Adventmail 2010/14 (Namenstage)

Wie sein Namensvetter Berthold von Regensburg war Bertold von Augsburg, genannt Brecht, ein Volksprediger. Heute soll es aber weniger um das politikpädagogische Epische Theater des großen deutschen Dichters gehen als vielmehr um sein beachtliches lyrisches Werk, das immerhin 2.300 Gedichte, teils in verschiedenen Versionen, umfasst.
Ich greife ein besonders gelungenes heraus, das Gedicht „Erinnerung an die Marie A.“ (www.yolanthe.de/lyrik/brecht03.htm), das auch im wunderbaren, Oscar-prämierten Film „Das Leben der anderen“ (2006) von Florian Henckel von Donnersmarck, des Neffen des Abtes von Heiligenkreuz, eine Rolle spielt: Stasi-Spitzel Gerd Wiesler entwendet seinem Observationsopfer Georg Dreyman einen Brecht-Band und liest auf seinem Sofa liegend für die ZuseherInnen hörbar folgendes:
„…Und über uns im schönen Sommerhimmel /
War eine Wolke, die ich lange sah /
Sie war sehr weiß und ungeheuer oben /
Und als ich aufsah, war sie nimmer da.“

Es geht um die Erinnerung an eine vergangene Liebe, die Brecht in das berühmte Bild von der sich auflösenden weißen Wolke gefasste. Gerd Wiesler wird allmählich von der poetisch-authentischen Welt des Theaterautors Dreyman „infiziert“ und stellt sich innerlich immer mehr gegen das verlogene SED-Regime.
Eigentlich schade, dass kaum mehr jemand Lyrik liest…

Adventmail 2009/19 (Was geschah am … Dezember?)

Am 19. Dezember …
… 1924 wird in Hannover Fritz Haarmann wegen 24-fachen Mordes zum Tode verurteilt.
70 Jahre später spielt Götz George dieses Monstrum im Film „Der Totmacher“ und vollbringt „die Unterwerfung des Kinos unter die Herrschaft seines Genuschels, Geheuls, seines hysterischen Lachens, seines irrlichternden Blicks“, wie „Der Spiegel“ 1995 hingerissen schrieb.
Fritz Haarmann wurde 1879 geboren, wurde schon als Kind von seinem Bruder missbraucht, lernte Schlosser, scheiterte in der Armee, wurde arbeitslos, verging sich an Nachbarskindern und wurde als Schwachsinniger in eine Heilanstalt in Hildesheim eingewiesen; eine traumatische Erfahrung, die ihn zur Flucht veranlasste. Verlöbnisse scheiterten, ebenso ein zweiter Versuch beim Militär, er wurde als Schizophrener in Rente geschickt. Haarmann verlegte sich auf homosexuelle Kontakte, wurde Kleinkrimineller, verbrachte den Ersten Weltkrieg im Gefängnis. 1919 lernte Haarmann den Gauner Hans Grans kennen, zog mit ihm zusammen und ließ sich von ihm Jungen zuführen.
Als immer mehr und schließlich 27, alle im Alter zwischen 10 und 22 Jahren, vermisst wurden, kam es zur Anklage – obwohl Indizien lange wegen Haarmanns Tätigkeit als Polizeispitzel unter den Teppich gekehrt wurden. Im Gerichtsprozess gestand Haarmann, in den Jahren 1918 bis 1924 24 Jungen ermordet zu haben – wie, beschreibe ich hier lieber nicht.
Haarmann wurde zum Tod verurteilt und im April 1925 Hannover enthauptet, obwohl Gutachter festgestellt hatten, dass Haarmann geistig krank sei. Nach geltendem Recht hätte Haarmann damals nicht hingerichtet werden dürfen. Die Henkersmahlzeit schmeckte ihm so gut, dass er sich ein zweites Mal bedienen ließ.
Der Fall sorgte weit über Deutschland hinaus für Aufsehen. Noch lange nach der Hinrichtung sangen Kinder folgenden Abzählvers: „Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt Haarmann auch zu dir, mit dem kleinen Hackebeilchen, macht er Schabefleisch aus dir. Aus den Augen macht er Sülze, aus dem Hintern macht er Speck, aus den Därmen macht er Würste und den Rest, den schmeißt er weg.“ Und der Fall inspirierte Fritz Lang zu einem der bedeutendsten deutschen Filmkunstwerke: „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ (1931) mit dem altösterreichischen Schauspieler Peter Lorre in der Hauptrolle.

Adventmail 2008/19 (Briefe an…)

treborme@gmx.at an doringer_m@yahoo.com, 18.12.2008
Betreff: „Halbes Leben“ am 1. Jänner
Hallo Marko Doringer!

Ich saß im Wiener „Filmcasino“ und sah mit einer Freundin „Couscous mit Fisch“ – einen guten Film mit einem überraschenden Ende. Noch überraschender war für mich freilich der Anfang des Kinoabends: Im Vorspann lief der Trailer von „Halbes Leben“ mit einem mir überaus vertrauten Gesicht. „He, das ist ja mein Bruder!“, teilte ich meiner Begleiterin wohl etwas zu laut mit, denn ringsum wendeten sich die Hälse. Aber wurscht, wann wird man schon je damit überrascht, den eigenen Bruder als „Star“ einer noch dazu preisgekrönten Film-Doku auf der Leinwand zu sehen?!
Thomas im Manager-Outfit, in Sofia in seinem Dienstwagen einsteigend, dann wohl abends in T-Shirt und mit Bierdose in der Hand, zu uns im Saal, zu mir sprechend. „Arbeiten, essen, schlafen – des is es…“, so sein lapidares Zitat in typisch-direkter Thomas-Speach. Nett anzusehen, das.
Ich hab soeben auf www.halbes-leben.com geklickt und weitere vertraute Gesichter entdeckt: meine Stiefmutter, meine Quasischwägerin, die wie mein Vater – so erzählte mir Tom – ebenfalls in deinem Film vorkommen. Jetzt bin ich schon gespannt auf die Doku in voller Länge. Tom schrieb mir, dass du veranlasst hast, Karten für mich und meine drei Söhne/Toms Neffen für die Publikumspremiere am 1. Jänner zu reservieren. Herzlichen Dank dafür! Vielleicht kann ich ja auch als Journalist – ich bin Kathpress-Kulturredakteur – was drüber schreiben.
Du meintest in deinem Mail an Tom, ich solle dich doch am Vorstellungstag anreden. Das mache ich sicher.
Schöne Feiertage und viel Erfolg mit deinem „Halben Leben“ (oder ist es nach den Auszeichnungen jetzt schon ein „Dreiviertelleben“?),
Robert Mitscha-Eibl
(Bruder von Thomas R.)

Adventmails 2006/18 (Listen aller Art)

die besten james-bond-darsteller:

  1. daniel craig (der ist schon sehr cool)
  2. sean connery (fuer mich der erste wirkliche bond)
  3. pierce brosnam (ein bisschen zu schoen, aber sonst ganz gut)
  4. timothy dalton (der sensibelste bond – er war zu wenig macho)
  5. roger moore (zu alt fuer einen bond)

thomas, 31, bruder von robert, derzeit finanzleiter in bulgarien

Adventmails 2006/10 (Listen aller Art)

Liste meiner fünf kulinarischen Lieblingsfilme:

Einleitung: Warum kulinarische Filme?
Essen ist Leben, Nahrung für Körper und Seele, verbindet Menschen, transportiert Kultur, ist voller Symbolik, berührt die Sinne, ist Handwerk und Inszenierung. Vielleicht gefallen mir Filme zu diesem Thema deshalb so gut:

  1. Babettes Fest (Gabriel Axel, Dänemark 1987)
    Eine asketisch-religiöse Dorfgemeinschaft vorwiegend älterer Menschen führt tagaus und tagein ein karges und sprödes Leben, in dem Sinnlichkeit der Sünde gleich kommt. Eines Tages taucht in dieser Gemeinschaft eine junge Französin auf, die als Haushälterin Aufnahme findet und einige Jahre unauffällig mit den Dorfbewohnern lebt. Irgendwann gewinnt sie in der Lotterie und beschließt mit dem Geld ein großes Fest auszurichten. Spezialitäten aus aller Welt werden eingekauft und den asketischen Dorfbewohnern wird angesichts der kulinarischen Köstlichkeiten Angst und Bange um ihr Seelenheil. Trotz der guten Vorsätze, das fulminante Festmahl der französischen Haushälterin nicht genießen zu wollen, sondern nur passiv zu erdulden, erblühen am Abend des Gelages bei allen rote Wangen, gelöste Heiterkeit, Gelächter und sinnliche Freude am ungebremsten Genuß.
  2. Tampopo (Juzo Itami, Japan 1985)
    Ein Film, in dem es um die perfekte Zubereitung einer japanischen Suppe geht. Dabei ist nicht nur Handwerk, sondern auch Magie und Weisheit im Spiel. Als ich im Kino saß, hatte ich unglaublichen Appetit auf diese Suppe!
  3. Zimt und Koriander (Tassos Boulmetis, Griechenland/Türkei 2003)
    Es geht um die politische Dimension von Zypern und Griechenland, den orientalisch-wohlriechenden Gewürzladens eines Großvaters, dessen Enkel dort viele Stunden seiner Kindheit verbringt. Der Großvater weiß viel über die Magie der Gewürze und er bringt seinem Enkel Zusammenhänge zwischen den Gewürzen und den Gestirnen bei. Der Enkelsohn wird Astronom und kocht als erwachsener Mann mit Leidenschaft.
  4. Grüne Tomaten (Jon Avnet, USA 1991)
    Eine Frauenfreundschaft führt so weit, dass eine Frau den getöteten Mann ihrer Freundin (er hat sie jahrelang misshandelt) stückchenweise in ihrem Barbecue-Restaurant verbrät.
  5. Bittersüße Schokolade (Alfonso Arau, Mexiko 1992)
    Um die Jahrhundertwende 1900 muss die erstgeborene Tochter lebenslang die verwitwete Mutter versorgen und darf nicht heiraten. Die älteste Tochter versorgt die ganze Familie. Der geliebte Mann heiratet ihre jüngere Schwester, um ihr nahe zu sein. Die einzige sinnliche Beziehung der beiden Liebenden führt über das Essen. Bei der Zubereitung der Speisen, werden auf magische Weise auch alle Emotionen der Köchin eingekocht.

Martina, 45, Psychologin und Unternehmerin

Adventmail 2005/13 (warten)

Als Henry Van Cleve 1943 stirbt, begibt er sich in die Hölle, wo er glaubt hinzugehören. Im Vorzimmer trifft er auf Seine Exzellenz, den Satan persönlich, einen eleganten, freundlichen Mann mit Sinn für Humor. Der bezweifelt, dass Van Cleve genug gesündigt hat, um sich für den Verbleib in der Hölle zu qualifizieren. Henry aber besteht darauf, ein sündiges Leben geführt zu haben und beginnt, dem Teufel sein Leben zu erzählen.
Dieses ist geprägt durch die Ereignisse, die jeweils an seinen Geburtstagen stattfanden. So betrinkt er sich an seinem 15. Geburtstag und wird von dem französischen Hausmädchen verführt. Als er 21 wird, brennt er mit Martha Strabel, der hübschen Verlobten seines steifen Cousins Albert, durch und heiratet sie, begleitet von dem stillschweigenden Wohlwollen seines Großvaters, dem die Eskapaden seines Enkels einen Riesenspaß bereiten.
Zehn Jahre später ist Martha Henrys harmloser Flirts überdrüssig und flieht zu ihren Eltern, die sie nach ihrer Liebesheirat von zu Hause verstoßen hatten. Henrys Großvater befiehlt seinem Enkel, Martha zurückzuholen, und leistet tatkräftige Mithilfe bei deren erneuter Entführung.
Wiederum 20 Jahre später, Henry wird jetzt 51 und hat einen erwachsenen Sohn Jack, besucht er eine Revuetänzerin mit eindeutigen Absichten und erfährt, dass sie die Geliebte seines Sohnes ist. Gegen 25.000 Dollar nimmt er ihr, plötzlich sehr moralisch, das Versprechen ab, Jack nicht wieder zu sehen. Martha amüsiert sich über das Verhalten ihres Mannes, weiß sie doch, dass Jack schon aufgegeben hatte, die Tänzerin zu treffen.
Weitere zehn Jahre vergehen und Henry tanzt an seinem Geburtstag einen letzten Walzer mit seiner Frau, die wenig später stirbt. Nun wird Henry selbst zum kauzigen Großvater, der wegen seiner vermeintlichen Eskapaden mit jungen Frauen von seinem konservativen Sohn gerügt wird.
1943 schließlich ist es soweit, Henry haucht als 70-Jähriger sein Leben aus. Er besteht gegenüber Seiner Exzellenz darauf, in die Hölle zu kommen, doch der verwehrt ihm den Zutritt mit dem Hinweis, Henrys einzige Sünde sei gewesen, sein Leben ausgekostet und viel Glück erfahren zu haben. Und solche Leute seien in der Hölle nun mal nicht erwünscht. Dann geleitet er Henry zum Fahrstuhl und schickt ihn „aufwärts“.

Das ist der Inhalt des Films „Heaven Can Wait“, dessen deutscher Titel „Ein himmlischer Sünder“ die Ironie des Originals nicht ganz trifft. Es war der erste Farbfilm von des Berliner Hollywood-Emigranten Ernst Lubitsch (Drehbuch nach dem Theaterstück „Szuletsnap“ von Laszlo Bus-Fekete), dessen Karriere 1943 ihrem Ende entgegenging. Nur noch zwei Filme inszenierte er danach, bevor er am 30. November 1947 an einem Herzinfarkt starb.