Roadsurfen in Skandinavien (3) – Auf den Lofoten

Oh wie schön sind die Lofoten (die erst auf der Insel beginnen, auf der “Skårungen” steht); die davor heißen Vesterålen. Und die sind auch sehenswert. Unsere Route war eine Sammlung von herrlichen Augenblicken.

Nach dem eher unerfreulichen Aufenthalt in Harstad (link zu Teil 2) kurvten wir zu unserer ersten Fährstation in Norwegen. Von Refsnes nach Flesnes dauerte die Überfahrt nicht mal eine halbe Stunde – wobei uns beim Anstellen ein Lapsus passierte: Zum geöffneten Fährschiffmaul führen stets mehrere nummerierte Fahrspuren, die nach Ankunftszeit gefüllt werden. Wenn man schon zwei volle Spuren vorfindet, beginnt man die dritte oder reiht sich in der dritten ein. Wir fanden bei der Ankunft am Hafen die erste Fahrspur geleert vor und fuhren – wie auf italienischen Autobahnen – gleich in diese ein. Ein auf Spur 2 befindlicher LKW-Fahrer verstellte uns daraufhin mit seinem Führerhaus den Weg. Diese Art des Vorschwindelns wird in Norwegen nicht geschätzt. Wir lernten daraus und hielten uns fortan immer brav an die ungeschriebenen Anstellgesetze.

Fähren in Norwegen – danke AutoPASS for Ferje völlig unkompliziert

Wir waren zunächst noch auf den Vesterålen unterwegs, die nicht so touristisch erschlossen wie die Lofoten-Inseln sind. Tagesziel war mit Svolvær auf Austvågøya jedoch die von Narvik aus gesehene erste und größte Insel der Lofoten. Das ist übrigens (wie Hessen oder Gelsenkirchen) kein Pluralwort, sondern meint eine Region. Aber wurscht, ich bleibe dabei, dass wir auf die und nicht nach Lofoten fuhren, so wie einst auf die Malediven.
Und das ist landschaftlich ungemein reizvoll und motiviert zum Immer-Wieder-Stehenbleiben an den vielen Straßenbuchten. Das glitzernde Meer, die schroffen Felsberge, die saftigen Wiesen mit Schafen und Kühen, der auf Holzgestellen zum Trocknen aufgehängten Stockfisch, die spektakulären Brücken, die Unterwassertunnel, die schmalen Auf-und-ab-und-hin-und-her-Straßen – all das sorgte in der Woche von 9. Bis 15. Juni für unvergessliche Eindrücke. Hier einige davon:

Obwohl noch Vorsaison, waren schon sehr viele Wohnmobile und Wohnwägen unterwegs: Deutsche (für die wir wegen des Kennzeichens WI RS 7898 auch gehalten wurden), Holländer, Franzosen, aber auch Südeuropäer und an Wochenende viele Norweger. Es wurde teilweise dicht auf den Straßen, und oft mussten wir vor Engstellen anhalten und ähnlich breite Fahrzeuge wie wir eines hatten vorbeilassen. Es gab auch Radelnde – auf Rennrädern und Trekking Bikes, die wegen der schmalen Straßen aber wie auch Fußgänger:innen permanent gefährdet sind. In der Ferienzeit herrscht auf den Lofoten, wo der Tourismus den Fischfang als Haupteinnahmequelle längst abgelöst hat, sicher Hochbetrieb. Wir hatten unsere Besuchszeit gut gewählt. Es war in der oft vom Himmel lachenden Sonne schon um die 20 Grad warm, die nördlichen Ausläufer des Golfstroms sorgen für ein relativ mildes Klima.

Campieren im herrlich gelegenen Skårungen Resort, links vom Freddy der Stromanschluss

Als ersten Nächtigungsort wählten wir das Skårungen Resort nahe von Svolvær. Auf einem Plätzchen direkt am Meer fahren wir erstmals die Dachmarkise unseres Wohnmobils Freddy aus und sind beide happy. Leute ringsum in T-Shirts und kurzen Hosen, Claudia vertieft sich in Recherchen über einen möglichen Wohnmobilkauf – meine flapsig formulierten Vorbehalte („Du hast keinen Geldscheißer geheiratet.“) lösten einen von mehreren Konflikten während unserer Reise aus. Aber kein Wunder: Vier Wochen in derart intensiver Nähe sorgen auch für Reibung, so manches am anderen fällt einem auf die Nerven, wenn man nur zehn Quadratmeter als gemeinsame Wohnfläche hat. Doch prägender waren die vielen Staunen machenden Augenblicke, das gemeinsame Genießen von Meer, Landschaft und gutem Essen.
Apropos: Von der norwegischen Küche waren wir beide nicht sonderlich beeindruckt, hätten uns z.B. viel mehr Fischbuden erwartet, so wie es hierzulande Würstelstände gibt. Oder die in Supermärkten vorfindliche Kulinarik: viel Junk-Food, wenig Bio, extrem teures Obst, von leistbaren Alkoholika gar nicht zu reden. Auf letzteres waren wir eingestellt, und ich kam mit dem aus Schweden mitgebrachtem Sixpack aus. Wir hatten einiges an Essen – Nudeln, Dosen, Müsli, Gnocchi – von zuhause mitgenommen, das Selbst-Kochen am Gasherd von Freddy nahm im Lauf des Urlaubs aber ab und verlagerte sich in die Gemeinschaftsküchen der Campingplätze. Zum Frühstück nutzten wir regelmäßig den für 5 Euro zuhause gekauften Wasserkocher zum Teemachen, auch die Billigkaffeemaschine bewährte sich, zumal man dem in Lokalen erhältlichen, schwachen skandinavischen Nachfüll-Kaffee aus der Schale heraushelfen muss.

Ein paar Essenshighlights gab es: so das Pistazienhörnchen im Café der Trevarefabrikken in Henningsvær, die Fischsuppe in Sakrisoy, die Kanelboller der Traditionsbäckerei in Å und das tolle Buffet mit toller Aussicht auf der Fähre von Bergen (N) nach Hirtshals (DK).

Jause in Henningsvær – ein Genuss. Sogar der Kaffee war köstlich in der Trevarefabrikken

Am 10.6. zwei Höhepunkte: die Fahrt nach Henningsvær, das spektakulär im Meer gelegene Kreativfischerdorf mit eigenem Fußballplatz und die holprige Fahrt auf Nebenstraßen zum Vik- und danach zum Hauklandstrand, die wegen deren Schönheit auch breite Wohnmobile nicht scheuen. Das Frühsommerwetter lockte Badende an, Bikinimädchen spielten Volleyball, ein Unerschrockener hockte mit verschränkten Armen minutenlang im 10 Grad kalten Ozeanwasser (Hatte er eine Wette verloren – oder war das die Wette?).

Badestrand mit 10 Grad kaltem Wasser: Haukland Beach

Nach einem ausgiebigen Spaziergang am Sandstrand suchten wir in Ballstad einen Campingplatz auf, der jedoch nur aus einer vorgelagerten Betonfläche bestand, fuhren weiter via Leknes zum im Landesinneren gelegenen Camping Storfjord – eine gute Wahl angesichts der für den Folgetag angekündigten Wetterverschlechterung.
Die trat dann auch ein. Wir nutzten die feuchtkalte Witterung zum Besuch des interessanten Wikingermuseums in Borg, wo vor knapp 1000 Jahren eine damals bedeutende Ansiedlung der kriegerischen Nordleute bestanden hatte. Das Langhaus wurde neben den archäologischen Fundamenten in Originalgröße neu errichtet – mir war nicht bewusst, dass die Lofoten für die Wikingerkultur und auch für die Besiedlung Islands eine so bedeutende Rolle spielten. Der örtliche Häuptling Erik entzog sich dem Machtverlust durch Harald Schönhaar durch Emigration auf die Atlantikinsel. Die Museumsbetreiber vermitteln das sehr anschaulich u.a. in einem Film, halb Dokumentation, halb Fiktion. Besucher:innen können Wikinger-Getreidesuppe kosten, Kriegsgerät anlegen, einen Spaziergang zu einem nachgebauten Drachenbug-Schiff machen, Bogenschießen und Beile werfen.

Das rekonstruierte Langhaus des heutigen Wikingermuseums in Borg

Neuerlich schöne Stranderlebnisse ermöglichte das Ramberg-Resort mit seinem netten italienischen Rezeptionistenpaar. Um 23 Uhr machte ich mich nochmal auf den Weg zum nahen Meer auf der Atlantikseite der Lofoten. Das mittlere der folgenden drei Bilder täuscht durch das Gegenlicht. Auch spätabends war es noch taghell:

Es heißt ja oft, in Skandinavien gibt es ein „Jedermannsrecht“, das allen Menschen die Nutzung der Wildnis und auch gewissen privaten Landeigentums zugesteht. Wildes Campieren mit Caravans oder Wohnmobilen fällt da allerdings nicht darunter, und an vielen Stellen steht explizit „No Camping“. Wären wir nur mit Fahrrad und Zelt unterwegs gewesen, wäre Nächtigung und sogar Feuermachen erlaubt. Doch abgesehen von der erzwungenen Übernachtung in Harstad und dem stromlosen Aufenthalt bei Ystad in Südschweden schätzten wir die meist gute Infrastruktur auf den Camping- und Stellplätzen. Wir schätzten es, nicht fürchten zu müssen, dass der gut gefüllte Kühlschrank abtaut, dass morgens Tee und Kaffee gemacht werden können, dass schmutziges Geschirr nicht im winzigen Waschbecken des Fiat Ducato gereinigt werden muss und deutlich geräumigere Duschen als im Auto zur Verfügung stehen. Und das auch, wenn wir öfters auf freie Räume warten mussten und manche Gäste die Gemeinschaftsflächen nicht so sauber verließen, wie sie diese vorfanden.

Der schöne Campingplatz in Moskenes. Rechts im Bild die Gemeinschaftshäuser mit Küche, Duschen, WC

Ein weiteres Plus: Auf Campingplätzen kommt man leicht ins Gespräch mit Leuten, nach Norman und Birgit in Schweden (Mailnachrichten gab es auch in Norwegen) verbrachten wir auf den Lofoten einen netten Abend mit Uwe und Petra aus Hessen und Krombacher Pils, hatten Fußball-WM-Spaß mit zwei lustigen Dänen und Small Talk mit etlichen anderen, immer wieder mal auf Englisch.
Am 12.6. Wechsel zu unserem letzten Lofoten-Aufenthalt in Moskenes, wo die Fähren aus Bodø anlegen. Die wollten wir am 15.6. auch nehmen. Eine Vorreservierung hatte ich nicht vorgenommen, Abfahrtstag Montag ließ mich entspannt bezüglich des Platzes auf der Fähre sein. Zu Unrecht, wie sich zeigen sollte. Der nahe dem Campingplatz gelegene Fährhafen war voll mit Rückreisenden, die Fähr-Website verhieß auch für Montag nichts Gutes: Alles ausgebucht! Auch am Sonntag oder Dienstag war nichts Reservierbares vorhanden. Schluck. Hieß das, die fährfreien 350 km zurück nach Narvik zurückfahren zu müssen? Und nochmals 300 nach Bodø?!? Ein Hafenmitarbeiter sorgte für etwas Entspannung: Nur die Hälfte der verfügbaren Plätze wird im Vorverkauf vergeben, für die andere gilt. First come first serve. Wir beschlossen, am Montag möglichst früh bereit zu stehen und das Beste zu hoffen… Ich nehm’s vorweg: Wir kamen am geplanten Tag ohne Probleme mit auf die sechsstündige Überfahrt aufs Festland.

So ein “Fährenmaul” verschlang uns bei der Abreise von den Lofoten – nach einigem Bangen

Samstag, 13.6., wurde zu einem richtig entspannten Urlaubstag. Herrliches Wetter, kaum Fahrerei zum Gratisparkplatz ans Ende der Europastraße E10 in Å, dem kürzestnamigen Ort, in dem ich je war. Dort machten wir einen schönen Spaziergang am Meer, bestaunten die omnipräsenten, dicht an dicht auf Dächern nistenden Möwen, aßen herrliche Heringsbrötchen bei „Sild & Salmon“ am Hafen, flanierten durch das alte Fischermuseumsdorf mit vielen mehr als 100 Jahren alten Gebäuden, u.a. der erwähnten herrlichen Bäckerei.

Besuch in Å, wo die Europastraße E10 quer über die Lofoten endet

Der letzte Lofotentag wurde zu meinem persönlichen Abenteuer voller Angstschweiß und Lichtblicken. Davon erzähle ich aber in einem eigenen Eintrag.

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