vom Erfolg nicht überzeugt gewesen, doch mittlerweile seien jährlich rund 2.500 Pilgerinnen und Pilger auf den idyllischen Wegen fernab vom Massentourismus unterwegs.

Knittelfelder, Direktor der aus dem früheren diözesanen Bildungshaus Schloss Großrussbach hervorgegangenen Bildungsakademie Weinviertel, ist „zuagroaster“ Steirer, lebt seit vielen Jahren im Weinviertel. Die Schönheit der Gegend werde von den Einheimischen unterschätzt. „Bei uns gibt’s ja nichts. Wer soll denn da kommen?“, habe er anlässlich der Planungen für den Pilgerweg öfters vernommen. Dass die Landschaft mit ihren Hügeln, Weingärten, Wäldern und Kellergassen unterschätzt wird und viele Reize hat, wurde der kleinen „Pressepilgergruppe“ bei herrlichem Herbstwetter verdeutlicht. Nicht zu vergessen die oft auf Anhöhen gelegenen Gotteshäuser. Die dem Apostel Jakobus d. Ä. geweihte Pfarrkirche Falkenstein gleich zu Beginn der Tour blickt auf Ursprünge am Beginn des zweiten Jahrtausends zurück und liegt direkt unter der ebenfalls im Hochmittelalter errichteten, über der Landschaft thronenden Burgruine. In einem Seitenraum eine kulturhistorisch wertvolle gotische Madonna aus Sandstein, über dem barocken Altarbild ein theologisches Kuriosum: die Dreifaltigkeit, dargestellt als Christus-Drilling in je identischer Himmelskönigspose.

Drei Pilgernde, die „stempeln gehen“; in der Mitte Franz Knittelfelder mit Pilgerstab und Wander-Büchlein

Nicht nur im Eingangsbereich, auch außen an der Kirchenwand findet sich eine der vielen Stempelstationen entlang des Weinviertler Jakobsweges. Hier können Pilgernde sich und anderen mit einem Eintrag im eigens aufgelegten Pilgerpass beweisen, was sie geleistet haben. Neben den Feldern für die Stampiglien vermitteln Texte und Gebete Inspiration, Kraft und Zuversicht. „Die Leute stehen auf sowas“, weiß Franz Knittelfelder. Manche würden extra mit dem PKW zu „versäumten“ Kirchen fahren, um die Stempelsammlung zu komplettieren und – wie die Absolventen des Camino nach Santiago de Compostela – eine Pilgerurkunde zu bekommen. „Originalgetreu“ sind auch die käuflich zu erwerbenden Jakobsmuscheln, die üblicherweise am Rucksack oder am Wanderstab fixiert werden, aufgelegt wurde auch ein informativer „Jakobswegweiser Weinviertel“, beziehbar um EUR 14,90 über den Buchhandel (ISBN 978-3-7079-2158-8) oder bei der Weinviertel Tourismus GmbH.

Sich zu verirren ist angesichts der übersichtlichen Markierungen mit dem Jakobsweg-Logo kaum möglich. Einzelne schon etwas verblichene Info-Tafeln sollen laut Franz Knittelfelder demnächst wieder auf Vordermann gebracht werden. Und Krems samt dem dortigen „Dom der Wachau“ soll anlässlich des 15-Jahr-Jubiläums als Zielort klarere Kontur bekommen.

Wobei der Jakobsweg Weinviertel beliebig verlängerbar ist: Lohnend sei das Wandern in Mähren nach einem Start in Brünn oder noch weit davor in Krakau, und nach Krems führt der klassische, vom Pilgerpionier Peter Lindenthal beschriebene Weg durch das Donautal, über Salzburg und das Inntal bis nach Vorarlberg. Knittelfelder weiß von ambitionierten Wanderern, die die gesamte Strecke ins galicische Santiago de Compostela gleich mehrfach auf verschiedenen Routen zurücklegten. Wien wird vom Jakobsweg Weinviertel – anders als beim Weg über die Hainburger Pforte – übrigens nicht berührt, die Strecke führt von Stockerau westwärts bis in die Wachau.

Kellergasse im Weinort Poysdorf fast schon am Ziel des herrlichen „Pressepilgermarsches“

Für den Streckenverlauf wurden alte Wegelisten aus dem Mittelalter gesichtet, wegen der Nordautobahn wurden einige Abschnitte jedoch nach den Kriterien Verkehrsarmut und landschaftliche Schönheiten abgeändert. Die „Pressepilger“ beendeten ihre Tour in einer der schönsten Kellergassen des Weinviertels, in Poysdorf, und mit einer Einkehr im Wein.Hotel Neustifter. In der Ortskirche brachte eine Innungsfahne die Wanderer zum Schmunzeln: Über der Abbildung eines auf Trauben stampfenden, also kelternden Jesus steht ein Zitat aus dem alttestamentlichen Buch Jesaja (63,3): „Ich habe allein die Presse getreten.“

Pilgern steht spätestens seit Papst Johannes Pauls II. Aufruf bei der Europafeier 1982 in Santiago, die geistlichen Wurzeln des Kontinents wieder zu beleben, hoch im Kurs; einen weiteren Schub löste das Buch von Hape Kerkeling „Ich bin dann mal weg“ von 2006 aus. Prälat Matthias Roch, als ehemaliger Bischofsvikar unter dem Manhartsberg einer der Gründerväter des dortigen Jakobsweges, nennt beim abschließenden Mittagsmahl die schon davor im Weinviertel einsetzende Freude am „Beten mit den Füßen“ eine Initiative zum richtigen Zeitpunkt. Und ein Ende des Booms ist nicht absehbar.

(Die Website www.jakobsweg-weinviertel.at bietet viel Wissenswertes über das Pilgern generell, über Streckenverlauf und Etappenempfehlungen, Gastronomie und Unterkünfte)

(COMPLIANCE-HINWEIS: Diese Berichterstattung erfolgt im Rahmen einer Pressereise auf Einladung der Weinviertel Tourismus GmbH. Die Reisekosten wurden vom Veranstalter getragen, die Berichterstattung erfolgt unter unabhängiger redaktioneller Verantwortung der Kathpress-Redaktion.)

Rad + Schiff auf der MS Primadonna von Wien bis Belgrad, 6.-12-2025

Neu belebt: meine Liebe zur Donau, die so viele Länder verbindet wie kein anderer Fluss

Der erste Eindruck weckte den Ironiker in mir: Begrüßungssekt im geräumigen Bug des Luxus-Katamarans MS Primadonna samt 9 m hoher Verglasung für den bestmöglichen Blick auf die Donau, Easy-listening-Klänge des Barpianisten, und während Claudia und ich am kleinen Snack knabberten, brachte das Bordpersonal das Gepäck in unsere Kabine auf dem Oberdeck. Rundum Gäste gesetzten Alters, die sich wie wir eine Woche auf der Donau, die durch so viele Länder fließt wie weltweit kein anderer Strom, genießen wollten. „Pensionistenleben“ schrieb ich samt einen Lach-Smiley unter das Video über das obige Geschehen, das ich an liebe Zuhausegebliebene versandte.

Aber wir sind ja seit Jahresbeginn selbst in Pension und genossen in weiterer Folge die Annehmlichkeiten auf dem einzigen Kreuzfahrtschiff auf der Donau unter österreichischer Flagge: hervorragende Kulinarik bei den täglich fünf Mahlzeiten, 16-Quadratmeter-Kabine mit eigenem Balkönchen, Sonnendeck mit Außenpool, Sauna, Unterhaltungsprogramm mit Weinverkostung undundund. Es sollte sich herausstellen, dass unsere Mitreisenden keineswegs nur eine Woche lang die Füße hochlagern wollten. Viele sind versierte, erfahrene Radler:innen, etliche hatte (wie wir) ihre eigenen (E-)Bikes an Bord gebracht, etliche nützten gleich das Angebot, die Reise mit einer Tour von Wien nach Bratislava zu beginnen. Davon sahen Claudia und ich ab, denn wir radelten am Montag mit Gepäck auf den Rädern von Zuhause zur Anlegestelle in Nussdorf – bei leichtem Regen, dem einzigen während der Reise.

Abends ein (zu) kurzer Spaziergang durch die slowakische Hauptstadt, die wir trotz ihrer Nähe zu Wien noch nie gemeinsam besuchten. Holen wir nach, am besten per Rad die 70 km den Donauradweg entlang. Nachts war die MS Primadonna mit ihren rund 150 Gästen und knapp 50 Beschäftigten immer auf dem Wasser unterwegs, tagsüber wurden die Räder vom Personal an Land gebracht und die Urlaubenden strampelten auf den zuvor empfohlenen Routen.

Das Leben an Bord war erstaunlich ruhig. Bei Schiffskabinen rechne ich eigentlich mit Geräuschen von rundum, aber unsere war sehr gut schallisoliert, und sogar nächtliche WC-Besuche weckten den/die jeweils andere/n nicht. Auch hier also 4-Sterne-Niveau.

Die MS (Motorschiff) Primadonna, hier bei der Anlegestelle in Budapest

Wir waren uns bald einig: Der Urlaub mit Schiff und Rad auf der Donau ist ein Volltreffer. Zum Wohlbefinden trug auch die nette Tischgemeinschaft mit Helga, Gerti und Werner aus Vorarlberg bei, die wir zumindest beim Frühstück und beim 4bis5-Gänge-Dinner täglich sahen. Mir Medienschaffendem gefiel auch die Zeitungsauswahl (Standard und Süddeutsche) und das breite TV-Senderangebot, wodurch ich am Donnerstag den 10:0-Sieg des Rangnick-Teams gegen bedauernswerte San Mariner miterlebte. Zweimal unterhielt uns auch die Schiffsmoderatorin, Kabarettistin und ehemalige österreichische Karaoke-Meisterin Charlotte Ludwig mit Songs übers Meer und Wienerliedern sowie deftigen Witzen.

Am Dienstag stand ein Tag in Budapest auf dem Programm. Erst Stadtrundfahrt mit kompetenter „Peschterin“ („die in Buda gelten als hochnäsig“), dann Erkundung mit unseren Rädern mit Großer Markthalle und der teuersten Kaffeejause unseres Lebens: Wir folgten der Empfehlung unserer Führerin, das traditionsreiche, wunderschöne Café Gerbeaud anzusehen, missachteten jedoch ihren Rat, danach in ein billigeres Kaffeehaus zu wechseln. Unser „Lehrgeld“ betrug umgerechnet 58 Euro für 2 mit Marillenlikör aufgebesserten Cafés Gerbeaud und zwei Törtchen, samt Bedienungszuschlag und Steuer. Schluck.

Schön ist’s schon, im Café Gerbeaud – aber preiswert?

Aber wir machten auch eine Entdeckung, die einen weiteren Besuch lohnen würde: In der Kazinczy Utca ist ein Gebäudekomplex voller antiorbanischer Alternativkultur. Szenebeisln, verwinkelte Gasträume, Laubengänge mit wuchernden Pflanzen.

Abends auf der Primadonna eine „Ehrenrunde“ durch Budapest, bedingt durch das Wendeverbot für große Schiffe in Innenstadtnähe: wieder hinauf zur Margareteninsel, vorbei am beleuchteten Parlament, an Fischerbastei, Hotel Gellert und unter den schönen Brücken weiter donauabwärts Richtung Serbien.

Budapest bei Nacht vom Fluss aus – ein Erlebnis!

Am Mittwoch vor der nächsten geplanten Grenzüberquerung eine ungeplante durch Claudia und mich (und ein oberösterreichisches E-Bike-Paar), die meine Liebste anschließend mit der Bemerkung quittierte: „Ich hab mich noch im Leben nie so angestrengt wie heute!“ Und das kam so: Es hieß, die heutige 37-km-Radrundtour würde durch den Nationalpark Duna-Drava führen, bis wir über eine lange Gerade wieder die Anlegestelle im südungarischen Städtchen Mohacs erreichen würden. Jedoch, die Routenbeschreibung verriet nur unzureichend, wo wir den gut ausgebauten Donauradweg verlassen sollten. Wir fuhren viel zu weit, ermutigt durch das vor uns sichtbare erwähnte Paar. Der Mann behauptete im oberösterreichisch eingefärbten Brustton der Überzeugung, die immer grober werdende Schotterstraße und der holprige Traktorenweg entlang von Feldern werden gleich zur richtigen Straße zurück an den Hafen führen. Dem war aber nicht so. Wir radelten auf Untergründen, die mir wegen Claudias Schulteroperation Sorge bereiteten, zunehmend gestresst durch die voranschreitende Zeit: Wir sollten nämlich um 12.45h, nach etwa drei Stunden, wieder am Schiff sein.

Zu unserem Schrecken erreichten wir eine Grenzstation, die uns zurück (!!) nach Ungarn bringen würde. Gottseidank verlangte der Zöllner nicht unsere Pässe, die ja wegen der anstehenden Einreise in Serbien auf dem Schiff verblieben waren. Doch seine Auskunft um ca. 12.30h, die Fahrt nach Mohacs würde per Rad wohl noch etwa eine Stunde dauern, löste Panik bei uns aus. Es folgten knappe 20 km auf einer vielbefahrenen Bundesstraße bei strammem Gegenwind. Ich E-Bike-Loser radelte im Windschatten der selbst schon überforderten Claudia um mein Leben – die beiden Oberösterreicher waren bald außer Sichtweite. „Hoitet’s des Schiff auf!“, hatte ich ihnen noch mitgegeben. Claudia meinte, ihr Akku werde leer; wir wechselten die Räder und wieder retour, als ich merkte, es gibt eh noch Unterstützung. Wir erreichten um ca. 13h Mohacs, ohne Ahnung, wo das Schiff auf uns wartet. Eine falsche Auskunft führte zum Ortsende, die Verzweiflung nahm zu. Wir stoppten einen Kleintransporter mit leerer Ladefläche und boten 20 Euro für den Transport zur Anlegestelle. Trotz Sprachproblemen erkannte der Fahrer unsere Lage und düste mit uns und den Rädern zur richtigen Stelle, wollte das Geld erst nicht nehmen. Eine kurze Strecke noch am Pier entlang, die anderen Gäste beobachteten entspannt uns Verzögerungsverursachende, die Crew legte unmittelbar nach dem Reinschieben unserer Räder ab. Ich war völlig verschwitzt, aber Claudia war neben sich vor Anstrengung: Sie sank an Deck gleich ermattet auf den Boden, das eilig gereichte Wasser konnte sie vor lauter Zittern kaum trinken. „Atmen! Atmen!!“, rief die Rezeptionistin … Wir waren erledigt, legten uns am Nachmittag für ein Erholungsschläfchen in die Kabine, während die Primadonna zur peniblen Kontrolle durch die serbische Grenzpolizei fuhr. Kapitän Radovan mahnte zwar zur Pünktlichkeit, aber insgesamt nahm das Schiffsteam die 15-minütige Verspätung zum vorgesehenen „Leinen los!“ recht gelassen.

Hier hätten wir es ahnen müssen: zu nah an der ungarisch-kroatischen Staatgrenze!

Am Donnerstag Aufwachen in Belgrad auf der Save, die dort nach Lubljana und Zagreb die dritte ex-jugoslawische Hauptstadt durchfließt und in die Donau mündet. Claudia und ich erkundeten die Stadt diesmal zu Fuß; ein radfreier Tag tat nach den Aufregungen tags zuvor gut, und in Belgrad sind Radfahrende Stiefkinder. Dafür sind alle Öffis gratis benutzbar, wovon wir auf dem Weg hin und zurück zur wichtigsten serbisch-orthodoxen Kirche, des neobyzantinischen Sava-Doms, auch Gebrauch machten. Ich nehm’s vorweg: Belgrad ist im Vergleich zu Budapest weniger „herausgeputzt“, weniger mondän, weniger Weltstadt. Das Stadtbild dominieren viele renovierungsbedürftige Häuser, sichtbare Armut und für andere Städte zu alt gewordene und deshalb den Belgradern überlassene Straßenbahnen und Busse. Von der schelenden Unzufriedenheit mit der Regierung Vucic und den Studierendenprotesten bekamen wir nichts mit.

Zunächst schlenderten wir in der Morgensonne durch die Kneza Mihaila, eine Art Kärntnerstraße von Belgrad. Tranken Cappuccini in der wunderbaren zweistöckigen Akademija-Buchhandlung, kauften ein süßes Strudeldreierlei und sahen uns in einer Straßenausstellung Faksimile-Großdrucke aus dem Prado an. Im empfohlenen Künstlerviertel Skadarlija war mittags noch nicht viel los, somit nahmen wir einen Bus zum Sava-Dom. Ein georgisches Restaurant versprach vor den geistlichen noch leibliche Genüsse, die Khinkali und der Salat mit Nussdressing erinnerten an eine andere schöne Reise… Kurios: Die Rechnung machte exakt den Rest der 50 umgewechselten Euro aus.

Empfehlung in Belgrads innenstadt. die Akademija-Buchhandlung mit zwei Ebenen

Vor dem erst 2018 nach dem Vorbild der Hagia Sophia fertiggestellten Sava-Dom, der dem Nationalheiligen und ersten serbischen Erzbischof geweiht ist, amüsierte uns ein Plakat, das ich so noch nie vor einem Gotteshaus sah: Nicht nur unpassende Kleidung, Handys oder Blitzlicht, auch Pistolen seien hier unerwünscht, ging daraus hervor. Drinnen christlicher Triumphalismus. Eine riesige Kuppel mit dem auf einem Regenbogen thronenden Christus, Gazprom-finanzierte Goldmosaiken rundum, Stelen mit Heiligenikonen zum Beten und Küssen. Wie in orthodoxen Kirchen üblich keine Sitzplätze. Alles sehr imposant, aber es bleibt dabei: Jesus, mein Freund, ist mir zigmal lieber als Christus Pantokrator (Weltenherrscher).

Wir waren früh genug zurück auf der Primadonna, um eine fast leere Sauna vorzufinden. Abends ein Kapitänsempfang u.a. mit köstlichem Roastbeef und einem zweiten Fläschchen Wein, diesmal gelber Muskateller aus der Südsteiermark.

Kalocsa, eine der ältesten ungarischen Städte, konnten wir wegen Niedrigwassers auf der Donau nicht besichtigen. Dadurch bedingte Einschränkungen und Verzögerungen häufen sich seit einigen Jahren aufgrund des Klimawandels, war zu erfahren. Also nochmals Mohacs ansteuern, diesmal mit Radtour Richtung Norden nach Baja. Claudia und ich waren uns einig. Diesmal mit dem Pulk der Mitradler:innen unterwegs sein, keine „Extratouren“. Und der Radweg ca. 35 km entlang der Eurovelo-Strecke 6 (Bild 1), die vom Atlantik bis zum Schwarzen Meer führt, war bestens asphaltiert und markiert, keine Gefahr, sich zu verirren. In Baja führt ein hübsch gestalteter Kanal zur Donau, wo bei stimmungsvollem Sonnenuntergang die Primadonna auf uns wartete (Bild 2).

Zu einer Enttäuschung wurde der Besuch von Esztergom am letzten vollen Tag der Reise. Das katholische Herzstück Ungarns liegt zwar pittoresk auf einem Hügel über dem Strom, die der Maria Assunta und dem heiligen Adalbert von Prag geweihte, klassizistische Basilika ist aber von einer unangenehmen Protzigkeit und verkörpert einen Nationalstolz im Anschluss an den heiligen Ungarnkönig Stephan, dem die Bedeutung von „katholisch“ (d.h. weltumspannend) widerspricht. Innen ist die Kirche fast völlig eingerüstet, nur der Blick auf das Altarbild mit Mariä Aufnahme in den Himmel, geschaffen von Michelangelo Grigoletti (1801-1870), ist frei. Mit seinen Ausmaßen von 13,5 mal 6,5 m ist es das weltweit größte Gemälde, das auf einem einzigen Stück Leinwand gemalt wurde. Beeindruckender war der Blick von der Kuppel auf die Donau, das Benediktinerkloster und das Umland von Esztergom mit der slowakischen Schwesterstadt Sturovo, wohlverdient nach einem Aufstieg über endlos viele Stufen.

Hinten die Basilika von Esztergom, im Vordergrund zwei glückliche Reisende (Foto: Reisegefährtin Helga)

Dutzende Nimmermüde radelten in die 56 km entfernte nächste Doppelstadt an der Donau – nach Komarno (slk.) bzw. Komarom auf der ungarischen Donauseite. Claudia und ich (schon recht verkühlt) und unsere Vorarlberger Gefährten bevorzugten einen Bustransfer, der ungewollt zur Angstpartie wurde. Unserer Fahrer hatte nämlich sichtlich Mühe, die immer schwereren Augenlider offenzuhalten. Claudia bot ihm zweimal Wasser an, seine Ablehnung hielt ihn immerhin wach (und rettete unser Leben?). An diesem Samstagnachmittag war in Komarno tote Hose, wir Busreisende und etliche bereits eingetroffene Radler:innen belebten die Gastronomie sicher erheblich: Wir gönnten uns ein Bierchen am pittoresken Europaplatz mit Gebäudennachbauten aus verschiedenen Epochen.

Der Blick auf den Balkon am Sonntagmorgen zeigte Vertrautes: Auwald bei Fischamend kurz vor Wien. Wir erreichten Nussdorf um ca. 10h, verabschiedeten uns von der Crew und unseren Gsiberger Freund:innen (die noch radeln zum Hauptbahnhof und eine lange Zugfahrt nach Hause vor sich hatten) und waren nach einer halbe Stunde zuhause.

Fazit: Nach der eher unerfreulichen Ersterfahrung mit Urlaub auf dem Wasser im Sommer 2024 (schwer steuerbares Hausboot auf der Müritz/Brandenburgische Seenplatte) war die Reise auf der MS Primadonna ein Hit. Vielleicht ja wieder mal mit Schiff und Rad auf Tour (Frankreich? Niederlande?) – warum nicht?

Geburtstagsradeln mit Rudi von Jois nach Rust, 4.10.2025

Mein Freund Rudi (dem ich diese Website verdanke) ist für seine 70 Jahre nicht nur geistig extrem junggeblieben, sondern auch für körperliche Horizonterweiterungen offen: Seit Jahren lädt er zu Geburtstagen zu Radausflügen bevorzugt ins radfreundliche Burgenland (wenn auch meistens früher als ein halbes Jahr nach dem Anlass, aber diesmal hatten zwei planungsfreudige Freundinnen die Koordination der Überraschungstour übernommen). Acht Radler:innen stiegen in Jois aus dem Zug von Wien und kurvten teils elektrisch verstärkt durch das Flachland westlich des Neusiedlersees. Wobei: „Flach“ trifft es beim Radeln in den Weinbergen des Kirschblütenwegs nicht ganz. Da kamen bis zum Feierstädtchen Rust ganz schön viele Höhenmeter zusammen – die schönsten führten hoch zum Himmelreich (s. Foto 1), von wo man einen herrlichen Ausblick auf die pannonische Tiefebene (Foto 2) hat.

Das anfängliche Schönwetter wurde von Wolken abgelöst, und nach den Stationen Purbach (immer wieder schön: die Kellergasse dort!) und Oggau kamen wir fast trocken beim Heurigen Gabriel an. Dort brannte im Festraum ein Feuerchen und es herrschte Sturm. Der schmeckte fruchtig und süß 😉

Und obwohl es heißt „Rust never sleeps“, blieb der Großteil der Geburtstagsradler:innen über Nacht im Storchenort und setzte tags darauf die Fahrt mit der Fähre über den Neusiedlersee fort. Aber darüber kann ich nichts berichten, denn mich fuhr meine Claudia spätabends bei heftigem Regen zurück nach Wien.

Wanderung am Keltenweg, Pötschen bei Kapfenberg, 2.10.2025

„6,5 km Rundweg, ca. 600 Hm, 2,5h / familienfreundlich“ ist über den von der Kapfenberger Hochschwabsiedlung mit dem Haus meiner Mutter und Geschwister bestens erreichbaren Weg hoch zum Hubertuskreuz auf der Hohen Pötschen im Internet zu lesen. Der Rundweg beginnt erst ein Stück nach dem ehemaligen Gasthaus Ortner, zu dem ich in fitteren Zeiten in einer Viertelstunde hochgejoggt bin. Man sieht immer wieder auf die Gebäude des Stahlwerks im Stadtteil Redfeld, auf den Emberg, wo ich als Teenager auf Skiern unterwegs war, ins Mürztal, auf den Frauenberg auf der anderen Seite des Tals. Schön, das alles, auch bei eher trübem Wetter wie am vergangenen Donnerstag. Der versprochene Hochschwabblick war mir wegen dichter Wolken nicht vergönnt.

Mehr gestört hat mich allerdings die mangelhafte Beschriftung des Keltenwegs. Ich folgte Forstwegen und blieb dann mindestens eine halbe Stunde ohne eines jener Hinweisschilder, auf denen Wissenswertes über die in vorchristlicher Zeit in Mitteleuropa dominierenden Kelten zu lesen ist. Hier gäb’s was nachzubessern, Stadtgemeinde Kapfenberg, damit schasaugerte Besucher aus Wien wie ich nicht statt auf Waldwegen auf Forststraßen bewegen.

Kurzurlaub am Glatzl-Bauerhof, St. Lorenzen am Wechsel, 15.-19.9.2025

Einige Tage „Erholungsurlaub“ von der zweieinhalbwöchigen Radtour durch Skandinavien mit meiner Liebsten in einer Gegend, die wir für unsere Hochzeit vor 7 Jahren nutzten. St. Lorenzen am Wechsel ist nicht sehr weit weg von der Bratlalm in Wenigzell, dem Ort unserer Feier. „Nicht weit“ meint Luftlinie, mit dem Auto ist es wegen der sich durch die idyllische Landschaft mäandernde Schmalspurstraße eine gute halbe Stunde.

Glatzl ist der Vulgo-Name, unsere sehr netten Gastgeber heißen – wie viele im Wechselgebiet – Pichlbauer. Wir hatten eine kleine Ferienwohnung im Haupthaus, falls wir wiederkommen, könnte eines der beiden etwas tiefer am Hang gelegenen Häuschen unser Domizil werden. Einer der beiden Esel der Gastgeber (sie haben auch ein Pony, Schweine. Katzen und Kaninchen) sorgte für morgendliches Kikeriki (in dem Fall natürlich I-a). Sonst war es herrlich ruhig bis auf den Bäcker, der früh seine Weckerl und Kipferl brachte.

Blick vom Haupthaus des Glatzl-Bauernhofes auf Tiere (links), Garten (rechts) und die beiden Ferienhäuschen (unten); rechts von den Häusern liegt versteckt der Badeteich

Uns es gibt die von den Pichlbauers betriebene Trahütten-Alm auf 1.300 m Seehöhe, die in etwa zwei Stunden zu Fuß erreichbar ist – wie auch das Ferienhaus mit herrlicher Aussicht in die Landschaft, „bei gutem Licht bis zum Triglav in Slowenien“, so der Gastgeber.

Sehr erholsam, das alles, und zu einem fairen Preis.

Ausflüge machten wir (an einem Regentag) in die Therme Loipersdorf, nach Pöllau, Vorau, zur traumhaft gelegenen Flourl´s Schenke und natürlich auf die Bratlalm. Claudia zusätzlich nach Hartberg, während ich meinen Radreisebericht in den mitgebrachten Laptop tippte…

Radreise Hamburg – Göteborg – Kopenhagen – Hamburg (26.8.–12.9.2025)

Wie im Vorjahr starte ich mit dem ÖBB-Nightjet nach Hamburg, nur diesmal danach nicht die „Hanseroute“ entlang der Ostseeküste bis Danzig, sondern nordwärts über Flensburg nach Dänemark und Schweden (siehe Landkarten), ab Göteborg wieder südwärts bis nach Helsingborg, per Fähre wieder auf vier dänische Inseln und via Fehmarn zurück nach Hamburg.

Ich mag den Norden. Und gerade im Sommer empfiehlt es sich, die Hitze in Südeuropa zu meiden. Kattegat statt Adria, Dünen statt Macchia, kühle Brisen statt Waldbrände, Smörrebröd statt Pizza – so meine Präferenz. Und Baden muss ja nicht unbedingt sein; ich hatte nicht einmal eine Badehose in meine Radtaschen gepackt.
Nach der ersten Nacht in der engen, aber sehr funktionalen Schlafkoje des Nightjets nahm ich noch einen Anschlusszug nach Schleswig, um mich am ersten Radtag über 50 km nach Flensburg erst einmal „einzurollen“. Es sollte meine kürzeste Etappe werden. Von Schleswig ist mir vor allem der beeindruckende St.-Petri-Dom in Erinnerung – eine gotische Backsteinhallenkirche mit romanischem Portal, mit dem prachtvollem Bordesholmer Altar aus Eichenholz, daneben eine mehr als 4 m hohe Christophorus-Statue ebenfalls aus Eichenholz. Ich besuche Kirchen auf meinen Radreisen ja gerne und öfter als jene in Wien. Sie sind meist menschenleer (dann singe ich darin schon mal Donna nobis pacem) und bestens geeignet für Ruhe- und Nachdenkpausen.
Und zum Nachdenken gab’s auf dieser Reise viel: Am Beginn der Reise, Dienstag, 26. August, war klar, dass mein nur 12 Jahre älterer Stiefvater Sepp auf der Palliativstation in Leoben im Sterben liegt. Ich hatte zeitlebens kein gutes Verhältnis zu ihm, und als dann Donnerstagfrüh die Todesnachricht eintraf, fand ich die räumliche Distanz zu dem an Bauchspeicheldrüsenkrebs Verstorbenen irgendwie passend zur persönlichen. Viele Erinnerungen an meine familiär nicht sehr schöne Jugendzeit kamen hoch, zugleich Betroffenheit über einen Tod, der sich erst drei Wochen vor dem Eintreten angekündigt hatte, und Mittrauern mit meiner zur Witwe gewordenen Mutter und meinen jüngeren Geschwistern, die das Beste sind, was mir Sepp hinterließ. Durch die sanft hügeligen Agrarlandschaften Dänemarks radelnd wuchs in mir die Gewissheit: Es ist wichtig, sich von „Altlasten“ zu lösen und „es gut sein zu lassen“ statt verbittert zu werden.
In Flensburg war ich vor Jahren schon mal auf einer Radtour durch den Norden Deutschlands (mit dem Emil-Nolde-Museum in Seebüll als Höhepunkt); damals brachte mich eine einparkende Frau auf dem Fahrradstreifen zu Fall und entschuldigte sich danach mit Wundpflastern und Kaffee. Das diesmal unangenehmste in der nördlichsten Stadt Deutschlands war das Quartier an einer vielbefahrenen Straße: ein Zimmerchen mit Gemeinschaftsbad/WC im Hotel Hygge, was im Dänischen so viel wie gemütlich oder kuschelig bedeutet. Flensburg hat Charme. Einen netten Hafen, eine Fußgängerzone mit einer Besonderheit, die mir eine Einheimische erklärte: Die Hunderten hoch oben an quergespannten Seilen hängenden Schuhpaare gingen auf einen Bubenstreich zurück: Wer in Flensburg lebte und wegzieht, deponiert ein Paar da oben in luftiger Höhe. Es werden immer mehr… Abends aß ich norddeutsch: Holsteiner Sauerfleisch mit Bratkartoffeln. Danach noch zwei Stunden in einem netten Programmkino: „Der Salzpfad“ war zwar nicht das Gelbe vom Ei, machte aber Appetit auf meine im Frühjahr geplante Wanderung auf dem Camino Portugues nach Santiago de Compostela.

1.470 Kilometer Gesamtstrecke

Am Beginn solcher Reisen „fremdle“ ich noch mit dem Ausgesetztsein und den damit verbundenen Unsicherheiten: Werde ich gesund und fit bleiben? Was, wenn ich eine Panne mitten in der Einschicht habe? Haut alles mit den Unterkünften hin, mit den vier Fähren, die ich benützen will? Die Hotels, Pensionen, Privatquartiere hatte ich durchwegs vorreserviert, wie schon bei den fünf vorangegangenen Radtouren, seit ich das Cannondale-E-Bike zum 60er bekam (2024 Hamburg-Usedom-Danzig, 2023 Arlberg-Augsburg-Passau-Wien, 2022 Feldkirch den Rhein entlang bis zur Nordseemündung, 2021Reschenpass-Bozen-Villach-Graz-Hartberg, 2020 St. Moritz-Innsbruck-Chiemsee-Passau-Wien). Und ich nehm’s vorweg: Die Quartierbuchungen (Booking und Airbnb) funktionierten, ich erreichte alle Destinationen zur angepeilten Zeit. Einer Fehleinschätzung unterlag ich allerdings bei der Gesamtlänge der Tour: Statt der bei Komoot errechneten ca. 1.200 km legte ich insgesamt 1.470 km zurück. Wie das? Nun, erstens berücksichtigt Komoot nicht die Fahrten abends im erreichten Zielort zum Erkunden bzw. Essen und auch nicht die falschen Abzweigungen, die ich nicht immer gleich bemerke, und zweitens folgte ich in Schweden der Rad-Nationalroute Nr. 1, dem „Kattegattleden“, der der Küste entlang alle Halbinseln ausfährt statt mancher von Komoot empfohlenen Abkürzung. Die durchschnittliche Etappenlänge betrug somit 92 km; bei meiner üblichen Geschwindigkeit von 20, 21 oder 22 (bei Rückenwind) km/h sind das unter fünf Stunden reine Fahrzeit pro Tag.

In Dänemark war ich vom Meer oft recht weit entfernt. Es ging wenig abwechslungsreich entlang von abgeernteten Feldern durch bäuerliche Szenerien, vorbei an hoch aufgetürmten Strohballen, an Höfen, Weiden mit Kühen, Schafen und Pferden. Wenn sich die Ostsee zeigte, legte ich gerne eine Pause ein wie in Horsens oder am Randers Fjord bei der kleinsten Fähre Dänemarks, auf die nur zwei PKW passen.

Im Folgenden einige typische Landschaftsbilder vom Radeln im Süden Dänemarks. Ich war weniger am Meer als gedacht, es dominierten Felder, Wiesen und Äcker:

Aarhus – eine Entdeckung

Besonders gefiel mir Aarhus, Europas Kulturhauptstadt des Jahres 2017 und zweite Station in Dänemark nach dem beschaulichen Kolding. An meinem Ankunftstag, Freitag, 29. August, begann ein einwöchiges Stadtfest. Meine Gastgeberin Pia war nach meinem Eintreffen im Stress, sie wollte zum Auftritt ihres Chorleiters, der im Jazz-Zelt als Leadsänger der Booze Brothers auftreten sollte. Ich stürzte mich nach der Dusche auch ins Feiergetümmel. Vor dem Stadttheater hatte sich eine festlich gekleidete Menschenmenge versammelt. „Worauf warten die?“, fragte ich eine Herumstehende. „Auf die frühere Königin Margrethe, die dieses Fest üblicherweise eröffnet und gleich aus dem Theater kommen soll. Sie ist eine starke Frau, ich mag sie sehr“, war die Antwort. Sie hatte 2024 im Alter von 83 nach 52 Jahren auf dem Thron zugunsten ihres Sohnes Frederik X. verzichtet, womit es derzeit keine einzige Königin weltweit mehr gibt.
Aarhus ist lebendig, voll interessanter Architektur, auf Insta/fb kürte ich die Stadt zu meinem favourite in Dänemark. Am Freitag herrschte in Aarhus tolle Stimmung, es gab feines Streetfood, Kostümierte und viele Hör-Plätze voller Musik. Ich folgte dem Tipp meiner Gastgeberin und lauschte mit wachsender Begeisterung den Blues-Brothers-Tönen ihres Chorleiters und seiner neun Mitmusizierenden: R’n’B und Soul vom Feinsten, mein kultureller Höhepunkt der Reise!

Eine große Musikbühne war auch in der zweiten Großstadt aufgebaut, die ich zwei Tage später erreichte: Aalborg, wo am Sonntag ein Stadtfest endete. Eigentlich müsste ich Ålborg (wie auch Århus) schreiben, denn im Zuge der dänischen Rechtschreibreform wurde 1948 der Digraph Aa durch den Buchstaben wie ein offenes O gesprochenes Å ersetzt; richtig wäre ja auch Øresund, nur gibt’s im Deutschen das Ø nicht, wir helfen uns da mit „Ö“. Auch bei der Aussprache haben die Dänen ihre Eigenheiten. Skagen z.B. sprechen sie „Skejn“ aus. Nicht umsonst sagte mir der aus Göteborg stammende Chef des sehr empfehlenswerten Toftegarden Guesthouse in Skagen, Schwedisch sei viel leichter erlernbar als Dänisch. Letzteres habe so seine Eigenheiten…

Landschaftlicher Höhepunkt der Reise

Apropos Skagen: Das war der landschaftliche Höhepunkt meiner Reise. Skagerrat und Kattegat fließen da zusammen, dahinter eine beeindruckende Dünenlandschaft ähnlich jener, die ich schon auf den friesischen Inseln bewundert hatte. Nach dem Abstellen des Fahrrads wanderte ich barfuß noch eine halbe Stunde zur geographischen Nordspitze Dänemarks, auf dem Globus so nördlich wie Inverness in Schottland oder Göteborg auf der anderen Seite des Kattegat (schwedisch Kattegatt). Die sonst hier auffindbaren Robben zeigten sich nicht, auch die Sonne versteckte sich, aber die Landschaft und der stramme Wind waren dennoch ein Erlebnis, das ich in einem Video den Lieben zuhause zu vermitteln suchte. Nicht zufällig ist hier einer der touristischen Hotspots Dänemarks.

Grenen heißt die Nordspitze Dänemarks, wo Skagerrat und Kattegat zusammenfließen

In Skagen passierte mir ein Lapsus: Ich wusste, dass sich im damals noch unscheinbaren Fischerdorf Ende des 19. Jht.s eine Künstlerkolonie, bestehend aus dänischen, schwedischen und norwegischen Malern, niedergelassen hatte und die Natur im Stil der Impressionisten verewigte. Das interessiert mich, dachte ich, und besuchte das Kystmuseet Skagen. Dort wurde allerdings nicht wie von mir vermutet über Kunst aufgeklärt. Dafür erfuhr ich über Fischerei, Bootsarten, Netze und das Dauerproblem Sandverwehungen mehr, als ich wissen wollte.

Mit der Fähre nach Schweden

Am 2. September, dem 7. Tag meiner Reise, wechselte ich als Passagier der Fähre von Frederikshavn (sprich: –„haun“) nach Göteborg, der zweitgrößten Stadt Schwedens. Hier plante ich zwei Übernachtungen, um meinem schon malträtierten Hintern eine Pause zu gönnen und um Wäsche zu waschen – wie auf allen bisherigen Zweiwochentouren.

Am „Ruhetag“ ließ ich mein Bike in der Garage des Hotels Lorensberg stehen und marschierte 20.000 Schritte durch die Innenstadt. Über Göteborg heißt es ja, hier werden keine Gedichte geschrieben, sondern Rechnungen. Dass Geschäftstüchtigkeit gegenüber Schöngeisterei die Nase vorn hat, konnte ich nicht nur in der Domkirka feststellen, die den Charme einer Lagerhalle hat. Breite Boulevards, eine Markt- und eine Fischhalle, die mehr Elitengastro als frische Lebensmittel bieten, ein „Szene-Viertel“ namens Haga, das im wesentlichen aus einer Touristengasse besteht und ein paar nette Geschäfte bietet; in einem davon kaufte ich einen (gut verpackten!) tönernen Leuchtturm als Mitbringsel für die Liebste daheim und als Symbol für unsere immer wieder flackernde, dann wieder hell aufstrahlende Liebe.
Im Café Husaren, das wohl in vielen Reiseführern wegen der hier riesigen „Hagabullen“ (Zimtschrecken) steht, posierten am Nebentisch niederländische Celebrity-Tussis vor TV-Kameras. Für eine Fernsehsendung? Für ihren Instagram-Blog? Mir war’s wurscht.

Gegenüber dem dänischen Hügelland kamen mir die Menschen hier viel verschlossener vor, kaum ein Lächeln auf den Straßen, im Frühstücksraum des Hotels müdes Schweigen. Großstadt halt, oder sind die Schweden generell distanzierter? In Dänemark konnte es schon mal passieren, dass ich bei einer Rast freundlich angesprochen wurde und sich daraus ein nettes Gespräch ergab (By the way: even old people are mostly able to speak fluent English). Oder noch besser: Ich fahre bergab auf einem für Radler offenen Fußweg, Jugendliche stehen im Weg. Ich klingle – und werde angelächelt statt wie wohl hierzulande mit bösen Blicken bedacht. In Dänemark werden Radfahrer, so mein Eindruck, mit einem Sympathievorschuss bedacht. Das zeigt sich auch bei Fahrradstreifen entlang größerer Straßen oder an durch einen Grünstreifen gesicherten Radweg, die die oft schnurgerade Verkehrswege begleiten.
Schweden legen mehr Wert auf Privatsphäre. Die Grundstücke sind eingezäunt, dahinter oft akkurat getrimmter Rasen und schmucke, von Blumen umgebene Häuschen, traditionell in Rot gehalten. An der Küste reichen die Grundstücke bis zum Meer, Zufahrtsstraßen enden als Sackgasse statt in einem Hafen mit Lokalen als Treffpunkte.

Von Göteborg (die Bilder oben zeigen die sehr hübschen Balkone in meinem Wohnviertel) nach Helsingborg führt der 390 km lange Kattegattleden, dessen roten Wegweisern ich fortan folgte. Die erste Etappe raus aus der Großstadt führte mich nach Frillesas. Dort dann am nächsten Tag ziemlich heftiger Regen, der laut Prognose stundenlang anhalten sollte. In Dänemark wurde ich bei einem plötzlichen Guss mitten in der Landschaft überrascht und ziemlich nass, bevor ich mich in die neongelbe Vaude-Regenjacke wickeln konnte. Die Schuhe und Socken wurden patschnass und es dauerte, bis erstere wieder trocken waren. Diesmal also besser gleich die Sandalen, Pass und Geldbörse im verschließbaren Plastiksackerl im Hüftgurt, Handy ebenfalls „verschweißt“ in der Brusttasche, Kappe unterm Helm diesmal nicht als Schutz vor der Sonne, sondern vor Regentropfen auf der Brille, die Fahrradtaschen unter der (sich als unzureichend herausstellenden) gelben Plane – so fuhr ich unter dem mitleidigen Blick des Gastgebers los. Frillesas – Halmstad wurde meine längste Etappe. 90 km in tlw. heftigem Regen, danach 30 bei aufklarendem Himmel bis zum Hotel. Von dort nochmal je 5 km zu einem Aussichtsplatz mit Sonnenuntergang an der Küste und retour. Ich schlief gut nach diesem Tag…

Radleridylle in Frillesas am Abend vor dem großen Regen

Der Weg zu meiner letzten Nächtigung in Schweden führte teilweise auf aufgelassenen Bahntrassen des „Cykelleden Skåne“, der nationalen Fahrradroute Nr. 2. Sehr schön. Auch der Aufenthalt in Båstad mit dem Besuch in einer Kirche, deren innovative Mariendarstellungen ich auf Insta teilte. Zum Frühstück fuhr ich nach Ängelholm, ein Städtchen, das ich erst kurz vor der Abreise in einer deutschen Rateshow kennengelernt hatte. Dort gibt es nämlich ein Frauenfußballteam, das eine Saison lang kein Spiel verlor und auch kein einziges Gegentor kassiert – und trotzdem die Meisterschaft nicht gewann. Kurz vor dem Küstenort Arild mit Meeresfrüchtepasta im Fiskhuset zeigte mein Display 24.000 Rad-km an, ein nettes Jubiläum, das sich zum Großteil aber der jahrelangen Fahrt zur Redaktion in der Wiener City verdankt und weniger den ausgedehnten Radtouren im Sommer.

Der 390 km lange Kattegattleden bietet viele schöne Ausblicke und macht stolz nach Absolvierung

Die Fähre von Helsingborg (wo ich mich vor der Kattegattleden-Infotafel fotografieren ließ) nach Helsingör führte mich wieder nach Dänemark. Anders als für Radler vorgesehen war ich aber nicht am Bug, sondern musste die 25 minütige Überfahrt eingeklemmt zwischen LKW im Heck des Riesenschiffes verbringen. Statt als erster verließ ich die Fähre somit als einer der letzten und schlenderte erstmal gemächlich durch die Fußgängerzone der Hafenstadt. Wie sich herausstellte, war mein Nachtquartier weit außerhalb des Zentrums in einem ruhigen Waldhäuschen. Von dort fuhr ich zum Abendessen nochmals zurück und genoss Fish and Chips in der urigen Axelbar.

Macht Reisen alleine überhaupt Spaß?

Das Essen alleine ist einer der Nachteile bei dieser Art des Reisens. Untertags beim Radeln meinem eigenen Rhythmus zu folgen, stehenzubleiben, wo es mir passt, im Sattel „On the road again“ von Canned Heat oder „Davy‘s on the road again“ von Manfred Mann zu trällern macht Spaß. Und es verschafft ein sonst nicht leicht so intensiv erlebbares Gefühl von Lebenslust und Freiheit, die Landstraße vor sich und den Wind im Rücken zu spüren. Aber abends hätte ich manchmal schon gerne Gesellschaft und jemanden zum Plaudern – trotz der täglichen Telefonate mit Claudia und den Todesfall-bedingt mehrmaligen Gesprächen mit meiner Mutter und den Geschwistern. Spätabends im Bett dann Online-Planung für den nächsten Tag, ein paar Partien Online-Spades und Lektüre, diesmal „Carol“ von Patricia Highsmith. Zwischen 23 und 24 Uhr Licht aus, gegen 7 aufwachen.
Ausnahme: das Gästehaus von Jesper und Merethe in Helsingör. Dort wachte ich auf, sah auf die Uhr und schreckte hoch. Was, schon 8.30 Uhr?! Um die Zeit sitze ich sonst längst fixfertig beim Frühstück oder bin unterwegs zu einem entsprechenden Lokal. Doch hier im Wald schlief ich wie ein Baby, der rücksichtsvolle Gastgeber hatte sogar sein Auto deutlich vor dem Zufahrtsweg mit knirschenden Steinchen geparkt.

Gefühle von Freiheit beim Alleinereisen

Ein Wort zu den Gastgeber:innen auf der Tour: Manche sind sehr kommunikativ, senden Willkommensgrüße und Nachrichten zuhauf und geben ihr Bestes, um dem Gast einen angenehmen Aufenthalt zu verschaffen. Andere wiederum sind viel weniger bemüht, verteilen Schimmelbriefe fürs Self-Check-in und lassen sich gar nicht blicken. In Rögby, meiner letzten Dänemark-Station etwa, bekam ich von Gastgeberin Solveig nur elendslange Instruktionen zum Einchecken, im Quartier selbst dann die Aufforderung, gleich mal die Schuhe auszuziehen, und das zugesicherte Frühstück wurde dann gar nicht geliefert. Mein „Dank“ war eine ehrliche Rückmeldung via Booking, wie ich auch sonst positiv über Hosts schreibe, die das verdienen. Mir selbst dienen die Erfahrungen von anderen als gute Grundlage für Buchungen.
Der nächste Tag – es war bereits der 8. September und mein 13. Reisetag – radelte ich erst an zwei leider montags geschlossenen Museen vorbei, die mir meine Augenärztin ans Herz gelegt hatte. Das Louisiana und das Karen-Blixen-Museum auf der Strecke nach Kopenhagen. In ersterem war meine Claudia schon mal, während meine Geschwister, Mutter und ich meinten, stattdessen besser über die Öresundbrücke nach Malmö zu fahren. Sie traf wohl die bessere Entscheidung.

Kopenhagen kannte ich schon etwas von diesem mehrtägigen Familienausflug anlässlich Mutters 75er. Konnte mich aber nur an wenig erinnern. Mein Nachtquartier lag in Köge, ich nahm mir also nur gute 3 Stunden Zeit für ein Speed-Sightseeing mit Kastellet, Rosenborg-Schloss und Garten, Fußgängerzone mit schon mal bestiegenem Turm und einem Imbiss im „Freistaat“ Cristiania. Das Radeln in die vermeintliche Vorstadt von Kopenhagen, Köge, dauerte dann nochmal mehr als zwei Stunden, die letzten 30 km neben einer schnurgeraden Hauptstraße. Bei Gastgeber Kjeld dann das übliche Ankommens-Ritual: raus aus der Radlerkluft, duschen, rein in die einzige lange Hose und in den Merinosweater, auf Google Maps nach Restaurants schauen, dort die Speisekarte übersetzen (lassen). In Köge gab’s ein tolles Dinnermenü um 300 Kronen (dividiert durch 13 = Euro).
Geld wechselte ich auf der gesamte Reise nur einmal – und das war unnötig, denn ich hätte alles mit Karte bezahlen können. Ist in Skandinavien viel üblicher als bei uns und sehr praktisch.
Die letzte Radlertage in Dänemark führten mich weg von der Hauptinsel Själland auf zwei andere: Mön und Lolland. Ich fuhr in Faxe Ladeplads durch und konnte mir die Blödelei auf Insta nicht verkneifen, dieser Ort sei schöner als Halvarhausen und Snorrestetten, werde aber doch getoppt von Wickingen… Bei einer Kaffeepause in Vordingborg in einem Blumengeschäft fragte ich die hübsche Kellnerin: „Does it work, your concept to sell flowers AND coffee?“ Ja, tut es, so die Antwort mit dem Hinweis auf eine ältere strickende Dame, die den Laden offenbar als ihr zweites Wohnzimmer nutzt.
Zwischen den genannten drei Inseln und einer vierten namens Falster gibt es beeindruckende Brücken, die zu überqueren für Radler spannend sind. Meine nächste sollte eine deutsche Insel sein. Fehmarn, wieder nur mit (meiner vierten) Fähre zu erreichen.

Über diese Brücke ging’s auf die Insel Mön

Davor eine letzte Nacht in Dänemark, die mir den Abschied leicht machte: In Rögby kurz vor Rögbyhavn ist tote Hose. Mehr geschlossene als offene Lokale, Leerstände in der Stadt, außer dem Netto-Supermarkt gibt es laut meinem holländischen Zimmernachbarn hier nichts.

Ein australischer Engel in Deutschland

Am 11. September wieder in Deutschland. Puttgarden. Frühstück im netten Hauptort Fehmarns, Burg, dann weiter Richtung Festland und Heiligenhafen. Seit Frillesas herrschte meist sonniges Wetter. Ich hatte inzwischen die typische Radlerbräune. Halber Oberschenken braun, ebenso Unterarme und Gesicht bis auf zwei hellere Streifen wegen der Helmgurte neben den Ohren. Meine Lust auf Heimkehr stieg mit der Annäherung an Hamburg, und auch mein Rad machte Mucken: Das Cannondale, obwohl vor der Abreise och mit Spray behandelt, quietschte und zwitscherte inzwischen so, dass ich um Zahnkranz, Kette oder gar Motor fürchtete. Bekommst eh dein Service, Schwarzer, noch zwei Tage durchhalten, schrieb ich in mein Reisetagebuch – kurz, bevor der rettende Engel kam, dessen Namen ich nichtmal weiß: Er ist Australier und radelt seit Wochen durch Indonesien und Japan, dann Flug nach London und weiter am europäischen Festland mit Ziel Spanien und weiter nach Kenia (!), wo sein bester Freund wohnt. Ich hatte ihn bereits auf der Fähre nach Puttgarden kennengelernt, nun stand er 30 km davon entfernt vor einem Fahrradladen, in dem ich mir Schmieröl besorgen wollte. Da hat er etwas viel Besseres, meinte der bärtige, etwa 30-jährige Aussie und schenkte mir eine fast leere Tube mit einer weißliche Gleitflüssigkeit, die meine Kette dann wieder schnurren ließ wie ein Kätzchen. Alles Gute, Weltenbummler, und danke nochmal!

Alpha- und Omegastadt meiner Radtour: Hamburg, hier an der Außenalster

Mein letztes Radlerquartier war idyllisch und eine Wiedergutmachung für Rögby: Ich bezog für eine Nacht einen Planwagen, der in einem Garten mit Blumen und Apfelbäumen nahe von Neustadt in Holstein abgestellt ist. Gastgeberin Johanna (71) war die netteste von allen, das Schlafen im Biobett des Wagens nur durch morgendliches Kikeriki gestört. Früh um 8 brach ich zur letzten 100-km-Etappe nach Hamburg auf. Unterwegs gab’s nicht viel zu sehen, somit war ich um 14 Uhr schon im Stadtgebiet. In der Hansestadt war ich schon mehrmals, die paar Stunden bis zur Abfahrt meines Nachtzugs verbrachte ich an Appelhofweiher, Außenalster, Alstermündung mit Speicherstadt, Mönckebergstraße mit letztem Fischessen bei Steffen Hensslers „Ahoi“ und Mitbringsel-Einkäufen: Labskaus, Sprotten und Grünkohl in Dosen, dann noch im Buchladen am Hauptbahnhof Ersatzlektüre für die fertiggelesene „Carol“. Ich entschied mich für „Über Menschen“, meine erste Juli Zeh.
Im Zug postete ich noch vier Fotos von vier verschiedenen Tierleichen, die mir auf der Reise aufgefallen waren, darunter ein Reh und ein Waschbär (?). Radeln fordert keine solchen Kollateralschäden, ist eine sanfte Form des Reisens, die ich wohl beibehalten werde, solange ich fit bleibe… es locken Flandern, die Toskana und Umbrien, Istrien mit Parenzana, vielleicht die Elbe entlang – mal sehen. Kommt Zeit, kommt Rad

Wer weiß, qui sait, who knows, chi lo sa, tko zna – wohin die nächste Reise geht…

Urlaubswoche im JUFA Erlaufsee (14.-21.8.)

Im Vorjahr war es noch (gemäß der Ursprungsidee) ein Familienurlaub mit Kindern, Enkeln, Neffen, Bruder, sogar Zwillingen vom Exmann der Liebsten. Heuer bleiben von der JUFA-Besetzung 2024 nur noch wir beide und Lisa/Stefan und deren mittlerweile 4 Kinder zwischen 6 Jahren und 3 Monaten übrig. Statt nach Fürstenfeld ging’s heuer zum Erlaufsee ins Mariazellerland, wo wir mit meinen 3 Enkeln bereits vor 4 Jahren (im JUFA Siegmundsberg) urlaubten.
Die JUFA-Hotels sind ja zuletzt in finanzielle Turbulenzen geraten. Ein Investor muss den Fortbestand des (zu?) rasch gewachsenen Unternehmens sichern. Und das merkt man am Personal: Chaos bei Buchungsänderungen (wegen Erkrankung der Enkel mussten Zimmer storniert werden), Chaos beim Frühstücksbuffet (fehlende Butter, Tassen), überfordertes Management (neben Administration noch Getränke ausschenken??). Hoffentlich ist all das unter neuer Führung bald im Griff, sonst: JUFA ade.

Das Haus liegt am Ortsrand von Mariazell, zum Erlaufsee sind’s zu Fuß etwa 25 Minuten, mit dem Auto gute fünf. Am Wochenende kann’s bei Schönwetter auf dem Parkplatz dann schon mal eng werden. Das klare Seewasser hat rund 20 Grad, ich war also wenig schwimmen. Einmal lief ich rund um den See, was deutlich anspruchsvoller war als ich’s von der Alten Donau gewohnt bin. Highlights waren die Wanderung durch die Ötschergräben mit Stefan und Mathis (6), die ich alleine noch bis zur Erlaufstauseeschänke verlängerte – 18.000 Schritte an diesem Tag – und der Ausflug auf die Gemeindealpe mit herrlicher Rundumsicht und Runterdüsen mit Mountain Carts auf Schotterstraßen.

Relaxen zu zweit auf der Gemeindealpe

Beim Kickerl in der Sporthalle merke ich voranschreitendes Alter: Wie schon im Vorjahr zwickten die Adduktoren. Schonender war da schon das Yannis-Schaukeln auf den Oberschenkeln und dafür mit einem herzigen Baby-Lächeln belohnt werden. Auch Claudia widmete sich intensiv der Kinderbetreuung, „Großeltern“ dabei zu haben ist für die meisten Eltern schon ein dickes Plus.
Eine Entdeckung war die „Wuchtlwirtin“ auf dem Traisenradweg unweit von Mariazell: Hausmannskost vom Feinsten und riesige Buchteln mit Vanillesoße – köstlich!
Die beiden letzten Tage kamen Freunde von Stefan/Lisa nach; eine fünfköpfige Familie aus Tirol; die Freiräume nutzten Claudia und ich für Paarunternehmungen. Auf dem Rückweg dann noch ein kleiner Umweg zu Muttern nach Kapfenberg.
Fazit: schöne Gegend, Quartier mit Verbesserungsbedarf, Besetzung gemessen an der Ursprungsidee zu dünn… das Projekt „Familienurlaub“ bedarf einer Neukonzeption.

Radtour Mürzzuschlag – Mariazell – St. Pölten, 23./24.7.25

Die Wetterprognose war schauerlich: Viel Regen sei in diesem feuchten Sommer mit bisher eher kurzen Hitzeperioden zu rechnen. Ich hatte aber schon länger die Zuganreise nach Mürzzuschlag und die Rückreise von St. Pölten geplant und auch das Nachtquartier in Mariazell schon reserviert. Ob am zweiten Tag dann auch Freund Heinrich und andere Mitglieder der WhatsApp-Gruppe „geRADeaus“ den Traisenradweg entlang dabei sind, würde sich zeigen.

Empfehlenswerte Tour – Start- und Endpunkt von Wien aus gut erreichbar

Feucht wurde es bereits kurz nach dem Losfahren in Wien, also nahm ich die U-Bahn zum Hauptbahnhof. Der Mürztalradweg ab Mürzzuschlag war nass wie nach heftigem Regen, der Himmel noch düster, aber die Strecke bis Mürzsteg gut ausgebaut, sehr angenehm. Münsterbesuch und Kaffeestop in Neuberg, 550 Höhenmeter ging’s dann rauf zum Niederalpl und zu einem jener Skigebiete auf 1220m, die dem Klimawandel zum Opfer fallen (werden). Mit bis zu 70 Sachen dann runter nach Wegscheid, danach nordwärts Richtung Marienwallfahrtsort, bei angenehmen Temperaturen knapp über 20 Grad. Vorbei am JUFA Sigmundsberg, wo Claudia und die drei Enkelsöhne bereits einmal urlaubten, dann die letzte Steigung rauf nach Mariazell bei immer mehr aufklarendem Himmel.
Ich bezog mein Zimmer in der Magnus Klause und brach bald nochmals auf, zum Erlaufsee und dem naheliegenden JUFA, wo wir in drei Wochen in größerer Besetzung sein werden. Und ich war ziemlich angetan von diesem Familienhotel: sehr verkehrsberuhigt im Grünen, viele Sportmöglichkeiten indoor und outdoor, ein ruhiger Innenhof mit Wiese und Kinderspielplatz, Fitnessraum, Bouldern, Kickfelder, freundliches Personal. Der Erlaufsee ist halt leider nicht in unmittelbarer Nähe. Zu Fuß eine halbe Stunde (wobei ich einen Fußweg im Wald entdeckte), mit dem Rad ca. 10 min, per Auto die Hälfte. Dort dann strahlender Sonnenschein und doch recht viele Badende im kristallklaren Wasser.

Abends dann fein Speisen im noblem Brauhaus Mariazell: Mir wurde allein ein Vierertisch zugewiesen, auf Nachfrage erklärte ich mich einverstanden, etwaige Tischnachbarn zu bekommen – und bald gesellte sich Leonard, ein nach Songwriter Cohen benannter Vorarlberger Fußwallfahrer, zu mir. Wir kamen ins Gespräch, und es zeigte sich, dass dabei die Leut‘ z’sammkommen: Leonard, ein studierter Wirtschafter und Berufsschul-Quereinsteiger, wird im nächsten Schuljahr „RuR“ unterrichten, also Schüler:innen unterschiedlichen religiösen Bekenntnisses eine Art Religionskunde. Darauf haben sich verschiedene christliche Konfessionen und die Aleviten in Vorarlberg und auch in Tirol geeinigt. Was für eine passende Ergänzung zu meinen Recherchen über interreligiösen Religionsunterricht, an dem ich gerade dran bin!
Am nächsten Morgen ein banger Blick aus dem Hotelzimmer. Der Himmel schwarzbewölkt, ein Anruf bei Heinrich in der Mariazellerbahn ergab aber: Vier unerschrockene Radler – zwei weniger als geplant – würden ab 11h die Traisen entlang radeln. Bis zum Treffpunkt am Bahnhof besuchte ich noch die Basilika, wo gerade einer der vielen Pilgergottesdienste gefeiert wurde. Dann begrüßte ich am Bahnhof meinen alten Freund Heinrich sowie die Jungpensionisten Paul und Thomas, letzterer sogar als einziger ohne E-Bike unterwegs. Was sich trotz des langen Anstiegs nach Gscheid nicht in langen Wartezeiten bemerkbar machte – der Mann ist superfit. Und die Strecke erst im Rechengraben, dann am Hubertussee und an der Wuchtlwirtin vorbei und ab St. Ägyd die Traisen entlang herrlich. Durch die vielen, teilweise steilen Bergabpassagen machten wir Tempo: 23,5 km/h Schnitt sollte das Display schließlich in St. Pölten anzeigen – so flott war ich bei einer 90km-Tour noch nie unterwegs. Daran änderte auch eine unliebsame Premiere (erster Bienenstich während des Radfahrens) nichts.
Mit dem Wetter hatten wir Glück: Es gab zwar einen heftigen Regenguss, aber zu einem Zeitpunkt, als wir in Lilienfeld zu Mittag aßen und bei Kaffee zuwarteten, bis es wieder aufklarte. Negativ überrascht war ich nur von meiner angeblich regendichten „Mi Velo“-Radtasche. Durch die beiden Reißverschlüsse vorne beim kleinen Fach und hinten für die Tragegurte dran ganz schön viel Wasser ein.


Gegen 17.30 Uhr waren wir in St. Pölten, Thomas und Paul verabschiedeten sich, ich blieb noch bis zur Railjet-Abfahrt um 19.03 bei Heinrich. Nass wurde meine Regenjacke erst, als ich beim Donauzentrum aus der U1 stieg…

„Tud dret“ – alles bestens – auf Santo Antao

Es war eine Premiere: Noch nie hatte Lena Ehrlich, Chefin der Agentur „Aventura“ und unsere Begleiterin für knapp zwei Wochen, die Tour „Santo Antao zu Fuß“ mit einer „Wikinger“-Gruppe in Angriff genommen. Und andere Guides, denen sie von der geplanten Route erzählte, meinten, das sei verrückt: Die Teilnehmer würden ihr zusammenbrechen angesichts von Tagesetappen bis zu zehn Stunden.
„Ihr werdet an eure Grenzen kommen, physisch und psychisch“, kündigte (drohte?) die 36-jährige, seit elf Jahren in Mindelo auf Sao Vicente lebende Braunschweigerin augenzwinkernd an. Aber die Belohnung würde reichhaltig sein: wunderbare Landschaften auf der nördlichsten, fruchtbarsten Insel der Kapverden, und Begegnungen mit offenen, vom Massentourismus unbehelligten Menschen, unvergessliche Eindrücke einer lebensfrohen Kultur abseits mitteleuropäischer Alltagsroutine.
Lena sollte recht behalten. Es wurde anstrengend, die Wanderstrecke – oft vom Meeresniveau 1.500 Höhenmeter rauf bis zum Nachtquartier und umgekehrt – wurde zwar nicht zur „Tortour“, aber allemal Anlass für Muskelkater und schwere Beine. Wer im Urlaub Erholung sucht im Sinn von relaxen und mit hochgelagerten Füßen Caipirinha schlürfen, ist hier fehl am Platz. Aber erholen kann ich mich zuhause auch, sage ich immer; im Urlaub suche ich ungleich lieber die Herausforderung, im Schweiße meines Angesichts fremde Länder und deren BewohnerInnen zu erkunden – zu erwandern, per pedes. Auf Santo Antao geht das bestens.

Guide Lena erläutert die nächste Etappe auf Santo Antao

Aber der Reihe nach…
Ich, Journalist aus Wien, war sowas wie der „Quotenösi“ in einer 13-köpfigen Gruppe mit sonst lauter Deutschen. Anfangs will man ja nicht keck sein, aber später meinte ich zur Besetzung: eine österreichische Gruppe mit deutscher Beteiligung ;-). Erste Kontaktaufnahme am winzigen Flughafen von Mindelo nach der Anreise aus Lissabon, dann per Bus ins Hotel namens Che Guevara (der hier fast so hoch im Kurs steht wie Bob Marley oder die „Nationalheilige“ Cesaria Evora), dann ein Begrüßungsdrink am nahen Strand. Ich und einige andere stürzten uns in den 20 Grad warmen und trotz der geschützten Bucht von Mindelo recht bewegten Atlantik – es sollte mein einziges Ozeanbad auf der Reise werden, denn Santo Antao hat felsige Strände mit hohem Seegang.
Am zweiten Tag Überfahrt mit der Fähre von Sao Vicente zum Hauptort Porto Novo auf Santo Antao, Trinkwasser kaufen, Bustransfer nach Alto Mira III rauf in die Berge, vorbei am höchsten Berg Tope de Coroa (1979m). Und los ging’s, „nobai!“, wie Lena und unser zweiter, einheimischer Führer Jandir immer wieder zum Aufbruch riefen – an diesem ersten Halbtag und an den folgenden. „Die hochgebirgige Insel vulkanischen Ursprungs ist geprägt von Gebirgslandschaften mit tief eingeschnittenen Erosionstälern … junge Vulkane mit weiten Caldeiras, weitläufige weißglänzende Puzzolan-Hügel (Magma-Gestein, Anm.) und Hunderte von Metern hohe Basaltfelsen bilden dramatische Vulkanlandschaften“, heißt es in wikipedia. „Dramatisch“? Ja! Jedenfalls faszinierend, wunderschön und immer wieder zum Stehenbleiben und Staunen einladend.
Die Namen der passierten Orte werden demgegenüber nachrangig, ich vergesse sie ja doch wieder, Ribeira da Cruz, Ribeira das Patas, Figueiras, Cha de Igreja, Espongeiro, Vila das Pombas und wie sie alle hießen. Nur Ponta do Sol werde ich mir merken, wunderbar gelegen am nördlichsten Punkt der Insel, atlantikumtost, mit netten Lokalen und dem besten Essen der Reise im „Caleta“ dem Restaurant einer korsischen Maitresse (?) de Cuisine, die einheimische und europäische Kulinarik virtuos kombiniert.
Und was ich ganz sicher nicht vergessen werde, weil es unvergesslich ist: der Abstieg am dritten Tag, 800 Meter die Vulkankraterwand der Bordeira de Norte hinunter auf einem supersteilen Serpentinenpfad, in wohl mühsamster Arbeit gepflastert wie viele Wege auf der Insel. Wir mäanderten uns abwärts, tief unter uns das Ziel, ein Hotel in Ribeira das Patas, Felder mit Papayas, Bananen und Mangos und weiter im Hintergrund der Atlantik im Abenddunst.

Von nun an ging’s bergab – und mit was für einer Aussicht!

Oder: das hastige Hüpfen über Felsen und Steine am Strand, vor der Ankunft in Cha de Igreja, einige hundert Meter flankiert vom wilden Ozean, der einigen von uns die Beine bis hoch zu den Shorts benetzte. Guide Jandir meinte davor, es sei wegen der wilden Brandung nie ganz sicher, ob die Stelle passierbar ist, aber versuchen würden wir’s, denn der Umweg würde uns mehr als zwei Stunden kosten. Und es ging, auch wenn für einen meeresungewohnten Österreicher wie mich die Wucht der Wellen ein echter Thrill war. Jandir, ein Modellathlet und Twen, der demnächst Vater wird, eilte nochmals zurück, um die Nachzügler ebenfalls sicher durch die Gischt zu begleiten.
Ein weiteres Highlight war der spektakuläre Küstenweg entlang der Steilküste am Tag darauf: manchmal zehn, dann wieder 50 Meter über dem Wasser; am Ende kurz vor dem Dorf Fontainhas ein sich den Fels hinaufwindender Kreuzweg mit den 14 Leidensstationen Christi (wie passend kurz vor Ostern), den – wie Lena erzählte – manche Einheimische in solidarischer Buße auf Knien bewältigen.

In der Bildmitte der Küstenweg, ganz rechts ein Abschnitt mit den Langsameren unserer Gruppe

Der Schweiß floss bei uns allen in Strömen. Obwohl Anfang April, hatte es tagsüber um die 25 Grad. Sonnencreme ist ein Muss; bei mir schälte sich dennoch die Haut im ausgesetzten Nacken und an der Ohrenoberseite. In den Pausen suchten wir Schattenplätze, tranken das mitgeschleppte Wasser (Lenas stereotype tägliche Ankündigung: „So drei bis vier Liter werdet Ihr schon brauchen!“), aßen das vom jeweiligen Nachtquartiergeber in Tupperware abgefüllte, einfache, aber nahrhafte Mittagessen oder die von unseren Guides ausgeteilten Kekse (die man ohne viel Flüssigkeit nicht runterbringt).
Zu schleppen gab’s außer Wasser und Nahrung nicht viel. Unser Hauptgepäck (mit viel zu viel warmem Zeug) wurde fast immer per Bus zum nächsten Nachtquartier gebracht; nur einmal, als wir im engen, straßenlosen Figueiras-Tal in einer Schule übernachteten, mussten wir Schlafsack und Wechselkleidung mitnehmen. Dort verzichteten die meisten übrigens darauf, den Klassenraum als Lager zu nutzen – auch ich legte die mir zuteilte Matratze auf dem betonierten Schulhof auf und schlief bei angenehmen Temperaturen unter freiem, von Straßenbeleuchtung ungetrübten Sternenhimmel. Geweckt wurden wir – wie auch sonst oft – vom Kikeriki der Hähne, das lange vor dem Morgengrauen einsetzt, und vom Kläffen der Hunde. Aber müde Wanderer lernen das wie auch das Geschnarche zu ignorieren. Oder nehmen Ohropax.
Wir gingen nicht nur wegen der Anstrengung meist früh zu Bett, auch, weil nach Sonnenuntergang nicht mehr viel los ist, und weil die Zeitdifferenz von drei Stunden zur MEZ frühes Schlafen bzw. Aufstehen nahelegt. Abends gab es in Restaurants am Ankunftsort die beste Mahlzeit des Tages. Viel Fisch (für einen meeresungewohnten Österreicher heißt das viel Grätenklauberei), öfters Hühnchen, als Beilagen Salat, Reis, Kartoffeln, Yams, Maniok, Brotfrucht, Gemüse und „Cachupa“ – der Mais-Bohnen-Eintopf ist das Nationalgericht der Kapverden; dazu das einheimische Strela-Kriola-Bier oder das aus Portugal bekannte Super Bock, seltener Wein (Vinho Verde ebenfalls aus Portugal) oder Fruchtsäfte in Dosen. Das Frühstück fällt dagegen ab: eher fade Brötchen, geschmacksarmer Ziegenfrischkäse, dazu die unvermeidliche Papaya-Marmelade. Manchmal Omelett. Immer Bananen – auch als Zwischendurchmahlzeit bewährt.
Zu den milchkaffeebraunen bis schwarzafrikanisch aussehenden Menschen auf Santo Antao: Da hier der Tourismus noch im Entstehen ist, wurden wir als weiße, offensichtlich Fremde in den Dörfern neugierig beäugt, aber immer wieder freundlich gegrüßt. „Bon dia!“ bis Mittag, danach „Boa tarde!“ hören wir oft und sagen es bald selbst. Auch das allgegenwärtige „tud dret!“ – alles bestens“ – hatten wir bald im Ohr. Obwohl die Leute gelassener sind als bei uns zuhause, gibt es viel zu tun: Die Felder sind oft viele (Höhen-)Meter weit vom Haus entfernt, der trockene Boden, dem Vulkanland in pitoresken Terrassen abgerungen, erfordert ausgeklügelte Bewässerungssysteme und viel Arbeitseinsatz. Esel helfen beim Bewältigen schwerer Lasten, ihre Treiber daneben laufen oft mit unzureichendem Schuhwerk, sogar mit Flipflops – und waren durchwegs schneller als wir mit unseren teuren Wanderschuhen.

Und wieder eine dieser unfassbar schönen Landschaften…

Was auffällt: Schon kleine Mädchen und erst recht junge Frauen haben aufwendige Frisuren mit kunstvoll geflochtenen Zöpfchen, machen sich so schick es die Brieftasche erlaubt. Später dann werden sie als verheiratete Frauen schwere Körbe, Bündel und Zuckerrohrstangen auf dem Kopf balancieren – was man bei Männern nie sieht. Ja, es gibt Machismo auf den Kapverden, meinte Lena dazu. Unsere Führerin, einKommunikationstalent sonder gleichen, ist mit Frauen wie Männern rasch vertraut, oft begrüßte sie jemand mit Umarmung und Bussi, gefolgt von einem kleinen Schwatz. Kein Wunder, hat sie doch in Santo Antao einige Zeit gelebt und in der Zuckerrohrverarbeitung auf dem Biobauernhof eines ausgewanderten Niederösterreichers gearbeitet, bevor sie ihre Agentur auf- und ausbaute. Und wenn etwas beim Service nicht passt, macht sie den Inhabern schon mal Beine, geht z.B. in die Küche und fragt, warum das Essen so lange auf sich warten lässt.
Die Musik auf den Kapverden darf nicht unerwähnt bleiben, die Menschen dort haben eine sichtliche – nein: hörbare – Freude daran. In so manchem abgeschiedenen Dorf ertönt eine Beschallung, als müsste ein Fußballstadion bespielt werden. Oder ging es nur darum, dass sich die Arbeiter auf den Feldern trotz großer Entfernung zum Wohnhaus im Rhythmus wiegen wollen? Auch in Restaurants ist Tischmusik live gespielt nicht unüblich und angenehm anzuhören (sofern es nicht wie in Mindelo in einen Lautstärkewettstreit zwischen einer Capoeira-Schule und einer Easy-Listening-Combo ausartet).
Musikalischer Höhepunkt der Reise war nicht der Besuch im Museum der 2011 verstorbenen großartigen Cesaria Evora, sondern bei Luis Baptista in seiner Werkstatt für Saiteninstrumente und Gitarrenschule in Mindelo. Sein Vater war ein berühmter Musiker, und gemeinsam mit einigen seiner Geschwister und Mitarbeitern bewies Luis, dass auch er ein großer Könner und Kenner sämtlicher Musikstile der Kapverden ist. Das Konzert des sechsköpfigen Ensembles mit Gitarren, Percussion und Gesang ließ unsere inzwischen muskulär aufgerüsteten Beine im Takt mitwippen. Lena kaperte vor dem Abflug von Sao Vicente nach Praia einen CD-Laden am Flughafen und präsentierte uns einige musikalische Must-haves bzw. Must-hears. Ich empfehle Lura, eine gebürtige Portugiesin und derzeit ein großer Star auf den Kapverden, stellvertretend für viele großartige Musiker auf diesen Inseln mit insgesamt nur 530.000 Einwohnern.

Die Kapverden haben nicht nur für die Augen, sondern auch für die Ohren viel zu bieten.

Lena liebt dieses Land, das ist offensichtlich. Darum will sie es auch nach vorne bringen, die Menschen dazu anhalten, ihre touristischen Angebote so qualitätsvoll wie möglich zu gestalten. Oft machte sie sich Notizen, was bei der nächsten Wandertour besser sein sollte. Und vermittelt ihre Anregungen offensichtlich so, dass sich die Adressaten nicht blamiert oder gar brüskiert fühlen. Lenas Tipps verdanke ich einen Liter hochwertige Melasse, die jetzt bei mir im Kühlschrank steht und das morgendliche Müsli aufbessert; weiters ein Fläschchen 77-prozentigen Grogue, der sich bestens mit Fruchtsaft mixen lässt und auf den Inseln zu jeder Gelegenheit gereicht wird.
Und Lena legte auch die Schienen zu einer fakultativen Extratour: Canyoning nahe des fruchtbaren Paul-Tales am Tag vor der Rückreise nach Sao Vicente. Dass hier in einer Schlucht außerhalb der Regenzeit (Juni bis Oktober) Wasser fließen könnte, erschien uns nach den bisherigen Erfahrungen unwahrscheinlich. Jedenfalls sollten wir Sportschuhe anziehen, die nass werden durften – und sie wurden richtig nass. Denn nach einem rund einstündigen Aufstieg traten acht von unserer Gruppe, die 75 Euro in das Abenteuer investierten, in einen Bach, der über mehrere Felsstufen – bis zu 18 Meter tief – zu Tal stürzte. Und wir neben, in und tlw. unter dem Wasser am Seil, alle schön der Reihe nach mit Helmen, Neoprenanzug und Karabinern am Gürtel. Es kostet schon Überwindung, sich im fast 90-Grad-Winkel zur Wand abzuseilen, aber es ist ein Thrill, der Spaß macht. Danach – typisch kapverdianisch – erst mal ein gemeinsames Mittagessen mit den beiden Guides und dem dazugestoßenen Rest unserer Gruppe, erst ganz zum Schluss die Bezahlung.
Es war ein billiger Urlaub, soll heißen: Vor Ort brauchten wir nicht viel Geld. Es blieben ja auch nur zweimal Essen sowie die zu jedem Mahl konsumierten Getränke außerhalb der inkludierten Leistungen. Ich wechselte im Lauf der beiden Wochen 200 Euro und kam damit durch; sogar für Mitbringsel langte es.
Auf der letzten Wanderung auf Santo Antao im grünen Paul-Tal begegneten wir einer alten Frau, die uns ansprach. Lena übersetzte: „Ich wünsche euch eine gute Reise und ein glückliches Leben!“ Mit so einem Reisesegen kann ja gar nichts mehr schiefgehen, merkte ich an.
Mit der Rückfahrt auf der windigen Fähre von Porto Novo nach Mindelo endete die eingangs beschriebene Premiere. Die noch verbleibenden drei Tage in Mindelo und in der Hauptstadt Praia wirken nachträglich etwas aufgepfropft. Aber um auch andere Inseln als Santo Antao richtig kennen und lieben zu lernen ist ja ein weiterer Besuch auf diesen charmanten Fleckchen mitten im Ozean möglich… Nobai!

Ein Kontrastprogramm zur bunten Glitzerwelt europäischer Städte mit ihrem Verkehrslärm

Grödnertal, 21.-27.7.25

Hinfahrt übers deutsche Eck, retour dann über Kärnten.

Südtirol – das klingt nach großartigen Berglandschaften mit vielen Wandermöglichkeiten und einer Küche, die Tiroler Bodenständigkeit mit italienischer Finesse verbindet. Und wir wurden nicht enttäuscht: Das familiengeführte Hotel Grien hoch über St. Ulrich, dem Hauptort des Grödnertals, bietet Luxus zu einem fairen Preis. Wobei: Wir nutzten einen vor drei Jahren erworbenen Gutschein, der unseren HP-Aufenthalt mehr als preiswert machte. Die Wirtsleute Rainer und Monika Avesani legen bei den reichhaltigen Mahlzeiten, im (von uns wegen der Hitze ungenutzten) Wellnessbereich und bei der Zimmer- und Gartengestaltung Wert auf Qualität. Von unserem Hotelzimmer aus ein grandioser Blick auf den wie eine Bischofsmütze hoch aufragenden Langkofel und dahinter die Weltcup-Abfahrtsstrecke von der Saslong. Der Hotelbus mit dem supernetten nordmazedonischen Fahrer Hasim brachte uns in den Ortskern, zu den Bergbahnen auf die Seceda und auf die Seiser Alm.

Blick vom Hotel Grien aus auf den Langkofel

Aber der Reihe nach. Am Samstagfrüh Aufbruch, ca. siebenstündige Fahrt via Salzburg, Innsbruck, Brenner nach Sterzing, wo wir in der Neu- bzw. Altstadt, wie die zentrale, durch den alten Stadtturm getrennte Fußgängerzone heißt, eine Kaffee- und Einkaufsrast machten. Das Wetter so, wie es den Rest der Woche bleiben sollte: sommerlich warm und auch auf Höhe der 5.000-Einwohner-Marktgemeinde St. Ulrich mehrmals über 30 Grad heiß.

Seceda und Seiser Alm – HÖHEpunkte des Urlaubs

Unsere erste Unternehmung führte mit der Seceda-Bahn auf 2500 Meter Seehöhe und an Plätze, von denen man rundum die Bergwelt der Dolomiten bewundern kann. Unsere Gastgeberin Monika hatte gemeint, es gebe dort eine knieschonende Rundwanderung zur Seilbahn, die dann wieder hinunter nach St. Christina führt. Nun ja, schonend vielleicht für sie, vor allem für die etwas kniemarode Claudia war es eine ziemliche Challenge, der Kreuzbandeinriss vom Vorjahr und die Knorpelabnützung machten sich in den nächsten Tagen bemerkbar. Und auch ich hatte nach dem überwiegend Bergabgehen leichten Muskelkater – Joggen in der Ebene ist halt eine sehr andere Belastung. Doch die Ausblicke entschädigten für alle folgenden Wehwehchen. Dazu blühender Enzian, spektakuläre Felsformationen, schwebende Paraglider, köstliche Käseknödel mit Krautsalat auf der Troieralm u.a.m. Kein Wunder, dass sich zig Tourist:innen all das nicht entgehen lassen. Überrepräsentiert solche aus Ostasien, die gefühlt jeden Grashalm fotografieren (sofern sie mit dem Posíeren in Brautkleidung fertig sind).

Wir schafften laut Handyzähler 19.000 Schritte in etwa drei Stunden reiner Gehzeit. Die letzte Etappe führte von der Talstation in St. Christina zum Bus, der uns zurück nach St. Ulrich brachte – vorbei am Hotel von Isolde Kostner, die wie Luis Trenker und Giorgio Moroder ein Spross des Grödnertals ist.
Dazu eine Kuriosität: mehr als 270 Einwohner:innen St. Ulrichs heißen Moroder, je mehr als 200 Demetz oder Kostner. Dem Bergsteiger und Filmemacher Luis Trenker ist in seiner Heimatstadt aktuell eine Ausstellung gewidmet, eine weitere zeigt kunstvolle Holzschnitzereien aus dem Grödnertal, viele davon mit sakralen Motiven.
Am Montag war Erholung und Schonung nach der Vortagsbergtour angesagt. Claudia und ich spazierten durch St. Ulrich, wie fast immer hieß es „due cappuccini per favore“ (wobei hier auch fast alle Deutsch sprechen). Angesichts der Mühe, die Claudia mit dem Stiegensteigen hatte, empfahl sich auch am Dienstag der Verzicht auf eine Bergwanderung – wir besuchten, wie schon vor drei Jahren anlässlich meiner Südtirol-Drautal-Radtour – Bozen. Bei wieder großer Hitze flanierten wir durch die hübsche Innenstadt. Claudia erwarb ein fesches Ensemble mit Hose, Sakko und Leibchen, dazu eine Weste. Süditalienische Atmosphäre genossen wir in der Osteria Dai Carretai (Empfehlung!). In der reichhaltig bestückten Gärtnerei Schullian kauften wir Balkonpflanzen und Zitronenbäumchen. Bei einem weiteren Stopp im Eurospar von Bozen wurden wieder mal Unterschiede bei der Kauflust von Claudia und mir offensichtlich, Mitbringsel gibt’s jedenfalls genug 😉. Nicht dabei: Dessous, obwohl ein entsprechender Laden augenzwinkernd mit „Heute frische Unterhosen“ warb.

Am Abend gab’s im Hotel Grein noch Aufregung: lauttönendes Tatütata wegen eines Brandes einer Landwirtschaft in Wolkenstein, für dessen Eindämmung alle örtlichen Feuerwehrkräfte ausrücken mussten. Das Internet verriet. Nur Sach-, kein Personenschaden.
Claudias Knie erholten sich. Der letzte volle Tag im Grödnertal erlaubte einen Ausflug auf die Seiser Alm (die wir bereits vor drei Jahren kennengelernt hatten). Die größte Hochalm Europas bietet Wanderwege ohne Ende vor der Kulisse von Rosengarten, Schlern, Langkofelgruppe u.a. Nach der ersten Teilstrecke ab der Seilbahn-Bergstation blieb Claudia samt Wanderstöcken auf einem Liegestuhl der Sanonhütte, ich machte zwei Stunden weiter eine Tour runter zum Hotel Saltria. Die Wege sind allesamt gepflegt, eigene gibt’s für die zahlreichen Radler:innen. Als ich einem unberechtigt fahrenden Mountainbiker „You must not go here!“ zurief, antwortete der Jugendliche ungerührt. „I wohn do!“.
Claudia und ich trafen uns wieder bei der Bergstation, ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als 19.000 Schritte auf dem Zähler – und war happy über den schönen Tag.

Wanderparadies Seiser Alm

Rückfahrt mit Übernachtung in Kärnten

Am Donnerstag nach dem schon gewohnt üppigen Frühstück Aufbruch in die Berge, um auf der Heimfahrt via Kärnten noch im nächstjährigen Olympiaort Cortina d’Ampezzo vorbeizuschauen. Distanz von St. Ulrich. 77 km über drei spektakuläre Dolomitenpässe: Sellajoch, Pordoijoch und Falzarego-Pass. Wir halten mehrmals, um zu staunen – auch über die vielen Radfahrer:innen, die die Mühen des Höhenmeter-Sammelns nicht scheuen.
Cortina ließen wir dann aber nach einer Innenstadtumrundung links liegen. Zu viele Baustellen, kaum Parkflächen und jetzt schon überlaufen. Stattdessen Halt an einem heruntergekommenen Gasthaus in Landro, einem Nobelziel der K.u.K.-Zeit mit Blick auf die Drei Zinnen.

Dann wieder Österreich, nach dem Puster- das Drautal. Kurzer Stopp bei der schönen Kirche im Örtchen Berg, wo ich auf meiner Drautal-Radtour schon mal übernachtete. Die brütende Hitze ließ uns das Übernachtungsquartier anpeilen – in Gmünd, halb so groß wie St. Ulrich, aber eine Stadt. Und zwar eine, die auf ihr Kulturleben zurecht stolz ist: viele Galerien, David-Hockney-Ausstellung und eine Vernissage, bei der wir kurz reinschauten. Davor aber noch eine echte Entdeckung: Der Berggasthof „Da Graf“ (www.dagraf.at) hoch über dem Maltatal mit Blick in die Nockberge und die Hohen Tauern ist einen Abstecher wert, wenn man in der Gegend is(s)t. Claudia genoss einen bunten Blattsalat mit Früchten, ich eine sensationelle Hirschlasagne.

Wirtin: „Mein Mann kann alles, nur keine kleinen Portionen“

Am Freitag, dem letzten Urlaubstag (in Ostösterreich letzter Schultag und erster Trainingstag für den Österreich-Formel1-GP in Spielberg). Heimfahrt über St. Michael im Lungau, das Murtal – an tausenden parkenden Formel1-Fans vorbei – und den Semmering. Brütende Hitze in Wien, aber: Die Zimmer- und Balkonpflanzen haben überlebt und: It‘s good to be home again.