Gedanken zu einem Rekordsommer

Es ist Mitte August, zwei Tage vor Ferragosto. Ich sitze bei strahlendem Wetter zuhause vor dem Laptop und gehe nicht hinaus, nichtmal auf die Terrasse. Und solche Tage gab es heuer schon viele. Hundstage nannte man das früher, wenn die Temperaturen auch nachts nicht auf eine für den erholsamen Schlaf angenehme Marke sinken. Der Rekordsommer 2026 brachte in Österreich verbreitet extreme Hitzetage mit bis zu 14 aufeinanderfolgenden Tagen über 30°C, darunter neue Allzeit-Rekorde und flächendeckende Temperaturen nahe oder über 40°C. In Ostösterreich herrscht eine Dürre, die Ernteausfälle und Unkosten in einer Höhe von 1 Mrd. Euro bewirkt.
Ich bin mit 66 Jahren alt genug, um den Klimawandel deutlich zu spüren. In meiner Schulzeit freuten wir uns über die gar nicht selbstverständlichen Hitzetage, anhaltendes Hochdruckwetter wurde immer wieder durch Gewitter unterbrochen. Kein Mensch redete von nach Mitteleuropa strömender Sahara-Luft, und der niederländische Showmaster Rudi Carell landete einen Hit mit “Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?”.
Die erste Rekordhitze traf uns schon im Juni, es war – nona – der heißeste seit Beginn der Aufzeichnungen. Nach einem bis auf die letzte Woche erträglichen Juli begann die zweite Hitzewelle, die mit 41,5°C einen neuen Rekordwert für Österreich erbrachte. Der Ort liegt nahe bei Wien, und da nimmt es nicht Wunder, dass Wien bisher schon 30 Tropennächte verzeichnete, in denen die Temperatur nicht unter 20°C sank. Claudia und ich schlafen nur mit leichten, saugfähigen Tüchern statt mit Decken – schwitzten dennoch häufig und schiefen schlecht. Wir bespritzen die Betonkacheln auf der Terrasse, um die am Morgen heftig einsetzende Erwärmung etwas zu verlangsamen.

Die Sonne – und unser Tanz auf dem Vulkan

Die Politik in Österreich hatte den Klimaschutz spätestens mit der Corona-Epidemie hintangestellt. In Umfragen rangierten die Teuerung oder Zuwanderung/Asyl weit davor – bevor die große Hitze kam. “Klimaschutz ist wie ein Fitnessstudio-Abo: Eines der ersten Dinge, die ich kündige, wenn es finanziell eng ist”, gab der Kärntner Landeshauptmann Daniel Fellner heute in einem Standard-Interview zu. Dabei ist Kärnten eines jener Bundesländer, die beim Umstieg auf erneuerbare Energiequellen bremsen. Windräder sind wenig gelitten, gänzlich unerwünscht gar in Vorarlberg, Tirol und Salzburg. Der Bau von Photovoltaikanlagen boomt zwar, aber der Plafond ist längst nicht erreicht, zumal die Kapazitäten der Stromleitungen nicht ausreicht. Da wurde die Entwicklung verschlafen. Und immer noch ist Kerosin steuerlich privilegiert, obwohl der Flugverkehr ein wesentlicher Faktor des Treibhauseffektes ist. Weitere Klimaschädlinge sind die hierzulande enorme Bodenversiegelung, unzureichende Gebäudedämmung bzw. -bepflanzung und die Macht, die die Politik der Autolobby einräumt. Seit die Grünen nicht mehr in der Regierung sind, fehlt es an einer ambitionierten Wende in der Klimapolitik. Sicher, die anderen Parteien sind allesamt “grüner” geworden, aber das sehr halbherzig und inkonsequent, und mit einem Bauernbund-Knecht als Landwirtschafts- und Umweltminister wird sich das auch nicht ändern.
Die eigenen Beiträge zu Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung wie viel Rad- und wenig Autofahren (der Renault Captur ist zehn Jahre alt und hat noch keine 100.000 km am Buckel), Mülltrennung, Bio-Lebensmittel u.a. sind insgesamt ein Tropfen auf den heißen Stein, buchstäblich.
Die Politik streitet aktuell über Hilfspakete für die Landwirtschaft, kaum thematisiert wird, wie wichtig der Kampf gegen die Ursachen der aktuellen Krise ist. “Das ist eine Ignoranz den kommenden Generationen gegenüber”, beklagt Christoph Schweifer auf Facebook. Claudia und ich werden noch einige Rekordsommer erleben. Meine Söhne und ihre Familien aber noch viel mehr. Und womöglich die damit verbundenen Migrationsbewegungen, weil Teile der Welt verwüsten oder überschwemmt werden. Und Missernten, Waldbrände, Wetterextreme werden Regelfall statt Ausnahme sein. Ich habe Angst, dass wir das Ruder nicht rechtzeitig herumreißen. Dafür wäre ein globaler Schulterschluss notwendig. Der ist – angesichts von rechtspopulistischer Politik, aufgeblühtem Nationalismus à la America first und der Macht multinationaler Konzerne aktuell so weit entfernt wie schon lange nicht.

“Entrüstungswettlauf rund um das Künstlerhaus”

Die Aufregung kam reichlich spät, umso heftiger wird sie nun im Advent von Entrüstungswettläufern geschürt: Die Rede ist von der Ausstellung „Du sollst dir ein Bild machen“, mit der das Wiener Künstlerhaus noch bis 8. Feber 2026 eine Brücke zwischen der christlichen Bildtradition und zeitgenössischer Kunst schlägt. Mehr als einen Monat nach der Eröffnung der Schau und nach wohlwollenden Einschätzungen von kirchlichen Kunstkennern wie „Kulturbischof“ Glettler, Dompfarrer Faber, Jesuit Schörghofer und „Kultum“-Graz-Leiter Rauchenberger brach ein Empörungssturm los.

Die „Österreichische Gesellschaft zum Schutz von Tradition, Familie und Privateigentum“, eine Gruppe katholischer Traditionalisten, sammelt – mit mäßigem Zuspruch – Unterschriften für die sofortige Schließung der Schau; FP-Politiker von Kickl abwärts und der rechte ÖVP-Flügel surfen auf der Empörungswelle mit. Der Tenor: Das Künstlerhaus vertrete eine Agenda von Wokeness und Sexualisierung, agiere antichristlich in einer Weise, wie sie gegenüber dem Islam undenkbar wäre, und dürfe nicht mit Steuergeld gefördert werden.

Was sind die Steine des Anstoßes, mit denen Kritiker die Ausstellungsgestalter und mit ihnen die Wiener Kulturpolitik bewerfen? Inkriminiert werden vor allem ein Pietà-Bild mit Maria als Transfrau mit angedeutetem Penis, eine Priesterfigur als betender Wolf im Schafspelz, ein mit Latexnoppen überzogenes Kruzifix sowie der schon 1990 skandalisierte “gekreuzigte Frosch” von Martin Kippenberger, den einst auch der über jeden Progressismusverdacht erhabene Bischof Egon Kapellari gegen Blasphemievorwürfe verteidigte.

Das zweite der zehn Gebote besagt, man solle sich kein Bild von Gott machen. Mit ihrem titelgebenden Verstoß dagegen provoziert das Künstlerhaus natürlich – wie dies auch viele kirchlich beauftragte Großwerke der Kunstgeschichte tun. Manche Exponate mögen befremden, verstören. Aber man kann darauf auch anders reagieren als mit Schaum vor dem Mund, nämlich: sich herausrufen (pro-vocare) lassen aus einer allzu vertrauten Ikonographie, einem bequemen Glauben, einem musealen Gott. Wie sagte Bischof Glettler nach der Eröffnung so schön: „Die Ausstellung ist ein Beleg für das unendliche Ringen, dem Geheimnis Gottes, der sich in eine verwundete Welt eingeschrieben hat, irgendwie gerecht zu werden.“ Und die Linzer Kirchenzeitung empfahl: „Du sollst dir selbst ein Bild machen.“ (leicht verändert erschienen in DIE FURCHE 51/52, 18.12.2025)

KA-Salon „Brot, Wein und Bildung“

Fortsetzung der hochkarätig besetzten KAÖ-Gesprächsabende in lockerer Atmosphäre, diesmal (am 22.9.25) mit Bildungsminister Christoph Wiederkehr und der Ordensschulverantwortlichen Maria Habersack. Beide engagiert und kompetent, das ergab mit einem fachkundigen Publikum einen anregenden Abend in der Spiegelgasse.

Wiederkehr, Moderator Immervoll, Habersack auf dem Podium im KA-Salon, Spiegelgasse

Nur, es ist halt so mit dem Thema Bildung in Österreich: Es ist ein ideologisches Exerzierfeld, auf dem Parteipolitik deutlich mehr zählt als wissenschaftlich-pädagogische Erkenntnisse. Und der Föderalismus mit der damit verbundenen Kompetenzzersplitterung trägt das seinige dazu bei, dass die Bildungslandschaft hierzulande wirkt wie eine verblassende Schwarzweißaufnahme aus grauer Vorzeit.

Dabei läge auf der Hand, was wirklich Verbesserungen schaffen würde und woran es krankt: Strukturen und Inhalte wirken wie aus der Zeit gefallen, der Fächerkanon ist viel zu starr. Wann bitte hab ich in meiner Schulzeit etwas im Leben Brauchbares über Verträge abschließen, Geld anlegen, gesund ernähren, Medienerziehung … gehört – und ich fürchte, nein: weiß, dass sich seit 40 Jahren immer noch dieselben Defizite zeigen.

Wiederkehr nannte als seine Vision, dass alle Schüler:innen gerne in die Schule gehen; nur: fast alle verlieren die anfängliche Neugier und Begeisterung rasch, Interesse und Eigenmotivation sinken spätestens nach der Volksschule.

Was sicher auch daran liegt, dass die Schule hierzulande defizitorientiert ist. Statt Talent zu fördern, liegt der Fokus auf Fehlern. Viele Begabte wenden den Großteil ihrer Energie für den Erfolg in Fächern auf, die sie nicht interessieren bzw. in denen sie Probleme haben.

Und: In Österreich wird Bildung “vererbt”: Sprösslinge aus bildungsfernen Schichten werden viel zu wenig ermutigt, einen anderen Lebensweg einzuschlagen als ihre Eltern. Bei Migrantenfamilien ist diese Problematik nochmal deutlicher ausgeprägt.

Wichtig wäre auch mehr Augenmerk auf lebenslanges Lernen. Bildung ist ja nicht nur ein Thema für die Kindheit und Jugend; die Volkshochschulen reichen längst nicht aus, um auch Ältere zur Horizonterweiterung anzuhalten.

Somit wirft jede Bildungsdiskussion in Österreich Problemfelder auf, die zum Namen des zuständigen Ministers passen: Wiederkehr.

Wie interreligiöser Religionsunterricht die Demokratie stärkt

An immer mehr Schulen werden christliche und muslimische Schüler gemeinsam unterrichtet. Das fördere demokratische Werte wie Respekt vor Vielfalt, sagen Verantwortliche.
Wir leben in zerrissenen Zeiten, auch religiös: Aktuelle Tendenzen, das „Eigene“ durch Abgrenzung vom anderen zu definieren, fördern Feindbildkonstruktionen, beklagt Carla Amina Baghajati, Leiterin des Schulamtes der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) und langjähriges „weibliches Gesicht“ des Islam in Österreich. In den Echokammern der sozialen Medien verstärke sich diese Dynamik noch, ehrlicher Dialog finde kaum noch statt. „Wir erleben eine Aufladung religiöser ‚Identität‘ durch Versatzstücke, die oft nicht mehr verstanden, aber emotional wirksam eingesetzt werden – auch als Manipulation“, so Baghajati, ohne islamistische Hassprediger und christliche Fundamentalisten-Videos ausdrücklich zu benennen. Es brauche religiöse Bildung und Mündigkeit, um Anspielungen entschlüsseln und Missbrauch erkennen zu können.
Verantwortliche für den Religionsunterricht, der den anerkannten Religionsgemeinschaften in Österreich per Gesetz zusteht, halten seit einiger Zeit mit Feldversuchen eines interreligiösen Religionsunterrichts dagegen – als Ergänzung zum bisher gewohnten konfessionellen… Allahu akbar und Vaterunser gemeinsam in einer Religionsstunde, geht das? … (mehr in DIE FURCHE, 28.8.2025, online 24.8.)

KA-Salon “Brot, Wein und Medien”, Wien

Für die Katholische Aktion Österreich leistete ich unter Präsident Christian Friesl Öffentlichkeitsarbeit und ich erteilte ihr nicht ohne längeres Zögern eine Absage, als mich der aktuelle Präsident Ferdinand Kaineder anlässlich meiner Pensionierung um Mitwirkung anfragte. Gelegentliche Impulse gerne, kontinuierliche inhaltliche Zuarbeit aber nicht, so meine Antwort.
Nun schuf die katholische Laienorganisation mit dem KA-Salon zu verschiedenen Themen eine neue Dialogreihe, am 15.7. ging’s um Medien. Das ist was für mich, dachte ich, und bekam sogar von meiner alten Arbeitgeberin Kathpress den Auftrag zum Berichten. Was ich dann auch brav tat.

Nach dem Podium Frage an Altmeister Rauscher: Warum gibt’s
eigentlich kein europäisches Pendant zu Google, Microsoft und Co.?

Und ich habe auch Anregungen an die KAÖ, was deren Positionierung im demokratiepolitisch so wichtigen, jedoch hierzulande seit langem unbefriedigend gestalteten Bereich Medienpolitik betrifft: Presseförderung aufstocken und Qualität statt Quantität fördern; “Anfüttern” durch Regierungsinserate drastisch reduzieren; den öffentlichen Rundfunk dem Parteizugriff entziehen; (in der EU) Regulative der Social-Media-Konzerne vorantreiben und Hasspostings bzw. Fake News einhegen.

Das Leben – eine Perlenkette

Da sind das Lob, das aus dem Klassenwinkerl befreite, ein Wiedersehen am Bahnhof von San Remo, die Geburt eines, der es eilig hatte, und der Sonnenaufgang an höchsten Berg im Indischen Ozean. Lauter Glücksmomente, aus denen Robert Mitscha-Eibl (58), Redakteur der „Kathpress“, seine Schlüsse zieht…
„Jeder ist seines Glückes Schmied“ ist gängiges Sprichwort; „des Glück is a Vogerl“ eine andere, der ersteren fast entgegengesetzte Wienerische Weisheit. Es geht um die Frage: Kann man Glück „machen“ – oder muss es einem in den Schoß fallen? Und welches von beiden ist befriedigender? Das durch eigenes Zutun, durch Leistung erlangte Glück, oder jenes, das sich wie ein (unverdientes?) Geschenk anfühlt?
Ich lass das mal offen und sammle persönliche Glücksmomente:
O Ich war neun und ging in meiner steirischen Heimat in die vierte Klasse Volksschule. Und ich stand im Winkerl, als Frau Lehrerin Fuchs die letzten Diktate austeilte. Hatte irgendetwas angestellt, an das ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnere. Frau Fuchs war fast schon am Ende, als sie mit einem Lächeln sagte: „Einer in der Klasse hat ‚Thron‘ mit ‚h‘ geschrieben, wie es auch gehört, weil es ein altes Wort ist. Der steht da hinten im Winkerl und kann sich jetzt wieder setzen. Bravo.“ Ich freute mich wie ein Schneekönig.
O Ich mit 20 auf meinem ersten Ferienjob im Ausland. Als Hendlgriller in einem Wienerwald-Restaurant in München lernte ich Grazer Jungstudent eine Wiener Theologin kennen. U.a. beim Gitarrespielen an der Isar verliebten wir uns ineinander und beschlossen, zumindest einen Teil des Urlaubs gemeinsam zu verbringen. Doris (das – wie passend! – „Gottesgeschenk“ bedeutet) hatte mit einer Freundin schon einen Surfurlaub auf Korsika vereinbart und wollte sie nicht hängen lassen, wie sie sagte: „Aber wir können uns am 12. September um 15 Uhr am Bahnhof von San Remo an der italienischen Riviera treffen und dann noch die Cote d’Azur entlang…“ Drei elendig lange Wochen und einige Briefe später fuhr ich mit der Bahn nach Italien. Handys gab’s längst noch keine. Doch als ich mich zur vereinbarten Zeit am Bahnsteig von San Remo umsah, flog sie mir schon entgegen, Doris, mit wehenden Haaren und Strahlen im Gesicht.
O Ich mit 27, ein werdender Vater. Neben mir im Auto meine hochschwangere Frau Claudia in den Wehen. Die Fruchtblase platzte, Stress pur: Geht sich der Weg ins Geburtshaus Nussdorf trotz des Morgenverkehrs am Gürtel noch aus?! Es ging sich. Eine halbe Stunde nach dem Eintreffen erblickte Gregor das Licht der Welt, der erste meiner drei Buben. Ich war bei allen dabei und staunte bei jedem über dieses Wunder, dass da plötzlich ein winziges Menschlein in mein, in unser Leben tritt. Gregor durfte ich abnabeln und dann baden, während Claudia sich erholte – ein intimer Moment prallvoll mit Glück. Später lagen wir zu dritt nebeneinander im Gästebett des Geburtshauses, abseits jeder Spitalsatmosphäre, und die beiden Erwachsenen hatten Tränen in den Augen. Der Kleine büselte.
O Ich reise viel und gerne. Z.B. vor drei Jahren auf die Insel La Réunion, wo ich mit einer mir davor unbekannten Gruppe von Aktivurlaubern durch die herrliche, vulkanisch geprägte Landschaft wanderte. Ein Ziel war der Piton des Neiges (frz. „Schneegipfel“), die mit 3070 m höchste Erhebung im Indischen Ozean. Wir mussten früh raus, stiegen mit Stirnlampen 1000 Höhenmeter auf noch nächtlich vereisten Wegen auf, um rechtzeitig zum Sonnenaufgang am Gipfel zu sein. Und der Feuerball erhob sich bald aus dem Morgendunst, unter mir Nebelschwaden, über mir Bergdohlenkreischen und neben mir lauter Gesichter, die ohne Worte „Wow!“ sagten.
Damit lass ich’s gut sein, obwohl mir noch viele weitere Perlen in meiner persönlichen Glücksmomentkette einfallen, die fast immer beides beinhalten: einerseits die Anstregung, ja Mühsal sowie die Freude daran, andererseits die Gewissheit, diese I-Tüpfelchen im Leben nicht selbst setzen zu können, angewiesen zu sein auf andere. Letztere schafft eine Dankbarkeit, die der große Mystiker David Steindl-Rast nicht umsonst als grundlegend für jede Gottverbundenheit und Spiritualität erachtet.
Und noch was: Nicht missen möchte ich auch die düsteren Kapitel in meinem Leben, die erst dafür sorgen, dass Höhenflüge auch als solcher erkannt und nicht als Erfolgsmarathon nivelliert werden. Sie sorgen auch dafür, dass ich mich immer wieder und gerade in Zeiten schwindender Solidarität gegenüber den Bedürftigen an folgendes Prinzip einer christlich-humanen Weltsicht erinnere: Wahres Glück gedeiht nicht neben dem Unglück anderer.

Hartes Pflaster für die Kirche

Mit kulinarischen Appetizern und Beratungsangeboten bemüht sich die katholische Kirche in Stadterweiterungsgebieten in Wien wie der Seestadt Aspern, aber auch in Linz und Graz um Präsenz. Gemeinschaftsbildung im neuen urbanen Umfeld erfordert viel Kreativität, erst recht mit begrenzten Ressourcen.
Beim Essen kommen die Leut‘ z’samm – das wusste schon Jesus, der sich zum Ärger der Pharisärer mit Geldeintreibern und Sündern an einen Tisch setzte. Heute hält sich die Kirche in den Stadterweiterungsgebieten von Wien, Graz und Linz an diese goldene Regel der Gemeinschaftsbildung. In neuen Großstadtteilen wie der Seestadt Aspern, dem Wiener Nordbahnviertel, in Graz-Reininghaus oder der Linzer SolarCity nutzt die Kirche „Spaghetti-Messen“, offenes Frühstück, Mitbringbuffets, aber auch Dienstleitung durch Beratung als Einfallstore, um Menschen untereinander und womöglich auch mit Gott in Kontakt zu bringen.
Die genannten Stadtgebiete sind so etwas wie Testfälle moderner, nachhaltiger Urbanität. Mit hohen Wohn- und Bürobauten, künstlichen Wasser- und Grünflächen, stadtplanerischer Achtsamkeit für Mobilität mit Öffis und Fahrrad, mit Spielflächen für Kinder und Barrierefreiheit. Aber ist in so einem Umfeld Platz für Kirche, gemeint sowohl als Standort wie auch als Gemeinschaft? … (mehr in FURCHE 24, 12. Juni 2025)

Ich und die Päpste

Als ich geboren wurde, war der sympathische Konzilspapst Johannes XXIII.: („Giovanni, nimm dich nicht so wichtig“) seit knapp einem Jahr im Amt.
Von Paul VI. bekam ich erst nach seinem Tod etwas mit, als ich Anfang 1980 mit dem Theologiestudium in Graz begonnen hatte. Seine Lehrentscheidung in Bezug auf Empfängnisverhütung („Humanae vitae“, 1968) hat sein Pontifikat mehr überschattet als er es für seine entwicklungspolitischen Aussagen („Populorum progressio“, 1967) verdient hätte.
Im Dreipäpstejahr 1979 war Johannes Paul I. leider nur 33 Tage im Amt. 1980 war meine anfängliche Sympathie für den polnischen Papst Johannes Paul II. für seine KP-kritische Haltung in Solidarnosc-Zeiten schnell geschwunden, als er dem Schweizer Theologen Hans Küng („Unfehlbar?“, 1970) einen Maulkorb umhing. Und erst recht, als unter seiner Verantwortung in Österreich eine Reihe ungeeigneter Bischöfe (Eder in Salzburg, Krenn in Wien und dann St. Pölten, Groer in Wien, Laun in Salzburg) ernannt wurden und die offene Linie unter Kardinal Franz König konterkariert wurde. Und. Der Wojtyla-Papst blieb viel zu lange im Amt – nämlich 26 Jahre, die letzten davon schon gesundheitlich schwer angeschlagen.
Als sein oberster Glaubenshüter Kardinal Ratzinger als Benedikt XVI. Papst wurde, war ich – offen gesagt – entsetzt. Ich hatte den Bayern als theologischen Riegelvorschieber etwa gegen die Theologie der Befreiung erlebt, die ich im Studium schätzen gelernt hatte. Und die Jammerei auf hohem intellektuellem Niveau gegen den Relativismus weckte dann in mir auch keine Begeisterung: Für Jesus nimmt man nicht ein, indem man vor den Folgen der Gottlosigkeit warnt.
Ich Kathpress-Redakteur saß mit dem Grazer Bischof Kapellari vor dem Fernsehgerät, als mit Franziskus der erste Jesuit und Lateinamerikaner auf den Stuhl Petri gewählt wurde. Seit seinem „Buona Sera“ vom Balkon des Apostolischen Palastes mochte ich den bescheidenen Bergoglio immer sehr. Sein Engagement für eine Kirche der Armen, für Umweltschutz und eine „Wirtschaft, die nicht tötet“ schätzte ich sehr, fand ihn auch persönlich liebenswürdig. Was mich über Befremdliches wie seine Aussagen über den Teufel oder manch machohafter Ausrutscher hinwegsehen ließ. Als Franziskus am Ostermontag 2025 starb, war ich ehrlich traurig.
Und dann sehr überrascht, dass mit Leo XIV. ein US-Amerikaner schon nach vier Wahlgängen nachfolgte. Die Nachricht vom weißen Rauch aus der Sixtinischen Kapelle erreichte mich bei der Abfahrt in eine Tiefgarage in Zagreb, der letzten Station einer Westbalkantour gemeinsam mit meiner Claudia. Via Internet dann Freude über die erste Botschaft des bisherigen Kardinals Prevost „Der Friede sei mit euch!“ in einer Zeit großen Unfriedens und blutiger Konflikte. Leo ist polyglott, hat EZA- und Kurienerfahrung, wird wohl ein Brückenbauer sein, ohne (auch von mir) ersehnte Kirchenreformen wie Frauenweihe voranzutreiben. Aber vielleicht ist es heute ja seliger, Frieden zu stiften, als die Kirche moderner zu machen. Ich gestehe Leo einen Vertrauensvorschuss zu, seine bisherige Performance war ganz ok.
Und richtig gut, ja berührend, finde ich die vor der Amtseinführung als Leo XIV. am heutigen 18. Mai bekannt gewordene Einladung von Prevost „an die Zweifelnden und Gebrochenen“. Dort heißt es:
„Brüder, Schwestern…
Ich spreche zu euch, besonders zu denen, die nicht mehr glauben, nicht mehr hoffen, nicht mehr beten, weil sie denken, dass Gott sie verlassen hat.
An die, die es satt haben, von Skandalen, von missbrauchter Macht, von der Stille einer Kirche, die manchmal mehr wie ein Palast als ein Zuhause scheint, geplagt zu werden.
Ich war auch wütend auf Gott.
Ich habe auch gute Menschen sterben sehen, Kinder leiden sehen, Großeltern ohne Medizin weinen sehen.
Und ja… es gab Tage, an denen ich betete und nur ein Echo spürte.
Aber dann entdeckte ich etwas:
Gott schreit nicht. Gott flüstert.
Und manchmal flüstert er aus dem Schlamm, aus dem Schmerz, aus einer Großmutter, die dich ohne etwas zu haben, nährt.
Ich komme nicht, um euch einen perfekten Glauben anzubieten.
Ich komme, um euch zu sagen, dass der Glaube ein Gang ist mit Steinen, Pfützen und unerwarteten Umarmungen.
Ich bitte euch nicht, an alles zu glauben.
Ich bitte euch, die Tür nicht zu schließen. Gebt dem Gott, der auf euch wartet ohne Urteil, eine Chance.
Ich bin nur ein Priester, der Gott im Lächeln einer Frau gesehen hat, die ihren Sohn verloren hat… und trotzdem für andere kochte.
Das hat mich verändert.
Also, wenn du gebrochen bist, wenn du nicht glaubst, wenn du müde von den Lügen bist…
komm trotzdem. Mit deinem Zorn, deinem Zweifel, deinem schmutzigen Rucksack.
Niemand hier wird dich nach einer VIP-Karte fragen.
Denn diese Kirche, solange ich atme, wird ein Zuhause für die Obdachlosen und eine Rast für die Müden sein.
Gott braucht keine Soldaten.
Er braucht Brüder.
Und du, ja, du…
bist einer von ihnen.“