Adventmail 2025/20 (Anfang/Ende)

Ich hab gezögert, etwas so was Persönliches hier zu schreiben. Aber der Tod meines Stiefvaters war einer der biografischen Anknüpfungspunkte für die diesjährige Themenwahl Anfang/Ende und mein Umgang damit könnte auch für „Fernstehende“ interessant sein.

Sepp ist tot. Als ich diese WhatsApp-Nachricht bekam, war ich radelnd in Dänemark unterwegs, am Beginn einer zweieinhalbwöchigen Tour durch Skandinavien und Norddeutschland (https://www.robertmitschaeibl.eu/?p=2177). Kurz vor Reiseantritt war schon klar, dass der 78-Jährige unheilbar an Krebs erkrankt ist, dass er – nur 3 Wochen nach der Diagnose –im KH Leoben in die Palliativstation verlegt wird. Dass der Tod so schnell eintritt, machte mich fassungslos. Und löste einen Schwall an Erinnerungen aus. Viele davon unerfreulich, denn mein Verhältnis zu Sepp war seit jeher getrübt.

Die Übersiedlung 1969 nach der Hochzeit mit dem zehn Jahre jüngeren Elektriker aus Kapfenberg in dessen dortiges Elternhaus bezeichnete meine davor alleinerziehend in Bruck lebende Mutter als größten Fehler ihres Lebens. Bald kam mein Bruder auf die Welt, die Spannungen zwischen meiner Mutter und ihren Schwiegereltern verstärkten sich, Sepp stand dazwischen. Mich nahm er in Kauf, beachtete mich wenig, wollte nie mein Vater sein, zumal er nun ja einen „richtigen Sohn“ hatte und 8 Jahre später auch eine Tochter. Die Ehe war – auch nach dem Wechsel in eine Mietwohnung – über viele Jahre unglücklich, wird erst heute von meiner jetzt verwitweten Mutter verklärt. Auch ich hatte eine familiär unglückliche Jugend, bekam von Sepp zu hören, dass er mich am liebsten los wäre. Ich war ein schlechter Schüler, las viel und weitete meinen Horizont erst so richtig mit Beginn des Studiums in Graz.

Als Familienvater kam ich regelmäßig aus Wien auf Besuch ins von Sepp fast im Alleingang neu gebaute Familienhaus nach Kapfenberg. Unser Verhältnis war über Jahre eine Art Stillhalteabkommen. Besuche mied ich erst, als ich bei einem Erbgespräch erneut explizit zu hören bekam, dass mich Sepp nicht als Teil seiner Familie betrachtet.

Die Trauer meiner Mutter und meiner Geschwister über seinen Tod berührt auch mich. Und ich sehe Sepp differenziert – neben seiner Grobheit auch seine Fähigkeiten als Handwerker und Baumeister oder seine Fürsorge für meine zur Greisin gewordenen Mutter in den vergangenen Jahren.

Beim Begräbnis Mitte September mochte ich in die schönfärberischen Nachrufe zwar nicht einstimmen, wollte aber auch keine „Abrechnung“ am offenen Grab. Ich wies darauf hin, es sei mir wichtig, dass Altlasten nicht zu Klötzen an den Beinen werden, die jede Entwicklung hemmen und de facto unfrei machen. Engherzigkeit und Verbitterung drohen einem, der nicht loslassen kann. Dass ich das konnte, war ein langer Prozess, bedurfte einiger Psychotherapie und wurde erleichtert durch meinen Glauben an einen Gott, der mit Unzulänglichkeiten barmherzig umgeht.

Und noch was sagte ich Sepp, bevor ich ein Blütenblatt ins Erdloch zu seiner Urne warf: Danke für die besten Geschwister, die ich mir wünschen kann…

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