Am 14. Dezember …
… 2004 wurde von der US-Raumsonde „Spirit“ Goethit, ein auf der Erde weit verbreitetes Mineral aus der Mineralklasse der Oxide und Hydroxide, auch auf der Marsoberfläche nachgewiesen. NASA-Wissenschaftler werten dies als einen der sichersten Nachweise für ehemals flüssiges Wasser auf dem roten Planeten, da sich Goethit nur in Zusammenhang mit Wasser bildet.
Nun verstehe ich von kaum einem Thema weniger als von Mineralien, auch wenn ich schöne Steine immer wieder gern vom Urlaub mitbringe. Interessant an Goethit finde ich vor allem, dass es zuerst 1806 als eigenständiger Typus erkannt und nach dem damals 55-jährigen Johann Wolfgang von Goethe benannt wurde, der auch ein Mineraliensammler war.
Spannend ist auch die Frage nach etwaigem Leben auf dem Nachbarplaneten, der die Fantasie von Wissenschaft und Kunst immer wieder beflügelt hat. Die Antwort: Leben auf dem Mars ist nicht auszuschließen, aber unwahrscheinlich. Beweise, dass der Mars einst warm und feucht war, wurden in „Science“ zwar als „Durchbruch des Jahres 2004“ gewürdigt. Aber die Ökosphäre reicht in unserem Sonnensystem von 0,95 bis 1,37 AE Abstand zur Sonne. Nur die Erde befindet sich innerhalb dieser „habitablen Zone“ um die Sonne, der Mars liegt knapp außerhalb. Für möglich halten Wissenschaftler primitive Lebensformen tiefer im Boden, um vor UV-Strahlen geschützt zu sein.
Giovanni Schiaparellis Entdeckung der „Marskanäle“ im Jahr 1877 hatten die Spekulationen um intelligentes Leben auf dem Mars angefacht. 21 Jahre später erschien H. G. Wells‘ Roman „Krieg der Welten“, in dem Marsianer ihre Heimat verlassen, um die lebensfreundlichere Erde zu erobern. Die Menschheit, die den hoch technisierten, kriegerischen Marsianern hoffnungslos unterlegen ist, entgeht ihrer Auslöschung nur dadurch, dass die Invasoren von für uns harmlosen, irdischen Mikroben dahingerafft werden. Orson Welles verwendete den Stoff im Jahre 1938 in einem Hörspiel, wobei er die Marsianer in New Jersey landen ließ. Das Hörspiel wurde im Stil einer realistischen Reportage ausgestrahlt und löste damit eine Massenpanik aus.
Amüsant ist auch der 1996 entstandene Film „Mars Attacks“: Dort wird den hinterfotzigen Invasoren vom Mars amerikanische Schnulzenmusik aus den 1950er-Jahren zum Verhängnis: Die Schädel der Marsianer platzen unter dem Yodledi-ay-hoo zur Westerngitarre.
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Adventmail 2009/13 (Was geschah am … Dezember?)
Am 13. Dezember …
… 1294 trat Pietro del Murrone als Papst Coelestin V. ab. Der damals schon greise Mystiker blieb (leider) der einzige Papst der Kirchengeschichte, der sein Amt aus eigenem Antrieb zurücklegte.
Und das kam so: Nach dem Tod von Papst Nikolaus IV. 1292 blieb der Stuhl Petri zwei Jahre lang verwaist. Gründe waren die Pestepidemie in Rom sowie ein Tauziehen zweier verfeindeter Adelsfamilien um das höchste Amt in der Kirche. Karl II. von Anjou, der König von Neapel, brachte den bald 80-jährigen Einsiedler und Ordensgründer Pietro als Kompromisskandidaten ins Spiel – erfolgreich.
Als ihm die Botschaft von seiner Wahl im Konklave überbracht wurde, verweigerte sich Pietro zunächst und floh. Er ließ sich dann aber umstimmen und trat das Papstamt schweren Herzens an. Nach dem Vorbild Christi ritt er auf einem Esel in (das heute erdbebenzerstörte) L’Aquila ein (Rom hat er nie betreten), nahm den Namen Coelestin V. an und wurde in der von ihm gegründeten, architektonisch bemerkenswerten Kirche Santa Maria di Collemaggio in den Abruzzen gekrönt.
Ein Fehler, wie er bald merkte. Pietro war Spross einer Bauernfamilie mit zwölf Kindern und als solcher wenig gebildet. Er wurde Benediktiner und entsagte als Einsiedler der Geschäftigkeit der Welt. Sein Ruf der Heiligkeit zog Nachfolger an, die sich ebenfalls als Eremiten in der Umgebung ansiedelten. Für sie gründete er eine Kongregation mit verschärfter Benediktinerregel: die „Einsiedler des heiligen Damian“, später „Cölestiner“. All den Intrigen und Einflüstereien rund um das Papstamt war Pietro in keiner Weise gewachsen. Und er war bescheiden und weise genug, die Konsequenzen zu ziehen und am 13. Dezember, nach nur dreieinhalb Monaten im Amt, abzudanken. Als Gründe nannte Pietro Krankheit, Unwissenheit, Überforderung mit der Verwaltung der Kurie und den Wunsch, wieder als Einsiedler zu leben.
Sein Nachfolger wurde der machtpolitisch versierte, hochintelligente und hochmütige Benedetto Caetani, der als Papst Bonifatius VIII. auf Nummer sicher ging und Pietro in Ehrenhaft nehmen ließ, um eine Kirchenspaltung zu verhindern. Pietro wurde erst in Anagni, dann ab August 1295 im Castello di Fumone bei Rom festgehalten und starb im Mai 1296 eines natürlichen Todes.
Schon 1313, zehn Jahre nach dem Tod von Bonifatius VIII., wurde Pietro del Murrone von Papst Clemens V. heiliggesprochen.
Adventmail 2009/12 (Was geschah am … Dezember?)
Am 12. Dezember …
… 1962 lief in den deutschen Kinos die Karl-May-Verfilmung „Der Schatz im Silbersee“ an. Pierre Brice gab erstmals und fortan lebenslänglich „den edelsten aller Apachen“, Ex-Tarzan Lex Barker den Old Shatterhand, der dafür eigentlich ins Auge gefasste, noch blutjunge Götz George spielte muskelbepackt einen Farmersohn und machte alle Stunts selbst. Regie führte der Bad Ischler Ex-Riefenstahl-Assistent Harald Reinl, seine Frau Karin Dor durfte eine der öden Frauenrollen in Western spielen, die auf die Rettung durch den Helden angewiesen sind. Der Film hält sich, wie auch die meisten späteren Karl-May-Verfilmungen, kaum an die Romanvorlage. Dennoch wurde der Film im deutschsprachigen Raum ein Riesenerfolg und leitete eine Welle von 16 Karl-May-Verfilmungen ein, die erst 1968 mit „Winnetou und Old Shatterhand im Tal der Toten“ endete.
Ich sah den „Schatz im Silbersee“ wohl Ende der 1960er Jahre in Gleisdorf, zusammen mit meiner Cousine Gabi, die dort mit ihrer Mutter Hilde – einem ausgewiesenen Karl-May-Fan – und unseren Großeltern lebte. In der Folge las ich alle May-Romane, die im Wilden Westen spielten, und auch viele, in denen Kara Ben Nemsi im Orient auf Schurkenschläfen schlug. Winnetou war eines der Idole meiner Kindheit, und bei allem wenig Schmeichelhaftem, was man über den Schwindler Karl May sagen kann, so hat er doch spannend erzählt und dabei auch noch edle Werte wie Nächstenliebe, Toleranz und Ritterlichkeit in meine junge Seele gepflanzt.
Und auch wenn ich mich mittlerweile darüber mokiere, dass sich bei May neun von zehn Westernhelden als ausgewanderte Deutsche entpuppen und Winnetous Beziehung zu Old Shatterhand homoerotische Züge aufweist, bei der Frauen wie Nscho-Tschi oder Ribanna tot auf der Strecke bleiben: Ich find’s ein bisschen schade, dass keiner meiner drei Söhne jemals eine „Karl-May-Phase“ hatte.
Adventmail 2009/11 (Was geschah am … Dezember?)
Am 11. Dezember …
… 1981 mühte sich der damals 39-jährige Muhammad Ali als Schatten seiner selbst in seinem letzten Boxkampf seiner Karriere. Im „Drama auf den Bahamas“ verlor der von seiner Parkinson-Krankheit bereits Gezeichnete klar nach Punkten gegen Trevor Berbick.
Ali war einer der Sport-Idole meiner Kindheit. Ich las z.B. die vom späteren ORF-Chef Teddy Podgorsky verfasste Biographie „Cassius Clay“, betitelt mit dem abgelegten „Sklavennamen“ des zum Islam konvertierten Box-Champs. Eine meiner ersten Fernseherinnerungen ist Alis Kampf im September 1966 gegen den damaligen deutschen Schwergewichts-Europameister Karl Mildenberger, wobei ich damals im Wohnzimmer meines Onkels Fredi noch dem weißen Mann die Daumen hielt. Dass Ali wegen seiner Wehrdienstverweigerung drei Jahre nicht boxen durfte und seinen WM-Titel verlor, fand ich ungerecht. An seinem Comeback im Jahr 1970 nahm ich regen Anteil, bei seiner ersten Niederlage im „Fight of the Century“ gegen Joe Frazier litt ich mit. Und ich triumphierte mit ihm beim legendären „Rumble in the jungle“, als Ali den brutalen Schläger George Foreman durch kluge Taktik besiegte und nach zehn Jahren zum zweiten Mal Weltmeister wurde. Was dann folgte, war bis auf den ebenfalls legendären „Thrilla in Manila“, bei dem er in der Revanche gegen Frazier die Oberhand behielt, ein Abgesang auf die glänzende Karriere eines Ausnahmeboxers und kritischen Geistes. Auch wenn er 1978 im Retourkampf gegen Leon Spinks zum dritten Mal Champ aller Klassen wurde.
Im Jahr 1999 wählte das Internationale Olympischen Komitee Muhammad Ali zum „Sportler des Jahrhunderts“, zu einem Zeitpunkt, als er eine frühere provokante Großmäuligkeit längst zugunsten einer karitativ engagierten Altersweisheit abgelegt hatte. Hatte er als Aktiver durch seinen eleganten Boxstil, die Stakkato-Reime gegen seine Gegner und seine Unerschrockenheit gegenüber Autoritäten begeistert, so berührte der heute 67-jährige später krankheitsbedingt zitternd, mit heiserer Stimme, aber humorvoll und abgeklärt als eine Art „elder statesman des Sports“.
Adventmail 2009/10 (Was geschah am … Dezember?)
Am 10. Dezember …
… 1936 setzte ein britischer Gentleman, der von seiner Familie David gerufen wurde, seine Unterschrift unter eine aus zwei Sätzen bestehende Erklärung. Sie begann so:
„I, Edward the Eighth, of Great Britain, Ireland and the British Dominions beyond the Seas, King, Emperor of India, do hereby declare My irrevocable determination to renounce the Thrown…“
Der größte der vielen Skandale im britischen Königshaus des 20. Jht.s war perfekt: Der erst im Jänner 1936 ernannte König Edward VIII. verzichtet auf den Thron. Warum, wussten die „Frau-im-Spiegel“-Leserinnen dieser Welt längst und hörten es tags darauf nochmals offiziell in einer Radioansprache: Der nunmehr zum Duke of Windsor degradierte 42-jährige Edward sprach von seiner Unfähigkeit, sein Amt als König so zu bekleiden, „wie ich es gewollt hätte“, wenn er nicht die Unterstützung „der Frau, die ich liebe“ habe. Besagte Frau war die Amerikanerin Wallis Simpson, 40, frisch geschieden und somit untragbar als Queen der Briten.
Die (konservative) Regierung hatte den König massiv unter Druck gesetzt, sogar gedroht, geschlossen zurücktreten, wenn er an Mrs. Simpson gegen ihren ausdrücklichen Rat festhalten sollte. Na gut, sagte der, dann pfeif ich auf den Thron und heirate meine Liebste, wenn nötig im französischen Exil… So geschah es. Das Paar lebte meist in den USA und Frankreich, aber auch in der Schweiz und Österreich, gemäß der Vereinbarung, dass ein Aufenthalt nur auf ausdrückliche Einladung von Edwards Bruders König Georg VI. in Großbritannien gestattet war. Beider Mutter weigerte sich übrigens bis zu ihrem Tod 1953, das Skandalpaar jemals persönlich zu empfangen.
Das alles klingt nach einem Roman Rosamunde Pilchers. Doch die hätte wohl weniger romantische Facetten der beiden recht widersprüchlichen Charaktere Edward und Wallis weggelassen: Sie führten ein unstetes Jet-Set-Leben; hatten wohl eine Art sadomasochistische Beziehung, besuchten Hitler und Mussolini; Wallis wurde eine Affäre mit Ribbentrop nachgesagt, Edward verstieg sich einmal zur Aussage: „Wenn der Krieg vorbei ist und Hitler die Amerikaner zerquetscht hat … übernehmen wir … Sie [der Commonwealth] wollen mich nicht als ihren König, aber ich komme bald als ihr Führer zurück.“
So richtig glücklich scheinen Edward und Wallis nicht geworden zu sein. Immerhin blieben die beiden bis zu Edwards Tod 1972 verheiratet.
Adventmail 2009/09 (Was geschah am … Dezember?)
Am 9. Dezember …
… 656 war Basra am Persischen Golf Schauplatz der berühmten „Kamelschlacht“, an deren Ende das Schlachtfeld mit 10.000 Leichen übersät war. Kontrahenten waren zwei Lager, die um die Legitimität stritten, dem Propheten Mohammed in der Führung der Ummah, der religiösen Gemeinschaft aller Muslime, nachzufolgen: Der vierte Kalif Ali ibn Abi Talib, ein Cousin und Schwiegersohn des 632 in Medina gestorbenen Propheten, besiegte dabei die Opposition unter der Führung der jüngsten Prophetenwitwe Aischa, die Alis Anspruch auf das Kalifat bestritt. Auf Ali beriefen sich in der Folge die Schiiten, auf Abu Bakr, den ersten Kalifen und (als Vater Aischas) Schwiegervater des Propheten, die Sunniten; sie bilden heute trotz der Niederlage von 656 die große Mehrheit der Muslime.
Ausgelöst wurden die Konflikte durch die nie geklärte Ermordung des dritten Kalifen, Uthman/Osman, auch eines Schwiegersohns Mohammeds (der mindestens neun Frauen hatte sowie vier leibliche Töchter und drei Söhne, die allesamt noch als Kinder starben), im Juni 656. Ali setzte sich durch, wurde aber fünf Jahre später ebenfalls ermordet.
24 Jahre nach dem Tod Mohammeds ereignete sich somit der erste innerislamische Bürgerkrieg, an dem noch dazu enge Vertraute der Propheten beteiligt waren. Liegen die so rasch entfesselten Macht- und Ränkespiele daran, dass der Islam bereits eine weltpolitische Größe geworden war? Hätten unter diesen Gegebenheiten auch Petrus und Paulus ihren Streit um die Heidenmission mit Waffengewalt und nicht bei einem friedlichen Apostelkonzil ausgetragen? Nein, undenkbar, behaupte ich. Hat der Islam somit schon durch diese Wurzeln eine stärkere Tendenz zur Gewaltbereitschaft als das Christentum, das drei Jahrhunderte bis zur Etablierung als Staatsreligion brauchte?
Wohl kaum, auch wenn der Terror gegenwärtig die blutrünstige Seite des Islam(ismus) zeigt und das Christentum bis auf gelegentliche Fundis im Weißen Haus kaum mehr kriegerisch auftritt. Ich denke, mit der Religion verhält es sich wie mit der Liebe: Auch in deren Namen wurden schon etliche Kriege geführt, und doch käme keiner auf die Idee, sie abschaffen zu wollen.
Adventmail 2009/08 (Was geschah am … Dezember?)
Der 8. Dezember,
der Festtag der Unbefleckten Empfängnis Marias, ist so was wie ein katholischer Großkampftag. X Lehrschreiben haben die Päpste im Lauf der Jahrhunderte an diesem Tag veröffentlicht. Als kritischer Theologe könnte ich jetzt z.B. erwähnen, dass am 8. Dezember 1864 Pius IX. in seinem berüchtigten „Syllabus Errorum“ die Religionsfreiheit als zeitgeistigen Irrtum geißelte und kraft päpstlicher Lehrautorität die Auffassung verurteilte, man dürfe „gute Hoffnung hegen über die ewige Seligkeit aller, welche nicht in der wahren Kirche Christi leben“.
Tue ich aber nicht 😉
Stattdessen würdige ich den Weitblick des als „Pillenpapst“ diskreditierten Paul VI, der am 8. Dezember 1975 das Apostolische Schreiben Evangelii Nuntiandi publizierte und dort Sätze schrieb, die seinen antimodernistischen Vorgänger wohl im Grab rotieren ließen:
„In dieser echten Befreiung, die mit der Evangelisierung verbunden ist und sich um die Verwirklichung von Strukturen bemüht, die die menschliche Freiheit schützen, muss die Gewährleistung aller Grundrechte des Menschen mit eingeschlossen sein, unter denen der Religionsfreiheit eine erstrangige Bedeutung zukommt.“ (EN 39)
Oder: „Der Wahrheit verpflichtet und von der Liebe beseelt soll die Evangelisierung der Völker Respekt haben „vor der religiösen und geistlichen Lage der Menschen, die man evangelisiert. Respekt vor ihrem eigenen Lebensrhythmus, den man nicht über Gebühr belasten darf. Respekt vor ihrem Gewissen und ihren Überzeugungen, die man nicht brüskieren soll.“ (EN 79).
Adventmail 2009/07 (Was geschah am … Dezember?)
Am 7. Dezember …
… 1970 wurde deutlich, dass große Politik manchmal große Gesten verlangt: Es war der Tag der Unterzeichnung des Warschauer Vertrages, der die nicht erst seit dem Zweiten Weltkrieg gespannten Beziehungen zwischen Deutschland und Polen normalisieren sollte. Und es war der Tag, an dem Willy Brandt vor dem Mahnmal des Warschauer Ghettos niederkniete.
Der deutsche Bundeskanzler legte zunächst einen Kranz nieder, richtete die Schleife und beugte beide Knie. Er verharrte einige Sekunden schweigend, stand auf und ging an der Spitze seiner Delegation weg.
Die ehrfürchtige Handlung Brandts war für die Anwesenden und die Öffentlichkeit überraschend. International trug diese Geste der Versöhnungsbereitschaft wesentlich zum Ansehen der Bundesrepublik und ihrer politischen Führung bei. Im Jahre darauf erhielt Brandt für deine Ostpolitik den Friedensnobelpreis.
In Deutschland freilich fand der „Kniefall“ des Kanzlers vor dem Warschauer Pakt, wie es seitens der konservativen Opposition und Presse hieß, nicht nur Zustimmung. Einer „Spiegel“-Umfrage zufolge fanden damals 48 Prozent der Westdeutschen den Kniefall übertrieben, 41 Prozent angemessen, 11 Prozent hatten keine Meinung dazu. Im Rückblick ist man sich einig, dass die Geste eine wichtige Rolle bei der Entspannung zwischen den Militärblöcken spielte.
Mehrfach wurde darüber spekuliert, ob Brandt spontan gehandelt habe oder ob das Hinknien ein geplanter symbolischer Akt gewesen sei. Ex-Bundesminister und Kanzler-Berater Egon Bahr berichtete in Interviews, dass Brandt am Abend des 7. Dezembers über seinen Kniefall gesagt habe: „Ich hatte plötzlich das Gefühl, stehen reicht nicht!“
Adventmail 2009/06 (Was geschah am … Dezember?)
Am 6. Dezember …
… soll Meredith Hunters gedacht werden, der 1969 an diesem Tag beim Besuch des Altamont Rock Festivals direkt vor der Bühne erstochen wurde, wo die Rolling Stones gerade „Under My Thumb“ spielten. Meredith war 18, und mit ihm starb – so hieß es später – die Unschuld der Hippie-Ära, die nur ein halbes Jahr vorher, im „Summer of love“, in Bethel/NY, dem Schauplatz von „Woodstock“, ihren Höhepunkt erlebt hatte.
Oscar-Regisseur Ang Lee bezieht sich in der Schluss-Szene seines Films „Taking Woodstock“ genau darauf: Organisator Michael Lang kündigt am Ende des Festivals, das trotz chaotischer Zustände in friedlichem Drogenrausch und freier Liebe abgelaufen war, ein nächstes Projekt mit den Stones in Kalifornien an, bevor er über die müllbedeckten Hügel von Woodstock davonreitet.
In Altamont ist dann von Idylle keine Spur mehr: Meredith Hunter wurde vor den Augen Mick Jaggers von einem Mitglied der als Ordner engagierten Hells Angels mit fünf Messerstichen und Tritten verletzt. Er starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Jagger rief nach einem Arzt, dann setzten die Stones das Konzert fort.
Zuvor hatte Hunter unter Drogeneinfluss und frustriert vom vergeblichen Versuch, die Bühne zu erklimmen, eine Schusswaffe gezogen. Das Gericht sprach den Hells Angel frei, seine Tat wurde als Notwehr gewertet. Gefilmt wurde das von Kamerateams für den Dokumentarfilm „Gimme Shelter“.
Adventmail 2009/05 (Was geschah am … Dezember?)
Am 5. Dezember …
… 63 v. Chr. hieß es nicht „Quo usque tandem abutere, Catilina, patientia nostra?“ (Wie lange noch, Catilina, wirst du unsere Geduld missbrauchen?). Denn so begann die erste der vier Reden gegen den Verschwörer Catilina, die der römische Philosoph, Schriftsteller und Konsul Marcus Tullius Crampus Cicero vor dem Senat bzw. vor dem Volk hielt. Die letzte, für die verhängte Todesstrafe entscheidende, hielt Cicero fast einen Monat nach der ersten, eben am 5. Dezember.
Ich mochte Latein gar nicht ungern, ehrlich. Obwohl ich in der 6. Klasse AHS deswegen durchgefallen bin. Doch das lag eher am Lateinlehrer, der lieber über seine Militärerlebnisse erzählte als über Caesar, Vergil und Ovid. Was – begünstigt durch meine Faulheit – dazu führte, dass ich bei der Wiederholungsprüfung nach vier Jahren Latein nicht einmal wusste, was ein AcI ist.
So mühselig ich das Erlernen der viel zu vielen Konjugationen, Deklinationen, Kasus und Modi fand (so was wie http://www.youtube.com/watch?v=eaCfxvRtjhk gab’s damals noch nicht), so spannend war andererseits die altrömische Geschichte und Mythologie. Einmal fiel meiner überaus kompetenten nächsten Lateinlehrerin der Name jenes römischen Volkshelden nicht ein, der seine Rechte ins Feuer hielt und damit dem Rom belagernden Etruskerkönig die Entschlossenheit zum Widerstand demonstrierte. „Das war Mucius Scaevola“, sagte ich stolz und bewirkte, dass die Frau Professor fortan großzügiger mit meinen Grammatikdefiziten umging.
Gut wurde ich in Latein nie. Erst in der Maturaklasse hatte ich (nicht zuletzt wegen einer bei einer Schularbeit vom „Schmierer“ abgeschriebenen Vergil-Übersetzung) keine Probleme mehr durchzukommen.
Aber ich habe mir viel gemerkt und kann Bildungsbürgersprüche wie „Audiatur et altera pars“, „Cui bono?“ oder „De gustibus non est disputandum“ korrekt und anlassgemäß verwenden. Ich habe sogar eine E-Mail-Adresse amaetfacquodvis@gmx.at und liebäugle immer noch ein wenig mit der Möglichkeit, mir das Irenäus-Zitat „Gloria Dei Homo Vivens“ als Inschrift auf dem Grabstein zu wünschen. Denn wäre es nicht geradezu subversiv, FriedhofbesucherInnen vor Augen zu halten, dass „die [größte] Ehre Gottes der lebendige Mensch“ ist?