Eines jener „Das musst du auch lesen“-Bücher, die mir meine viel lesende Liebste regelmäßig ans Herz legt. Und nicht immer bin ich von ihren Empfehlungen so angetan wie von Anne Berests literarischer Aufarbeitung ihrer Familiengeschichte als Jüdinnen unter dem NS- und auch dem französischen Antisemitismus. Das Aufzeigen der schmachvollen Kollaboration des Vichy-Regimes in Frankreich eröffnete mir erschütternde, noch unbekannte Details über menschliche Niedertracht. Nebenbei: Dieser Tage wurde bekannt, dass Schießwütige aus Westeuropa Tausende Euro bezahlten, um während der Belagerung von Sarajevo in den 1990er-Jahren als Sniper Frauen, Kinder und Greise zu „erlegen“. Angesichts dessen schmilzt die Zuversicht eines „Niemals wieder!“ nach den Erfahrungen des NS-Terrorregimes.
Aber zurück zum Inhalt: Im Januar 2003 fand Annes Mutter unter den Neujahrswünschen eine verstörende Postkarte mit nichts als den Namen ihrer vier Angehörigen, die in Auschwitz ermordet wurden; ohne Absender, ohne Unterschrift. Anne fragt nach und die Mutter erzählt ihr die tragische Geschichte der aus Osteuropa stammenden und nach einem Palästina-Intermezzo in Paris sesshaft gewordenen Familie Rabinowicz. Als ihre eigene kleine Tochter in der Schule Antisemitismus erfährt, beschließt Anne, der Sache wirklich auf den Grund zu gehen. Es beginnt eine mitreißende Spurensuche. U.a. mithilfe eines Privatdetektivs und eines Kriminologen beleuchtet Anne alle erdenklichen Spuren. Diese Recherche und viele Passagen der Selbstreflexion bzw. Identitätssuche Berests als eine dem jüdischen Glauben „Fernstehende“ ergaben diesen vielgelobten Roman. Jüdisch sein bedeutet auch heute noch, das „(Enkel-)Kind von Überlebenden“ zu sein, resümiert Berest.
Ihre Herangehensweise erinnerte mich an meinen französischen Lieblingsschriftsteller Emmanuel Carrère, der sich als Autor hinter den Inhalten seiner Romane nicht versteckt.