
Lønstrup heißt das ehemalige Fischer- und nunmehrige Kunsthandwerksdörfchen an der dänischen Nordseeküste südlich von Hirtshals, das Ort unserer nächsten Übernachtung im fünften Land Europas nach CZ, PL, S und N werden sollte (zwei Nächte in D kamen dann noch dazu). Den sympathischen Campingplatz dort hatte ich wie üblich aufgrund vieler positiver Bewertungen in der Campio-App ausgesucht. Es gab zahlreiche Dauercamper, somit kein Anstellen in WC und Dusche. Und Gebäck am nächsten Morgen.


Meine Hauptsorge nach einem Spaziergang an den Nordseestrand galt dem WM-Schlager Österreich vs. Argentinien. Ich bemühte mich redlich um Gratisstreaming via dänisches Fernsehen, diverse andere Anbieter und wäre sogar bereit gewesen, 11 Euro für ein WM-Paket der deutschen Telekom zu bezahlen. Jedoch es klappte nicht, immer hieß es: keine Übertragungsrechte für dieses Land. Über Social Media bekam ich mit, dass Messi soeben einen Elfer verschossen hatte, Radio Wien sorgte immerhin für Hörspannung, der Livestream von kicker.de mokierte sich über allzu vorsichtige Spielweise der „Ösis“. Nun, wie es ausging, wissen wir ja inzwischen.
Am nächsten Morgen, 23.6., Weiterfahrt nach Husum an der deutschen Nordseeküste, wo ich meiner Liebsten vor neun Jahren einen Heiratsantrag machte und wir nach ihren Jawort dann auch gleich Weißgoldringe aussuchten. Dänemark ist durch die Nord-Süd-Autobahn recht flott zu durchqueren, wir flitzten an Städten vorbei, die ich vor knapp einem Jahr in umgekehrter Richtung mit dem Fahrrad erkundet hatte: Aalborg, Aarhus, Vejle, Kolding, Flensburg (link) und gelangten rasch ins Schleswig-Holstein’sche Flachland, in dem sich hunderte Windräder drehen. In Husum parkten wir Freddy auf einem einfachen Caravanstellplatz, der ich in einem nahen Hotel erstmals in bar zu bezahlen hatte. Doch komisch. Husum war nicht wiederzuerkennen. Hatte sich die Stadt in den neun Jahren so verändert?? Dann dämmerte es uns: Die Weichenstellung für unsere Eheschließung erfolgte nicht in Husum, sondern 50 km südlich in Büsum. Wir entschädigten uns für den peinlichen Irrtum mit einem der besten Abendessen des Urlaubs: Der „Kapitänsteller“ in Dragseths Gasthof mit verschiedenen Fischleckereien, Krabben, Bratkartoffeln, Salat und Dithmarscher Pilsener ist wärmstens zu empfehlen. Und die Unterhaltung mit zwei Schulfreundinnen jenseits der 80, die uns an ihrem Tisch Platz nehmen ließen, war auch nett – trotz deren Diagnose, dass „in Deutschland alles schlechter wird“.


Büsum holten wir am 24.6. nach: Frühstück in der touristisch herausgeputzten Innenstadt („Ja, SO sah es hier aus, jetzt erkenn’ ich es wieder!“) und Kuss am Schauplatz des Heiratsantrags relativierten Unstimmigkeiten, die während der intensiven Nähe in mehr als vier Wochen wohl unvermeidlich waren.
Zu Kilometerfresser-Tagen wurden die letzten beiden Tage unserer Reise. Von Büsum ging’s via Hamburg (mitten durch die Innenstadt, ächz!) und Perleberg nach Magdeburg, wo wir an einem Seitenarm der Elbe einen Hightech-Stellplatz vorfanden: Stromzähler, Duschen, Toilettenbox-Entleerung – alles funktionierte mit einer aufladbaren Karte, das Guthaben wurde nach dem Auschecken sofort auf unser Konto gutgeschrieben. Noch angenehmer war aber der schon sommerlich heiße Abend in der Hafenbar, wo wir Gegrilltes und Kaiser-Otto-Bier genossen. Vorm Abendessen nahm ich mir trotz der Hitze, die Mitteleuropa schon erfasst hatte, Zeit für eine Erkundung der Magdeburger Innenstadt, erkannte Friedrich Hundertwassers letztes Bau-Großprojekt an den krummen Linien, stand vor dem um 18h versperrten Dom, bestaunte die Nachbildung des „Magdeburger Reiters“ (Otto der Große?) und lächelte über das Hic fuit am Eulenspiegelbrunnen.




Der Schlusstag stand dann schon ganz im Zeichen der Wahnsinnshitze, die Mitteleuropa in der letzten Juniwoche in Bann hielt. Im klimatisierten Freddy waren die mehr als 700 km von 8 bis 18 Uhr zwischen Magdeburg und Wien aber gut aushaltbar – trotz der Verkehrshölle in Prag und dem kilometerlangen Schwerverkehrstau, der uns einen kurvenreichen Umweg an Brünn vorbei nehmen ließ. Zu Hause warteten bereits Söhne – diesmal Moritz und Fabian –, um uns beim Ausladen des Wohnmobils zu helfen. Man glaubt nicht, wie viel sich in mehr als vier Wochen so alles ansammelt, trotz der in Norwegen vergessener Küchensachen und des in Schweden hinterlassenen Fahrrades.

Vier Wochen Roadsurfen mit Fahrten in sieben Ländern, ereignisreich, anstrengend, faszinierend, abwechslungsreich… Einmal und nie wieder Camping? Nein, nur nicht wieder mit Roadsurfer, die uns viel Energie und Zeit kosteten. Wer’s so wie wir einmal probieren möchte, für die/den hätten wir so manchen Tipp parat 😉

