Adventmail 2010/01 (Namenstage)

Moskau im Winter, klirrende Kälte, vor der Basilius-Kathedrale liegt Schnee. Ein französischer Tourist besichtigt die üblichen Must-sees wie den Roten Platz und das Lenin-Mausoleum, und er trinkt heiße Schokolade im Café Puschkin, begleitet von einer sprachkundigen Genossin. „Sie hatte einen hübschen Namen, meine Führerin: Nathalie…“
Der wunderschöne Chanson-Klassiker von Gilbert Bécaud (1927-2001) handelt von der Sehnsucht nach dieser Nathalie/Natalja (die heute Namenstag hat). Das Lied entstand 1964, als mitten im Kalten Krieg ein wenig Tauwetter einsetzte: Kurz war von einer „friedlichen Koexistenz“ zwischen Ost und West die Rede, bis Breschnew Chruschtschow auf dessen Datscha in Pension schickte.
Bécaud singt, Nathalie habe in nüchternen Worten über die Oktoberrevolution doziert, ihn hätten aber mehr ihre blauen Augen und blonden Haare interessiert. So was riecht nach unerfüllter Liebe, und tatsächlich klingt das Chanson mit der in einem einsamen Zimmer geäußerten Hoffnung aus, eines Tages würden sich in Paris die Rollen des Gastes und des Fremdenführers umkehren.
Als ich das Lied in den Sixties im noch jungen Sender Ö3 und in Fernseh-Shows hörte, hatte ich noch keine Ahnung von seinem Inhalt. Aber die eingängige Melodie, die stimmigen Rhythmuswechsel und die Anklänge an russische Folklore gefielen mir damals genauso wie heuer, als ich im Sommer quer durch Frankreich fuhr und Musik wie diese hörte.

Adventmail 2009/24 (Was geschah am … Dezember?)

Am 24. Dezember …
… 1818 erklang erstmals „Stille Nacht, heilige Nacht“, das weltweit berühmteste Lied aus Österreich, in der Nikolauskirche in Oberndorf bei Salzburg. Es wird in aller Welt gesungen, Übersetzungen gibt es in mehr als 300 Sprachen und Dialekte.
Und es begab sich, dass zu Heiligabend 1818 der Hilfspriester Joseph Mohr sich an den Arnsdorfer Dorfschullehrer und Organisten Franz Xaver Gruber wandte und ihm ein sechsstrophiges Gedicht zur gefälligen Vertonung vorlegte, das er mehr als zwei Jahre zuvor geschrieben hatte. Es hieß, dass er der Not gehorchte, denn die alte einmanualige Orgel der Kirche sei nicht bespielbar gewesen und zumindest ein Lied zur Gitarre angeraten gewesen. Gruber komponierte also, und er tat es schnell und gut. Die sanfte Melodei, gesungen mit wohlklingender Tenorstimme des Mohrs und dem verständigen Gezupfe des Grubers, rührte die andächtigen Gläubigen im Salzburger Land. Sie behielten es im Herzen und sangen es fortan stets zu jenem Feste, bei dem Gott der Menschheit sein kindliches Gesicht zeigt; und sie sangen es aus dem Gedächtnis, denn Gruber hat seine Weise nie veröffentlicht.
Dass das Lied aus dem kleinen Alpendorf bis in die letzten Winkel des Erdenrunds hinausgetragen wurde, ist außer dem Herrgott dem Orgelbaumeister Mauracher aus Fügen im Zillertal zu danken. Als er 1832 mit anderen Musikern Tiroler Lieder in Leipzig vorführte, gewannen vor allem die Klänge der „Stillen Nacht“ den Beifall der Festgemeinde. Von dort aus trat das seinen Siegeszug an.
Der Mohr und der Gruber ernteten nicht den Ruhm heutiger „Hitkomponisten“, auch Grubers zwölf Kinder konnten nicht mit den Tantiemen für ein allenthalben hörbares Weihnachtslied ein sorgenfreies Leben führen (wie Nick Hornby dies vergnüglich in „About a boy“ beschreibt). Mohr, als Sohn eines Kriegsmannes, nämlich des Musketiers Franz Joseph Mohr, von Gott auf die erquicklicheren Pfade eines musizierenden Seelenhirten geführt, verließ Oberndorf 1819 und wurde Vikar in der gotischen Pfarrkirche von Wagrain. Franz Xaver Gruber, ein armer Webersohn aus dem Innviertel, versah schon als 19-jähriger den Dienst als Lehrer zu Armsdorf, frisch angetraut einer 13 Jahre älteren Mesnerwitwe. Diese starb 1825, eine von Grubers Schülerinnen wurde Stiefmutter seiner beiden Kinder und Mutter von zehn weiteren, die Gruber in vielen „stillen Nächten“ zeugte. 1833 berief man ihn in das alte Salzstädtchen Hallein, wo er noch 30 Jahre lang als Chorregent alljährlich seiner Kinderschar das vielleicht schönste Weihnachtslied auf dem Erdenrund darbieten konnte.
Auch ich werde es heute Abend ich im Kreis meiner Lieben anstimmen, kurz bevor die Kerzen am Baum entzündet werden und wir einander mit Umarmungen und Geschenken zeigen, wie gut es ist, dass wir einander haben …

Adventmails 2006/21 (Listen aller Art)

Meine fünf liebsten Klavierstücke – ohne Rangwertung- eher nach zeitlicher Entdeckung:

„Vallee d’Obermann“ aus den Années de Pelerinage, premieré année SUISSE von Franz Liszt, z.B. Aufnahme mit Claudio Arrau
beim ersten Hören der Aufnahme (2000) hat es mir die Sprache und alle Sinne verschlagen, weil ich mit einem Mal mein Leben vor mir sah, so dicht, so nah, dass ich es nicht für möglich hielt, vor allem, dass jemand mein Leben musikalisch und einfach mit einem Klavier fassen kann.

Die Klaviersonaten Beethovens in der Einspielung von Alfredo Perl:
Am liebsten sind mir die Waldstein-Sonate, Nr.21, C-Dur, op.53 und die Sonate Nr. 32 , c-moll, op.111

Klavier mit Gesang, Schuberts Winterreise mit Ian Bostridge (voc) und Leif Ove Andsnes (p)

Wandererphantasie von Schubert

Kai, 43 Jahre, Malerin und Bildhauerin in Berlin, seit 1999 begeisterte Klavierschülerin

Adventmails 2006/03 (Listen aller Art)

Alte Musik – Edelsteine

  1. Eustache du Caurroy (1549–1609): „Pavane pour le roy“ aus Requiem des Rois de France, gespielt vom Ensemble „doulce mémoire“.
    Meine Tanzmusik, wenn ich in bester Laune bin. Am Anfang hört man taktelang nur den fetzigen Rhythmus der Trommeln, die Erwartung wächst und wächst, bis die mittelalterlichen Bläser mit ihrer unvergleichlichen alten Stimmung einsetzen. Oder man sucht sich jemanden, dem man beim Zuhören in die Augen sehen kann.
  2. Johannes Ockeghem (1410–1479): Chanson „S’elle m’amera je ne scay“ gesungen vom „Orlando Consort“.
    Die Zeile „Robin et Marion s’en vont au bois joli“ klingt mir oft im Ohr, weil sie so kinderliedhaft klingt, und doch etwas anderes meint. An der Oberfläche ist der Chanson ein Minnelied mit dem bekannten Inhalt: „Ob sie mich lieben wird, das weiß ich nicht, doch will ich tun, was ich kann, ein wenig ihre Gnade zu erlangen.“ Parallel dazu läuft aber in der Mittelstimme unabhängig ein anderes Lied: „Kleine Camusette, du bringst mir fast den Tod. Robin und Marion gehen in den Wald, gehen fort, Arm in Arm, und schlafen ein.“
  3. Don Carlo Gesualdo (1560–1613): „Omnes amici mei“ aus Tenebrae gesungen vom „Taverner Consort“.
    Für verzweifelte Stunden. Gesualdo hat die verrückteste geistige Musik des Mittelalters geschrieben, die in ihren Dissonanzen für klassische Ohren extrem ist. Als reicher Fürst von Venosa musste er sich nicht nach Auftraggebern richten und suchte seine Texte so aus, dass er möglichst bizarre Wortausmalungen unterbringen konnte. „Alle meine Freunde haben mich verlassen und die, die mir Fallen stellen wollen, haben die Oberhand. Die ich geliebt habe, haben mich verraten, (…) sie haben mich gezwungen, Essig zu trinken.“ Wer den Text mitliest, dem wird angesichts der Harmonik bei den „insidias“ (Hinterhalte) schwindelig, und bei „amici mei“ dreht sich ihm der Magen um.
  4. Richard Sumarte (16. Jht.): „Daphne“ gespielt von Paolo Pandolfo auf der Gambe.
    Dieses kurze Instrumentalstück ist von wunderbarer Leichtigkeit, die Akustik im berühmten El Escorial in Spanien ist exzellent, man hört den Fingeraufsatz auf dem Griffbrett und den Atem. In dieser Direktheit kann der Gambenspieler Feinheiten geschehen lassen ohne den Klang irgendwie zu pressen. Meine schönste Solo-Cello-CD in ihrer Gelassenheit und Intimität.
  5. Samuel Scheidt (1587–1654): „Allein Gott in der Höh’ sei Ehr“ in der Einspielung von Dietrich Kollmannsperger.
    Als Orgelliebhaberin habe ich diesen Organisten bei meinem Besuch in Tangermünde dazu gebracht, mir eine Stunde lang diese älteste erhaltene Orgel vorzuführen, die 1994 restauriert worden ist. Ebenfalls in der alten Stimmung kann man schon Bach so gut wie nicht mehr auf ihr interpretieren. In Anlehnung an meinen ersten Listenpunkt wechseln bei dieser Choralbearbeitung die einzigartigen Bläserstimmen der Orgel mit dem Plenum ab, was mich durch die Klangkraft (nicht Lautstärke!) dieser Stimmung und den fanfaren- und gleichzeitig schicksalshaften Gestus des Refrains immer wieder erschüttert und fasziniert.

Jule Rosner, 23, Klavierstudentin in Berlin

Adventmail 2005/23 (warten)

Ich steh‘ im Regen und warte auf Dich, auf Dich.
Auf allen Wegen erwart‘ ich nur Dich, immer nur Dich.
Der Zeiger der Kirchturmuhr rückt von Strich zu Strich,
ach, wo bleibst Du denn nur? Denkst nicht mehr an mich?
Und ich steh‘ im Regen und warte auf Dich, auf Dich.
Immer warten nur die Menschen, die wirklich lieben.
Kommst Du noch nicht? Wie die fallenden Tropfen am Ärmel zerstieben.

Ich steh‘ im Regen und warte auf Dich, auf Dich.
Auf allen Wegen erwart‘ ich nur Dich, immer nur Dich.
Der Zeiger der Kirchturmuhr rückt von Strich zu Strich,
ach, wo bleibst Du denn nur? Denkst nicht mehr an mich?
Und ich steh‘ im Regen und warte auf Dich, auf Dich…

(Songtext: Zarah Leander – Ich steh‘ im Regen,
aus dem Film „Zu neuen Ufern“, 1937)