Säulenheilige gehören zu den sonderbarsten Erscheinungen der christlichen Mystik. Wenn zu lesen ist, dass der heilige Daniel Stylitis (=Säulensteher) 33 Jahre seines Lebens auf einer Säule verbrachte, kommen da nur mir Assoziationen zu Bestleistungen wie 30 Stunden Dauerküssen oder 30 Kilometer mit dem Fahrrad rückwärts fahren aus dem Guiness-Buch der Rekorde?
Den spätantiken Säulenheiligen ging es natürlich nicht um äußeren Ruhm in Form einer Eintragung ins „Guiness-Heiligenlexikon“, sondern sie pflegten Askese zur höheren Ehre Gottes – in diesem Fall durch Unbehaustsein und möglichst stehendes Verweilen am immer selben Ort.
Besondere Steherqualitäten hatte wie gesagt Daniel (409-493). Der wie viele andere Heilige (Paulus, Nikolaus) aus der heutigen Türkei stammende Fromme begegnete dem Syrer Symeon (+459), dem Begründer der Säulenaskese, also quasi „Erstbesteiger“. Davon beeindruckt fand Daniel bei Konstantinopel eine eigene freie Säule und verharrte fortan dort oben auf einer kleinen Plattform, betend, predigend und seinen zahlreicher werdenden Besuchern Rat gebend. Daniel starb hoch angesehen im bemerkenswerten Alter von 84 und wurde am Fuß seiner Säule begraben.
Eine moderne Variante sind jene „Säulenheiligen“, die stundenlang und unbeweglich auf allerdings kleinen Säulen in Fußgängerzonen stehen, fotogen gekleidet in mitunter einfallsreiche Gewänder. Einen von ihnen sah ich einmal nach einem harten Arbeitstag seine Utensilien packen. „Und – lohnt sich das?“, wollte ich wissen. Nun ja, antwortete der junge, sogar im Gesicht goldschimmernde Mann: An die 100 Euro verdiene er an guten Tagen schon mal…
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Adventmail 2010/06 (Namenstage)
Franz von Assisi verehren drei Konfessionen, Nikolaus von Myra aber gleich sieben. Er ist also sowas wie ein christlicher Superheiliger, an dem man auch als innovationsfreudiger Adventkalenderproduzent nicht vorbeikommt, zumal er ja auch die Vorlage für Santa Claus ist.
Zunächst aber zu Thomas Nast, einem 1846 nach New York ausgewanderten deutschen Karikaturisten. Zu Weihnachten 1863 zeichnete er während des Amerikanischen Bürgerkriegs für „Harper’s Weekly“ einen alten Vollbartträger, der von einem Schlitten herab die Soldaten der Unionstruppen beschenkt. Vorbild war der pfälzische „Belznickel“, eine Pelz tragende Weihnachtsmannfigur aus dem 19. Jht., die Nast noch aus Kindheitstagen kannte. Als man Nast später bat, seine Zeichnung zu kolorieren, wählte er die Farben rot und weiß. Später wurde daraus der Pfeife rauchende, altersfidele Santa Claus. Ihn stellte Nast bis zu seinem Lebensende 1903 immer wieder dar.
In den 1920er Jahren setzte sich die heute bekannte rotweiße Robe des Weihnachtsmanns immer mehr durch. Die „New York Times“ schrieb 1927: „Ein standardisierter Santa Claus erscheint den New Yorker Kindern. Größe, Gewicht, Statur sind ebenso vereinheitlicht wie das rote Gewand, die Mütze und der weiße Bart.“ Den letzten Schub zur weihnachtlichen Allgegenwart bekam Santa 1931 durch eine Coca-Cola-Werbekampagne, die ebenfalls nach Nasts Vorlage gestaltet wurde.
Und jetzt noch ein Voting* darüber, was Ihr eher mit Weihnachten assoziiert, liebe FreundInnen: die schlichte Krippe des Franziskus mit dem neugeborenen Jesuskind als Symbol für die gottgewollte Macht der Machtlosigkeit – oder der schweiß- und kommerztriefende, pädophilieverdächtige Fettsack als Verhohohöhnung des Kinder beschenkenden Bischofs Nikolaus aus dem 4. Jht.?
* war 2025 auf Facebook nicht mehr auffindbar
Adventmail 2010/03 (Namenstage)
Emma, „die Erhabene“, entstammte sächsischem Adel und heiratete vor mehr als 1000 Jahren Liudger, einen Sohn des sächsischen Markgrafen. Nach dem frühen Tod ihres Gemahls 1011 zog sich Emma auf das Gut Lesum bei Bremen (heute Stadtteil Burglesum) zurück, unterstützte mit ihrem Vermögen großzügig die Kirche, vor allem aber die Armen. Dass sie später als Heilige verehrt wurde, mag wohl an jener Haltung Emmas liegen, die in folgender Legende zum Ausdruck kommt:
Als die Bremer Bürger zu wenig Weidefläche hatten, um ihre Versorgung zu sichern, baten sie die Gräfin um Hilfe. Emma versprach, ihnen so viele Wiesen und Weiden zu überlassen, wie ein Mann in einer Stunde umschreiten könne. Ihr Schwager Herzog Benno von Sachsen fürchtete um das Familienerbe und sagte vorwurfsvoll: Warum nicht gleich einen ganzen Tag als Frist?
Emma nahm ihn beim Wort, Benno erbat er sich das Recht der Auswahl des Mannes – und wählte listig einen Krüppel ohne Beine. Emma legte dem Behinderten betend die Hände auf, worauf sich dieser robbend in Bewegung setzte. Die anfänglich enttäuschten Bremer Bürger waren bass erstaunt, als sie bald (von einem Diener eingeschlagene) Markierungspfähle erblickten, so weit das Auge reichte. Als der nimmermüde Krüppel sein Tagwerk vollbracht hatte, war eine Weide eingezäunt, die fast zu groß für den Bedarf der Bremer war.
Diese vergaßen weder den Krüppel (sein Bildnis ist zwischen den Füßen der Rolandsäule auf dem Marktplatz in Stein ausgehauen) noch die edle Spenderin, die wohl ihr letztes Hemd gegeben hätte, um dem Jesuswort „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ zu entsprechen.
Selten, aber doch, gibt es auch in modernen Zeiten noch Emmas, die zur Freude vieler ihre Schleier ablegen, bereit zum Teilen ihrer Gaben und wissend, dass Geiz eben nicht geil ist… www.youtube.com/watch?v=AMogobW-MRc&NR=1
Adventmail 2009/18 (Was geschah am … Dezember?)
Seit dem 18. Dezember …
… 1859 gibt es die Ordensgemeinschaft de Salesianer Don Boscos. Gegründet hat sie einer meiner Lieblingsheiligen, nämlich Giovanni Bosco, genannt Don Bosco (vielleicht, weil Don Giovanni nicht so super für einen Priester klingt?). Er war keiner, der große Wunderheilungen vollbrachte oder so in mystische Tiefen abtauchte, dass er die Welt um sich nicht mehr wahrnahm. Nein, er tat genau das, indem er sich damaliger „verhaltensauffälliger“ Jugendlicher ohne viele Perspektiven annahm und ihnen das Gefühl gab, wertvoll und ein Gotteskind zu sein.
Giovanni war Bauernsohn aus der Umgebung von Turin und bald Waise. Seine Mutter erzog ihn allein und in großer Armut. Mit neun Jahren hatte er eine Vision, die das ökumenische Heiligenlexikon so erzählt: Er sah in einem Hof eine Horde herumlungernder und fluchender Gassenjungen; als er dazwischen fahren wollte, sprach ein vornehmer und von innen heraus leuchtender Mann zu ihm: Stelle Dich an die Spitze der Jungen! Nicht mit Schlägen, sondern mit Milde, Güte und Liebe musst Du Dir diese zu Freunden gewinnen.
Auf die Frage, warum ein Neunjähriger glaubt, bei fluchenden Gassenjungen „dazwischenfahren“ zu müssen und von einem illuminierten Mann ermahnt werden muss, keine Schläge einzusetzen, gibt diese Legende keine Antwort. Sicher ist jedenfalls, dass Giovanni ab da Priester werden wollte und dies unter großen Entbehrungen (vor allem seiner Mutter) auch schaffte.
1841 wurde aus Giovanni Don Bosco, sein Engagement im damals beginnenden Industriezeitalter galt der Arbeiterjugend und den verwahrlosten Jugendlichen der Großstadt Turin. Er richtete in „schlechten Vierteln“ Schulen, Heime und Ausbildungsstätten ein, seine Pädagogik war – damals revolutionär – präventiv und nicht repressiv. Don Bosco pfiff auf das übliche Hierarchiegefälle zwischen Erzieher und Erzogenen, begegnete den Jugendlichen mit Respekt und traute ihnen etwas zu. Er hatte eine großartige Begabung, auf Menschen zuzugehen und sie für sich und für den Glauben zu gewinnen; Don Bosco wird als fröhlich, witzig und immer wohlwollend geschildert. Bei Gefängnisexerzitien erwirkte er die behördliche Sondererlaubnis, mit 300 Gefangenen einen unbewachten Ausflug zu machen. Keiner nutzte die Gelegenheit zur Flucht.