Adventmail 2023/02 (Tiere)

Marienkäfer sind nicht nur bei Kindern beliebt und gelten als Glücksbringer. Seit geraumer Zeit gibt es in unseren Breiten jedoch den Asiatischen Marienkäfer, der die hier bekannten und als Nützlinge geschätzten mit den 7 Punkten zunehmend verdrängt. Er frisst zwar noch mehr Blattläuse als der heimische, macht sich aber auch über die Larven seiner Konkurrenten her und verdrängt diese immer mehr. „Einmal hier, ist er nun nicht mehr zu bekämpfen. Und natürliche Feinde haben Marienkäfer bei uns wenige, weil die Hämolymphe, das ‚Blut‘ der Käfer, so schlecht schmeckt“, weiß der WWF.

Der Klimawandel, aber auch bedachtlose Ansiedlungsversuche begünstigen die Ausbreitung auch anderer Tiere wie den Buchsbaumzünsler (ostasiatischer Kleinschmetterling), den amerikanischen Signalkrebs, der den heimischen Edelkrebs verdrängt, oder den ebenfalls aus Amerika eingeschleppten Getreideschädling Maiswurzelbohrer. „Der Anblick“, das Medium der Steirischen Landesjägerschaft, listet auch invasive Säugetiere (https://www.anblick.at/ansicht/toetungsauftrag-fuer-invasive-saeugetiere-und-voegel) auf, für die ein Tötungsauftrag gelte: Bisamratte, Marderhund, Nutria sowie der putzige Waschbär. Außerdem ist es jeder Person verboten, invasive Säugetiere und Vögel zu füttern.

Ein besonders kurioser Fall von tierischer Invasion geht auf den kolumbianischen Drogenboss Pablo Escobar (1949-1993) zurück: Für den Privatzoo auf seiner Luxus-Hacienda ließ er Tiger, Giraffen, Elefanten, Büffel, Löwen, Nashörner, Gazellen, Zebras, Flusspferde, Kamele und Strauße einfliegen. Nach dem gewaltsamen Tod Escobars wurden die meisten Tiere verlegt oder gestohlen, andere verhungerten oder verendeten an Krankheiten.

Nicht so die Flusspferde. Die ursprünglich vier Tiere vermehren sich in Kolumbien bis heute unkontrolliert und bedrohen einheimisches Getier wie etwa Seekühe. Und sie rangieren mit 500 Toten im Jahr auf Platz 10 der für Menschen gefährlichsten Tierarten. In Kolumbien sind Flusspferde, die natürlich nur in Subsahara-Afrika vorkommen, inzwischen zu einer wahren Plage geworden – die nun ein Ende haben soll: Die geplante Umsiedlung der aktuell um die 200 Exemplare lässt sich das südamerikanische Land mehrere Millionen Dollar kosten.

Adventmail 2023/01 (Tiere)

In meiner Grazer Uni-Zeit reiste ich mit einer Studierendengruppe nach Assisi. An einem der Tage trennte ich mich von der Gruppe und wanderte allein in den herrlichen umbrischen Bergen. Dabei hatte ich eine Art spirituelles Erlebnis, das gut zum heiligen Franziskus passt, der mit Tieren sprechen konnte – ihnen also besonders verbunden war: Auf den Wandersteigen fielen mir immer wieder Käfer, Würmer und anderes Getier auf, auf die zu treten ich von der Schöpfung Gottes Ergriffener achtsam vermied.
Auch heute noch erfassen mich Ehrfurcht und Dankbarkeit, wenn ich – so wie bei der sommerlichen Radtour entlang von Lech und Donau – auf Rehe, Hasen oder Greifvögel treffe. Ich halte dann fast den Atem an, wenn ich ihnen nahe bin. Will nicht stören. Nur schauen und staunen.
Unbegreiflich ist mir, was in Österreichs Thronfolger Franz Ferdinand und in William Frederick Cody, genannt Buffalo Bill, vorging, die Tiere zu Zehntausenden erschossen.
Der designierte Nachfolger Kaiser Franz Josephs I. gilt als schießwütigster Habsburger. Dieser Schlächter im Jagdrock ließ Buch über 274.899 getötete Tiere führen, auf seiner Weltreise 1892/93 an Bord des Schiffes Kaiserin Elisabeth bedauerte er, dass es ihm nicht vergönnt war, mit der Bordkanone Wale zu töten. An einem Tag schaffte es Franz Ferdinand, 3000 Möwen abzuknallen. Gehilfen luden seine Schnellschussgewehre nach und mussten die Kadaver zählen.
Mit dem Namen Buffalo Bills untrennbar verbunden ist die Tragödie der Fast-Ausrottung der amerikanischen Bisons, von denen noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts Millionen über die Great Plains zogen. Bis 1890 wurden sie in einem wahren Blutrausch enorm dezimiert. Eine Rolle spielte dabei ein neues Gerbverfahren, das die dicke Bisonhaut haltbarer und elastischer machte: perfekt, um Gürtel oder Stiefel herzustellen. So entwickelten Cody u.a. die Bisonjagd rasch zu einem riesigen Geschäft, das durch den Bau der Eisenbahn in Nordamerika noch „befeuert“ wurde: Nun konnten die Jäger bequem von eigens dafür eingesetzten Zügen aus auf die Tiere schießen. Als es kaum mehr Bisons gab, zog Buffalo Bill als Entertainer mit klischeehaften Wild-West-Shows durch die Welt – und gastierte 1890 und 1906 auch in Wien.

Adventmails 2023 (Ankündigung)

in meiner diesjährigen Reihe (der bereits 20sten übrigens) geht’s um Tiere. Ich hatte nie ein Haustier oder ein besonderes Nahverhältnis zu dem von jemand anderen, und meine beste Freundin Gaby sagt mir sogar nach, ein etwas gestörtes Verhältnis zur Fauna zu haben.
Warum also dieses Thema? Erstens stimmt es nicht, dass mir Tiere nichts bedeuten: Ich bewundere viele in freier Wildbahn und bedaure andere, die nach KZ-ähnlicher Haltung auf unseren Tellern landen. Zweitens werde wohl nicht nur ich zu Weihnachten eine Krippe aufstellen, in der neben Josef und Maria auch Ochs und Esel dem neugeborenen Heiland huldigen.
Drittens fällt mir zu „Tiere“ vieles ein, das über Zoologie weit hinausgeht: Tierisches in Familiennamen und generell in der Sprache, in Kunst, Musik, Literatur, Religion, und fleißig wie ein Bienchen sammelte ich über Wochen Assoziationen und Rechercheergebnisse, die ich ab 1. Dezember 2024 mal an euch versende. Lasst euch überraschen/amüsieren/bereichern!
Ich bin vom 25.11. bis 7.12. nochmal weg, Wanderurlaub auf drei Kanaren-Inseln. Die ersten 7 oder 8 Adventmails sollten trotzdem täglich bei euch einlangen. Danke schon vorab dafür, Claudia!
Und wie immer gilt: Über Feedback freue ich mich sehr.
Voradventliche Grüße sendet Robert

21.1.25 „Luziwuzi“, Rabenhof Theater **

Erzherzog Ludwig Viktor, der Bruder von Kaiser Franz Joseph I., muss ein sehr schräger Vogel gewesen sein. Ihn, den der Wiener Hof nach homosexueller Übergriffigkeit in einer Badeanstalt einst ins Salzburger Schloss Kleßheim „auslagerte“, holt das famose Rabenhof Theater nun als Identifikationsfigur der LGTPQ-Bewegung auf die Bühne. Und „das Leben des wohl exzentrischsten Habsburgers als musikalisch-theatralisches Happening mit Tom Neuwirth aka Conchita Wurst“ wurde zum Erfolg.

 Mir lag diese exaltierte, schrille, billige Lacher auslösende, bunt vögelnde autobiografische Revue nicht wirklich – trotz der überzeugenden gesanglichen Leistung der bärtigen Songcontest-Siegerin Tom/Conchita. Die Inszenierung deutet vieles nur an, verzichtet aber auf eine differenzierte Zeichnung der eigentlich tragischen Gestalt des „Luziwuzi“.

Conchita/Tom – ein Lichtblick in einer sonst mäßigen Vorstellung

„Es liegt an dir, Cheri“ (Florent Bernard, F 2024) *** 22.1.25

Der Mann hoch an einem Kinomittwoch mit Verlegenheitslösung. In „Falter“ hieß es über diese „Komödie mit melancholischem Einschlag“, dass sie „mehr bietet, als der Titel verspricht”. Aber seien wir ehrlich, der Burner war der typisch französische Film nicht. Und Charlotte Gainsbourg hatte schon weit bessere Rollen als diese Sandrine, die sich nach 20 Ehejahren von ihrem Mann und Christophe (José Garcia) trennen möchte. Der bittet um einen gemeinsamen Wochenendausflug mit den beiden fast erwachsenen Kindern als letzte Chance. Es geht an Orte, die im Leben der Familie eine wichtige Rolle spielten. Christophe benimmt sich dabei recht deppert, und die nostalgische Reise lässt die Probleme eher hervortreten, als dass sie den Zusammenhalt stärken würde. Das alles mündet in eine versöhnliche Trennung und einen Reifungsprozess der Teenager-Kinder – und zu einem After-Film-Talk unter drei Männern mit Tiefgang.

Adventmail 2022/24 (Reisen)

Meine Mutter gab meinen Geschwistern zwei Vornamen: Josef Andreas und Martina Kerstin. Ich als Ältester bekam nur einen. Drum gab ich mir in meinen Theologiestudienjahren selbst einen zweiten (der allerdings nie „offiziell“ wurde), der meine Freude am Unterwegssein (hin auf Gott) ausdrückt: Pilgrim – der Pilger, Wallfahrer.
Der Name kommt von lat. „peregre“ (aus/in der, in die Fremde bzw. was über den eigenen Acker, speziell den ager romanus, also über Rom, hinausgeht).Den Namen gibt es auch als Peregrin(ius), so heißt z.B. der Begleiter von Frodo Beutlin in „Der Herr der Ringe“.
Einige von Euch pilgern, wie ich weiß, zu Fuß regelmäßig nach Mariazell bzw. waren auf dem Jakobsweg unterwegs. Ich war zwar schon in Wallfahrtsorten wie Santiago de Compostela, Fatima und Lourdes, aber mit dem Auto und mehr aus „religionssoziologischem Interesse“. Die dort erlebte Frömmigkeit mit religiösem Ramsch, demonstrativer Bußfertigkeit und naivem Wunderglauben blieb mir sehr fremd.
Zugleich sah ich mit Vergnügen Pilgerfilme wie „Ich bin dann mal weg“ (D, 2015), „Dein Weg“ (USA/E, 2010) oder „Saint Jacques … Pilgern auf Französisch“ (F, 2005) und denke mir, in der Pension würde ich das auch gerne machen. Auf dem Camino zum Grab des Apostels Jakobus. Allerdings bevorzugt über die Route von Porto auf dem Caminho Portugues nach Santiago. Weil ich Portugal und den Atlantik so gern mag.
Für die Kathpress schreibe ich ja immer wieder übers Pilgern. Schon interessant: In Zeiten schwindender Religiosität und Kirchenbindung boomen Fußwallfahrten. Vielleicht müsste christlicher Glaube weniger bedacht als vielmehr erlebt werden – als etwas, das einer/m etwas abverlangt und bei dem man bei sich selbst ankommt.
Über das reichhaltige Fußwegenetz in Österreich informiert die Website www.pilgerwege.at.

Im Kontakt mit Natur, Kultur und vor allem lieben Menschen bei sich selbst ankommen – das wünsche ich euch zu Weihnachten und auch im Jahr 2023!

Nebelmeer beim Abstieg vom Piton des Neiges (3070 m) auf La Réunion, dahinter der Indische Ozean

Adventmail 2022/23 (Reisen)

Dass der Homo sapiens im Neolithikum sesshaft wurde und nicht mehr als Jäger und Sammler umherzog, ist eine Medaille mit zwei Seiten: Wer sesshaft ist, hat Ernährungssicherheit und kann Besitz anhäufen, wird dadurch aber auch unfrei. Das ist eine These aus einem der spannendsten Sachbücher, das ich in den vergangenen Jahren las: “Eine kurze Geschichte der Menschheit” von Yuval Harari (2011), inzwischen in 50 Sprachen übersetzt.
Der israelische Historiker blick fast mit Wehmut auf die Hunderttausende von Jahren zurück, als sich die Menschheit von gepflückten wilden Feigen und erlegten wilden Schafen ernährt, „ohne je zu versuchen, in das Leben der Feigen und Schafe einzugreifen“.
Vor rund 10.000 Jahren änderte sich das. „Damals begannen die Sapiens, ihre Anstrengungen fast ausschließlich auf die Manipulation einiger weniger Tier- und Pflanzenarten zu bündeln. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang säten sie Samen, bewässerten sie Pflanzen, jäten Unkraut und führten Schafe auf saftige Weiden“ – in Erwartung von mehr Früchten, Getreide und Fleisch. Harari nennt dies „die landwirtschaftliche Revolution“, die in verschiedenen Weltregionen unabhängig voneinander stattgefunden habe.
In der Geschichtsforschung herrscht die Theorie vor, es sei ein entscheidender Entwicklungssprung der Menschheit gewesen, das entbehrungsreiche und gefährliche Leben als Jäger und Sammler aufzugeben, um als Bauern ein angenehmes Dasein in Wohlstand und Sicherheit zu genießen. Ein „Ammenmärchen“, so Harari dazu. Er spricht vom „größten Betrug der Geschichte”.
Die Bauern hätten im Gegenteil ein härteres und domestizierteres Leben als die Nomaden davor geführt. Diese “ernährten sich gesünder, arbeiteten weniger, gingen interessanten Tätigkeiten nach und litten weniger unter Hunger und Krankheiten”.
Mit den sich ausbreitenden festen Siedlungen konnten zwar mehr Menschen ernährt werden, die Nachteile waren laut dem Autor aber eine regional höhere Bevölkerungsdichte, die Zunahme von Krankheiten sowie der Drang nach Wohlstand („Luxusfalle“). Durch die notwendige Vorratshaltung kam es zu Besitz, der bei anderen zu Begehrlichkeiten führte. Die Folge: Es bildete sich ein hierarchisches System von Herrschern und Eliten, um die Bauern zu schützen oder auszurauben. Und auch für die als Nutztiere domestizierten Tiere bewertet Harari die landwirtschaftliche Revolution als eine schreckliche Katastrophe.
Liebe Leute, lasst uns diesen Irrweg des Homo sapiens zumindest zeitweise korrigieren. Lasst uns ganz sesshaft Lichtblicke jagen, Horizonterweiterungen sammeln…

Abgebrannte Eukalyptusbäume auf Madeira

Adventmail 2022/22 (Reisen)

Meine Familie ist unstet. Meine Großeltern übersiedelten mit ihren zuletzt neun Kindern in immer größere Wohnungen in Leoben, Bruck/Mur, Gleisdorf, die heute zwischen Ende 70 und Anfang 90 Jahre alten „Kinder“ leb(t)en verstreut in der Stmk, in OÖ, NÖ, Tirol, Deutschland und der Schweiz. Ich selbst habe mittlerweile meine 16. Wohnadresse, übertroffen noch von meinem Bruder Andreas (17); meine Schwester Martina sammelt Reiseländer wie andere Briefmarken (bisher 61).
Ich zähle nach, wie viele Länder ich bisher betrat, und komme auf 51. (Dass Reisefreudigkeit nicht einfach mit dem „Blut“ weitergegeben wird, zeigen mir meine Söhne: Sowohl Gregor, weil Vater dreier Volksschüler, und Moritz, weil noch in Ausbildung, als auch Fabian, der eher virtuell „reist“, sind unterdurchschnittlich Reisende.)
Ich habe reisemäßig noch viel vor – auch wenn ich vom Rucksacktourismus meiner Studentenzeit mittlerweile Abschied nahm. Auch für extremes Outdoor mit Zelten im Basislager des Jebel Toubkal (4167m, Marokko 2011) oder Übernachtungen in Hüttenschlafsälen wie in Neuseeland oder Réunion fühle ich mich schon zu alt. Aber Entspannung bei körperlicher Betätigung (gerne auch anstrengend) in freier Natur, Begegnung mit (fremder) Kultur, Hans-guck-in-die-Luft-Spaziergänge durch verwinkelte Altstädte, Genuss von ortsüblichem Speis und Trank – all das reizt mich nach mehrwöchiger Büro- und Stubenhockerei stets von Neuem.
Erleben möchte ich in diesem Leben noch die Tierwelt von Costa Rica, den Indian Summer Kanadas, Radeln auf den Lofoten, Küstenwandern in Cornwall… Städtetrips würden mich dzt. v.a. reizen nach Valencia, Stockholm, Neapel, Tel Aviv+Jerusalem… Radtouren die Elbe entlang bis Hamburg, eine Alpenüberquerung auf der Via Augusta, die Strecke Paris-Wien.
Und wo zieht es euch noch hin?

Diese Möwe auf der Nordseeinsel Borkum drängte sich ins Bild. Ich ließ sie gewähren.

Adventmail 2022/21 (Reisen)

„Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!“ Diesen Missionsauftrag des auferstandenen Jesus (Mk 16,15) nahmen Mönche auf den britischen Inseln sehr ernst. Im Zuge der „iroschottischen Mission“ (6. bis 8. Jahrhundert) wanderten Persönlichkeiten wie Gallus, Kolumban, Arbogast oder Virgil quer durch ein sicher noch reichlich wildes Mitteleuropa und weckten vor allem in Alamannien nachhaltiges Interesse am christlichen Glauben. Unterstützt wurden sie durch die fränkischen Könige, die sich davon gefestigten politischen Einfluss in dem eben erst gewonnenen Gebiet erhofften. Bis heute zeugen davon kulturprägende Klostergründungen wie Thalbach in Bregenz oder St. Gallen (CH).
Wobei Mission für die iroschottischen (abgeleitet vom irischen Stamm der Skoten beiderseits der Irischen See) Mönche gar nicht vorrangig war. Sie „christianisierten“ nämlich die im altirischen Recht für schwere Vergehen vorgesehene Verbannung und machten daraus ein freiwilliges Bußwerk und ein Leben in Askese. „Peregrinatio pro Christo“ bedeutete Fremd- und Ausgesetztsein um Christi willen. Auch ihre Klöster oder Einsiedeleien waren in der Einschicht, oft auf einer Insel, fernab jeder Zivilisation.
Es gibt zwei beeindruckende Spielfilme über fernab ihrer Heimat missionierende Ordensmänner, denen wenig Erfolg beschieden war: In „Black Robe – Am Fluss der Irokesen“ (Can/Aus 1991) geht es um das Aufeinanderprallen indianischen Geisterglaubens und jesuitischer Demut, in „Silence“ (Scorsese, USA 2016) um die brutale Abwehr jeden religiösen Fremdeinflusses in Japan. Beide Filme zeigen, wie schwer auch dem heute weltweit verbreiteten Christentum kulturelle Integration fiel.
Von Jesus ist die radikale Vorgabe überliefert, um seinetwillen Vater und Mutter hinter sich zu lassen – und damit jede Geborgenheit. Was für eine Glaubensstärke jenseits von jedem Eigennutz – oder soll man sagen: Fanatismus – ist dafür gefordert?! Ich bin gemessen daran ein lauwarmer Christ: Andere missionierend zu überzeugen, sie auch nur bekannt zu machen mit den Kernbotschaften des Christentums, ist mir kein besonderes Anliegen (auch nicht gegenüber meinen Söhnen und Enkeln). Dem liegt wohl meine Auffassung zugrunde, dass es von einem liebenden Gott kein Plus oder Minus gibt, ob man ChristIn, HumanistIn oder AgnostikerIn ist.

Felsformation an der baskischen Küste im französisch-spanischen Grenzgebiet

Adventmail 2022/20 (Reisen)

Ich arbeite im Herzen von Wien, und wenn ich mich nach Dienstschluss aufs Rad schwinge, begegne ich Dutzenden von TouristInnen, die über den Stephansplatz und in der Wollzeile – oft mitten auf der Straße – schlendern. Dabei ist der Städtetourismus in Wien seit der Pandemie und durch Personalnot seit 2019 stark zurückgegangen.
Schon anno 1837 verglich Reisebuchautor Heinrich Wenzel den aufkommenden Massentourismus mit einem “Heuschreckenschwarm”. Er meinte damit die Masse der Engländer, die „den Rhein, die Schweiz und Italien durchziehen“. Die britische Begeisterung für Rheinromantik hatte der schrullige Landschaftsmaler William Turner durch seine auf mehreren Reisen entstandenen Bilder geschürt, wie ich auf meiner Radtour im Sommer erfuhr. Dabei begegnete ich auch mehrmals großen Flussschiffen mit Sonnendecks, auf denen sich PauschaltouristInnen in Liegestühlen fläzen, laut beschallt von einer Art Schihüttenmusik.
Massentourismus – was ist das eigentlich? Gemeint ist damit, dass in bestimmten Ortschaften oder Regionen saisonal mehr Touristen als Einheimische vorhanden sind. Von Mallorca z.B. ist bekannt, dass vor der Pandemie weit mehr als zehnmal so viele Besucher auf die Insel kamen wie die dort lebenden 814.000 ständigen Einwohner. Ein Extrembeispiel in Österreich ist Hallstatt. Den knapp 800 Einheimischen standen vor Corona täglich etwa 2000 vorwiegend asiatische Tagestouristen gegenüber.
Will man davon ein Teil sein? Wohl kaum. Aber hieße das, auf Venedig zu verzichten, den Eiffelturm, den Berliner Bundestag, die Sagrada Familia oder die Vatikanischen Museen zu meiden? Nicht umsonst zieht es viele Menschen dorthin. Bei manchen Zielen gilt es halt Termine zu wählen, wo sich der Ansturm in Grenzen hält.
Einige interessante Zahlen: Beliebtestes Reiseland ist laut World Tourism Organization der UNO (Zahlen aus dem Jahr 2020) mit Abstand Frankreich, wohin im ersten Pandemiejahr 117 Mio. Touristen wollten – mehr als doppelt so viele wie nach Mexiko (51 Mio.) und in die USA (45 Mio). Österreich liegt mit 15 Mio. Besuchern knapp hinter der Türkei an 8. Stelle, noch vor Deutschland oder Griechenland (allerdings fehlt Spanien in dieser Liste). Die meisten Einnahmen pro Tourist verzeichnen unsere Freunde in Katar; die höchsten Tourismus-Einnahmen insgesamt die USA. Mit knapp 100 Mio. Auslandsreisen im Jahr 2020 lag Deutschland an erster Stelle.
Mit knapp 1,5 Milliarden internationalen Reiseankünften war das weltweite Tourismusaufkommen im Jahr 2019 so hoch wie nie zuvor. 2020 wurden lediglich rund 350 Millionen Ankünfte gezählt – dies entspricht ungefähr dem Niveau vom Jahr 1987. In Österreich lag das Niveau 2021 sogar auf jenem von 1970.

Skyline von San Francisco vom Fährschiff nach Sausalito aus gesehen