Adventmail 2009/10 (Was geschah am … Dezember?)

Am 10. Dezember …
… 1936 setzte ein britischer Gentleman, der von seiner Familie David gerufen wurde, seine Unterschrift unter eine aus zwei Sätzen bestehende Erklärung. Sie begann so:
“I, Edward the Eighth, of Great Britain, Ireland and the British Dominions beyond the Seas, King, Emperor of India, do hereby declare My irrevocable determination to renounce the Thrown…”
Der größte der vielen Skandale im britischen Königshaus des 20. Jht.s war perfekt: Der erst im Jänner 1936 ernannte König Edward VIII. verzichtet auf den Thron. Warum, wussten die “Frau-im-Spiegel”-Leserinnen dieser Welt längst und hörten es tags darauf nochmals offiziell in einer Radioansprache: Der nunmehr zum Duke of Windsor degradierte 42-jährige Edward sprach von seiner Unfähigkeit, sein Amt als König so zu bekleiden, “wie ich es gewollt hätte”, wenn er nicht die Unterstützung “der Frau, die ich liebe” habe. Besagte Frau war die Amerikanerin Wallis Simpson, 40, frisch geschieden und somit untragbar als Queen der Briten.
Die (konservative) Regierung hatte den König massiv unter Druck gesetzt, sogar gedroht, geschlossen zurücktreten, wenn er an Mrs. Simpson gegen ihren ausdrücklichen Rat festhalten sollte. Na gut, sagte der, dann pfeif ich auf den Thron und heirate meine Liebste, wenn nötig im französischen Exil… So geschah es. Das Paar lebte meist in den USA und Frankreich, aber auch in der Schweiz und Österreich, gemäß der Vereinbarung, dass ein Aufenthalt nur auf ausdrückliche Einladung von Edwards Bruders König Georg VI. in Großbritannien gestattet war. Beider Mutter weigerte sich übrigens bis zu ihrem Tod 1953, das Skandalpaar jemals persönlich zu empfangen.
Das alles klingt nach einem Roman Rosamunde Pilchers. Doch die hätte wohl weniger romantische Facetten der beiden recht widersprüchlichen Charaktere Edward und Wallis weggelassen: Sie führten ein unstetes Jet-Set-Leben; hatten wohl eine Art sadomasochistische Beziehung, besuchten Hitler und Mussolini; Wallis wurde eine Affäre mit Ribbentrop nachgesagt, Edward verstieg sich einmal zur Aussage: “Wenn der Krieg vorbei ist und Hitler die Amerikaner zerquetscht hat … übernehmen wir … Sie [der Commonwealth] wollen mich nicht als ihren König, aber ich komme bald als ihr Führer zurück.”
So richtig glücklich scheinen Edward und Wallis nicht geworden zu sein. Immerhin blieben die beiden bis zu Edwards Tod 1972 verheiratet.

Adventmail 2009/09 (Was geschah am … Dezember?)

Am 9. Dezember …
… 656 war Basra am Persischen Golf Schauplatz der berühmten “Kamelschlacht”, an deren Ende das Schlachtfeld mit 10.000 Leichen übersät war. Kontrahenten waren zwei Lager, die um die Legitimität stritten, dem Propheten Mohammed in der Führung der Ummah, der religiösen Gemeinschaft aller Muslime, nachzufolgen: Der vierte Kalif Ali ibn Abi Talib, ein Cousin und Schwiegersohn des 632 in Medina gestorbenen Propheten, besiegte dabei die Opposition unter der Führung der jüngsten Prophetenwitwe Aischa, die Alis Anspruch auf das Kalifat bestritt. Auf Ali beriefen sich in der Folge die Schiiten, auf Abu Bakr, den ersten Kalifen und (als Vater Aischas) Schwiegervater des Propheten, die Sunniten; sie bilden heute trotz der Niederlage von 656 die große Mehrheit der Muslime.
Ausgelöst wurden die Konflikte durch die nie geklärte Ermordung des dritten Kalifen, Uthman/Osman, auch eines Schwiegersohns Mohammeds (der mindestens neun Frauen hatte sowie vier leibliche Töchter und drei Söhne, die allesamt noch als Kinder starben), im Juni 656. Ali setzte sich durch, wurde aber fünf Jahre später ebenfalls ermordet.
24 Jahre nach dem Tod Mohammeds ereignete sich somit der erste innerislamische Bürgerkrieg, an dem noch dazu enge Vertraute der Propheten beteiligt waren. Liegen die so rasch entfesselten Macht- und Ränkespiele daran, dass der Islam bereits eine weltpolitische Größe geworden war? Hätten unter diesen Gegebenheiten auch Petrus und Paulus ihren Streit um die Heidenmission mit Waffengewalt und nicht bei einem friedlichen Apostelkonzil ausgetragen? Nein, undenkbar, behaupte ich. Hat der Islam somit schon durch diese Wurzeln eine stärkere Tendenz zur Gewaltbereitschaft als das Christentum, das drei Jahrhunderte bis zur Etablierung als Staatsreligion brauchte?
Wohl kaum, auch wenn der Terror gegenwärtig die blutrünstige Seite des Islam(ismus) zeigt und das Christentum bis auf gelegentliche Fundis im Weißen Haus kaum mehr kriegerisch auftritt. Ich denke, mit der Religion verhält es sich wie mit der Liebe: Auch in deren Namen wurden schon etliche Kriege geführt, und doch käme keiner auf die Idee, sie abschaffen zu wollen.

Adventmail 2009/08 (Was geschah am … Dezember?)

Der 8. Dezember,
der Festtag der Unbefleckten Empfängnis Marias, ist so was wie ein katholischer Großkampftag. X Lehrschreiben haben die Päpste im Lauf der Jahrhunderte an diesem Tag veröffentlicht. Als kritischer Theologe könnte ich jetzt z.B. erwähnen, dass am 8. Dezember 1864 Pius IX. in seinem berüchtigten “Syllabus Errorum” die Religionsfreiheit als zeitgeistigen Irrtum geißelte und kraft päpstlicher Lehrautorität die Auffassung verurteilte, man dürfe “gute Hoffnung hegen über die ewige Seligkeit aller, welche nicht in der wahren Kirche Christi leben”.
Tue ich aber nicht 😉
Stattdessen würdige ich den Weitblick des als “Pillenpapst” diskreditierten Paul VI, der am 8. Dezember 1975 das Apostolische Schreiben Evangelii Nuntiandi publizierte und dort Sätze schrieb, die seinen antimodernistischen Vorgänger wohl im Grab rotieren ließen:
“In dieser echten Befreiung, die mit der Evangelisierung verbunden ist und sich um die Verwirklichung von Strukturen bemüht, die die menschliche Freiheit schützen, muss die Gewährleistung aller Grundrechte des Menschen mit eingeschlossen sein, unter denen der Religionsfreiheit eine erstrangige Bedeutung zukommt.” (EN 39)
Oder: “Der Wahrheit verpflichtet und von der Liebe beseelt soll die Evangelisierung der Völker Respekt haben “vor der religiösen und geistlichen Lage der Menschen, die man evangelisiert. Respekt vor ihrem eigenen Lebensrhythmus, den man nicht über Gebühr belasten darf. Respekt vor ihrem Gewissen und ihren Überzeugungen, die man nicht brüskieren soll.” (EN 79).

Adventmail 2009/07 (Was geschah am … Dezember?)

Am 7. Dezember …
… 1970 wurde deutlich, dass große Politik manchmal große Gesten verlangt: Es war der Tag der Unterzeichnung des Warschauer Vertrages, der die nicht erst seit dem Zweiten Weltkrieg gespannten Beziehungen zwischen Deutschland und Polen normalisieren sollte. Und es war der Tag, an dem Willy Brandt vor dem Mahnmal des Warschauer Ghettos niederkniete.
Der deutsche Bundeskanzler legte zunächst einen Kranz nieder, richtete die Schleife und beugte beide Knie. Er verharrte einige Sekunden schweigend, stand auf und ging an der Spitze seiner Delegation weg.
Die ehrfürchtige Handlung Brandts war für die Anwesenden und die Öffentlichkeit überraschend. International trug diese Geste der Versöhnungsbereitschaft wesentlich zum Ansehen der Bundesrepublik und ihrer politischen Führung bei. Im Jahre darauf erhielt Brandt für deine Ostpolitik den Friedensnobelpreis.
In Deutschland freilich fand der “Kniefall” des Kanzlers vor dem Warschauer Pakt, wie es seitens der konservativen Opposition und Presse hieß, nicht nur Zustimmung. Einer “Spiegel”-Umfrage zufolge fanden damals 48 Prozent der Westdeutschen den Kniefall übertrieben, 41 Prozent angemessen, 11 Prozent hatten keine Meinung dazu. Im Rückblick ist man sich einig, dass die Geste eine wichtige Rolle bei der Entspannung zwischen den Militärblöcken spielte.
Mehrfach wurde darüber spekuliert, ob Brandt spontan gehandelt habe oder ob das Hinknien ein geplanter symbolischer Akt gewesen sei. Ex-Bundesminister und Kanzler-Berater Egon Bahr berichtete in Interviews, dass Brandt am Abend des 7. Dezembers über seinen Kniefall gesagt habe: “Ich hatte plötzlich das Gefühl, stehen reicht nicht!”

Adventmail 2009/06 (Was geschah am … Dezember?)

Am 6. Dezember …
… soll Meredith Hunters gedacht werden, der 1969 an diesem Tag beim Besuch des Altamont Rock Festivals direkt vor der Bühne erstochen wurde, wo die Rolling Stones gerade “Under My Thumb” spielten. Meredith war 18, und mit ihm starb – so hieß es später – die Unschuld der Hippie-Ära, die nur ein halbes Jahr vorher, im “Summer of love”, in Bethel/NY, dem Schauplatz von “Woodstock”, ihren Höhepunkt erlebt hatte.
Oscar-Regisseur Ang Lee bezieht sich in der Schluss-Szene seines Films “Taking Woodstock” genau darauf: Organisator Michael Lang kündigt am Ende des Festivals, das trotz chaotischer Zustände in friedlichem Drogenrausch und freier Liebe abgelaufen war, ein nächstes Projekt mit den Stones in Kalifornien an, bevor er über die müllbedeckten Hügel von Woodstock davonreitet.
In Altamont ist dann von Idylle keine Spur mehr: Meredith Hunter wurde vor den Augen Mick Jaggers von einem Mitglied der als Ordner engagierten Hells Angels mit fünf Messerstichen und Tritten verletzt. Er starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Jagger rief nach einem Arzt, dann setzten die Stones das Konzert fort.
Zuvor hatte Hunter unter Drogeneinfluss und frustriert vom vergeblichen Versuch, die Bühne zu erklimmen, eine Schusswaffe gezogen. Das Gericht sprach den Hells Angel frei, seine Tat wurde als Notwehr gewertet. Gefilmt wurde das von Kamerateams für den Dokumentarfilm “Gimme Shelter”.

Adventmail 2009/05 (Was geschah am … Dezember?)

Am 5. Dezember …
… 63 v. Chr. hieß es nicht “Quo usque tandem abutere, Catilina, patientia nostra?” (Wie lange noch, Catilina, wirst du unsere Geduld missbrauchen?). Denn so begann die erste der vier Reden gegen den Verschwörer Catilina, die der römische Philosoph, Schriftsteller und Konsul Marcus Tullius Crampus Cicero vor dem Senat bzw. vor dem Volk hielt. Die letzte, für die verhängte Todesstrafe entscheidende, hielt Cicero fast einen Monat nach der ersten, eben am 5. Dezember.
Ich mochte Latein gar nicht ungern, ehrlich. Obwohl ich in der 6. Klasse AHS deswegen durchgefallen bin. Doch das lag eher am Lateinlehrer, der lieber über seine Militärerlebnisse erzählte als über Caesar, Vergil und Ovid. Was – begünstigt durch meine Faulheit – dazu führte, dass ich bei der Wiederholungsprüfung nach vier Jahren Latein nicht einmal wusste, was ein AcI ist.
So mühselig ich das Erlernen der viel zu vielen Konjugationen, Deklinationen, Kasus und Modi fand (so was wie http://www.youtube.com/watch?v=eaCfxvRtjhk gab’s damals noch nicht), so spannend war andererseits die altrömische Geschichte und Mythologie. Einmal fiel meiner überaus kompetenten nächsten Lateinlehrerin der Name jenes römischen Volkshelden nicht ein, der seine Rechte ins Feuer hielt und damit dem Rom belagernden Etruskerkönig die Entschlossenheit zum Widerstand demonstrierte. “Das war Mucius Scaevola”, sagte ich stolz und bewirkte, dass die Frau Professor fortan großzügiger mit meinen Grammatikdefiziten umging.
Gut wurde ich in Latein nie. Erst in der Maturaklasse hatte ich (nicht zuletzt wegen einer bei einer Schularbeit vom “Schmierer” abgeschriebenen Vergil-Übersetzung) keine Probleme mehr durchzukommen.
Aber ich habe mir viel gemerkt und kann Bildungsbürgersprüche wie “Audiatur et altera pars”, “Cui bono?” oder “De gustibus non est disputandum” korrekt und anlassgemäß verwenden. Ich habe sogar eine E-Mail-Adresse amaetfacquodvis@gmx.at und liebäugle immer noch ein wenig mit der Möglichkeit, mir das Irenäus-Zitat “Gloria Dei Homo Vivens” als Inschrift auf dem Grabstein zu wünschen. Denn wäre es nicht geradezu subversiv, FriedhofbesucherInnen vor Augen zu halten, dass “die [größte] Ehre Gottes der lebendige Mensch” ist?

Adventmail 2009/04 (Was geschah am … Dezember?)

Am 4. Dezember …
… 1915 wurde der Hauptbahnhof in Leipzig mit der Schlusssteinweihe komplett in Betrieb genommen. Und am 9. Juli 2009 besuchten meine Liebste und ich diesen Bahnhof auf der Reise von Wien nach Reykjavik.
Und das kam so: Wir hatten einen Air-Berlin-Flug von Wien nach Frankfurt gebucht sowie eine “Iceland-Express”-Fortsetzung von Frankfurt nach Island. Der erste Teil der Reise verlief planmäßig. Am Riesen-Flughafen von Frankfurt machten wir es uns angesichts einer dreistündigen Pause bis zum Weiterflug im Restaurant gemütlich, stellten uns dann rechtzeitig zum Check-In an – und hörten von der Dame am Schalter den Satz: “Ich muss Ihnen etwas Unangenehmes mitteilen: Sie sind am falschen Flughafen.”
Unser Flug sollte nämlich von Frankfurt-Hahn erfolgen, somit ca. 120 km entfernt und näher bei Luxemburg als bei Frankfurt gelegen. Für einen Transfer war es zu spät. Was also tun an diesem warmen Sommerdonnerstag?
Es folgten hektische Telefonate und Gespräche mit Info-Schalter und Fluglinien. Nächster “Iceland-Express”-Flug am Sonntag, hieß es, aber voll. Also Dienstag. “Iceland Air” würde tags darauf fliegen – um zusätzlich 650 Euro pro Person. Anflüge von Verzweiflung.
Dann hatte unsere Island-Reiseveranstalterin schließlich die rettende Idee: Spätabends gab es von Berlin-Schönefeld aus einen weiteren Abflug und noch freie Plätze. Wenn wir es schaffen würden, bis dahin quer durch Deutschland noch nach Berlin zu kommen, würden wir mitgenommen.
Also zur DBB, buchen eines ICE-Tickets nach Berlin mit Umsteigen in Leipzig…
Alles ging gut aus, wir kamen gegen halb 12 Uhr nachts Ortszeit noch bei Tageslicht in Reykjavik an und begannen einen der schönsten Urlaube, die wir je erlebt hatten.
Ach ja: Der Hauptbahnhof Leipzig ist mit einer Grundfläche von 83.640 Quadratmetern der flächenmäßig größte Kopfbahnhof Europas und wirklich beeindruckend.

Adventmail 2009/03 (Was geschah am … Dezember?)

Am 3. Dezember …
… 1965 erschien das sechste Studioalbum der besten Band ever: Mit “Rubber Soul” wollte das Management der Beatles schon vor 44 Jahren am Weihnachtsgeschäft mitnaschen. In Österreich waren die daraus entnommenen Singles in der Jahreshitparade 1966 jedoch weit hinter Größen wie Roy Black (“Ganz in Weiß”), Chris Andrews (“Yesterday Man”) oder Freddy Quinn (“Hundert Mann und ein Befehl”), und Ö3 wurde erst zwei Jahre nach “Rubber Soul” gegründet.
Irgendwann Ende der Sixties sang ich vorm Einschlafen immer wieder Beatles-Songs unter der Bettdecke in Phantasie-Englisch nach. Es waren Titel wie “She Loves You”, “Can’t Buy Me Love” oder “I Should Have Known Better” und somit durchwegs Songs aus der frühen, naiv-fröhlichen, “kind-kompatiblen” Phase der Band. Erst später, in der AHS-Zeit, entdeckte ich auf Klassenausflügen beim gemeinsamen Singstreifzug durch “Beatles Complete” die Meisterwerke der Spätzeit wie “Abbey Road”, zusammen mit dem titellosen Weißen Album der Favorit meiner Studienzeit.
Dazwischen lag “Rubber Soul”, von John Lennon in einem Interview einmal als “pot album” und damit als Marihuana-inspiriert bezeichnet. Wenn ich die Tracklist ansehe, kann ich nur staunen über die unglaubliche Kreativität, die vor allem das Komponistenduo Lennon/ McCartney auszeichnete. George Harrison steuerte “If I Needed Someone” und “Think for Yourself” bei und spielte bei “Norwegian Wood” erstmals auf einem Popsong eine Sitar; auch Ringo Starr wurde bei “What Goes On” netterweise als Co-Komponist angegeben. Zwei während der Sessions zwischen Mitte Oktober und Ende November 1965 aufgenommene Lieder wurden nicht für das Album verwendet, sondern zeitgleich als Single (Doppel-A-Seite) veröffentlicht: Day Tripper/We Can Work It Out.
Mein Liebling auf “Rubber Soul” ist “Nowhere Man” mit dem brillanten Text von John. Oder doch die melodiöse Ballade “Michelle” mit Pauls charmant-holprigem Französisch? Vielleicht aber auch “Girl”, wo John hörbar durch die geschlossenen Zähne die Luft einsaugt. Und da ist da auch noch “In My Life“: “There are places I’ll remember/All my life/ though some have changed…”
Eins noch: Warum eigentlich “Rubber Soul”? Das titelgebende Wortspiel (Rubber Sole = Gummisohle) geht angeblich auf Paul zurück, der sich über die zunehmende Begeisterung der Briten für Soulmusik amüsierte. Er bezog sich dabei vermutlich auf die abschätzige Bezeichnung plastic soul, die US-Musiker für die britische R&B-Szene verwendeten.

Adventmail 2009/02 (Was geschah am … Dezember?)

Am 2. Dezember …
… wurde ein 18-jähriger Habsburger von einer Revolution (!) in Österreich (!!) auf den Thron gehievt und als Franz Joseph I. zum Kaiser gekrönt. Und das kam so: Nach dem Hungerwinter 1847/1848 fegte der Volksunmut am 13. März den rigiden Restaurationspolitiker Metternich von den Schalthebeln der Macht. Vor allem das Bürgertum wollte Mitbestimmung und Freiheit nicht nur in Krähwinkel. (Kaiser Ferdinand I. – ein Onkel Franz Josephs – sagte angeblich damals in nasalem Schönbrunnerdeutsch zu seinem Staatskanzler: “Was mach’n denn all die viel’n Leut’ da? Die san so laut!” Metternich darauf: “Die machen eine Revolution, Majestät.” Des Kaisers konsternierte Rückfrage: “Ja, dürfen’s denn des?!”) Trotz vieler Zugeständnisse musste Ferdinand im Oktober 1948 samt seinem Hofstaat vor erneuten Wiener Unruhen nach Olmütz fliehen. Am 2. Dezember dankte der führungsschwache Kaiser zugunsten seines Neffen ab. Der wurde noch am selben Tag in Olmütz im kleinen Kreis gekrönt.
Ein neues Gesicht sollte die Donaumonarchie bewahren. Ob es wie bei vielen seiner Ahnen von “Progenie” – einem zu großen, ausgeprägten Unterkiefer, bei dem die unteren Schneidezähne vor die oberen beißen (sog. “Habsburger-Kinn”) – geprägt war, entzieht sich meiner Kenntnis. Schon auf frühen Darstellungen trug Franz Joseph den für ihn typischen Backenbart.
Und immer zeigte er sich in der Uniform des obersten Kriegsherrn. Der erzkonservative “rothosige Leutnant”, wie seine Kritiker spöttelten, war am Beginn seiner Regierungszeit keineswegs die Vaterfigur der Phase vor dem Ersten Weltkrieg. Im Gegenteil: Er war unpopulär bis zur Verhasstheit, wurde mit dem repressiven Säbelregiment des Nachmärz assoziiert. Sein neoabsolutistischer Anspruch, ohne jedes Parlament zu regieren, erschien schon damals unzeitgemäß.
Erwin Ringel, der Analytiker der “österreichischen Seele”, sagte einmal über Kaiser Franz Joseph: “Der Mann wurde schon in der Kindheit durch seine Mutter und die Erziehung vernichtet, hat dann 68 Jahre regiert, (und) hat in dieser überlangen Zeit keine einzige konstruktive Idee gehabt…” Der Kaiser war pessimistisch, durchdrungen von Pflichtbewusstsein und der gleichzeitigen Scheu vor Veränderungen oder gar Reformen. Die hätte vielleicht sein Sohn Kronprinz Rudolf in Angriff genommen. Doch der starb ebenso tragisch wie seine Mutter Sisi. Als ihm 1898 die Nachricht vom Attentat in Genf überbracht wurde, soll Franz Joseph geseufzt haben: “Mir bleibt auch nichts erspart!”

Adventmail 2009/01 (Was geschah am … Dezember?)

Am 1. Dezember …
… 1955 ereignete sich ein schönes Beispiel für ein kleines Ereignis mit großer Wirkung. Die “Neville Brothers” aus New Orleans schrieben darüber für ihr großartiges Album “Yellow Moon” (1989) einen Song, den ich immer wieder gerne höre. Er beginnt so:
“Sister Rosa Parks was tired one day after a hard day on her job.
When all she wanted was a well deserved rest, not a scene from an angry mob.
A bus driver said, “Lady, you got to get up, cuz a white person wants that seat.”
But Miss Rosa said, “No, not no more. I’m gonna sit here and rest my feet.”

Die damals 42-jährige Rosa Parks hatte also eine Menge Zivilcourage. Ihre Weigerung, im Bus einem Weißen ihren Sitzplatz zu überlassen, trug der damals in der schwarzen Bürgerrechtsbewegung aktiven Sekretärin und Schneiderin die Verhaftung und eine Geldbuße wegen Störung der öffentlichen Ordnung ein. Die “Ordnung” in Montgomery im US-Staat Alabama sah nämlich vor, dass es in öffentlichen Bussen zwei Bereiche gab: eine für white people in den ersten vier Sitzreihen, dahinter jene für coloured people. Rosa setzte sich in den mittleren Abschnitt, den schwarze Passagiere benutzen durften; allerdings war eine komplette Reihe zu räumen, sobald auch nur ein weißer Fahrgast dort sitzen wollte. No, not no more, dachte sich Rosa Parks und regte Martin Luther King damit zum 382-tägigen Montgomery Bus Boycott an. Der wiederum wesentlich zur Aufhebung der Rassentrennung in den USA beitrug.
Den Gerechten schenkt Gott ein langes Leben. Rosa Parks starb am 24. Oktober 2005 im Alter von 92 Jahren. Der US-Senat beschloss daraufhin Rosas öffentliche Aufbahrung im Kapitol – sie war die erste Frau in den USA, welcher diese besondere Ehrung zuteil wurde.
Nochmals die Neville Brothers im Refrain: “Thank you Miss Rosa. You were the spark that startet our freedom movement. Thank you sister Rosa Parks.”