Wanderglück mit Stoßgebet auf dem Reinebringen

Reinebringen ist die beliebteste Wanderung auf den Lofoten. Ein kurzer, aber steiler Pfad führt den Berg hinauf zu einem Grat hoch über dem Dorf Reine. Er besteht aus 1.566 Stufen, angelegt von nepalesischen Sherpas. Instagram ist überschwemmt mit Bildern der spektakulären Aussicht auf das Dorf und die umliegende Küste. Ich war schon bei der Planung unserer Wohnmobilreise nach Skandinavien erpicht darauf, diesen Blick Hunderte Meter hinunter auch live zu erleben und hatte mir dazu auf der Komoot-App eine Rundwanderung abgespeichert (siehe Landkarte), um die Steinstufen nicht zweimal – hinauf und wieder hinunter – gehen zu müssen. Zu langweilig, zu touristisch, dachte ich mir.

Nach einem Kraftfrühstück mit Baked Beans, Speck und Ei sowie Kaffee und Kuchen fuhr mich Claudia mit unserem Wohnmobil Freddy zum Parkplatz (Startpunkt) zwischen unserem Campingplatz in Moskenes und Reine, von wo aus die Touris ihre Reinebringen-Tour starten. Am Vortag hatten nette Briten diese Wanderung erst spätabends gegen 21h begonnen und waren nach drei Stunden im Licht der Mitternachtssonne wieder in ihrem Camper. Claudia ging somit von einer relativ entspannten Tour aus und fuhr nach einem Abschiedsbussi zurück zur Bäckerei im Museumsdorf Å und ihrem duftenden landestypischen Gebäck: Kanelboller und Kardemommesnurrer.
Es war Sonntag, 9:30, es waren schon viele Wagen auf dem Parkplatz abgestellt, weitere fuhren zu und luden Wanderwillige aus. Ich folgte ihnen aber nicht, sondern wandte mich westwärts entlang einer Bucht, die von einer Brücke abgeschlossen wird, in Richtung einer Hütte (1 auf dem Plan).

Da war ich schon oben: Brücke zwischen Bucht und Meer, rechts der von Wanderern genutzte Parkplatz

Den von Komoot angegebenen blauen Weg entlang des Wassers zu finden war gar nicht leicht. Denn es gab keine Markierungen, dafür große Steinblöcke, dichten Baum- und Strauchbewuchs und auch viele moorige Stellen, für deren Überwindung ich über meine Bergschuhe und Wanderstöcke froh war. Obwohl ich mich auf Meereshöhe fortbewegte, war der Pfad ein ständiges, anstrengendes Auf und Ab. Erst nach einer Stunde erreichte ich verschwitzt die menschenleere Hütte am Ende der Bucht.

Ab nun ging es steil bergauf. Und immer wieder war es schwierig, den Weg zu finden, denn im Unterschied zu meiner Wanderung im schwedischen Nationalpark Skuleskogen war hier von deppensicherer Markierung keine Rede. Ich machte Höhenmeter, legte manchen Ausschnauf- und Trinkstopp ein und fragte mich, ob meine Literflasche Wasser wohl reichen würde. Ich kam aber bald an einen Wasserfall (2 auf dem Plan), an dem ich meine Flasche neu füllen konnte und auf die nun schon tief unter mir liegende Meeresbucht hinunterblickte.

Weiter ging es schweißtreibend zu einem Bergsee, aus dem der Wasserfall hervorquoll. Mir begegnete ein polnisches Pärchen, das wohl von oben, von den bequemen Stufen kommen musste. Da geht’s ganz schön steil runter, kündigte ich ihnen an, und. Wenn ihr das vermeiden wollt, müsst ihr wohl zurück zum Sherpa-Trail, sagte ich, nichtsahnend, was da noch auf mich zukommen würde. Das ist keine Option, war die Antwort. We’re taking the circular walk. Ich wunderte mich, warum so wenig andere das auch so hielten und so wie ich die Overtourism-Stufen zumindest einmal mieden.

Ein Bergsee wie in den Alpen

Über vereinzelte Schneefelder ging‘s weiter nach oben – bis zu einer Aussicht (3 auf dem Plan), die in mir Euphorie auslöste. Ich blickte steil nach unten auf eine atemberaubende Szenerie mit Dorf, Inseln, Meer und einem gerade in den Hafen einfahrenden Kreuzfahrtsschiff. Dahinter Bergspitzen mit Schneeresten. Ich konnte mich eine Viertelstunde lang kaum sattsehen, war glücklich.

Aber wie jetzt weiter? Komoot zeigte eine Linie über den Reinebringen-Gipfel an, aber der Sherpa-Trail führt doch nicht so weit rauf, dorthin muss doch ein anderer Weg führen, dachte ich und suchte im steilen Gelände einige Zeit lang herum. Bis zur Erkenntnis: entweder über den 666m hohen Gipfel (4 auf dem Plan) oder auf gleicher Strecke wieder zurück zur Meeresbucht. Zurückgehen? Keine Option. Dann halt ein bisschen Bergsteigen, dachte ich. Aber das wurde heftig: Mir wurde richtiges Klettern abverlangt, was mit den Wanderstöcken an den Armen zur echten Herausforderung wurde. Ich kam an Stellen, wo es links und rechts tief hinunter ging und für das Weiterkommen sichere Griffe gefragt waren. Oh Gott, wenn das nur gutgeht!

Dieses Foto ist nicht von mir. Aber es zeigt die Steilheit des Weges – und seine Schönheit1

Wann hatte ich sowas zuletzt gemacht? Ich konnte mich gar nicht mehr erinnern – als ich mit meiner ersten Frau auf dem Weg zum Hochgolling in den Schladminger Tauern umkehrte, weil es ihr zu gefährlich wurde? Oder als ich richtig Schiss hatte, als ich mit meinen noch kleinen Söhnen vor und hinter mir an der Hand auf einem Grat im Großen Walsertal unterwegs war? Keine Ahnung, wohl noch nie. Jedenfalls bin ich bestenfalls Bergwanderer, kein Kletterer. Ich hatte Angst, ging sturzbereit an schmalen Stellen geduckt, prüfte jeden Schritt, jeden Griff dreimal, richtete ein Stoßgebet in den Himmel und versuchte ruhig zu bleiben. Das gelang ganz gut, ich kam langsam, aber stetig voran. Zugute kam mir die noch vom Camino Portugues im April vorhandene Kondition. Immer wieder Fotostopps an geschützten Stellen, bei einem 360-Grad-Video kam mir der Gedanke, ob das vielleicht meine letzte Botschaft an die Hinterbliebenen sein könnte. Nein, das konnte ich meiner Claudia nicht antun, die in jungen Jahren ihre erste Liebe durch einen Bergabsturz verloren hatte. Also volle Konzentration, und weiter voll Gottvertrauen!

Die Aussicht auf die umliegenden Berge und die Landschaft war atemberaubend

Auf einer kleinen ebenen Fläche unter dem Gipfel begegnete mir ein ca. 50-jähriger Bergfex. Ich sprach ihn verwundert darauf an, dass er barefoot, barfuß, unterwegs war – und das bei den schroffen Felsen hier. Wie weit ist es denn noch bis zu den Sherpa Steps? Ach, nur 5 bis 10 Minuten, wies er verächtlich nach unten. That’s just for tourists, alpine climbing begins right here. Die Auskunft beruhigte mich, ich brauchte allerdings deutlich mehr Zeit und meine Wanderstöcke, um auf dem spektakulären Grat bis zu dem 200 m unter der Reinebringen-Spitze gelegenen Zwischengipfel zu gelangen. Auf dem sammelten sich – wie ich bald sah – die Tourist:innen. Sie machten Selfies und Reine-Fotos, manche völlig ermattet in verschwitzten T-Shirts, mit Sneakers oder gar nur Sandalen, die auf den großflächigen Stufen nach unten auch völlig genügten.


Ich war jetzt relaxed und happy, dieses Abenteuer gut hinter mich gebracht zu haben. Erst jetzt, um etwa 15:30, eine erste Essenspause mit Apfel und Riegel, bevor ich die vielen 100 Steinplatten nach unten hüpfte. Die Fotos, die ich an besseren Stellen als die Touris auf 470 m Seehöhe knipste, erinnern mich an die wohl anspruchsvollste Wanderung meines Lebens, die ich als 66-Jähriger hinter mich brachte. Mit dem letzten Handyakku-Guthaben rief ich Claudia an, die mich dann um 17 h am Ortseingang von Reine aufpickte.
Und ich, so beglückt ich nach den wunderbaren Aussichten und dem guten Ausgang auch war, lerne aus dieser Erfahrung. Es gilt auch das „Kleingedruckte“ einer Komoot-Wanderung zu lesen. Dort steht bei der „schwierigen Wanderung“ der Reinebringen Runde die davor von mir nicht angeklickte Warnung: „Enthält einen Abschnitt, der gefährlich sein kann. Ein Teil dieser Route führt durch technisches, anspruchsvolles oder gefährliches Gelände. Möglicherweise sind dafür spezielle Ausrüstung und Vorkenntnisse erforderlich.“

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