“Hamnet” (Chloé Zhao, GB 2026) *****

Der nächste Oscar-Kandidat: Es geht um Shakespeare, bzw. mehr noch um seine Frau Agnes und seine erst drei, nach dem Tod des Sohnes nur mehr zwei Kinder. Über die „verlorenen Jahre“ des GröDaZ (größten Dramatikers aller Zeiten) vor seinem Ruhm am Londoner Globe Theatre weiß man so gut wie nichts. Das beflügelte die Fantasie der irischen Autorin Maggie O’Farrell, die 2020 den Roman “Hamnet” über die ersten Familienjahre im Hause Shakespeare veröffentlichte. Der wiederum diente der US-Chinesin Chloé Zhao (“Nomadland”!) als Vorlage für ihren Kunstfilm mit demselben Titel.
Schon vor dem Treffen meiner Kinorunde wusste ich: Shakespeare hatte einen Sohn mit demselben Namen, den auch seine berühmteste Bühnengestalt trägt (Hamnet = Hamlet) und der schon in jungen Jahren (an der Pest?) starb. Der Roman und Film handeln von der Bewältigung dieser Tragödie, die auch eine Kluft zwischen den beiden davor sehr glücklichen Eltern William und Agnes entstehen lässt. Agnes – beeindruckend gespielt von Jessie Buckley – stellt sich als eine Art Kräuterhexe dar, deren Naturverbundenheit sich in der Vertrautheit mit einem Falken, der Geburt der ersten Tochter Judith abgeschieden im Wald und in Heilungskompetenz zeigt. Der historisch 8 Jahre jüngere William ist erst ein Lateinlehrer aus einem strengen Handwerkerhaushalt, dann mit sich hadernder Schriftsteller, mit berufsbedingten Abwesenheiten vom Heimatort Stratford.
Die Annäherung der beiden, die wechselseitige Anerkennung der Eigenheiten des/der Ehepartner/in, das Elternglück und dann das hereinbrechende Unglück schildert Zhao bedeutungsschwer und ästhetisch aufgeladen. Bisweilen etwas viel Bemühen um Schicksals- und Todessymbolik ortet der “Filmdienst“. Wirklich berührt wurde ich von der Trauer der Eltern um ihren Sohn erst, als sich Natur (Agnes) und Kunst (William) versöhnen. Das geschieht, als Agnes erstmals einer Aufführung im Globe beiwohnt, gegeben wird “Hamlet”, passenderweise dargestellt vom älteren Bruder des kleinen Hamnet-Darstellers, und mit William als Geist des ermordeten Hamlet-Vaters. Und obwohl es in dem heute noch viel gespielten Drama um Verrat, Zaudern, Rache und Gifttod geht, jedenfalls um anderes als um das Leid trauernder Eltern, funktioniert der filmische Transfer des Privaten auf die Bühne überzeugend. Man bekommt den Eindruck, der so früh verstorbene Sohn steht hier auf der Bühne und sagt Sätze wie “Ob’s edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern des wütenden Geschicks erdulden oder, sich waffnend gegen eine See von Plagen, durch Widerstand sie enden?”. Und wenn sich dazu die Blicke der auf Distanz gegangenen William und Agnes treffen, berührt das und macht die Oscar-Nominierungen plausibel.

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