Theater Wiener Festwochen: Die zweite Frau, der xte Mann

Zugegeben, sie war kurz, meine Theaterkarriere. Genau genommen bestand sie in einem zehnminütigen Probeauftritt, für den ich gerade mal ein Dutzend Sätze zu lernen hatte. Der jedoch barg durchaus Dramatik. Immerhin sagte Pia Hierzegger zu mir und ich zu ihr, dass wir einander lieben, sie sank vor mir auf die Knie, nachdem sie mich mit Nudeln beworfen hatte…
Aber der Reihe nach: Meine Freundin Martina hatte mich auf eine Ausschreibung für die Wr. Festwochenproduktion „The Second Woman“ aufmerksam gemacht, für die Männer unterschiedlichen Alters gesucht wurden. Auch schauspielerisch unbedarfte. „Die australischen Regisseurinnen Nat Randall und Anna Breckon lassen eine Frau mit 100 verschiedenen Männern sowie queeren und nicht-binären Menschen aus Wien nacheinander dieselbe emotionale Beziehungsszene spielen.“ So das Konzept.
Ich meldete mein Interesse an, absolvierte erfolgreich ein Online-Casting und bekam eine Einladung zu einem Probetermin im Wiener Museumsquartier. Das war gestern, am 20. Mai. Dort stellte sich heraus, dass die Probe nicht für mich – und die Dutzenden anderen zu diesem Zweck bestellten Männer – angesetzt war, sondern für Pia Hierzegger. Sie sollte sich auf den Theatermarathon am 28./29. Mai vorbereiten, wenn sie in 24 Stunden mit nur wenigen Pausen 100 andere Männer bespielen sollte. Wir „Probemänner“ wurden nicht mehr gebraucht.
Was ich schade fand. Vor dem Probelauf hieß es, wir könnten gar nichts falsch machen. Profi Pia würde Textunsicherheiten schon „auffangen“, auf Unvorhergesehenes reagieren, wir könnten somit ruhig das Textkorsett lockern und Platz für Improtheater lassen. Ich – eingestellt auf eine Probe vor dem „großen“ Auftritt in der MuQua-Halle E – war durch diese Info in Pfeifdrauf-Stimmung und mit einem Schlag null nervös.
Als ich dran war, stand Pia Hierzegger mit dem Rücken zu mir in einem mit Klebebändern markierten Raum, in dem ein Tisch und zwei Sessel, eine Art Hausbar und eine Kommode mit Musikabspielgerät standen. Auf ein Zeichen der Regisseurin hin „trat ich ein“, entschuldigte mich für mein Zuspätkommen wegen eines Treffens mit meiner Ex-Frau, bei dem anstehende Feste für die erwachsenen Söhne zu besprechen waren – so mein selbst erfundener Einstieg. Pia gab – wie im Skript vorgesehen – die enttäuschte Geliebte mit Sätzen wie “Ich genüge dir nicht“ und „Es macht nichts, dass du mich nicht mehr attraktiv findest“. Was ich der Vorgabe entsprechend abstritt und ihr einen beschwichtigenden Kuss gab. Es folgte ein Zornesausbruch mit meinen mitgebrachten Fastfood-Nudeln, ein halbherziger Tanz zur von Pia aufgedrehten Musik und ihr Schlusssatz „Du gehst jetzt besser!“, zu dem sie mir die 50 vertraglich zugesicherten 50 Euro Aufwandsentschädigung aushändigte.
Ich hatte für meinen Schlusssatz die Wahl zwischen „Ich liebe dich“ und „Ich hab dich nie geliebt“.
Nun ja. Ob es für das Publikum reizvoll wird, sich diese Episode einer Liebessackgasse in 100 Varianten anzusehen, sei dahingestellt. Für spontanen Witz und originelle Abweichungen ist wenig Raum. Frau Hierzegger beneide ich ja nicht darum, ab 18 Uhr am 28. Mai 24 Stunden lang (mit kurzen Pausen) auf der Bühne zu stehen, beim Tanzen zu Boden zu sinken und davor mit Essen zu werfen. Sie fühlte sich bei der Probe schon etwas müde an. Karten gibt es für „The Second Woman““, das auch schon anderswo aufgeführt wurde, übrigens keine mehr.

Ich und die Päpste

Als ich geboren wurde, war der sympathische Konzilspapst Johannes XXIII.: („Giovanni, nimm dich nicht so wichtig“) seit knapp einem Jahr im Amt.
Von Paul VI. bekam ich erst nach seinem Tod etwas mit, als ich Anfang 1980 mit dem Theologiestudium in Graz begonnen hatte. Seine Lehrentscheidung in Bezug auf Empfängnisverhütung („Humanae vitae“, 1968) hat sein Pontifikat mehr überschattet als er es für seine entwicklungspolitischen Aussagen („Populorum progressio“, 1967) verdient hätte.
Im Dreipäpstejahr 1979 war Johannes Paul I. leider nur 33 Tage im Amt. 1980 war meine anfängliche Sympathie für den polnischen Papst Johannes Paul II. für seine KP-kritische Haltung in Solidarnosc-Zeiten schnell geschwunden, als er dem Schweizer Theologen Hans Küng („Unfehlbar?“, 1970) einen Maulkorb umhing. Und erst recht, als unter seiner Verantwortung in Österreich eine Reihe ungeeigneter Bischöfe (Eder in Salzburg, Krenn in Wien und dann St. Pölten, Groer in Wien, Laun in Salzburg) ernannt wurden und die offene Linie unter Kardinal Franz König konterkariert wurde. Und. Der Wojtyla-Papst blieb viel zu lange im Amt – nämlich 26 Jahre, die letzten davon schon gesundheitlich schwer angeschlagen.
Als sein oberster Glaubenshüter Kardinal Ratzinger als Benedikt XVI. Papst wurde, war ich – offen gesagt – entsetzt. Ich hatte den Bayern als theologischen Riegelvorschieber etwa gegen die Theologie der Befreiung erlebt, die ich im Studium schätzen gelernt hatte. Und die Jammerei auf hohem intellektuellem Niveau gegen den Relativismus weckte dann in mir auch keine Begeisterung: Für Jesus nimmt man nicht ein, indem man vor den Folgen der Gottlosigkeit warnt.
Ich Kathpress-Redakteur saß mit dem Grazer Bischof Kapellari vor dem Fernsehgerät, als mit Franziskus der erste Jesuit und Lateinamerikaner auf den Stuhl Petri gewählt wurde. Seit seinem „Buona Sera“ vom Balkon des Apostolischen Palastes mochte ich den bescheidenen Bergoglio immer sehr. Sein Engagement für eine Kirche der Armen, für Umweltschutz und eine „Wirtschaft, die nicht tötet“ schätzte ich sehr, fand ihn auch persönlich liebenswürdig. Was mich über Befremdliches wie seine Aussagen über den Teufel oder manch machohafter Ausrutscher hinwegsehen ließ. Als Franziskus am Ostermontag 2025 starb, war ich ehrlich traurig.
Und dann sehr überrascht, dass mit Leo XIV. ein US-Amerikaner schon nach vier Wahlgängen nachfolgte. Die Nachricht vom weißen Rauch aus der Sixtinischen Kapelle erreichte mich bei der Abfahrt in eine Tiefgarage in Zagreb, der letzten Station einer Westbalkantour gemeinsam mit meiner Claudia. Via Internet dann Freude über die erste Botschaft des bisherigen Kardinals Prevost „Der Friede sei mit euch!“ in einer Zeit großen Unfriedens und blutiger Konflikte. Leo ist polyglott, hat EZA- und Kurienerfahrung, wird wohl ein Brückenbauer sein, ohne (auch von mir) ersehnte Kirchenreformen wie Frauenweihe voranzutreiben. Aber vielleicht ist es heute ja seliger, Frieden zu stiften, als die Kirche moderner zu machen. Ich gestehe Leo einen Vertrauensvorschuss zu, seine bisherige Performance war ganz ok.
Und richtig gut, ja berührend, finde ich die vor der Amtseinführung als Leo XIV. am heutigen 18. Mai bekannt gewordene Einladung von Prevost „an die Zweifelnden und Gebrochenen“. Dort heißt es:
„Brüder, Schwestern…
Ich spreche zu euch, besonders zu denen, die nicht mehr glauben, nicht mehr hoffen, nicht mehr beten, weil sie denken, dass Gott sie verlassen hat.
An die, die es satt haben, von Skandalen, von missbrauchter Macht, von der Stille einer Kirche, die manchmal mehr wie ein Palast als ein Zuhause scheint, geplagt zu werden.
Ich war auch wütend auf Gott.
Ich habe auch gute Menschen sterben sehen, Kinder leiden sehen, Großeltern ohne Medizin weinen sehen.
Und ja… es gab Tage, an denen ich betete und nur ein Echo spürte.
Aber dann entdeckte ich etwas:
Gott schreit nicht. Gott flüstert.
Und manchmal flüstert er aus dem Schlamm, aus dem Schmerz, aus einer Großmutter, die dich ohne etwas zu haben, nährt.
Ich komme nicht, um euch einen perfekten Glauben anzubieten.
Ich komme, um euch zu sagen, dass der Glaube ein Gang ist mit Steinen, Pfützen und unerwarteten Umarmungen.
Ich bitte euch nicht, an alles zu glauben.
Ich bitte euch, die Tür nicht zu schließen. Gebt dem Gott, der auf euch wartet ohne Urteil, eine Chance.
Ich bin nur ein Priester, der Gott im Lächeln einer Frau gesehen hat, die ihren Sohn verloren hat… und trotzdem für andere kochte.
Das hat mich verändert.
Also, wenn du gebrochen bist, wenn du nicht glaubst, wenn du müde von den Lügen bist…
komm trotzdem. Mit deinem Zorn, deinem Zweifel, deinem schmutzigen Rucksack.
Niemand hier wird dich nach einer VIP-Karte fragen.
Denn diese Kirche, solange ich atme, wird ein Zuhause für die Obdachlosen und eine Rast für die Müden sein.
Gott braucht keine Soldaten.
Er braucht Brüder.
Und du, ja, du…
bist einer von ihnen.“

Elisabeth Strout, Mit Blick aufs Meer, btb 2012

Grumpy old men ist im Amerikanischen eine stehende Wendung für mürrische Männer, die im Alter offenbar leicht in diese Stimmung verfallen. Elisabeth Strout schrieb über eine grumpy old woman und nennt ihren mit dem Pulitzer-Preis 2009 ausgezeichneten Roman nach ihr: Olive Kitteridge (im Dt. ein nichtssagender Titel). Wobei: Kurzgeschichtenzyklus trifft es besser als Roman, denn auf den 350 Taschenbuchseiten finden sich 13 Storys, in denen die pensionierte, einst gefürchtete Mathelehrerin Olive und ihr Mann Henry oft nur am Rande oder gar nicht vorkommen.
Die Geschichten spielen in der fiktiven Küstenstadt Crosby im US-Bundesstaat Maine und wurden teilweise schon Jahre vor der Bündelung als Roman in Zeitschriften veröffentlicht. Strout versteht es meisterhaft, Charaktere und Lebenswenden in wenigen Strichen literarisch glaubhaft und lebendig werden zu lassen. Sie erzählt so “lebensklug” von Familien, Liebe und Alter, „dass sich dem Rezensenten doch eine ganze Welt erschlossen hat“, heißt es in der FAZ. Ganz und gar begeistert war Eva Menasse in der „Zeit“: Dicht seien gute und böse Formen menschlichen Verhaltens ausgeleuchtet, den Lesenden werde wenig an Abgründen und unglücklichen Einsichten erspart. Das „Wunder“ jedoch bestehe darin, „dass die Lektüre den Leser gleichzeitig mit dem Fatalismus versöhne“.
Im Mittelpunkt steht die stets zu ruppigen Bemerkungen bereite Olive, die auch ihren sie liebenden Ehemann Henry, Ex-Apotheker und eine Seele von einem Menschen, oder den introvertierten Sohn Chris nicht mit ihren sehr dezidierten Meinungen und ihrer Ich-weiß-wie-es-sich-gehört-Mentalität verschont. Ersterer „entzieht sich“ durch einen Schlaganfall, letzterer durch die Hochzeit mit einer von Olive bald gehassten selbstbewussten Ärztin und der Übersiedlung nach Kalifornien ans andere Ende des Kontinents. Olive überrascht immer wieder durch Selbstlosigkeit und Mitgefühl, bekommt aber harte Lektionen auferlegt, um mit wachsender Einsamkeit und Depression zurechtzukommen. Eine Titelheldin, an der man sich bestens reiben kann, die einen nicht kalt lässt.

2014 wurde die vielfach ausgezeichnete US-Miniserie “Olive Kitteridge” mit Frances
McDermond erstausgestrahlt, die aus den 13 Romangeschichten 4 Episoden destilliert

„Nebelkind – The End Of Silence“ (Tereza Kotyk, Ö/CZE 2024) **** 14.5.25

„Nebelkinder“ sind – das wusste ich bisher nicht – Kinder von Kriegskindern des Zweiten Weltkriegs. Der Begriff beschreibt Personen, die durch während der NS-, Kriegs- und frühen Nachkriegszeit von ihren Eltern erlittene, unverarbeitete psychische Traumata indirekt traumatisiert wurden. Z.B. Vergewaltigung und Vertreibung im Zuge der Ereignisse in Mähren im Jahr 1945 und danach.
Kotyks anfangs trotz meditativer Bilder sperriger Film (worum geht’s da eigentlich?!) zeigt neben der Titelfigur, der Wolfshüterin Hannah, auch deren Mutter Miriam und in Rückblenden auch ihre Großmutter Viktorie und deren Ausgrenzung als deutschsprachige Österreicherin noch vor der „Befreiung“ Tschechiens durch die Rote Armee. Die Gastwirtin Viktorie blieb als einzige in einem südmährischen Dorf, andere deutschsprachige Bewohner flohen oder wurden ermordet. Auf der Suche nach einem aus dem Wildpark Ernstbrunn (NÖ) entlaufenen Wolf gelangt Hannah just in jenes Dorf, wo ihre verbitterte Mutter inzwischen das in den 1990er Jahren in verwahrlostem Zustand restituierte Heimathaus restauriert.
Es wird immer deutlicher, wie sehr die vergangenen Kriegsereignisse Spuren in den Seelen der Generationen danach hinterließen, die von der Freiheit der grenzüberschreitenden Wölfe nur träumen können. Die Gewalterfahrungen ihrer Vorfahren legen sich wie ein Nebel auf das Leben der im Film schemenhaft bleibenden Nachkommen…

Westbalkantour Split – Dubrovnik – Sarajevo – Zagreb, 30.4.-9.5.

Die erste Reise nach der Katastrophe – und die Anreise per Nightjet von Wien nach Split würde nach Claudias Schulter-OP eineinhalb Monate davor vorhersehbar kein Honiglecken werden. Und tatsächlich. Das Gerüttel im unbequemen Liegewagen sorgte für tagelange Schmerzen. Für etwas Entschädigung sorgte der erste Blick aufs Meer, als wir die dalmatinische Küste erreichten. Am gemessen an der Größe von Split lächerlich kleinen Bahnhof entlud ich unseren Renault und wir fuhren zu unserem gut gewählten Hotel (Horizon Luxury Suites) nahe der City mit Blick auf die Adria und die gegenüber liegende Insel Brac. Die freundliche Rezeptionistin machte sich mit dem Hinweis sympathisch, wir sollten doch statt 15,-/Tag auf dem hoteleigenen Parkplatz ein Stück die Straße weiter unten gratis parken.
Split war rundum sympathisch, was nicht nur an dem milden Frühsommerwetter lag. Eine faszinierende Altstadt mit antikem Diokletianpalast und vielen mittelalterlichen Zubauten, die Strandpromenade Riva, der Blick vom Hausberg Marjan auf die Stadt, die vielen guten Restaurants, die Open-Air-Musik auf der Pjaca … all das ist eine Reise wert, zumal von Österreich aus leicht erreichbar. Hervorragend war die Walkative!-Führung einer jungen Historikerin und Anglistin für nur 3 Personen (die Spanisch-Gruppe war erstaunlicherweise viel üppiger), die nicht nur über ihre Heimatstadt viel Wissenswertes zu berichten hatte. Z.B. dass der Christenverfolger Diokletian seinen riesigen Alterssitz in nur zehn Jahren (295-305) erbauen ließ und bis zu seinem Tod 312 (?) bewohnte. Oder. Dass „pomale“ sowas wie ein Leitwort für die Einheimischen ist, wir kennen das ja auch vom österreichischen Dialekt. Es bedeutet so viel wie „nua net hudln“ und ist als Aufschrift auf T-Shirts und Häferl zu kaufen.

Einen der drei vollen Tage in Split verbrachten wir im Weltkulturerbe-Städtchen Trogir – Anreise per Holperbus wiederum sehr anstrengend für Claudia. Die verwinkelten Gässchen mit seinen an der Adria am besten erhaltenen romanisch-gotischen Bauten sind absolut sehenswert.

Gässchen in Trogir

Besonders erwähnen möchte ich in Split noch das Restaurant Fantazija im Westen der Altstadt, wohin mich Claudia als Dank für meine Schulterpflege zu einem hervorragenden Menü einlud. Als Vorspeise die besten Oliven, die ich jemals aß, als Hauptgang wählte ich leichtsinnigerweise Langustinen mit Nudeln und Tomatensoße – und hatte mit den Schalentieren arg zu kämpfen. Der freundliche Kellner bot mitleidig Hilfe an, band mir ein Lätzchen um und meinte, ich solle statt der Zange ruhig auch die Finger benutzen. Das tat ich dann, und doch war das Gericht schon etwas kalt, als ich die Chose beendet hatte.

und weiter ging’s die inselreiche dalmatinische Küste entlang

Am Sonntag gings weiter die Küste südwärts – am bosnischen Meerzugang vorbei – nach Dubrovnik, einem der Overtourism-Spots von Europa. Wir erreichten nachmittags unser Apartment im zentrumsnahen Stadtteil Montovjerne, hügelig, wie der Name schon sagt. Erstes Ziel nach der Durchquerung der berühmten mittelalterlichen Innenstadt war die Stadtseilbahn, die uns für einen stolzen Preis von je 27.- in wenigen Minuten auf den Hausberg brachte. Nach einer halben Stunde Fernblick auf Old Town und die Stadtmauer rundherum sowie die Insel Lokrum hatten wir genug und Hunger. Wir folgten zwei Empfehlungen unserer Gastgeberin Stanka und fuhren mit Uber-Taxi zu einem Restaurant nahe unseres Quartiers.
Am nächsten Tag entspanntes Spazieren durch das „Freiluftmuseum“ mit Touristenströmen auch am Montag. Übrigens kann man nur hier flanieren, überall sonst sind Fußgänger:innen Freiwild, dem kaum Platz zugestanden wird oder für die auch an Zebrastreifen nicht gebremst wird. Vom Radeln will ich gar nicht reden … aber das scheint ein Problem auf dem gesamten Balkan zu sein. Mich hupte ein Busfahrer an, weil ich zwar ordnungsgemäß am Gehsteig ging, aber seiner Ansicht nach zu gefährlich nahe an der Fahrbahn.
Ich war zum zweiten Mal in Dubrovnik – und wohl auch zum letzten Mal. Es ist dort (mit Kreuzfahrttouristen) überfüllt, die Preise dementsprechend hoch (3,80 für eine Kugel Eis; 40,- fürs Besteigen der Stadtmauer) und außerhalb der City gibt’s ohnehin nichts, was wirklich lohnt.

Dubrovnik von oben – nicht ganz so übervoll

Nächstes Ziel: Sarajevo. Zuerst aber, nach unproblematischer Überschreitung der EU-Außengrenze, Zwischenstation bei den Kravica-Wasserfällen, die aufgrund des vorangegangenen Regens auch wirklich imposant waren. Was mein gestreamtes Video beweist. Dann weiter nach Mostar mit der berühmten alten Brücke, die nach Zerstörung im Krieg durch kroatische Streitmächte wieder originalgetreu aufgebaut wurde, hoch über dem bewegten Fluss Neretva, auf dem fleißig gepaddelt wird. Die Stadt in Bosnien und Herzegowina mit den höchsten Temperaturen und dem meisten Niederschlag war die erste mit vielen Moscheen und orientalischem Flair auf unserer Fahrt und eignete sich bestens für einen Zwischenstopp, eine Mahlzeit mit Blick auf die Brücke und einen Rundgang über eine zweite Brücke zurück zum geparkten Auto.


Das Wetter wurde schlechter, und als wir auf der vom Süden kommend endlosen Stadteinfahrt (länger als die Westeinfahrt in Wien?) das Zentrum von Sarajevo erreichten, goss es in Strömen. Kessellage, grau in grau, erster Eindruck: Was tun wir hier?!? Doch der täuschte. Schon der Empfang durch Adi, unseren hilfsbereiten bosnischen Gastgeber mit perfektem Englisch, war aufbauend, das von ihm empfohlene Restaurant Klopa gleich neben der katholischen Kathedrale mit der Statue Johannes Pauls II. davor ausgezeichnet. Beim anschließenden Spaziergang dann gleich Begegnung mit einem welthistorischen Schauplatz: Im Asphalt markiert die Fußstapfen von Gavrilo Princip, der mit den tödlichen Schüssen auf Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Gattin Sophie wenige Meter entfernt ein weltweites Blutbad entfesselte. Drei serbische junge Männer fotografierten einander vor diesem Mahnmal des Terrors, auf mein „Be careful, we are from Austria!“ ergab sich eine kurze Diskussion mit einem, der diesen jugendlichen Attentäter als Helden betrachtete („That was not your country!“).
Wesentlich differenzierter zeichnete am nächsten Tag Guide Ahmed von „GuruWalk“ das historische Bild einer Stadt, die zurecht immer stolz auf seine interreligiöse und interkulturelle Vielfalt war. Er meinte auch, dass Separatisten wie der sich gerade im Clinch mit Neo(s)-Außenministerin Meinl-Reisinger befindliche Rep. Srpska-Führer Milorad Dodik im Land eine kleine Minderheit darstellen. Gerade in Sarajevo herrsche ein anderer Geist.
Und das ist glaubwürdig. Viele Minarette neben orthodoxen und katholischen Kirchen, wenig verschleierte Muslimas, nirgendwo die Spur von Gehässigkeit. Einfach eine freundliche Atmosphäre in der Stadt, die eine leicht überschreitbare Grenze kennt: jene in der Old Town zwischen dem muslimisch-basarhaften (Tipp für Leckermäuler: Baklava Ducan!) und dem altösterreichischen Teil. Von den Österreichern und ihren Investments bis zur jüngeren Gegenwart sprach Guide Ahmed übrigens sehr wertschätzend. Princip war für ihn ein Terrorist, und meiner Einschätzung stimmte er uneingeschränkt zu. „Nationalism ist like a cancer in the brain“.

Ein Abend und ein ganzer Tag waren definitiv zu kurz für Sarajevo; auch der Besuch im Museum der Verbrechen gegen Menschlichkeit und Genozid über die schaurigen 3 Jahre Besatzung und Beschuss durch serbische Truppen nahmen mir nicht die Lust auf einen weiteren Besuch.
Sarajevo ist halt nicht leicht (am besten noch per Flugzeug) erreichbar, wie wir am nächsten, dem längsten Reisetag (Donnerstag) er-fuhren. Es dauerte 8 Stunden, bis wir via Jajce (die diesmal verregnete alte bosnische Hauptstadt mit einem Wasserfall im Zentrum), Banja Luka und Grenzübergang Jasenovac gegen 19 Uhr im Herzen Zagrebs ankamen. Und gleich mit Glockengeläut der Kathedrale begrüßt wurden: Denn aus der Sixtina stieg weißer Rauch auf. Habemus Papam!
Über Zagreb gibt’s nicht viel zu erzählen. Zu kurz war unser Aufenthalt. Ein Abendspaziergang mit einem guten, wenn auch viel zu späten Dinner in der „Fressmeile“ der kroatischen Hauptstadt bleibt in Erinnerung. Und die Freundlichkeit der Rezeptionistin im Hotel, dass sie Claudias vergessene elektrische Zahnbürste sofort express nachschickte. Zagreb – auch das ein Ort, der einen weiteren Besuch lohnte.
Am Freitag ging’s großteils auf der Autobahn via Maribor und Graz flott nach Hause. Bis zum Megastau auf der Tangente…

Hape Kerkeling: Ich bin dann mal weg – Meine Reise auf dem Jakobsweg. Malik 2006 *****

Meine Lust auf den Jakobsweg wird immer größer. Und das liegt auch an Hape Kerkelings Bestseller, das bis heute das meistverkaufte deutsche Sachbuch ist und mehr als hundert Wochen lang auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste war.

Hape Kerkelings Strecke von St. Jean weg (wobei er sich ca. 100 km mit Bus und Auto ersparte)

Wobei: Sachbuch trifft es nicht so ganz. Der sympathische Comedy-Star schreibt viel weniger über den Camino Francés als über seine körperlichen Leiden, v.a. aber über Begegnungen auf seiner fast 700 km langen Tour. Mit anderen Pilger:innen wie der Britin Anne und der Neuseeländerin Sheelagh, mit denen Hape am letzten Drittel seiner Reise eine Art „Triumfeminat“ bildet. Gegenüber der anfangs skeptischen Anne brach er das Eis explizit: „Anne, stopp, bleib mal stehen. Ich muss dir sagen. Ich will KEINEN Sex mit dir. Ich bin nämlich schwul.“
Begegnungen aber auch mit Gott. Hape ist irgendwas zwischen Christ und Buddhist, jedenfalls gläubig. Anfangs noch zweifelnd, immer wieder hinterfragend. Später dann mit deklarierten Gotteserfahrungen und anregenden Überlegungen zu Gott und Kirche (Gott ist der „Film“, ein Meisterwerk, das nichts dafür kann, dass der im „Kino“ Kirche nur unzureichend wiedergegeben wird).
Hape schreibt als Comedian flockig, humorvoll und unterhaltsam, mit viel Ehrlichkeit und Selbstironie. Und er spricht neben Deutsch (und das nur selten auf seiner Tour) auch gut Englisch und Spanisch, dazu Italienisch, Niederländisch und ausreichend Französisch. Sowas erleichtert Kontakte natürlich. Ob ich auch spannende Leute kennenlerne und tiefgründig Gespräche führe, wenn ich auf dem von mir bevorzugten Caminho Português unterwegs bin? I’ll find out, on y va!

„Mein Weg – 780 km zu mir“ (Bill Bennett, Aus 2024) ***

Gleich vorweg. Es gibt unter der Vielzahl an Filmen über den Jakobsweg deutlich bessere. Z.B. die Komödie „St. Jacques – pilgern auf französisch“ (2005), „Dein Weg“ mit Martin Sheen (2010) und die im deutschsprachigen Raum bekannte Kerkeling-Adaption „Ich bin dann mal weg“ (2015).
Die australische Variante stammt vom Filmemacher Bill Bennett (dargestellt von Chris Haywood), der nicht mehr der Jüngste ist, ein lädiertes Knie hat, aber keine wirklichen Erfahrungen mit dem Wandern. Und: Er weiß auch nicht so wirklich, warum ihn der Jakobsweg so sehr fasziniert, seitdem er während eines Spanienurlaubs mehrere Pilger:innen gesehen hat. Ungeachtet der Skepsis seiner Frau plant er alles minutiös, trainiert, und fliegt nach Biarritz. Es dauert nicht lange, bis Bill mit ersten gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hat. Und auch der Umgang mit den Menschen, denen er unterwegs begegnet, gestaltet sich zuweilen schwierig. Denn Bill ist ein Sturkopf, der zunächst nicht glauben will, dass er mit Teleskopstöcken besser unterwegs ist als mit einem knorrigen Holzstock.
Bis auf wenige Hauptfiguren sind die Personen im Film wirkliche Pilger (was die Dramaturgie nicht unbedingt verbessert), es gibt einige sehenswerte Landschaftsaufnahmen und tlw. skurrilen Humor (so legt Bill seine Unterhosen auf die Küchenwaage, um sicherzustellen, dass das Reisegepäck nicht schwerer wird als zehn Prozent seines eigenen Gewichts). Der Film unterhält, nachdenklich macht er nicht. Und das vermehrt Tiefgründige gegen Ende der Wanderung wirkt aufgesetzt. So etwa, wenn Cristina Bill unter Tränen offenbart, dass sie sich am Suizid eines geliebten Menschen schuldig fühlt und den Jakobs- als Bußweg betrachtet. Dazu Bill: „Der Beichtstuhl auf diesem Camino sind die Wege, die wir gehen, und die Gespräche, die wir mit Fremden führen. Wir schütten ihnen unser Herz aus und erzählen ihnen unsere schlimmsten Ängste.“ Nunja.

Kirche zu verkaufen: Wenn Gotteshäuser nicht mehr gebraucht werden

(Die Furche, 24.4.25) Diskos, Boulderhallen, oder Buchhandlungen: Europaweit nehmen Umwidmungen von Kirchen zu. In Österreich geht man bei „Profanierungen“ einen behutsameren Weg als anderswo. Aber auch hierzulande gibt es ungewöhnliche Nach- bzw. Doppelnutzungen.

Erwachsene – und auch Kinder –, die gern in die Kirche gehen; denen die Lebensfreude ins Gesicht geschrieben ist; die mit ausgebreiteten Armen immer wieder abheben und Richtung Himmel schweben. Nein, das ist kein Traum eines Pfarrers von einer gelungenen Messfeier, sondern Realität in der Kirche im niederländischen Hilversum. Wo allerdings keine Gottesdienste mehr gefeiert werden, sondern sich Groß und Klein im Trampolinpark vergnügen.

Diese Szenerie in Hilversum dient immer wieder der Veranschaulichung, wenn es um das Thema Kirchenverkäufe bzw. -umwidmungen geht. In vielen Ländern Europas gibt es zu viele Kirchengebäude für immer weniger Gläubige. Die nicht mehr liturgisch genutzten, „profanierten“ Häuser werden u.a. zu Geschäften, Hotels, Kulturveranstaltungssälen, Musikclubs, Kindergärten, Kletterhallen. In den protestantisch geprägten Niederlanden oder auch im anglikanischen Großbritannien hat man bei der Nachnutzung nicht mehr gebrauchter oder leistbarer Objekte weniger Skrupel als im deutschsprachigen katholischen Bereich. Hier gilt die Kirchenrechtsbestimmung (CIC Can. 1222) über den „profanen, aber nicht unwürdigen Gebrauch“ aufgelassener Kirchen… (mehr unter www.furche.at)

Science Busters For Kids, 18.4.25, Stadtsaal Wien ****

Eine gemeinsame Unternehmung mit meinen Geburtstagsenkeln Jakob (11 seit 7.4.) und Nathan (9 seit 6.4.), die uns dreien viel Spaß machte: Molekularbiologe Martin Moder und Sich-blöd-Steller Martin Puntigam in einer unterhaltsamen Doppelconference über Staunenswertes aus der Naturwissenschaft. Es gab einen brennenden Unterarm u.a. Extremhitzeexperimente, Informationen über Methan, das als Darmwind entzündbar ist, eine in flüssigen Stickstoff getauchte Rose, deren Blätter danach in 1000 Stücke zersprangen, einen kräftigen Tritt auf eine Tube Senf, deren Inhalt dann meterweit herausspritzte, einen Vorschlaghammerschlaf auf Moders durch Ziegelsteine und Holzbrett geschützten Rumpf und den Tipp, nicht mit einer geballten Faust zuzuschlagen, in der die Finger den Daumen umschließen (Knochenbruchgefahr!) – mit einem Wort: höchst nützliches, alltagstaugliches Wissen, garniert mit viel Humor. Jakob und Nathan haben viel gelacht, die eineinhalb Stunden vergingen schnell.
Gemeinsam Zeit zu verbringen ist für die zweite Generation nach mir und auch für mich ein besseres Geschenk als Bücher und Lego Technik, finde ich. So will ich es weiter halten…

„Köln 75“ (Ido Fluk, D/Pl/B 2024) *****

Nach dem Kino gleich mal im Internet über Keith Jarrett, sein legendäres Köln Concert, über Organisatorin Vera Brandes recherchieren und auf Spotify die lange nicht mehr gehörten Klaviertöne des Tastenmeisters anhören… nicht das schlechteste Zeugnis für einen Film, oder? Dazu regte der in New York lebende Ido Fluk mit seinem an historische Ereignisse anknüpfendem Spielfilm mit Doku-Einsprengseln an.
Es geht darin um zweierlei Improvisationen: einerseits um Keith Jarretts Solokonzerte mit davor und danach nie gehörter Klaviermusik, geboren im Augenblick der Darbietung im Konzertsaal. Höhepunkt dabei: Das Konzert in Köln vor 50 Jahren, das zur immer noch meistverkauften Jazzsoloplatte führte, die auch ich irgendwann in meiner musikaffinen Studenten-WG in Graz kennenlernte. Und andererseits die unfassbaren Umstände, unter denen die damals 18-jährige (!) Vera Brandes diesen legendären Auftritt ermöglichte. Sie buchte für 10.000 D-Mark, die sie zunächst nicht hatte, die Kölner Oper an einem Jännertag um 23 Uhr für das Konzert eines damals nicht gerade in Topform befindlichen (Rückenprobleme, Schlafmangel, Finanznot) Genies, der am Schauplatz ein schadhaftes Instrument vorfand und meinte: „Darauf spiele ich nicht!“ Wie Brandes mit diesen und anderen Hindernissen fertig wurde, ist ebenfalls Improvisation auf höchstem Niveau.
Der Film atmet auf höchst unterhaltsame Weise den Geist der 70er mit Women’s Lib, Jazz, freier Liebe, Rebellion gegen enge Bürgerlichkeit als Begleitmusik. Und es bringt einen Musiker näher, dessen Hingabe an die Eingebung des Moments zwar durch Huster im Publikum leicht störbar ist, dabei aber Töne wie ein impressionistisches Meisterwerk von Monet hervorbringt und sich die Seele aus dem Leib spielt. Ob er denn nicht manchmal Angst habe, dass der Musenkuss bei einem Auftritt ausbleiben könnte, wird er im Film gefragt. Jarretts Antwort: „Jeden Abend.“