Die erste Reise nach der Katastrophe – und die Anreise per Nightjet von Wien nach Split würde nach Claudias Schulter-OP eineinhalb Monate davor vorhersehbar kein Honiglecken werden. Und tatsächlich. Das Gerüttel im unbequemen Liegewagen sorgte für tagelange Schmerzen. Für etwas Entschädigung sorgte der erste Blick aufs Meer, als wir die dalmatinische Küste erreichten. Am gemessen an der Größe von Split lächerlich kleinen Bahnhof entlud ich unseren Renault und wir fuhren zu unserem gut gewählten Hotel (Horizon Luxury Suites) nahe der City mit Blick auf die Adria und die gegenüber liegende Insel Brac. Die freundliche Rezeptionistin machte sich mit dem Hinweis sympathisch, wir sollten doch statt 15,-/Tag auf dem hoteleigenen Parkplatz ein Stück die Straße weiter unten gratis parken.
Split war rundum sympathisch, was nicht nur an dem milden Frühsommerwetter lag. Eine faszinierende Altstadt mit antikem Diokletianpalast und vielen mittelalterlichen Zubauten, die Strandpromenade Riva, der Blick vom Hausberg Marjan auf die Stadt, die vielen guten Restaurants, die Open-Air-Musik auf der Pjaca … all das ist eine Reise wert, zumal von Österreich aus leicht erreichbar. Hervorragend war die Walkative!-Führung einer jungen Historikerin und Anglistin für nur 3 Personen (die Spanisch-Gruppe war erstaunlicherweise viel üppiger), die nicht nur über ihre Heimatstadt viel Wissenswertes zu berichten hatte. Z.B. dass der Christenverfolger Diokletian seinen riesigen Alterssitz in nur zehn Jahren (295-305) erbauen ließ und bis zu seinem Tod 312 (?) bewohnte. Oder. Dass „pomale“ sowas wie ein Leitwort für die Einheimischen ist, wir kennen das ja auch vom österreichischen Dialekt. Es bedeutet so viel wie „nua net hudln“ und ist als Aufschrift auf T-Shirts und Häferl zu kaufen.





Einen der drei vollen Tage in Split verbrachten wir im Weltkulturerbe-Städtchen Trogir – Anreise per Holperbus wiederum sehr anstrengend für Claudia. Die verwinkelten Gässchen mit seinen an der Adria am besten erhaltenen romanisch-gotischen Bauten sind absolut sehenswert.

Besonders erwähnen möchte ich in Split noch das Restaurant Fantazija im Westen der Altstadt, wohin mich Claudia als Dank für meine Schulterpflege zu einem hervorragenden Menü einlud. Als Vorspeise die besten Oliven, die ich jemals aß, als Hauptgang wählte ich leichtsinnigerweise Langustinen mit Nudeln und Tomatensoße – und hatte mit den Schalentieren arg zu kämpfen. Der freundliche Kellner bot mitleidig Hilfe an, band mir ein Lätzchen um und meinte, ich solle statt der Zange ruhig auch die Finger benutzen. Das tat ich dann, und doch war das Gericht schon etwas kalt, als ich die Chose beendet hatte.

Am Sonntag gings weiter die Küste südwärts – am bosnischen Meerzugang vorbei – nach Dubrovnik, einem der Overtourism-Spots von Europa. Wir erreichten nachmittags unser Apartment im zentrumsnahen Stadtteil Montovjerne, hügelig, wie der Name schon sagt. Erstes Ziel nach der Durchquerung der berühmten mittelalterlichen Innenstadt war die Stadtseilbahn, die uns für einen stolzen Preis von je 27.- in wenigen Minuten auf den Hausberg brachte. Nach einer halben Stunde Fernblick auf Old Town und die Stadtmauer rundherum sowie die Insel Lokrum hatten wir genug und Hunger. Wir folgten zwei Empfehlungen unserer Gastgeberin Stanka und fuhren mit Uber-Taxi zu einem Restaurant nahe unseres Quartiers.
Am nächsten Tag entspanntes Spazieren durch das „Freiluftmuseum“ mit Touristenströmen auch am Montag. Übrigens kann man nur hier flanieren, überall sonst sind Fußgänger:innen Freiwild, dem kaum Platz zugestanden wird oder für die auch an Zebrastreifen nicht gebremst wird. Vom Radeln will ich gar nicht reden … aber das scheint ein Problem auf dem gesamten Balkan zu sein. Mich hupte ein Busfahrer an, weil ich zwar ordnungsgemäß am Gehsteig ging, aber seiner Ansicht nach zu gefährlich nahe an der Fahrbahn.
Ich war zum zweiten Mal in Dubrovnik – und wohl auch zum letzten Mal. Es ist dort (mit Kreuzfahrttouristen) überfüllt, die Preise dementsprechend hoch (3,80 für eine Kugel Eis; 40,- fürs Besteigen der Stadtmauer) und außerhalb der City gibt’s ohnehin nichts, was wirklich lohnt.




Nächstes Ziel: Sarajevo. Zuerst aber, nach unproblematischer Überschreitung der EU-Außengrenze, Zwischenstation bei den Kravica-Wasserfällen, die aufgrund des vorangegangenen Regens auch wirklich imposant waren. Was mein gestreamtes Video beweist. Dann weiter nach Mostar mit der berühmten alten Brücke, die nach Zerstörung im Krieg durch kroatische Streitmächte wieder originalgetreu aufgebaut wurde, hoch über dem bewegten Fluss Neretva, auf dem fleißig gepaddelt wird. Die Stadt in Bosnien und Herzegowina mit den höchsten Temperaturen und dem meisten Niederschlag war die erste mit vielen Moscheen und orientalischem Flair auf unserer Fahrt und eignete sich bestens für einen Zwischenstopp, eine Mahlzeit mit Blick auf die Brücke und einen Rundgang über eine zweite Brücke zurück zum geparkten Auto.


Das Wetter wurde schlechter, und als wir auf der vom Süden kommend endlosen Stadteinfahrt (länger als die Westeinfahrt in Wien?) das Zentrum von Sarajevo erreichten, goss es in Strömen. Kessellage, grau in grau, erster Eindruck: Was tun wir hier?!? Doch der täuschte. Schon der Empfang durch Adi, unseren hilfsbereiten bosnischen Gastgeber mit perfektem Englisch, war aufbauend, das von ihm empfohlene Restaurant Klopa gleich neben der katholischen Kathedrale mit der Statue Johannes Pauls II. davor ausgezeichnet. Beim anschließenden Spaziergang dann gleich Begegnung mit einem welthistorischen Schauplatz: Im Asphalt markiert die Fußstapfen von Gavrilo Princip, der mit den tödlichen Schüssen auf Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Gattin Sophie wenige Meter entfernt ein weltweites Blutbad entfesselte. Drei serbische junge Männer fotografierten einander vor diesem Mahnmal des Terrors, auf mein „Be careful, we are from Austria!“ ergab sich eine kurze Diskussion mit einem, der diesen jugendlichen Attentäter als Helden betrachtete („That was not your country!“).
Wesentlich differenzierter zeichnete am nächsten Tag Guide Ahmed von „GuruWalk“ das historische Bild einer Stadt, die zurecht immer stolz auf seine interreligiöse und interkulturelle Vielfalt war. Er meinte auch, dass Separatisten wie der sich gerade im Clinch mit Neo(s)-Außenministerin Meinl-Reisinger befindliche Rep. Srpska-Führer Milorad Dodik im Land eine kleine Minderheit darstellen. Gerade in Sarajevo herrsche ein anderer Geist.
Und das ist glaubwürdig. Viele Minarette neben orthodoxen und katholischen Kirchen, wenig verschleierte Muslimas, nirgendwo die Spur von Gehässigkeit. Einfach eine freundliche Atmosphäre in der Stadt, die eine leicht überschreitbare Grenze kennt: jene in der Old Town zwischen dem muslimisch-basarhaften (Tipp für Leckermäuler: Baklava Ducan!) und dem altösterreichischen Teil. Von den Österreichern und ihren Investments bis zur jüngeren Gegenwart sprach Guide Ahmed übrigens sehr wertschätzend. Princip war für ihn ein Terrorist, und meiner Einschätzung stimmte er uneingeschränkt zu. „Nationalism ist like a cancer in the brain“.





Ein Abend und ein ganzer Tag waren definitiv zu kurz für Sarajevo; auch der Besuch im Museum der Verbrechen gegen Menschlichkeit und Genozid über die schaurigen 3 Jahre Besatzung und Beschuss durch serbische Truppen nahmen mir nicht die Lust auf einen weiteren Besuch.
Sarajevo ist halt nicht leicht (am besten noch per Flugzeug) erreichbar, wie wir am nächsten, dem längsten Reisetag (Donnerstag) er-fuhren. Es dauerte 8 Stunden, bis wir via Jajce (die diesmal verregnete alte bosnische Hauptstadt mit einem Wasserfall im Zentrum), Banja Luka und Grenzübergang Jasenovac gegen 19 Uhr im Herzen Zagrebs ankamen. Und gleich mit Glockengeläut der Kathedrale begrüßt wurden: Denn aus der Sixtina stieg weißer Rauch auf. Habemus Papam!
Über Zagreb gibt’s nicht viel zu erzählen. Zu kurz war unser Aufenthalt. Ein Abendspaziergang mit einem guten, wenn auch viel zu späten Dinner in der „Fressmeile“ der kroatischen Hauptstadt bleibt in Erinnerung. Und die Freundlichkeit der Rezeptionistin im Hotel, dass sie Claudias vergessene elektrische Zahnbürste sofort express nachschickte. Zagreb – auch das ein Ort, der einen weiteren Besuch lohnte.
Am Freitag ging’s großteils auf der Autobahn via Maribor und Graz flott nach Hause. Bis zum Megastau auf der Tangente…
Schöner lebendiger Reisebericht! Ich habe seit meinem – leider kurzen – Sarajevobesuch vieles gelesen. Besonders dings war das da: https://www.suhrkamp.de/buch/miljenko-jergovic-das-verrueckte-herz-t-9783518431962
Das fand ich auch sehr interessant: Armina Omerika (2014): Islam in Bosnien-Herzegowina und die Netzwerke der Jungmuslime (1918-1983). Wiesbaden : Harrassowitz Verlag
Danke für die Tipps!