Am 24. Dezember …
… 1818 erklang erstmals „Stille Nacht, heilige Nacht“, das weltweit berühmteste Lied aus Österreich, in der Nikolauskirche in Oberndorf bei Salzburg. Es wird in aller Welt gesungen, Übersetzungen gibt es in mehr als 300 Sprachen und Dialekte.
Und es begab sich, dass zu Heiligabend 1818 der Hilfspriester Joseph Mohr sich an den Arnsdorfer Dorfschullehrer und Organisten Franz Xaver Gruber wandte und ihm ein sechsstrophiges Gedicht zur gefälligen Vertonung vorlegte, das er mehr als zwei Jahre zuvor geschrieben hatte. Es hieß, dass er der Not gehorchte, denn die alte einmanualige Orgel der Kirche sei nicht bespielbar gewesen und zumindest ein Lied zur Gitarre angeraten gewesen. Gruber komponierte also, und er tat es schnell und gut. Die sanfte Melodei, gesungen mit wohlklingender Tenorstimme des Mohrs und dem verständigen Gezupfe des Grubers, rührte die andächtigen Gläubigen im Salzburger Land. Sie behielten es im Herzen und sangen es fortan stets zu jenem Feste, bei dem Gott der Menschheit sein kindliches Gesicht zeigt; und sie sangen es aus dem Gedächtnis, denn Gruber hat seine Weise nie veröffentlicht.
Dass das Lied aus dem kleinen Alpendorf bis in die letzten Winkel des Erdenrunds hinausgetragen wurde, ist außer dem Herrgott dem Orgelbaumeister Mauracher aus Fügen im Zillertal zu danken. Als er 1832 mit anderen Musikern Tiroler Lieder in Leipzig vorführte, gewannen vor allem die Klänge der „Stillen Nacht“ den Beifall der Festgemeinde. Von dort aus trat das seinen Siegeszug an.
Der Mohr und der Gruber ernteten nicht den Ruhm heutiger „Hitkomponisten“, auch Grubers zwölf Kinder konnten nicht mit den Tantiemen für ein allenthalben hörbares Weihnachtslied ein sorgenfreies Leben führen (wie Nick Hornby dies vergnüglich in „About a boy“ beschreibt). Mohr, als Sohn eines Kriegsmannes, nämlich des Musketiers Franz Joseph Mohr, von Gott auf die erquicklicheren Pfade eines musizierenden Seelenhirten geführt, verließ Oberndorf 1819 und wurde Vikar in der gotischen Pfarrkirche von Wagrain. Franz Xaver Gruber, ein armer Webersohn aus dem Innviertel, versah schon als 19-jähriger den Dienst als Lehrer zu Armsdorf, frisch angetraut einer 13 Jahre älteren Mesnerwitwe. Diese starb 1825, eine von Grubers Schülerinnen wurde Stiefmutter seiner beiden Kinder und Mutter von zehn weiteren, die Gruber in vielen „stillen Nächten“ zeugte. 1833 berief man ihn in das alte Salzstädtchen Hallein, wo er noch 30 Jahre lang als Chorregent alljährlich seiner Kinderschar das vielleicht schönste Weihnachtslied auf dem Erdenrund darbieten konnte.
Auch ich werde es heute Abend ich im Kreis meiner Lieben anstimmen, kurz bevor die Kerzen am Baum entzündet werden und wir einander mit Umarmungen und Geschenken zeigen, wie gut es ist, dass wir einander haben …
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Adventmail 2009/23 (Was geschah am … Dezember?)
Am 23. Dezember …
… 1880 nahm der Sheriff von Lincoln County/New Mexico, Pat Garrett, seinen ehemaligen Freund Henry McCarty, genannt Billy the Kid, fest. Ein halbes Jahr später erschoss er ihn. Und das kam so:
In seiner Jugend arbeitete Garrett als Schweinezüchter und Ziegelbrenner in New Mexico, wo er McCarty in einer Bar kennenlernte. Der neun Jahre jüngere McCarty und Garrett wurden in dieser Zeit Freunde. Später trennten sich die Wege der beiden: Garrett heiratete und wurde Vater von sieben Kindern; McCarty geriet mehr und mehr auf die schiefe Bahn.
Anfang 1880 wurde Garrett zum Sheriff gewählt. Mehrere Gesetzeshüter hatten bereits vergeblich versucht, den mittlerweile berüchtigten Billy the Kid dingfest zu machen. Garrett bekam den Auftrag und stellte Billy schließlich. Statt ihn einzusperren, gab er ihm sechs Wochen Zeit, um nach Mexiko zu flüchten. Billy weigerte sich, und so begann die Jagd auf ihn. Garrett verhaftete Billy am Tag vor dem Heiligen Abend 1880. Der wurde im April 1881 zum Tode verurteilt. Doch Billy gelang die Flucht. Garrett gab ihm abermals Gelegenheit, um nach Mexiko zu fliehen, und erneut weigerte sich der gunman.
Am 14. Juli 1881 erschoss der Sheriff Billy the Kid ohne Vorwarnung aus dem Hinterhalt. Wegen persönlicher Ablehnung vieler Bürger musste Garrett das Kopfgeld von 500 Dollar mithilfe eines Anwaltes erstreiten. Nach dem Mord wurde er von den Leuten immer mehr gemieden, daran änderte auch nichts, dass er mit „The Authentic Life of Billy, the Kid“ die populärste Biografie über Billy verfasste und ihn damit zu einem der bekanntesten Revolverhelden des Wilden Westens machte.
Billy war 1873 nach einer unsteten Jugend mit Mutter, älterem Bruder und Stiefvater nach New Mexico gekommen, trieb sich bald in Saloons herum und wurde in den „Rinderkrieg“ in der Region verwickelt. Billy wurde Spieler, Viehdieb und Mörder, weitere Morde schrieb man ihm zu – in Summe 21, von denen nur vier sicher auf sein Konto gingen. Zeitgenossen bezeichneten Billy als „brave, resourceful and honest boy“, der Opfer der Umstände wurde. „The Kid was a thousand times better and braver than any man hunting him, including Pat Garrett“, sagte sogar einer aus dem angeheuerten Deputy-Trupp.
All das gibt natürlich herrlichen Filmstoff ab, und die bemerkenswerteste Bearbeitung schuf Sam Peckinpah 1973 mit „Pat Garrett & Billy the Kid“ – nicht nur, weil darin drei bekannte MusikerInnen mitspielen: Kris Kristofferson, seine Frau Rita Coolidge und Bob Dylan, der auch die Filmmusik („Knockin‘ on Heaven’s Door“!) beisteuerte.
Adventmail 2009/22 (Was geschah am … Dezember?)
Am 22. Dezember …
… 1849 rettete eine Weihnachtsamnestie von Nikolaus I. die Weltliteratur vor einer Katastrophe. An diesem Tag begnadigte der russische Zar den damals 28-jährigen Fjodor Michailowitsch Dostojewski im allerallerletzten Moment: Wegen revolutionärer Umtriebe zum Tode verurteilt, stand der durch seinen Erstling „Arme Leute“ (1844) schon berühmte Dichter schon vor dem Erschießungskommando, als ihn eine kaiserliche Depesche vom Richtplatz in St. Petersburg nach Sibirien zu Verbannung und Zwangsarbeit mit anschließender Militärdienstpflicht umdirigierte.
Dostojewski trat die Haft in Omsk an, wurde Epileptiker, kam ab 1854 seiner Militärpflicht nach, wurde 1856 zum Offizier befördert und erreichte 1859 krankheitsbedingt seine Entlassung aus der Armee. Nach zehnjähriger Schaffenspause schrieb er zurück in St. Petersburg die „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“ als Dokument seiner Verbannungszeit in Sibirien, dann folgten „Der Spieler“ (1863), „Schuld und Sühne“ (1866) als Frucht seiner Wandlung vom Revolutionär zum Christen, „Der Idiot“ (1868), „Die Dämonen“ (1872) und schließlich „Die Brüder Karamasow“ (1981): Diesen Roman, der als Quintessenz seines Werkes betrachtet wird, hat Dostojewski nie beendet. Ich schon, denn ich muss gestehen, dass er der einzige ist, den ich von ihm gelesen habe. Und sehr beeindruckend fand, vor allem den vielsagend stummen Jesus in der Binnenerzählung „Der Großinquisitor“ zur Theodizee-Frage.
Adventmail 2009/21 (Was geschah am … Dezember?)
Am 21. Dezember …
… 1192 wurde ein unerkannt bleiben wollender König auf dem Rückweg vom dritten Kreuzzug in einem kleinen Gasthaus in Erdberg bei Wien gefangen genommen. Es war Richard I. Löwenherz von England, (oder besser: Richard Ier Coeur de Lion, denn Englisch sprach der Normanne kaum). Der 1,86 m große Recke hatte zwar als Heerführer im Kampf um Jerusalem überzeugt und durch seine Ritterlichkeit sogar seinen Gegner Saladin beeindruckt, war jedoch auf dem Gebiet der Diplomatie eine Niete und machte sich etliche seiner Mitstreiter zum Feind. So auch den österreichischen Babenbergerherzog Leopold V., den „Tugendhaften“ (der übrigens auch so wacker gekämpft haben soll, dass sein weißer Waffenrock nach der Schlacht um Akkon 1191 ganz blutbespritzt war. Als er seinen breiten Gürtel abnahm, war die Trikolore rot-weiß-rot erkennbar – und die zukünftige Flagge Österreichs geboren).
Der Haudrauf auf dem englischen Königsthron brüskierte Leopold beim Aufteilen der Kriegsbeute, und das sollte sich rächen: Die Rückkehr Richards im Herbst 1192 gestaltete sich durch die vom ebenfalls verärgerten Philipp II. August gesperrten französischen Häfen als schwierig, der Engländer musste einen Umweg über die Adria und die Alpen machen, um zu seinem welfischen Schwager Heinrich dem Löwen nach Bayern zu gelangen. In Friesach in Kärnten erkannte man den angeblichen Pilger zum ersten Mal, am 6. Dezember machte sich Richard in meiner Geburtsstadt Bruck an der Mur durch höfisches Gehabe verdächtig. Leopold V. befahl seine Gefangennahme. Die gelang am 21. Dezember 1192 in Erdberg, wo auffiel, dass ein Gefolgsmann des Königs mit fremdländischem Geld Lebensmittel kaufte. In einem kleinen Beisl Eckhaus Erdbergstraße 41/Schwalbengasse 17 wurde Richard Löwenherz gefasst.
Was folgte, ist legendär: Gefangenschaft in Dürnstein, Auslieferung an den deutschen Kaiser Heinrich VI. und eine der größten Geldtransaktionen des Mittelalters bei der Aufbringung des Lösegeldes von 23 Tonnen Silber. Mit dem österreichischen Anteil gründete Leopold die „Münze Österreichs“ und ließ Münzen prägen, deren Silbergehalt die österreichische Währung (Taler/Kreuzer, Gulden, Krone/Heller, Schilling/Groschen) bis ins 20. Jahrhundert hart bleiben ließ.
Richard kehrte erst 1994 nach London zurück, übernahm von seinem Bruder Prinz John (der Böse in Robin Hood!) wieder den Thron – und hatte diplomatisch zugelegt: Er legte den Konflikt zwischen den einstigen Eroberern aus der Normandie und den alteingesessenen Angelsachsen bei und wurde allseits respektierter König nur noch eines Volkes: der Engländer.
Adventmail 2009/20 (Was geschah am … Dezember?)
Den 20. Dezember …
… sollte man in den Mund nehmen, ihn sich auf der Zunge zergehen lassen, bittersüß. Denn da wurde 1924 Friederike Mayröcker geboren. „Der viel erfahrenen, viel erduldenden Dichterin stehen nicht nur höchste Sensibilität und reiche Kenntnisse, ihr stehen Passion und Pathos zu Gebote. Abgesehen von der Meisterschaft, ist ihr Dichten von abgeklärter, heiter-stiller Alterslyrik weit entfernt“, schrieb „Die Zeit“ 2003 über das folgende Gedicht der damals 79-jährigen:
in den Mund diesen Tag in den Mund (nehmen) auf die/
Zunge/
auf der Zunge zergehen lassen diesen Tag: der/
Geschmack bitter. Diese in Mund auf die Zunge/
genommenen Tage alle bitter – aber laut schreiend/
diese Tage laut schreiend daß ich sie wieder ausspucken solle/
daß ich sie wieder ausspucke da spucke ich auch HERZ aus/
Fransen von Herz auch Fasern (zu sehr ins Bild?) alles/
voll Blut Fransen blutrot auf Estrich, ich weiß nicht/
HERZ ausgespeit, spucke mich selbst aus, spucke HERZ aus, /
ROHE VERZWEIFLUNG, schreie brülle möchte/
irgendwohin/
irgendwie weg, auf hohe Bäume Berge Spitzen von Blumen/
Gewölk oder was …
Adventmail 2009/19 (Was geschah am … Dezember?)
Am 19. Dezember …
… 1924 wird in Hannover Fritz Haarmann wegen 24-fachen Mordes zum Tode verurteilt.
70 Jahre später spielt Götz George dieses Monstrum im Film „Der Totmacher“ und vollbringt „die Unterwerfung des Kinos unter die Herrschaft seines Genuschels, Geheuls, seines hysterischen Lachens, seines irrlichternden Blicks“, wie „Der Spiegel“ 1995 hingerissen schrieb.
Fritz Haarmann wurde 1879 geboren, wurde schon als Kind von seinem Bruder missbraucht, lernte Schlosser, scheiterte in der Armee, wurde arbeitslos, verging sich an Nachbarskindern und wurde als Schwachsinniger in eine Heilanstalt in Hildesheim eingewiesen; eine traumatische Erfahrung, die ihn zur Flucht veranlasste. Verlöbnisse scheiterten, ebenso ein zweiter Versuch beim Militär, er wurde als Schizophrener in Rente geschickt. Haarmann verlegte sich auf homosexuelle Kontakte, wurde Kleinkrimineller, verbrachte den Ersten Weltkrieg im Gefängnis. 1919 lernte Haarmann den Gauner Hans Grans kennen, zog mit ihm zusammen und ließ sich von ihm Jungen zuführen.
Als immer mehr und schließlich 27, alle im Alter zwischen 10 und 22 Jahren, vermisst wurden, kam es zur Anklage – obwohl Indizien lange wegen Haarmanns Tätigkeit als Polizeispitzel unter den Teppich gekehrt wurden. Im Gerichtsprozess gestand Haarmann, in den Jahren 1918 bis 1924 24 Jungen ermordet zu haben – wie, beschreibe ich hier lieber nicht.
Haarmann wurde zum Tod verurteilt und im April 1925 Hannover enthauptet, obwohl Gutachter festgestellt hatten, dass Haarmann geistig krank sei. Nach geltendem Recht hätte Haarmann damals nicht hingerichtet werden dürfen. Die Henkersmahlzeit schmeckte ihm so gut, dass er sich ein zweites Mal bedienen ließ.
Der Fall sorgte weit über Deutschland hinaus für Aufsehen. Noch lange nach der Hinrichtung sangen Kinder folgenden Abzählvers: „Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt Haarmann auch zu dir, mit dem kleinen Hackebeilchen, macht er Schabefleisch aus dir. Aus den Augen macht er Sülze, aus dem Hintern macht er Speck, aus den Därmen macht er Würste und den Rest, den schmeißt er weg.“ Und der Fall inspirierte Fritz Lang zu einem der bedeutendsten deutschen Filmkunstwerke: „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ (1931) mit dem altösterreichischen Schauspieler Peter Lorre in der Hauptrolle.
Adventmail 2009/18 (Was geschah am … Dezember?)
Seit dem 18. Dezember …
… 1859 gibt es die Ordensgemeinschaft de Salesianer Don Boscos. Gegründet hat sie einer meiner Lieblingsheiligen, nämlich Giovanni Bosco, genannt Don Bosco (vielleicht, weil Don Giovanni nicht so super für einen Priester klingt?). Er war keiner, der große Wunderheilungen vollbrachte oder so in mystische Tiefen abtauchte, dass er die Welt um sich nicht mehr wahrnahm. Nein, er tat genau das, indem er sich damaliger „verhaltensauffälliger“ Jugendlicher ohne viele Perspektiven annahm und ihnen das Gefühl gab, wertvoll und ein Gotteskind zu sein.
Giovanni war Bauernsohn aus der Umgebung von Turin und bald Waise. Seine Mutter erzog ihn allein und in großer Armut. Mit neun Jahren hatte er eine Vision, die das ökumenische Heiligenlexikon so erzählt: Er sah in einem Hof eine Horde herumlungernder und fluchender Gassenjungen; als er dazwischen fahren wollte, sprach ein vornehmer und von innen heraus leuchtender Mann zu ihm: Stelle Dich an die Spitze der Jungen! Nicht mit Schlägen, sondern mit Milde, Güte und Liebe musst Du Dir diese zu Freunden gewinnen.
Auf die Frage, warum ein Neunjähriger glaubt, bei fluchenden Gassenjungen „dazwischenfahren“ zu müssen und von einem illuminierten Mann ermahnt werden muss, keine Schläge einzusetzen, gibt diese Legende keine Antwort. Sicher ist jedenfalls, dass Giovanni ab da Priester werden wollte und dies unter großen Entbehrungen (vor allem seiner Mutter) auch schaffte.
1841 wurde aus Giovanni Don Bosco, sein Engagement im damals beginnenden Industriezeitalter galt der Arbeiterjugend und den verwahrlosten Jugendlichen der Großstadt Turin. Er richtete in „schlechten Vierteln“ Schulen, Heime und Ausbildungsstätten ein, seine Pädagogik war – damals revolutionär – präventiv und nicht repressiv. Don Bosco pfiff auf das übliche Hierarchiegefälle zwischen Erzieher und Erzogenen, begegnete den Jugendlichen mit Respekt und traute ihnen etwas zu. Er hatte eine großartige Begabung, auf Menschen zuzugehen und sie für sich und für den Glauben zu gewinnen; Don Bosco wird als fröhlich, witzig und immer wohlwollend geschildert. Bei Gefängnisexerzitien erwirkte er die behördliche Sondererlaubnis, mit 300 Gefangenen einen unbewachten Ausflug zu machen. Keiner nutzte die Gelegenheit zur Flucht.
Adventmail 2009/17 (Was geschah am … Dezember?)
Über den 17. Dezember …
… schreibe ich exakt einen Monat früher und widerstehe der Versuchung, über die 1989 an diesem Tag erstmals ausgestrahlte Simpsons-Folge zu erzählen. Das werden ohnehin andere Medien ausgiebig tun, schätze ich.
Nein, ich berichte über die gesetzliche Einführung des Achtstundentages in Österreich am 17.12.1919 durch die Nationalversammlung (ab 1920: Nationalrat) der Republik Österreich.
Der Achtstundentag war eine der ältesten Forderungen der Arbeiterbewegung und erstmals vom walisischen Sozialreformer Robert Owen (1771-1858) im Slogan formuliert: „Acht Stunden arbeiten, acht Stunden schlafen und acht Stunden Freizeit und Erholung“.
Bei einer Fünf-Tage-Woche wären das also 40 Stunden, was heute in Österreich laut Arbeitszeitgesetz die Normalarbeitszeit wäre. Die tatsächliche Wochenarbeitszeit ist zwei Jahrhunderte nach Owen jedoch in Österreich höher – und in der EU sonst so hoch wie nur in Großbritannien, nämlich 42,4 Stunden für unselbständige Vollzeitbeschäftigte. Natürlich ist in Europa seit der Industrialisierung die Arbeitszeit gesunken – mit Ausnahme der vergangenen 10 Jahre. Da hieß es von Arbeitgeberseite, ein Anstieg der Arbeitszeit sei sinnvoll oder sogar unumgänglich. Ich glaube das nicht. Eine Arbeitszeitverkürzung muss nicht – wie behauptet – mit Produktionsrückgängen verbunden sein. Das Arbeitsvolumen, also die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden pro Kopf der Bevölkerung hat sich zwischen 1900 und 2000 recht genau halbiert. Zugleich wird heute – aufgrund des Produktivitäts-Fortschritts – pro Kopf der Bevölkerung die sechsfache Menge an Gütern und Dienstleistungen erwirtschaftet wie vor 100 Jahren.
Also: Her mit der 35-Stunden-Woche!
Adventmail 2009/16 (Was geschah am … Dezember?)
Am 16. Dezember …
… 1938 wurde die Münchnerin Louise Weidenfeller, 61 Jahre alt, dafür geehrt, acht Kinder auf die Welt gebracht zu haben. Sie war die erste Frau, die sich das „Mutterkreuz“, einen Orden mit der Aufschrift „Der Deutschen Mutter“ und dem Hakenkreuz, an die Brust heften durfte. Ab 1939 erfolgte die Verleihung dann am Muttertag.
„Den ersten, besten und ihr gemäßesten Platz hat die Frau in der Familie und die wunderbarste Aufgabe, die sie erfüllen kann, ist die, ihrem Volk Kinder zu schenken.“ So hörte sich das nationalsozialistische Frauenbild aus dem Mund von Joseph Goebbels an, der 1931 mit Hitler als Trauzeugen die spätere NS-Vorzeigefrau Magda geehelicht hatte. Die wiederum als siebenfache Mutter von Helga, Hilde, Helmut, Holdine, Hedwig, Heidrun sowie Harald aus erster Ehe selbst Mutterkreuz-Trägerin war.
Voraussetzung für die Auszeichnung war, dass die Frau „deutsch-blütig“ nach dem Ariernachweis, „erbgesund“, „anständig“ und „sittlich einwandfrei“ war. (Bei der glamourösen, rauchenden, trinkenden vormaligen Ehebrecherin Magda Goebbels, die ein Jahrzehnt lang den jüdischen Namen „Friedländer“ trug, nahm man es nicht so genau.)
Das Mutterkreuz wurde an einem Band zu feierlichen Anlässen getragen und brachte der Trägerin verschiedene Privilegien wie einen Sitzplatz in öffentlichen Verkehrsmitteln, Bevorzugung in Ämtern oder Ehrengruß durch die Hitler-Jugend des Ortes. Es dauerte bis in den Sommer 1957, bis das deutsche „Gesetz über Titel, Orden und Ehrenzeichen“ das Tragen des Mutterkreuzes verbot. Mir fällt ein, dass meine Großmutter auch eine Kandidatin gewesen wäre (oder: war?): In der Zeit zwischen 1932 und 1943 gebar sie neun Kinder.
Adventmail 2009/15 (Was geschah am … Dezember?)
Am 15. Dezember …
… 1979 gerieten zwei kanadische Journalisten, der Sportredakteur Scott Abbott (Canadian Pres) und der Fotograf Chris Haney (Montreal Gazette) beim Scrabble-Spielen in Streit, wer von beiden der Vifere sei. Und angeblich hatten sie an diesem Tag (was Wikipedia alles weiß!) die Idee, ein eigenes Brettspiel zu entwickeln. Es wurde als Trivial Pursuit (dt.: Belanglose Jagd oder Die Jagd ums Allgemeinwissen) ein Welterfolg.
Die klassische Variante umfasst sechs Kategorien, zu denen man jeweils eine Frage richtig beantworten muss und dafür mit tortenstückchenförmigen Steinchen belohnt wird: Sport & Vergnügen (orange), Wissenschaft & Technik (grün), Geschichte (gelb), Erdkunde (blau), Unterhaltung (pink) und Kunst & Literatur (braun).
In aller Bescheidenheit muss ich anmerken, dass ich ein überaus versierter T.P.-Spieler bin und dabei oft gewinne. Und es passt auch zu einem Journalisten, von allem ein wenig zu verstehen statt von wenigem alles.
Ich spiele aber auch sonst sehr gerne, sehe darin einen Intelligenz und sozialen Zusammenhalt fördernden, psychologisch aufschlussreichen Zeitvertreib (Kann man jemand schneller kennenlernen als bei einer Partie Mensch ärgere dich nicht?). Neben Quizspielen mag ich vor allem fantasievolle Brettspiele wie Die Siedler von Catan, Scotland Yard, Take it easy oder Heimlich & Co., Kartenspiele wie Hearts, Hühnerficken oder Arschloch, Buchstabenspiele wie Scrabble oder einfach nur aus den Buchstaben eines Wortes neue bilden*), Bewegungsspiele wie Charade oder das Mörderspiel und Sexspiele wie … (aber halt: Das gehört nicht in einen Adventkalender!)
In meiner autofreien Mustersiedlung gibt es gottlob initiative Menschen, die regelmäßig zu Spieleabenden laden. Und wenn DU mal zu so was einlädst – ich komme bestimmt.
*) wie z.B. aus „S-P-I-E-L“ die Wörter spie, spei!, Seil, sie, sei, peil!, Pils, Eis, Ei, eil! lies! – Ilse und Isel gelten als Eigennamen übrigens nicht