Heute gedenkt die Kirche des heiligen Geralds, eines Bischofs im fernen Braga in Portugal. Ich jedoch gedenke jenes Geralds, der mein Schulkollege in Kapfenberg war und dazu beitrug, dass ich heute kein Instrument spiele und kein Popstar wurde.
Ich war vor vielen Jahren Pflegekind bei Frau Dietz in Bruck/Mur. Deren Enkel Sigi spielte die Stromgitarre in einer Band namens „Blackbirds“, die regelmäßig in der geräumigen Wohnung der Frau Dietz „A Whiter Shade of Pale“, „Massachusetts“ u. a. Hits dieser Zeit probte. Ich Vorschulkind hörte wohl so andächtig dabei zu, dass Sigi mir Jahre später bei einem Besuch bei der Ex-Pflegemutter seine alte Gitarre schenkte – mit der Auflage, fleißig zu üben und den Ruhm der Beatmusik in Österreich zu mehren.
Nun komme ich aus einer Familie, in der zwar gerne gesungen wurde, es jedoch keine Tradition beim und damit keine Ermunterung zum Erlernen eines Instruments gab. Trotz jährlich erneuerter Vorsätze blieb Sigis funktionstüchtige Gitarre so lange stumm, bis mir besagter Gerald Reiter anbot, sie mir abzukaufen, um in der Klassenband zu spielen.
Geblendet vom Glanz des schnellen Geldes nahm ich seine Silberlinge und verriet meine hoffnungsvolle Karriere als Falco von Kapfenberg, die sicher kurz danach eingesetzt hätte. Somit friste ich nunmehr ein Schattendasein als Gelegenheitssänger bei Geburtstagen meiner Geschwister, bei denen ich mit einem stolzen und einem neidischen Auge auf die Zupf- und Tastenkünste meiner drei Söhne blicke.
Was aus Sigis Gitarre und aus Gerald wurde, lässt sich nicht mehr eruieren. Angesichts des Naserümpfens der damaligen Klassenbandmitglieder über Geralds Musikalität kann ich jedoch ausschließen, dass er mit dem im Internet vorfindbaren Namensvetter, dem Sänger und Schauspieler Gerald R., irgendetwas zu tun hat.