In Kärnten glaubte man, in der „Thomasnacht“, der längsten des Jahres, in die Zukunft sehen zu können. Ein bei Jungbauern beliebter Brauch war das „Zaunstecken zählen“: Man nannte eine Zahl und zählte dann rechts von der Zauntür den entsprechenden Zaunpfahl ab. Dessen Aussehen sollte jenem der zukünftigen Liebsten entsprechen: jung und frisch oder alt und morsch.
In Altbayern wiederum glaubte man an die Weissagung in Träumen in jener Nacht: Wenn sich eine ledige Frau vor ihrem Bett ganz nackt auf einen Schemel stellte und folgenden Spruch aufsagte, dann sollte sie im Traum ihren künftigen Mann sehen: „Betschemel, i tritt di, heiliger Thomas, i bitt di, lass mi sehn den Herzallerliebsten mein in dieser heiligen Nacht!“
Der heilige Thomas wurde deswegen angerufen, weil der 21. Dezember traditionell dem „Ungläubigen“ unter den Aposteln gewidmet war (erst seit der Liturgiereform 1970 ist sein kath. Festtag der 3. Juli; die Protestanten blieben beim Dezembertermin). Thomas wurde wegen seiner Zweifel an der Auferstehung Jesu berühmter als andere Apostel: Erst als er – wie verlangt – die Wundmale des Auferstandenen sehen und berühren durfte, bekannte er: „Mein Herr und mein Gott!“ Immerhin: Damit erkannte er laut der Bibel als erster der Jünger die göttliche Natur Christi.
Seine Zweifel machten Thomas zum Schutzpatron der Theologen. Das gefällt mir als skeptischer Mag.theol., und ich hätte da auch ein paar Fragen in Bezug auf Glaubenswahrheiten – Fragen, die mir das Studium nicht schlüssig beantworten konnte: Wofür hat Jesus sich selbst gehalten? Steht Gott auf stellvertretendes Leid? Warum nützt er seine Allmacht nicht für unschuldige Tsunami-Opfer? Und wer bitte soll das mit der Trinität verstehen?
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Adventmail 2010/03 (Namenstage)
Emma, „die Erhabene“, entstammte sächsischem Adel und heiratete vor mehr als 1000 Jahren Liudger, einen Sohn des sächsischen Markgrafen. Nach dem frühen Tod ihres Gemahls 1011 zog sich Emma auf das Gut Lesum bei Bremen (heute Stadtteil Burglesum) zurück, unterstützte mit ihrem Vermögen großzügig die Kirche, vor allem aber die Armen. Dass sie später als Heilige verehrt wurde, mag wohl an jener Haltung Emmas liegen, die in folgender Legende zum Ausdruck kommt:
Als die Bremer Bürger zu wenig Weidefläche hatten, um ihre Versorgung zu sichern, baten sie die Gräfin um Hilfe. Emma versprach, ihnen so viele Wiesen und Weiden zu überlassen, wie ein Mann in einer Stunde umschreiten könne. Ihr Schwager Herzog Benno von Sachsen fürchtete um das Familienerbe und sagte vorwurfsvoll: Warum nicht gleich einen ganzen Tag als Frist?
Emma nahm ihn beim Wort, Benno erbat er sich das Recht der Auswahl des Mannes – und wählte listig einen Krüppel ohne Beine. Emma legte dem Behinderten betend die Hände auf, worauf sich dieser robbend in Bewegung setzte. Die anfänglich enttäuschten Bremer Bürger waren bass erstaunt, als sie bald (von einem Diener eingeschlagene) Markierungspfähle erblickten, so weit das Auge reichte. Als der nimmermüde Krüppel sein Tagwerk vollbracht hatte, war eine Weide eingezäunt, die fast zu groß für den Bedarf der Bremer war.
Diese vergaßen weder den Krüppel (sein Bildnis ist zwischen den Füßen der Rolandsäule auf dem Marktplatz in Stein ausgehauen) noch die edle Spenderin, die wohl ihr letztes Hemd gegeben hätte, um dem Jesuswort „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ zu entsprechen.
Selten, aber doch, gibt es auch in modernen Zeiten noch Emmas, die zur Freude vieler ihre Schleier ablegen, bereit zum Teilen ihrer Gaben und wissend, dass Geiz eben nicht geil ist… www.youtube.com/watch?v=AMogobW-MRc&NR=1
Adventmail 2010/02 (Namenstage)
„Ihr Menschen! Ihr Ungeheuer!
Ihr Ungeheuer mit Namen Hans! Mit diesem Namen, den ich nie vergessen kann.“
Mit diesen Worten beginnt die von mir hochverehrte Ingeborg Bachmann ihre Erzählung „Undine geht“. Dem märchenhaften, feengleichen Wasserwesen wird darin die alltägliche gedankenlose Grobschlächtigkeit und Niedertracht gegenübergestellt, personifiziert durch den Allerweltsnamen „Hans“. Mein Opa hieß so, mein Onkel, viele Bekannte, es gibt den Namen in allen möglichen Varianten vom Hänschen klein bis zum spannenlangen Hansel, vom colttragenden John bis zum schrecklichen Iwan.
Auch im christlichen Bereich ist Hans ein Allerweltsname. Es wimmelt nur so von Johannessen in der kirchlichen Tradition. Es gibt allein rund 200 Heilige dieses Namens, viele weitere Selige und Kirchenväter. Päpste (und Gegenpäpste) haben keinen Namen öfter gewählt – auch wenn auf Johannes XX. wegen eines mittelalterlichen Zählfehlers einfach vergessen wurde und zwischen Johannes XXII. und dem Roncalli-Papst Johannes XXIII. ein Zeitfenster von 624 Jahren klafft.
Dass Päpste seit 1500 Jahren nicht mehr ihren eigenen Vornamen führen, hat übrigens auch mit einem Johannes zu tun: 533 wurde ein Mercurius gewählt, der seinen heidnischen Namen irgendwie unpassend fand und sich lieber Johannes II. nannte.
Der heute, am 2. Dezember, sowohl von Katholiken als auch von Protestanten gefeierte Jan (Johannes) von Ruysbroek war ein flämischer Mystiker und Schriftsteller aus dem 14. Jht.
Jan belegte 2009 den 18. Rang in der Liste der beliebtesten deutschen Bubenvornamen, Yannick knapp dahinter auf 20, Johannes wurde 40., Hannes 49. In Österreich wurde Johannes seit 1984 mehr als 12.000 Mal in Geburtsurkunden eingetragen, das ist Platz 24 in der Beliebtheitstabelle. Jan und Hannes folgen auf den Rängen 52 und 54., Johann auf 84, Hans auf 157, Ivan auf 268 und John auf 283.
(Und hier noch ein Ungeheuer mit Namen Hans: www.youtube.com/watch?v=K1qI4hK8R6o)
Adventmail 2009/09 (Was geschah am … Dezember?)
Am 9. Dezember …
… 656 war Basra am Persischen Golf Schauplatz der berühmten „Kamelschlacht“, an deren Ende das Schlachtfeld mit 10.000 Leichen übersät war. Kontrahenten waren zwei Lager, die um die Legitimität stritten, dem Propheten Mohammed in der Führung der Ummah, der religiösen Gemeinschaft aller Muslime, nachzufolgen: Der vierte Kalif Ali ibn Abi Talib, ein Cousin und Schwiegersohn des 632 in Medina gestorbenen Propheten, besiegte dabei die Opposition unter der Führung der jüngsten Prophetenwitwe Aischa, die Alis Anspruch auf das Kalifat bestritt. Auf Ali beriefen sich in der Folge die Schiiten, auf Abu Bakr, den ersten Kalifen und (als Vater Aischas) Schwiegervater des Propheten, die Sunniten; sie bilden heute trotz der Niederlage von 656 die große Mehrheit der Muslime.
Ausgelöst wurden die Konflikte durch die nie geklärte Ermordung des dritten Kalifen, Uthman/Osman, auch eines Schwiegersohns Mohammeds (der mindestens neun Frauen hatte sowie vier leibliche Töchter und drei Söhne, die allesamt noch als Kinder starben), im Juni 656. Ali setzte sich durch, wurde aber fünf Jahre später ebenfalls ermordet.
24 Jahre nach dem Tod Mohammeds ereignete sich somit der erste innerislamische Bürgerkrieg, an dem noch dazu enge Vertraute der Propheten beteiligt waren. Liegen die so rasch entfesselten Macht- und Ränkespiele daran, dass der Islam bereits eine weltpolitische Größe geworden war? Hätten unter diesen Gegebenheiten auch Petrus und Paulus ihren Streit um die Heidenmission mit Waffengewalt und nicht bei einem friedlichen Apostelkonzil ausgetragen? Nein, undenkbar, behaupte ich. Hat der Islam somit schon durch diese Wurzeln eine stärkere Tendenz zur Gewaltbereitschaft als das Christentum, das drei Jahrhunderte bis zur Etablierung als Staatsreligion brauchte?
Wohl kaum, auch wenn der Terror gegenwärtig die blutrünstige Seite des Islam(ismus) zeigt und das Christentum bis auf gelegentliche Fundis im Weißen Haus kaum mehr kriegerisch auftritt. Ich denke, mit der Religion verhält es sich wie mit der Liebe: Auch in deren Namen wurden schon etliche Kriege geführt, und doch käme keiner auf die Idee, sie abschaffen zu wollen.