Ich erinnere mich, dass ich Anfang der 1980er-Jahre, vor der samtenen Revolution im November und Dezember 1989, bei einem Versuch scheiterte, in die damalige Tschechoslowakei einzureisen. Weil auf meinem Passfoto kein Vollbart zu sehen war, den ich Theologiestudent damals trug. “Abrasieren, dann wiederkommen”, hieß es unfreundlich. “Oder neuer Pass mit korrektem Foto.”
Nichts da, sagte ich mir. In so ein Land mit so einem rigiden Njet-Regime komme ich erst wieder, wenn der Kommunismus abgestreift ist.
Das war dann Ende der 1990er-Jahre der Fall, als ich mit meinen Geschwistern unsere Mutter anlässlich ihres 60ers zur ersten gemeinsamen Reise lud. Aber auch da war der Postkommunismus noch allenthalben spürbar, z.B. in einem Restaurant, wo wir “Westler” übertölpelt werden sollten.

Inzwischen ist Prag viel sympathischer geworden – und das liegt nicht nur am herrlichen Frühlingswetter, das während unserer Fahrt in die Perle Böhmens herrschte. Claudia und ich kamen am Donnerstag, 12. März, aus Weimar und wollten auf der Rückreise das auf der Strecke liegende Prag besuchen. Nach einem kurzen Stopp in Karlsbad hatten wir erst ziemliche Probleme, das reservierte AirBnB-Apartment in der Altstadt zu finden. Denn unser Host hatte, warum auch immer, als Adresse Rybna 617/24 angegeben. Die Suche nach der Nummer 617 führte zu Stress und einem erfolglosen Check-in-Versuch nach Fußmarsch mit Rollkoffer durch Touristenströme. Mehrere Anrufe lotsten uns schließlich mit halbstündiger Verspätung zur richtigen Hausnummer 24.
Danach Büroschlussverkehr bei der Fahrt zum P+R-Parkplatz, wo wir unseren Renault drei Tage lang viel günstiger parken wollten als in superteuren City-Parkhäusern (nächstes Mal Anreise mit Bahn!). Zurück mit zwei der drei Prager U-Bahn-Linien. Gute Entscheidung, außerhalb zu parken, vor allem auch wegen der problemlosen Abreise am Sonntag, 15. März.
Aber zurück zu Prag: Die Stadt hatte Glück. Als einer der kaum mehr umkämpften Orte im Zweiten Weltkrieg blieb viel von der alten Bausubstanz erhalten, bis auf das im Mai 1945 von Widerständlern genutzte Rathaus, das die deutsche Wehrmacht mit Panzern beschoss und Feuer legte. D.h. Prag blieb die wunderschöne Goldene Stadt, wie sie wegen der vielen Messingdächer genannt wurde, hat eine riesige Altstadt mit vielen Gebäuden, vor denen wir staunend stehenblieben.






GuruWalk durch Prags Historie
Sehr interessant war die GuruWalk-Führung mit Guide Reinhard. Der zuagroaste Bayer blieb der Liebe wegen nach dem Studium in Prag und frönt nun als gelernter Chemiker seinem Steckenpferd, nämlich Besuchenden eine rote Linie durch die Geschichte Prags als Grundlage für eigene Erkundungen mitzugeben. Er spannte einen Bogen von der Völkerwanderungszeit über die Besiedlung aus dem Osten durch die späteren Slawen, die Christianisierung durch den Heiligen Herzog Vaclav, das Aufblühen als Handelsmetropole unter den Přemysliden, die Blüte der Kaiserzeit unter dem weitblickenden Luxemburger Karl IV., dem sein unfähiger Sohn Wenzel IV. folgte, die erste Reformation durch den am Hauptplatz aufgestellten Jan Hus, die Prägung durch die Habsburger bis hin zur NS- und dann KP-Zeit. Alles sehr historisch, dafür wenig Kunst, Literatur und Kulinarik.
Apropos. Abendessen am Freitag im Restaurant Schwejk mit wie immer deftiger Böhmenkost: Nach dem Gulasch mit Knedl und Pilsner tags zuvor wählte ich diesmal Schweinernes mit Knedl, dazu süffiges Pilsner. Weil’s grad passt: Der kulinarische Höhepunkt war das letzte Abendmahl in der bei Einheimischen offenbar superbeliebten “Kantyna”, einer Art Ausspeisung mit regionalen Zutaten und wirklich guter Küche. Große Empfehlung! Diesmal wurde es Saftfleisch vom Rind mit Braterdäpfeln, dazu zwei köstliche Pilsner (nach der Rückkehr nach Wien hatte ich erstmals mehr als 76 kg).
Frühstücken gingen wir immer in unterschiedliche Lokale in Nähe unseres Apartments; da war die Auswahl groß und das Gebotene gut. Und das Preisniveau ist für inflationsgeplagte Österreicher wirklich okay.
Besteigung der Prager Burg
Am letzten Besuchstag, dem Samstag, trennten sich Claudia und ich. Sie begab sich auf eine der in Europas Großstädten verbreiteten Hop-on-hop-off-Tour, ich bestieg mit einem im Internet gebuchten GetYourGuide-Ticket die Prager Burg, die größte geschlossene Burganlage der Welt, – eine Idee, auf die bei angenehmem Wochenendwetter auch viele andere Touristen kamen. D.h. völlig überlaufene vier inkludierte Sehenswürdigkeiten: die Goldene Gasse, wo Kafka kurz wohnte, die romanische St.-Georgs-Basilika mit dem dann von Joseph II. aufgehobenen Benediktinerinnenkloster, der gotische Veitsdom und der Alte Königspalast mit dem herrlichen Vladislavsaal und dem Schauplatz des Zweiten Prager Fenstersturzes, der den 30-jährigen Krieg auslöste. Den Veitsdom sah ich erstmals – und war enttäuscht. Nicht, weil er nicht beeindruckend schön (Glasfenster von Alfons Mucha!) sei, sondern weil man nur touristisch durchgeschleust wird. Der gesamte Innenbereich, wo sich Betende niederlassen könnten, ist abgesperrt. In einem Gotteshaus kein Platz für gelebte Spiritualität? Jesus trieb einst die Händler aus dem Tempel aus…





Durch das von einer Garde bewachte barocke Matthiastor ging es vorbei am Palais Schwarzenberg runter in die Prager Neustadt – ein Stadtteil, den nach gravierenden Zerstörungen durch die Schweden im 30-jährigen Krieg die Habsburger prägten. Steile Gassen, hübsche Läden, viel Gastronomie. Dann Treffen mit Claudia auf der Karlsbrücke, kurz nachdem dort Exilperser für die Machtübernahme des Pahlavi-Sohnes demonstrierten. Kaffee trinken, Abendlokal aussuchen, früh zurück ins Quartier und ab ins Bett – so lautete auch am letzten Tag das den Anstrengungen geschuldete Programm. Jeden Tag zwischen 13.000 und 17.000 Schritte, und das schon die Tage davor in Weimar, das zehrt. Aber es lohnte sich. Prag ist nicht umsonst eine DER Städtetrip-Ziele in Europa.