Adventmail 2009/20 (Was geschah am … Dezember?)

Den 20. Dezember …
… sollte man in den Mund nehmen, ihn sich auf der Zunge zergehen lassen, bittersüß. Denn da wurde 1924 Friederike Mayröcker geboren. “Der viel erfahrenen, viel erduldenden Dichterin stehen nicht nur höchste Sensibilität und reiche Kenntnisse, ihr stehen Passion und Pathos zu Gebote. Abgesehen von der Meisterschaft, ist ihr Dichten von abgeklärter, heiter-stiller Alterslyrik weit entfernt”, schrieb “Die Zeit” 2003 über das folgende Gedicht der damals 79-jährigen:

in den Mund diesen Tag in den Mund (nehmen) auf die/
Zunge/
auf der Zunge zergehen lassen diesen Tag: der/
Geschmack bitter. Diese in Mund auf die Zunge/
genommenen Tage alle bitter – aber laut schreiend/
diese Tage laut schreiend daß ich sie wieder ausspucken solle/
daß ich sie wieder ausspucke da spucke ich auch HERZ aus/
Fransen von Herz auch Fasern (zu sehr ins Bild?) alles/
voll Blut Fransen blutrot auf Estrich, ich weiß nicht/
HERZ ausgespeit, spucke mich selbst aus, spucke HERZ aus, /
ROHE VERZWEIFLUNG, schreie brülle möchte/
irgendwohin/
irgendwie weg, auf hohe Bäume Berge Spitzen von Blumen/
Gewölk oder was …

Adventmail 2009/19 (Was geschah am … Dezember?)

Am 19. Dezember …
… 1924 wird in Hannover Fritz Haarmann wegen 24-fachen Mordes zum Tode verurteilt.
70 Jahre später spielt Götz George dieses Monstrum im Film “Der Totmacher” und vollbringt “die Unterwerfung des Kinos unter die Herrschaft seines Genuschels, Geheuls, seines hysterischen Lachens, seines irrlichternden Blicks”, wie “Der Spiegel” 1995 hingerissen schrieb.
Fritz Haarmann wurde 1879 geboren, wurde schon als Kind von seinem Bruder missbraucht, lernte Schlosser, scheiterte in der Armee, wurde arbeitslos, verging sich an Nachbarskindern und wurde als Schwachsinniger in eine Heilanstalt in Hildesheim eingewiesen; eine traumatische Erfahrung, die ihn zur Flucht veranlasste. Verlöbnisse scheiterten, ebenso ein zweiter Versuch beim Militär, er wurde als Schizophrener in Rente geschickt. Haarmann verlegte sich auf homosexuelle Kontakte, wurde Kleinkrimineller, verbrachte den Ersten Weltkrieg im Gefängnis. 1919 lernte Haarmann den Gauner Hans Grans kennen, zog mit ihm zusammen und ließ sich von ihm Jungen zuführen.
Als immer mehr und schließlich 27, alle im Alter zwischen 10 und 22 Jahren, vermisst wurden, kam es zur Anklage – obwohl Indizien lange wegen Haarmanns Tätigkeit als Polizeispitzel unter den Teppich gekehrt wurden. Im Gerichtsprozess gestand Haarmann, in den Jahren 1918 bis 1924 24 Jungen ermordet zu haben – wie, beschreibe ich hier lieber nicht.
Haarmann wurde zum Tod verurteilt und im April 1925 Hannover enthauptet, obwohl Gutachter festgestellt hatten, dass Haarmann geistig krank sei. Nach geltendem Recht hätte Haarmann damals nicht hingerichtet werden dürfen. Die Henkersmahlzeit schmeckte ihm so gut, dass er sich ein zweites Mal bedienen ließ.
Der Fall sorgte weit über Deutschland hinaus für Aufsehen. Noch lange nach der Hinrichtung sangen Kinder folgenden Abzählvers: “Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt Haarmann auch zu dir, mit dem kleinen Hackebeilchen, macht er Schabefleisch aus dir. Aus den Augen macht er Sülze, aus dem Hintern macht er Speck, aus den Därmen macht er Würste und den Rest, den schmeißt er weg.” Und der Fall inspirierte Fritz Lang zu einem der bedeutendsten deutschen Filmkunstwerke: “M – Eine Stadt sucht einen Mörder” (1931) mit dem altösterreichischen Schauspieler Peter Lorre in der Hauptrolle.

Adventmail 2009/18 (Was geschah am … Dezember?)

Seit dem 18. Dezember …
… 1859 gibt es die Ordensgemeinschaft de Salesianer Don Boscos. Gegründet hat sie einer meiner Lieblingsheiligen, nämlich Giovanni Bosco, genannt Don Bosco (vielleicht, weil Don Giovanni nicht so super für einen Priester klingt?). Er war keiner, der große Wunderheilungen vollbrachte oder so in mystische Tiefen abtauchte, dass er die Welt um sich nicht mehr wahrnahm. Nein, er tat genau das, indem er sich damaliger “verhaltensauffälliger” Jugendlicher ohne viele Perspektiven annahm und ihnen das Gefühl gab, wertvoll und ein Gotteskind zu sein.
Giovanni war Bauernsohn aus der Umgebung von Turin und bald Waise. Seine Mutter erzog ihn allein und in großer Armut. Mit neun Jahren hatte er eine Vision, die das ökumenische Heiligenlexikon so erzählt: Er sah in einem Hof eine Horde herumlungernder und fluchender Gassenjungen; als er dazwischen fahren wollte, sprach ein vornehmer und von innen heraus leuchtender Mann zu ihm: Stelle Dich an die Spitze der Jungen! Nicht mit Schlägen, sondern mit Milde, Güte und Liebe musst Du Dir diese zu Freunden gewinnen.
Auf die Frage, warum ein Neunjähriger glaubt, bei fluchenden Gassenjungen “dazwischenfahren” zu müssen und von einem illuminierten Mann ermahnt werden muss, keine Schläge einzusetzen, gibt diese Legende keine Antwort. Sicher ist jedenfalls, dass Giovanni ab da Priester werden wollte und dies unter großen Entbehrungen (vor allem seiner Mutter) auch schaffte.
1841 wurde aus Giovanni Don Bosco, sein Engagement im damals beginnenden Industriezeitalter galt der Arbeiterjugend und den verwahrlosten Jugendlichen der Großstadt Turin. Er richtete in “schlechten Vierteln” Schulen, Heime und Ausbildungsstätten ein, seine Pädagogik war – damals revolutionär – präventiv und nicht repressiv. Don Bosco pfiff auf das übliche Hierarchiegefälle zwischen Erzieher und Erzogenen, begegnete den Jugendlichen mit Respekt und traute ihnen etwas zu. Er hatte eine großartige Begabung, auf Menschen zuzugehen und sie für sich und für den Glauben zu gewinnen; Don Bosco wird als fröhlich, witzig und immer wohlwollend geschildert. Bei Gefängnisexerzitien erwirkte er die behördliche Sondererlaubnis, mit 300 Gefangenen einen unbewachten Ausflug zu machen. Keiner nutzte die Gelegenheit zur Flucht.

Adventmail 2009/17 (Was geschah am … Dezember?)

Über den 17. Dezember …
… schreibe ich exakt einen Monat früher und widerstehe der Versuchung, über die 1989 an diesem Tag erstmals ausgestrahlte Simpsons-Folge zu erzählen. Das werden ohnehin andere Medien ausgiebig tun, schätze ich.
Nein, ich berichte über die gesetzliche Einführung des Achtstundentages in Österreich am 17.12.1919 durch die Nationalversammlung (ab 1920: Nationalrat) der Republik Österreich.
Der Achtstundentag war eine der ältesten Forderungen der Arbeiterbewegung und erstmals vom walisischen Sozialreformer Robert Owen (1771-1858) im Slogan formuliert: “Acht Stunden arbeiten, acht Stunden schlafen und acht Stunden Freizeit und Erholung”.
Bei einer Fünf-Tage-Woche wären das also 40 Stunden, was heute in Österreich laut Arbeitszeitgesetz die Normalarbeitszeit wäre. Die tatsächliche Wochenarbeitszeit ist zwei Jahrhunderte nach Owen jedoch in Österreich höher – und in der EU sonst so hoch wie nur in Großbritannien, nämlich 42,4 Stunden für unselbständige Vollzeitbeschäftigte. Natürlich ist in Europa seit der Industrialisierung die Arbeitszeit gesunken – mit Ausnahme der vergangenen 10 Jahre. Da hieß es von Arbeitgeberseite, ein Anstieg der Arbeitszeit sei sinnvoll oder sogar unumgänglich. Ich glaube das nicht. Eine Arbeitszeitverkürzung muss nicht – wie behauptet – mit Produktionsrückgängen verbunden sein. Das Arbeitsvolumen, also die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden pro Kopf der Bevölkerung hat sich zwischen 1900 und 2000 recht genau halbiert. Zugleich wird heute – aufgrund des Produktivitäts-Fortschritts – pro Kopf der Bevölkerung die sechsfache Menge an Gütern und Dienstleistungen erwirtschaftet wie vor 100 Jahren.
Also: Her mit der 35-Stunden-Woche!

Adventmail 2009/16 (Was geschah am … Dezember?)

Am 16. Dezember …
… 1938 wurde die Münchnerin Louise Weidenfeller, 61 Jahre alt, dafür geehrt, acht Kinder auf die Welt gebracht zu haben. Sie war die erste Frau, die sich das “Mutterkreuz”, einen Orden mit der Aufschrift “Der Deutschen Mutter” und dem Hakenkreuz, an die Brust heften durfte. Ab 1939 erfolgte die Verleihung dann am Muttertag.
“Den ersten, besten und ihr gemäßesten Platz hat die Frau in der Familie und die wunderbarste Aufgabe, die sie erfüllen kann, ist die, ihrem Volk Kinder zu schenken.” So hörte sich das nationalsozialistische Frauenbild aus dem Mund von Joseph Goebbels an, der 1931 mit Hitler als Trauzeugen die spätere NS-Vorzeigefrau Magda geehelicht hatte. Die wiederum als siebenfache Mutter von Helga, Hilde, Helmut, Holdine, Hedwig, Heidrun sowie Harald aus erster Ehe selbst Mutterkreuz-Trägerin war.
Voraussetzung für die Auszeichnung war, dass die Frau “deutsch-blütig” nach dem Ariernachweis, “erbgesund”, “anständig” und “sittlich einwandfrei” war. (Bei der glamourösen, rauchenden, trinkenden vormaligen Ehebrecherin Magda Goebbels, die ein Jahrzehnt lang den jüdischen Namen “Friedländer” trug, nahm man es nicht so genau.)
Das Mutterkreuz wurde an einem Band zu feierlichen Anlässen getragen und brachte der Trägerin verschiedene Privilegien wie einen Sitzplatz in öffentlichen Verkehrsmitteln, Bevorzugung in Ämtern oder Ehrengruß durch die Hitler-Jugend des Ortes. Es dauerte bis in den Sommer 1957, bis das deutsche “Gesetz über Titel, Orden und Ehrenzeichen” das Tragen des Mutterkreuzes verbot. Mir fällt ein, dass meine Großmutter auch eine Kandidatin gewesen wäre (oder: war?): In der Zeit zwischen 1932 und 1943 gebar sie neun Kinder.

Adventmail 2009/15 (Was geschah am … Dezember?)

Am 15. Dezember …
… 1979 gerieten zwei kanadische Journalisten, der Sportredakteur Scott Abbott (Canadian Pres) und der Fotograf Chris Haney (Montreal Gazette) beim Scrabble-Spielen in Streit, wer von beiden der Vifere sei. Und angeblich hatten sie an diesem Tag (was Wikipedia alles weiß!) die Idee, ein eigenes Brettspiel zu entwickeln. Es wurde als Trivial Pursuit (dt.: Belanglose Jagd oder Die Jagd ums Allgemeinwissen) ein Welterfolg.
Die klassische Variante umfasst sechs Kategorien, zu denen man jeweils eine Frage richtig beantworten muss und dafür mit tortenstückchenförmigen Steinchen belohnt wird: Sport & Vergnügen (orange), Wissenschaft & Technik (grün), Geschichte (gelb), Erdkunde (blau), Unterhaltung (pink) und Kunst & Literatur (braun).
In aller Bescheidenheit muss ich anmerken, dass ich ein überaus versierter T.P.-Spieler bin und dabei oft gewinne. Und es passt auch zu einem Journalisten, von allem ein wenig zu verstehen statt von wenigem alles.
Ich spiele aber auch sonst sehr gerne, sehe darin einen Intelligenz und sozialen Zusammenhalt fördernden, psychologisch aufschlussreichen Zeitvertreib (Kann man jemand schneller kennenlernen als bei einer Partie Mensch ärgere dich nicht?). Neben Quizspielen mag ich vor allem fantasievolle Brettspiele wie Die Siedler von Catan, Scotland Yard, Take it easy oder Heimlich & Co., Kartenspiele wie Hearts, Hühnerficken oder Arschloch, Buchstabenspiele wie Scrabble oder einfach nur aus den Buchstaben eines Wortes neue bilden*), Bewegungsspiele wie Charade oder das Mörderspiel und Sexspiele wie … (aber halt: Das gehört nicht in einen Adventkalender!)
In meiner autofreien Mustersiedlung gibt es gottlob initiative Menschen, die regelmäßig zu Spieleabenden laden. Und wenn DU mal zu so was einlädst – ich komme bestimmt.

*) wie z.B. aus “S-P-I-E-L” die Wörter spie, spei!, Seil, sie, sei, peil!, Pils, Eis, Ei, eil! lies! – Ilse und Isel gelten als Eigennamen übrigens nicht

Adventmail 2009/14 (Was geschah am … Dezember?)

Am 14. Dezember …
… 2004 wurde von der US-Raumsonde “Spirit” Goethit, ein auf der Erde weit verbreitetes Mineral aus der Mineralklasse der Oxide und Hydroxide, auch auf der Marsoberfläche nachgewiesen. NASA-Wissenschaftler werten dies als einen der sichersten Nachweise für ehemals flüssiges Wasser auf dem roten Planeten, da sich Goethit nur in Zusammenhang mit Wasser bildet.
Nun verstehe ich von kaum einem Thema weniger als von Mineralien, auch wenn ich schöne Steine immer wieder gern vom Urlaub mitbringe. Interessant an Goethit finde ich vor allem, dass es zuerst 1806 als eigenständiger Typus erkannt und nach dem damals 55-jährigen Johann Wolfgang von Goethe benannt wurde, der auch ein Mineraliensammler war.
Spannend ist auch die Frage nach etwaigem Leben auf dem Nachbarplaneten, der die Fantasie von Wissenschaft und Kunst immer wieder beflügelt hat. Die Antwort: Leben auf dem Mars ist nicht auszuschließen, aber unwahrscheinlich. Beweise, dass der Mars einst warm und feucht war, wurden in “Science” zwar als “Durchbruch des Jahres 2004” gewürdigt. Aber die Ökosphäre reicht in unserem Sonnensystem von 0,95 bis 1,37 AE Abstand zur Sonne. Nur die Erde befindet sich innerhalb dieser “habitablen Zone” um die Sonne, der Mars liegt knapp außerhalb. Für möglich halten Wissenschaftler primitive Lebensformen tiefer im Boden, um vor UV-Strahlen geschützt zu sein.
Giovanni Schiaparellis Entdeckung der “Marskanäle” im Jahr 1877 hatten die Spekulationen um intelligentes Leben auf dem Mars angefacht. 21 Jahre später erschien H. G. Wells’ Roman “Krieg der Welten”, in dem Marsianer ihre Heimat verlassen, um die lebensfreundlichere Erde zu erobern. Die Menschheit, die den hoch technisierten, kriegerischen Marsianern hoffnungslos unterlegen ist, entgeht ihrer Auslöschung nur dadurch, dass die Invasoren von für uns harmlosen, irdischen Mikroben dahingerafft werden. Orson Welles verwendete den Stoff im Jahre 1938 in einem Hörspiel, wobei er die Marsianer in New Jersey landen ließ. Das Hörspiel wurde im Stil einer realistischen Reportage ausgestrahlt und löste damit eine Massenpanik aus.
Amüsant ist auch der 1996 entstandene Film “Mars Attacks”: Dort wird den hinterfotzigen Invasoren vom Mars amerikanische Schnulzenmusik aus den 1950er-Jahren zum Verhängnis: Die Schädel der Marsianer platzen unter dem Yodledi-ay-hoo zur Westerngitarre.

Adventmail 2009/13 (Was geschah am … Dezember?)

Am 13. Dezember …
… 1294 trat Pietro del Murrone als Papst Coelestin V. ab. Der damals schon greise Mystiker blieb (leider) der einzige Papst der Kirchengeschichte, der sein Amt aus eigenem Antrieb zurücklegte.
Und das kam so: Nach dem Tod von Papst Nikolaus IV. 1292 blieb der Stuhl Petri zwei Jahre lang verwaist. Gründe waren die Pestepidemie in Rom sowie ein Tauziehen zweier verfeindeter Adelsfamilien um das höchste Amt in der Kirche. Karl II. von Anjou, der König von Neapel, brachte den bald 80-jährigen Einsiedler und Ordensgründer Pietro als Kompromisskandidaten ins Spiel – erfolgreich.
Als ihm die Botschaft von seiner Wahl im Konklave überbracht wurde, verweigerte sich Pietro zunächst und floh. Er ließ sich dann aber umstimmen und trat das Papstamt schweren Herzens an. Nach dem Vorbild Christi ritt er auf einem Esel in (das heute erdbebenzerstörte) L’Aquila ein (Rom hat er nie betreten), nahm den Namen Coelestin V. an und wurde in der von ihm gegründeten, architektonisch bemerkenswerten Kirche Santa Maria di Collemaggio in den Abruzzen gekrönt.
Ein Fehler, wie er bald merkte. Pietro war Spross einer Bauernfamilie mit zwölf Kindern und als solcher wenig gebildet. Er wurde Benediktiner und entsagte als Einsiedler der Geschäftigkeit der Welt. Sein Ruf der Heiligkeit zog Nachfolger an, die sich ebenfalls als Eremiten in der Umgebung ansiedelten. Für sie gründete er eine Kongregation mit verschärfter Benediktinerregel: die “Einsiedler des heiligen Damian”, später “Cölestiner”. All den Intrigen und Einflüstereien rund um das Papstamt war Pietro in keiner Weise gewachsen. Und er war bescheiden und weise genug, die Konsequenzen zu ziehen und am 13. Dezember, nach nur dreieinhalb Monaten im Amt, abzudanken. Als Gründe nannte Pietro Krankheit, Unwissenheit, Überforderung mit der Verwaltung der Kurie und den Wunsch, wieder als Einsiedler zu leben.
Sein Nachfolger wurde der machtpolitisch versierte, hochintelligente und hochmütige Benedetto Caetani, der als Papst Bonifatius VIII. auf Nummer sicher ging und Pietro in Ehrenhaft nehmen ließ, um eine Kirchenspaltung zu verhindern. Pietro wurde erst in Anagni, dann ab August 1295 im Castello di Fumone bei Rom festgehalten und starb im Mai 1296 eines natürlichen Todes.
Schon 1313, zehn Jahre nach dem Tod von Bonifatius VIII., wurde Pietro del Murrone von Papst Clemens V. heiliggesprochen.

Adventmail 2009/12 (Was geschah am … Dezember?)

Am 12. Dezember …
… 1962 lief in den deutschen Kinos die Karl-May-Verfilmung “Der Schatz im Silbersee” an. Pierre Brice gab erstmals und fortan lebenslänglich “den edelsten aller Apachen”, Ex-Tarzan Lex Barker den Old Shatterhand, der dafür eigentlich ins Auge gefasste, noch blutjunge Götz George spielte muskelbepackt einen Farmersohn und machte alle Stunts selbst. Regie führte der Bad Ischler Ex-Riefenstahl-Assistent Harald Reinl, seine Frau Karin Dor durfte eine der öden Frauenrollen in Western spielen, die auf die Rettung durch den Helden angewiesen sind. Der Film hält sich, wie auch die meisten späteren Karl-May-Verfilmungen, kaum an die Romanvorlage. Dennoch wurde der Film im deutschsprachigen Raum ein Riesenerfolg und leitete eine Welle von 16 Karl-May-Verfilmungen ein, die erst 1968 mit “Winnetou und Old Shatterhand im Tal der Toten” endete.
Ich sah den “Schatz im Silbersee” wohl Ende der 1960er Jahre in Gleisdorf, zusammen mit meiner Cousine Gabi, die dort mit ihrer Mutter Hilde – einem ausgewiesenen Karl-May-Fan – und unseren Großeltern lebte. In der Folge las ich alle May-Romane, die im Wilden Westen spielten, und auch viele, in denen Kara Ben Nemsi im Orient auf Schurkenschläfen schlug. Winnetou war eines der Idole meiner Kindheit, und bei allem wenig Schmeichelhaftem, was man über den Schwindler Karl May sagen kann, so hat er doch spannend erzählt und dabei auch noch edle Werte wie Nächstenliebe, Toleranz und Ritterlichkeit in meine junge Seele gepflanzt.
Und auch wenn ich mich mittlerweile darüber mokiere, dass sich bei May neun von zehn Westernhelden als ausgewanderte Deutsche entpuppen und Winnetous Beziehung zu Old Shatterhand homoerotische Züge aufweist, bei der Frauen wie Nscho-Tschi oder Ribanna tot auf der Strecke bleiben: Ich find’s ein bisschen schade, dass keiner meiner drei Söhne jemals eine “Karl-May-Phase” hatte.

Adventmail 2009/11 (Was geschah am … Dezember?)

Am 11. Dezember …
… 1981 mühte sich der damals 39-jährige Muhammad Ali als Schatten seiner selbst in seinem letzten Boxkampf seiner Karriere. Im “Drama auf den Bahamas” verlor der von seiner Parkinson-Krankheit bereits Gezeichnete klar nach Punkten gegen Trevor Berbick.
Ali war einer der Sport-Idole meiner Kindheit. Ich las z.B. die vom späteren ORF-Chef Teddy Podgorsky verfasste Biographie “Cassius Clay”, betitelt mit dem abgelegten “Sklavennamen” des zum Islam konvertierten Box-Champs. Eine meiner ersten Fernseherinnerungen ist Alis Kampf im September 1966 gegen den damaligen deutschen Schwergewichts-Europameister Karl Mildenberger, wobei ich damals im Wohnzimmer meines Onkels Fredi noch dem weißen Mann die Daumen hielt. Dass Ali wegen seiner Wehrdienstverweigerung drei Jahre nicht boxen durfte und seinen WM-Titel verlor, fand ich ungerecht. An seinem Comeback im Jahr 1970 nahm ich regen Anteil, bei seiner ersten Niederlage im “Fight of the Century” gegen Joe Frazier litt ich mit. Und ich triumphierte mit ihm beim legendären “Rumble in the jungle”, als Ali den brutalen Schläger George Foreman durch kluge Taktik besiegte und nach zehn Jahren zum zweiten Mal Weltmeister wurde. Was dann folgte, war bis auf den ebenfalls legendären “Thrilla in Manila”, bei dem er in der Revanche gegen Frazier die Oberhand behielt, ein Abgesang auf die glänzende Karriere eines Ausnahmeboxers und kritischen Geistes. Auch wenn er 1978 im Retourkampf gegen Leon Spinks zum dritten Mal Champ aller Klassen wurde.
Im Jahr 1999 wählte das Internationale Olympischen Komitee Muhammad Ali zum “Sportler des Jahrhunderts”, zu einem Zeitpunkt, als er eine frühere provokante Großmäuligkeit längst zugunsten einer karitativ engagierten Altersweisheit abgelegt hatte. Hatte er als Aktiver durch seinen eleganten Boxstil, die Stakkato-Reime gegen seine Gegner und seine Unerschrockenheit gegenüber Autoritäten begeistert, so berührte der heute 67-jährige später krankheitsbedingt zitternd, mit heiserer Stimme, aber humorvoll und abgeklärt als eine Art “elder statesman des Sports”.