Ein viergängiges Menü in völliger Dunkelheit – und das drei Stunden lang – mein Weihnachtsgeschenk für Claudia verhieß kulinarische Freuden mit allen Sinnen minus einem. Nach einem Aperitif hielten wir uns an der Schulter der blinden bzw. stark sehbehinderten Servierkräfte Emre und Sabina fest und wurden zu unserem Tisch 11 im stockfinsteren Speiseraum geleitet. Darauf zu ertasten. Besteck und Serviette, zwei Trinkgläser, ein Brotkorb, eine Wasserschale zum – falls nötig – Fingerreinigen.
Die Vorspeise wurde gleich zum schwierigsten Gang. Denn das Ratatouille mit Büffelmozzarella glitt beim Aufschaufeln leicht über den Tellerrand, Claudia brauchte gleich mal eine weitere Serviette. Leichter ging’s mit der Suppe, über die ich mich tief beugte, um nur ja nichts zu verschütten.
Das Trinken – Wasser und Weißwein bzw. Radler – funktionierte auf Anhieb. Ein von Emre halb gefülltes Glas zum Mund zu führen, war ja auch nicht sonderlich schwierig. Auch der Gruß auch der Küche, ein fruchtiges Zitronensorbet, bereitete ungetrübtes Vergnügen. Dann der Hauptgang: Hühnerfilets, Fisolen und Kartoffelpüree, ich ließ das Messer weg und biss vom auf der Gabel aufgespießten Fleisch. Dann gab’s eine Aufgabe für die Gäste. Ein Stückchen Fimo kneten zu etwas, das dann gebrannt wurde – mein blind geformter Stern sah gar nicht so übel aus. Eine leckere Creme mit Himbeeren und Grappa bwz. Baileys rundeten das Menü ab.
Ich staunte über die Tritt- und Serviersicherheit der beiden Bedienenden, die sich gleich die meisten Namen der 30 Gäste merkten und auch für netten Smalltalk sorgten. Wir durften zu den Stimmen das passende Alter raten und irrten uns bei Sabina gewaltig: Die aus Afghanistan stammende Frau ist erst 17 und hatte an dem Tag ihre Deutschmatura bestanden. Emre ist türkischstämmig und bereits 31 Jahre alt.
Claudia und ich hatten beide vor Jahren bereits ein derartiges Dinner erlebt. Sie war anfangs skeptisch, die Zeit von 18.30 bis 22h im Finsteren verging dann aber recht schnell. Ein be-merkenswerter Abend.