Eine Ausstellung über Kunst und Religion – so einen Kelch lasse ich nicht an mir vorübergehen. Zumal der Titel „Du sollst dir ein Bild machen“ ja schon ein Stück Widerspruch bzw. Ungehorsam gegenüber biblischen Vorgaben bedeutet, wonach wir uns eben KEIN Bildnis … Aber bitte: Wie anders als über (bildhafte) Vorstellungen können wir uns dem letztlich unvorstellbaren Gott annähern? Und hat nicht auch Jesus mit seiner vertraulichen Anrede „abba“ (Papa) familiäre Anschaulichkeit provoziert?
„In Konzeption und Ausrichtung steht die Schau nicht für vordergründige Provokation oder lauten Protest, sondern für einen differenzierten Blick, für die Suche nach Gemeinsamkeiten und das Bestreben, einen Dialog zwischen zeitgenössischer Kunst und Religion zu fördern“, erklärt Kurator Günther Oberhollenzer in den Presseunterlagen. Aber ganz ohne Provokation und Protest geht es bei den Werken der 42 ausgestellten Kunstschaffenden (darunter Marina Abramović, Manfred Erjautz, Valie Export, Martin Kippenberger, Arnulf Rainer, Bettina Rheims – und Johannes Rass, Sohn meiner Freundin Gaby) nicht ab, dazu ist die Last des Jahrhundertelang mit weltlicher und „Seelenbesetzungs“-Macht einhergehenden Christentums noch zu präsent.
In dieser Holzbox kann man mit einem „KI-Jesus“ hinterm Beichtgitter über Glaubensfragen sprechen
Unterteilt ist die Schau in sieben Kapitel: Ikone, (Schein-)Heiligkeit, Kreuz, Auferstehung, Göttlichkeit, Madonna und Letztes Abendmahl. Gleich im ersten Raum eine Begegnung mit Jesus, wie sie „moderner“ kaum sein könnte: In einer einzeln zu betretenden hölzernen „Beicht-Box“ kann man mit einem digitalen Christus über Glaubensfragen sprechen. Die KI geht in Sekundenschnelle auf das jeweilige Gegenüber ein – „nicht als technische Spielerei, sondern als ernsthafter Austausch über persönliche und spirituelle Fragen“, wie es heißt. Hochinteressant!
Vorne an der Box eine Variante des bekannten „Lego-Kreuzes“ von Manfred Erjautz, rechts davon ein Stück der „Himmelsleiter“ aus Neonröhren, die Billi Thanner für den Südturm des Stephansdoms schuf.
Kippenbergers „Fred the Frog Rings the Bell“ erregte 2008 in Bozen fromme Gemüter
Schon berühmt ist der unter Blasphemieverdacht stehende gekreuzigte Frosch von Martin Kippenberger; viel expliziter kirchenkritisch ist Deborah Sengls Wachsskulptur „Von Schafen und Wölfen“, die ein zähnefletschendes tierisches Zwitterwesen mit wollenem Kraushaar im liturgischen Priestergewand zeigt. Einige Arbeiten blicken aus feministischer Perspektive auf Glaubensgestalten und -inhalte: So die Projektion „Göttin schuf Eva“, die Michelangelos berühmtes Sixtina-Fresko persifliert, die „Putzmadonna“ von Valie Export oder ein Triptychon von Bettina Reims mit einer gekreuzigten barbusigen Frau.
Erfreulich oft bekommt Humor in der Ausstellung Platz, und das nicht nur in sarkastischer Abgrenzung vom Althergebrachten. Ein Beispiel: Lois Hechenblaikners fotografische Gegenüberstellungen alter Glaubensrituale und heutiger kommerzverseuchter Alm-Rausch-Seligkeit. Oder ein in Schokolade gegossener Jesus als wörtlich genommener „my sweet Lord“ (Timm Ulrichs).
Geistlicher als Wolf im Schafspelz … nicht gerade vertrauenserweckend
Einige Werke wie Thomas Riess‘ „Transsurfing“, das im Raum „Auferstehung“ eine sich in Licht auflösende Gestalt zeigt, leisten Übersetzungsarbeit: Wie könnte Spiritualität heute veranschaulicht werden – jenseits der Notwendigkeit, sich an unjesuanischen Altlasten der Glaubensgeschichte abzuarbeiten? Besonders eindrucksvoll in diesem Kontext auch die Holzarbeiten des aus der Schnitzerei-Tradition des Grödnertals entstammenden Südtirolers Aron Demetz.
„Chapeau zu dieser Schau! Unbedingte Empfehlung!“ schrieb Johannes Rauchenberger, der selbst gerade seine „Gott hat kein Museum“-Ausstellung im Grazer KULTUM kuratierte. Dem kann ich mich nur anschließen.
Durch meine jetzt drei dort lebenden Söhne bin ich regelmäßig in der Wiener Seestadt. Noch nie war ich allerdings in der Buchhandlung „Seeseiten“, wo meine liebe Freundin und Kollegin Johanna Grillmayer aus dem dritten Band („Ein guter Mann“) ihrer Dystopie-Trilogie las. Über das dort gekaufte und von Johanna nett signierte Buch kann ich anders als über die beiden ersten Bände noch nichts schreiben, wohl aber über die überaus sympathische Buchhandlung. Die Seeseiten sind geräumig, bieten viel Platz zum Schmökern in entspannter Atmosphäre, sogar Getränke kann man dazu erwerben. Ein Wohlfühlladen.
Und der Chef – der auch aus ORF-Sendungen bekannter Buchliebhaber Johannes Kößler – machte es der Autorin und den leider nur 15 Besucherinnen und Besuchern so angenehm wie möglich: mit einer launigen Begrüßung, viel Wertschätzung für das Romangroßprojekt von Johanna, klugen Fragen nach der Lesung und Wein und Brötchen zum Ausklang.
Romanautorin Johanna Grillmayer las in der Seestadtbuchhandlung „Seeseiten“
Und für den Rest des Jahres sind weitere interessante Veranstaltungen in der Buchhandlung angekündigt…
Ein Film zum Ärgern und zum Lachen: zum Ärgern deswegen, weil die bürokratischen Hürden, die der Staat Österreich Zuwanderungswilligen wie der hierzulande geborenen Regisseurin und Drehbuchautorin mit serbischen Wurzeln aufstellt, geradezu absurd sind. Und zum Lachen, weil Kosanović dies mit viel Humor und Fantasie etwa in Form einer Geburtslotterie-TV-Show, mit fiktiven Spielszenen, skurrile Interviews oder einem Zurück-zum-Start-Brettspiel veranschaulicht.
Die 30-jährige Tochter serbischer Eltern thematisiert in ihrer Doku eigene Erfahrungen: Ihr Antrag auf die Ö-Staatsbürgerschaft wurde von der Wiener Einwanderungsbehörde MA 35 abgelehnt. Denn die Filmemacherin hatte während der vergangenen 15 Jahre 58 Tage zu viel im Ausland verbracht – wegen Urlauben in Serbien, ihres Studiums in Deutschland und Prag. Ihr zweiter, weitere Dokumentensammelei erfordernder Anlauf war erfolgreich. Allerdings kann sie offiziell erst Österreicherin werden, wenn Serbiens Behörden die erzwungene Rückgabe des dortigen Passes zeitgerecht bearbeiten. Sonst droht Staatenlosigkeit. Oder erneute Ablehnung, wenn polizeiliche Verwaltungsstrafen wie Fahren ohne Helm oder bei Rot über die Straße anfallen.
Der Titel des Films bezieht sich auf Kosanovićs Teilnahme an einer Puls4-Talkshow zu solchen Themen. In einem Online-Forum reagierte ein Ungustl namens „Desert Eagle“ darauf mit der Maßregelung: „Wenn eine Katze in der Hofreitschule Junge wirft, sind das noch lange keine Lipizzaner.“
Doch der Verweis auf die Spanische Hofreitschule als etwas genuin Österreichisches geht freilich ins Leere: Im slowenischen Gestüt Lipica wurden für die Zucht der weißen Pferde neben Arabern und Andalusiern auch italienische Hengste verwendet.
Diplomat Emil Brix bringt die finanziellen, sprachlichen, verwaltungsstrafrechtlichen u.a. Hürden auf dem Weg zur Staatsbürgerschaft in einem Interview auf den Punkt: Österreich verteidige deshalb so rigide seine Identität, weil es sich seiner selbst so wenig sicher sei. Nur Saudi-Arabien und die VAR haben weltweit ein strengeres Staatsbürgerschaftsrecht als Österreich; in Wien darf ein Drittel der Bevölkerung – darunter meine beiden Stiefkinder – nicht an Wahlen teilnehmen.
Nicht nur wer „Im Prater blüh’n wieder die Bäume“ von Robert Stolz kennt, assoziiert die Hauptallee mit den weißen und rosa Blüten der dort aufgereihten Rosskastanien. Nur leider, wenn man dem Topfachmann für Wiener Baumkultur, Thomas Roth, glauben kann, hat dieser frühlingshaft erfreuliche Anblick ein Ablaufdatum. Denn die Rosskastanie ist einer jener Bäume, die dem Klimawandel besonders schlecht gewappnet sind.
Unter den 49 weiteren, die der in den Bereichen Gehölzkunde, Baumschulwesen, Garten- und Landschaftsgestaltung lehrend tätige Boku-Absolvent in seinem neuen Buch auflistet, sind aber auch andere, die Hitze, Salz und Wassermangel in der Millionenstadt deutlich besser vertragen. Und Roth kann darüber unterhaltsam schreiben, was ich aufgrund des Buchtitels „50 Wiener Bäume“ nicht von vornherein erwartet hätte.
Vorgestellt hat Roth sein im Falter-Verlag erschienenes Buch am 14.10. im Gespräch mit Naturressort-Leiterin Katharina Kropshofer, hingelockt hatte mich und Claudia vor allem das magdas-Hotel als Veranstaltungsort und das dort gebotene Abendessen. Rund um die an langen Tischen platzierten 80 (?) Gäste hatte Roth Zweige und (tlw.) essbare Früchte seiner ausgewählten Bäume angeordnet. Darunter solche, von denen ich noch nie etwas gehört hatte – wie Taschentuchbaum, Gummiulme, Milchorange oder Schlafbaum, aber auch Platane, Gingko und die bedrohte Kastanie. Zu den problematischsten invasiven Arten in Europa zählt der Götterbaum, einer Pflanzen-Hydra, die umso üppiger nachwächst, je mehr man sie beschneidet.
Dazu gab’s rund 45 min Info, danach feines Essen – ein „Sharing Dinner“ – und nette Gespräche mit uns davor unbekannten Frauen und Gastgeberin Gabriela Sonnleitner; magdas, wir kommen wieder!
Meine Top-5-Lieblingskabarettisten im bezüglich Humorist:innen reich gesegneten Österreich sind Klaus Eckel, Alex Kristan, Thomas Stipsits, natürlich Altmeister Josef Hader – und seit gestern Berni Wagner. Für sein aktuelles (fünftes) Programm „Monster“ erhielt der 34-jährige Linzer Wahlwiener zurecht den Österreichischen Kabarettpreis 2025.
Berni macht sich über klischeehafte „richtige Männer“ lustig und deren Eigenart, z.B. ihm mit einschlägigen Schimpfwörtern die damit verbundenen Eigenschaften abzusprechen. Was ihn aber nicht anficht. Er sei bekennender Warmduscher, lieber ein Weichei als Hodenkrebskandidat, und auch wenn er „Mädchen“ oder „Muschi“ tituliert wird, stört ihn das nicht – denn er mag beides. Bei traditionellen Polterabenden und Junggesellenabschieden wisse er oft nicht, ob die Kumpels den Betreffenden in einen neuen Lebensabschnitt begleiten oder aber ihm eine Nahtoderfahrung verabreichen möchten. Und: „Richtige Männer“ wirken oft, als litten sie unter „umgekehrtem Tourette“: Hin und wieder fällt neben Tiraden auch einmal ein normales Wort.
Doch auch in ihm selbst schlummert ein durch kindliche Krampuserfahrungen genährtes Monster, lässt Berni das immer wieder mit einbezogene Publikum im leider sehr engen Niedermair wissen. Es regt sich, wenn etwa Öffi-Benutzer den Platz neben ihnen mit ihrem Koffer verstellen oder wenn jemand sein Handy laut per Videocall benutzt und es dabei wie ein Butterbrot hält. Berni versucht sein inneres Monster mithilfe eines guruhaften Fitnesstrainers zu kultivieren – mit zweifelhaftem Erfolg. Sein theatralisches Talent zeigt der Kabarettist, wenn er mit übergeworfener Boxermantel-Kapuze vom warmduschenden Dr. Jekyll zum monsterhaften Mr. Hyde mutiert.
Zum Schluss wird der studierte Biologe ernst und erklärt, dass Charles Darwin falsch verstanden wird: Nicht die Stärksten, Rücksichtslosesten in der Natur setzen sich durch, sondern die Anpassungs- und Teamfähigen. So ist es.
Neu belebt: meine Liebe zur Donau, die so viele Länder verbindet wie kein anderer Fluss
Der erste Eindruck weckte den Ironiker in mir: Begrüßungssekt im geräumigen Bug des Luxus-Katamarans MS Primadonna samt 9 m hoher Verglasung für den bestmöglichen Blick auf die Donau, Easy-listening-Klänge des Barpianisten, und während Claudia und ich am kleinen Snack knabberten, brachte das Bordpersonal das Gepäck in unsere Kabine auf dem Oberdeck. Rundum Gäste gesetzten Alters, die sich wie wir eine Woche auf der Donau, die durch so viele Länder fließt wie weltweit kein anderer Strom, genießen wollten. „Pensionistenleben“ schrieb ich samt einen Lach-Smiley unter das Video über das obige Geschehen, das ich an liebe Zuhausegebliebene versandte.
Aber wir sind ja seit Jahresbeginn selbst in Pension und genossen in weiterer Folge die Annehmlichkeiten auf dem einzigen Kreuzfahrtschiff auf der Donau unter österreichischer Flagge: hervorragende Kulinarik bei den täglich fünf Mahlzeiten, 16-Quadratmeter-Kabine mit eigenem Balkönchen, Sonnendeck mit Außenpool, Sauna, Unterhaltungsprogramm mit Weinverkostung undundund. Es sollte sich herausstellen, dass unsere Mitreisenden keineswegs nur eine Woche lang die Füße hochlagern wollten. Viele sind versierte, erfahrene Radler:innen, etliche hatte (wie wir) ihre eigenen (E-)Bikes an Bord gebracht, etliche nützten gleich das Angebot, die Reise mit einer Tour von Wien nach Bratislava zu beginnen. Davon sahen Claudia und ich ab, denn wir radelten am Montag mit Gepäck auf den Rädern von Zuhause zur Anlegestelle in Nussdorf – bei leichtem Regen, dem einzigen während der Reise.
Abends ein (zu) kurzer Spaziergang durch die slowakische Hauptstadt, die wir trotz ihrer Nähe zu Wien noch nie gemeinsam besuchten. Holen wir nach, am besten per Rad die 70 km den Donauradweg entlang. Nachts war die MS Primadonna mit ihren rund 150 Gästen und knapp 50 Beschäftigten immer auf dem Wasser unterwegs, tagsüber wurden die Räder vom Personal an Land gebracht und die Urlaubenden strampelten auf den zuvor empfohlenen Routen.
Das Leben an Bord war erstaunlich ruhig. Bei Schiffskabinen rechne ich eigentlich mit Geräuschen von rundum, aber unsere war sehr gut schallisoliert, und sogar nächtliche WC-Besuche weckten den/die jeweils andere/n nicht. Auch hier also 4-Sterne-Niveau.
Die MS (Motorschiff) Primadonna, hier bei der Anlegestelle in Budapest
Wir waren uns bald einig: Der Urlaub mit Schiff und Rad auf der Donau ist ein Volltreffer. Zum Wohlbefinden trug auch die nette Tischgemeinschaft mit Helga, Gerti und Werner aus Vorarlberg bei, die wir zumindest beim Frühstück und beim 4bis5-Gänge-Dinner täglich sahen. Mir Medienschaffendem gefiel auch die Zeitungsauswahl (Standard und Süddeutsche) und das breite TV-Senderangebot, wodurch ich am Donnerstag den 10:0-Sieg des Rangnick-Teams gegen bedauernswerte San Mariner miterlebte. Zweimal unterhielt uns auch die Schiffsmoderatorin, Kabarettistin und ehemalige österreichische Karaoke-Meisterin Charlotte Ludwig mit Songs übers Meer und Wienerliedern sowie deftigen Witzen.
SonnendeckSpeisesaalAtrium
Am Dienstag stand ein Tag in Budapest auf dem Programm. Erst Stadtrundfahrt mit kompetenter „Peschterin“ („die in Buda gelten als hochnäsig“), dann Erkundung mit unseren Rädern mit Großer Markthalle und der teuersten Kaffeejause unseres Lebens: Wir folgten der Empfehlung unserer Führerin, das traditionsreiche, wunderschöne Café Gerbeaud anzusehen, missachteten jedoch ihren Rat, danach in ein billigeres Kaffeehaus zu wechseln. Unser „Lehrgeld“ betrug umgerechnet 58 Euro für 2 mit Marillenlikör aufgebesserten Cafés Gerbeaud und zwei Törtchen, samt Bedienungszuschlag und Steuer. Schluck.
Schön ist’s schon, im Café Gerbeaud – aber preiswert?
Aber wir machten auch eine Entdeckung, die einen weiteren Besuch lohnen würde: In der Kazinczy Utca ist ein Gebäudekomplex voller antiorbanischer Alternativkultur. Szenebeisln, verwinkelte Gasträume, Laubengänge mit wuchernden Pflanzen.
Abends auf der Primadonna eine „Ehrenrunde“ durch Budapest, bedingt durch das Wendeverbot für große Schiffe in Innenstadtnähe: wieder hinauf zur Margareteninsel, vorbei am beleuchteten Parlament, an Fischerbastei, Hotel Gellert und unter den schönen Brücken weiter donauabwärts Richtung Serbien.
Budapest bei Nacht vom Fluss aus – ein Erlebnis!
Am Mittwoch vor der nächsten geplanten Grenzüberquerung eine ungeplante durch Claudia und mich (und ein oberösterreichisches E-Bike-Paar), die meine Liebste anschließend mit der Bemerkung quittierte: „Ich hab mich noch im Leben nie so angestrengt wie heute!“ Und das kam so: Es hieß, die heutige 37-km-Radrundtour würde durch den Nationalpark Duna-Drava führen, bis wir über eine lange Gerade wieder die Anlegestelle im südungarischen Städtchen Mohacs erreichen würden. Jedoch, die Routenbeschreibung verriet nur unzureichend, wo wir den gut ausgebauten Donauradweg verlassen sollten. Wir fuhren viel zu weit, ermutigt durch das vor uns sichtbare erwähnte Paar. Der Mann behauptete im oberösterreichisch eingefärbten Brustton der Überzeugung, die immer grober werdende Schotterstraße und der holprige Traktorenweg entlang von Feldern werden gleich zur richtigen Straße zurück an den Hafen führen. Dem war aber nicht so. Wir radelten auf Untergründen, die mir wegen Claudias Schulteroperation Sorge bereiteten, zunehmend gestresst durch die voranschreitende Zeit: Wir sollten nämlich um 12.45h, nach etwa drei Stunden, wieder am Schiff sein.
Zu unserem Schrecken erreichten wir eine Grenzstation, die uns zurück (!!) nach Ungarn bringen würde. Gottseidank verlangte der Zöllner nicht unsere Pässe, die ja wegen der anstehenden Einreise in Serbien auf dem Schiff verblieben waren. Doch seine Auskunft um ca. 12.30h, die Fahrt nach Mohacs würde per Rad wohl noch etwa eine Stunde dauern, löste Panik bei uns aus. Es folgten knappe 20 km auf einer vielbefahrenen Bundesstraße bei strammem Gegenwind. Ich E-Bike-Loser radelte im Windschatten der selbst schon überforderten Claudia um mein Leben – die beiden Oberösterreicher waren bald außer Sichtweite. „Hoitet’s des Schiff auf!“, hatte ich ihnen noch mitgegeben. Claudia meinte, ihr Akku werde leer; wir wechselten die Räder und wieder retour, als ich merkte, es gibt eh noch Unterstützung. Wir erreichten um ca. 13h Mohacs, ohne Ahnung, wo das Schiff auf uns wartet. Eine falsche Auskunft führte zum Ortsende, die Verzweiflung nahm zu. Wir stoppten einen Kleintransporter mit leerer Ladefläche und boten 20 Euro für den Transport zur Anlegestelle. Trotz Sprachproblemen erkannte der Fahrer unsere Lage und düste mit uns und den Rädern zur richtigen Stelle, wollte das Geld erst nicht nehmen. Eine kurze Strecke noch am Pier entlang, die anderen Gäste beobachteten entspannt uns Verzögerungsverursachende, die Crew legte unmittelbar nach dem Reinschieben unserer Räder ab. Ich war völlig verschwitzt, aber Claudia war neben sich vor Anstrengung: Sie sank an Deck gleich ermattet auf den Boden, das eilig gereichte Wasser konnte sie vor lauter Zittern kaum trinken. „Atmen! Atmen!!“, rief die Rezeptionistin … Wir waren erledigt, legten uns am Nachmittag für ein Erholungsschläfchen in die Kabine, während die Primadonna zur peniblen Kontrolle durch die serbische Grenzpolizei fuhr. Kapitän Radovan mahnte zwar zur Pünktlichkeit, aber insgesamt nahm das Schiffsteam die 15-minütige Verspätung zum vorgesehenen „Leinen los!“ recht gelassen.
Hier hätten wir es ahnen müssen: zu nah an der ungarisch-kroatischen Staatgrenze!
Am Donnerstag Aufwachen in Belgrad auf der Save, die dort nach Lubljana und Zagreb die dritte ex-jugoslawische Hauptstadt durchfließt und in die Donau mündet. Claudia und ich erkundeten die Stadt diesmal zu Fuß; ein radfreier Tag tat nach den Aufregungen tags zuvor gut, und in Belgrad sind Radfahrende Stiefkinder. Dafür sind alle Öffis gratis benutzbar, wovon wir auf dem Weg hin und zurück zur wichtigsten serbisch-orthodoxen Kirche, des neobyzantinischen Sava-Doms, auch Gebrauch machten. Ich nehm’s vorweg: Belgrad ist im Vergleich zu Budapest weniger „herausgeputzt“, weniger mondän, weniger Weltstadt. Das Stadtbild dominieren viele renovierungsbedürftige Häuser, sichtbare Armut und für andere Städte zu alt gewordene und deshalb den Belgradern überlassene Straßenbahnen und Busse. Von der schelenden Unzufriedenheit mit der Regierung Vucic und den Studierendenprotesten bekamen wir nichts mit.
Zunächst schlenderten wir in der Morgensonne durch die Kneza Mihaila, eine Art Kärntnerstraße von Belgrad. Tranken Cappuccini in der wunderbaren zweistöckigen Akademija-Buchhandlung, kauften ein süßes Strudeldreierlei und sahen uns in einer Straßenausstellung Faksimile-Großdrucke aus dem Prado an. Im empfohlenen Künstlerviertel Skadarlija war mittags noch nicht viel los, somit nahmen wir einen Bus zum Sava-Dom. Ein georgisches Restaurant versprach vor den geistlichen noch leibliche Genüsse, die Khinkali und der Salat mit Nussdressing erinnerten an eine andere schöne Reise… Kurios: Die Rechnung machte exakt den Rest der 50 umgewechselten Euro aus.
Empfehlung in Belgrads innenstadt. die Akademija-Buchhandlung mit zwei Ebenen
Vor dem erst 2018 nach dem Vorbild der Hagia Sophia fertiggestellten Sava-Dom, der dem Nationalheiligen und ersten serbischen Erzbischof geweiht ist, amüsierte uns ein Plakat, das ich so noch nie vor einem Gotteshaus sah: Nicht nur unpassende Kleidung, Handys oder Blitzlicht, auch Pistolen seien hier unerwünscht, ging daraus hervor. Drinnen christlicher Triumphalismus. Eine riesige Kuppel mit dem auf einem Regenbogen thronenden Christus, Gazprom-finanzierte Goldmosaiken rundum, Stelen mit Heiligenikonen zum Beten und Küssen. Wie in orthodoxen Kirchen üblich keine Sitzplätze. Alles sehr imposant, aber es bleibt dabei: Jesus, mein Freund, ist mir zigmal lieber als Christus Pantokrator (Weltenherrscher).
Wir waren früh genug zurück auf der Primadonna, um eine fast leere Sauna vorzufinden. Abends ein Kapitänsempfang u.a. mit köstlichem Roastbeef und einem zweiten Fläschchen Wein, diesmal gelber Muskateller aus der Südsteiermark.
Kalocsa, eine der ältesten ungarischen Städte, konnten wir wegen Niedrigwassers auf der Donau nicht besichtigen. Dadurch bedingte Einschränkungen und Verzögerungen häufen sich seit einigen Jahren aufgrund des Klimawandels, war zu erfahren. Also nochmals Mohacs ansteuern, diesmal mit Radtour Richtung Norden nach Baja. Claudia und ich waren uns einig. Diesmal mit dem Pulk der Mitradler:innen unterwegs sein, keine „Extratouren“. Und der Radweg ca. 35 km entlang der Eurovelo-Strecke 6 (Bild 1), die vom Atlantik bis zum Schwarzen Meer führt, war bestens asphaltiert und markiert, keine Gefahr, sich zu verirren. In Baja führt ein hübsch gestalteter Kanal zur Donau, wo bei stimmungsvollem Sonnenuntergang die Primadonna auf uns wartete (Bild 2).
Zu einer Enttäuschung wurde der Besuch von Esztergom am letzten vollen Tag der Reise. Das katholische Herzstück Ungarns liegt zwar pittoresk auf einem Hügel über dem Strom, die der Maria Assunta und dem heiligen Adalbert von Prag geweihte, klassizistische Basilika ist aber von einer unangenehmen Protzigkeit und verkörpert einen Nationalstolz im Anschluss an den heiligen Ungarnkönig Stephan, dem die Bedeutung von „katholisch“ (d.h. weltumspannend) widerspricht. Innen ist die Kirche fast völlig eingerüstet, nur der Blick auf das Altarbild mit Mariä Aufnahme in den Himmel, geschaffen von Michelangelo Grigoletti (1801-1870), ist frei. Mit seinen Ausmaßen von 13,5 mal 6,5 m ist es das weltweit größte Gemälde, das auf einem einzigen Stück Leinwand gemalt wurde. Beeindruckender war der Blick von der Kuppel auf die Donau, das Benediktinerkloster und das Umland von Esztergom mit der slowakischen Schwesterstadt Sturovo, wohlverdient nach einem Aufstieg über endlos viele Stufen.
Hinten die Basilika von Esztergom, im Vordergrund zwei glückliche Reisende (Foto: Reisegefährtin Helga)
Dutzende Nimmermüde radelten in die 56 km entfernte nächste Doppelstadt an der Donau – nach Komarno (slk.) bzw. Komarom auf der ungarischen Donauseite. Claudia und ich (schon recht verkühlt) und unsere Vorarlberger Gefährten bevorzugten einen Bustransfer, der ungewollt zur Angstpartie wurde. Unserer Fahrer hatte nämlich sichtlich Mühe, die immer schwereren Augenlider offenzuhalten. Claudia bot ihm zweimal Wasser an, seine Ablehnung hielt ihn immerhin wach (und rettete unser Leben?). An diesem Samstagnachmittag war in Komarno tote Hose, wir Busreisende und etliche bereits eingetroffene Radler:innen belebten die Gastronomie sicher erheblich: Wir gönnten uns ein Bierchen am pittoresken Europaplatz mit Gebäudennachbauten aus verschiedenen Epochen.
Der Blick auf den Balkon am Sonntagmorgen zeigte Vertrautes: Auwald bei Fischamend kurz vor Wien. Wir erreichten Nussdorf um ca. 10h, verabschiedeten uns von der Crew und unseren Gsiberger Freund:innen (die noch radeln zum Hauptbahnhof und eine lange Zugfahrt nach Hause vor sich hatten) und waren nach einer halbe Stunde zuhause.
Fazit: Nach der eher unerfreulichen Ersterfahrung mit Urlaub auf dem Wasser im Sommer 2024 (schwer steuerbares Hausboot auf der Müritz/Brandenburgische Seenplatte) war die Reise auf der MS Primadonna ein Hit. Vielleicht ja wieder mal mit Schiff und Rad auf Tour (Frankreich? Niederlande?) – warum nicht?