Nennt seinen Sohn heute noch irgendwer „Adolf“, so wie die Eltern des seligen deutschen Arbeiterseelsorgers Kolping dies vor 197 Jahren taten?
Adolf, der „edle Wolf“, ist ein „Name, der leider meist nur mit einem Menschen verbunden wird, aber Tausende Träger hat“ – da haben die Betreiber von http://adolfistauchnureinname.de schon recht. Freilich, „Tausende Träger“ ist etwas übertrieben, denn das deutsche Telefonbuch verzeichnet Adolf ganze 2.865 Mal. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist der Name ein absolutes Minderheitenprogramm (auch das FPÖ-Rechtsaußenpaar Barbara und Horst-Jakob Rosenkranz rang sich bei zehn Kindern grad mal zu einem „Wolf“ durch).
Laut www.beliebte-vornamen.de war der Name des „Föhrrrers“ sogar in der NS-Zeit nie der Superhit: Nur 1940 schaffe es „Adolf“ – gerade noch – in die Top-30. Im Vorjahr scheint der Name unter den 500 beliebtesten deutschen Bubennamen nicht auf, im Unterschied zu Hüseyin, Maksim, Joey und Nathanael.
Für Österreich weist die Statistik Austria im vergangenen Vierteljahrhundert immerhin 79 neugeborene Adolfs aus, das ist Platz 481, knapp hinter Nathan (85), aber immerhin deutlich vor Benito (24), Thor (3) und Wotan (1).
„Wir suchen hier Adolfs, die helfen, den Namen wieder mit etwas Positivem zu assoziieren“, so der Appell der Adolfisten. Vielleicht hilft ja Adidas(sler) bei der Imagepolitur. Oder in Österreich Dolferl Kottan… Oder es hilft Ironisierung der Marke Harald Schmidt…
Schlagwort-Archiv: Geschichte
Adventmail 2009/23 (Was geschah am … Dezember?)
Am 23. Dezember …
… 1880 nahm der Sheriff von Lincoln County/New Mexico, Pat Garrett, seinen ehemaligen Freund Henry McCarty, genannt Billy the Kid, fest. Ein halbes Jahr später erschoss er ihn. Und das kam so:
In seiner Jugend arbeitete Garrett als Schweinezüchter und Ziegelbrenner in New Mexico, wo er McCarty in einer Bar kennenlernte. Der neun Jahre jüngere McCarty und Garrett wurden in dieser Zeit Freunde. Später trennten sich die Wege der beiden: Garrett heiratete und wurde Vater von sieben Kindern; McCarty geriet mehr und mehr auf die schiefe Bahn.
Anfang 1880 wurde Garrett zum Sheriff gewählt. Mehrere Gesetzeshüter hatten bereits vergeblich versucht, den mittlerweile berüchtigten Billy the Kid dingfest zu machen. Garrett bekam den Auftrag und stellte Billy schließlich. Statt ihn einzusperren, gab er ihm sechs Wochen Zeit, um nach Mexiko zu flüchten. Billy weigerte sich, und so begann die Jagd auf ihn. Garrett verhaftete Billy am Tag vor dem Heiligen Abend 1880. Der wurde im April 1881 zum Tode verurteilt. Doch Billy gelang die Flucht. Garrett gab ihm abermals Gelegenheit, um nach Mexiko zu fliehen, und erneut weigerte sich der gunman.
Am 14. Juli 1881 erschoss der Sheriff Billy the Kid ohne Vorwarnung aus dem Hinterhalt. Wegen persönlicher Ablehnung vieler Bürger musste Garrett das Kopfgeld von 500 Dollar mithilfe eines Anwaltes erstreiten. Nach dem Mord wurde er von den Leuten immer mehr gemieden, daran änderte auch nichts, dass er mit „The Authentic Life of Billy, the Kid“ die populärste Biografie über Billy verfasste und ihn damit zu einem der bekanntesten Revolverhelden des Wilden Westens machte.
Billy war 1873 nach einer unsteten Jugend mit Mutter, älterem Bruder und Stiefvater nach New Mexico gekommen, trieb sich bald in Saloons herum und wurde in den „Rinderkrieg“ in der Region verwickelt. Billy wurde Spieler, Viehdieb und Mörder, weitere Morde schrieb man ihm zu – in Summe 21, von denen nur vier sicher auf sein Konto gingen. Zeitgenossen bezeichneten Billy als „brave, resourceful and honest boy“, der Opfer der Umstände wurde. „The Kid was a thousand times better and braver than any man hunting him, including Pat Garrett“, sagte sogar einer aus dem angeheuerten Deputy-Trupp.
All das gibt natürlich herrlichen Filmstoff ab, und die bemerkenswerteste Bearbeitung schuf Sam Peckinpah 1973 mit „Pat Garrett & Billy the Kid“ – nicht nur, weil darin drei bekannte MusikerInnen mitspielen: Kris Kristofferson, seine Frau Rita Coolidge und Bob Dylan, der auch die Filmmusik („Knockin‘ on Heaven’s Door“!) beisteuerte.
Adventmail 2009/21 (Was geschah am … Dezember?)
Am 21. Dezember …
… 1192 wurde ein unerkannt bleiben wollender König auf dem Rückweg vom dritten Kreuzzug in einem kleinen Gasthaus in Erdberg bei Wien gefangen genommen. Es war Richard I. Löwenherz von England, (oder besser: Richard Ier Coeur de Lion, denn Englisch sprach der Normanne kaum). Der 1,86 m große Recke hatte zwar als Heerführer im Kampf um Jerusalem überzeugt und durch seine Ritterlichkeit sogar seinen Gegner Saladin beeindruckt, war jedoch auf dem Gebiet der Diplomatie eine Niete und machte sich etliche seiner Mitstreiter zum Feind. So auch den österreichischen Babenbergerherzog Leopold V., den „Tugendhaften“ (der übrigens auch so wacker gekämpft haben soll, dass sein weißer Waffenrock nach der Schlacht um Akkon 1191 ganz blutbespritzt war. Als er seinen breiten Gürtel abnahm, war die Trikolore rot-weiß-rot erkennbar – und die zukünftige Flagge Österreichs geboren).
Der Haudrauf auf dem englischen Königsthron brüskierte Leopold beim Aufteilen der Kriegsbeute, und das sollte sich rächen: Die Rückkehr Richards im Herbst 1192 gestaltete sich durch die vom ebenfalls verärgerten Philipp II. August gesperrten französischen Häfen als schwierig, der Engländer musste einen Umweg über die Adria und die Alpen machen, um zu seinem welfischen Schwager Heinrich dem Löwen nach Bayern zu gelangen. In Friesach in Kärnten erkannte man den angeblichen Pilger zum ersten Mal, am 6. Dezember machte sich Richard in meiner Geburtsstadt Bruck an der Mur durch höfisches Gehabe verdächtig. Leopold V. befahl seine Gefangennahme. Die gelang am 21. Dezember 1192 in Erdberg, wo auffiel, dass ein Gefolgsmann des Königs mit fremdländischem Geld Lebensmittel kaufte. In einem kleinen Beisl Eckhaus Erdbergstraße 41/Schwalbengasse 17 wurde Richard Löwenherz gefasst.
Was folgte, ist legendär: Gefangenschaft in Dürnstein, Auslieferung an den deutschen Kaiser Heinrich VI. und eine der größten Geldtransaktionen des Mittelalters bei der Aufbringung des Lösegeldes von 23 Tonnen Silber. Mit dem österreichischen Anteil gründete Leopold die „Münze Österreichs“ und ließ Münzen prägen, deren Silbergehalt die österreichische Währung (Taler/Kreuzer, Gulden, Krone/Heller, Schilling/Groschen) bis ins 20. Jahrhundert hart bleiben ließ.
Richard kehrte erst 1994 nach London zurück, übernahm von seinem Bruder Prinz John (der Böse in Robin Hood!) wieder den Thron – und hatte diplomatisch zugelegt: Er legte den Konflikt zwischen den einstigen Eroberern aus der Normandie und den alteingesessenen Angelsachsen bei und wurde allseits respektierter König nur noch eines Volkes: der Engländer.
Adventmail 2009/02 (Was geschah am … Dezember?)
Am 2. Dezember …
… wurde ein 18-jähriger Habsburger von einer Revolution (!) in Österreich (!!) auf den Thron gehievt und als Franz Joseph I. zum Kaiser gekrönt. Und das kam so: Nach dem Hungerwinter 1847/1848 fegte der Volksunmut am 13. März den rigiden Restaurationspolitiker Metternich von den Schalthebeln der Macht. Vor allem das Bürgertum wollte Mitbestimmung und Freiheit nicht nur in Krähwinkel. (Kaiser Ferdinand I. – ein Onkel Franz Josephs – sagte angeblich damals in nasalem Schönbrunnerdeutsch zu seinem Staatskanzler: „Was mach’n denn all die viel’n Leut‘ da? Die san so laut!“ Metternich darauf: „Die machen eine Revolution, Majestät.“ Des Kaisers konsternierte Rückfrage: „Ja, dürfen’s denn des?!“) Trotz vieler Zugeständnisse musste Ferdinand im Oktober 1948 samt seinem Hofstaat vor erneuten Wiener Unruhen nach Olmütz fliehen. Am 2. Dezember dankte der führungsschwache Kaiser zugunsten seines Neffen ab. Der wurde noch am selben Tag in Olmütz im kleinen Kreis gekrönt.
Ein neues Gesicht sollte die Donaumonarchie bewahren. Ob es wie bei vielen seiner Ahnen von „Progenie“ – einem zu großen, ausgeprägten Unterkiefer, bei dem die unteren Schneidezähne vor die oberen beißen (sog. „Habsburger-Kinn“) – geprägt war, entzieht sich meiner Kenntnis. Schon auf frühen Darstellungen trug Franz Joseph den für ihn typischen Backenbart.
Und immer zeigte er sich in der Uniform des obersten Kriegsherrn. Der erzkonservative „rothosige Leutnant“, wie seine Kritiker spöttelten, war am Beginn seiner Regierungszeit keineswegs die Vaterfigur der Phase vor dem Ersten Weltkrieg. Im Gegenteil: Er war unpopulär bis zur Verhasstheit, wurde mit dem repressiven Säbelregiment des Nachmärz assoziiert. Sein neoabsolutistischer Anspruch, ohne jedes Parlament zu regieren, erschien schon damals unzeitgemäß.
Erwin Ringel, der Analytiker der „österreichischen Seele“, sagte einmal über Kaiser Franz Joseph: „Der Mann wurde schon in der Kindheit durch seine Mutter und die Erziehung vernichtet, hat dann 68 Jahre regiert, (und) hat in dieser überlangen Zeit keine einzige konstruktive Idee gehabt…“ Der Kaiser war pessimistisch, durchdrungen von Pflichtbewusstsein und der gleichzeitigen Scheu vor Veränderungen oder gar Reformen. Die hätte vielleicht sein Sohn Kronprinz Rudolf in Angriff genommen. Doch der starb ebenso tragisch wie seine Mutter Sisi. Als ihm 1898 die Nachricht vom Attentat in Genf überbracht wurde, soll Franz Joseph geseufzt haben: „Mir bleibt auch nichts erspart!“