Es war in der ersten Hälfte der 1980er-Jahre, als ich durch die legendäre „Musicbox“ (als Ö3 noch ein innovativer Radiosender war) auf Peter Gabriel aufmerksam wurde: Man brachte sein archaisch anmutendes „Rhythm of the Heat“ in deutschsprachiger Version zu Gehör (der einstige „Genesis“-Mitgründer spielte später ja auch das großartige „Games without Frontiers“ in einer deutschen Version ein) – und ich war hingerissen. Ich liebte Songs wie „Solsbury Hill“, „Shock the Monkey“ und „Biko“ als Beispiel für Gabriels Affinität für weltmusikalische Einflüsse. Spätestens mit dem grenzgenialen Album „So“ (1986) – eines meiner Top Ten ever – wurde ich ein großer Fan des seit kurzem 76-jährigen Briten.
Nun das Alterswerk „i/o“, und ich muss sagen, Peter Gabriel muss sich nicht sehr hinter großartigen Arbeiten alt gewordener Größen wie Johnny Cash oder David Bowie – Gott hab sie selig – verstecken. Die Arrangements, die Percussion-Lastigkeit, die Melodieführung, die noch immer unverwechselbare Stimme – all das erkennt man von früheren Alben wieder. Und es gefällt.
Sehr eigenwillig war freilich der Modus der Publikation von „i/o“: 2023 kam an jedem Voll- und an jedem Neumond EIN Song heraus, „It’s a little like getting a Lego piece each month“, kommentierte Gabriel das erst nach einem Jahr komplette Doppelalbum. Es bietet zwei verschiedenen Abmischungen jedes Songs – der Bright Side Mix und der Dark Side Mix unterscheiden sich dabei gar nicht so sehr. Aber solche Absonderlichkeiten lasse ich dem innovativen Briten gerne durchgehen. Für 2026 hat der Altmeister „o\i“ angekündigt, die Songs dazu sollen wiederum an Voll- bzw. Neumondtagen erscheinen. Nun denn.
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Rosalía, „Lux“, 2025 *****
Die Katalanin Rosalía fiel mir mit ihrer spannenden Verbindung von Flamenco mit Popmusik schon mit ihrer vorletzten CD „Motomami“ auf. Ihr jüngstes Opus „Lux“ öffnet Musik-Genres noch weiter: Es kommen auch Klassikelemente, elektronische Beats und Folklore vor. Und das überzeugte die Kritik: „Lux“ gilt als eines DER gelungensten Erscheinungen im Musikjahr 2025.
Es gab Zeiten, da blickte ich noch systematisch zurück auf abgelaufene Popjahre (mein FM4-affiner Bruder legte sogar über viele Jahre Best-of-Listen an). Das tue ich derzeit nicht mehr, zumal ich nicht mehr annähernd soviel Musik höre wie in Jugendtagen, als ich mir z.B. den Beatles-Kanon erschloss, von Schulkollegen LPs ausborgte, die Ö3-Charts auf Kassette aufnahm und später noch, als Familienvater, digitale Tracklists zusammenstellte.
Hits wie „La Fama“ oder „Candy“ sind auf Rosalias neuer CD (https://open.spotify.com/intl-de/album/0avVU24xBfXW7ItE0xtzN2?si=WVo8Fd3rRp2lxqralWiEZg) zwar nicht wirklich dabei. Aber Stücke fernab von Berieselung, die einen – mich – zuhören lassen. Das liegt nicht nur an der markanten Stimme der Katalanin, sondern auch an Duettpartner:innen wie Björk und an einfallsreichen Arrangements. Voraus ging dem Album im Oktober 2025 die Single Berghain, das von Hildegard von Bingen inspiriert ist und aus großenteils deutschem Songtext besteht. Wie auf Björks „Bachelorette“ (mein Liebling der eigenwilligen Isländerin) wuchtige London-Symphony-Orchestra-Klänge. Sehr hübsch auch das danach zu hörende „La Perla“, „Dios es un Stalker“ (sic!) oder „La Rumba del Perdón“.
Während ich das schreibe, höre ich „Lux“ zum dritten Mal. „Ist das noch Pop? Oder schon klassische Musik? … egal“, schrieb der Musik Express in einer hymnischen Kritik. Jedenfalls keine Musik, die sich gleich arschkriecherisch Zutritt verschafft. Ich muss mich mit ihr vertraut machen. Und das lohnt sich.
Releasekonzert Florian Pichlbauer, VIA – Piano & Arts Center, Wien *****
„Danke für das schöne Geburtstagskonzert“, sagte ich anschließend dem jungen Komponisten, bei dessen Erstlingsveröffentlichung ich an meinem 66er dabei war. Florian spielte auf einem Bösendorfer aber nicht nur – als abschließenden Höhepunkt – den in Paris komponierten, auf dem Label Supreme Music Group publizierten „Valse No. 1“. Davor als Einstieg zwischen Barock und Klassik angesiedelte Präludien, dann vier Romanzen und eine Fantasie (wobei ich den Unterschied der Kompositionsformen erst googeln musste). Alles Eigenkompositionen und sehr hübsch anzuhören. Ich hatte beim Zuhören Assoziationen zu Filmmusik und Bilder im Kopf: laufen auf einer sonnenbeschienenen Blumenwiese, sanfte Wellen am Meeresstrand, bei den Mollstücken nachdenkliche Blicke aus dem Fenster in eine Regenlandschaft.
Ich bin positiv voreingenommen, was Florian Pichlbauer (27) betrifft: Er ist der Sohn von langjährigen, musikaffinen Freunden von mir, ich kenne ihn seit ichweißnichtwann. Und er ist Sturm-Graz-Fan. Aber ganz unabhängig von diesen Pluspunkten beeindruckt mich seine musikalische Bandbreite: Dass er auch auf der E-Gitarre und als Sänger überzeugt, weiß ich spätestens seit dem Geburtstagsfest seiner ebenfalls kreativen Schwester Johanna (sie ist Designerin), wo er mit seiner Rockband „The Kronskies“ auftrat.
Diese Seite seines Schaffens wird auf seiner Website aber nur am Rande erwähnt. Ich wünsche Florian jedenfalls noch viele ähnlich frenetisch beklatschte Konzerte und größere Hallen als der Raum im Untergeschoss in der Wiener Salztorgasse, wo die Luft durch die rund 50 Interessierten gegen Ende hin etwas stickig wurde…
Und wer Talent hat, hat auch Groupies: Nach dem Releasekonzert sprach eine Dame den jungen Komponisten an, die ein T-Shirt mit ihr unbekannten Musiknoten darauf trug. Florian setzte sich ans Klavier und gab zur Freude der Betreffenden eine Zugabe – gespielt nicht vom Blatt, sondern vom Busen, gewissermaßen. Seine Stücke gefielen mir besser.

Konzert Die SchlossCapelle, Mozart & Vivaldi, Musikverein, 3.6.25 ****
Die Ankündigung war unvollständig: Das Konzert des Ensembles mit ca. 25 Kammermusikern und Solisten unter der Leitung von Primgeiger Fritz Kircher begann mit Joseph Haydns Symphonie Nr. 74 in Es-Dur, erst danach mit der Symphonie g-Moll (KV 550) ein Hit von Mozart. Dann Pause bzw. Arbeitstag-Ende für die Bläser, die Streicher plus ein Mensch am Cembalo fidelten sich dann durch die Vier Jahreszeiten – ein Vivaldi-Evergreen, der zurecht als eines der Highlights der Barockmusik gilt. Kircher drückte dabei ziemlich aufs Tempo (wollte er seine Virtuosität beweisen? Zur ZIB2 zuhause sein?), live ist das vierteilige Werk jedenfalls beeindruckend, erst recht, wenn man dank eines Wien-Ticket-Geschenks der Ex-Arbeitskollegen in Reihe 8 sitzen darf.
Zum Ende viel Applaus. „In Wien wird so lange geklatscht, bis es eine Zugabe gilt“, merkte Kircher erläuternd an. Im prächtigen Brahms-Saal des Musikvereins viele Touristen, darunter viele Ostasiat:innen, für die Klassische Musik offenbar zu einem Wien-Besuch dazugehört.
Ö1-Podcast „100 Songs – Geschichte wird gemacht“ ******
Seit ich in Pension bin, höre ich öfter als früher Podcasts. Mit großem Interesse etwa die mittlerweile auf 44 Folgen angewachsene Ö1-Reihe „100 Songs – Geschichte wird gemacht“. Stefan Niederwieser und Co-Host Robert Stadlober beleuchten dabei meist bestens, manchmal auch wenig bekannte Beispiele der populären Musik und stellen sie kulturhistorisch spannend in den Zeitkontext ihrer Entstehung. Heute erfuhr ich über „My Sweet Lord“ von George Harrison Hintergründe, die auch ich als ausgewiesener Beatles-Fan noch nicht wusste – z.B. dass dieser Mantra-Popsong, auf den ich 1970 als Elfjähriger voll abfuhr, bis heute der meistgestreamte aller „Beatles“-Songs nach deren Trennung ist, noch vor Lennons „Imagine“.
Und zwei weitere, knapp 20 Minuten lange Folgen der „100 Songs“ hörte ich mir an: Mit „Surfin‘ USA“ der Beach Boys reiste ich zurück ins unbeschwerte California der Sixties, „Oblivion“ der Techno-Feministin Grimes eröffnete mir die beachtenswerte kanadische Musikszene der Gegenwart. Schon früher staunte ich über das, was die beiden Ö-Einser über so verschiedene Lieder wie „Lili Marlen“, Shakiras „Waka Waka“ oder Moricones „The Good The Bad and The Ugly“ zu berichten wussten. Und immer lassen sie auch internationale Fachleute über die Songs zu Wort kommen.
Es ist ein bisschen wie die Pop-Version des Kult-Podcasts „Geschichten aus der Geschichte“ (GAG) der beiden Historiker Richard Hemmer und Daniel Meßner. Die halten allerdings schon bei Folge 498, und ich finde, es muss durchaus nicht bei 100 Songs bleiben…
22.3.25 Tocotronic, Konzerthaus ***
Im Rahmen ihrer „Golden Years“-Tour nach dem Erscheinen ihres jüngsten Tonträgers kam die Hamburger Band auch in den gediegenen Großen Saal des ausverkauften Wiener Konzerthauses (ohne Bestuhlung im Parterre ein ungewohnter Anblick). Das seit 1993 immer noch bestehende Gründungstrio Dirk von Lowtzow (Gesang, Gitarre), Jan Müller (Bass) und Arne Zank (Schlagzeug, Keyboard) [warum zum Kuckuck nennt sich eine Band nach von einer japanischen Spielkonsole??] wurde nach dem Ausscheiden des langjährigen Leadgitarristen Rick McPhail durch Felix Gebhard ergänzt – und er machte seine Sache richtig gut. Tocotronic spielte nach einem Geburtstagsständchen des Publikums – viele darunter mit der Band in Ehren ergraut – für Dirk sichtlich gut gelaunt Klassiker wie Aber hier leben, nein danke, vor allem aber Stücke aus dem neuen, inzwischen 14. Album: Es handelt vom Glück der Reife und von der Angst vor dem Tod, vom Reisen durch die Zeit, Unterwegssein und von der Sehnsucht nach einem Zuhause.

Musikalisch viel Gitarren-Schrummschrumm ohne viel Melodie, dazu Dirks manchmal etwas nervige Krautrock-Stimme. Am schönsten das als Single mit Anja Plaschg (Soap&Skin) als Zweitstimme erschienene und in Wien mit Akustik-Gitarre dargebotene „Ich tauche auf“. Politisch sind Tocotronic seit jeher schwer in Ordnung: Eine ihrer letzten Singles, Denn sie wissen, was sie tun, wendet sich gegen den aufblühenden Faschismus, noch kurz vor der russischen Invasion lautete ein Albumtitel Nie wieder Krieg. Und als sich Felix den Fotzhobel umschnalle, scherzte Dirk, der Gitarrist schnalle sich jetzt seine Zahnspange um, und das sei ein Protest gegen den neoliberalen Selbstoptimierungszwang.
Also durchaus sympathisch und unterhaltsam, der Abend. Warum dann nur *** als Bewertung? Nun, es ist einfach nicht „meine Musik“; mir fehlt, anders als meinem mich einladenden Bruder, die biografische Nähe zu deutschen Indie-Rockbands wie Tocotronic, Blumfeld, Die Sterne oder Fettes Brot. Wenn Musik vom nördlichen Nachbarn, dann lieber Jan Delay oder Peter Fox
Beatles forever
Begann meine „popmusikalische Sozialisation“, als ich in den Sixties Beatles-Songs vorm Einschlafen unter der Bettdecke in Fantasie-Englisch nachsang? Schon als Volksschüler liebte ich die Fab Four. Und das vertiefte sich im Gymnasium, als wir bei Klassenfahrten im Bus das Beatles-Songbook rauf und runter sangen. Meine ersten beiden Schallplatten waren das rote und das blaue Doppelalbum von John, Paul, George und Ringo. Wobei: Da hatte sich meine „Lieblingsära“ der Beatles schon verschoben. Die favourites waren da nicht mehr die ersten Alben bis zu Help, sondern die späteren ab Revolver. Das White Album – ein Genuss! Abbey Road – herrlich! Let it be -was für ein Abgesang!
Ich erinnere mich noch, wie schockiert ich über die Trennung der Beatles 1970 war, fast so wie 1980, als der erste von ihnen, John Lennon, starb, ermordet wurde. Dann starb George an Krebs, unterschätzt als Komponist, aber mir etwas zu indophil. My Sweet Lord liebte ich aber. Und Ringo? Ursympathisch, ein Typ, mit dem man gerne auf ein Pint im Pub ginge. Seine Drums bei Come together großartig.
An Love me do oder I want to hold your Hand könnte ich mich wohl satthören. Aber nicht so bei Blackbird, Yesterday, Hey Jude oder All you Need is love, aber auch nicht bei Unbekannterem wie Because, Golden Slumbers oder Happiness is a warm gun. Und spätere Werke wie Imagine, Dream #9, Band on the run oder Venus and Mars zementieren meinen pophistorischen Standpunkt ein. Beatles forever!