Die Aufregung kam reichlich spät, umso heftiger wird sie nun im Advent von Entrüstungswettläufern geschürt: Die Rede ist von der Ausstellung „Du sollst dir ein Bild machen“, mit der das Wiener Künstlerhaus noch bis 8. Feber 2026 eine Brücke zwischen der christlichen Bildtradition und zeitgenössischer Kunst schlägt. Mehr als einen Monat nach der Eröffnung der Schau und nach wohlwollenden Einschätzungen von kirchlichen Kunstkennern wie „Kulturbischof“ Glettler, Dompfarrer Faber, Jesuit Schörghofer und „Kultum“-Graz-Leiter Rauchenberger brach ein Empörungssturm los.
Die „Österreichische Gesellschaft zum Schutz von Tradition, Familie und Privateigentum“, eine Gruppe katholischer Traditionalisten, sammelt – mit mäßigem Zuspruch – Unterschriften für die sofortige Schließung der Schau; FP-Politiker von Kickl abwärts und der rechte ÖVP-Flügel surfen auf der Empörungswelle mit. Der Tenor: Das Künstlerhaus vertrete eine Agenda von Wokeness und Sexualisierung, agiere antichristlich in einer Weise, wie sie gegenüber dem Islam undenkbar wäre, und dürfe nicht mit Steuergeld gefördert werden.
Was sind die Steine des Anstoßes, mit denen Kritiker die Ausstellungsgestalter und mit ihnen die Wiener Kulturpolitik bewerfen? Inkriminiert werden vor allem ein Pietà-Bild mit Maria als Transfrau mit angedeutetem Penis, eine Priesterfigur als betender Wolf im Schafspelz, ein mit Latexnoppen überzogenes Kruzifix sowie der schon 1990 skandalisierte „gekreuzigte Frosch“ von Martin Kippenberger, den einst auch der über jeden Progressismusverdacht erhabene Bischof Egon Kapellari gegen Blasphemievorwürfe verteidigte.
Das zweite der zehn Gebote besagt, man solle sich kein Bild von Gott machen. Mit ihrem titelgebenden Verstoß dagegen provoziert das Künstlerhaus natürlich – wie dies auch viele kirchlich beauftragte Großwerke der Kunstgeschichte tun. Manche Exponate mögen befremden, verstören. Aber man kann darauf auch anders reagieren als mit Schaum vor dem Mund, nämlich: sich herausrufen (pro-vocare) lassen aus einer allzu vertrauten Ikonographie, einem bequemen Glauben, einem musealen Gott. Wie sagte Bischof Glettler nach der Eröffnung so schön: „Die Ausstellung ist ein Beleg für das unendliche Ringen, dem Geheimnis Gottes, der sich in eine verwundete Welt eingeschrieben hat, irgendwie gerecht zu werden.“ Und die Linzer Kirchenzeitung empfahl: „Du sollst dir selbst ein Bild machen.“ (leicht verändert erschienen in DIE FURCHE 51/52, 18.12.2025)
Fortsetzung der hochkarätig besetzten KAÖ-Gesprächsabende in lockerer Atmosphäre, diesmal (am 22.9.25) mit Bildungsminister Christoph Wiederkehr und der Ordensschulverantwortlichen Maria Habersack. Beide engagiert und kompetent, das ergab mit einem fachkundigen Publikum einen anregenden Abend in der Spiegelgasse.
Wiederkehr, Moderator Immervoll, Habersack auf dem Podium im KA-Salon, Spiegelgasse
Nur, es ist halt so mit dem Thema Bildung in Österreich: Es ist ein ideologisches Exerzierfeld, auf dem Parteipolitik deutlich mehr zählt als wissenschaftlich-pädagogische Erkenntnisse. Und der Föderalismus mit der damit verbundenen Kompetenzzersplitterung trägt das seinige dazu bei, dass die Bildungslandschaft hierzulande wirkt wie eine verblassende Schwarzweißaufnahme aus grauer Vorzeit.
Dabei läge auf der Hand, was wirklich Verbesserungen schaffen würde und woran es krankt: Strukturen und Inhalte wirken wie aus der Zeit gefallen, der Fächerkanon ist viel zu starr. Wann bitte hab ich in meiner Schulzeit etwas im Leben Brauchbares über Verträge abschließen, Geld anlegen, gesund ernähren, Medienerziehung … gehört – und ich fürchte, nein: weiß, dass sich seit 40 Jahren immer noch dieselben Defizite zeigen.
Wiederkehr nannte als seine Vision, dass alle Schüler:innen gerne in die Schule gehen; nur: fast alle verlieren die anfängliche Neugier und Begeisterung rasch, Interesse und Eigenmotivation sinken spätestens nach der Volksschule.
Was sicher auch daran liegt, dass die Schule hierzulande defizitorientiert ist. Statt Talent zu fördern, liegt der Fokus auf Fehlern. Viele Begabte wenden den Großteil ihrer Energie für den Erfolg in Fächern auf, die sie nicht interessieren bzw. in denen sie Probleme haben.
Und: In Österreich wird Bildung „vererbt“: Sprösslinge aus bildungsfernen Schichten werden viel zu wenig ermutigt, einen anderen Lebensweg einzuschlagen als ihre Eltern. Bei Migrantenfamilien ist diese Problematik nochmal deutlicher ausgeprägt.
Wichtig wäre auch mehr Augenmerk auf lebenslanges Lernen. Bildung ist ja nicht nur ein Thema für die Kindheit und Jugend; die Volkshochschulen reichen längst nicht aus, um auch Ältere zur Horizonterweiterung anzuhalten.
Somit wirft jede Bildungsdiskussion in Österreich Problemfelder auf, die zum Namen des zuständigen Ministers passen: Wiederkehr.
An immer mehr Schulen werden christliche und muslimische Schüler gemeinsam unterrichtet. Das fördere demokratische Werte wie Respekt vor Vielfalt, sagen Verantwortliche. Wir leben in zerrissenen Zeiten, auch religiös: Aktuelle Tendenzen, das „Eigene“ durch Abgrenzung vom anderen zu definieren, fördern Feindbildkonstruktionen, beklagt Carla Amina Baghajati, Leiterin des Schulamtes der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) und langjähriges „weibliches Gesicht“ des Islam in Österreich. In den Echokammern der sozialen Medien verstärke sich diese Dynamik noch, ehrlicher Dialog finde kaum noch statt. „Wir erleben eine Aufladung religiöser ‚Identität‘ durch Versatzstücke, die oft nicht mehr verstanden, aber emotional wirksam eingesetzt werden – auch als Manipulation“, so Baghajati, ohne islamistische Hassprediger und christliche Fundamentalisten-Videos ausdrücklich zu benennen. Es brauche religiöse Bildung und Mündigkeit, um Anspielungen entschlüsseln und Missbrauch erkennen zu können. Verantwortliche für den Religionsunterricht, der den anerkannten Religionsgemeinschaften in Österreich per Gesetz zusteht, halten seit einiger Zeit mit Feldversuchen eines interreligiösen Religionsunterrichts dagegen – als Ergänzung zum bisher gewohnten konfessionellen… Allahu akbar und Vaterunser gemeinsam in einer Religionsstunde, geht das? … (mehr in DIE FURCHE, 28.8.2025, online 24.8.)
Für die Katholische Aktion Österreich leistete ich unter Präsident Christian Friesl Öffentlichkeitsarbeit und ich erteilte ihr nicht ohne längeres Zögern eine Absage, als mich der aktuelle Präsident Ferdinand Kaineder anlässlich meiner Pensionierung um Mitwirkung anfragte. Gelegentliche Impulse gerne, kontinuierliche inhaltliche Zuarbeit aber nicht, so meine Antwort. Nun schuf die katholische Laienorganisation mit dem KA-Salon zu verschiedenen Themen eine neue Dialogreihe, am 15.7. ging’s um Medien. Das ist was für mich, dachte ich, und bekam sogar von meiner alten Arbeitgeberin Kathpress den Auftrag zum Berichten. Was ich dann auch brav tat.
Nach dem Podium Frage an Altmeister Rauscher: Warum gibt’s eigentlich kein europäisches Pendant zu Google, Microsoft und Co.?
Und ich habe auch Anregungen an die KAÖ, was deren Positionierung im demokratiepolitisch so wichtigen, jedoch hierzulande seit langem unbefriedigend gestalteten Bereich Medienpolitik betrifft: Presseförderung aufstocken und Qualität statt Quantität fördern; „Anfüttern“ durch Regierungsinserate drastisch reduzieren; den öffentlichen Rundfunk dem Parteizugriff entziehen; (in der EU) Regulative der Social-Media-Konzerne vorantreiben und Hasspostings bzw. Fake News einhegen.
Da sind das Lob, das aus dem Klassenwinkerl befreite, ein Wiedersehen am Bahnhof von San Remo, die Geburt eines, der es eilig hatte, und der Sonnenaufgang an höchsten Berg im Indischen Ozean. Lauter Glücksmomente, aus denen Robert Mitscha-Eibl (58), Redakteur der „Kathpress“, seine Schlüsse zieht… „Jeder ist seines Glückes Schmied“ ist gängiges Sprichwort; „des Glück is a Vogerl“ eine andere, der ersteren fast entgegengesetzte Wienerische Weisheit. Es geht um die Frage: Kann man Glück „machen“ – oder muss es einem in den Schoß fallen? Und welches von beiden ist befriedigender? Das durch eigenes Zutun, durch Leistung erlangte Glück, oder jenes, das sich wie ein (unverdientes?) Geschenk anfühlt? Ich lass das mal offen und sammle persönliche Glücksmomente: O Ich war neun und ging in meiner steirischen Heimat in die vierte Klasse Volksschule. Und ich stand im Winkerl, als Frau Lehrerin Fuchs die letzten Diktate austeilte. Hatte irgendetwas angestellt, an das ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnere. Frau Fuchs war fast schon am Ende, als sie mit einem Lächeln sagte: „Einer in der Klasse hat ‚Thron‘ mit ‚h‘ geschrieben, wie es auch gehört, weil es ein altes Wort ist. Der steht da hinten im Winkerl und kann sich jetzt wieder setzen. Bravo.“ Ich freute mich wie ein Schneekönig. O Ich mit 20 auf meinem ersten Ferienjob im Ausland. Als Hendlgriller in einem Wienerwald-Restaurant in München lernte ich Grazer Jungstudent eine Wiener Theologin kennen. U.a. beim Gitarrespielen an der Isar verliebten wir uns ineinander und beschlossen, zumindest einen Teil des Urlaubs gemeinsam zu verbringen. Doris (das – wie passend! – „Gottesgeschenk“ bedeutet) hatte mit einer Freundin schon einen Surfurlaub auf Korsika vereinbart und wollte sie nicht hängen lassen, wie sie sagte: „Aber wir können uns am 12. September um 15 Uhr am Bahnhof von San Remo an der italienischen Riviera treffen und dann noch die Cote d’Azur entlang…“ Drei elendig lange Wochen und einige Briefe später fuhr ich mit der Bahn nach Italien. Handys gab’s längst noch keine. Doch als ich mich zur vereinbarten Zeit am Bahnsteig von San Remo umsah, flog sie mir schon entgegen, Doris, mit wehenden Haaren und Strahlen im Gesicht. O Ich mit 27, ein werdender Vater. Neben mir im Auto meine hochschwangere Frau Claudia in den Wehen. Die Fruchtblase platzte, Stress pur: Geht sich der Weg ins Geburtshaus Nussdorf trotz des Morgenverkehrs am Gürtel noch aus?! Es ging sich. Eine halbe Stunde nach dem Eintreffen erblickte Gregor das Licht der Welt, der erste meiner drei Buben. Ich war bei allen dabei und staunte bei jedem über dieses Wunder, dass da plötzlich ein winziges Menschlein in mein, in unser Leben tritt. Gregor durfte ich abnabeln und dann baden, während Claudia sich erholte – ein intimer Moment prallvoll mit Glück. Später lagen wir zu dritt nebeneinander im Gästebett des Geburtshauses, abseits jeder Spitalsatmosphäre, und die beiden Erwachsenen hatten Tränen in den Augen. Der Kleine büselte. O Ich reise viel und gerne. Z.B. vor drei Jahren auf die Insel La Réunion, wo ich mit einer mir davor unbekannten Gruppe von Aktivurlaubern durch die herrliche, vulkanisch geprägte Landschaft wanderte. Ein Ziel war der Piton des Neiges (frz. „Schneegipfel“), die mit 3070 m höchste Erhebung im Indischen Ozean. Wir mussten früh raus, stiegen mit Stirnlampen 1000 Höhenmeter auf noch nächtlich vereisten Wegen auf, um rechtzeitig zum Sonnenaufgang am Gipfel zu sein. Und der Feuerball erhob sich bald aus dem Morgendunst, unter mir Nebelschwaden, über mir Bergdohlenkreischen und neben mir lauter Gesichter, die ohne Worte „Wow!“ sagten. Damit lass ich’s gut sein, obwohl mir noch viele weitere Perlen in meiner persönlichen Glücksmomentkette einfallen, die fast immer beides beinhalten: einerseits die Anstregung, ja Mühsal sowie die Freude daran, andererseits die Gewissheit, diese I-Tüpfelchen im Leben nicht selbst setzen zu können, angewiesen zu sein auf andere. Letztere schafft eine Dankbarkeit, die der große Mystiker David Steindl-Rast nicht umsonst als grundlegend für jede Gottverbundenheit und Spiritualität erachtet. Und noch was: Nicht missen möchte ich auch die düsteren Kapitel in meinem Leben, die erst dafür sorgen, dass Höhenflüge auch als solcher erkannt und nicht als Erfolgsmarathon nivelliert werden. Sie sorgen auch dafür, dass ich mich immer wieder und gerade in Zeiten schwindender Solidarität gegenüber den Bedürftigen an folgendes Prinzip einer christlich-humanen Weltsicht erinnere: Wahres Glück gedeiht nicht neben dem Unglück anderer.
Mit kulinarischen Appetizern und Beratungsangeboten bemüht sich die katholische Kirche in Stadterweiterungsgebieten in Wien wie der Seestadt Aspern, aber auch in Linz und Graz um Präsenz. Gemeinschaftsbildung im neuen urbanen Umfeld erfordert viel Kreativität, erst recht mit begrenzten Ressourcen. Beim Essen kommen die Leut‘ z’samm – das wusste schon Jesus, der sich zum Ärger der Pharisärer mit Geldeintreibern und Sündern an einen Tisch setzte. Heute hält sich die Kirche in den Stadterweiterungsgebieten von Wien, Graz und Linz an diese goldene Regel der Gemeinschaftsbildung. In neuen Großstadtteilen wie der Seestadt Aspern, dem Wiener Nordbahnviertel, in Graz-Reininghaus oder der Linzer SolarCity nutzt die Kirche „Spaghetti-Messen“, offenes Frühstück, Mitbringbuffets, aber auch Dienstleitung durch Beratung als Einfallstore, um Menschen untereinander und womöglich auch mit Gott in Kontakt zu bringen. Die genannten Stadtgebiete sind so etwas wie Testfälle moderner, nachhaltiger Urbanität. Mit hohen Wohn- und Bürobauten, künstlichen Wasser- und Grünflächen, stadtplanerischer Achtsamkeit für Mobilität mit Öffis und Fahrrad, mit Spielflächen für Kinder und Barrierefreiheit. Aber ist in so einem Umfeld Platz für Kirche, gemeint sowohl als Standort wie auch als Gemeinschaft? … (mehr in FURCHE 24, 12. Juni 2025)
Als ich geboren wurde, war der sympathische Konzilspapst Johannes XXIII.: („Giovanni, nimm dich nicht so wichtig“) seit knapp einem Jahr im Amt. Von Paul VI. bekam ich erst nach seinem Tod etwas mit, als ich Anfang 1980 mit dem Theologiestudium in Graz begonnen hatte. Seine Lehrentscheidung in Bezug auf Empfängnisverhütung („Humanae vitae“, 1968) hat sein Pontifikat mehr überschattet als er es für seine entwicklungspolitischen Aussagen („Populorum progressio“, 1967) verdient hätte. Im Dreipäpstejahr 1979 war Johannes Paul I. leider nur 33 Tage im Amt. 1980 war meine anfängliche Sympathie für den polnischen Papst Johannes Paul II. für seine KP-kritische Haltung in Solidarnosc-Zeiten schnell geschwunden, als er dem Schweizer Theologen Hans Küng („Unfehlbar?“, 1970) einen Maulkorb umhing. Und erst recht, als unter seiner Verantwortung in Österreich eine Reihe ungeeigneter Bischöfe (Eder in Salzburg, Krenn in Wien und dann St. Pölten, Groer in Wien, Laun in Salzburg) ernannt wurden und die offene Linie unter Kardinal Franz König konterkariert wurde. Und. Der Wojtyla-Papst blieb viel zu lange im Amt – nämlich 26 Jahre, die letzten davon schon gesundheitlich schwer angeschlagen. Als sein oberster Glaubenshüter Kardinal Ratzinger als Benedikt XVI. Papst wurde, war ich – offen gesagt – entsetzt. Ich hatte den Bayern als theologischen Riegelvorschieber etwa gegen die Theologie der Befreiung erlebt, die ich im Studium schätzen gelernt hatte. Und die Jammerei auf hohem intellektuellem Niveau gegen den Relativismus weckte dann in mir auch keine Begeisterung: Für Jesus nimmt man nicht ein, indem man vor den Folgen der Gottlosigkeit warnt. Ich Kathpress-Redakteur saß mit dem Grazer Bischof Kapellari vor dem Fernsehgerät, als mit Franziskus der erste Jesuit und Lateinamerikaner auf den Stuhl Petri gewählt wurde. Seit seinem „Buona Sera“ vom Balkon des Apostolischen Palastes mochte ich den bescheidenen Bergoglio immer sehr. Sein Engagement für eine Kirche der Armen, für Umweltschutz und eine „Wirtschaft, die nicht tötet“ schätzte ich sehr, fand ihn auch persönlich liebenswürdig. Was mich über Befremdliches wie seine Aussagen über den Teufel oder manch machohafter Ausrutscher hinwegsehen ließ. Als Franziskus am Ostermontag 2025 starb, war ich ehrlich traurig. Und dann sehr überrascht, dass mit Leo XIV. ein US-Amerikaner schon nach vier Wahlgängen nachfolgte. Die Nachricht vom weißen Rauch aus der Sixtinischen Kapelle erreichte mich bei der Abfahrt in eine Tiefgarage in Zagreb, der letzten Station einer Westbalkantour gemeinsam mit meiner Claudia. Via Internet dann Freude über die erste Botschaft des bisherigen Kardinals Prevost „Der Friede sei mit euch!“ in einer Zeit großen Unfriedens und blutiger Konflikte. Leo ist polyglott, hat EZA- und Kurienerfahrung, wird wohl ein Brückenbauer sein, ohne (auch von mir) ersehnte Kirchenreformen wie Frauenweihe voranzutreiben. Aber vielleicht ist es heute ja seliger, Frieden zu stiften, als die Kirche moderner zu machen. Ich gestehe Leo einen Vertrauensvorschuss zu, seine bisherige Performance war ganz ok. Und richtig gut, ja berührend, finde ich die vor der Amtseinführung als Leo XIV. am heutigen 18. Mai bekannt gewordene Einladung von Prevost „an die Zweifelnden und Gebrochenen“. Dort heißt es: „Brüder, Schwestern… Ich spreche zu euch, besonders zu denen, die nicht mehr glauben, nicht mehr hoffen, nicht mehr beten, weil sie denken, dass Gott sie verlassen hat. An die, die es satt haben, von Skandalen, von missbrauchter Macht, von der Stille einer Kirche, die manchmal mehr wie ein Palast als ein Zuhause scheint, geplagt zu werden. Ich war auch wütend auf Gott. Ich habe auch gute Menschen sterben sehen, Kinder leiden sehen, Großeltern ohne Medizin weinen sehen. Und ja… es gab Tage, an denen ich betete und nur ein Echo spürte. Aber dann entdeckte ich etwas: Gott schreit nicht. Gott flüstert. Und manchmal flüstert er aus dem Schlamm, aus dem Schmerz, aus einer Großmutter, die dich ohne etwas zu haben, nährt. Ich komme nicht, um euch einen perfekten Glauben anzubieten. Ich komme, um euch zu sagen, dass der Glaube ein Gang ist mit Steinen, Pfützen und unerwarteten Umarmungen. Ich bitte euch nicht, an alles zu glauben. Ich bitte euch, die Tür nicht zu schließen. Gebt dem Gott, der auf euch wartet ohne Urteil, eine Chance. Ich bin nur ein Priester, der Gott im Lächeln einer Frau gesehen hat, die ihren Sohn verloren hat… und trotzdem für andere kochte. Das hat mich verändert. Also, wenn du gebrochen bist, wenn du nicht glaubst, wenn du müde von den Lügen bist… komm trotzdem. Mit deinem Zorn, deinem Zweifel, deinem schmutzigen Rucksack. Niemand hier wird dich nach einer VIP-Karte fragen. Denn diese Kirche, solange ich atme, wird ein Zuhause für die Obdachlosen und eine Rast für die Müden sein. Gott braucht keine Soldaten. Er braucht Brüder. Und du, ja, du… bist einer von ihnen.“
(Die Furche, 24.4.25) Diskos, Boulderhallen, oder Buchhandlungen: Europaweit nehmen Umwidmungen von Kirchen zu. In Österreich geht man bei „Profanierungen“ einen behutsameren Weg als anderswo. Aber auch hierzulande gibt es ungewöhnliche Nach- bzw. Doppelnutzungen.
Erwachsene – und auch Kinder –, die gern in die Kirche gehen; denen die Lebensfreude ins Gesicht geschrieben ist; die mit ausgebreiteten Armen immer wieder abheben und Richtung Himmel schweben. Nein, das ist kein Traum eines Pfarrers von einer gelungenen Messfeier, sondern Realität in der Kirche im niederländischen Hilversum. Wo allerdings keine Gottesdienste mehr gefeiert werden, sondern sich Groß und Klein im Trampolinpark vergnügen.
Diese Szenerie in Hilversum dient immer wieder der Veranschaulichung, wenn es um das Thema Kirchenverkäufe bzw. -umwidmungen geht. In vielen Ländern Europas gibt es zu viele Kirchengebäude für immer weniger Gläubige. Die nicht mehr liturgisch genutzten, „profanierten“ Häuser werden u.a. zu Geschäften, Hotels, Kulturveranstaltungssälen, Musikclubs, Kindergärten, Kletterhallen. In den protestantisch geprägten Niederlanden oder auch im anglikanischen Großbritannien hat man bei der Nachnutzung nicht mehr gebrauchter oder leistbarer Objekte weniger Skrupel als im deutschsprachigen katholischen Bereich. Hier gilt die Kirchenrechtsbestimmung (CIC Can. 1222) über den „profanen, aber nicht unwürdigen Gebrauch“ aufgelassener Kirchen… (mehr unter www.furche.at)
Wer mehr als drei Jahrzehnte bei einem katholischen Medium arbeitet, hat jede Menge kirchlicher Zeitgeschichte aus nächster Nähe erlebt… Neo-Pensionist Robert Mitscha-Eibl gibt im Selbstinterview authentischst Auskunft
Wien, 16.01.2025 (KAP) Kathpress: Wer mehr als drei Jahrzehnte bei einem katholischen Medium arbeitet, hat jede Menge kirchlicher Zeitgeschichte aus der Nähe erlebt. Was waren denn deine persönlichen Highlights und Tiefpunkte als Kathpress-Redakteur? RME: Es begann gleich mit einer Reihe von Tiefpunkten der österreichischen Nachkriegskirchengeschichte: Bischof Kurt Krenn – vor seiner Weihe im Stephansdom war ich damals bei der KJÖ Beschäftigter einer der Demonstranten, die sich ihm in den Weg legten – sorgte mit markigen Sprüchen immer wieder für Aufregung, z.B. als er eine Art Missio Canonica für Religionsjournalisten forderte. Und im Frühjahr 1995 brach die Causa Groer los, in der anfangs auch Bischöfe wie Schönborn oder Krätzl äußerst unglücklich agierten. Die Missbrauchsskandale danach waren ein weiterer Tiefschlag, auch wenn die Kirchenleitung in Österreich dann ab 2010 tadellos darauf reagierte. Kathpress: Und die Highlights? Nun ja, viele Begegnungen mit charismatischen Persönlichkeiten wie dem haitianischen Bischof Willy Romelus, Chiara Lubich oder Erwin Kräutler, Interviews mit Sympathlern wie Hubert von Goisern oder Michael Köhlmeier, das freundschaftlich gewordene Verhältnis zu Paul Zulehner und die Teilnahme an Kathpress-Reisen in den Irak, nach Rumänien oder in die Schweiz. Gern denke ich auch an die Wahl von Jorge Mario Bergoglio zurück, die ich im Konferenzzimmer der Kathpress am TV-Bildschirm gemeinsam mit Bischof Kapellari mitverfolgte und über seine ersten Worte als Papst „Buona sera“ schmunzelte. Kathpress: Du kommst doch als gebürtiger Obersteirer aus einem recht unkirchlichen Milieu. Wie kam es dazu, dass du zum Lohnschreiber der Kirche wurdest? RME: Stimmt, da, wo ich herkomme, ging man als Jugendlicher eher zur SJ – so wie meine Schwester – als zur Jungschar. Für mein Umfeld war es schon überraschend, dass ich neben Germanistik auch Theologie studierte, verbunden mit dem Berufswunsch Religionslehrer. Allerdings stellte sich nach drei Jahren in der Schule heraus, dass ich beim Schreiben besser aufgehoben bin als beim Reden. Über das Standbein Öffentlichkeitsarbeit, das ich auch während der Unterrichtstätigkeit bei der Katholischen Jugend Österreichs behielt, landete ich bei der Katholischen Medienakademie und in meinem ersten Praktikum bei der Kathpress. Der dortige Chef Erich Leitenberger bot mir eine Stelle an – trotz der Bedenken wegen meiner vorangegangenen Mitarbeit bei „Kirche In(tern)“. Als junger, feministisch infizierter Familienvater werkte ich erst 30 Wochenstunden, ab meinem 40er dann in Vollzeit. Kathpress: Mit Erich Leitenberger war dein Verhältnis ja nicht immer friktionsfrei… RME: Stimmt. Anfangs höflich distanziert, ich litt unter seinem mich demotivierenden Führungsstil: wenig Kommunikation mit der Redaktion – anrufende Journalisten bekamen News viel eher mit als seine eigenen Mitarbeiter; viele „leere Kilometer“ durch Artikel, die ungelesen auf dem Hocker des Chefs verendeten. Und später, als ich Betriebsrat im Hinblick auf den absehbaren Chefredakteurswechsel wurde, gab’s einmal einen Eklat, als Leitenberger die da schon abwesende Sekretärin Gertrude Kaufmann unflätig wegen ihres Heimgehens beschimpfte. Sie hatte davor bis weit über ihren Dienstschluss hinaus aufs „Kleben“ des Tagesdienstes gewartet, während der Chef im Hof mit viel wichtigeren Personen plauderte. Es kam immer wieder vor, dass die Kaufmann nicht wusste, wann ihr Arbeitstag endet, und ich hatte sie an diesem Tag ermutigt, einfach zu gehen und den Tagesdienst – was öfters vorkam – erst am nächsten Morgen zu kleben. Ich zolle „LEI“ viel Respekt für sein journalistisches Know-how, sein umfangreiches Wissen und seine Loyalität gegenüber sehr unterschiedlichen Bischöfen; aber als Chef war er für mich ein Hemmschuh. Unter einem Teamplayer wie Paul Wuthe konnte und kann ich mich viel mehr entfalten, ich genoss sein Vertrauen in die Eigenverantwortung seiner Leute und hatte ganz einfach viel mehr Freude an der Arbeit. Kathpress: Wobei die Stimmung und der Zusammenhalt unter den Kollegen – wie es hieß – eigentlich immer gut war, oder? RME: Absolut. Zu Beginn hab ich von Peter Musyl und auch von Andi Dobersberger, der Komplexes immer sehr gut verständlich vermitteln konnte, viel gelernt. Es waren immer hochkompetente, nie engstirnige und – was ich sehr schätze – auch sehr humorvolle Kollegen (Kolleginnen gab’s erst später) im Team. Es ist oft der „Schmäh g’rennt“ und tut das ja auch heute noch, siehe die oft kabarettistisch anmutenden Teams- und Whats-App-Chats. Besonders erwähnen möchte ich auch noch die regelmäßigen Fußball-Matches zwischen „Partizan Kathpress“ und „Lokomotive Luther“, die immer viel Spaß machen.
Bei einem der vielen „Kathkicks“ – Schusshaltung allerdings nicht optimal
Kathpress: Apropos Spaß: Es geht das Gerücht, dass dein Hang zur Satire dir beim Theologiestudium in Graz fast zum Verhängnis geworden wäre. RME: „Verhängnis“ ist wohl zu dramatisch. Aber ja, es stimmt: Ich studierte kombinierte Religionspädagogik und Germanistik in Graz und sorgte bei Laientheologenfesten mit Reimen wie „Als Jesus nach Judäa kam,/ da wurden Blinde taub und lahm“ oder „Kaum war Zacharias blind,/ bekam Elisabeth ein Kind“ immer wieder für humoristische Einlagen. Einmal gab’s ein richtiges Kabarettprogramm, in dem ich u.a. als klerikaler Sonntagsprediger auftrat. Obwohl offenbar selbst verklemmt, ermunterte ich mein Publikum, sich als Glieder der Kirche ganz der Welt zu öffnen, ungeniert auf die Menschen zuzugehen – und bei all dem hatte ich sichtbar für alle meinen Hosenstall geöffnet und gewährte Einblick auf meine weiße Unterwäsche. Die jungen Theologinnen und Theologen bogen sich vor Lachen, aber die Verantwortlichen – das Fest fand im katholischen Münzgrabenheim statt – waren not amused. KHG-Chef Schnuderl, Generalvikar Städtler und auch Bischof Weber, der von einem Mix aus Obszönität und Blasphemie sprach, stellten den Kabarettist:innen in Aussicht, sie würden keine kirchliche Anstellung bekommen. Doch das Ganze beruhigte sich wieder, und ich entzog mich allen hochnotpeinlichen Folgen dann ja durch „Flucht“ nach Wien. Was aber nichts mehr mit dem Skandalkabarett zu tun hatte, sondern mit meiner in Wien lebenden Freundin und einem von Herbert Beiglböck angebotenen Zivildienstjob bei der KJÖ.Kathpress: Aber „Glieder der Kirche“ mit Unterleiblichkeit zu verknüpfen – hat das nicht wirklich etwas Blasphemisches? RME: Ach was. Ich berufe mich da aufs Konzil, das ja auch dafür steht, sich der Welt zu öffnen und dafür ein eigenes Dokument – „Gaudium et Spaß“ – veröffentlichte … war ein Scherz.
Das Bild täuscht. Fad war’s in der Redaktion selten.
Kathpress: Zuletzt noch die Gretchenfrage: Wie hältst du’s mit der Religion? RME: Also der Jesus hat mir immer schon getaugt. Die wechselseitige Sympathie hat sich während des Theologiestudiums in Graz noch vertieft, durch mein Engagement bei den Laientheolog:innen und meine Präsenz in der KHG war das meine wohl frömmste Zeit mit auch mystischen Erlebnissen. Allerdings war ich nie ein „Hundertprozentiger“, Zweifel gehört für mich zum Glauben dazu, und Dogmen wie die formelhaft ausgefeilte Trinität, Marias immerwährende Jungfräulichkeit oder die „Verwandlung“ von Brot in den Leib Christi mittels Hokuspokus (lat. Hoc est Corpus) leuchten mir nicht wirklich ein. Aber ich denke nicht, dass mir Gott oder die Göttin das übel nimmt, wenn er/sie mich wie ein Elternteil seinen Sohn liebt. Und davon gehe ich aus, bin überzeugt, dass das eine tragfähigere Lebensgrundlage ist als Agnostizismus oder auch bloßer Humanismus. Dieser mein andere Sichtweisen respektierender und wenig missionarisch ausgerichteter Glaube ist durch Krisen oder Skandale in der Kirche nicht erschütterbar. Auf Gottes „Bodenpersonal“ hatte ich immer einen recht kritisch-distanzierten Blick. Was ja nicht das Schlechteste für einen Agenturjournalisten ist.