Adventmail 2010/02 (Namenstage)

„Ihr Menschen! Ihr Ungeheuer!
Ihr Ungeheuer mit Namen Hans! Mit diesem Namen, den ich nie vergessen kann.“

Mit diesen Worten beginnt die von mir hochverehrte Ingeborg Bachmann ihre Erzählung „Undine geht“. Dem märchenhaften, feengleichen Wasserwesen wird darin die alltägliche gedankenlose Grobschlächtigkeit und Niedertracht gegenübergestellt, personifiziert durch den Allerweltsnamen „Hans“. Mein Opa hieß so, mein Onkel, viele Bekannte, es gibt den Namen in allen möglichen Varianten vom Hänschen klein bis zum spannenlangen Hansel, vom colttragenden John bis zum schrecklichen Iwan.
Auch im christlichen Bereich ist Hans ein Allerweltsname. Es wimmelt nur so von Johannessen in der kirchlichen Tradition. Es gibt allein rund 200 Heilige dieses Namens, viele weitere Selige und Kirchenväter. Päpste (und Gegenpäpste) haben keinen Namen öfter gewählt – auch wenn auf Johannes XX. wegen eines mittelalterlichen Zählfehlers einfach vergessen wurde und zwischen Johannes XXII. und dem Roncalli-Papst Johannes XXIII. ein Zeitfenster von 624 Jahren klafft.
Dass Päpste seit 1500 Jahren nicht mehr ihren eigenen Vornamen führen, hat übrigens auch mit einem Johannes zu tun: 533 wurde ein Mercurius gewählt, der seinen heidnischen Namen irgendwie unpassend fand und sich lieber Johannes II. nannte.
Der heute, am 2. Dezember, sowohl von Katholiken als auch von Protestanten gefeierte Jan (Johannes) von Ruysbroek war ein flämischer Mystiker und Schriftsteller aus dem 14. Jht.
Jan belegte 2009 den 18. Rang in der Liste der beliebtesten deutschen Bubenvornamen, Yannick knapp dahinter auf 20, Johannes wurde 40., Hannes 49. In Österreich wurde Johannes seit 1984 mehr als 12.000 Mal in Geburtsurkunden eingetragen, das ist Platz 24 in der Beliebtheitstabelle. Jan und Hannes folgen auf den Rängen 52 und 54., Johann auf 84, Hans auf 157, Ivan auf 268 und John auf 283.
(Und hier noch ein Ungeheuer mit Namen Hans: www.youtube.com/watch?v=K1qI4hK8R6o)

Adventmail 2009/13 (Was geschah am … Dezember?)

Am 13. Dezember …
… 1294 trat Pietro del Murrone als Papst Coelestin V. ab. Der damals schon greise Mystiker blieb (leider) der einzige Papst der Kirchengeschichte, der sein Amt aus eigenem Antrieb zurücklegte.
Und das kam so: Nach dem Tod von Papst Nikolaus IV. 1292 blieb der Stuhl Petri zwei Jahre lang verwaist. Gründe waren die Pestepidemie in Rom sowie ein Tauziehen zweier verfeindeter Adelsfamilien um das höchste Amt in der Kirche. Karl II. von Anjou, der König von Neapel, brachte den bald 80-jährigen Einsiedler und Ordensgründer Pietro als Kompromisskandidaten ins Spiel – erfolgreich.
Als ihm die Botschaft von seiner Wahl im Konklave überbracht wurde, verweigerte sich Pietro zunächst und floh. Er ließ sich dann aber umstimmen und trat das Papstamt schweren Herzens an. Nach dem Vorbild Christi ritt er auf einem Esel in (das heute erdbebenzerstörte) L’Aquila ein (Rom hat er nie betreten), nahm den Namen Coelestin V. an und wurde in der von ihm gegründeten, architektonisch bemerkenswerten Kirche Santa Maria di Collemaggio in den Abruzzen gekrönt.
Ein Fehler, wie er bald merkte. Pietro war Spross einer Bauernfamilie mit zwölf Kindern und als solcher wenig gebildet. Er wurde Benediktiner und entsagte als Einsiedler der Geschäftigkeit der Welt. Sein Ruf der Heiligkeit zog Nachfolger an, die sich ebenfalls als Eremiten in der Umgebung ansiedelten. Für sie gründete er eine Kongregation mit verschärfter Benediktinerregel: die „Einsiedler des heiligen Damian“, später „Cölestiner“. All den Intrigen und Einflüstereien rund um das Papstamt war Pietro in keiner Weise gewachsen. Und er war bescheiden und weise genug, die Konsequenzen zu ziehen und am 13. Dezember, nach nur dreieinhalb Monaten im Amt, abzudanken. Als Gründe nannte Pietro Krankheit, Unwissenheit, Überforderung mit der Verwaltung der Kurie und den Wunsch, wieder als Einsiedler zu leben.
Sein Nachfolger wurde der machtpolitisch versierte, hochintelligente und hochmütige Benedetto Caetani, der als Papst Bonifatius VIII. auf Nummer sicher ging und Pietro in Ehrenhaft nehmen ließ, um eine Kirchenspaltung zu verhindern. Pietro wurde erst in Anagni, dann ab August 1295 im Castello di Fumone bei Rom festgehalten und starb im Mai 1296 eines natürlichen Todes.
Schon 1313, zehn Jahre nach dem Tod von Bonifatius VIII., wurde Pietro del Murrone von Papst Clemens V. heiliggesprochen.

Adventmail 2009/08 (Was geschah am … Dezember?)

Der 8. Dezember,
der Festtag der Unbefleckten Empfängnis Marias, ist so was wie ein katholischer Großkampftag. X Lehrschreiben haben die Päpste im Lauf der Jahrhunderte an diesem Tag veröffentlicht. Als kritischer Theologe könnte ich jetzt z.B. erwähnen, dass am 8. Dezember 1864 Pius IX. in seinem berüchtigten „Syllabus Errorum“ die Religionsfreiheit als zeitgeistigen Irrtum geißelte und kraft päpstlicher Lehrautorität die Auffassung verurteilte, man dürfe „gute Hoffnung hegen über die ewige Seligkeit aller, welche nicht in der wahren Kirche Christi leben“.
Tue ich aber nicht 😉
Stattdessen würdige ich den Weitblick des als „Pillenpapst“ diskreditierten Paul VI, der am 8. Dezember 1975 das Apostolische Schreiben Evangelii Nuntiandi publizierte und dort Sätze schrieb, die seinen antimodernistischen Vorgänger wohl im Grab rotieren ließen:
„In dieser echten Befreiung, die mit der Evangelisierung verbunden ist und sich um die Verwirklichung von Strukturen bemüht, die die menschliche Freiheit schützen, muss die Gewährleistung aller Grundrechte des Menschen mit eingeschlossen sein, unter denen der Religionsfreiheit eine erstrangige Bedeutung zukommt.“ (EN 39)
Oder: „Der Wahrheit verpflichtet und von der Liebe beseelt soll die Evangelisierung der Völker Respekt haben „vor der religiösen und geistlichen Lage der Menschen, die man evangelisiert. Respekt vor ihrem eigenen Lebensrhythmus, den man nicht über Gebühr belasten darf. Respekt vor ihrem Gewissen und ihren Überzeugungen, die man nicht brüskieren soll.“ (EN 79).