
Der Stress wegen des möglichen Nicht-Mitgenommen-Werdens auf der Fähre nach Bodø war unbegründet, auch wenn die Hauptsaison mit 15. Juni – unserem Abreisetag – begann. Wir stellten Wohnmobil Freddy noch vor 7h am Hafen von Moskenes ganz vorne in Fahrspur 2, konnten also mit Sicherheit davon ausgehen, als Nicht-reserviert-Habende fünf Stunden lang einen Platz auf dem geräumigen Schiff einzunehmen. Nach einem Kaffee im sympathischen Bodø sollte es mit einer Übernachtung gut 700 km südwärts nach Trondheim gehen – also zwei Kilometerfressertage. Die dafür genutzte E6 ist nicht mit den Autobahnen in Schweden vergleichbar, ist nur an manchen Stellen zweispurig – nämlich wenn es bergauf gilt, die vielen LKW zu überholen. Es gibt ungemein viele Tunnels in Norwegen, das Land liegt mit den Alpenländern Schweiz und Österreich hier an der Spitze. Und manche davon verlaufen unter Fjorden, andere haben sogar einen Kreisverkehr irgendwo im Berg. Also nicht nur Land der Fjorde, sondern auch Land der Tunnel.



Bis zur Übernachtung am 15.6. in Mosjøen, während der Fahrt auf der Campio-App ausgewählt, gab es wenige Höhepunkte. Da war ein kurzer Stopp in der hoch gelegenen Region Nordland an einem beeindruckenden reißenden Fluss. Und natürlich die Polarkreisüberquerung, die wir, anders als in Schweden, nicht übersahen. Denn dort wurde ein Arctic Circle Center errichtet, in dem man sich über das Dauersonnenlicht im Sommer bzw. die Polarlichter im dunklen Winter informieren und jede Menge shoppen kann. Wie auf Island etwa langnasige Trolle in allen Größen, Norwegerpullover, Hauben und den üblichen Touristen-Tand wie Autokennzeichen oder Kühlschrank-Magneten. Claudia schoss ein witziges Foto von mir, auf dem ich den im Asphalt markierten Polarkreis übersprang, was dann gleich einige Nachahmer nach sich zog.





In Trondheim interessierte mich vor allem der Nidaros-Dom, in den der norwegische Nationalheilige Olav (+1030) begraben liegt und der auch Endpunkt des fast 600 km langen Olavsleden-Pilgerweges https://olavsweg.com/ von Oslo ist. Das wäre für mich Norwegen-Fan nochmal was, bevor ich zu alt werde. Wobei. Von Lillehammer nordwärts würde auch reichen. Das auf das 11. Jhd. zurückgehende und im 19. Jhd. rekonstruierte Gotteshaus ist beeindruckend, vor allem die Lichtregie verstärkt die Wirkung der Säulen und des Kreuzrippengewölbes. Das Oktogon an der Ostseite des Doms ist seit dem 12. Jahrhundert nahezu unverändert erhalten und gilt als authentischster Teil, in dem sich der Schrein des als Märtyrer verehrten Königs hinter dem Hochaltar befindet.







Unsere nächste Nacht verbrachten wir am Flakk Campingplatz rund 10 km westlich von Trondheim und lernten dort ein Pärchen aus Oberolberndorf im Weinviertel kennen, die in dreieinhalb Wochen mit ihrem umgebauten Polizei-VW-Bus bis zum Nordkap hochfuhren und dabei bis zu 800 km täglich zurücklegten. Wir hatten und bewusst dagegen entschieden, so viel Zeit im Wagen zu verbringen, nur um dann sagen zu können: Wir waren am nördlichsten Punkt Europas.
In der Früh wachte ich vor 5h auf und schlief wieder ein. Österreichs Team spielte um 6h bei der FIFA-WM gegen Jordanien. Nach dem neuerlichen Aufwachen stand es, ohje, 1:1, nach dem Duschen dann aber 3:1, juhuu! Wir schmückten den Freddy Flitzer mit in die Seitenscheiben gesteckten Österreich-Fahnen und zeigten uns den Rest des 17.6. als Fans – auch wenn das mit unserem deutschen Kennzeichen kollidierte.

Tageshauptziel war die Atlanterhavsveien, eine Straße mit „in den Himmel“ führenden Straßen, die auch das Titelfoto unseres Norwegen-Camping-Buches darstellt. Es dauerte allerdings, bis wir via Kristiansund und Averoy zum unaussprechlich schönen Wanderweg „Eldhusøyan näköalapolku“ gelangten, von dem man einen tollen Blick auf die Storseisund-Brücke hat.




Die Landschaft hatte sich nach Trondheim stark verändert: statt karger Hochebene mit wenig Bäumen nun viel grün, dichtere Besiedlung in dem 5-Millionen-Land und viel Landwirtschaft. Das Wetter war immer noch schön, sonnig um die 18 Grad mit kühlen Nächten (viel angenehmer als heute die 38 Grad in Wien, da ich das schreibe). Insgesamt hatten wir mit dem Wetter viel Glück. Dass es auf unserer letzten Station in Norwegen, Bergen, noch recht feucht werden sollte, wussten wir in Molde, wo wir am 17. nächtigten, noch nicht.






Trollstigen, Geiranger Fjord, Dalsnibba – der 18.6. wurde einer der Höhepunkte unserer Reise. Dabei waren die Vorzeichen wegen des nebeligen Morgens zunächst nicht gut. Doch die 250 km mit zwei Fährstrecken und vielen, vielen Höhenmetern wurden sensationell. Von Åndalsnes ging es bald in elf Haarnadelkurven mit etwa zwölf Prozent Steigung hinauf zur Passhöhe und danach weiter bis auf 850 Höhenmeter. Auf halber Strecke führt die vor 90 Jahren freigegebene Straße zudem über einen Wasserfall, den 320 Meter hohen Stigfossen. Sie ist auch heute noch nur wenige Meter breit, manchmal fast einspurig, sodass man entgegenkommenden Fahrzeugen ausweichen muss. Zu meinem Glück tat dies Claudia souverän, sogar als ein breiter Norwegerbus entgegenkam und erst das Einklappen der Rückspiegel die Weiterfahrt ermöglichte. Wegen des schroffen Geländes gibt es kaum Möglichkeiten anzuhalten. Erst oben am Beginn eines Hochtales befindet sich der Aussichtspunkt Utsikten (dt. „die Aussicht“), von dem aus man den gesamten Verlauf der Straße überblicken kann. Dort machten wir Halt, freuten und über den sich lichtenden Nebel, bewunderten die Fahrkünste in teils richtig großen Gefährten.




Über den Ørnevegen ging es erneut auf steilen Serpentinen hinunter nach Geiranger, nach diesem von Kreuzfahrtschiffen angesteuerten Touristenort am Ende des gleichnamigen, engen, berühmten, 100 km von der Küstenlinie entfernten Fjords wieder in Schlangenlinien bergauf. Nach dem ersten Aussichtsparkplatz mit Blick durch den Nebel hinab auf den Meeresarm wollte Claudia noch auf der Mautstraße zum Skywalk von Dalsnibba. Dort lichtete sich – wir Glücklichen! – auch bald der Nebel und gab den Blick von 1500 m über dem Fjord frei.






Nach der Ankunft im sympathischen Familienbetrieb des Tjugen Camping bei Loen https://tjugen.no/en waren wir beide „sehsatt“ und voller Bilder der herrlichen Landschaft. Norwegen ist ein wunderschönes Land! Dort knipste ich abends nach dem Essen in einem Seerestaurant mein vielleicht schönstes Handyfoto des Urlaubs. Seht selbst:

Noch ein Nachtrag zum Ölwechselproblem der zweiten Urlaubswoche (link!). Ab 17.6. zeigte Freddy bei rund 48.000 km auf dem Armaturenbrett an, dass bei 50.000 km ein Service ansteht. Nicht schon wieder, dachten wir. Roadsurfer wies uns darauf hin, dass diese Arbeit unaufschiebbar sei und wie der Ölwechsel von uns vorfinanziert werden muss – nach zuvor genehmigtem Kostenvoranschlag einer Werkstatt. Unser Hinweis nach Internetrecherche, dass Fiat üblicherweise eine Toleranzgrenze von +3000 km gewährt, ohne dass die Garantie verfällt, verfing nicht. In Dänemark war es nach der Ankunft der Fähre in Hirtshals dann soweit. Wir fanden eine Werkstatt im 70 km entfernten Aalborg – was uns erneut einen Urlaubstag kostete. Um dessen Kompensation ergab sich eine Farce: Erst hieß es, als Wiedergutmachung würde uns eine kostenfreie Mietverlängerung von zwei Tagen angeboten. Das wurde danach aufgrund der Höchstmietdauer von 29 Tagen zurückgenommen, nach einem weiteren Tag und dem In-den-Raum-Stellen rechtlicher Schritte ging die Mietverlängerung dann plötzlich doch. Wir nahmen letztlich einen Zusatztag in Anspruch.
Zurück nach Norwegen. Abends in Bratland Camping nahe Bergen mein erstes Public Viewing während der Fußball-WM. Etliche NL-Camper bejubelten den fulminanten 5:1-Sieg von Oranje über Schweden. Tags darauf – es war der 20.6. – fuhren wir erstmals mit Öffis. Erst mit dem Bus, dann mit der Straßenbahn ins Zentrum der zweitgrößten norwegischen Stadt. Bergen zeigte sich verregnet, an eine Fahrt hinauf zum Hausberg Fløyen machte keinen Sinn. Aber die Innenstadt mit der bunten Holzhäuserzeile aus der Hansezeit am Hafen, der Fischmarkt und die originellen Großstadtläden (in einem davon kauften wir Weihnachtssachen, einen Tag vor Mittsommer) waren auch bei Regen attraktiv. Eine böse Überraschung gab’s allerdings beim Fischessen am Hafen: Die 0,7 Liter gespritzter Apfelsaft, den wir zu Fischsuppe bzw. -spießen tranken, kostete umgerechnet 38 Euro – selbst für norwegische Verhältnisse ein Wucher. Ansonsten war das Preisniveau zwar höher als in Österreich, aber nicht so, dass man sich die Versorgung in Lebensmittelgeschäften nicht leisten könnte. Übrigens bezahlten wir auf unserer Reise durchwegs mit Kreditkarte, umwechseln in schwedische, norwegische und dann auch noch dänische Kronen war nicht nötig.







Die von mir vorab gebuchte Fähre mit Übernachtung, Abendessen und Frühstück von Bergen nach Hirtshals sollte am 21.6. um 20 Uhr ablegen. Wir checkten bei Bratland Camping gegen 11h aus und wollten noch ein wenig Bergenerlebnisse sammeln. Freddy parken wir am besten gleich am Fährgelände, meinten wir. Beim Einlass viel Betrieb, wir mussten länger warten, bis wir zum Schalter kamen. Dort hörten wir einen Satz, der eine Schockwelle auslöste: „You’ve got a ticket from Hirtshals to Bergen.“ Ich Depp hatte die falsche Fährenrichtung gebucht, hatte mein Online-Ticket auch nie überprüft. Die Fjordline-Mitarbeiter checkten die Lage kurz und gaben Entwarnung. Umbuche n war gegen einen Aufpreis möglich, auch eine bessere Kabine mit Bullauge aufs Meer war möglich. Mir fiel ein Stein vom Herzen, die „Deppensteuer“ bezahlte ich gerne, zumal die Abfahrt nun früher stattfand: Bereits um 14 Uhr wurde abgelegt, geplante Ankunftszeit nach Zwischenstopp in Stavanger war 22. Juni um 8 Uhr.

Die Schiffsfahrt auf der luxuriösen MS Stavengerfjord (https://fjordline.com/de/p/unsere-routen/hirtshals-stavanger-bergen9 mit rund 600 Passagieren war rundum angenehm. Es gab Unterhaltung – eine Tombola und ein FIFA-WM-Quiz, bei dem ich ins Finale kam und nur an der Schätzfrage nach der Passagieranzahl (1.800?) scheiterte – und ein exquisites Dinner-Büffet, einen Taxfree-Shop, in dem ich ein superangenehmes Kurzarmhemd kaufte, Freiflächen auf dem Schiff mit Blick auf die norwegische Küste und Fußball live. Angelegt wurde pünktlich, nun nur noch 50.000-km-Service nach einer Zusatznacht in Dänemark und ab nach Hause.






