Adventmail 2009/20 (Was geschah am … Dezember?)

Den 20. Dezember …
… sollte man in den Mund nehmen, ihn sich auf der Zunge zergehen lassen, bittersüß. Denn da wurde 1924 Friederike Mayröcker geboren. „Der viel erfahrenen, viel erduldenden Dichterin stehen nicht nur höchste Sensibilität und reiche Kenntnisse, ihr stehen Passion und Pathos zu Gebote. Abgesehen von der Meisterschaft, ist ihr Dichten von abgeklärter, heiter-stiller Alterslyrik weit entfernt“, schrieb „Die Zeit“ 2003 über das folgende Gedicht der damals 79-jährigen:

in den Mund diesen Tag in den Mund (nehmen) auf die/
Zunge/
auf der Zunge zergehen lassen diesen Tag: der/
Geschmack bitter. Diese in Mund auf die Zunge/
genommenen Tage alle bitter – aber laut schreiend/
diese Tage laut schreiend daß ich sie wieder ausspucken solle/
daß ich sie wieder ausspucke da spucke ich auch HERZ aus/
Fransen von Herz auch Fasern (zu sehr ins Bild?) alles/
voll Blut Fransen blutrot auf Estrich, ich weiß nicht/
HERZ ausgespeit, spucke mich selbst aus, spucke HERZ aus, /
ROHE VERZWEIFLUNG, schreie brülle möchte/
irgendwohin/
irgendwie weg, auf hohe Bäume Berge Spitzen von Blumen/
Gewölk oder was …