Vier Tage in der Goethestadt Weimar, 8.-12.3.2026

Der zentrale Platz heißt Markt – und dient als solcher

Schon höchst erstaunlich, wie eine Kleinstadt in Mitteldeutschland mit heute 66.000 Einwohner:innen (zur Zeit Goethes ein Zehntel davon!) zum Nabel der deutschsprachigen Kultur werden konnte – mit Protagonisten wie Wieland, Herder, Goethe, Schiller, später Nietzsche, Liszt, Wagner oder auch Rudolf Steiner, in der Bauhauszeit dann Gropius, Klee, Kandinsky und Feininger. Und auch politisch kam die Stadt in Thüringen in die vorderste Reihe: 1919 wurde hier die Weimarer Republik gegründet, mit einer auch heute noch menschenrechtlich wegweisenden Verfassung.
Es war also einiges zu erwarten, als wir am Weltfrauentag trotz teurem Benzin (Iran-Krieg!) mit dem Auto losfuhren und nach einem Kurzaufenthalt in Bamberg (sehr hübsche Innenstadt) im gediegenen Best Western Hotel “Russischer Hof” ankamen. Claudia hatte bei einem ihrer vielen Preisausschreiben einen zweitägigen Aufenthalt dort gewonnen, den wir auf vier Übernachtungen verdoppelten. Gute Entscheidung, denn zwei Tage hätten für Weimar nicht gereicht – zumal am Mo und Di in vielen Museen Ruhetag ist.

Goethe muss der größte sein

Schon beim ersten Abendessen wurde anhand einer Bierwerbung deutlich, wie präsent Dichterfürst JWvG, der hier von 1775 bis 1832 lebte, auch heute noch in Weimar ist. Zu danken ist sein Zuwandern einer Frau: Anna Amalia, Herzogin von Sachsen-Weimar, lotste den Aufklärer Christoph Martin Wieland als Erzieher ihres Sohnes Herzog Carl August in die Stadt. Und angezogen von dem damals hochgeachteten Shakespeare-Übersetzer, Dichter und Herausgeber folgten bald Goethe, Herder und Schiller – das klassische Viergestirn.
Lustiges Detail: Goethe maß 1,69 m, Schiller 1,80 – doch auf dem zum Wahrzeichen gewordenen Doppeldenkmal vor dem Weimarer Hoftheater (heute DNT) sind die beiden gleich groß. Großherzog Carl Alexander erlegte dem beauftragten Bildhauer Ernst Rietschel 1857 wohl Augenhöhe auf (“Wie sieht denn das aus, wenn der große Goethe so viel kleiner auf dem Podest steht…?!”). Bei der Stadtführung am Montag vergrößerte unser kundiger Guide den Längenunterschied der beiden Dichter sogar auf 162 zu 190 cm.

Links Goethe, rechts Schiller vor dem Deutschen Nationaltheater. einander Musenfreunde.

Mit beiden hatte ich jedenfalls im Germanistik-Studium zu tun – und las kaum mehr als die Studierenden auferlegte Pflichtlektüre: Zu korsetthaft regelorientiert, mit Antikewissen protzend, von hehren Idealen geleitet erschien mir deren Schrifttum – und tut es noch heute. Claudia kaufte, beeindruckt von der aktuellen Faust-Ausstellung im Schiller-Museum, eine Ausgabe des berühmtesten deutschen Stücks (dessen zweiten Teil zu lesen eine Challenge ist) – ohne zu wissen, dass eine ähnliche Ausgabe in meiner Bibliothek verstaubt.
Der Einblick in die Lebenswelten der beiden anfangs distanzierten, dann eng befreundeten Dichter war des ungeachtet spannend. Der Familienmensch Schiller hatte stets mit seiner angegriffenen Gesundheit zu kämpfen, musste dennoch hart arbeiten, um genug Einkommen zu haben, wurde im Herzogshaus erst spät geschätzt und dann auch geadelt – was der Standesunterschieden gegenüber skeptische Schiller ironisch kommentierte. Goethe dagegen war damals sowas wie der Ortskaiser: ein enger Vertrauter von Herzog Carl August, von diesem mit Ministerämtern zuhauf betraut und dadurch lange vom Schreiben abgehalten, bis er sich zwei Jahre lang auf seiner italienischen Reise entzog – bei vollem Salär. Schiller lebte bescheiden, Goethe dagegen auf großem Fuß, erst abgeschieden in seinem Gartenhaus im Park an der Ilm, dann zentral im aufwendig umgebauten Stadthaus mit Empfängen, Salonintellektualität, Schöngeistigkeit inmitten antiker Statuen und Grafiken. Und Goethe war, heute oft vergessen, ein ambitionierter Naturwissenschaftler, der Tonnen von Steinen sammelte und eine heute zu Recht vergessene Farbenlehre entwickelte.

Da gäb’s noch viel mehr Geschichten zu erzählen, etwa von Goethes wilder Ehe zu Christiane Vulpius, oder, was mit Schiller nach seinem Tod geschah – aber Weimar ist ja nicht nur klassisch.

Gründungsstadt vom Bauhaus

Sondern auch Bauhaus-Stadt. Unser erster Besuch mit der Weimar Card galt dem Bauhaus-Museum. Die Protagonisten dieser von Walter Gropius 1919 gegründeten Kunst- (und Lebens)schule waren anfangs wenig gelitten in der situierten Kulturstadt, die rund 100 Männer schoren sich eine Glatze – und wirkten wohl ähnlich sektenhaft wie später die Punker mit Irokesenfrisur, meinte unser Guide. Es gab fast gleich viele Frauen unter den Auszubildenden – eine feministische Avantgarde der 1920er samt Nacktbaden in der Ilm. Der Anspruch, Kunst und Handwerk zu vereinen, führte zu Design, das auch heute noch begeistert, viele Beispiele davon aus allen möglichen Lebensbereichen sind im Bauhaus-Museum zu sehen.

Die Stadt wirkt heute herausgeputzt, etwas museal, voll von Althausbestand. Gäbe es keine Studierenden an der Bauhaus- und der Liszt-Uni, wäre Weimar laut unserem selbst pensionierten Guide dominiert von kulturbeflissenen Rentnern, die sich hier gerne ansiedeln. Darauf mag es zurückzuführen sein, dass die AfD – sonst Mehrheitspartei in Thüringen – in Weimar nur die sechststärkste Kraft ist – hinter CDU, Bürgerliste, Grünen, SPD und Linken.
Im kleinen Weimar wurde 1919 die gleichnamige Republik ausgerufen, um Gezerre der großen Metropolen zu vermeiden und weil es so praktisch in der Mitte Deutschlands lag. Die hier beschlossene postmonarchistische Verfassung wurde Vorbild für viele spätere.
Weimar ist bestens geeignet für Fußgänge, weil sehr überschaubar und konzentriert. Ob es an Goethes Freimaurerei und seiner vagen Beantwortung der Gretchen-Frage liegt, dass Religion bzw. Kirchen in Weimar zweitrangig sind – abgesehen von der Stadtkirche St. Peter und Paul, wo Herder bis zu seinem Tod 1803 Generalsuperintendent war und ein dreiflügeliges Altarbild von Lucas Cranach dem Jüngeren beeindruckt: Ein Blutstrahl direkt aus der Seitenwunde Christi trifft auf den Kopf von Cranach nicht auf jenen Luthers daneben.

Flanieren im Park an der Ilm
Pause am Herderplatz vor der gleichnamigen Kirche
In der Bauhaus-Universität
Anna Amalia Bibliothek

Etwas enttäuschend war der Besuch der berühmten Rokoko-Bibliothek von Herzogin Anna Amalia. Im Büchersaal war nur ein kleiner Teil des auf drei Ebenen angesiedelten Ensembles zugänglich, vieles blieb abgesperrt. Und die eigentlichen Bücherschätze finden sich im gratis zugänglichen Studierzentrum über dem Platz der Demokratie, das auch ein besuchenswertes Café aufweist (wo ich einen Band von Robert Gernhardt aus dem Bücherdepot entnahm).

Nichts für Veganer:innen

Die Gastronomie in Weimar ist deftig, Thüringer Bratwurst das Signature Dish, sonst viel Fleisch, wenig Gemüse und Salat. Gutes Bier, Köstritzer, das angeblich auch Schluckspecht Goethe schätzte (s.o.). Mein Weimarer Lieblingsrestaurant liegt auf dem Platz Frauenplan gegenüber von Goethes Wohnhaus. Arno’s – ich aß köstliche Königsberger Klopse auf Rohnenpüree, Claudia ein feines Sülzchen. Sehr nett war auch das Päuschen im Rösterei-Café “Röstbrüder” auf dem sonnigen Herderplatz. Wie überhaupt das Wetter mitspielte: frühlingshaft sonnig war’s, einladend zu ausgedehnten 10.000-Schritte-Spaziergängen durch die Stadt und den Park. Am Mittwoch fuhr ich (alleine) nach Erfurt, um die dortige Welterbe-Innenstadt zu besichtigen. Lohnend. Und auch sehr schön: der Theaterbesuch am letzten Abend im DNT mit einer Bühnenversion von Jenny Erpenbecks Roman “Kairos”.
Für potenzielle Besucher:innen noch ein Tipp: Gleich hinter dem Freibad (das im Sommer sicher einen Besuch wert ist) liegt der Gratis-Parkplatz am Herrmann-Brill-Platz, keine zehn Minuten von unserem Hotel entfernt. Der Russische Hof bietet auch in der Post-DDR-Ära gute Qualität: großes Zimmer mit Terrasse im 4. Stock mit Blick auf die Dächer Weimars, vielfältiges Frühstück, beste Lage am – wo sonst? – Goetheplatz.

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