Eine unterhaltsame Zeitreise zurück ins Lehramtsstudium: Der deutsche Germanist Michael Maar widmet sich in seiner Literaturgeschichte für Schreibstilbewusste sehr anregend der Frage: Wie wird Sprache zu Literatur? Was ist Manier, was ist Jargon, und in welche Fehlerfallen tappen fast alle? Er beginnt dabei bei den Klassikern Goethe, Wieland oder Hölderlin, würdigt fast vergessene Größen wie Jean Paul und Johann Peter Hebel, hat ein offensichtliches Faible für die die – fast durchwegs jüdischstämmigen – Literaten Wiens vor und nach dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie wie Kafka, Werfel, Roth, Polgar oder Perutz und landet als unfassbar Belesener in der Gegenwart bei Autor:innen wie Clemens Setz, Daniel Kehlmann, Brigitte Kronauer („Verlangen nach Musik und Gebirge“) und Wolfgang Herrndorf („Tschick“). Bei den Letztgenannten bekam ich Appetit aufs Lesen, ebenso bei mirt bisher unbekannten Autor:innen wie Marie-Luise Scherer, Undine Gruenter oder Rudolf Borchardt. Und Doderers „Strudlhofstiege“, etwas von Thomas Mann und Franz Kafka sollten endlich (wieder) mal gelesen werden.
Natürlich, vieles des von Maar absatzweise Zitierten ist Geschmacksache. Fehl am Platz finde ich seine Abkanzelung von Christa Wolfs „Kassandra“ – eines meiner Best-of – oder die Kaumerwähnung von Großen wie Max Frisch oder Hermann Hesse. Aber ja – es geht Maar ja nicht um eine Literaturgeschichte, sondern um Stilbewertungen und Regeln, was einen guten Stil ausmacht. Wobei: „Es gibt keine Regeln, jedenfalls kann man sie alle brechen. Aber man muss es können“, schreibt der Experte. Und findet z.B., die Chansonette Hildegard Knef konnte es in ihrer Biografie „Der geschenkte Gaul“.
Ein eigenes Kapitel „Das Pikante und der Spaß der Welt“ widmet Maar der Verbalerotik. Denn gelungene Um- und Beschreibungen von körperlicher Liebe gehöre zum Schwierigsten, was Autor:innen zu Papier bringen können. Oder eben nicht können – wie Kafka oder Musil, sonst beide hochgeschätzt vom Germanisten. Saltens „Josefine Mutzenbacher“ dagegen konnte es.
Der Titel „Die Schlange im Wolfspelz“ steht übrigens im Kapital über ge- und misslingende Metaphern und stammt von Eva Menasse, die dieses schiefe Bild aber bewusst eingesetzt habe.