Mein Camino 2 (Von Porto nach Mindelo)

Ich hatte wenig geschlafen vor dem Anreisetag, aber ich fühlte mich frisch, als ich vom Flughafen mit der Metro ins Zentrum zur Station Bolhão fuhr. Gleich beim Ausgang die wunderschöne, mit blauweißen Azulejos verzierte Capela de Santa Catarina in der gleichnamigen Einkaufsstraße. Das erste Gebet galt der Bitte um einen guten Verlauf der kommenden zwei Wochen mit rund 260 Kilometern auf dem Camino Portugues. Ich erkundete, bepackt mit meinem Rucksack und der darauf sichtbar platzierten Jakobsmuschel, die charmante Stadt am Douro, gelangte ohne viel suchen zu müssen zur auf einer Anhöhe gelegenen Kathedrale von Porto. Gleich beim Eintritt bekam ich den ersten Stempel in meinen schon aus Wien mitgebrachten Pilgerpass, dem weitere 32 folgen sollten.

… meine Pilgerreise ins 260 km entfernte Santiago-

Auch in der Kathedrale diese herrlichen Fliesen, für die Portugal bekannt ist. Ich erklomm den Turm, von dem aus man eine wunderbare Aussicht auf die Weltkulturerbe-Innenstadt Portos hat, gehe im Kreuzgang herum, setze mich vor den Altar.
Weiter zum Mercado Ferreira Borges und dann hinunter zum Douro-Ufer, dem ich über mehrere Kilometer bis zur Mündung in den Ozean folge. Das Wetter war windig, aber schön. Die Wellen des Atlantiks peitschen sich an Leuchttürmen hoch – ein für meervermissende Österreicher wie mich immer wieder beeindruckendes Schauspiel. Ich erreichte meine erste Nächtigungsadresse, checkte ein, ohne Gastgeber zu sehen, duschte, schmierte die Füße mit Hirschtalg ein, suchte ein bestens bewertetes Restaurant in der Nähe und genoss den ersten Abend mit Bacalhau und Salat. Ein gelungener Auftakt für viele Dinners mit Kabeljau, Sardinen, Tintenfisch, Shrimps und anderem Meeresgetier.

Die umtosten Leuchttürme an der Douromündung in nden Atlantik

Die Motivation von Pilgernden ist höchst unterschiedlich, heißt es immer. Selbsterfahrung, Naturerlebnis, Auszeit, sportlicher Ehrgeiz und spirituelle Vertiefung – ein Gemisch von all dem setzte auch mich in Bewegung. Ich nehme es vorweg: Ich bin vielen Weggefährt:innen begegnet, habe mich nach deren Ansporn erkundigt – und die wenigsten nannten religiöse Gründe. Viel häufiger kam: etwas für mich tun, sich spüren, Abstand vom Alltag gewinnen. Ob Spiritualität im Lauf der Wanderung oder an deren Ziel an Bedeutung gewinnt, wie es mir der Pilgerbeauftragte der Erzdiözese Wien, Leo Führer, in einem Gespräch vorab mitteilte, weiß ich nicht. Jedenfalls sollte man Gott nicht unterschätzen. Wo das Leben durchlässig, ja brüchig wird, kann sein Licht hineinleuchten.
Mir gefällt, was Hape in „Ich bin dann mal weg“ über Religion schreibt. Er sei “eine Art Buddhist mit christlichem Überbau” und wurde durch die Verheißung motiviert, “durch die Pilgerschaft zu Gott und damit auch zu mir zu finden“. Viele von Hapes Freunden hätten sich von Gott abgewandt, nicht zuletzt wegen dessen „Bodenpersonal“. Er dagegen glaubt an Gottes Existenz, „egal ob Gott eine Person, eine Wesenheit, ein Prinzip, eine Idee, ein Licht, ein Plan oder was auch immer ist“. Der Komiker vergleicht Gott mit einem großartigen Film, die Kirche mit dem Dorfkino, in dem das Meisterwerk gezeigt wird. „Die Leinwand hängt leider schief, ist verknittert, vergilbt und hat Löcher. Die Lautsprecher knistern, manchmal fallen sie ganz aus oder man muss sich irgendwelche nervigen Durchsagen während der Aufführung anhören … viele werden hinausgehen und sagen. Ein schlechter Film.“ Jedoch: „Die Vorführung ist mies, aber das ändert nichts an der Größe des Films… ich hoffe, wir können uns den Film irgendwann in bester 3-D- und Stereo-Qualität unverfälscht und mal in voller Länge angucken! Und vielleicht spielen wir dann ja sogar mit!“
Nächster Morgen, erster Caminotag. Ich erwachte irre früh, denn mein Handywecker war noch auf 5 Uhr vom Flugtag eingestellt und in Portugal ist 5 erst 4, denn die haben westeuropäische Zeit. Ich döste vor mich hin, denn Frühstück gab‘s erst um 8. Eine Dreiviertelstunde später war ich on the road. Ich folgte dem Meeresufer. Lange war die Gegend noch städtisch, denn Porto hat zwar wie Graz 250.000 Einwohner:innen, ist aber Teil einer viel größeren Wirtschaftsregion mit 1,7 Mio. Menschen. Große Kreuzungen, Parks mit Joggern, ein riesiges stilisiertes Fischernetz, ein gelber Pfeil als ersten von hunderten Camino-Wegweisern, der bekanntere – die Jakobsmuschel – findet sich oft auch auf Gullys im Asphalt.

Schon am ersten Tag zeigte sich: Die 7,5 kg am Rücken sind kein Problem, werden durch den Hüftgurt des Rucksacks gut verteilt. Als das Terrain endlich weniger städtisch wurde, kamen die ersten „Holzwege“: breite, aus Holzplanken gezimmerte, auf Stelzen stehende Wanderwege nahe am Strand, das Meeresrauschen immer in Hörweite. Ein Genuss! Ich nehme mir vor, meinen mit der FURCHE vereinbarten Camino-Artikel mit einem Wortspiel zu beginnen: Am wohlsten fühlte ich mich auf dem Holzweg… mal sehen, ob es das wird, ich bin noch am Recherchieren.,
Gegen Ende der 22 km, als ich mich dem Zimmer in Mindelo nähere, bemerke ich eine Blase am linken „Ringfingerzeh“. Eine weitere am rechten Fußballen kündigt sich an. Meine mitgebrachten Blasenpflaster würden also bald zum Einsatz kommen.
Zuerst einmal aber Ana. So heißt die beste Gastgeberin, die ich auf meiner Reise kennenlernte. Sie erzählte mir in perfektem Englisch, sie sei früher in der Modebranche beschäftigt gewesen, zum Tourismus zu wechseln sei eine ihrer besten Entscheidungen gewesen und habe ihr einen Zugewinn an Lebensqualität gebracht. Auch wenn Ana zum Empfang der Gäste ihres geschmackvoll eingerichteten und mit vielen Details liebevoll ausgestatteten Gästehaus „On the Way“ jedes Mal aus ihrer Wohnung in Porto anfahren muss und das auch nochmal morgens zum Zubereiten des Frühstücks tut. Das Gästehaus hat nur zwei Zimmer, beide mit Balkon samt Blick in einen hübschen Garten mit Sonnenliegen und Blumen. Ana empfahl mir zwei Restaurants zum Abendessen, in dem von mir gewählten, ca. 1 km entfernten „Sabor a Lenha“ wartete ein Pilgermenü und eine musikalische Überraschung auf mich.
Ich trat um 19h ein, gleich nach der Abendöffnung des urigen Lokals mit traditionell portugiesischer Küche. Außer mir kein Mensch da, denn auf der iberischen Halbinsel isst man erst spätabends. Nein, stimmt nicht, denn auch ein Mann mit Gitarre saß im Gastraum. Und nach etwas 10 Minuten begann er zu spielen – nur für mich, bis nach weiteren 30 Minuten weitere Gäste eintrafen. Niu Gavina – ich ließ mir seinen Namen aufschreiben – interpretierte Songs von den Beatles, den Stones, Shadows, die Filmmusik von „Der Pate“ und Pink Panther“, „Don’t cry for me, Argentina“ u.a. Und während ich Suppe, Gruß aus der Küche, zartestes Kalbfleisch mit Gemüse, Reis und zwei Estrella-Biere genoss, entwickelte sich zwischen ihm und mir eine Art Song-Raten. Und ich erkannte viele der Melodien – zum Vergnügen von Niu. Wir hatten beide Spaß, er spürte meine Wertschätzung und erfüllte mir einen Musikwunsch: „Blackbird“ von den Beatles. Die 10 Euro Trinkgeld, die ich ihm nach zwei Stunden dankbar überreichte, hatte sich der Gitarrist redlich verdient. Ich war happy – was für ein Geschenk!

immer am Ozean entlang – was für ein Erlebnis für einen Binnenländer wie mich!

Am nächsten Morgen lernte ich Lena und Simon kennen, die sich beide schon von Ana und ihrem Mann (?) zum Frühstück bedienen ließen. Sie gebürtige Russin, aber schon unter Breschnew als Kind ausgewandert, er aus Israel stammend, beide jetzt in Kalifornien lebend. Wie sich herausstellte, lehrt Lena international Security am King’s College London und ist ausgewiesene Spionage-Expertin – sie konnte mit den Namen Jan Marsalek und Egisto Ott etwas anfangen. Simon hat viel Humor und prophezeite, dass wir uns auf dem Weg nach Santiago sicher noch einmal sehen werden. Er sollte recht behalten. Lena und Simon wollten einen Tag nach mir am Ziel ankommen, ihr Gepäck ließen sie sich für 6 Euro pro Tag zum nächsten Quartier transportieren.
Ana versorgte uns mit vielen Tipps für die nächsten Wegstrecken und mich auch für meine beiden Abschlusstage in Porto. Man merkt ihr an, dass sie ihr Heimatland liebt und anderen seine Schätze touristisch versiert nahebringen möchte. Ich sagte beim wohlschmeckenden Frühstück mit frischen Früchten, Croissants und frisch gepresstem Orangensaft, ich hätte nun schon am zweiten Tag meiner Wanderschaft ein Problem: Die Qualitätsstandards der Unterkunft bei dir sind so hoch, Ana, dass es ab jetzt nur noch schlechter werden kann. Sie war geschmeichelt, aber ich hatte – wie sich herausstellte – recht. Als ich gegen 9.30h ihr Haus verließ, umarmte mich Ana. Die Sympathie war wechselseitig, und für den Rest meiner Wanderung hielten wir per WhatsApp Kontakt.
Wie Ana sprechen viele Portugies:innen ansprechendes Englisch, und auch ich bekam zunehmend Übung, mehr als nur Small Talk in einer Fremdsprache zu bestreiten. Was mich in Portugal (und dann auch Spanien) trotz aller Freundlichkeit störte, war die Art, wie sie die Betten machen. Leintuch und Decke auf allen Seiten fest unter die Matratze stecken; ohne diese Bewegungseinschränkung zu beseitigen würden sich Mitteleuropäer:innen fühlen wie Mumien in zu engem Schlafsack.

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