Von Stockholm ging es mit unserem Fiat-Wohnmobil “Freddy Flitzer” 485 km via Uppsala und Sundsvall in den kleinen Ort Docksta, nahe am landschaftlich vielversprechenden Nationalpark Skuleskogen. Dort wollten wir mit drei Nächtigungen in schöner Natur erstmal zur Ruhe kommen und erholsame Urlaubsluft schnuppern. Eine spektakuläre Brücke im Nebel und zugleich mit Sonne lud zu einem Fotostopp.


Der Stellplatz in Docksta liegt weit genug entfernt von der Autobahn E4 an einer ruhigen Ostseebucht und bietet viele Annehmlichkeiten, sogar Sauna. Nur das Restaurant hatte am 2. Juni noch nicht geöffnet, schade. Am Mittwoch, 3.6., nutzte ich das schöne Wetter zu einer ausgedehnten Wanderung durch den Nationalpark. Er hat drei Eingänge im S, N und W, nur die Ostseite ist von Meer begrenzt. Wobei: An der Ostsee hat man oft gar nicht den Eindruck, am Meer zu sein, sie wirkt wie ein See. Claudia, die während des Urlaubs immer wieder mit Knieschmerzen zu kämpfen hatte, brachte mich ca. 12 km weiter zum Entré Väst, ging noch 1 km auf den bequem zu begehenden Holzplankenwegen mit und entließ mich dann mit einer deutschsprachigen Gratis-Wanderkarte in die Wildnis. Aufmerksamkeit und manchmal Herumsuchen erforderten die blauen Markierungen auf Baumstämmen und Steinen, die längst nicht so gut erkennbar sind wie die rotweißen Entsprechungen in Österreich. Ich genoss dennoch das Auf und Ab der herrlichen Waldlandschaft mit dichtem Heidelbeerboden, einigen Teichen und Mooren. Je höher ich gelangte, desto felsiger wurde es – bis zum Slåttdalsberg, von dem aus ich eine grandiose Aussicht auf Wald, Wasser und Inseln hatte. Der anfängliche Nebel verzog sich bald. Noch gut in Form vom Camino Portugues einen Monat zuvor brauchte ich kaum Pausen, nur auf der höchsten Erhebung hatte ich ein „Gipfelgespräch“ mit einem Schweizer, der mit dem PKW unterwegs ist und spartanische Gratishütten zum Übernachten nutzt.

Größte Attraktion im Nationalpark ist die Schlucht Slåttdalsskrevan mit ihren 40m hohen Felswänden. Sie zu durchwandern war wegen Steinschlaggefahr allerdings nicht möglich. Meine 21.000-Schritte-Wanderung endete nach dem Entré Syd. Ich hoffte umsonst, von einem der vielen Ausflügler die 14 km zurück nach Docksta mitgenommen zu werden, Claudia holte mich mit dem Freddy ab.






Zu Abend aßen wir in einem äußerst preiswerten Fernfahrerlokal pikanten „Lachspudding“, Salat, Kuchen und Kaffee mit neuen Bekannten vom Campingplatz: Norman und Birgit, Wohnwagenbesitzer aus Bad Tölz, wollten eigentlich mit einem anderen Paar unterwegs sein, die jedoch kurzfristig absagten. Sie freuten sich sichtlich über unsere Gesellschaft – uns wurde die Nähe vor allem zur einfach gestrickten Birgit, die sich so gar nicht für den Norden Europas erwärmen konnte, dann zu viel. Dazu später mehr.
Den zweiten Nationalparktag (4.6., in Österreich Fronleichnam) verbrachten Claudia und ich gemeinsam. Der pro Strecke knapp 4 km lange Uferweg vom Eingang Süd bis zum Feriendorf Näskebodarna überforderte Claudias Beine nicht, war angenehm flach. Wir kamen an vielen umgestürzten Bäumen vorbei, die bei Sturm im sandigen Waldboden offenbar zu wenig Halt fanden. Einmal mussten wir eine von einem Stamm zerstörte Brücke über einen Bach umgehen; ein Nationalpark-Mitarbeiter erklärte uns später dazu, die vielen Schäden hätten mit Wasserarmut und Klimawandel zu tun. Wir Menschen sind die einzige Spezies, die sich den eigenen Lebensraum zerstört, merkte er desillusioniert an.





Freddy muckte wieder auf: Auf dem Display war „Motorölwechsel fällig“ zu lesen. Claudia informierte den Roadsurfer Support, der sich mit einer Antwort bis zum 8.6. Zeit ließ. Dann wurde klar, dass wir uns um das Problem zu kümmern haben – inklusive Okay nach Kostenvoranschlag einer Autowerkstatt einholen und Ölwechsel vorfinanzieren. Wie nervig das wurde, sollte sich erst später herausstellen.
Auch Norman und Birgit hatten Probleme mit ihrem (überladenen?) Wohnwagen. Nach einer Bremsbeläge-Reparatur am zweiten Tag ihrer Reise um EUR 1.500 musste nun ein platter Reifen ersetzt werden.
Der 5.6. wurde ein Regenfahrtag nach Luleå bzw. einem riesigen Campingplatz kurz davor. Für einen Besuch der Weltkulturerbe-Stadt war keine Zeit – wie überhaupt auf der gesamten Reise die Mobilität durch den etwas sperrigen Freddy eingeschränkt war. Daran hätten aber wohl auch Fahrräder wegen der tlw. recht großen Entfernung zu Ortszentren nichts geändert. In Moskenes auf den Lofoten lernten wir später ein anderes Paar, Uwe und Petra aus Hessen, kennen, die hinten in ihrem geräumigen Wohnmobil einen Motorroller mitführten und damit kleine Ausflüge machen konnten, ohne jedes Mal alles im Wagen verstauen und diesen elektrisch ”abnabeln” zu müssen. In italienischen Innenstädten hätten wir mit Freddy aber wohl noch viel mehr Probleme gehabt als in Brünn, Stockholm, später dann Trondheim und Bergen.

Auf dem Weg nordwärts hielten wir in Umeå, 2014 Europas Kulturhaupstadt. Aber nicht bei Sehenswürdigkeiten, sondern bei IKEA. Schon in Wien hatten wir in Schwedens unmöglichem Möbelhaus einen Gutteil unserer Campingausstattung – billige Töpfe, Teller, Polster, Aufbewahrungsboxen u.a. – gekauft, hier in Nordschweden aßen wir zu Mittag und kauften bei H&M eine günstige Überdecke für unser Sofa zuhause. Fotos vom bekannten IKEA-Essen führten zuhause zu Lach-Smileys. Was für ein Klischée.
Letzte Station in Schweden war am 6./7.6. der Abisko Nationalpark kurz vor der norwegischen Grenze. Da waren wir schon jenseits des Polarkreises und hatten rund um die Uhr Tageslicht. Zwischen Ende Mai und Mitte Juli geht dort oben die Sonne nie unter. Wir verdunkelten Freddy allabendlich mit dem Fensterjalousien, das nicht funktionstüchtige Teil beim Küchenfenster ersetzten wir mit einem Tuch, das wir mit Magnetklammern innen an der Karosserie fixierten. Dunkel genug zum Schlafen war es somit, und die Fliegengitter vor den Fenstern bewahrten uns auch vor Mückenstichen. Die waren aber generell weniger lästig als befürchtet.

Dazu passt das Thema Tierwelt: In Schwedisch Lappland sahen wir mehrmals Rentiere auf der Straße. Einmal wich ein vor uns fahrender Laster scheinbar unmotiviert auf die linke Fahrbahn. Wir dachten schon, was hat der für ein Problem, als wir bemerkten, dass er einem Rentierhirsch mit mächtigem Geweih auswich. Und auch ich musste einmal ziemlich abbremsen, um eine Kollision mit einem Tier zu vermeiden. Elche dagegen sahen wir nur auf Warnschildern – aber das ist wohl wie in Österreich, wenn vor Wildwechsel gewarnt wird. Wann sieht man je einen Hirsch in natura? Andererseits nahm ich Rentier, Elch und auch Wal mit nach Hause – in Form von salamiartigen Hartwürsten, die ich für meine Söhne und Enkel zum Verkosten mitbrachte. Schmeckt gut. Wie auch der Rentier-Burger, den wir – ja, wo? – einmal genossen.


Erwähnen möchte ich Kiruna, den Hauptort in Lappland, wo wir einen Tank- und Einkaufsstopp einlegten. In der nördlichsten Stadt Schwedens werden Bodenschätze abgebaut. Damit das Eisenerz gewonnen abgebaut werden kann, wird der Ortskern bis 2040 komplett um 5 km nach Osten verlegt. Kirunas Holzkirche wurde noch vor Kurzem als schönstes Gebäude Schwedens gewürdigt, aktuell steht sie ziemlich verlassen inmitten großer Baustellen. Unter Kiruna liegen auch bis zu 2 Millionen Tonnen seltene Erden, was à la longue die Importabhängigkeit Europas v.a. von China verringern soll.
Björkliden hieß das Wintersportressort beim Nationalpark, an dem wir zweimal nächtigen wollten. Ich hatte mir auf Komoot wieder eine längere Wanderung herausgesucht. Allerdings machte mir das Regenwetter einen Strich durch die Rechnung. Am Sonntag, 7.7., saßen wir zu viert lange im Sporthotel, das auch den Campingplatz verwaltet und spielten mit Norman und Birgit Rummy. Die beiden hatten wir schon in Luleå wiedergetroffen und zu Abend gegessen, hier tranken wir abends Rosé im Wohnwagen der beiden und wurden zusehends überfordert von der Kontaktfreudigkeit Birgits („Wir verstehen uns schon sehr gut, nicht?“). Die beiden bayerischen Eheleute und ich brachen gegen Abend, als es endlich aufklarte und der Blick auf das sensationelle, vom Gletscher ausgeschürfte, auf vielen Ansichtskarten zu sehende Trogtal Lapporten (dt. Lappenpforte) frei wurde, zu einer Wanderung zu einem 3 km entfernten See auf. Birgit kehrte bald um, der Weg war durch den Regen sehr feucht, manche Schneefelder und Bäche waren zu überwinden. Der fitte Norman hielt mit mir mit, wir gingen gute zwei Stunden durch die arktische Landschaft mit noch viel Schnee und Temperaturen um die 10 Grad. Um 23 Uhr war es noch taghell, im Winter dafür wochenlang finster. Es hieß, die Skisaison beginnt deswegen hier erst im Februar, dauert aber bis Mitte Mai, wenn die Polarsonne wieder leuchtet.





Norman und Birgit wollten auch auf die Lofoten, Birgit am liebsten begleitet von uns. „Nun reicht es auch schon wieder mit der Urlaubsbekanntschaft“, schrieb ich in mein Notizbuch. Zupass kam uns das zu wechselnde Motoröl, um das zu kümmern uns Roadsurfer auferlegte. Nun ist Ölwechsel nichts, was am Tag X um 12 Uhr anfällt, sondern lange vor möglichen Problemen angezeigt wird. Aber ignorieren konnten wir die Auflage unseres Vermieters nicht, das Risiko einer Haftung im Schadensfall war zu groß. Also Werkstatt in Narvik suchen. Roadsurfer-Supporterin Laura sandte uns dafür eine – unbrauchbare – Liste möglicher Betriebe zu, nach der Ankunft am Montag, 8.6., in Narvik suchten wir vier (fünf?) Werkstätten auf, jedoch konnte keine das Service in zumutbarer Zeit zusichern. Ein freundlicher Mechaniker empfahl uns, nach Harstad zu fahren, die nächste größere Stadt 100 km entfernt Richtung Lofoten, wo es auch mehrere Betriebe gab.
Der Ölwechsel wurde zum Dauerproblem. Wie lange hält der Wagen noch durch? Wie sehr beeinträchtigt das Service unsere Urlaubsplanung? Warum hilft Roadsurfer so wenig, unser Problem zu lösen, macht z.B. nicht eine Werkstatt und einen nahen Termin aus? Stattdessen hieß es, vor der Arbeit muss ein Kostenvoranschlag erstellt und von Roadsurfer genehmigt werden, was bis zu 24 Stunden dauern könne. Erst danach dürfe die Reparatur erfolgen, deren Kosten von uns vorfinanziert und danach zur Rückerstattung eingereicht werden müssen. Eine Zumutung und superärgerlich, wie wir fanden.
In Harstad fanden wir schließlich eine Werkstatt, die den Ölwechsel für den nächsten Tag, am 9.6., zusagte. Wir plagten uns, in unserer nördlichsten Station (300 km nördlicher als die Nordspitze Islands!) eine geeignete Übernachtungsmöglichkeit zu finden, denn der einzige Stellplatz am Hafen öffnet den Betrieb erst in zwei Wochen, wie wir feststellten. Hilfreiche Einheimische schüttelten den Kopf über so wenig Entgegenkommen gegenüber Touristen, die Suche nach einem geeigneten Platz zum Wildcampen verlief erfolglos, ein Tipp führte uns schließlich zu einem Parkplatz am Ortsrandpark mit Blick auf vier Springschanzen, wo wir unsere zweite Nacht ohne Strom – und auch ohne Dusche – verbrachten und morgens von zufahrenden Eltern geweckt wurden, die ihre Kids in den Kindergarten brachten.

Wir fuhren früh zu einem Hotel am Hafen, von dem wir wussten, dass es dort auch für Nichtgäste günstiges Büffetfrühstück gab. Wir genossen bei herrlichem Wetter und Bick auf ein auslaufendes Hurtigruten-Schiff verschiedenen Fisch, Juice, Spielegei und frisches Gebäck um umgerechnet nur 22 Euro. Richtig teuer wurde das Frühstück durch den Strafzettel am vor dem Hotel widerrechtlich geparkten Freddy. Das Ignorieren der sonst so brauchbaren App Easy Park kostete uns 66 Euro ☹. Danach auf zum 10-Uhr-Termin in der Werkstatt. Dort machte der nette Kundenbetreuer ein beklommenes Gesicht und meinte, sie könnten den Ölwechsel jetzt wegen unvorhergesehener Probleme doch nicht durchführen. Wir könnten aber hier den benötigten Ölfilter kaufen und mit diesem in eine nahe andere Werkstatt fahren, bei der wir gleich drankämen. Frust machte sich breit, aber am 9.6. zu Mittag war das Ölproblem nach all der aufgewendeten Energie und den Nerven endlich, endlich gelöst. Nun hieß es: Lofoten, wir kommen!











































































