Adventmail 2010/16 (Namenstage)

Ein Dietrich war nicht nur der heute im Kirchenkalender verzeichnete Abt von Rommersdorf, er ist auch ein Werkzeug von Dieben und Polizisten zum Öffnen von Schlössern.
Schon im 14. Jht. wurden Nachschlüssel scherzhaft mit Männernamen bezeichnet, z.B. Peterchen oder Kläuschen. Es wird angenommen, dass bei Dietrich (seit dem 15. Jht. belegt) der Anklang an Dieb, bei Peterchen der Gedanke an Petrus mit dem Himmelsschlüssel eine Rolle spielten.
Der klassische Dietrich ist ein sehr einfaches Sperrwerkzeug und dient lediglich zum Aufsperren von Buntbart- bzw. Besatzungsschlössern. Wesentlich ausdifferenzierter sind die beim Lockpicking („Schloss-Stochern“) verwendeten Gerätschaften wie Spanner, Hook, Schneemann oder Six Mountains.
Lockpicking hat sich in den letzten Jahren zu einer Art Sport entwickelt. Der deutsche Verein „Sportsfreunde der Sperrtechnik e.V.“ veranstaltet jährlich Meisterschaften. In verschiedenen Disziplinen werden diejenigen zum Sieger gekürt, die Schlösser in möglichst kurzer Zeit öffnen können, ohne sie zu beschädigen. Die Besten schaffen es hierbei, auch als sehr sicher geltende Schlösser in teilweise weniger als einer Minute zu öffnen. Workshops zur Steigerung der Fingerfertigkeit werden angeboten.
Falls dies jetzt jemanden beunruhigt: Der Verein hat einen Kodex, demzufolge die Tätigkeiten grundsätzlich nicht für kriminelle Zwecke missbraucht werden dürfen. Na dann…

Adventmail 2009/19 (Was geschah am … Dezember?)

Am 19. Dezember …
… 1924 wird in Hannover Fritz Haarmann wegen 24-fachen Mordes zum Tode verurteilt.
70 Jahre später spielt Götz George dieses Monstrum im Film „Der Totmacher“ und vollbringt „die Unterwerfung des Kinos unter die Herrschaft seines Genuschels, Geheuls, seines hysterischen Lachens, seines irrlichternden Blicks“, wie „Der Spiegel“ 1995 hingerissen schrieb.
Fritz Haarmann wurde 1879 geboren, wurde schon als Kind von seinem Bruder missbraucht, lernte Schlosser, scheiterte in der Armee, wurde arbeitslos, verging sich an Nachbarskindern und wurde als Schwachsinniger in eine Heilanstalt in Hildesheim eingewiesen; eine traumatische Erfahrung, die ihn zur Flucht veranlasste. Verlöbnisse scheiterten, ebenso ein zweiter Versuch beim Militär, er wurde als Schizophrener in Rente geschickt. Haarmann verlegte sich auf homosexuelle Kontakte, wurde Kleinkrimineller, verbrachte den Ersten Weltkrieg im Gefängnis. 1919 lernte Haarmann den Gauner Hans Grans kennen, zog mit ihm zusammen und ließ sich von ihm Jungen zuführen.
Als immer mehr und schließlich 27, alle im Alter zwischen 10 und 22 Jahren, vermisst wurden, kam es zur Anklage – obwohl Indizien lange wegen Haarmanns Tätigkeit als Polizeispitzel unter den Teppich gekehrt wurden. Im Gerichtsprozess gestand Haarmann, in den Jahren 1918 bis 1924 24 Jungen ermordet zu haben – wie, beschreibe ich hier lieber nicht.
Haarmann wurde zum Tod verurteilt und im April 1925 Hannover enthauptet, obwohl Gutachter festgestellt hatten, dass Haarmann geistig krank sei. Nach geltendem Recht hätte Haarmann damals nicht hingerichtet werden dürfen. Die Henkersmahlzeit schmeckte ihm so gut, dass er sich ein zweites Mal bedienen ließ.
Der Fall sorgte weit über Deutschland hinaus für Aufsehen. Noch lange nach der Hinrichtung sangen Kinder folgenden Abzählvers: „Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt Haarmann auch zu dir, mit dem kleinen Hackebeilchen, macht er Schabefleisch aus dir. Aus den Augen macht er Sülze, aus dem Hintern macht er Speck, aus den Därmen macht er Würste und den Rest, den schmeißt er weg.“ Und der Fall inspirierte Fritz Lang zu einem der bedeutendsten deutschen Filmkunstwerke: „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ (1931) mit dem altösterreichischen Schauspieler Peter Lorre in der Hauptrolle.

Adventmail 2007/10 (Countdown 24-1)

10. Dezember – 15
Fünfzehnmal zu lebenslanger Haft verurteilt zu werden, ist schon eine „Leistung“: Der als „Doktor Tod“ bekannt gewordene Arzt Harold Shipman schaffte dies, nachdem ihm ein britisches Gericht in fünfzehn Fällen Mord nachgewiesen hatte. Begangen hatte er als Hausarzt bei Manchester im Zeitraum von 1970 bis 1998 Morde wohl rund 250 Morde an seinen Patienten, die meisten davon weiblich, die meisten betagt.
Harold Frederick Shipman wurde 1946 geboren, die Schulausbildung absolvierte er in Nottingham, Medizin studierte er in Leeds. Er heiratete und wurde Vater einer Tochter und dreier Söhne. 1974 bekam er seine erste Stelle als praktischer Arzt in der Nähe von Halifax. Im Jahr darauf wurde Shipman dabei ertappt, dass er Rezepte auf das Opioid Pethidin für den eigenen Gebrauch fälschte. Er kam auf Reha und wurde kurz darauf als geheilt entlassen. Danach etablierte er sich als respektierter Arzt mit eigener Praxis in Hyde, einem Vorort von Manchester.
1998 fiel einer Kollegin die hohe Todesrate unter Shipmans Patienten auf, verbunden mit einer hohen Zahl an Einäscherungen vor allem älterer Frauen, die Shipman zu unterzeichnen hatte. Die Polizei wurde auf den Fall aufmerksam, fand aber zunächst zu wenig schlagende Beweise. Zwischen dem Beginn der Ermittlungen und Shipmans Verhaftung kamen so drei weitere Patienten ums Leben. Sein letztes Opfer war die frühere Bürgermeisterin von Hyde, Kathleen Grundy; sie wurde am 24. Juni 1998 tot zuhause aufgefunden. Der letzte, der sie lebend gesehen hatte, war Harold Shipman.
Grundys Tochter Angela Woodruff wurde stutzig, als ihr der Anwalt der Familie eröffnete, ihre Mutter habe Shipman 386.000 Pfund hinterlassen. Sie suchte die Polizei auf, nun begannen gründliche Untersuchungen. Grundys Leichnam wurde exhumiert, und prompt wies man eine Überdosis Diamorphin nach. Shipman wurde am 7. September 1998 verhaftet. Die nachfolgenden Ermittlungen ergaben einen Rattenschwanz an ähnlich gelagerten Fällen – allerdings ohne finanzielle Motive. Wann er mit den Morden begann, und wie viel es letztlich waren, blieb bis heute unklar. Insgesamt starben während Shipmans medizinischen Behandlungen 459 Personen.
Sein Prozess begann im Oktober 1999 und endete im Jänner 2000 mit 15facher Verurteilung, obwohl er seine Schuld hartnäckig leugnete. Manche Kommentatoren vermuteten als Hintergrund seiner Taten, dass Shipman als Jugendlicher dem langsamen Streben seiner krebskranken Mutter zusehen musste, andere dagegen erkannten nur „an arrogant desire to control life and death“ wie es im englischen Wikipedia heißt. Am 13. Jänner 2004, fast vier Jahre nach seiner Verurteilung und am Vorabend seines 58. Geburtstages, wurde Shipman erhängt in seiner Zelle gefunden. Das Massenblatt “The Sun” quittierte dies mit der Titelzeile „Ship Ship hooray!“
Shipman war einer der “produktivsten” Serienmörder der modernen Geschichte. Als
Folge seiner Verbrechen wurde die britische Gesetzgebung in Bezug auf Pflege und Gesundheit erheblich reformiert.