Adventmail 2010/05 (Namenstage)

Heute gedenkt die Kirche des heiligen Geralds, eines Bischofs im fernen Braga in Portugal. Ich jedoch gedenke jenes Geralds, der mein Schulkollege in Kapfenberg war und dazu beitrug, dass ich heute kein Instrument spiele und kein Popstar wurde.
Ich war vor vielen Jahren Pflegekind bei Frau Dietz in Bruck/Mur. Deren Enkel Sigi spielte die Stromgitarre in einer Band namens „Blackbirds“, die regelmäßig in der geräumigen Wohnung der Frau Dietz „A Whiter Shade of Pale“, „Massachusetts“ u. a. Hits dieser Zeit probte. Ich Vorschulkind hörte wohl so andächtig dabei zu, dass Sigi mir Jahre später bei einem Besuch bei der Ex-Pflegemutter seine alte Gitarre schenkte – mit der Auflage, fleißig zu üben und den Ruhm der Beatmusik in Österreich zu mehren.
Nun komme ich aus einer Familie, in der zwar gerne gesungen wurde, es jedoch keine Tradition beim und damit keine Ermunterung zum Erlernen eines Instruments gab. Trotz jährlich erneuerter Vorsätze blieb Sigis funktionstüchtige Gitarre so lange stumm, bis mir besagter Gerald Reiter anbot, sie mir abzukaufen, um in der Klassenband zu spielen.
Geblendet vom Glanz des schnellen Geldes nahm ich seine Silberlinge und verriet meine hoffnungsvolle Karriere als Falco von Kapfenberg, die sicher kurz danach eingesetzt hätte. Somit friste ich nunmehr ein Schattendasein als Gelegenheitssänger bei Geburtstagen meiner Geschwister, bei denen ich mit einem stolzen und einem neidischen Auge auf die Zupf- und Tastenkünste meiner drei Söhne blicke.
Was aus Sigis Gitarre und aus Gerald wurde, lässt sich nicht mehr eruieren. Angesichts des Naserümpfens der damaligen Klassenbandmitglieder über Geralds Musikalität kann ich jedoch ausschließen, dass er mit dem im Internet vorfindbaren Namensvetter, dem Sänger und Schauspieler Gerald R., irgendetwas zu tun hat.

Adventmail 2010/04 (Namenstage)

Nennt seinen Sohn heute noch irgendwer „Adolf“, so wie die Eltern des seligen deutschen Arbeiterseelsorgers Kolping dies vor 197 Jahren taten?
Adolf, der „edle Wolf“, ist ein „Name, der leider meist nur mit einem Menschen verbunden wird, aber Tausende Träger hat“ – da haben die Betreiber von http://adolfistauchnureinname.de schon recht. Freilich, „Tausende Träger“ ist etwas übertrieben, denn das deutsche Telefonbuch verzeichnet Adolf ganze 2.865 Mal. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist der Name ein absolutes Minderheitenprogramm (auch das FPÖ-Rechtsaußenpaar Barbara und Horst-Jakob Rosenkranz rang sich bei zehn Kindern grad mal zu einem „Wolf“ durch).
Laut www.beliebte-vornamen.de war der Name des „Föhrrrers“ sogar in der NS-Zeit nie der Superhit: Nur 1940 schaffe es „Adolf“ – gerade noch – in die Top-30. Im Vorjahr scheint der Name unter den 500 beliebtesten deutschen Bubennamen nicht auf, im Unterschied zu Hüseyin, Maksim, Joey und Nathanael.
Für Österreich weist die Statistik Austria im vergangenen Vierteljahrhundert immerhin 79 neugeborene Adolfs aus, das ist Platz 481, knapp hinter Nathan (85), aber immerhin deutlich vor Benito (24), Thor (3) und Wotan (1).
„Wir suchen hier Adolfs, die helfen, den Namen wieder mit etwas Positivem zu assoziieren“, so der Appell der Adolfisten. Vielleicht hilft ja Adidas(sler) bei der Imagepolitur. Oder in Österreich Dolferl Kottan… Oder es hilft Ironisierung der Marke Harald Schmidt…

Adventmail 2010/03 (Namenstage)

Emma, „die Erhabene“, entstammte sächsischem Adel und heiratete vor mehr als 1000 Jahren Liudger, einen Sohn des sächsischen Markgrafen. Nach dem frühen Tod ihres Gemahls 1011 zog sich Emma auf das Gut Lesum bei Bremen (heute Stadtteil Burglesum) zurück, unterstützte mit ihrem Vermögen großzügig die Kirche, vor allem aber die Armen. Dass sie später als Heilige verehrt wurde, mag wohl an jener Haltung Emmas liegen, die in folgender Legende zum Ausdruck kommt:
Als die Bremer Bürger zu wenig Weidefläche hatten, um ihre Versorgung zu sichern, baten sie die Gräfin um Hilfe. Emma versprach, ihnen so viele Wiesen und Weiden zu überlassen, wie ein Mann in einer Stunde umschreiten könne. Ihr Schwager Herzog Benno von Sachsen fürchtete um das Familienerbe und sagte vorwurfsvoll: Warum nicht gleich einen ganzen Tag als Frist?
Emma nahm ihn beim Wort, Benno erbat er sich das Recht der Auswahl des Mannes – und wählte listig einen Krüppel ohne Beine. Emma legte dem Behinderten betend die Hände auf, worauf sich dieser robbend in Bewegung setzte. Die anfänglich enttäuschten Bremer Bürger waren bass erstaunt, als sie bald (von einem Diener eingeschlagene) Markierungspfähle erblickten, so weit das Auge reichte. Als der nimmermüde Krüppel sein Tagwerk vollbracht hatte, war eine Weide eingezäunt, die fast zu groß für den Bedarf der Bremer war.
Diese vergaßen weder den Krüppel (sein Bildnis ist zwischen den Füßen der Rolandsäule auf dem Marktplatz in Stein ausgehauen) noch die edle Spenderin, die wohl ihr letztes Hemd gegeben hätte, um dem Jesuswort „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ zu entsprechen.
Selten, aber doch, gibt es auch in modernen Zeiten noch Emmas, die zur Freude vieler ihre Schleier ablegen, bereit zum Teilen ihrer Gaben und wissend, dass Geiz eben nicht geil ist… www.youtube.com/watch?v=AMogobW-MRc&NR=1

Adventmail 2010/02 (Namenstage)

„Ihr Menschen! Ihr Ungeheuer!
Ihr Ungeheuer mit Namen Hans! Mit diesem Namen, den ich nie vergessen kann.“

Mit diesen Worten beginnt die von mir hochverehrte Ingeborg Bachmann ihre Erzählung „Undine geht“. Dem märchenhaften, feengleichen Wasserwesen wird darin die alltägliche gedankenlose Grobschlächtigkeit und Niedertracht gegenübergestellt, personifiziert durch den Allerweltsnamen „Hans“. Mein Opa hieß so, mein Onkel, viele Bekannte, es gibt den Namen in allen möglichen Varianten vom Hänschen klein bis zum spannenlangen Hansel, vom colttragenden John bis zum schrecklichen Iwan.
Auch im christlichen Bereich ist Hans ein Allerweltsname. Es wimmelt nur so von Johannessen in der kirchlichen Tradition. Es gibt allein rund 200 Heilige dieses Namens, viele weitere Selige und Kirchenväter. Päpste (und Gegenpäpste) haben keinen Namen öfter gewählt – auch wenn auf Johannes XX. wegen eines mittelalterlichen Zählfehlers einfach vergessen wurde und zwischen Johannes XXII. und dem Roncalli-Papst Johannes XXIII. ein Zeitfenster von 624 Jahren klafft.
Dass Päpste seit 1500 Jahren nicht mehr ihren eigenen Vornamen führen, hat übrigens auch mit einem Johannes zu tun: 533 wurde ein Mercurius gewählt, der seinen heidnischen Namen irgendwie unpassend fand und sich lieber Johannes II. nannte.
Der heute, am 2. Dezember, sowohl von Katholiken als auch von Protestanten gefeierte Jan (Johannes) von Ruysbroek war ein flämischer Mystiker und Schriftsteller aus dem 14. Jht.
Jan belegte 2009 den 18. Rang in der Liste der beliebtesten deutschen Bubenvornamen, Yannick knapp dahinter auf 20, Johannes wurde 40., Hannes 49. In Österreich wurde Johannes seit 1984 mehr als 12.000 Mal in Geburtsurkunden eingetragen, das ist Platz 24 in der Beliebtheitstabelle. Jan und Hannes folgen auf den Rängen 52 und 54., Johann auf 84, Hans auf 157, Ivan auf 268 und John auf 283.
(Und hier noch ein Ungeheuer mit Namen Hans: www.youtube.com/watch?v=K1qI4hK8R6o)

Adventmail 2010/01 (Namenstage)

Moskau im Winter, klirrende Kälte, vor der Basilius-Kathedrale liegt Schnee. Ein französischer Tourist besichtigt die üblichen Must-sees wie den Roten Platz und das Lenin-Mausoleum, und er trinkt heiße Schokolade im Café Puschkin, begleitet von einer sprachkundigen Genossin. „Sie hatte einen hübschen Namen, meine Führerin: Nathalie…“
Der wunderschöne Chanson-Klassiker von Gilbert Bécaud (1927-2001) handelt von der Sehnsucht nach dieser Nathalie/Natalja (die heute Namenstag hat). Das Lied entstand 1964, als mitten im Kalten Krieg ein wenig Tauwetter einsetzte: Kurz war von einer „friedlichen Koexistenz“ zwischen Ost und West die Rede, bis Breschnew Chruschtschow auf dessen Datscha in Pension schickte.
Bécaud singt, Nathalie habe in nüchternen Worten über die Oktoberrevolution doziert, ihn hätten aber mehr ihre blauen Augen und blonden Haare interessiert. So was riecht nach unerfüllter Liebe, und tatsächlich klingt das Chanson mit der in einem einsamen Zimmer geäußerten Hoffnung aus, eines Tages würden sich in Paris die Rollen des Gastes und des Fremdenführers umkehren.
Als ich das Lied in den Sixties im noch jungen Sender Ö3 und in Fernseh-Shows hörte, hatte ich noch keine Ahnung von seinem Inhalt. Aber die eingängige Melodie, die stimmigen Rhythmuswechsel und die Anklänge an russische Folklore gefielen mir damals genauso wie heuer, als ich im Sommer quer durch Frankreich fuhr und Musik wie diese hörte.

Adventmails 2010 (Ankündigung)

Johannes, Frieda, Franziska, Luzia, Dietrich und auch Adolf – alle TrägerInnen dieser und etlicher weitere Namen haben im Advent Namenstag. Und zwar deshalb, weil die christlichen Kirchen an diesen Tagen jeweils vorbildlicher bzw. verdienter Persönlichkeiten gedenken. Für meinen schon traditionellen virtuellen Adventkalender*) habe ich 24 Namen ausgewählt und davon ausgehend Geschichten gesammelt. Sie sollen Euch AdressatInnen – so wie mich selbst – unterhalten und gleichermaßen kleine intellektuelle Aha-Erlebnisse verschaffen.
Mir bereiteten die Recherchen wie jedes Jahr viel Vergnügen. Sie brachten mir so unterschiedliche Menschen wie einen österreichischen Bundeskanzler, eine deutsche Punksängerin, eine mexikanische Malerin, einen griechischen Marathonläufer und einen Säulenheiligen aus der Spätantike näher.
Ich hoffe, auch Euch bereitet der Klick auf die ab kommender Woche versendeten Adventmails 1 bis 24 ebensolche Freude. Mögen sie Euch staunen oder schmunzeln, dazulernen lassen, den Kopf schütteln, nachrecherchieren, gut in den Tag starten oder ihn abschließen….
Zum Nachlesen und Kommentieren stelle ich die Adventmails auch heuer wieder auf facebook in die Gruppe “virtueller adventkalender”. Wer dort schon angemeldet ist und die Zusendungen nicht auch noch via gmx möchte, möge mich bitte kurz benachrichtigen.
Einen geruhsamen Advent wünscht Euch allen
Robert

*) Im Dezember 2002 versandte ich jeden Tag einen bemerkenswerten Bucheinstieg; 2003 ging es mir um gute “letzte Sätze” – also darum, mit welchen Worten AutorInnen ihre Bücher beenden. 2004 sammelte ich mit Eurer Hilfe “geglückte Momente”, 2005 stand das zum Advent passende Thema “warten” 24 Mal im Mittelpunkt. 2006 ging’s um Listen aller Art, 2007 um einen “Countdown” von Zahl 24 bis 1. 2008 schrieben ich (und einige von Euch) Briefe ans Christkind (und andere AdressatInnen), im Vorjahr ging’s um Ereignisse an den Tagen vom 1. bis zum 24. Dezember.

Adventmail 2009/24 (Was geschah am … Dezember?)

Am 24. Dezember …
… 1818 erklang erstmals “Stille Nacht, heilige Nacht”, das weltweit berühmteste Lied aus Österreich, in der Nikolauskirche in Oberndorf bei Salzburg. Es wird in aller Welt gesungen, Übersetzungen gibt es in mehr als 300 Sprachen und Dialekte.
Und es begab sich, dass zu Heiligabend 1818 der Hilfspriester Joseph Mohr sich an den Arnsdorfer Dorfschullehrer und Organisten Franz Xaver Gruber wandte und ihm ein sechsstrophiges Gedicht zur gefälligen Vertonung vorlegte, das er mehr als zwei Jahre zuvor geschrieben hatte. Es hieß, dass er der Not gehorchte, denn die alte einmanualige Orgel der Kirche sei nicht bespielbar gewesen und zumindest ein Lied zur Gitarre angeraten gewesen. Gruber komponierte also, und er tat es schnell und gut. Die sanfte Melodei, gesungen mit wohlklingender Tenorstimme des Mohrs und dem verständigen Gezupfe des Grubers, rührte die andächtigen Gläubigen im Salzburger Land. Sie behielten es im Herzen und sangen es fortan stets zu jenem Feste, bei dem Gott der Menschheit sein kindliches Gesicht zeigt; und sie sangen es aus dem Gedächtnis, denn Gruber hat seine Weise nie veröffentlicht.
Dass das Lied aus dem kleinen Alpendorf bis in die letzten Winkel des Erdenrunds hinausgetragen wurde, ist außer dem Herrgott dem Orgelbaumeister Mauracher aus Fügen im Zillertal zu danken. Als er 1832 mit anderen Musikern Tiroler Lieder in Leipzig vorführte, gewannen vor allem die Klänge der “Stillen Nacht” den Beifall der Festgemeinde. Von dort aus trat das seinen Siegeszug an.
Der Mohr und der Gruber ernteten nicht den Ruhm heutiger “Hitkomponisten”, auch Grubers zwölf Kinder konnten nicht mit den Tantiemen für ein allenthalben hörbares Weihnachtslied ein sorgenfreies Leben führen (wie Nick Hornby dies vergnüglich in “About a boy” beschreibt). Mohr, als Sohn eines Kriegsmannes, nämlich des Musketiers Franz Joseph Mohr, von Gott auf die erquicklicheren Pfade eines musizierenden Seelenhirten geführt, verließ Oberndorf 1819 und wurde Vikar in der gotischen Pfarrkirche von Wagrain. Franz Xaver Gruber, ein armer Webersohn aus dem Innviertel, versah schon als 19-jähriger den Dienst als Lehrer zu Armsdorf, frisch angetraut einer 13 Jahre älteren Mesnerwitwe. Diese starb 1825, eine von Grubers Schülerinnen wurde Stiefmutter seiner beiden Kinder und Mutter von zehn weiteren, die Gruber in vielen “stillen Nächten” zeugte. 1833 berief man ihn in das alte Salzstädtchen Hallein, wo er noch 30 Jahre lang als Chorregent alljährlich seiner Kinderschar das vielleicht schönste Weihnachtslied auf dem Erdenrund darbieten konnte.
Auch ich werde es heute Abend ich im Kreis meiner Lieben anstimmen, kurz bevor die Kerzen am Baum entzündet werden und wir einander mit Umarmungen und Geschenken zeigen, wie gut es ist, dass wir einander haben …

Adventmail 2009/23 (Was geschah am … Dezember?)

Am 23. Dezember …
… 1880 nahm der Sheriff von Lincoln County/New Mexico, Pat Garrett, seinen ehemaligen Freund Henry McCarty, genannt Billy the Kid, fest. Ein halbes Jahr später erschoss er ihn. Und das kam so:
In seiner Jugend arbeitete Garrett als Schweinezüchter und Ziegelbrenner in New Mexico, wo er McCarty in einer Bar kennenlernte. Der neun Jahre jüngere McCarty und Garrett wurden in dieser Zeit Freunde. Später trennten sich die Wege der beiden: Garrett heiratete und wurde Vater von sieben Kindern; McCarty geriet mehr und mehr auf die schiefe Bahn.
Anfang 1880 wurde Garrett zum Sheriff gewählt. Mehrere Gesetzeshüter hatten bereits vergeblich versucht, den mittlerweile berüchtigten Billy the Kid dingfest zu machen. Garrett bekam den Auftrag und stellte Billy schließlich. Statt ihn einzusperren, gab er ihm sechs Wochen Zeit, um nach Mexiko zu flüchten. Billy weigerte sich, und so begann die Jagd auf ihn. Garrett verhaftete Billy am Tag vor dem Heiligen Abend 1880. Der wurde im April 1881 zum Tode verurteilt. Doch Billy gelang die Flucht. Garrett gab ihm abermals Gelegenheit, um nach Mexiko zu fliehen, und erneut weigerte sich der gunman.
Am 14. Juli 1881 erschoss der Sheriff Billy the Kid ohne Vorwarnung aus dem Hinterhalt. Wegen persönlicher Ablehnung vieler Bürger musste Garrett das Kopfgeld von 500 Dollar mithilfe eines Anwaltes erstreiten. Nach dem Mord wurde er von den Leuten immer mehr gemieden, daran änderte auch nichts, dass er mit “The Authentic Life of Billy, the Kid” die populärste Biografie über Billy verfasste und ihn damit zu einem der bekanntesten Revolverhelden des Wilden Westens machte.
Billy war 1873 nach einer unsteten Jugend mit Mutter, älterem Bruder und Stiefvater nach New Mexico gekommen, trieb sich bald in Saloons herum und wurde in den “Rinderkrieg” in der Region verwickelt. Billy wurde Spieler, Viehdieb und Mörder, weitere Morde schrieb man ihm zu – in Summe 21, von denen nur vier sicher auf sein Konto gingen. Zeitgenossen bezeichneten Billy als “brave, resourceful and honest boy”, der Opfer der Umstände wurde. “The Kid was a thousand times better and braver than any man hunting him, including Pat Garrett”, sagte sogar einer aus dem angeheuerten Deputy-Trupp.
All das gibt natürlich herrlichen Filmstoff ab, und die bemerkenswerteste Bearbeitung schuf Sam Peckinpah 1973 mit “Pat Garrett & Billy the Kid” – nicht nur, weil darin drei bekannte MusikerInnen mitspielen: Kris Kristofferson, seine Frau Rita Coolidge und Bob Dylan, der auch die Filmmusik (“Knockin’ on Heaven’s Door”!) beisteuerte.

Adventmail 2009/22 (Was geschah am … Dezember?)

Am 22. Dezember …
… 1849 rettete eine Weihnachtsamnestie von Nikolaus I. die Weltliteratur vor einer Katastrophe. An diesem Tag begnadigte der russische Zar den damals 28-jährigen Fjodor Michailowitsch Dostojewski im allerallerletzten Moment: Wegen revolutionärer Umtriebe zum Tode verurteilt, stand der durch seinen Erstling “Arme Leute” (1844) schon berühmte Dichter schon vor dem Erschießungskommando, als ihn eine kaiserliche Depesche vom Richtplatz in St. Petersburg nach Sibirien zu Verbannung und Zwangsarbeit mit anschließender Militärdienstpflicht umdirigierte.
Dostojewski trat die Haft in Omsk an, wurde Epileptiker, kam ab 1854 seiner Militärpflicht nach, wurde 1856 zum Offizier befördert und erreichte 1859 krankheitsbedingt seine Entlassung aus der Armee. Nach zehnjähriger Schaffenspause schrieb er zurück in St. Petersburg die “Aufzeichnungen aus einem Totenhaus” als Dokument seiner Verbannungszeit in Sibirien, dann folgten “Der Spieler” (1863), “Schuld und Sühne” (1866) als Frucht seiner Wandlung vom Revolutionär zum Christen, “Der Idiot” (1868), “Die Dämonen” (1872) und schließlich “Die Brüder Karamasow” (1981): Diesen Roman, der als Quintessenz seines Werkes betrachtet wird, hat Dostojewski nie beendet. Ich schon, denn ich muss gestehen, dass er der einzige ist, den ich von ihm gelesen habe. Und sehr beeindruckend fand, vor allem den vielsagend stummen Jesus in der Binnenerzählung “Der Großinquisitor” zur Theodizee-Frage.

Adventmail 2009/21 (Was geschah am … Dezember?)

Am 21. Dezember …
… 1192 wurde ein unerkannt bleiben wollender König auf dem Rückweg vom dritten Kreuzzug in einem kleinen Gasthaus in Erdberg bei Wien gefangen genommen. Es war Richard I. Löwenherz von England, (oder besser: Richard Ier Coeur de Lion, denn Englisch sprach der Normanne kaum). Der 1,86 m große Recke hatte zwar als Heerführer im Kampf um Jerusalem überzeugt und durch seine Ritterlichkeit sogar seinen Gegner Saladin beeindruckt, war jedoch auf dem Gebiet der Diplomatie eine Niete und machte sich etliche seiner Mitstreiter zum Feind. So auch den österreichischen Babenbergerherzog Leopold V., den “Tugendhaften” (der übrigens auch so wacker gekämpft haben soll, dass sein weißer Waffenrock nach der Schlacht um Akkon 1191 ganz blutbespritzt war. Als er seinen breiten Gürtel abnahm, war die Trikolore rot-weiß-rot erkennbar – und die zukünftige Flagge Österreichs geboren).
Der Haudrauf auf dem englischen Königsthron brüskierte Leopold beim Aufteilen der Kriegsbeute, und das sollte sich rächen: Die Rückkehr Richards im Herbst 1192 gestaltete sich durch die vom ebenfalls verärgerten Philipp II. August gesperrten französischen Häfen als schwierig, der Engländer musste einen Umweg über die Adria und die Alpen machen, um zu seinem welfischen Schwager Heinrich dem Löwen nach Bayern zu gelangen. In Friesach in Kärnten erkannte man den angeblichen Pilger zum ersten Mal, am 6. Dezember machte sich Richard in meiner Geburtsstadt Bruck an der Mur durch höfisches Gehabe verdächtig. Leopold V. befahl seine Gefangennahme. Die gelang am 21. Dezember 1192 in Erdberg, wo auffiel, dass ein Gefolgsmann des Königs mit fremdländischem Geld Lebensmittel kaufte. In einem kleinen Beisl Eckhaus Erdbergstraße 41/Schwalbengasse 17 wurde Richard Löwenherz gefasst.
Was folgte, ist legendär: Gefangenschaft in Dürnstein, Auslieferung an den deutschen Kaiser Heinrich VI. und eine der größten Geldtransaktionen des Mittelalters bei der Aufbringung des Lösegeldes von 23 Tonnen Silber. Mit dem österreichischen Anteil gründete Leopold die “Münze Österreichs” und ließ Münzen prägen, deren Silbergehalt die österreichische Währung (Taler/Kreuzer, Gulden, Krone/Heller, Schilling/Groschen) bis ins 20. Jahrhundert hart bleiben ließ.
Richard kehrte erst 1994 nach London zurück, übernahm von seinem Bruder Prinz John (der Böse in Robin Hood!) wieder den Thron – und hatte diplomatisch zugelegt: Er legte den Konflikt zwischen den einstigen Eroberern aus der Normandie und den alteingesessenen Angelsachsen bei und wurde allseits respektierter König nur noch eines Volkes: der Engländer.